S.
Mein Werk und meine Weltanschauung.
Von Professor Dr. Sigmund Freud.
(Aus einem Gespräch.)
| Die Analyse des Unterbewusstseins ist das Wichtigste, was ich getan habe; die Vermessung des inneren Ozeans, über den es bisher keine Karten gab. Der Mensch kann und muss auf Grund seines Wissens um das Unterbewusstsein seine Erziehung, seine Literaturgeschichte, seine Religionsgeschichte und seine künftige literarische Produktion von Grund auf neu gestalten. Geschlechtlichkeit ist die Wurzel, die Blüte und die Frucht des Lebensbaumes. Wer die Geschlechtlichkeit des Kindes leugnet, der leugnet die Natur selbst. Allerdings darf man die Funktion der Fortpflanzung nicht mit der Sexualität verwechseln. Unser Bewusstsein lässt sich mit einem Springbrunnen vergleichen, der emporschießt und wieder in das große unterirdische Gewässer des Unter- bewusstseins zurückfällt, aus dem er aufgestiegen ist. Der Geist ist ein Eisberg. Er schwimmt, und nur ein Siebentel von ihm ist über dem Wasser. Mit der Zeit werden die Ergebnisse meiner Bemühungen um die Er- forschung des Unterbewusstseins überall angewendet werden, zumindest überall in Europa. Ich weiß nicht, ob mich Amerika jemals verstehen wird. Vielleicht in zwei oder drei Generationen. Vielleicht, wenn die Neger die Weißen überflügeln und die Richtung der Zivili- sation bestimmen. Ich höre, dass es in Amerika eine neue Generation gibt, eine junge und rebellische Generation, die alle die alten Götzenbilder stürzt. Das ist gut. Aber ich weiß nicht, ob die jüngere Generation ihr Ziel er- reichen wird. Viele von der jetzigen Generation finden das Leben in Amerika unerträglich und kommen nach Europa, um hier zu finden, was sie suchen. Amerika ver- feinert zu stark. Seine Presse scheint allzusehr geneigt, sich an die niederen Instinkte zu wenden, statt das Geistige zu popularisieren. |
Außerhalb meines eigentlichen Arbeitsfeldes habe ich wenige Interessen. Kennen Sie Anatole France? Dann entsinnen Sie sich wohl der Geschichte von dem Manne, der, sooft er etwas empfinden oder tun oder sagen sollte, was ihn von seiner Arbeit ablenkte, die weise Antwort gab: „Ce n'est pas dans ma vitrine.“ Wie oft muss ich an einem einzigen Tage das Beispiel dieses Mannes nachahmen: Das ist nicht in meiner Vitrine! Immer wieder enden Erörterungen mit mir an diesem Punkt. Ich bin weder Philanthrop noch Theoretiker. Ich überlasse es andern, Träume zu träumen und sich in die Zukunft zu verlieren. Ich beobachte, ich mache Auf- zeichnungen, ich ziehe Schlüsse. Ich lebe im Diesseits und in der Gegenwart. Was in tausend Jahren sein wird, um das bekümmere ich mich nicht. Das ist nicht in meinem Glasschrank! Ich war in bezug auf die Menschheit niemals ein Pessimist. Sie wird sich durch- setzen, wäre es auch nur darum, weil die Entwick- lung ein unabänderliches Gesetz der Schöpfung ist. Durch die richtige Erziehung vermöge der Mensch seine Evolu- tion sogar zu beschleunigen. Aber das ist eine Frage von Generationen, von Jahrhunderten. Unter dieser Voraussetzung besteht kein Grund, weshalb der Mensch für alle Zeiten ein Verbrecher und ein Mörder mit der Mentalität eines Geisteskranken bleiben sollte. Der Kampf geht zwischen dem Individualismus, dem außerhalb des Gesetzes Stehenden, ob es nun Nietzsches Uebermensch oder Darwins Ueberlebender im Daseinskampfe ist, auf der einen und dem Menschen als einem sozialen Geschöpf, dem Kollektivismus, dem Kom- munismus, auf der anderen Seite. Das sind die beiden Extreme, und keinem von ihnen wird jemals die ganze Erde gehören. Das Experiment in Russland ist sehr wertvoll. Was den Uebermenschen anlangt, so ist die Zeit für ihn noch nicht reif. Ein Versuch, ihn zu züchten, müsste wohl in Enttäuschung enden. Mein persönliches Interesse an Russland geht auf die Zeit zurück, da ich von poetischen, liberalen und internationalen Ideen beseelt war. Es war die Zeit, da ich nach England reiste, da ich wiederholt über den Rhein nach Frankreich |
ging, um in Paris und Nancy zu studieren, und da ich Copyright Anglo-American N. S. |