Moses ein Ägypter 1939-001/1939.02

Freud, Sigmund (1939-001/1939.02): Moses ein Ägypter

Zurück zum Werk
  • S.

    Imago                                  Sigm. Freud                                  1

    Moses ein Aegypter

    Von

    Sigm. Freud

          Einem Volkstum den Mann abzusprechen, den es als den größten unter
    seinen Söhnen rühmt, ist nichts, was man gern oder leichthin unternehmen
    wird, zumal wenn man selbst diesem Volke angehört. Aber man wird sich
    durch kein Beispiel bewegen lassen, die Wahrheit zugunsten vermeintlicher
    nationaler Interessen zurückzusetzen, und man darf ja auch von der Klärung
    eines Sachverhalts einen Gewinn für unsere Einsicht erwarten.

          Der Mann Moses, der dem jüdischen Volke Befreier, Gesetzgeber und
    Religionsstifter war, gehört so entlegenen Zeiten an, daß man die Vorfrage
    nicht umgehen kann, ob er eine historische Persönlichkeit oder eine
    Schöpfung der Sage ist. Wenn er gelebt hat, so war es im 13., vielleicht aber
    im 14. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung; wir haben keine andere Kunde
    von ihm als aus den heiligen Büchern und den schriftlich niedergelegten
    Traditionen der Juden. Wenn darum auch die Entscheidung der letzten
    Sicherheit entbehrt, so hat sich doch die überwiegende Mehrheit der Historiker
    dafür ausgesprochen, daß Moses wirklich gelebt und der an ihn geknüpfte
    Auszug aus Ägypten in der Tat stattgefunden hat. Man behauptet mit gutem
    Recht, daß die spätere Geschichte des Volkes Israel unverständlich wäre,
    wenn man diese Voraussetzung nicht zugeben würde. Die heutige Wissens-
    schaft ist ja überhaupt vorsichtiger geworden und verfährt weit schonungs-
    voller mit den Überlieferungen als in den Anfangszeiten der historischen
    Kritik.

          Das Erste, das an der Person Moses' unser Interesse anzieht, ist der Name,
    der im Hebräischen Mosche lautet. Man darf fragen; woher stammt er?
    was bedeutet er? Bekanntlich bringt schon der Bericht in Exodus, Kap. 2
    eine Antwort. Dort wird erzählt, daß die ägyptische Prinzessin, die das im
    Nil ausgesetzte Knäblein gerettet, ihm diesen Namen gegeben mit der ety-
    mologischen Begründung: denn ich habe ihn aus dem Wasser gezogen. Allein
    diese Erklärung ist offenbar unzulänglich. „Die biblische Deutung des Na-
    mens ‚Der aus dem Wasser Gezogene‘“, urteilt ein Autor im „Jüdischen Lexi-
    kon“1), „ist Volksetymologie, mit der schon die aktive hebräische Form

          1) Jüdisches Lexikon, begründet von Herlitz und Kirschner, Bd. IV, 1930,
    Jüdischer Verlag, Berlin.

    (‚Mosche‘ kann höchstens ‚der Herauszieher‘ heißen) nicht in Einklang zu
    bringen ist.“ Man kann diese Ablehnung mit zwei weiteren Gründen unter-
    stützen, erstens, daß es unsinnig ist, einer ägyptischen Prinzessin eine Ab-
    leitung des Namens aus dem Hebräischen zuzuschreiben, und zweitens, daß
    das Wasser, aus dem das Kind gezogen wurde, höchstwahrscheinlich nicht
    das Wasser des Nils war.

          Hingegen ist seit langem und von verschiedenen Seiten die Vermutung
    ausgesprochen worden, daß der Name Moses aus dem ägyptischen Sprach-
    schatz herrührt. Anstatt alle Autoren anzuführen, die sich in diesem Sinn
    geäußert haben, will ich die entsprechende Stelle aus einem neueren Buch
    von J. H. Breasted übersetzt einschalten,2) einem Autor, dessen „History

          2) The Dawn of Conscience, London 1934, p. 350.

