Moses, sein Volk und die monotheistische Religion 1939-001/1938.01

Freud, Sigmund (1939-001/1938.01): Moses, sein Volk und die monotheistische Religion

Zurück zum Werk
  • S.

    Titel

    Titel d. III Abhandlung

    Moses, (sein Volk) und die monotheistische Religion
    von
    Sigm. Freud
    Mit zwei Vorbemerkungen

    Inhalt:

       Vorbemerkung I
        Vorbemerkung II
    I    Die historische Voraussetzung
    II   Latenzzeit und Tradition
    III  Die Analogie
    IV   Anwendung
    V    Schwierigkeiten
                Zweiter Theil
    a)    Zusammenfassung und Wiederholung
    b)    Das Volk Israel
    c)    Der große Mann
    d)    Der Fortschritt in der Geistigkeit
                    e) Triebverzicht
    e f)  Der Wahrheitsgehalt der Religion
    f g)  Die Wiederkehr des Verdrängten
    g h)  Die historische Wahrheit
    h i)  Die geschichtliche Entwicklung

    Titel des deutschen Buchs
    Der Mann Moses und der Monotheismus
    Drei Abhandlungen
    von
    Sigm. Freud

    I    Moses ein Aegypter
    II   Wenn Moses ein Aegypter war . . .
    III  Moses, sein Volk und die monotheistische
                                                Religion.

    Englischer Titel
    Moses and Monotheism
    by
    Sigm. Freud

  • S.

    1

    Moses III                     Vorbemerkungen
                                        I. Vor dem März
                                            1938.

    Mit der Verwegenheit deßen der nichts oder
    wenig zu verlieren hat gehe ich daran,
    einen gut begründeten Vorsatz zum
    zweiten Mal zu brechen und den beiden
    Abhandlungen über Moses in Imago
    das zurückgehaltene Endstück nachzuschicken.
    Ich schloß mit der Versicherung ich wüßte,
    daß meine Kräfte dazu nicht ausreichen
    würden, meinte natürlich die Abschwächung
    der schöpferischen Fähigkeiten, die mit
    dem hohen Alter einhergeht, x) aber ich
    dachte auch an ein anderes Hemmniß. Wir leben
    in einer besonders merkwürdigen Zeit, wir
    finden mit Erstaunen, daß der Fortschritt
    ein Bündnis mit der Barbarei geschlossen
    hat. In Sowjetrußland hat man es unternommen
    etwa 100 Millionen in der Unterdrückung
    festgehaltener Menschen zu besseren Lebens-
    formen zu erheben. Man war kühn und
    weise genug ihnen das Hauptgift der Religion
    zu entziehen und ihnen ein verständiges Maß
    von sexueller Freiheit zu geben, aber dabei
    unterwarf man sie dem grausamsten Zwang
    und raubte ihnen jede Möglichkeit der Denk-
    freiheit. Mit ähnlicher Gewalttätigkeit
    wird das italienische Volk zur Ordnung
    und zum Pflichtgefühl erzogen. Man emp-
    findet es als Erleichterung von einer be-
    drückenden Sorge wenn man im Fall
    des deutschen Volkes sieht daß der Rück-
    fall in nahezu vorgeschichtliche Barbarei
    auch ohne Anlehnung an irgend eine fortschritt-
    liche Idee vor sich gehen kann. Immerhin
    hat es sich so gestaltet, daß heute die kon-
    servativen Demokratien die Hüter
    des kulturellen Fortschritts geworden
    sind und daß sonderbarerweise grade
    die Institution der katholischen
    Kirche der Ausbreitung jener kulturellen
    Gefahr eine kräftige Abwehr entgegen-

    x) Ich theile nicht die Ansicht meines Alters-
    genossen Bernard Shaw,
    daß die Menschen erst dann etwas Rechtes
    leisten könnten wenn sie 300 Jahre alt werden
    könnten würden. Mit der Verlängerung
    der Lebensdauer wäre nichts erreicht
    es müßte denn vieles andere an den
    Lebensbedingungen vom Grunde aus geändert
    werden.

  • S.

    2

    setzt. Sie, bisher diese die unerbittliche Feindin der
    Denkfreiheit und des Fortschritts zur Erkenntnis
    der Wahrheit.
    Wir leben hier in einem katholischen Land
    unter dem Schutz dieser Kirche unsicher, wie
    lange er vorhalten wird. Solange er aber
    besteht haben wir natürlich Bedenken
    etwas zu thun, was die Feindschaft der
    Kirche erwecken muß. Es ist nicht Feigheit
    sondern Vorsicht; der neue Feind dem zu
    Dienst zu sein wir uns hüten wollen ist
    gefährlicher als der alte, mit dem uns
    zu vertragen wir bereits gelernt haben.
    Die psychoanalytische Forschung die wir
    pflegen ist ohnedies der Gegenstand
    misstrauischer Aufmerksamkeit von
    Seiten des Katholizismus. Wir werden
    nicht behaupten, es sei so mit Unrecht.
    Wenn unsere Arbeit uns zu einem
    Ergebnis führt, das die Religion auf eine
    Menschheitsneurose reduziert und ihre
    großartige Macht ebenso verständlich
    macht in der gleichen Weise aufklärt
    wie den neurotischen Zwang
    bei den Einzelnen unserer Patienten
    so sind wir sicher den stärksten Unwillen
    der bei uns herrschenden Mächte auf
    uns zu ziehen. Nicht daß wir etwas
    zu sagen hätten was neu wäre was
    wir nicht schon vor einem Viertel-
    jahrhundert deutlich genug gesagt haben
    aber das ist seither vergessen worden
    und es kann nicht wirkungslos bleiben
    wenn wir es heute wiederholen und
    an einem für alle Religionsstif-
    tungen maßgebenden Beispiel er-
    läutern. Es würde wahrscheinlich dazu
    führen, daß uns die Betätigung in
    der Psychoanalyse verboten wird. Jene
    gewalttätigen Methoden der Unter-
    drückung sind der Kirche ja keineswegs
    fremd, sie empfindet es vielmehr als
    Einbruch in ihre Vorrechte, wenn auch
    andere sich ihrer bedienen. Die Psycho-
    analyse aber, die im Laufe meines langen
    Lebens überallhin gekommen ist, hat
    noch immer kein Heim, das ihr wertvoller
    für sie wäre als eben die Stadt
    wo sie geboren und herangewachsen
    ist.

  • S.

    3

    Ich glaube es nicht nur, und ich weiß es, daß ich
    mich durch dies andere Hinderniß,
    durch die äußere Gefahr, abhalten lassen
    werde, den letzten Theil meiner Studie
    über Moses zu veröffentlichen. Ich habe noch
    einen Versuch gemacht mir die Schwierig-
    keit aus dem Weg zu räumen,
    indem ich mir sagte der Angst liege eine
    Überschätzung meiner persönlichen Bedeut-
    ung zu Grund. Wahrscheinlich werde es
    den maßgebenden Stellen recht gleichgiltig
    sein was ich über Moses und den Ur-
    sprung der monotheistischen Religionen
    schreiben wolle. Aber ich fühle mich da nicht
    sicher im Urteil. Viel eher erscheint es mir
    möglich, daß Bosheit und Sensations-
    lust das wettmachen werden was mir
    an dem Urteil der Mitwelt an Geltung
    fehlt. Ich werde diese Arbeit also nicht
    bekannt machen, aber das braucht mich
    nicht abzuhalten, sie zu schreiben, besonders
    da ich sie schon einmal, vor jetzt zwei
    Jahren, niedergeschrieben habe, so daß ich
    sie blos umzuarbeiten und an die
    beiden vorausgeschickten Aufsätze
    anzufügen habe. Sie mag dann in der
    Verborgenheit aufbewahrt bleiben bis
    einmal die Zeit kommt wann sie sich ge-
    fahrlos an's Licht wagen darf, oder bis
    man einem, der sich zu denselben
    Schlüssen und Meinungen bekennt, sagen
    kann, es war schon einmal jemand da, der
    sich das Nämliche in dunkleren Zeiten
    wie du gedacht hat.

    Hier Vorbemerkung II    I
    Die historische Voraussetzung

        Ich beginne damit, die Ergebnisse meiner
    zweiten der rein historischen Studie
    über Moses zu resümieren. Sie werden
    hier keinen neuerlichen Kritik unter-
    zogen werden, denn sie bilden die
    Voraussetzung der psychologischen Erörter-
    ungen, die von ihnen ausgehen und
    immer wieder auf sie zurückkommen.

  • S.

    4

    Der historische Hintergrund der Ereignisse
    die unser Interesse gefesselt haben ist
    also folgender: Durch die Eroberungen
    der 18ten Dynastie ist Aegypten ein
    Weltreich geworden. Der neue Imperial=
    ismus spiegelt sich wieder in der Entwick=
    lung der religiösen Vorstellungen, wenn
    nicht des ganzen Volkes, so doch der herrschen=
    den und geistig regsamen Oberschicht des=
    selben. Unter dem Einfluss der Priester
    des Sonnengottes zu On (Heliopolis), vielleicht
    verstärkt durch Anregungen von Asien
    her erhebt sich die Idee eines universellen
    Gottes Aton, an dem die Einschränk=
    ung auf ein Land und ein Volk nicht
    mehr haftet. Mit dem jungen Amenhotep
    IV. kommt ein Pharao zur Herrschaft, der
    kein höheres Interesse kennt als die Ent=
    wicklung dieser Gottesidee. Er erhebt die
    Atonreligion zur Staatsreligion, durch
    ihn wird der universelle Gott der Einzige
    Gott, alles was man von anderen
    Göttern erzählt, ist Trug und Lüge.
    Mit grossartiger Unerbittlichkeit widersteht
    er allen Versuchungen des magischen
    Denkens, verwirft er die besonders
    dem Aegypter so theure Illusion eines
    Lebens nach dem Tode. In einer er=
    staunlichen Ahnung späterer wissenschaft=
    licher Einsicht erkennt er in der Ener=
    gie der Sonnenstrahlung die Quelle alles
    Lebens auf der Erde und verehrt sie
    als das Symbol der göttlichen Macht
    seines Gottes. Er rühmt sich seiner Freude an der Schöpfung
    und seines Lebens in Maat (Wahrheit
    und Gerechtigkeit).
    Es ist der erste und vielleicht reinste Fall
    einer monotheistischen Religion in der
    Menschheitsgeschichte; ein tieferer Einblick
    in die historischen und psychologischen
    Bedingungen seiner Entstehung wäre
    von unschätzbarem Wert. Aber es
    ist dafür gesorgt worden, dass nicht
    allzuviel Nachrichten über die Atonreli=
    gion auf uns kommen sollten. Schon unter
    den schwächlichen Nachfolgern Ikhnaton's
    brach alles zusammen was er geschaffen
    hatte. Die Rache der von ihm unterdrückten
    Priesterschaften wütete nun gegen
    sein Andenken, die Atonreligion
     

  • S.

    II, 1

    II Im Juni 1938
    Die ganz besonderen Schwierigkeiten, die mich
    während der Abfassung dieser an die Person
    des Moses anknüpfenden Studie belastet
    haben — innere Bedenken sowie äußere
    Abhaltungen — bringen es mit sich, daß dieser
    dritte, abschließende Aufsatz von zwei ver-
    schiedenen Vorreden eingeleitet wird,
    die einander widersprechen, ja einander
    aufheben. Denn in dem kurzen Zeitraum
    zwischen beiden haben sich die äußeren
    Verhältnisse des Schreibers gründlich
    geändert. Ich lebte damals unter dem
    Schutz der katholischen Kirche und stand
    unter der Angst, daß ich durch meine
    Publikation diesen Schutz verlieren und
    ein Arbeitsverbot für die Anhänger und
    Schüler der Psychoanalyse in Oesterreich
    heraufbeschwören würde. Und dann kam
    plötzlich die deutsche Invasion; der Katholi-
    zismus erwies sich, mit biblischen
    Worten zu reden, als ein „schwankes
    Rohr“. In der Gewißheit, jetzt nicht nur
    meiner Denkweise, sondern auch meiner
    „Rasse” wegen verfolgt zu werden, ver-
    ließ ich mit vielen Freunden die
    Stadt, die mir von früher Kindheit an,
    durch 78 Jahre, Heimat gewesen war.
    Ich fand die freundlichste Aufnahme
    in dem schönen, freien, großherzigen
    England. Hier lebe ich nun, ein gern
    gesehener Gast, atme auf, daß jener
    Druck von mir genommen ist und daß
    ich wieder reden und schreiben - bald
    hätte ich gesagt: denken darf, wie ich
    will oder muß. Ich wage es, das letzte
    Stück meiner Arbeit vor die Öffent-
    lichkeit zu bringen.
    Keine äußeren Abhaltungen mehr oder
    wenigstens keine solchen vor denen
    man zurückschrecken darf. Ich habe in
    den wenigen Wochen meines Aufent-
    halts hier eine Unzahl von Begrüß-
    ungen erhalten von Freunden, die
    sich meiner Anwesenheit freuten,
    von Unbekannten, ja Unbeteiligten
    die nur ihrer Befriedigung darüber Aus-
    druck geben wollten, daß ich hier Frei-
    heit und Sicherheit gefunden habe.
    Und dazu kamen, in einer für den
    Fremden überraschenden Häufigkeit,
    Zuschriften anderer Art, die sich um
    mein Seelenheil bemühten, die mir
    die Wege Christi weisen und mich
    über die Zukunft Israels aufklären
    wollten.

  • S.

    II, 2

    Die guten Leute, die so schreiben, können nicht viel
    von mir gewußt haben, aber ich erwarte, wenn
    diese Arbeit über Moses durch eine Übersetzung
    unter meinen neuen Volksgenossen bekannt
    wird, werde ich auch bei einer Anzahl von anderen
    genug von den Sympathien einbüßen, die
    sie mir jetzt entgegenbringen.
    An den inneren Schwierigkeiten konnten
    politischer Umschwung und Wechsel des Wohn-
    orts nichts verändern. Nach wie vor fühle
    ich mich unsicher angesichts meiner eigenen
    Arbeit, vermisse ich das Bewußtsein der
    Einheit und Zusammengehörigkeit, das zwischen
    dem Autor und seinem Werk bestehen soll.
    Nicht etwa, daß es mir an der Überzeugung
    von der Richtigkeit des Ergebnisses
    mangeln sollte. Diese habe ich mir schon vor
    einem Vierteljahrhundert erworben,
    als ich das Buch über „Totem und Tabu” schrieb
    1912, und sie hat sich seither nur verstärkt.
    Ich habe seit damals nicht mehr gezweifelt,
    daß die religiösen Phänomene nur nach dem
    Muster der uns vertrauten neuro-
    tischen Symptome des Einzelindividuums
    zu verstehen sind, als Wiederkehren
    von längst vergessenen bedeutsamen
    Vorgängen in der Urgeschichte
    der menschlichen Familie, daß sie ihren
    zwanghaften Charakter eben diesem
    Ursprung verdanken und also kraft
    ihres Gehalts an historischer Wahrheit
    auf die Menschen wirken. Meine Un-
    sicherheit setzt erst ein, wenn ich mich
    frage, ob es mir gelungen ist, diese
    Sätze für das hier gewählte Beispiel
    des jüdischen Monotheismus zu erweisen.
    Meiner Kritik erscheint diese vom Manne
    Moses ausgehende Arbeit wie eine Tänz-
    erin, die auf einer Zehenspitze balanciert.
    Wenn ich mich nicht auf die eine analytische
    Deutung des Aussetzungsmythus stützen
    und von da aus zur Sellin'schen Ver-
    mutung über den Ausgang des Moses
    übergreifen könnte, hätte das Ganze un-
    geschrieben bleiben müßen. Immerhin,
    sei es jetzt gewagt.

