"Melancholie" (Draft G) 1895 1895-101/1895

Freud, Sigmund (1895-101/1895): "Melancholie" (Draft G) 1895

Zurück zum Werk
  • S.

    1

    Melancholie

    I.

    Die vorliegenden Thatsachen sind etwa folgende:

    a). Es bestehen auffällige Beziehgen zwischen Mel. und Anaesthesie.
    Das wird bezeugt 1) durch den Befund; daß bei soviel Melancholischen
    lange vorher Aneasth bestanden hat, b2). durch die Erfahrung, daß
    alles was Anaesthesie hervorruft, die Entstehung von Mel. fördert,

    3). durch einen Typus von psychisch sehr bedürftigen Frauen, bei
    denen Sehnsucht leicht in Mel umschlägt, u die anaesthetisch
    sind.

    b). Mel. entsteht als Steigerg von Neurasth durch Masturbation

    c). Mel. kom̄t in typischer Combination mit schwerer Angst vor

    d). Typus u Extrem der Mel. scheint die periodische oder cyclische
    hereditäre Form.

    II.

    Um mit dem Material etwas anzufangen, braucht man feste
    Punkte. Diese scheinen durch folgende Erwägungen gegeben.

    a). Der der Mel. entsprechende Affekt ist der der Trauer;
    di: Sehnsucht nach etwas Verlorenem. Es dürfte sich also bei Mel.
    um einen Verlust uzw im Triebleben handeln.

    b). Die der Mel. parallele Eßneurose ist die Anorexie.
    Die berühmte Anorexia nervosa der jungen Mädchen scheint mir
    (nach guter Beobachtg) eine Melancholie bei unentwickelter
    Sexualität zu sein. Die Kranke gab an einfach darum nicht gegeßen
    zu haben, weil sie keinen Appetit hatte, nichts anderes.
    Appetitverlust = im Sexualen Verlust von Libido.

    Es wäre daher nicht uneben von der Idee auszugehen:
    Die Mel. bestünde in der Trauer über den Verlust
    der Libido.

    Es käme nun darauf an, ob diese Formel Vorkom̄en und
    Eigenthümlichkeiten der Melancholie erklärt. Dieß soll
    am Sexualschema erörtert werden.

  • S.

    2

    III.

    In dem oft gebrauchten Sexualschema werden nun die Bedinggen
    erörtert, unter denen die psych Sexgruppe ps. S. ihre Erreggsgröße
    einbüßt. Es ergeben sich hier 2 Fälle 1) wen̄ Produktion von s S
    (somatische Sexualerregg) sinkt oder aufhört, 2) wenn Sexualspan̄ung
    von der ps. S. abgelenkt wird. Der erste Fall, Einstellg von Produktion
    der s. S. ist wahrscheinlich das characteristische von der echten,
    genuinen schweren Melancholie, die periodisch  wiederkehrt, oder
    bei der cyclischen, wo Zeiten von Produktionssteigerung u
    einstellg mit einander wechseln; ferner kan̄ man annehmen
    daß excessive Masturbation, die nach der Theorie derselben
    zu übermäßiger Entlastg von E (Endorgan) u somit zu einem
    niedrigen Reizniveau in E führt auf die Produktion von
    s S übergreift u zur bleibender Verarmung an s S, somit zur
    Schwächg von pS führt, dieß ist die neurasth Melancholie.
    Der Fall, daß Sexualspan̄g von pS abgelenkt wird, während
    die Produktion von sS nicht vermindert ist, setz voraus,
    daß die sS. anderwertig (an der Grenze) verwendet wird. Dieß
    ist aber Bedingg der Angst, somit deckt dies den Fall
    der Angstmelancholie, einer Mischform von Angstneurose u
    Melancholie.

    IV.

    Wie kom̄t es, daß die Anaesthesie solche Rolle bei der Mel spielt?

    Nach dem Schema giebt es folgende Arten von Anaesth.