    of Egypt“ (1906) als maßgebend geschätzt wird. „Es ist bemerkenswert, daß
    sein (dieses Führers) Name, Moses, ägyptisch war. Es ist einfach das ägyp-
    tische Wort „mose“, das „Kind“ bedeutet, und ist die Abkürzung von
    volleren Namensformen wie z. B. Amon-mose, das heißt Amon-Kind oder
    Ptah-mose, Ptah-Kind, welche Namen selbst wieder Abkürzungen der län-
    geren Sätze sind: Amon (hat geschenkt ein) Kind oder Ptah (hat geschenkt
    ein) Kind. Der Name „Kind“ wurde bald ein bequemer Ersatz für den weit-
    läufigen vollen Namen und die Namensform „Mose“ findet sich auf ägyp-
    tischen Denkmälern nicht selten vor. Der Vater des Moses hatte seinem
    Sohn sicherlich einen mit Ptah oder Amon zusammengesetzten Namen ge-
    geben und der Gottesname fiel im täglichen Leben nach und nach aus, bis
    der Knabe einfach „Mose“ gerufen wurde. (Das „s“ am Ende des Namens
    Moses stammt aus der griechischen Übersetzung des alten Testaments. Es

  • S.

    Imago                                  Sigm. Freud                                  2

    gehört auch nicht dem Hebräischen an, wo der Name „Mosche“ lautet.)“
    Ich habe die Stelle wörtlich wiedergegeben und bin keineswegs bereit, die
    Verantwortung für ihre Einzelheiten zu teilen. Ich bewundere mich auch
    ein wenig, daß Breasted in seiner Aufzählung gerade die analogen theo-
    phoren Namen übergangen hat, die sich in der Liste der ägyptischen Könige
    vorfinden, wie Ah-mose, Thut-mose (Tothmes) und Ra-mose
    (Ramses).

          Nun sollte man erwarten, daß irgendeiner der Vielen, die den Namen
    Moses als ägyptisch erkannt haben, auch den Schluß gezogen oder wenigstens
    die Möglichkeit erwogen hätte, daß der Träger des ägyptischen Namens selbst
    ein Ägypter gewesen sei. Für moderne Zeiten gestatten wir uns solche
    Schlüsse ohne Bedenken, obwohl gegenwärtig eine Person nicht einen Namen
    führt, sondern zwei, Familiennamen und Vornamen, und obwohl Namens-
    änderungen und Angleichungen unter neueren Bedingungen nicht ausge-
    schlossen sind. Wir sind dann keineswegs überrascht, bestätigt zu finden,
    daß der Dichter Chamisso französischer Abkunft ist, Napoleon Buonaparte
    dagegen italienischer, und daß Benjamin Disraeli wirklich ein italienischer
    Jude ist, wie sein Name erwarten läßt. Und für alte und frühe Zeiten, sollte
    man meinen, müßte ein solcher Schluß vom Namen auf die Volkszugehörig-
    keit noch weit zuverlässiger sein und eigentlich zwingend erscheinen. Den-
    noch hat meines Wissens im Falle Moses kein Historiker diesen Schluß ge-
    zogen, auch keiner von denen, die wie gerade wieder Breasted bereit sind,
    anzunehmen, daß Moses „mit aller Weisheit der Ägypter“ vertraut war.3)

          3) l. c., p. 334.

          Was da im Wege stand, ist nicht sicher zu erraten. Vielleicht war der
    Respekt vor der biblischen Tradition unüberwindlich. Vielleicht erschien die
    Vorstellung zu ungeheuerlich, daß der Mann Moses etwas anderes als ein
    Hebräer gewesen sein sollte. Jedenfalls stellt sich heraus, daß die Anerken-
    nung des ägyptischen Namens nicht als entscheidend für die Beurteilung der
    Abkunft Moses’ betrachtet, daß nichts weiter aus ihr gefolgert wird. Hält
    man die Frage nach der Nationalität dieses großen Mannes für bedeutsam,
    so wäre es wohl wünschenswert, neues Material zu deren Beantwortung vor-
    zubringen.

          Dies unternimmt meine kleine Abhandlung. Ihr Anspruch auf einen Platz
    in der Zeitschrift „Imago“ gründet sich darauf, daß ihr Beitrag eine An-
    wendung der Psychoanalyse zum Inhalt hat. Das so gewonnene Argument
    wird gewiß nur auf jene Minderheit von Lesern Eindruck machen, die mit
    analytischem Denken vertraut ist und dessen Ergebnisse zu schätzen weiß.
    Ihnen aber wird es hoffentlich entscheidend bedeutsam erscheinen.