  • S.

    5

    wurde abgeschafft, die Residenz des als Frevler
    gebrandmarkten Pharaos zerstört und geplün-
    dert. Um 1350 v. Chr. erlosch die 18te Dynastie;
    nach einer Zeit der Anarchie stellte der
    Feldherr Haremhab der bis 1315 regierte
    die Ordnung wieder her. Die Reform
    Ikhnaton's schien eine zum Vergessenwerden be-
    stimmte Episode.

        Soweit was historisch festgestellt ist und nun
    setzt unsere hypothetische Fortsetzung ein.
    Unter den Personen die Ikhnaton nahe
    standen befand sich ein Mann, der vielleicht
    Thothmes hieß wie damals viele andere x)
    x) so hieß zB. auch der Bildhauer, dessen Werk-
    stätte in Tell el Amarna gefunden wurde.
    - es kommt auf den Namen nicht viel an nur
    daß sein zweiter Bestandteil -mose sein
    mußte. Er war in hoher Stellung über-
    zeugter Anhänger der Atonreligion
    aber im Gegensatz zum grüblerischen König
    energisch und leidenschaftlich. Für diesen
    Mann bedeuteten der Ausgang Ikhnaton's
    und die Abschaffung seiner Religion das Ende
    all seiner Erwartungen. Nur als ein Geächt-
    eter oder als ein Abtrünniger konnte er
    in Aegypten bleiben. Er war
    vielleicht als Statthalter der Grenzprovinz
    in Berührung mit einem semitischen
    Volksstamm gekommen der
    dort vor einigen Generationen eingewandert
    war. In der Not der Enttäuschung und
    Vereinsamung wandte er sich diesen Fremden
    zu, suchte bei ihnen die Entschädigung
    für seine Verluste. Er wählte sie
    zu seinem Volke, versuchte seine Ideale
    an ihnen zu realisieren. Nachdem er
    begleitet von seinen Gefolgsleuten, mit
    ihnen Aegypten verlassen hatte, heiligte er
    sie durch das Zeichen der Beschneidung gab
    ihnen Gesetze, führte sie in die Lehren
    der Atonreligion ein die die Aegypter
    eben abgeworfen hatten. Vielleicht waren
    die Vorschriften die dieser Mann Moses
    seinen Juden gab, noch schroffer als die
    seines Herrn und Lehrers Ikhnaton, viel-
    leicht gab er auch die Anlehnung an
    den Sonnengott von On auf, an der dieser
    noch festgehalten hatte.

  • S.

    6

        Für den Auszug aus Aegypten müßen wir
    die Zeit des Interregnums nach 1350 ansetzen.
    Die nächsten Zeiträume bis zum Vollzug der Be-
    sitzergreifung im Lande Kanaan sind besonders
    undurchsichtig. Aus dem Dunkel das der biblische
    Bericht hier gelassen oder vielmehr geschaffen
    hat konnte die Geschichtsforschung unserer
    Tage zwei Tatsachen herausgreifen. Die
    erste von E. Sellin aufgedeckt, ist daß die
    Juden selbst nach der Aussage der Bibel
    störrisch und widerspenstig gegen ihren
    Gesetzgeber und Führer sich eines Tages
    gegen ihn empörten, ihn erschlugen
    und die ihnen aufgedrängte Religion
    abwarfen wie früher die Aegypter. Die Aton
    die andere von Ed. Meyer erwiesene, daß
    diese aus Aegypten heimgekehrten Juden
    sich später mit anderen, ihnen nah
    verwandten Stämmen im Länderstück
    zwischen Palaestina der Sinaihalbinsel und
    Arabien vereinigten und daß sie dort in
    einer wasserreichen Oertlichkeit Qadeš
    unter dem Einfluß der arabischen Mid-
    ianiter eine neue Religion die Ver-
    ehrung des Vulkangottes Jahve annahmen.
    Bald darauf waren sie bereit, als Eroberer
    in Kanaan einzubrechen.

        Die zeitlichen Beziehungen dieser beiden
    Ereignisse zu einander und zum Aus-
    zug aus Aegypten sind sehr unsicher. Den
    nächsten historischen Anhaltspunkt giebt
    eine Stele des Pharao Merneptah (bis
    1215) die in einem Bericht über Kriegszüge in
    Syrien und Palaestina „Israel“ unter
    den Besiegten anführt. Nimmt man das
    Datum dieser Stele als einen terminus
    ad quem so bleibt für den ganzen Ab-
    lauf vom Auszug an etwa ein Jahr-
    hundert (nach 1350 - bis vor 1215). Es ist aber
    möglich daß der Name Israel sich noch nicht
    auf die Stämme bezieht deren Schicksale
    wir verfolgen, und daß uns in Wirk-
    lichkeit ein längerer Zeitraum zur Ver-
    fügung steht. Die Niederlassung des späteren
    jüdischen Volkes in Kanaan war ge-
    wiß keine rasch ablaufende Erobe-
    rung sondern ein Vorgang der sich
    in Schüben vollzog und über längere
    Zeiten erstreckte. Machen wir
    uns von der Einschränkung durch die
    Merneptahstele frei so können wir
    umso leichter ein Menschenalter (30 Jahre)

  • S.

    7

    als die Zeit des Moses ansehen, 1) dann mindestens
    1) Dies würde der 40jährigen Wüstenwanderung
    des biblischen Textes entsprechen
    zwei Generationen wahrscheinlich aber mehr
    bis zur Vereinigung in Qadeš vergehen lassen
    xx) also etwa 1350 (40) - 1310 (10) Moses, 1260 oder eher
    später Qadeš, die Merneptahstele vor 1215.
    das Intervall zwischen Qadeš und dem Aufbruch
    nach Kanaan braucht nur kurz zu sein. Die
    jüdische Tradition hatte, wie in der vorigen
    Abhandlung gezeigt, gute Gründe, das Inter-
    vall zwischen Auszug und Religionsstiftung
    in Qadeš zu verkürzen; das Umgekehrte
    liegt im Interesse unserer Darstellung.

        Aber das ist alles noch Historie, Versuch
    die Lücken unserer Geschichtskenntnis
    auszufüllen, zum Theil Wiederholung
    aus der zweiten Abhandlung in Imago.
    Unser Interesse folgt den Schicksalen des
    Moses und seiner Lehren, denen die
    Empörung der Juden nur scheinbar ein
    Ende gesetzt hat. Aus dem Bericht des
    Jahvisten, der um das Jahr 1000 niederge-
    schrieben wurde, aber sich gewiß auf
    frühere Fixierungen stützte, haben
    wir erkannt, daß mit der Vereinigung
    und Religionsstiftung in Qadeš ein
    Kompromiß einherging, an dem beide
    Antheile noch gut zu unterscheiden sind.
    Dem einen Partner lag nur daran, die
    Neuheit und Fremdheit des Gottes Jahve
    zu verleugnen und seinen Anspruch
    auf die Ergebenheit des Volkes zu
    vergrößern steigern, der andere wollte
    ihm theure Erinnerungen an die
    Befreiung aus Aegypten und an die
    großartige Gestalt des Führers Moses
    nicht preisgeben, und es gelang ihm auch
    die Tatsache wie den Mann in der neuen
    Darstellung der Vorgeschichte unterzu-
    bringen, wenigstens das äußere Zeichen
    der Mosesreligion, die Beschneidung,
    zu erhalten und vielleicht gewiße Ein-
    schränkungen im Gebrauch des neuen
    Gottesnamens durchzusetzen. Wir haben gesagt die
    Vertreter dieser Ansprüche waren
    die Nachkommen der Mosesleute, die
    Leviten, nur durch wenige Generationen
    von den Zeit- und Volksgenossen des
    Moses entfernt und noch durch lebendige

  • S.

    8

    Erinnerung an sein Andenken gebunden.
    Und wenn wir den Vorgang richtig
    erraten haben, so ist auch weiter nichts
    rätselhaftes an ihm; er könnte aber
    sehr wol das definitive Ende der
    Mosesepisode in der Geschichte des
    jüdischen Volkes bedeutet haben.
    Das Merkwürdige ist nun, daß dem nicht
    so ist, daß die stärksten Wirkungen jenes
    Erlebnisses des Volkes erst später zum
    Vorschein kommen, sich im Laufe vieler
    Jahrhunderte allmählich in die Wirklichkeit
    drängen sollten. Es ist nicht wahrscheinlich

    Die poetisch ausgeschmückten Darstellungen
    die wir dem Jahvisten und seinem späteren
    Konkurrenten, dem Elohisten, zuschreiben
    waren wie die Grabbauten, unter denen
    die wahre Kunde von jenen frühen Dingen
    von der Natur der mosaischen Religion
    und von der gewaltsamen Beseitigung
    des großen Mannes, dem Wissen der
    späteren Generationen entzogen gleich-
    sam ihre ewige Ruhe finden sollte.

    daß Jahve sich im Charakter viel von
    den Göttern der umwohnenden Völker
    und Stämme unterschied; er rang zwar mit
    ihnen, wie die Völker selbst mit einander
    stritten, aber man darf annehmen
    daß es einem Jahveverehrer jener
    Zeiten ebensowenig in den Sinn kam
    die Existenz der Götter von Kanaan, Moab,
    Amalek etc zu leugnen wie die Existenz
    der Völker, die an sie glaubten. Die
    monotheistische Idee, die mit Ikhnaton
    aufgeblitzt war, war wieder verdunkelt
    und sollte noch lange Zeit im Dunkel
    bleiben. Funde auf der Insel Elephantine
    dicht vor dem ersten Katarakt des Nils,
    haben die überraschende Kunde ergeben,
    daß dort eine seit Jahrhunderten ange-
    siedelte jüdische Militärkolonie bestand,
    in deren Tempel neben dem Hauptgott
    Jahu zwei weibliche Gottheiten verehrt
    wurden, die eine Anat Jahu genannt.
    Diese Juden waren allerdings vom Mutter-
    lande abgeschnitten, hatten die religiöse
    Entwicklung daselbst nicht mitgemacht;
    die persische Reichsregierung
    (5tes Jahrhundert) übermittelte ihnen
    die Kenntnis der neuen Kulturvorschriften

  • S.

    9

    von Jerusalem. x) Zu älteren Zeiten zurückkehrend
    x) Auerbach, Wüste und gelobtes Land Bd II, 1936.
    dürfen wir sagen daß Gott Jahve gewiß keine
    Ähnlichkeit mit dem mosaischen Gott hatte.
    Aton war Pazifist gewesen wie sein Ver-
    treter auf Erden, eigentlich sein Vorbild
    der Pharao Ikhnaton, der unthätig zusah
    wie das von seinen Ahnen gewonnene
    Weltreich auseinanderfiel. Für ein Volk
    das sich zur gewaltsamen Besitzergreifung
    neuer Wohnsitze anschickte war Jahve
    sicherlich besser geeignet. Und alles was
    am mosaischen Gott verehrungswürdig
    war, entzog sich überhaupt dem Verständnis
    der primitiven Masse.

        Ich habe schon gesagt - und mich dabei gern
    auf die Übereinstimmung mit Anderen
    berufen -, die zentrale Tatsache der jüdischen
    Religionsentwicklung sei gewesen, daß
    der Gott Jahve im Laufe der Zeiten seine
    eigenen Charaktere verlor und immer
    mehr Ähnlichkeit mit dem alten Gotte
    Moses’, dem Aton, gewann. Es blieben
    zwar Unterschiede die man auf den
    ersten Blick hoch einzuschätzen geneigt
    wäre, aber diese sind leicht aufzuklären.
    Aton hatte in Aegypten zu herrschen begonnen
    in einer glücklichen Zeit gesicherten
    Besitzes und selbst als das Reich zu wanken
    begann hatten seine Verehrer sich von
    der Störung abwenden können und fuhren
    fort, seine Schöpfungen zu preisen und
    zu genießen. Dem jüdischen Volk brachte
    das Schicksal eine Reihe von schweren Prüf-
    ungen und schmerzlichen Erfahrungen
    sein Gott wurde hart und strenge, wie
    verdüstert. Er behielt den Charakter
    des universellen Gottes bei, der über
    alle Länder und Völker waltet, aber
    die Tatsache, daß seine Verehrung von
    den Aegyptern auf die Juden überge-
    gangen war, fand ihren Ausdruck in
    dem Zusatz, die Juden seien sein auser-
    wähltes Volk deßen besondere Ver-
    pflichtungen am Ende auch besonderen
    Lohn finden würden. Es mag dem
    Volke nicht leicht geworden sein, den
    Glauben an die Bevorzugung durch
    seinen allmächtigen Gott mit den

  • S.

    10

    traurigen Erfahrungen seiner unglücklichen
    Schicksale zu vereinen. Aber man ließ sich nicht
    irre machen, man steigerte sein eigenes
    Schuldgefühl, um seine Zweifel an ihm Gott
    zu ersticken und vielleicht verweist man
    am Ende auf „Gottes unerforschlichen Rat-
    schluss“ hin wie es die Frommen noch
    heute thun. Wenn man sich darüber ver-
    verwundern wollte, daß er immer
    neue Gewalttäter auftreten ließ, von
    denen man unterworfen und miß-
    handelt wurde, die Assyrer, Babylonier
    Perser, so erkannte man doch seine
    Macht darin, daß all diese bösen Feinde
    selbst wieder besiegt wurden und
    ihre Reiche verschwanden.

        In drei wichtigen Punkten ist der spätere
    Judengott endlich dem alten mosaischen Gott
    gleich geworden. Der erste und entscheidende
    ist daß er wirklich als der einzige Gott
    anerkannt wurde, neben dem ein anderer
    undenkbar war. Der Monotheismus Ikhnaton's
    wurde von einem ganzen Volke ernst
    genommen, ja dies Volk klammerte sich
    so sehr an diese Idee, daß sie der Haupt-
    inhalt seines Geisteslebens wurde und
    daß ihm für Anderes kein Interesse blieb.
    Das Volk und die in ihm herrschend ge-
    wordene Priesterschaft waren in diesem
    Punkte einig aber während die Priester
    ihre Tätigkeit darin erschöpften das
    Zeremoniell für seine Verehrung aus-
    zubauen gerieten sie in Gegensatz zu
    intensiven Strömungen im Volke, die
    zwei andere Lehren Moses über
    seinen Gott wiederzubeleben suchten.
    Die Stimmen der Propheten wurden nicht
    müde zu verkünden, daß der Gott alles
    Zeremoniell und Opferdienst verschmähe
    und nur fordere, daß man an ihn glaube
    und ein Leben in Wahrheit und Gerech-
    tigkeit führe. Und wenn sie die Ein-
    fachheit und Heiligkeit des Wüstenlebens
    priesen so standen sie sicherlich unter
    dem Einfluß der mosaischen Ideale.

        Es ist an der Zeit die Frage aufzuwerfen
    ob es überhaupt notwendig ist, den Einfluß
    des Moses auf die Endgestaltung
    der jüdischen Gottesvorstellung anzu-
    rufen, ob nicht die Annahme einer
    spontanen Entwicklung zu höherer

  • S.