    Aneasth besteht ja jedesmal im Ausbleiben von w. Wollustempfindg
    die nach der reflect. Aktion, welche das Endorgan entlastet,
    in die ps.S.  geleitet werden sollte. Maß der Wollust ist der
    Betrag der Entlastung.

    a). E ist nicht genügend geladen, daher die Entladg bei coitus gering,
    w sehr klein – Fall der Frigidität.

    b). Der Weg von Sensation zur reflect Action ist geschädigt, so
    daß die Aktion keine genügend starke ist, dan̄ ist auch
    Entlastg u W gering – Fall der Masturb.-Anaesth, der bei
    coit. interrupt udgl.

     

    [Abkürzungen:

    p. S.: psychische Sexualgruppe
    E: Endorgan
    W w: Wollustempfindung
    Maturb. Anaesth: Masturbations-Anaesthesie]

  • S.

    3

    c). Es ist unten alles ordentlich, nur wird W. wegen anderwertiger
    Verknüpfg (mit Ekel –, Abwehr) nicht zu ps. S. zugelassen. Dieß
    ist hysterische Anaesthesie; ganz analog der hyst Anorexie (Ekel).

    Inwieferne wirkt nun Anaest fördernd auf Melancholie?

    Im Falle a) Frigidität ist Anaesth nicht Ursache sondern Zeichen
    der Disposition von Melancholie, dieß entspricht der eingangs
    erwähnten Thatsache a1; in anderen fällen ist Anaest Ursache der
    Mel, weil ja ps.S. durch Eintreffen von W gestärkt, durch Aus-
    bleiben geschwächt wird. (Berufg auf allgemeinen Theorien über
    Bindg von Erregung im Gedächtnis.]. Somit ist der Thatsache
    a2 Rechnung getragen.

    Man kan̄ demnach anästh sein ohne mel; den̄:
    Melancholie bezieht sich auf Ausbleiben von s.S.
    Anaesthesie        „         „           „               von W
    aber Anaesth ist ein Zeichen oder eine Vorbereitg f. Melanchol
    da durch Ausbleiben von die pS ebenso
     [M1] geschwächt wird
    wie durch das Ausbleiben von sS..

    V. Es wäre zu erörtern, wie es kom̄t, daß die Anaesth so
    vorwiegend Eigenthümlichkeit der Frauen. Dieß rührt von
    passiver Rolle der Frau. Ein anaesthet. Mann wird bald keinen
    coitus unternehmen, das Weib wird nicht gefragt. Es wird leichter
    anaesthetisch weil 1) die ganze Erziehg daraufhin arbeitet, s.S. nicht
    zu wecken, sondern alle Erregg die dieß sonst könnten, in
    psychische Reize umzutauschen. Die punktirte Bahn vom Sexualobjekt
    also ganz in ps S zu lenken. Es ist dieß darum nothwendig,
    weil bei lebhafter s. G. bald ps G intermittirend eine solche Stärke
    bekäme, um b wie beim Man̄ durch specif Reaktion das
    Sexualobjekt in günstige Position zu bringen. Vom Weibe wird
    aber verlangt, daß der Bogen der specif Reaktion ausfalle
    dafür sind permanente specif. Aktionen verlangt, die vom das
    männl Individuum zur specif Aktionen verlocken. Es wird also
    die Sexualspan̄g niedrig gehalten, ihr Zufluß zu ps G. möglichst abgesperrt
    und die unentbehrliche Stärke der ps G. auf andere Weise
    bestritten. Gerät nun psG in Zustand der Sehnsucht, so

    [Editorsiche Anmerkung  [M1]Diese Wort findet sich nicht in der gedruckten Fassung von 1986, 101.]

  • S.

    4

    verwandelt sich diese bei niedrigem Stand von E leicht in Mel.
    ps G für sich ist wenig widerstandsfähig. Es ist dieß der juvenile
    unreife Typus der Libido und die erwähnten anspruchsvoll –
    anaesth Frauen setzen nur diesen Typus fort.

    2). Weil Frauen so häufig ohne Liebe, dh: mit geringer s. S. und E.–
    spung
    , zum Geschlechtsakt schreiten, heiraten. Sie sind dan̄ frigid u
    bleiben es.

    Der niedrige Stand von Span̄ung in E scheint die Hauptdisposition
    zur Mel zu enthalten. Bei solchen Personen nehmen alle
    Neurosen leicht das neur mel Gepräge an. Während also die
    potenten Personen leicht Angstneurose bekom̄en, neigen die
    Impotenten zur Melancholie

    VI. Wie kan̄ man sich nun Wirkung der Melanch erklären?

    Beste Schilderung: Psychische Hem̄ung mit Triebverarmung u Schmerz darüber.