          Im Jahre 1909 hat O. Rank, damals noch unter meinem Einfluß, auf
    meine Anregung eine Schrift veröffentlicht, die betitelt ist „Der Mythus von
    der Geburt des Helden“.4) Sie behandelt die Tatsache, daß „fast alle bedeu-

          4) Fünftes Heft der „Schriften zur angewandten Seelenkunde“, Fr. Deuticke, Wien. Es
    liegt mir ferne, den Wert der selbständigen Beiträge Ranks zu dieser Arbeit zu ver-
    kleinern.

    tenden Kulturvölker . . . frühzeitig ihre Helden, sagenhafte Könige und
    Fürsten, Religionsstifter, Dynastien, Reichs- und Städtegründer, kurz ihre
    Nationalheroen in Dichtungen und Sagen verherrlicht“ haben. „Besonders
    haben sie die Geburts- und Jugendgeschichte dieser Personen mit phantas-
    tischen Zügen ausgestattet, deren verblüffende Ähnlichkeit, ja teilweise wört-
    liche Übereinstimmung bei verschiedenen, mitunter weit getrennten und
    völlig unabhängigen Völkern längst bekannt und vielen Forschern aufge-
    fallen ist.“ Konstruiert man nach dem Vorgang von Rank, etwa in
    Dalton’scher Technik, eine „Durchschnittssage“, welche die wesentlichen
    Züge all dieser Geschichten heraushebt, so erhält man folgendes Bild:

          „Der Held ist das Kind vornehmster Eltern, meist ein Königssohn.
          Seiner Entstehung gehen Schwierigkeiten voraus, wie Enthaltsamkeit oder
    lange Unfruchtbarkeit oder heimlicher Verkehr der Eltern infolge äußerer
    Verbote oder Hindernisse. Während der Schwangerschaft oder schon früher
    erfolgt eine vor seiner Geburt warnende Verkündigung (Traum, Orakel), die
    meist dem Vater Gefahr droht.

          Infolgedessen wird das neugeborene Kind meist auf Veranlassung des

  • S.

    Imago                                  Sigm. Freud                                  3

    Vaters oder der ihn vertretenden Person zur Tötung oder Aus-
    setzung bestimmt; in der Regel wird es in einem Kästchen dem
    Wasser übergeben.

          Es wird dann von Tieren oder geringen Leuten (Hirten) ge-
    rettet und von einem weiblichen Tiere oder einem geringen
    Weibe gesäugt.

          Herangewachsen, findet es auf einem sehr wechselvollen Wege die vor-
    nehmen Eltern wieder, rächt sich am Vater einerseits, wird aner-
    kannt anderseits und gelangt zu Größe und Ruhm.“

          Die älteste der historischen Personen, an welche dieser Geburtsmythus
    geknüpft wurde, ist Sargon von Agade, der Gründer von Babylon
    (um 2800 v. Chr.). Es ist grade für uns nicht ohne Interesse, den ihm selbst
    zugeschriebenen Bericht hier wiederzugeben:

          „Sargon, der mächtige König, König von Agade bin ich. Meine Mutter
    war eine Vestalin, meinen Vater kannte ich nicht, während der Bruder meines
    Vaters das Gebirge bewohnte. In meiner Stadt Azupirani, welche am Ufer
    des Euphrats gelegen ist, wurde mit mir schwanger die Mutter, die Vestalin.
    Im Verborgenen gebar sie mich. Sie legte mich in ein Gefäß
    von Schilfrohr, verschloß mit Erdpech meine Türe und ließ mich
    nieder in den Strom, welcher mich nicht ertränkte. Der Strom führte
    mich zu Akki, dem Wasserschöpfer. Akki, der Wasserschöpfer, in der Güte
    seines Herzens hob er mich heraus. Akki, der Wasserschöpfer, als
    seinen eigenen Sohn zog er mich auf. Akki, der Wasserschöpfer,
    zu seinem Gärtner machte er mich. In meinem Gärtneramt gewann Istar
    mich lieb, ich wurde König und 45 Jahre übte ich die Königsherrschaft aus.“

          Die uns vertrautesten Namen in der mit Sargon von Agade begin-
    nenden Reihe sind Moses, Kyros und Romulus. Außerdem aber hat Rank
    eine große Anzahl von der Dichtung oder der Sage angehörigen Helden-
    gestalten zusammengestellt, denen dieselbe Jugendgeschichte, entweder in
    ihrer Gänze oder in gut kenntlichen Teilstücken nachgesagt wird, als:
    Oedipus, Karna, Paris, Telephos, Perseus, Herakles, Gilgamesch, Amphion
    und Zethos u. a.