    11

    Geistigkeit während eines über Jahrhunderte
    reichenden Kulturlebens genügt. Zu dieser
    Erklärungsmöglichkeit, die all unserem
    Rätselraten ein Ende setzen würde, ist
    zweierlei zu sagen. Erstens, daß sie nichts
    erklärt. Die gleichen Verhältnisse haben
    beim gewiß höchstbegabten griechischen
    Volk nicht zum Monotheismus geführt
    sondern zur Auflockerung der polytheist-
    ischen Religion und zum Beginn des
    philosophischen Denkens. In Aegypten war
    der Monotheismus erwachsen, soweit
    wir es verstehen, als eine Nebenwir-
    kung des Imperialismus, Gott war die Spiegelung
    des ein großes Weltreich unumschränkt
    beherrschenden Pharao. Bei den Juden
    waren die politischen Zustände der Fort-
    entwicklung von der Idee des exklusiven
    Volksgottes zu der des universellen Weltherrschers
    höchst ungünstig, und woher
    kam dieser winzigen und ohnmächtigen
    Nation die Vermessenheit sich für das
    bevorzugte Lieblingskind des großen Herrn
    zu den auszugeben. Die Frage nach
    der Entstehung des Monotheismus bei
    den Juden bliebe so unbeantwortet,
    oder man begnügte sich mit der geläufigen
    Antwort, das sei eben der Ausdruck
    des besonderen religiösen Genies dieses
    Volkes. Das Genie ist bekanntlich unbegreif-
    lich und unverantwortlich und darum soll
    man es nicht eher zur Erklärung anrufen
    als bis jede andere Lösung versagt
    hat. x)
    x) Dieselbe Erwägung gilt auch für den merk-
    würdigen Fall des William Shakespeare
    aus Stratford.

        Ferner trifft man auf die Tatsache, daß die
    jüdische Berichterstattung und Geschichts-
    schreibung selbst uns den Weg zeigt, indem
    sie diesmal ohne sich selbst zu widersprechen
    mit größter Entschiedenheit behauptet
    die Idee eines einzigen Gottes sei dem
    Volke von Moses gebracht worden. Wenn
    es einen Einwand gegen die Glaubwür-
    digkeit dieser Versicherung giebt, so ist
    es der, daß die priesterliche Bearbeitung
    des uns vorliegenden Textes offenbar
    viel zu viel auf Moses zurückführt.
    Institutionen wie Ritualvorschriften, die

  • S.

    12

    unverkennbar späteren Zeiten angehören
    werden als mosaische Gebote ausgegeben, in
    der deutlichen Absicht Autorität für sie
    zu gewinnen. Das ist für uns gewiss ein
    Grund zum Verdacht, aber nicht genügend
    für eine Verwerfung. Denn das tiefere
    Motiv einer solchen Übertreibung liegt
    klar zu Tage. Die priesterliche Darstellung
    will ein Kontinuum zwischen ihrer
    Gegenwart und der mosaischen Frühzeit
    herstellen, sie will gerade das verleugnen
    was wir als die auffälligste Tatsache der
    jüdischen Religionsgeschichte bezeichnet
    haben dass zwischen P der Gesetzgebung
    der des Moses und der späteren jüdischen
    Religion eine Lücke klafft, die zunächst
    vom Jahvedienst ausgefüllt wu wurde
    und erst später langsam verstrichen
    wurde. Sie bestreitet diesen Vorgang
    mit allen Mitteln, obwohl seine
    historische Richtigkeit über jedem Zweifel
    feststeht, da bei der besonderen Behand-
    lung, die der biblische Text erfahren hat
    überreichliche Angaben stehen geblieben
    sind die ihn erweisen. Die priesterliche
    Bearbeitung hat hier ähnliches versucht
    wie jene ent entstellende Tendenz, die
    den neuen Gott Jahve zum Gott der Väter
    machte. Tragen wir diesem Motiv des
    Priesterkodex Rechnung, so wird es uns
    schwer, der Behauptung den Glauben
    zu versagen, dass wirklich Moses selbst
    seinen Juden die monotheistische Idee
    gegeben hat. Unsere Zustimmung sollte uns
    umso leichter werden, da wir zu sagen
    wissen woher diese Idee zu Moses kam
    was die jüdischen Priester gewiss nicht
    mehr gewusst haben.
     

        Hier könnte jemand die Frage aufwerfen
    was haben wir davon wenn wir den
    jüdischen Monotheismus vom ägyptischen
    ableiten. Das Problem wird dadurch nur
    um ein Stück verschoben, von der
    Genese der monotheistischen Idee
    wissen wir darum nicht mehr. Die Antwort
    darauf lautet es ist keine Frage des
    Gewinns sondern der Forschung. Und
    vielleicht lernen wir etwas dabei
    wenn wir den wirklichen Hergang
    erfahren.

  • S.

    13

    II    Latenzzeit und Tradition

        Wir bekennen uns also zu dem Glauben
    dass die Idee eines einzigen Gottes sowie
    die Verwerfung des magisch wirkenden
    Zeremoniells und die Betonung der ethischen
    Forderung in seinem Namen tatsächlich
    mosaische Lehren waren, die zunächst
    zunächst kein Gehör fanden aber nach dem
    Ablauf einer langen Zwischenzeit zur Wirkung
    kamen und sich endlich für die Dauer
    durchsetzten. Wie soll man sich eine solche
    verspätete Wirkung erklären und wo
    begegnet man ähnlichen Phänomenen?
     

        Der nächste Einfall sagt sie seien nicht
    selten auf sehr verschiedenen Gebieten
    zu finden und kommen wahrscheinlich
    auf mannigfache Weise zu Stande, mehr
    oder weniger leicht verständlich. Greifen
    wir z.B. das Schicksal einer neuen wissen-
    schaftlichen Theorie wie der Darwin'schen Evolutions-
    lehre heraus. Sie findet zunächst erbitterte
    Ablehnung, wird durch Jahrzehnte heftig um-
    stritten, aber es braucht aber es braucht nicht länger als
    eine Generation bis sie als grosser Fort-
    schritt zur Wahrheit anerkannt wird.
    Darwin selbst erreicht noch die Ehre eines Grabes
    oder Kenotaphs in Westminster. Ein solcher
    Fall lässt uns wenig zu enträtseln. Die neue
    Wahrheit hat affektive Widerstände wach-
    gerufen, diese lassen sich durch Argumente
    vertreten, mit denen man die Beweise
    zu Gunsten der unliebsamen Lehre bestreiten
    kann, der Kampf der Meinungen nimmt
    eine gewisse Zeit in Anspruch, von Anfang
    an giebt es Anhänger und Gegner, die Anzahl
    wie die Gewichtigkeit der Ersteren nimmt
    immer zu bis sie am Ende die Oberhand haben
    während der ganzen Zeit des Kampfes ist
    niemals vergessen worden um was es
    sich handelt. Wir verwundern uns kaum
    dass der ganze Ablauf eine längere Zeit
    gebraucht hat, würdigen es wahrscheinlich
    nicht genug dass wir es mit einem Vorgang
    der Massenpsychologie zu tun haben. Es
    hat keine Schwierigkeit zu diesem Vorgang
    eine voll entsprechende Analogie im
    Seelenleben eines Einzelnen zu finden.
    Dies wäre der Fall dass jemand etwas als
    neu erfährt, was er auf Grund gewisser
    Beweise als Wahrheit anerkennen soll,
    was aber manchem seiner Wünsche wider-
    spricht und einige der ihm wertvollen
    Überzeugungen beleidigt. Er wird dann

  • S.

    14

    zögern, nach Gründen suchen, mit denen
    er das Neue bezweifeln kann und wird
    eine Weile mit sich selbst kämpfen bis
    er sich am Ende eingesteht: es ist doch so
    obwohl es ich nicht leicht glaube, auch um
    obwohl es mir peinlich ist daran glauben
    zu müssen. Wir lernen daraus nur, dass
    es Zeit verbraucht bis die Verstandes-
    arbeit des Ichs Einwendungen überwunden
    hat, die durch starke affektive Besetzung
    gehalten werden. Die Ähnlichkeit zwischen
    diesem Fall und dem, um dessen Ver-
    ständnis wir uns bemühen ist nicht sehr
    gross.
     

        Das nächste Beispiel, an das wir uns wenden
    hat mit unserem Problem anscheinend
    noch weniger gemein. Es ereignet sich
    dass ein Mensch scheinbar unbeschädigt
    die Stätte verlässt an der er einen
    schreckhaften Unfall, z.B. einen Eisenbahn-
    zusammenstoss erlebt hat. Im Laufe der
    nächsten Wochen entwickelt er aber
    eine Reihe schwerer psychischer und
    motorischer Symptome die man nur
    von seinem Schock, jener Erschütterung
    oder was sonst damals gewirkt hat
    ableiten kann. Er hat jetzt eine „traumatische Neurose“ Das ist eine ganz unver-
    ständliche also eine neue Tatsache. Man heißt
    die Zeit, die zwischen dem Unfall und
    dem ersten Auftreten der Symptome ver-
    flossen ist, die „Inkubationszeit“ in durch-
    sichtiger Anspielung an die Pathologie
    der Infektionskrankheiten. Nachträgträg-
    lich muss es uns doch auffallen dass trotz
    der fundamentalen Verschiedenheit der
    beiden Fälle, zwischen dem Problem
    der traumatischen Neurose und dem
    des jüdischen Monotheismus doch in
    einem Punkt eine Übereinstimmung besteht
    Nämlich in dem Charakter den man die
    Latenz heissen könnte. Nach unserer ge-
    sicherten Annahme giebt es ja in der
    jüdischen Religionsgeschichte eine lange
    Zeit, nach dem Abfall von der
    Mosesreligion, in der von der monotheisti-
    schen Idee Religion von der Verschmähung
    des Zeremoniells und von der Überbe-
    tonung des Ethischen nichts verspürt wird.
    So werden wir auf die Möglichkeit vorbe-
    reitet, dass die Lösung unseres Problems

  • S.

    15

    in einer besonderen psychologischen Situation
    zu suchen ist.
     

        Wir haben bereits wiederholt dargestellt
    was in Qadeš geschah, als die beiden Anteile
    des späteren jüdischen Volkes zur Annahme
    einer neuen Religion zusammentraten.
    Auf der Seite derer, die in Ägypten gewesen
    waren, waren die Erinnerungen an den Aus-
    zug und an die Gestalt des Moses noch so
    stark und lebhaft, dass sie in einem Bericht
    über die Vorzeit Aufnahme forderten.
    Es waren vielleicht die Enkel von Personen
    die Moses selbst gekannt hatten, und einige
    von ihnen ist fühlten sich noch als Ägypter
    und trugen ägyptische Namen. Sie hatten
    aber gute Motive, die Erinnerung an
    das Schicksal zu verdrängen, das ihrem
    (woran sie mitschuldig waren) Führer und Gesetzgeber bereitet worden
    war. Für die Anderen war die Absicht massgebend
    den neuen Gott zu verherrlichen und seine
    Fremdheit zu bestreiten. Beide Teile
    hatten das gleiche Interesse daran zu
    verleugnen, dass es bei ihnen eine
    frühere Religion gegeben hatte und
    welches ihr Inhalt gewesen war. So kam
    jenes erste Kompromiss zustande, das
    wahrscheinlich bald eine schriftliche
    Fixierung fand; die Leute aus Ägypten
    hatten die Schrift und die Lust zur
    Geschichtsschreibung mitgebracht. Aber es
    sollte noch lange dauern, bis die Geschichts-
    schreibung erkannte, dass sie zur uner-
    bittlichen Wahrhaftigkeit verpflichtet sei.
    Zunächst machte sie sich kein Gewissen daraus,
    ihre Berichte nach ihren jeweiligen Be-
    dürfnissen und Tendenzen zu gestalten
    als wäre ihr der Begriff der Verfälschung
    noch nicht aufgegangen. Infolge dieser
    Verhältnisse konnte sich ein Gegensatz
    herausbilden zwischen der schriftlichen
    Fixierung und der mündlichen Über-
    lieferung desselben Stoffes, der Tradition.
    Was in der Niederschrift ausgelassen
    oder abgeändert worden war, konnte
    sehr wohl in der Tradition unversehrt
    erhalten geblieben sein. Die Tradition
    war die Ergänzung und zugleich der
    Widerspruch der Geschichtsschreibung. Sie
    war dem Einfluss der entstehenden
    Tendenzen weniger unterworfen, viel-
    leicht in manchen Stücken ganz entzogen
    und konnte darum wahrhaftiger sein,
    als der schriftlich fixierte Bericht. Ihre

  • S.

    16

    Zuverlässigkeit litt aber darunter, dass sie
    unbeständiger und unbestimmter war als
    die Niederschrift, mannigfachen Verände-
    rungen und Verunstaltungen ausgesetzt
    wenn sie durch mündliche Mitteilung von
    einer Generation auf die andere über-
    tragen wurde. Eine solche Tradition konnte
    verschiedenartige Schicksale haben. Am ehesten
    sollten wir erwarten, dass sie von der
    Niederschrift erschlagen wird, sich neben
    ihr nicht zu behaupten vermag, immer
    schattenhafter wird und endlich in Ver-
    gessenheit gerät. Aber es sind auch andere
    Schicksale möglich; eines davon ist, dass die
    Tradition selbst in einer schriftlichen Fixie-
    rung endet, und von noch anderen werden
    wir im weiteren Verlauf zu handeln
    haben.
     

        Für das Phänomen der Latenz in der jüdischen
    Religionsgeschichte, das uns beschäftigt
    bietet sich nun die Erklärung, dass die
    von der sozusagen offiziellen Geschichts-
    schreibung absichtlich verleugneten Tat-
    bestände und Inhalte in Wirklichkeit
    nie verloren gegangen sind. Die Kunde
    von ihnen lebte in Traditionen fort,
    die sich im Volke erhielten. Nach der
    Versicherung von E. Sellin war ja selbst
    über den Ausgang Moses’ eine Tradition
    vorhanden, die der offiziellen Darstellung
    glatt widersprach und der Wahrheit weit
    näher kam. Dasselbe dürfen wir annehmen
    traf auch für anderes zu, was scheinbar zugleich
    mit Moses seinen Untergang gefunden
    hatte, für manche Inhalte der mosaischen
    Religion, die für die Zeitgenossen Moses’
    unannehmbar gewesen waren. waren.
     

        Die merkwürdige Tatsache, der wir hier be-
    gegnen, ist aber, dass diese Traditionen,
    anstatt sich mit der Zeit abzuschwächen
    im Laufe der Jahrhunderte immer mächtiger
    wurden, sich in die späteren Bearbei-
    tungen der offiziellen Berichterstattung
    eindrängten und endlich sich stark genug
    zeigten, um das Denken und Handeln des
    Volkes entscheidend zu beeinflussen.
    Welche Bedingungen diesen Ausgang
    ermöglicht haben, das entzieht sich
    allerdings zunächst unserer Ken
    niss Kenntnis.

  • S.

