S.
1
Melancholie
I.
Die vorliegenden Thatsachen sind etwa folgende:
a). Es bestehen auffällige Beziehgen zwischen Mel. und Anaesthesie.
Das wird bezeugt 1) durch den Befund; daß bei soviel Melancholischen
lange vorher Aneasth bestanden hat,b2). durch die Erfahrung, daß
alles was Anaesthesie hervorruft, die Entstehung von Mel. fördert,
3). durch einen Typus von psychisch sehr bedürftigen Frauen, bei
denen Sehnsucht leicht in Mel umschlägt, u die anaesthetisch
sind.b). Mel. entsteht als Steigerg von Neurasth durch Masturbation
c). Mel. kom̄t in typischer Combination mit schwerer Angst vor
d). Typus u Extrem der Mel. scheint die periodische oder cyclische
hereditäre Form.II.
Um mit dem Material etwas anzufangen, braucht man feste
Punkte. Diese scheinen durch folgende Erwägungen gegeben.a). Der der Mel. entsprechende Affekt ist der der Trauer;
di: Sehnsucht nach etwas Verlorenem. Es dürfte sich also bei Mel.
um einen Verlust uzw im Triebleben handeln.b). Die der Mel. parallele Eßneurose ist die Anorexie.
Die berühmte Anorexia nervosa der jungen Mädchen scheint mir
(nach guter Beobachtg) eine Melancholie bei unentwickelter
Sexualität zu sein. Die Kranke gab an einfach darum nicht gegeßen
zu haben, weil sie keinen Appetit hatte, nichts anderes.
Appetitverlust = im Sexualen Verlust von Libido.Es wäre daher nicht uneben von der Idee auszugehen:
Die Mel. bestünde in der Trauer über den Verlust
der Libido.Es käme nun darauf an, ob diese Formel Vorkom̄en und
Eigenthümlichkeiten der Melancholie erklärt. Dieß soll
am Sexualschema erörtert werden.S.
2
III.
In dem oft gebrauchten Sexualschema werden nun die Bedinggen
erörtert, unter denen die psych Sexgruppe ps. S. ihre Erreggsgröße
einbüßt. Es ergeben sich hier 2 Fälle 1) wen̄ Produktion von s S
(somatische Sexualerregg) sinkt oder aufhört, 2) wenn Sexualspan̄ung
von der ps. S. abgelenkt wird. Der erste Fall, Einstellg von Produktion
der s. S. ist wahrscheinlich das characteristische von der echten,
genuinen schweren Melancholie, die periodisch wiederkehrt, oder
bei der cyclischen, wo Zeiten von Produktionssteigerung u
einstellg mit einander wechseln; ferner kan̄ man annehmen
daß excessive Masturbation, die nach der Theorie derselben
zu übermäßiger Entlastg von E (Endorgan) u somit zu einem
niedrigen Reizniveau in E führt auf die Produktion von
s S übergreift u zur bleibender Verarmung an s S, somit zur
Schwächg von pS führt, dieß ist die neurasth Melancholie.
Der Fall, daß Sexualspan̄g von pS abgelenkt wird, während
die Produktion von sS nicht vermindert ist, setz voraus,
daß die sS. anderwertig (an der Grenze) verwendet wird. Dieß
ist aber Bedingg der Angst, somit deckt dies den Fall
der Angstmelancholie, einer Mischform von Angstneurose u
Melancholie.IV.
Wie kom̄t es, daß die Anaesthesie solche Rolle bei der Mel spielt?
Nach dem Schema giebt es folgende Arten von Anaesth.
Aneasth besteht ja jedesmal im Ausbleiben von w. Wollustempfindg
die nach der reflect. Aktion, welche das Endorgan entlastet,
in die ps.S. geleitet werden sollte. Maß der Wollust ist der
Betrag der Entlastung.a). E ist nicht genügend geladen, daher die Entladg bei coitus gering,
w sehr klein – Fall der Frigidität.b). Der Weg von Sensation zur reflect Action ist geschädigt, so
daß die Aktion keine genügend starke ist, dan̄ ist auch
Entlastg u W gering – Fall der Masturb.-Anaesth, der bei
coit. interrupt udgl.[Abkürzungen:
p. S.: psychische Sexualgruppe
E: Endorgan
W w: Wollustempfindung
Maturb. Anaesth: Masturbations-Anaesthesie]S.
3
c). Es ist unten alles ordentlich, nur wird W. wegen anderwertiger
Verknüpfg (mit Ekel –, Abwehr) nicht zu ps. S. zugelassen. Dieß
ist hysterische Anaesthesie; ganz analog der hyst Anorexie (Ekel).Inwieferne wirkt nun Anaest fördernd auf Melancholie?
Im Falle a) Frigidität ist Anaesth nicht Ursache sondern Zeichen
der Disposition von Melancholie, dieß entspricht der eingangs
erwähnten Thatsache a1; in anderen fällen ist Anaest Ursache der
Mel, weil ja ps.S. durch Eintreffen von W gestärkt, durch Aus-
bleiben geschwächt wird. (Berufg auf allgemeinen Theorien über
Bindg von Erregung im Gedächtnis.]. Somit ist der Thatsache
a2 Rechnung getragen.Man kan̄ demnach anästh sein ohne mel; den̄:
Melancholie bezieht sich auf Ausbleiben von s.S.