          Quelle und Tendenz dieses Mythus sind uns durch die Untersuchungen
    von Rank bekannt gemacht worden. Ich brauche mich nur mit knappen
    Andeutungen darauf zu beziehen. Ein Held ist, wer sich mutig gegen seinen
    Vater erhoben und ihn am Ende siegreich überwunden hat. Unser Mythus
    verfolgt diesen Kampf bis in die Urzeit des Individuums, indem er das Kind
    gegen den Willen des Vaters geboren und gegen seine böse Absicht gerettet
    werden läßt. Die Aussetzung im Kästchen ist eine unverkennbare sym-
    bolische Darstellung der Geburt, das Kästchen die Mutterleib, das Wasser
    das Geburtswasser. In ungezählten Träumen wird das Eltern-Kind-Ver-
    hältnis durch aus dem Wasser Ziehen oder aus dem Wasser Retten darge-
    stellt. Wenn die Volksphantasie an eine hervorragende Persönlichkeit den
    hier behandelten Geburtsmythus heftet, so will sie den Betreffenden hiedurch
    als Helden anerkennen, verkünden, daß er das Schema eines Heldenlebens
    erfüllt hat. Die Quelle der ganzen Dichtung ist aber der sogenannte „Fa-
    milienroman“ des Kindes, in dem der Sohn auf die Veränderung seiner Ge-
    fühlsbeziehung zu den Eltern, insbesondere zum Vater, reagiert. Die ersten
    Kinderjahre werden von einer großartigen Überschätzung des Vaters be-
    herrscht, der entsprechend König und Königin in Traum und Märchen immer
    nur die Eltern bedeuten, während später unter dem Einfluß von Rivalität
    und realer Enttäuschung die Ablösung von den Eltern und die kritische Ein-
    stellung gegen den Vater einsetzt. Die beiden Familien des Mythus, die
    vornehme wie die niedrige, sind demnach beide Spiegelungen der eigenen
    Familie, wie sie dem Kind in aufeinander folgenden Lebenszeiten erscheinen.

          Man darf behaupten, daß durch diese Aufklärungen sowohl die Verbrei-
    tung wie die Gleichartigkeit des Mythus von der Geburt des Helden voll
    verständlich werden. Umsomehr verdient es unser Interesse, daß die Geburts-
    und Aussetzungssage von Moses eine Sonderstellung einnimmt, ja in einem
    wesentlichen Punkt den anderen widerspricht.

          Wir gehen von den zwei Familien aus, zwischen denen die Sage das
    Schicksal des Kindes spielen läßt. Wir wissen, daß sie in der analytischen

  • S.

    Imago                                  Sigm. Freud                                  4

    Deutung zusammenfallen, sich nur zeitlich von einander sondern. In der
    typischen Form der Sage ist die erste Familie, in die das Kind geboren wird,
    die vornehme, meist ein königliches Milieu; die zweite, in der das Kind auf-
    wächst, die geringe oder erniedrigte, wie es übrigens den Verhältnissen, auf
    welche die Deutung zurückgeht, entspricht. Nur in der Ödipussage ist dieser
    Unterschied verwischt. Das aus der einen Königsfamilie ausgesetzte Kind
    wird von einem anderen Königspaar aufgenommen. Man sagt sich, es ist
    kaum ein Zufall, wenn gerade in diesem Beispiel die ursprüngliche Identität
    der beiden Familien auch in der Sage durchschimmert. Der soziale Kontrast
    der beiden Familien eröffnet dem Mythus, der, wie wir wissen, die Helden-
    natur des großen Mannes betonen soll, eine zweite Funktion, die besonders
    für historische Persönlichkeiten bedeutungsvoll wird. Er kann auch dazu
    verwendet werden, dem Helden einen Adelsbrief zu schaffen, ihn sozial zu
    erhöhen. So ist Kyros für die Meder ein fremder Eroberer, auf dem Wege
    der Aussetzungssage wird er zum Enkel des Mederkönigs. Ähnlich bei Ro-
    mulus; wenn eine ihm entsprechende Person gelebt hat, so war es ein her-
    gelaufener Abenteurer, ein Emporkömmling, durch die Sage wird er Ab-
    komme und Erbe des Königshauses von Alba Longa.