    17

    Diese Tatsache ist in der Tat so merkwürdig
    dass wir uns berechtigt fühlen sie uns
    nochmals vorzuhalten. In ihr liegt unser
    Problem beschlossen. Das Judenvolk hatte die
    ihm von Moses gebrachte Atonreligion ver-
    lassen und sich der Verehrung eines andern
    Gottes zugewendet, der sich wenig von den
    Baalim der Nachbarvölker unterschied. Allen
    Bemühungen späterer Tendenzen gelang es nicht
    diesen beschämenden Sachverhalt zu ver-
    schleiern. Aber die Mosesreligion war nicht
    spurlos untergegangen, eine Art von Erinnerung
    an sie hatte sich erhalten, eine vielleicht
    verdunkelte und entstellte Tradition.
    Und diese Tradition einer grossen Ver-
    gangenheit war es, die war es, die gleichsam
    aus dem Hintergrund zu wirken
    fortfuhr, allmählich immer mehr
    Macht über die Geister gewann und
    es endlich erreichte, den Gott Jahve in den
    mosaischen Gott zu verwandeln und die
    vor langen Jahrhunderten eingesetzte
    und dann verlassene Religion des Moses
    wieder zum Leben zu erwecken. Dass
    eine verschollene Tradition eine so mäch-
    tige Wirkung auf das Seelenleben
    eines Volkes üben sollte, ist keine
    uns vertraute Vorstellung. Wir finden
    uns da auf einem Gebiet der Massen-
    psychologie in dem wir uns nicht heim-
    isch fühlen. Wir halten Ausschau nach
    Analogien, nach Tatsachen von wenigstens
    ähnlicher Natur, wenn auch auf anderen
    Gebieten. Wir meinen, solche sind zu
    finden.
     

        In den Zeiten, da sich bei den Juden die Wieder-
    kehr der Mosesreligion vorbereitete, fand
    sich das griechische Volk im Besitz eines überaus
    reichen Schatzes von Geschlechtersagen und
    Heldenmythen. Im 9ten oder 8ten Jahrhun-
    dert, glaubt man, entstanden die beiden
    homerischen Epen, die ihren Stoff diesem
    Sagenkreis entnahmen. Mit unseren heutigen
    psychologischen Einsichten hätte man lange vor
    Schliemann und Evans die Frage auf-
    werfen können: Woher nahmen die Griechen
    all das Sagenmaterial, das Homer und die
    grossen attischen Dramatiker in ihren
    Meisterwerken verarbeiteten? Die Ant-
    wort hätte lauten müssen: Dieses Volk
    hat wahrscheinlich in seiner Vorgeschichte
    eine Zeit von äußerem Glanz und
    kultureller Blüte erlebt, die in einer

  • S.

    18

    historischen Katastrophe untergegangen ist und
    von der sich in diesen Sagen eine dunkle
    Tradition erhalten hat. Die archäologische
    Forschung unserer Tage hat dann diese Ver-
    mutung bestätigt, die damals sicherlich
    für allzu gewagt erklärt worden wäre.
    Sie hat die Zeugnisse für die großartige
    minoisch-mykenische Kultur aufgedeckt
    die auf dem griechischen Festland wahr-
    scheinlich schon vor 1250 v. Chr. zu Ende
    kam. Bei den griechischen Historikern der
    späteren Zeit findet sich kaum ein Hin-
    weis auf sie. Einmal die Bemerkung
    dass es eine Zeit gab, da die Kreter die
    Seeherrschaft innehatten, der Name des
    Königs Minos und seines Palastes, des
    Labyrinths, das ist alles, sonst ist nichts von
    ihr übrig geblieben als die von den
    Dichtern aufgegriffenen Traditionen.
     

        Es sind Volksepen noch bei anderen
    Völkern bekannt geworden bei den
    Indern, Finnen, Deutschen. Es fällt den
    Literaturhistorikern zu, zu untersuchen
    ob deren Entstehung dieselben Bedingungen
    annehmen lässt wie im Falle der Griechen.
    Ich glaube die Untersuchung wird ein
    positives Ergebnis bringen. Die Bedingung
    die wir erkennen, ist: ein Stück Vor-
    geschichte, das unmittelbar nachher als inhalt-
    reich, bedeutsam und grossartig, vielleicht
    immer als heldenhaft erscheinen musste
    das aber so weit zurückliegt, so entlege-
    nen Zeiten angehört, dass den späteren
    Geschlechtern nur eine dunkle und
    unvollständige Tradition von ihr Kunde
    giebt. Man hat sich darüber verwundert
    dass das Epos als Kunstgattung in späteren
    Zeiten erloschen ist. Vielleicht liegt
    die Erklärung darin dass seine Bedin-
    gung sich nicht mehr herstellte. Der alte
    Stoff war aufgearbeitet und für alle
    späteren Begebenheiten war die Ge-
    schichtsschreibung an die Stelle der
    Tradition getreten. Die grössten Helden-
    taten unserer Tage waren nicht
    im Stande ein Epos zu inspirieren
    aber schon Alexander der Grosse
    hatte ein Recht zur Klage, dass er
    keinen Homer finden werde.

  • S.

    19

        Längstvergangene Zeiten haben eine grosse
    eine oft rätselhafte Anziehung für die Phan-
    tasie der Menschen. So oft sie mit ihrer
    Gegenwart unbefriedigt sind – und das sind
    sie oft genug – wenden sie sich zurück in die
    Vergangenheit und hoffen diesmal den
    nie erloschenen Traum von einem goldenen
    Zeitalter bewahrheiten zu können.x) Wahrscheinlich
        x) Diese Situation hat Macaulay seinen
    Lays of Ancient Rome zu Grunde gelegt. Er
    versetzt sich darin in die Rolle eines
    Sängers, der betrübt über die wüsten Partei-
    kämpfe der Gegenwart seinen Zuhörern
    den Opfermut, die Einigkeit und den
    Patriotismus der Ahnen vorhält.
    stehen sie immer noch unter dem Zauber
    ihrer Kindheit, die ihnen von einer nicht
    unparteiischen Erinnerung als eine Zeit von
    ungestörter Seligkeit gespiegelt wird.
    Wenn von der Vergangenheit nur mehr
    die unvollständigen und verschwommenen
    Erinnerungen bestehen, die wir Tradition
    heissen, so ist das für den Künstler ein
    besonderer Anreiz, denn dann ist es ihm frei
    geworden, die Lücken der Erinnerung nach
    den Gelüsten seiner Phantasie
    auszufüllen und das Bild der Zeit, die
    er reproduzieren will, nach seinen Absichten
    zu gestalten. Beinahe könnte man sagen
    je unbestimmter die Tradition geworden
    ist, desto brauchbarer wird sie für den
    Dichter. Über die Bedeutung der Tradition
    für die Dichtung brauchen wir uns also nicht
    zu verwundern, und die Analogie
    zur Bedingtheit des Epos wird uns der be-
    fremdlichen Annahme geneigter machen,
    dass es bei den Juden die Mosestradition
    war, welche den Jahvedienst im Sinne
    der alten Mosesreligion verwandelte.
    Aber die beiden Fälle sind sonst noch zu
    sehr verschieden. Dort ist das Ergebnis eine
    Dichtung, hier eine Religion, und für
    letztere haben wir angenommen, dass
    sie unter dem Antrieb der Tradition
    mit einer Treue reproduziert wurde, zu
    der der Fall des Epos natürlich das Gegen-
    stück nicht zeigen kann. Somit bleibt
    von unserem Problem genug übrig
    um das Bedürfnis nach besser
    zutreffenden Analogien zu rechtfertigen.
     

  • S.

    20

    III Die Analogie

    Die einzige befriedigende Analogie zu dem
    merkwürdigen Vorgang, den wir in der
    jüdischen Religionsgeschichte erkannt haben
    findet sich auf einem scheinbar weit abge-
    legenen Gebiet, aber sie ist sehr vollständig
    sie kommt der Identität nahe. Dort begeg-
    nen uns wiederum das Phänomen der Latenz
    das Auftauchen unverständlicher, Erklärung
    heischender Erscheinungen und die Bedingung
    des frühen, später vergessenen Erlebnisses.
    Und ebenso der Charakter des Zwanges,
    der sich mit Überwältigung des logischen
    Denkens der Psyche aufdrängt, und sie da-
    zu ein Zug, der z.B. bei der bei der Genese des Epos nicht in
    Betracht kam. Diese Analogie trifft sich in der Psychopathologie
    bei der Genese der menschlichen Neurosen
    also auf einem Gebiet, das der Einzelpsychologie
    angehört, während die religiösen Phänomene
    natürlich zur Massenpsychologie zu rechnen
    sind. Es wird sich zeigen, dass diese Analogie
    nicht so überraschend ist, als man zunächst
    meinen würde, ja dass sie eher einem
    Postulat entspricht.
     

        Die früh erlebten, später vergessenen Ein-
    drücke, denen wir eine so grosse Bedeu-
    tung für die Ätiologie der Neurosen
    zuschreiben, heissen wir Traumen. Es mag
    dahingestellt bleiben, ob die Ätiologie
    der Neurosen allgemein als eine
    traumatische angesehen werden darf.
    Der naheliegende Einwand dagegen ist, dass
    sich nicht in allen Fällen ein offenkundiges
    Trauma, aus der Urgeschichte des neurotischen
    Individuums herausheben lässt. Oft muss
    man sich bescheiden zu sagen, dass nichts
    anderes vorliegt als eine ausserge-
    wöhnliche, abnorme Reaktion auf Erleb-
    nisse und Anforderungen, die alle Indi-
    viduen treffen und von ihnen in anderer,
    normal zu nennender Weise verarbeitet
    und erledigt werden. Also zur Erklärung
    nichts anderes als das Zusammentreffen von
    hereditärer und konstitutioneller Dispo-
    sition. Wir brauchen uns nicht in
    diese Diskussion einzulassen, sondern
    bedürfen es nur
    In dieser Zusammenfassung heben sich aber
    zwei Punkte hervor. Der erste, dass
    die Genese der Neurose überall und
    jedesmal auf sehr frühe Kindheitsein-
    drücke zurückgeht.x) Zweitens, es ist
    x) Gemeint ist, es ist
     

  • S.

    21

    x) So dass es also unsinnig ist zu behaupten man
    übe Psychoanalyse wenn man gerade diese
    Urzeiten von der Erforschung und Berück-
    sichtigung ausschliesst, wie es von manchen
    Seiten geschieht.

    richtig, dass es Fälle giebt die man als „trauma-
    tische“ auszeichnet, weil die Wirkungen unver-
    kennbar auf einen oder mehrere starke Ein-
    drücke dieser Frühzeit zurückgehen, die sich
    einer normalen Erledigung entzogen haben
    so dass man urteilen möchte wären diese
    nicht vorgefallen, so wäre auch die Neurose
    nicht zu Stande gekommen. Es reichte
    nun für unsere Absichten hin wenn wir
    die gesuchte Analogie nur auf diese trau-
    matischen Fälle beschränken müssten. Aber
    die Kluft zwischen beiden Gruppen scheint nicht
    unüberbrückbar. Es ist sehr wohl möglich, beide
    ätiologische Bedingungen in einer Auf-
    fassung zu vereinigen; es kommt nur
    darauf an was man als traumatisch de-
    finiert. Wenn man annehmen darf dass
    das Erlebnis den traumatischen Charakter
    nur infolge eines quantitativen Faktors
    erwirbt, dass also in allen Fällen die Schuld
    an einem Zuviel von Anspruch liegt
    wenn das Erlebnis ungewöhnliche, pathologische
    Reaktionen hervorruft, so kann man leicht
    zur Auskunft gelangen dass bei der einen
    Konstitution etwas als Trauma wirkt,
    was bei anderer keine solche Wirkung
    hätte. Es ergiebt sich dann die Vorstellung
    einer gleitenden sog. Ergänzungsreihe
    in der zwei Faktoren zur ätiologischen
    Erfüllung zusammentreten ein Minder
    von einem durch ein Mehr vom anderen
    ausgeglichen wird, im Allgemeinen ein
    Zusammenwirken beider stattfindet und
    nur an den beiden Enden der Reihe von
    einer einfachen Motivierung die Rede sein
    kann. Nach dieser Erwägung kann man
    die Unterscheidung von traumatischer
    und nicht traumatischer Ätiologie
    als für die von uns gesuchte Analogie
    unwesentlich bei Seite lassen.

        Vielleicht ist es trotz der Gefahr der
    Wiederholung zweckmässig hier die
    Tatsachen zusammen zu stellen, welche die
    für uns bedeutsame Analogie enthalten.

  • S.

    22

    Es sind folgende: Es hat sich für unsere Forschung
    herausgestellt, dass das was wir die Phänomene
    (Symptome) einer Neurose heissen, die Folgen
    von gewissen Erlebnissen und Eindrücken
    sind, die wir eben darum als ätiologische
    Traumen anerkennen. Wir haben nun
    zwei Aufgaben vor uns: erstens die gemein-
    samen Charaktere dieser Erlebnisse
    und zweitens die der neurotischen Symp-
    tome aufzusuchen, wobei gewisse Schema-
    Ad I; a) tisierungen nicht vermieden zu
    werden brauchen.
    Ad I; a) Alle Traumen gehören der frühen
    Kindheit bis etwa zu 5 Jahren an. Eindrücke
    aus der Zeit der beginnenden Sprachfähigk.
    heben sich als besonders interessant her-
    vor; die Periode von 2-4 Jahren erscheint
    als die wichtigste; wann nach der Geburt
    diese Zeit der Empfänglichkeit beginnt
    lässt sich nicht sicher feststellen. b) Die
    betreffenden Erlebnisse sind in der Regel
    völlig vergessen, sie sind der Erinnerung
    nicht zugänglich, fallen in die Periode
    der infantilen Amnesie, die zumeist
    durch einzelne Erinnerungsreste, sog.
    Deckerinnerungen durchbrochen wird.
    c) Sie beziehen sich auf Eindrücke sexueller
    und aggressiver Natur, gewiss auch auf früh-
    zeitige Schädigungen des Ichs (narzisstische
    Kränkungen). Dazu ist zu bemerken, dass
    so junge Kinder zwischen sexuellen und
    rein aggressiven Handlungen nicht scharf
    unterscheiden wie später (sadistisches
    Missverständnis des Sexualaktes). Das Über-
    wiegen des sexuellen Moments ist nat-
    ürlich sehr auffällig und verlangt nach
    theoretischer Würdigung.
    Diese drei Punkte – frühzeitliches Vorkommen
    innerhalb der ersten 5 Jahre, Ver-
    gessenheit, sexuell-aggressiver Inhalt –
    gehören eng zusammen. Die Traumen sind
    entweder Erlebnisse am eigenen Körper
    oder Sinneswahrnehmungen, meist von
    Gesehenem und Gehörtem, also Erlebnisse
    oder Eindrücke. Der Zusammenhang dieser
    drei Punkte wird durch eine Theorie her-
    gestellt, ein Ergebnis der analytischen
    Arbeit, die allein eine Kenntnis der
    vergessenen Erlebnisse vermitteln, greller
    aber auch inkorrekter ausgedrückt, sie
    in die Erinnerung zurückbringen
    kann. Die Theorie lautet, dass im

  • S.