Anaesthesie „ „ „ von W
aber Anaesth ist ein Zeichen oder eine Vorbereitg f. Melanchol
da durch Ausbleiben von die pS ebenso [M1] geschwächt wird
wie durch das Ausbleiben von sS..V. Es wäre zu erörtern, wie es kom̄t, daß die Anaesth so
vorwiegend Eigenthümlichkeit der Frauen. Dieß rührt von
passiver Rolle der Frau. Ein anaesthet. Mann wird bald keinen
coitus unternehmen, das Weib wird nicht gefragt. Es wird leichter
anaesthetisch weil 1) die ganze Erziehg daraufhin arbeitet, s.S. nicht
zu wecken, sondern alle Erregg die dieß sonst könnten, in
psychische Reize umzutauschen. Die punktirte Bahn vom Sexualobjekt
also ganz in ps S zu lenken. Es ist dieß darum nothwendig,
weil bei lebhafter s. G. bald ps G intermittirend eine solche Stärke
bekäme, umbwie beim Man̄ durch specif Reaktion das
Sexualobjekt in günstige Position zu bringen. Vom Weibe wird
aber verlangt, daß der Bogen der specif Reaktion ausfalle
dafür sind permanente specif. Aktionen verlangt, dievomdas
männl Individuum zur specif Aktionen verlocken. Es wird also
die Sexualspan̄g niedrig gehalten, ihr Zufluß zu ps G. möglichst abgesperrt
und die unentbehrliche Stärke der ps G. auf andere Weise
bestritten. Gerät nun psG in Zustand der Sehnsucht, so[Editorsiche Anmerkung [M1]Diese Wort findet sich nicht in der gedruckten Fassung von 1986, 101.]
S.
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verwandelt sich diese bei niedrigem Stand von E leicht in Mel.
ps G für sich ist wenig widerstandsfähig. Es ist dieß der juvenile
unreife Typus der Libido und die erwähnten anspruchsvoll –
anaesth Frauen setzen nur diesen Typus fort.2). Weil Frauen so häufig ohne Liebe, dh: mit geringer s. S. und E.–
spung, zum Geschlechtsakt schreiten, heiraten. Sie sind dan̄ frigid u
bleiben es.Der niedrige Stand von Span̄ung in E scheint die Hauptdisposition
zur Mel zu enthalten. Bei solchen Personen nehmen alle
Neurosen leicht dasneurmel Gepräge an. Während also die
potenten Personen leicht Angstneurose bekom̄en, neigen die
Impotenten zur MelancholieVI. Wie kan̄ man sich nun Wirkung der Melanch erklären?
Beste Schilderung: Psychische Hem̄ung mit Triebverarmung u Schmerz darüber.
Man kann sich vorstellen, wen̄ ps G sehr stark an Erreggsgröße verliert
bildet sich gleichsam eine Einziehung im Psychischen, die auf die
anstoßenden Erreggsgrößen saugend wirkt. Die associirten Neuronen
müssen ihre Erregg abgeben, was Schmerz erzeugt.
Die Lsg von Associationen ist im̄er
schmerzlich. Gleichsam durch innere Verblutung
entsteht eine Verarmg an Erregg, am freien
Vorrath, die sich an den anderen Trieben u Leistgen
kund giebt. Als Hem̄g wirkt diese Einziehg wie eine
Wunde (siehe Theorie des psyh Schmerzes) analog dem
Schmerz. Gegenstück dazu wäre die Manie
wo sich die überquellende Erregg allen associirten
Neuronen mittheilt.Hier ergiebt sich nun Ähnlichkeit mit Neurasth.
Bei Neur. entsteht ganz ähnliche Verarmung dadurch, daß die
Erregg gleichsam wie durch ein Loch ausrinnt, aber hier wird s.S.
leer gepumpt, bei Mel ist das Loch im Psychisch. Die neurasth
Verarmung kan̄ aber bis auf pS übergreifen. Die Erscheingen sind
auch wirklich so ähnlich, daß man manche Fälle sorgfältig
sondern muß.[Editorsiche Anmerkung zu beiden Skizzen:
ps G
Spn̄ung
EPsS
E]S.
5
Manuskript G
Melancholie
Sigmund Freud (1885)Abkürzungen
Ps. S. / ps G: psychische Sex[ual]gruppe s S: somatische Sexualerregung
E: Endorgan
W.: WollustempfindungBegriffe
Psychische Gruppe
Wollustleitung
reflector. Action
S. S.ps. S.
Sexualspannung
Spinalcentrum
EndorganIchgrenze
¿¿¿¿¿
Sensation
Sexualschema
Innenwelt
Sexualobjekt
Reaktion
somat-psych Grenze
Sexualobjekt in günstiger PositionS.
6
Normalschema
Angstenurose
Überspan̄ung bei Abstinenz
coitus = Angst + Neurasthf. Neurasthenie
1) psych. Impotenz
2). Niveauherbasetzg in E.
3) Niveauherbasetzg in ps G.
4). Strg in ¿¿¿
¿ S. S...
Anlaß p neue. Melanchol
Verarmgs¿¿ ¿¿¿ erscheingen pollutionen
Neurasth Symptome z ¿¿¿
¿¿¿¿zu denken
5). spinale Schwäche Pollutionen
physische Impotenz[Skizze:
spec. Aktion
Obj.
somat. psych
Wertung
Angst
¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿
s. S: ¿¿¿
S.S.
ps G
W
spinal Bogen
E.
s. S.]S.
7
Sexualsubstanz
Bartholinisch¿¿¿‘
¿¿¿¿
Aberglaube des ¿¿¿ Menstruation
Frauen Vag¿¿¿¿-anaesthetish
Virgo ¿¿¿ nicht
Degeneration Entwicklungs
Abwehr
erworben psy Unzulänglichkeit
[180 grad gedreht:]
Neurose – ¿¿¿
Neurasth – Masturb
Pollut
Angstneurose – Psych ¿¿¿¿upt
coit. interrupt
AbstinenzMasturb Neurast
Angstneurose
Melancholie
HysterieS.
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"Melancholie" (Draft G) 1895
1895-101/1895
1895-101/1895