    Man kann sich vorstellen, wen̄ ps G sehr stark an Erreggsgröße verliert
    bildet sich gleichsam eine Einziehung im Psychischen, die auf die
    anstoßenden Erreggsgrößen saugend wirkt. Die associirten Neuronen
                        müssen ihre Erregg abgeben, was Schmerz erzeugt.
                        Die Lsg von Associationen ist im̄er
                        schmerzlich. Gleichsam durch innere Verblutung
                        entsteht eine Verarmg an Erregg, am freien
                        Vorrath, die sich an den anderen Trieben u Leistgen
                        kund giebt. Als Hem̄g wirkt diese Einziehg wie eine
                        Wunde (siehe Theorie des psyh Schmerzes) analog dem
                        Schmerz. Gegenstück dazu wäre die Manie
                        wo sich die überquellende Erregg allen associirten
                        Neuronen mittheilt.

    Hier ergiebt sich nun Ähnlichkeit mit Neurasth.
    Bei Neur. entsteht ganz ähnliche Verarmung dadurch, daß die
    Erregg gleichsam wie durch ein Loch ausrinnt, aber hier wird s.S.
    leer gepumpt, bei Mel ist das Loch im Psychisch. Die neurasth
    Verarmung kan̄ aber bis auf pS übergreifen. Die Erscheingen sind
    auch wirklich so ähnlich, daß man manche Fälle sorgfältig
    sondern muß.

    [Editorsiche Anmerkung zu beiden Skizzen:
    ps G
    Spn̄ung
    E

    PsS
    E]

  • S.

    5

    
Manuskript G
    Melancholie
    Sigmund Freud (1885)

    Abkürzungen
    Ps. S. / ps G: psychische Sex[ual]gruppe
s S:  somatische Sexualerregung
    E: Endorgan
    W.: Wollustempfindung

    Begriffe
    Psychische Gruppe
    Wollustleitung
    reflector. Action
    S. S. 

    ps. S. 
    Sexualspannung
    Spinalcentrum
    Endorgan

    Ichgrenze
    ¿¿¿¿¿
    Sensation
    
Sexualschema
    Innenwelt
    Sexualobjekt
    Reaktion
    somat-psych Grenze
    Sexualobjekt in günstiger Position

  • S.

    6

    Normalschema

    Angstenurose
    Überspan̄ung bei Abstinenz
    coitus = Angst + Neurasth

    f. Neurasthenie

    1) psych. Impotenz
    2). Niveauherbasetzg in E.
    3) Niveauherbasetzg in ps G.
    4). Strg in ¿¿¿
    ¿ S. S...
    Anlaß p neue. Melanchol
    Verarmgs¿¿ ¿¿¿ erscheingen  pollutionen
    Neurasth Symptome z ¿¿¿
    ¿¿¿¿zu denken
    5). spinale Schwäche Pollutionen
    physische Impotenz

     

    [Skizze:
    spec. Aktion
    Obj. 
    somat. psych
    Wertung
    Angst
    ¿¿¿   ¿¿¿   ¿¿¿
    s. S: ¿¿¿
    S.S. 
    ps G
    W
    spinal Bogen
    E.
    s. S.]

  • S.

    7

    Sexualsubstanz

    Bartholinisch¿¿¿‘

    ¿¿¿¿

    Aberglaube des ¿¿¿ Menstruation

    Frauen Vag¿¿¿¿-anaesthetish

    Virgo ¿¿¿ nicht

    Degeneration Entwicklungs

    Abwehr

    erworben psy Unzulänglichkeit

     

    [180 grad gedreht:]

    Neurose –         ¿¿¿

    Neurasth –         Masturb
                              Pollut
    Angstneurose – Psych ¿¿¿¿upt
                              coit. interrupt
                              Abstinenz 

     

    Masturb             Neurast
                              Angstneurose
                              Melancholie
                              Hysterie

  • S.

    >» > w — \
    (lméfiä ' MPS away ' Faq
    df/‚z