    23

    Gegensatz zur populären Meinung das Geschlechts-
    leben der Menschen – oder was ihm in
    späterer Zeit entspricht – eine Frühblüte zeigt
    die mit etwa 5 Jahren zu Ende ist, worauf
    die sogenannte Latenzzeit – bis zur Pubertät –
    folgt, in der keine Fortentwicklung der
    Sexualität vor sich geht, ja das Erreichte rück-
    gängig gemacht wird. Diese Lehre wird
    durch anatomische Untersuchung des Wachs-
    tums der inneren Genitalien bestätigt
    sie führt zur Vermutung, dass der Mensch
    von einer Tierart abstammt, die mit
    5 Jahren geschlechtsreif wurde, und weckt
    den Verdacht dass der Aufschub und zwei-
    zeitige Ansatz des Sexuallebens aufs in-
    nigste mit der Geschichte der Menschwer-
    dung zusammenhängt. Der Mensch scheint
    das einzige Tierwesen mit solcher Latenz
    und Sexualverspätung zu sein. Untersu-
    chungen an Primaten die meines
    Wissens nicht vorliegen wären für die
    Prüfung der Theorie unerlässlich.
    Psychologisch kann es nicht gleichgültig sein
    dass die Periode der infantilen Amnesie
    mit dieser Frühzeit der Sexualität
    zusammenfällt. Vielleicht enthält dieser
    Sachverhalt die wirkliche Bedingung für
    die Möglichkeit der Neurose, die ja in
    gewissem Sinne ein menschliches Vor-
    recht ist und in dieser Betrachtung als
    ein Überbleibsel (survival) der Urzeit
    erscheint wie gewisse Bestandstücke der
    Anatomie unseres Körpers.
    Ad II, gemeinsame Eigenschaften oder Beson-
    derheiten der neurotischen Phänomene;
    es sind zwei Punkte hervorzuheben. a) Die Wir-
    kungen des Traumas sind von zweierlei
    Art, positive und negative. Die ersteren
    sind Bemühungen, das Trauma wieder
    zur Geltung zu bringen, also das vergessene
    Erlebnis zu erinnern, oder noch besser
    es real zu machen, eine Wiederholung
    davon von Neuem zu erleben, wenn es
    auch nur eine frühere Affektbeziehung
    war, dieselbe in einer analogen Bezie-
    hung zu einer anderen Person neu
    wieder aufleben zu lassen. Man fasst
    diese Bemühungen zusammen als Fixierung
    an das Trauma und als Wiederholungs-
    zwang. Sie können in das sog. normale
    Ich aufgenommen werden und als ständige
    Tendenzen desselben ihm unwandelbare

  • S.

    24

    Charakterzüge verleihen, obwohl oder vielmehr
    gerade weil ihre wirkliche Begründung ihr histo-
    rischer Ursprung vergessen ist. So kann ein
    Mann der seine Kindheit in übermässiger
    heute vergessener Mutterbindung verbracht
    hat, sein ganzes Leben über nach einer Frau
    suchen, von der er sich abhängig machen kann,
    von der er sich nähren und erhalten
    lässt. Ein Mädchen das in früher Kindheit Objekt
    einer sexuellen Verführung wurde kann ihr
    späteres Sexualleben darauf einrichten immer
    wieder solche Angriffe zu provozieren. Es ist
    leicht zu erraten, dass wir durch solche
    Einsichten über das Problem der Neurose
    hinaus zum Verständnis der Charakter-
    bildung überhaupt vordringen.

        Die negativen Reaktionen verfolgen das
    entgegengesetzte Ziel, dass von den vergessenen
    Traumen nichts erinnert und nichts wieder-
    holt werden soll. Wir können sie als
    Abwehrreaktionen zusammenfassen. Ihr
    Hauptausdruck sind die sog. Vermeidungen
    die sich zu Hemmungen und Phobien steigern
    können. Auch diese negativen Reaktionen
    leisten die stärksten Beiträge zur Präg-
    ung des Charakters; im Grunde sind sie
    ebenso Fixierungen an das Trauma wie
    ihre Gegner, nur sind es Fixierungen mit
    entgegengesetzter Tendenz. Die Symptome
    der Neurose im engeren Sinne sind
    Kompromissbildungen, zu denen beiderlei
    von den Traumen ausgehende Strebungen
    zusammentreten, so dass bald der Anteil der
    einen, bald der der anderen Richtung in
    ihnen überwiegenden Ausdruck findet.
    Durch diesen Gegensatz der Reaktionen
    werden Konflikte hergestellt, die
    regulärer Weise zu keinem Abschluss
    kommen können.
    b). Alle diese Phänomene, die Symptome wie
    die Einschränkungen des Ichs und die stabilen
    Charakterveränderungen haben Zwangs-
    charakter, d.h. bei grosser psychischer Intensität
    zeigen sie eine weitgehende Unabhängig-
    keit von der Organisation der anderen
    seelischen Vorgänge, die den Forderungen
    der realen Aussenwelt angepasst sind
    den Gesetzen des logischen Denkens ge-
    horchen. Sie werden durch die äussere
    Realität nicht oder nicht genug beeinflusst,
    kümmern sich nicht um sie und um
    ihre psychische Vertretung, so dass sie
    leicht in aktiven Widerspruch zu
    beiden geraten. Sie sind gleichsam ein

  • S.

    25

    Staat im Staat, eine unzugängliche, zur Zusammen-
    arbeit unbrauchbare Partei, der es aber
    gelingen kann, das Andere, sog. Normale
    zu überwinden und in ihren Dienst zu
    zwingen. Geschieht dies, so ist damit die Herrschaft
    einer inneren psychischen Realität über die
    Realität der Aussenwelt erreicht, der Weg
    zur Psychose eröffnet. Auch wo es nicht so weit
    kommt, ist die praktische Bedeutung dieser
    Verhältnisse kaum zu überschätzen. Die
    Lebenshemmung und Lebensunfähigkeit
    der von einer Neurose beherrschten Personen
    ist ein in der menschlichen Gesellschaft
    sehr bedeutsamer Faktor, und man darf
    in ihr den direkten Ausdruck von ihrer
    Fixierung an ein frühes Stück ihrer
    Vergangenheit erkennen.

        Und nun fragen wir was ist es mit der
    Latenz, die uns mit Rücksicht auf die Analogie
    besonders interessieren muss? An das Trauma
    der Kindheit kann sich ein neurotischer
    Ausbruch unmittelbar anschliessen, eine
    Kindheitsneurose, erfüllt von den Bemühungen
    zur Abwehr, unter Bildung von Symptomen.
    Sie kann längere Zeit anhalten, auffällige
    Störungen verursachen, aber auch latent
    verlaufen und übersehen werden. In ihr
    behält in der Regel die Abwehr die Oberhand;
    auf jeden Fall bleiben Ichveränderungen, den
    Narbenbildungen vergleichbar, zurück.
    Nur selten setzt sich die Kinderneurose ohne
    Unterbrechung in die Neurose des Erwach-
    senen fort. Weit häufiger wird sie abgelöst
    von einer Zeit anscheinend ungestörter
    Entwicklung, ein Vorgang, der durch das
    Dazwischentreten der physiologischen Latenz-
    periode unterstützt oder ermöglicht
    wird. Erst später tritt die Wandlung ein,
    mit der die endgültige Neurose als ver-
    spätete Wirkung des Traumas manifest
    wird. Dies geschieht entweder mit dem
    Einbruch der Pubertät oder eine Weile
    später. Im ersteren Falle, indem die
    durch die physische Reifung verstärkten
    Triebe nun den Kampf wieder auf-
    nehmen können, in dem sie anfänglich
    der Abwehr unterlegen sind, im anderen
    Falle weil die bei der ersten Abwehr
    hergestellten Reaktionen und Ichverän-
    derungen sich nun als hinderlich für
    die Erledigung der neuen Lebensauf-
    gaben erweisen, so dass es nun zu
    schweren Konflikten zwischen den
    Anforderungen der realen Aussenwelt

  • S.

    26

    und dem Ich kommt, das seine im Abwehrkampf
    mühsam erworbene Organisation bewahren
    will. Das Phänomen einer Latenz der
    Neurose zwischen den ersten Reaktionen
    auf das Trauma und dem späteren Ausbruch
    der Erkrankung muss als typisch anerkannt
    werden. Man darf diese Erkrankung auch
    als Heilungsversuch ansehen, als Bemühung,
    die durch den Einfluss des Traumas ab-
    gespaltenen Antheile des Ichs wieder mit
    dem Übrigen zu versöhnen und zu einem
    gegen die Aussenwelt machtvollen Ganzen
    zu vereinigen. Aber ein solcher Versuch
    gelingt nur selten, wenn nicht die ana-
    lytische Arbeit zur Hilfe kommt, auch dann
    nicht immer und er endet häufig genug
    in einer völligen Verwüstung und
    Zersplitterung des Ichs oder in dessen
    Überwältigung durch den frühzeitig ab-
    gespaltenen, vom Trauma beherrschten
    Antheil.

        Um die Überzeugung des Lesers zu gewinnen,
    wäre die ausführliche Mittheilung zahl-
    reicher neurotischer Lebensgeschichten
    erforderlich. Aber bei der Weitläufigkeit
    und Schwierigkeit des Gegenstandes
    würde dies den Charakter Charakter dieser
    Arbeit Abhandlung völlig aufheben. Sie würde
    sich in eine Abhandlung über Neurosen-
    lehre umwandeln und auch dann
    wahrscheinlich nur auf jene Minderzahl
    wirken, die das Studium und die Ausü-
    bung der Psychoanalyse zur Lebens-
    aufgabe gewählt hat. Da ich mich hier an
    einen weiteren Kreis wende, kann
    ich nichts anderes thun als den Leser
    ersuchen, dass er den im Vorstehenden
    abgekürzt mitgetheilten Ausführungen
    eine gewisse vorläufige
    Glaubwürdigkeit zugestehe, womit also
    das Zugeständnis meinerseits verbunden
    ist, dass er die Folgerungen zu denen
    ich ihn führe, nur dann anzunehmen
    braucht, wenn die Lehren die ihre
    Voraussetzungen sind, sich als richtig
    bewähren.

        Ich kann immerhin versuchen, einen einzelnen
    Fall zu erzählen, der manche der erwähnten
    Eigenthümlichkeiten der Neurose besonders
    deutlich erkennen lässt. Natürlich darf man
    von einem einzigen Fall nicht erwarten
    dass er alles zeigen wird, und braucht
    nicht enttäuscht zu sein, wenn er sich
    inhaltlich weit von dem entfernt, wozu

  • S.

    27

    wir die Analogie suchen.

    Das Knäblein das, wie so häufig in kleinbürger-
    lichen Familien, in den ersten Lebensjahren
    das Schlafzimmer mit den Eltern theilt, hat wie-
    derholt ja regelmässig, Gelegenheit, im Alter
    der kaum erreichten Sprachfähigkeit die sex-
    uellen Vorgänge zwischen den Eltern
    zu beobachten, manches zu sehen und mehr
    noch zu hören. In seiner späteren Neurose
    die unmittelbar nach der ersten spontanen
    Pollution ausbricht, ist Schlafstörung das
    früheste und lästigste Symptom. Er wurde
    ausserordentlich empfindlich gegen nächt-
    liche Geräusche und konnte, einmal ge-
    weckt den Schlaf nicht wieder finden.
    Diese Schlafstörung war ein richtiges Kom-
    promisssymptom, einerseits der Ausdruck
    seiner Abwehr gegen jene nächtlichen
    Wahrnehmungen, andererseits ein Versuch
    das Wachsein wieder herzustellen in 
    dem er jenen Eindrücken lauschen
    konnte.

        Durch solche Beobachtung frühzeitig zu aggressiver
    Männlichkeit geweckt, begann der Knabe
    seinen Penis kleinen Penis mit der Hand zu erregen
    und verschiedene sexuelle Angriffe auf
    die Mutter zu unternehmen, in der
    Identifizierung mit dem Vater, an dessen
    Stelle er sich dabei setzte. Das gieng so fort
    bis er sich endlich von der Mutter das
    Verbot holte, sein Glied zu berühren und
    des Weiteren die Drohung von ihr hörte,
    sie werde es dem Vater sagen und
    der ihm zur Strafe das sündige Glied weg-
    nehmen. Diese Kastrationsdrohung hatte
    eine ausserordentlich starke traumatische
    Wirkung auf den Knaben. Er hatte gab
    seine sexuelle Tätigkeit auf und änderte
    seinen Charakter. Anstatt sich mit dem
    Vater zu identifizieren, fürchtete er ihn,
    stellte sich passiv zu ihm ein und provo-
    zierte ihn durch gelegentliche Schlimmheit zu
    körperlichen Züchtigungen, die für
    ihn sexuelle Bedeutung hatten, so dass
    er sich dabei mit der misshandelten
    Mutter identifizieren konnte. An die
    Mutter selbst klammerte er sich immer ängst-
    licher an, als ob er keinen Monat 
    Moment lang ihre Liebe entbehren könnte
    in der er den Schutz gegen die vom 
    Vater drohende Kastrationsgefahr er-
    blickte. In dieser Modifikation des 
    Oedipuskomplexes verbrachte er die 
    Latenzzeit, die von auffälligen Störungen

  • S.

    28

    frei blieb. Er wurde ein Musterknabe, hatte
    guten Erfolg in der Schule.

        Soweit haben wir die unmittelbare Wirkung
    des Traumas verfolgt und die Tatsache der
    Latenz bestätigt.

        Der Eintritt der Pubertät brachte die manifeste
    Neurose und offenbarte deren zweites Haupt-
    symptom, die sexuelle Impotenz. Er hatte die 
    Empfindlichkeit des Gliedes eingebüsst, ver-
    suchte nicht, es zu berühren, wagte nicht 
    sich einer Frau in sexueller Absicht zu
    nähern. Seine sexuelle Betätigung blieb
    eingeschränkt auf psychische Onanie 
    mit sadistisch-masochistischen Phantasien, in
    denen man unschwer die Ausläufer
    jener frühen Coitusbeobachtungen an 
    den Eltern erkennt. Der Schub ver-
    stärkter Männlichkeit, den die Puber-
    tät mit sich bringt, wurde für wütenden 
    Vaterhass und Widersetzlichkeit gegen 
    den Vater aufgewendet. Dies extreme, 
    bis zur Selbstzerstörung rücksichtslose
    Verhältnis zum Vater verschuldete
    auch seinen Misserfolg im Leben und 
    seine Konflikte mit der Aussenwelt.
    Er durfte es in seinem Beruf zu nichts 
    bringen weil der Vater ihn in diesen 
    Beruf gedrängt hatte. Er machte auch keine 
    Freunde, stand nie gut zu seinen Vorge-
    setzten.

        Als er mit diesen Symptomen und Unfähigkeite
    behaftet nach dem Tode des Vaters endlich
    eine Frau gefunden hatte kamen als Kern seines Wesens Charakter-
    züge bei ihm zum Vorschein die den Um-
    gang mit ihm zur schweren Aufgabe für
    alle ihm näherstehenden machten. Er
    entwickelte eine absolut egoistische despoti-
    sche und brutale Persönlichkeit der es
    offenbar Bedürfnis war die Anderen
    zu unterdrücken und zu kränken. Es
    war die getreue Kopie des Vaters, wie 
    sich dessen Bild in seiner Erinnerung 
    gestaltet hatte, also ein Wiederaufleben 
    der Vateridentifizierung, in die sich
    seinerzeit der kleine Knabe aus sex-
    uellen Motiven begeben hatte. In diesem 
    Stück erkennen wir die Wiederkehr 
    des Verdrängten, die wir nebst den 
    unmittelbaren Wirkungen des Traumas 
    und dem Phänomen der Latenz unter
    den wesentlichen Zügen einer Neurose 
    beschrieben haben.

  • S.