          Ganz anders ist es im Falle des Moses. Hier ist die erste Familie, sonst die
    vornehme, bescheiden genug. Er ist das Kind jüdischer Leviten. Die zweite
    aber, die niedrige Familie, in der sonst der Held aufwächst, ist durch das
    Königshaus von Ägypten ersetzt; die Prinzessin zieht ihn als ihren eigenen
    Sohn auf. Diese Abweichung vom Typus hat auf Viele befremdend gewirkt.
    Ed. Meyer, und andere nach ihm, haben angenommen, die Sage habe ur-
    sprünglich anders gelautet: Der Pharao sei durch einen prophetischen Traum5)

          5) Auch im Bereich von Flavius Josephus erwähnt.

    gewarnt worden, daß ein Sohn seiner Tochter ihm und dem Reiche Gefahr
    bringen werde. Er läßt darum das Kind nach seiner Geburt im Nil aus-
    setzen. Aber es wird von jüdischen Leuten gerettet und als ihr Kind aufge-
    zogen. Zufolge von „nationalen Motiven“, wie Rank es ausdrückt,6) habe

          6) l. c., p. 80, Anmerkung.

    die Sage eine Umarbeitung in die uns bekannte Form erfahren.

          Aber die nächste Überlegung lehrt, daß eine solche ursprüngliche Moses-
    sage, die nicht mehr von den anderen abweicht, nicht bestanden haben kann.
    Denn die Sage ist entweder ägyptischen oder jüdischen Ursprungs. Der erste
    Fall schließt sich aus; Ägypter hatten kein Motiv, Moses zu verherrlichen,
    er war kein Held für sie. Also sollte die Sage im jüdischen Volk geschaffen,
    d. h. in ihrer bekannten Form an die Person des Führers geknüpft worden
    sein. Allein dazu war sie ganz ungeeignet, denn was sollte dem Volke eine
    Sage fruchten, die seinen großen Mann zu einem Volksfremden machte?

          In der Form, in der die Mosessage uns heute vorliegt, bleibt sie in be-
    merkenswerter Weise hinter ihren geheimen Absichten zurück. Wenn Moses
    kein Königssprosse ist, so kann ihn die Sage nicht zum Helden stempeln;
    wenn er ein Judenkind bleibt, hat sie nichts zu seiner Erhöhung getan. Nur
    ein Stückchen des ganzen Mythus bleibt wirksam, die Versicherung, daß das
    Kind starken äußeren Gewalten zum Trotz sich erhalten hat, und diesen
    Zug hat denn auch die Kindheitsgeschichte Jesu wiederholt, in der König
    Herodes die Rolle des Pharao übernimmt. Es steht uns dann wirklich frei,
    anzunehmen, daß irgend ein später, ungeschickter Bearbeiter des Sagenstoffes
    sich veranlaßt fand, etwas der klassischen, den Helden auszeichnenden Aus-
    setzungssage Ähnliches bei seinem Helden Moses unterzubringen, was
    wegen der besonderen Verhältnisse des Falles zu ihm nicht passen konnte.

          Mit diesem unbefriedigenden und überdies unsicheren Ergebnis müßte
    sich unsere Untersuchung begnügen und hätte auch nichts zur Beantwortung
    der Frage geleistet, ob Moses ein Ägypter war. Aber es gibt zur Würdigung
    der Aussetzungssage noch einen anderen, vielleicht hoffnungsvolleren Zu-
    gang.

          Wir kehren zu den zwei Familien des Mythus zurück. Wir wissen, auf
    dem Niveau der analytischen Deutung sind sie identisch, auf mythischem
    Niveau unterscheiden sie sich als die vornehme und die niedrige. Wenn es
    sich aber um eine historische Person handelt, an die der Mythus geknüpft ist,

  • S.

    Sigm. Freud                                  5

    dann gibt es ein drittes Niveau, das der Realität. Die eine Familie ist die
    reale, in der die Person, der große Mann, wirklich geboren wurde und auf-
    gewachsen ist; die andere ist fiktiv, vom Mythus in der Verfolgung seiner
    Absichten erdichtet. In der Regel fällt die reale Familie mit der niedrigen,
    die erdichtete mit der vornehmen zusammen. Im Falle Moses schien irgend-
    etwas anders zu liegen. Und nun führt vielleicht der neue Gesichtspunkt zur
    Klärung, daß die erste Familie, die, aus der das Kind ausgesetzt wird, in
    allen Fällen, die sich verwerten lassen, die erfundene ist, die spätere aber, in
    der es aufgenommen wird und aufwächst, die wirkliche. Haben wir den
    Mut, diesen Satz als eine Allgemeinheit anzuerkennen, der wir auch die Moses-
    sage unterwerfen, so erkennen wir mit einem Male klar: Moses ist ein —
    wahrscheinlich vornehmer Ägypter, der durch die Sage zum Juden gemacht
    werden soll. Und das wäre unser Resultat! Die Aussetzung im Wasser war
    an ihrer richtigen Stelle; um sich der neuen Tendenz zu fügen, mußte ihre
    Absicht, nicht ohne Gewaltsamkeit, umgebogen werden; aus einer Preisgabe
    wurde sie zum Mittel der Rettung.