    29

    IV. Anwendung und Schwierigkeiten

    Frühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch
    der neurotischen Erkrankung – theilweise
    Wiederkehr des Verdrängten: so lautete
    die Formel, die wir für die Entwicklung
    einer Neurose aufgestellt haben. Der Leser
    wird nun eingeladen, den Schritt zur An-
    nahme zu machen, dass im Leben der Men-
    schenart ähnliches vorgefallen ist wie
    in dem der Individuen. Also dass es auch
    hier Vorgänge gegeben hat sexuell-aggress-
    iven Inhalts die bleibende Folgen hinter-
    lassen haben, aber zumeist abgewehrt,
    vergessen wurden, später nach langer
    Latenz zur Wirkung gekommen sind und
    Phänomene, den Symptomen ähnlich in
    Aufbau und Tendenz, geschaffen haben.
     

        Wir glauben diese Vorgänge errathen
    zu können und wollen zeigen, dass ihre
    symptomähnlichen Folgen die religiösen
    Phänomene sind. Da sich seit dem Auftauch[en]
    der Evolutionsidee nicht mehr bezweifeln
    lässt, dass das Menschengeschlecht eine
    Vorgeschichte hat und da diese unbekannt,
    das heisst vergessen ist, hat ein solcher Schluss
    beinahe das Gewicht eines Postulats. Wenn
    wir erfahren, dass die wirksamen und
    vergessenen Traumen sich hier wie dort
    auf das Leben in der menschlichen Familie
    beziehen, werden wir dies als eine
    hocherwünschte, nicht vorhergesehene, von
    den bisherigen Erörterungen nicht er-
    forderte Zugabe begrüssen.
     

        Ich habe diese Behauptungen schon vor einem
    Vierteljahrhundert in meinem Buch „Totem
    und Tabu“ (1912) aufgestellt und brauche
    sie hier x nur zu wiederholen. Die Kon-
    struktion geht von einer Angabe Ch. Darwin’s
    aus und bezieht eine Vermuthung von
    Atkinson ein. Sie besagt, dass in Urzeiten
    der Urmensch in kleinen Horden lebte,
    jede unter der Herrschaft eines starken
    Männchens. Die Zeit ist nicht angebbar,
    der Anschluss an die uns bekannten
    geologischen Epochen nicht erreicht, wahr-
    scheinlich hatte es jenes Menschenwesen
    in der Sprachentwicklung noch nicht
    weit gebracht. Ein wesentliches Stück der
    Konstruktion ist die Annahme, dass die
    zu beschreibenden Schicksale alle Ur-
    menschen, also alle unsere Ahnen be-
    troffen haben.
     

  • S.

    30

    Die Geschichte wird in grossartiger Verdicht-
    ung erzählt, als ob sich ein einziges Mal zuge-
    tragen hätte, was sich in Wirklichkeit über
    Jahrtausende erstreckt und in dieser
    langen Zeit ungezählt oft wiederholt
    worden ist. Das starke Männchen war Herr
    und Vater der ganzen Horde, unbeschränkt
    in seiner Macht, die er gewaltthätig ge-
    brauchte. Alle weiblichen Wesen waren
    sein Eigentum, die Frauen und Töchter
    der eigenen Horde, wie vielleicht auch
    die aus anderen Horden geraubten. Das
    Schicksal der Söhne war ein hartes; wenn
    sie die Eifersucht des Vaters erregten,
    wurden sie erschlagen oder kastrirt
    oder ausgetrieben. Sie waren darauf
    angewiesen in kleinen Gemeinschaften zu-
    sammen zu leben und sich Frauen durch
    Raub zu verschaffen, wo es dann dem
    Einen oder Anderen gelingen konnte,
    sich zu einer ähnlichen Position empor zu-
    arbeiten wie die des Vaters in der Ur-
    horde. Eine Ausnahmestellung ergab sich
    aus natürlichen Gründen für die jüngsten
    Söhne, die durch die Liebe der Mutter
    geschützt aus dem Altern des Vaters
    Vortheil ziehen und ihn nach seinem Ableben
    ersetzen konnten. Sowohl von der Aus-
    treibung der älteren wie von der
    Bevorzugung der jüngsten Söhne glaubt
    man Nachklänge in Sagen und Märchen
    zu erkennen.
     

        Der nächste entscheidende Schritt zur Änderung
    dieser ersten Art von „sozialer“ Organisation
    soll gewesen sein, dass die vertriebenen,
    in Gemeinschaft lebenden Brüder sich zu-
    sammenthaten, den Vater überwältigten
    und ihn nach der Sitte jener Zeiten roh
    verzehrten. An diesem Kannibalismus
    braucht man keinen Anstoss zu nehmen,
    er ragt weit in spätere Zeiten hinein.
    Wesentlich ist es aber, dass wir diesen Ur-
    menschen die nämlichen Gefühlsein-
    stellungen zuschreiben, wie wir sie bei
    den Primitiven der Gegenwart, unseren
    Kindern, durch analytische Erforschung
    feststellen können. Also dass sie den Vater
    nicht nur hassten und fürchteten, sondern
    auch ihn als Vorbild verehrten, und dass
    jeder sich in Wirklichkeit an seine
    Stelle setzen wollte. Der kannibalistische
    Akt wird dann verständlich als Ver-
    such, sich durch Einverleibung eines Stücks
    von ihm der Identifizierung mit ihm
    zu versichern.
     

  • S.

    31

    Es ist anzunehmen, dass nach der Vatertödtung
    eine längere Zeit folgte in der die Brüder
    mit einander um das Vatererbe stritten
    da ein Jeder für sich allein gewinnen wollte.
    Die Einsicht in die Gefahren und die Erfolglosig-
    keit dieser Kämpfe, die Erinnerung an die
    gemeinsam vollbrachte Befreiungsthat und
    die Gefühlsbindungen an einander,
    die während der Zeiten der Vertreibung
    entstanden waren, führten endlich zu einer
    Einigung unter ihnen, einer Art von Gesell-
    schaftsvertrag. Es entstand die erste Form
    einer sozialen Organisation mit Trieb-
    verzicht, Anerkennung von gegenseitigen
    Verpflichtungen, Einsetzung bestimmter, für un-
    unverbrüchlich (heilig) erklärter Institu-
    tionen, die Anfänge also von Moral
    und Recht. Jeder einzelne verzichtete
    auf das Ideal, die Vaterstellung für
    sich zu erwerben, auf den Besitz von
    Mutter und Schwestern. Damit war das
    Inzesttabu und das Gebot der Exogamie
    gegeben. Ein gutes Stück der durch die
    Beseitigung des Vaters frei gewordenen
    Machtvollkommenheit gieng auf die Frauen
    über, es kam die Zeit des Matriarchats.
    Das Andenken des Vaters lebte in dieser
    Periode des „Brüderbundes“ fort. Ein
    starkes, vielleicht zuerst immer auch gefürch-
    tetes Thier wurde als Vaterersatz gefunden.
    Eine solche Wahl mag uns befremdend er-
    scheinen, aber die Kluft, die der Mensch
    später zwischen sich und dem Thier herstellt
    hat, bestand nicht für den Primitiven
    und besteht auch nicht bei unseren Kin-
    dern, deren Thierphobien wir als Vater-
    angst verstehen konnten. Im Verhältnis
    zum Totemthier war die ursprüngliche
    Zwiespältigkeit (Ambivalenz) der Ge-
    fühlsbeziehung zum Vater voll erhalten.
    Der Totem galt einerseits als leiblicher
    Ahnherr und Schutzgeist des Clans, er musste
    geehrt und geschont werden, ander-
    seits wurde ein Festtag einge-
    setzt, an dem ihm das Schicksal bereitet
    wurde, das der Urvater gefunden
    hatte. Er wurde von allen Genossen
    gemeinsam getödtet und verzehrt
    (Totemmahlzeit nach Robertson Smith).
    Dieser grosse Festtag war in Wirklich-
    keit eine Triumphfeier des Sieges
    der verbündeten Söhne
    über den Vater.
     

  • S.

    32

    Wo bleibt in diesem Zusammenhange die
    Religion? Ich meine, wir haben ein volles
    Recht im Totemismus mit seiner Verehr-
    ung eines Vaterersatzes, der durch die Totem-
    mahlzeit bezeugten Ambivalenz, der Ein-
    setzung von Gedenkfeiern, von Verboten
    deren Übertretung mit dem Tode bestraft
    wird, – wir dürfen im Totemismus sage
    ich, die erste Erscheinungsform der
    Religion in der menschlichen Geschichte
    erkennen und deren von Anfang an
    bestehende Verknüpfung mit sozialen
    Gestaltungen und moralischen Ver-
    pflichtungen bestätigen. Die weiteren
    Entwicklungen der Religion können
    wir hier nur in kürzester Überschau
    behandeln. Sie gehen ohne Zweifel par-
    allel mit den kulturellen Fortschritten
    des Menschengeschlechts und den Ver-
    änderungen im Aufbau der mensch-
    lichen Gemeinschaften.
    Der nächste Fortschritt vom Totemismus
    her ist die Vermenschlichung des göttlichen
    Wesens. An die Stelle der Thiere treten
    menschliche Götter, deren Herkunft vom
    Totemthier nicht verhüllt ist. Entweder
    wird der Gott noch in Thiergestalt oder
    wenigstens mit dem Angesicht des Thieres
    gebildet oder der Totem wird zum
    bevorzugten Begleiter des Gottes, von ihm
    unzertrennlich, oder die Sage lässt den
    Gott grade dieses Thier erlegen, das doch
    nur seine Vorstufe war. An einer
    nicht leicht bestimmbaren Stelle dieser
    Entwicklung treten grosse Mutter-
    gottheiten auf, wahrscheinlich noch vor
    den männlichen Göttern die sich dann
    lange Zeit neben diesen erhalten.
    Unterdes hat sich eine grosse soziale
    Umwälzung vollzogen. Das Mutterrecht
    wurde durch eine wieder hergestellte
    patriarchalische Ordnung abgelöst. Die
    neuen Väter erreichten freilich
    nie die Allmacht des Urvaters
    es waren ihrer viele, die in grösseren
    Verbänden, als die Horde gewesen
    war, mit einander lebten; sie
    mussten sich mit einander gut ver-
    tragen, blieben durch soziale
    Satzungen beschränkt. Wahrscheinlich
    entstanden die Muttergottheiten zur
    Zeit der Einschränkung des Matri-
    archats zur Entschädigung der zurück-
    gesetzten Mütter. Die männlichen Gottheiten
     

  • S.

    33

    erscheinen zuerst als Söhne neben den
    grossen Müttern, erst später nehmen sie
    deutlich die Züge von Vatergestalten
    an. Diese männlichen Götter des Polytheismus
    spiegeln die Verhältnisse der
    patriarchalischen Zeit wider. Sie sind
    zahlreich, beschränken einander gegenseitig,
    unterordnen sich gelegentlich einem über-
    legenen Obergott. Der nächste Schritt aber
    führt zu dem Thema das uns hier be-
    schäftigt, zur Wiederkehr des einen
    einzigen unumschränkt herrschenden
    Vätergottes.
     

        Es ist zuzugeben, dass diese historische Übersich[t]
    lückenhaft und in manchen Punkten un-
    gesichert ist. Aber wer unsere Konstruktion
    der Urgeschichte nur für phantastisch erklären
    wollte, der würde den Reichthum und
    die Beweiskraft des Materials, das in sie
    eingegangen ist arg unterschätzen. Grosse
    Stücke der Vergangenheit die hier zu einem
    Ganzen verknüpft werden, sind historisch
    bezeugt, der Totemismus, die Männerbünde.
    Anderes hat sich in ausgezeichneten Repliken
    erhalten. So ist es mehrmals einem Autor
    aufgefallen, wie getreu der Ritus der
    christlichen Communion, in der der Gläu-
    bige sich in symbolischer Form Blut und
    Fleisch seines Gottes sich einverleibt Sinn
    und Inhalt der alten Totemmahlzeit
    wiederholt. Zahlreiche Überbleibsel der
    vergessenen Urzeit sind in den Sagen
    und Märchen der Völker erhalten
    und in unerwarteter Reichhaltigkeit
    hat das analytische Studium des kindlichen
    Seelenlebens Stoff geliefert, um die
    Lücken unserer Kenntnis der Urzeiten
    auszufüllen. Als Beiträge zum Verständnis
    des so bedeutsamen Vaterverhält-
    nisses brauche ich nur die Thierphobien,
    die so seltsam anmutende Furcht, vom
    Vater gefressen zu werden, und die
    ungeheure Intensität der Kastrations-
    angst anzuführen. Es ist nichts an unserer
    Konstruktion was frei erfunden wäre,
    was sich nicht auf gute Grundlagen
    stützen könnte.
     

  • S.

    34

    Nimmt man unsere Darstellung der Urgeschichte
    als im Ganzen glaubwürdig an, so erkennt
    man in den religiösen Lehren und Riten
    zweierlei Elemente, einerseits Fixierungen an
    die alte Familiengeschichte und Überbleibsel
    derselben, andererseits Wiederherstellungen
    der Vergangenheit, Wiederkehren des Ver-
    gessenen nach langen Intervallen. Der
    letztere Antheil ist der, der bisher übersehen
    und darum nicht verstanden, hier an
    wenigstens einem eindrucksvollen Beispiel
    erwiesen werden soll.
    Es ist besonderer Hervorhebung wert, dass
    jedes aus der Vergessenheit wieder-
    kehrende Stück sich mit besonderer
    Macht durchsetzt, einen unvergleichlich
    starken Einfluss auf die Menschenmassen
    übt und einen unwiderstehlichen An-
    spruch auf Wahrheit erhebt, gegen den
    logischer Einspruch machtlos bleibt. Nach
    Art des credo quia absurdum. Dieser
    merkwürdige Charakter lässt sich nur
    nach dem Muster des Irrwahns der
    Psychotiker verstehen. Wir haben längst
    begriffen, dass in der Wahnidee
    ein Stück vergessener Wahrheit steckt, das sich bei
    seiner Wiederkehr Entstellungen und
    Missverständnisse gefallen lassen
    musste, und dass die zwanghafte Über-
    zeugung die sich für den Wahn her-
    stellt, von diesem Wahrheitskern
    ausgeht und sich auf die umhüllenden
    Irrthümer ausbreitet. Einen solchen Ge-
    halt an historisch zu nennender Wahr-
    heit müssen wir auch den Glaubens-
    sätzen der Religionen zugestehen, die
    zwar den Charakter psychotischer Symptome
    an sich tragen, aber als Massenphäno-
    mene dem Fluch der Isolirung ent-
    zogen sind.
     

    Kein anderes Stück der Religionsgeschichte
    ist uns so durchsichtig geworden wie die
    Einsetzung des Monotheismus im Judentum
    und dessen Fortsetzung im Christentum,
    wenn wir die ähnlich lückenlos ver-
    ständliche Entwicklung vom thierischen
    Totem zum menschlichen Gott mit seinem
    regelmässigen Begleiter bei Seite lassen
    (Noch jeder der vier christlichen Evangelisten
    hat sein Lieblingsthier). Lassen wir
    vorläufig die pharaonische Weltherrschaft
    als Anlass für das Auftauchen der
    monotheistischen Idee gelten, so sehen
    wir, dass diese von ihrem Boden losge-
    löst und auf ein anderes Volk über-
     

  • S.

    35

    tragen von diesem Volk nach einer langen
    Zeit der Latenz Besitz ergreift, als kostbar-
    ster Besitz von ihm gehütet wird und nun
    ihrerseits das Volk am Leben erhält, indem
    sie ihm den Stolz der Auserwähltheit schenkt.
    Es ist die Religion des Urvaters an die
    sich die Hoffnung auf Belohnung, Auszeich-
    nung endlich auf Weltherrschaft knüpft.
    Diese letztere Wunschphantasie, vom jüdischen
    Volk längst aufgegeben lebt noch heute
    bei den Feinden des Volkes im Glauben
    an die Verschwörung der „Weisen von
    Zion“ fort. Wir behalten uns vor in
    einem späteren Abschnitt darzustellen,
    wie die besonderen Eigentümlichkeiten der
    Aegypten entlehnten monotheistischen
    Religion auf das jüdische Volk wirkten und
    seinen Charakter für die Dauer prägen
    mussten durch die Ablehnung von Magie
    und Mystik, die Anregung zu Fortschritten
    in der Geistigkeit, die Aufforderung
    zu Sublimierungen, wie das Volk durch
    den Besitz der Wahrheit beseligt, vom
    Bewusstsein der Auserwähltheit über-
    wältigt zur Hochschätzung des Intellektuellen
    und zur Betonung des Ethischen gelangte,
    und wie die traurigen Schicksale, die
    realen Enttäuschungen dieses Volkes alle
    diese Tendenzen verstärken
    konnten. Für jetzt wollen wir
    die Entwicklung in anderer Richtung
    verfolgen.
     

    Die Wiedereinsetzung des Urvaters in
    seine historischen Rechte war ein grosser
    Fortschritt, aber es konnte nicht das Ende
    sein. Auch die anderen Stücke der prähis-
    torischen X Tragödie drängten nach
    Anerkennung. Was diesen Prozess in
    Gang brachte, ist nicht leicht zu erraten.
    Es scheint, dass ein wachsendes Schuldbe-
    wusstsein sich des jüdischen Volkes, viel-
    leicht der ganzen damaligen Kultur-
    welt bemächtigt hatte, als Vorläufer
    der Wiederkehr des verdrängten Inhalts.
    Bis dann einer aus diesem jüdischen
    Volk in der Justifizierung eines politisch-
    religiösen Agitators den Anlass fand,
    mit dem eine neue, die christliche Religion
    sich vom Judentume ablöste. Paulus,
    ein römischer Jude aus Tarsus, griff dieses
    Schuldbewusstsein auf und führte es
    richtig auf seine urgeschichtliche Quelle
    zurück. Er nannte diese die „Erbsünde“,
    es war ein Verbrechen gegen Gott,
    das nur durch den Tod gesühnt werden
     

  • S.

    36

    konnte. Mit der Erbsünde war der Tod in
    die Welt gekommen. In Wirklichkeit war
    dies todwürdige Verbrechen der Mord
    am später vergötterten Urvater gewesen.
    Aber es wurde nicht die Mordthat erinnert
    sondern anstatt dessen ihre Sühnung phan-
    tasiert, und darum konnte diese Phantasie
    als Erlösungsbotschaft (Evangelium) begrüsst
    werden. Ein Sohn Gottes hatte sich als Un-
    schuldiger tödten lassen und damit die
    Schuld Aller auf sich genommen. Es musste
    ein Sohn sein, denn es war ja ein
    Mord am Vater gewesen. Wahrschein-
    lich hatten Traditionen aus orientalischen
    und griechischen Mysterien auf den
    Ausbau der Erlösungsphantasie Einfluss
    genommen. Das Wesentliche an ihr scheint
    Paulus’ eigener Beitrag gewesen zu sein.
    Er war ein im eigentlichsten Sinn
    religiös veranlagter Mensch; die dunk-
    len Spuren der Vergangenheit lagen
    lauernd in seiner Seele, bereit zum Durchbruch
    in bewusstere Regionen.
     

        Dass sich der Erlöser schuldlos geopfert hatte,
    war eine offenbar tendenziöse Ent-
    stellung, die dem logischen Verständnis
    Schwierigkeiten bereitete, denn wie
    soll ein an der Mordthat Unschuldiger
    die Schuld der Mörder auf sich nehmen
    können, dadurch dass er sich selbst
    tödten lässt? In der historischen Wirk-
    lichkeit bestand ein solcher Widerspruch
    nicht. Der Erlöser konnte kein anderer
    sein als der Hauptschuldige, der Anführer
    der Brüderbande die den Vater über-
    wältigt hatte. Ob es einen solchen Anführer
    und Hauptrebellen gegeben hat, muss
    man nach meinem Urteil unentschieden
    lassen. Es ist sehr wohl möglich, aber man
    muss auch in Betracht ziehen, dass jeder
    Einzele der Brüderbande gewiss den
    Wunsch hatte, für sich allein die That zu
    begehen und sich so eine Ausnahme-
    stellung und einen Ersatz für die
    aufzugebende, in der Gemeinschaft
    untergehende Vateridentifizierung
    zu schaffen. Wenn es keinen solchen
    Anführer gab, dann ist Christus der
    Erbe einer unerfüllt gebliebenen
    Wunschphantasie,x) aber gleichgiltig, ob
    hier Phantasie oder Wiederkehr einer
    vergessenen Realität vorliegt, jeden-
     

  • S.

    37

    falls ist an dieser Stelle der Ursprung der Vor-
    stellung vom Heros zu finden, vom Helden
    der sich immer gegen den Vater empört
    und ihn in irgend einer Gestalt tödtet.
    Auch die wirklich Begründung der sonst
    schwer nachweisbaren „tragischen Schuld“
    des Helden im Drama. Es ist nicht kaum be=
    deutungslos, dass im Mittelalter das Theater
    mit der Darstellung der Passionsge-
    schichte wieder neu beginnt.
    Wir haben schon gesagt dass die christliche
    Ceremonie der heiligen Communion in
    der der Gläubige sich Blut und Fleisch des Heilands
    sich einverleibt, den Inhalt der alten
    Totemmahlzeit wiederholt, freilig nur
    in ihrem zärtlichen die Verehrung aus-
    drückenden, nicht in ihrem aggressiven
    Sinn. Die Ambivalenz die das Vaterver-
    hältnis beherrscht zeigte sich aber deutlich
    im Endergebnis der religiösen Neuerung.
    Angeblich zur Versöhnung des Vater-
    gottes bestimmt, gieng sie in dessen Ent-
    thronung und Beseitigung aus. Das Judentum
    war eine Vaterreligion gewesen, das
    Christentum wurde eine Sohnesreligion.
    Der alte Gottvater trat hinter Christus
    zurück, Christus der Sohn kam an seine
    Stelle, ganz so, wie es in jener Urzeit
    jeder Sohn ersehnt hatte. Paulus der Fort-
    setzer des Judentums wurde auch sein
    Zerstörer. Seinen Erfolg dankte er gewiss
    in erster Linie der Tatsache, dass er durch
    die Erlösungsidee das Schuldbewusstsein
    der Menschheit beschwor, aber daneben
    auch dem Umstand, dass er die Auser-
    wähltheit seines Volkes und ihr sichtbares
    Anzeichen, die Beschneidung, aufgab, so
    dass die neue Religion eine universelle,
    alle Menschen umfassende werden
    konnte. Mag an diesem Schritt des Paulus
    auch seine persönliche Rachsucht Antheil
    gehabt haben ob des Widerspruchs, den
    seine Neuerung in jüdischen Kreisen
    fand, so war doch damit ein Charakter
    der alten Atonreligion wiederhergestellt,
    eine Einengung aufgehoben worden,
    die sie beim Uebergang auf einen neuen
    Träger, auf das jüdische Volk, erworben
    hatte.
     

  • S.

    38

    In manchen Hinsichten bedeutete die neue
    Religion eine kulturelle Regression gegen
    die ältere jüdische wie es ja beim
    Einbruch oder bei der Zulassung neuer
    Menschenmassen von niedrigerem
    Niveau regelmässig der Fall ist. Die christ-
    liche Religion hielt die Höhe der Vergeistig-
    ung nicht ein, zu der sich das Judentum
    aufgeschwungen hatte. Sie war nicht mehr
    streng monotheistisch übernahm von den
    umgebenden Völkern zahlreiche symbolische
    Riten stellte die grosse Muttergottheit
    wieder her und fand Platz zur Unter-
    bringung vieler Göttergestalten des
    Polytheismus in durchsichtiger
    Verhüllung, obzwar in untergeordneten
    Stellungen. Vor allem verschloss sie
    sich nicht wie die Atonreligion und die
    ihr nachfolgende mosaische dem Eindringen
    abergläubischer magischer und mystischer
    Elemente, die für die geistige Entwicklung
    der nächsten zwei Jahrtausende eine
    schwere Hemmung bedeuten sollten.
    Der Triumph des Christentums war ein
    erneuerter Sieg der Ammons-
    priester über den Gott Ikhnaton's
    nach anderthalbtausendjährigem
    Intervall und auf erweitertem
    Schauplatz.
    Und doch war das Christentum religionsgeschichtlich d.h. in
    Bezug auf die Wiederkehr des Ver-
    drängten ein Fortschritt, das Judentum
    von da ab gewissermassen ein Fossil.
     

        Es wäre der Mühe wert zu verstehen wie
    es kam, dass die monotheistische Idee grade
    auf das jüdische Volk einen so tiefen Ein-
    druck machen und von ihm so zähe festge-
    halten werden konnte. Ich glaube, man
    kann diese Frage beantworten. Das Schick-
    sal hatte (jüdischen) diesem Volk die Grossthat
    und Unthat der Urzeit, nämlich den (der Vatertödtung)
    Mord an dem Vater nähergerückt in-
    dem es sie veranlasste, sie an der
    Person des Moses, einer hervorragenden
    Vatergestalt, zu wiederholen. Es war
    ein Fall von „Agiren“ anstatt zu erinnern,
    wie es so häufig während der analytischen
    Arbeit am Neurotiker ereignet. Auf
    die Anregung zur Erinnerung die ihnen
    die Lehre Moses’ brachte, reagirten
    sie aber mit der Verleugnung der ihrer
    ihrer Aktion, blieben bei der Anerkennung
    des grossen Vaters stehen und sperrten
    sich so den Zugang zur Stelle an der
     

  • S.

    39

    später Paulus die Fortsetzung der Vorgeschichte
    anknüpfen sollte. Ist es dann gleichgiltig
    oder zufällig, dass die gewaltsame Tödtung
    eines anderen grossen Mannes auch der
    Ausgangspunkt für die religiöse Neuschöpfung
    des Paulus wurde? Eines Mannes, den eine
    kleine Anzahl von Anhängern in Judaea
    für den Sohn Gottes und den angekündigten
    Messias hielt, auf den auch später ein Stück
    der dem Moses angedichteten Kindheitssage
    Schick übergieng, von dem wir aber in
    Wirklichkeit kaum mehr Sicheres wissen
    als von Moses selbst, nicht wissen, ob er
    wirklich der grosse Lehrer war den die
    Evangelien schildern, oder ob sein Haupt-
    verdienst darin bestand, sich tödten zu
    lassen. Paulus, der sein Apostel wurde, hat
    ihn selbst nicht gekannt.
     

        Die von Sellin aus ihren Spuren in der
    Tradition erkannte, merkwürdiger Weise
    vom jungen Goethe ohne jeden Beweis ange-
    nommene Tödtung des Moses durch sein Juden-
    volk wird so ein unentbehrliches Stück unserer
    Konstruktion, ein wichtiges Bindeglied
    zwischen dem vergessenen Vorgang der
    Urzeit und dem späten Wiederauftauchen
    in der Form der monotheistischen Reli-
    gionen. Es ist eine ansprechende Vermutung
    dass die Reue um den Mord an Moses
    den Antrieb zur Wunschphantasie vom
    Messias gab, der wiederkommen und seinem
    Volk die Erlösung und die versprochene
    Weltherrschaft bringen sollte. Wenn Moses
    dieser erste Messias war, dann ist Christus
    sein Ersatzmann und Nachfolger geworden,
    dann konnte auch Paulus mit einer gewissen
    historischen Berechtigung den Völkern zurufen:
    Sehet, der Messias ist wirklich gekommen, er
    ist ja vor Euren Augen hingemordet worden.
    Dann ist auch an der Auferstehung Christi
    ein Stück historischer Wahrheit, denn er
    war der wieder erstandene Moses, hinter
    diesem der wiedergekehrte Urvater der
    primitiven Horde, verklärt und als Sohn an
    die Stelle des Vaters gerückt.
     

        Das arme jüdische Volk, das mit gewohnter
    Hartnäckigkeit den Mord am Vater zu
    verleugnen fortfuhr, hat im Laufe der
    Zeiten schwer dafür gebüsst. Es wurde
    ihm immer wieder vorgehalten: Ihr habt
    unseren Gott getödtet. Und dieser Vor-
    wurf hat Recht wenn man ihn richtig über-
    setzt. Er lautet dann auf die Geschichte der
    Religionen bezogen: Ihr wollt nicht zugeben,
     

  • S.

    40

    dass Ihr Gott (das Urbild Gottes, den Urvater, und seine
    späteren Reinkarnationen) gemordet habt. Ein
    Zusatz sollte aussagen: Wir haben freilich
    dasselbe gethan aber wir haben es zugestanden
    und wir sind seither entsühnt. Nicht alle Vor-
    würfe, mit denen der Antisemitismus
    die Nachkommen des jüdischen Volkes ver-
    folgt können sich auf eine ähnliche Recht-
    fertigung berufen. Ein Phänomen von
    der Intensität und Dauerhaftigkeit des
    Judenhasses der Völker muss natürlich
    mehr als nur einen Grund haben. Man
    kann eine ganze Reihe von Gründen
    errathen, manche offenkundig aus der
    (abgeleitet) Realität stammend die keiner Deutung be-
    dürfen, andere tieferliegende, aus geheimen
    Quellen stammend, die man als die spezi-
    fischen Motive anerkennen möchte. Von
    den ersteren ist der Vorwurf der Land-
    fremdheit wohl der hinfälligste, denn an
    vielen, heute vom Antisemitismus beherrsch-
    ten Orten gehören die Juden zu den
    ältesten Antheilen der Bevölkerung oder
    sind selbst früher zur Stelle gewesen als
    die gegenwärtigen Einwohner. Das trifft
    z.B. zu für die Stadt Köln, wohin die
    Juden mit den Römern kamen, ehe sie
    noch von Germanen besetzt wurde. Andere
    Begründungen des Judenhasses sind stärker,
    so der Umstand, dass sie zumeist als Minori-
    täten unter anderen Völkern leben,
    denn das Gemeinschaftsgefühl der Massen
    braucht zu seiner Ergänzung die Feind-
    seligkeit gegen eine aussenstehende
    Minderzahl, und die numerische Schwäche
    dieser Ausgeschlossenen fordert zu deren
    Unterdrückung auf. Ganz unverzeihlich
    sind aber zwei andere Eigenheiten der
    Juden. Erstens dass sie in manchen Hin-
    sichten verschieden sind von ihren
    „Wirtsvölkern“. Nicht grundverschieden
    denn sie sind nicht fremdrassige Asiaten
    wie die Feinde behaupten, sondern
    zumeist aus Resten der mediter-
    ranen Völker zusammengesetzt und Erben
    der Mittelmeerkultur. Aber sie sind
    doch anders, oft in undefinierbarer Weise
    anders als zumal die nordischen Völker
    und die Intoleranz der Massen äussert
    sich merkwürdiger Weise gegen kleine
    Unterschiede stärker als gegen funda-
    mentale Differenzen. Noch stärker
    wirkt der zweite Punkt, nämlich
    dass sie allen Bedrückungen trotzen
    dass es nicht den grausamsten Ver-
    folgungen nicht gelungen ist, sie aus-
     

  • S.