          Die Abweichung der Mosessage von allen anderen ihrer Art konnte aber
    auf eine Besonderheit der Mosesgeschichte zurückgeführt werden. Während
    sonst ein Held sich im Laufe seines Lebens über seine niedrigen Anfänge
    erhebt, begann das Heldenleben des Mannes Moses damit, daß er von seiner
    Höhe herabstieg, sich herabließ zu den Kindern Israels.

          Wir haben diese kleine Untersuchung in der Erwartung unternommen, aus
    ihr ein zweites, neues Argument für die Vermutung zu gewinnen, daß Moses
    ein Ägypter war. Wir haben gehört, daß das erste Argument, das aus dem
    Namen, auf Viele keinen entscheidenden Eindruck gemacht hat.7) Man muß

          7) So sagt z. B. Ed. Meyer: Die Mosessagen und die Leviten, Berliner Sitzber. 1905:
    „Der Name Moše ist wahrscheinlich der Name Pinehas in dem Priestergeschlecht von
    Silo . . . zweifellos ägyptisch. Das beweist natürlich nicht, daß diese Geschlechter ägyp-
    tischen Ursprungs waren, wohl aber, daß sie Beziehungen zu Ägypten hatten“ (p. 651).
    Man kann freilich fragen, an welche Art von Beziehungen man dabei denken soll.

    darauf vorbereitet sein, daß das neue Argument, aus der Analyse der Aus-
    setzungssage, kein besseres Glück haben wird. Die Einwendungen werden
    wohl lauten, daß die Verhältnisse der Bildung und Umgestaltung von Sagen
    doch zu undurchsichtig sind, um einen Schluß wie den unsrigen zu recht-
    fertigen, und daß die Traditionen über die Heldengestalt Moses in ihrer Ver-
    worrenheit, ihren Widersprüchen, mit den unverkennbaren Anzeichen von
    Jahrhunderte lang fortgesetzter tendenziöser Umarbeitung und Überlagerung
    alle Bemühungen vereiteln müssen, den Kern von historischer Wahrheit da-
    hinter ans Licht zu bringen. Ich selbst teile diese ablehnende Einstellung nicht,
    aber ich bin auch nicht imstande, sie zurückzuweisen.

          Wenn nicht mehr Sicherheit zu erreichen war, warum habe ich diese Unter-
    suchung überhaupt zur Kenntnis der Öffentlichkeit gebracht? Ich bedauere
    es, daß auch meine Rechtfertigung nicht über Andeutungen hinausgehen
    kann. Läßt man sich nämlich von den beiden hier angeführten Argumenten
    fortreißen und versucht, Ernst zu machen mit der Annahme, daß Moses ein
    vornehmer Ägypter war, so ergeben sich sehr interessante und weitreichende
    Perspektiven. Mit Hilfe gewisser, nicht weit abliegender Annahmen glaubt
    man die Motive zu verstehen, die Moses bei seinem ungewöhnlichen Schritt
    geleitet haben, und in engem Zusammenhang damit erfaßt man die mög-
    liche Begründung von zahlreichen Charakteren und Besonderheiten der Ge-
    setzgebung und der Religion, die er dem Volke der Juden gegeben hat, und
    wird selbst zu bedeutsamen Ansichten über die Entstehung der monothei-
    stischen Religionen im allgemeinen angeregt. Allein Aufschlüsse so wichtiger
    Art kann man nicht allein auf psychologische Wahrscheinlichkeiten gründen. den
    Wenn man das Ägyptertum Moses’ als einen historischen Anhalt gelten
    läßt, so bedarf man zum mindesten noch eines zweiten festen Punktes, um
    die Fülle der auftauchenden Möglichkeiten gegen die Kritik zu schützen, sie
    seien Erzeugnis der Phantasie und zu weit von der Wirklichkeit entfernt. Ein
    objektiver Nachweis, in welche Zeit das Leben Moses’ und damit der Auszug
    aus Ägypten fällt, hätte etwa dem Bedürfnis genügt. Aber ein solcher fand
    sich nicht und darum soll die Mitteilung aller weiteren Schlüsse aus der Ein-
    sicht, daß Moses ein Ägypter war, besser unterbleiben.