    41

    rotten, ja dass sie vielmehr die Fähigkeit
    zeigen sich im Erwerbsleben zu behaupten
    und, wo man sie zulässt werthvolle Beiträge
    zu allen kulturellen Leistungen zu machen.
     

        Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln
    in längst vergangenen Zeiten, sie wirken
    aus dem Unbewussten der Völker und
    ich bin darauf gefasst, dass sie zunächst nicht
    glaubwürdig erscheinen werden. Ich wage
    die Behauptung, dass die Eifersucht auf das
    Volk, welches sich für das erstgeborene
    bevorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei
    den Anderen heute noch nicht überwunden
    ist, so als ob sie dem Anspruch Glauben
    geschenkt hätten. Ferner hat unter den
    Sitten, durch die sich die Juden absonderten
    die der Beschneidung einen unliebsamen
    unheimlichen Eindruck gemacht, der sich
    wohl durch die Mahnung an die gefürch-
    tete Kastration erklärt und damit
    an ein gern vergessenes Stück der ur-
    zeitlichen Vergangenheit rührt. Und endlich
    das späteste Motiv dieser Reihe, man sollte
    nicht vergessen, dass alle diese Völker
    die sich heute im Judenhass hervorthun,
    erst in späthistorischen Zeiten Christe[n] ge-
    worden sind, oft erst durch blutigen
    Zwang dazu getrieben. Man könnte
    sagen, sie sind alle „schlecht getauft“, unter
    einer dünnen Tünche von Christentum
    sind sie geblieben, was ihre Ahnen waren
    die einem barbarischen Polytheismus
    huldigten. Sie haben ihren Groll gegen
    die neue, ihnen aufgedrängte Religion
    nicht überwunden, aber sie haben ihn
    auf die Quelle verschoben, von der
    das Christentum zu ihnen kam. Die Thatsache
    dass die Evangelien eine Geschichte
    erzählen, die unter Juden und eigentlich
    nur von Juden handelt, hat ihnen eine
    solche Verschiebung erleichtert. Ihr Juden-
    hass ist im Grunde Christenhass, und man
    braucht sich nicht zu wundern, dass in
    der deutschen nationalsocialistischen Revo-
    lution diese innige Beziehung der
    zwei monotheistischen Religionen
    in der feindseligen Behandlung Beider
    so deutlichen Ausdruck findet.

  • S.

    42

    V Schwierigkeiten

    Vielleicht ist es im Vorstehenden geglückt
    die Analogie zwischen neurotischen Vorgängen
    und den religiösen Geschehnissen durch-
    zuführen, und damit auf den unvermuthet-
    eten Ursprung der letzteren hinzuweisen.
    Bei dieser Uebertragung aus der Indivi-
    dual- in die Massenpsychologie stellen
    sich zwei Schwierigkeiten heraus von ver-
    schiedener Natur und Würdigkeit, denen
    wir uns jetzt zuwenden müssen. Die
    erste ist, dass wir hier nur einen Fall
    aus der reichhaltigen Phänomenologie der
    Religionen behandelt, kein Licht geworfen
    auf die anderen. Mit Bedauern muss
    der Autor eingestehen, dass er nicht mehr
    geben kann als diese eine Probe, dass
    sein Fachwissen nicht ausreicht um die
    Untersuchung zu vervollständigen.
    Er kann aus seiner beschränkten Kenntnis
    etwa noch hinzufügen, der Fall der
    mahomedanischen Religionsstiftung erscheine
    ihm wie eine abgekürzte Wiederholung
    der jüdischen, als deren Nachahmung sie auftrat.
    Es scheint ja dass der Prophet ursprünglich
    die Absicht hatte für sich und sein Volk
    das Judentum voll anzunehmen. Die
    Wiedergewinnung des einzigen grossen
    Urvaters brachte bei den Arabern eine
    ausserordentliche Hebung des Selbstbe-
    wusstseins hervor, die zu grossen welt-
    lichen Erfolgen führte, sich aber auch in
    ihnen erschöpfte. Allah zeigte sich seinem
    auserwählten Volk weit dankbarer
    als seinerzeit Jahve dem seinen. Aber die
    innere Entwicklung der neuen Religion
    kam bald zum Stillstand, vielleicht
    weil es an der Vertiefung fehlte, die
    im jüdischen Falle der Mord am Religions-
    stifter verursacht hatte. Die anscheinend
    rationalistischen Religionen des Ostens
    sind ihrem Kern nach Ahnenkult, machen
    also auch Halt bei einer frühen Stufe
    der Rekonstruktion des Vergangenen.
    Wenn es richtig ist, dass bei primitiven
    Völkern der Jetztzeit die Anerkennung
    eines höchsten Wesens als einziger In-
    halt ihrer Religion gefunden wird,
    so kann man dies nur als Verküm-
    merung der Religionsentwicklung auf-
    fassen und in Beziehung setzen zu
    den ungezählten Fällen rudimentärer
    Neurosen, die man auf jenem
    anderen Gebiet konstatiert. Warum
     

  • S.

    43

    es hier wie dort nicht weiter gegangen ist dafür
    fehlt uns in beiden Fällen das Verständnis.
    Man muss daran denken die individuelle
    Begabung dieser Völker die Richtung ihrer
    Thätigkeit und ihre allgemeinen sozialen Zu-
    stände dafür verantwortlich zu machen.
     

        Die zweite Schwierigkeit bei dieser Über-
    tragung auf die Massenpsychologie ist weit
    bedeutsamer, weil sie ein anderes Problem
    von prinzipieller Natur aufwirft. Es stellt
    sich die Frage in welcher Form ist die
    wirksame Tradition im Leben der Völker
    vorhanden eine Frage die es beim Indi-
    viduum nicht giebt, denn hier ist
    sie durch die Existenz der Erinnerungsspuren
    des Vergangenen im Unbewussten er-
    ledigt. Gehen wir auf unser historisches Beispiel
    zurück. Wir haben das Compromiss in Quadeš
    auf den Fortbestand einer mächtigen Tra-
    dition bei den aus Aegypten Zurückgekehrten
    begründet. Dieser Fall birgt kein Problem.
    Nach unserer Annahme stützte sich eine
    solche Tradition auf bewusste Erinnerung
    an Mittheilungen (mündliche) die die damals
    Lebenden von ihren Vorfahren, nur zwei
    oder drei Generationen zurück empfangen
    hatten, und letztere waren Theilnehmer
    und Augenzeugen der betreffenden Er-
    eignisse gewesen. Aber können wir für
    die späteren Jahrhunderte dasselbe glauben
    dass die Tradition immer ein auf normale
    Weise mitgetheiltes Wissen zur Grundlage
    hatte, das vom Ahn auf den Enkel übertragen
    worden? Welches die Personen waren
    die ein solches Wissen bewahrten und es
    mündlich fortpflanzten lässt sich nicht mehr
    wie im früheren Falle angeben. Nach
    Sellin war die Tradition vom Mord an Moses
    in Priesterkreisen immer vorhanden bis
    sie endlich ihren schriftlichen Ausdruck fand,
    der allein es Sellin möglich machte sie zu
    errathen. Aber sie kann nur Wenigen
    bekannt gewesen sein, sie war nicht
    Volksgut. Und reicht das aus um ihre Wir-
    kung zu erklären? Kann man einem
    solchen Wissen von Wenigen die Macht
    zuschreiben die Massen so nachhaltig
    zu ergreifen wenn es zu ihrer Kenntnis
    kommt? Es sieht doch eher so aus als müsste
    auch in der unwissenden Masse etwas
    vorhanden sein was dem Wissen der
    Wenigen irgendwie verwandt und ihm
    entgegenkommt, wenn es geäussert wird.

  • S.

    44

    Die Beurtheilung wird noch schwieriger wenn
    wir uns zum analogen Fall aus der Urzeit
    wenden. Dass es einen Urvater von den
    bekannten Eigenschaften gegeben und welches
    Schicksal ihn betroffen, ist im Laufe der
    Jahrtausende ganz gewiss vergessen worden
    auch kann man keine mündliche Tradition
    davon wie im Falle Moses annehmen.
    In welchem Sinne kommt also eine Tradition
    überhaupt in Betracht? In welcher Form
    kann sie vorhanden sein?
    Um es Lesern die nicht gewillt oder nicht
    vorbereitet sind, sich in einen complizirten
    psychologischen Sachverhalt zu vertiefen (leichter
    zu machen) werde
    ich das Ergebnis der nun folgenden Unter-
    suchung voranstellen. Ich meine die Über-
    einstimmung zwischen Individuum und
    der Masse ist in diesem Punkt eine fast
    vollkommene, auch in der Masse bleibt der
    Eindruck der Vergangenheit in unbewussten
    Erinnerungsspuren erhalten.
     

    Beim Individuum glauben wir klar zu sehen.
    Die Erinnerungsspur des früh Erlebten ist in
    ihm erhalten geblieben nur in einem
    besonderen psychologischen Zustand. Man kann
    sagen das Individuum hat es immer gewusst,
    so wie man eben um das Verdrängte
    weiss. Wir haben uns da bestimmte durch die
    Analyse unschwer zu erhärtende Vorstel-
    lungen gebildet, wie etwas vergessen
    und wie es nach einer Weile wieder zum
    Vorschein kommen kann. Das Vergessene
    ist nicht ausgelöscht sondern nur „verdrängt“,
    seine Erinnerungsspuren sind in aller
    Frische vorhanden, aber durch „Gegenbe-
    setzungen“ isolirt. Sie können nicht in den
    Verkehr mit den anderen intellectuellen
    Vorgängen eintreten, sind unbewusst,
    dem Bewusstsein unzugänglich. Es kann
    auch sein, dass gewisse Antheile des
    Verdrängten sich dem Prozess entzogen
    haben, der Erinnerung zugänglich bleiben
    gelegentlich im Bewusstsein auftauchen,
    aber auch dann sind sie isolirt, wie
    Fremdkörper ausser Zusammenhang mit
    dem Anderen. Es kann so sein aber es
    braucht nicht so zu sein, die Verdrängung
    kann auch vollständig sein und an
    diesen Fall wollen wir uns für das
    Weitere halten.
    Dies Verdrängte behält seinen Auftrieb,
    sein Streben zum Bewusstsein vorzu-
    dringen. Es erreicht sein Ziel unter
    drei Bedingungen, 1) wenn die Stärke
    der Gegenbesetzung herabgesetzt wird
     

  • S.

    45

    durch Krankheitsprozesse, die das Andere das sogenannt[e]
    Ich, befallen oder durch eine andere Vertheilung
    der Besetzungsenergien in diesem Ich, wie es
    so regelmässig im Schlafzustand geschieht 2) wenn
    die am Verdrängten haftenden Triebantheile
    eine besondere Verstärkung erfahren, wofür
    die Vorgänge während der Pubertät das beste
    Beispiel geben 3) wenn im rezenten Erleben
    zu irgend einer Zeit Eindrücke, Erlebnisse
    auftreten die dem Verdrängten so ähnlich
    sind dass sie es zu erwecken vermögen.
    Dann verstärkt sich das Rezente durch die latente
    Energie des Verdrängten und das Verdräng-
    te kommt hinter dem Rezenten mit
    seiner Hilfe zur Wirkung. In keinem
    dieser drei Fälle kommt das bisher Verdrängte
    glatt unverändert, zum Bewusstsein, son-
    dern immer muss es sich Entstellungen ge-
    fallen lassen die den Einfluss des nicht
    ganz überwundenen Widerstandes aus der Gegenbe-
    setzung bezeugen
    oder den modifizirenden Einfluss des
    rezenten Erlebnisses oder beides.
     

    Als Kennzeichen und Anhalt zur Orientierung
    hat uns die Unterscheidung gedient, ob
    ein psychischer Vorgang bewusst oder un-
    bewusst ist. Das Verdrängte ist unbewusst.
    Nun wäre es eine so erfreuliche Vereinfachung
    wenn dieser Satz auch eine Umkehrung zu-
    liesse, wenn also die Differenz der Qualitäten
    bewusst (bw) und unbewusst (ubw) zusammen-
    fiele mit der Scheidung: ichzugehörig und
    verdrängt. Die Thatsache, dass es in unserem
    Seelenleben solche isolirte und unbewusste
    Dinge giebt wäre neu und wichtig genug.
    In Wirklichkeit liegt es complicirter. Es ist
    richtig dass alles Verdrängte unbewusst ist,
    aber nicht mehr richtig, dass alles, was zum
    Ich gehört (bewusst) ist. Wir werden darauf
    aufmerksam dass das Bewusstsein eine
    flüchtige Qualität ist, die einem psychischen
    Vorgang nur vorübergehend anhaftet.
    Wir müssen darum für unsere Zwecke
    „bewusst“ ersetzen durch „bewusstseinsfähig“
    und nennen diese Qualität „vorbewusst“ (vbw).
    Wir sagen dann richtiger das Ich ist wesentlich
    vorbewusst (virtuell bewusst), aber Antheile
    des Ichs sind unbewusst.
     

    Diese letztere Feststellung lehrt uns dass die
    Qualitäten an die wir uns bisher gehalten
    haben zur Orientierung im Dunkel des
    Seelenlebens nicht ausreichen. Wir

  • S.

    46

    müssen eine andere Unterscheidung einführen
    die nicht mehr qualitativ, sondern topisch und
    was ihr einen besonderen Werth verleiht,
    gleichzeitig genetisch ist. Wir sondern jetzt
    in unserem Seelenleben, das wir als einen
    aus mehreren Instanzen, Bezirken, Provinzen
    zusammengesetzten Apparat auffassen eine
    Region, die wir das eigentliche Ich heissen
    von einer anderen, die wir das Es nennen.
    Das Es ist das Ältere das Ich hat sich aus ihm
    wie eine Rindenschicht durch den Einfluss
    der Aussenwelt entwickelt. Im Es greifen
    unsere ursprünglichen Triebe an, alle
    Vorgänge im Es verlaufen unbewusst.
    Das Ich deckt sich wie wir bereits erwähnt
    haben mit dem Bereich des Vorbewussten,
    es enthält Antheile die normaler Weise
    unbewusst bleiben. Für die psychischen
    Vorgänge im Es gelten ganz andere
    Gesetze des Ablaufs und der gegenseitigen
    Beeinflussung als die im Ich herrschen.
    In Wirklichkeit ist es ja die Entdeckung
    dieser Unterschiede die uns zu unserer
    neuen Auffassung geleitet hat und
    diese rechtfertigt.
    Das Verdrängte ist dem Es zuzurechnen
    und unterliegt auch den Mechanismen
    desselben, es sondert sich nur in Hinsicht
    der Genese von ihm ab. Die Differenzierung
    vollzieht sich in der Frühzeit, während sich
    das Ich aus dem Es entwickelt. Dann wird
    ein Theil der Inhalte des Es vom Ich
    aufgenommen und auf den vorbewussten
    Zustand gehoben ein anderer Theil
    wird von dieser Uebersetzung nicht be-
    troffen und bleibt als das eigentliche
    Unbewusste im Es zurück. Im weiteren
    Verlauf der Ichbildung werden aber
    gewisse psychische Eindrücke und Vorgänge
    im Ich durch einen Abwehrprozess aus-
    geschlossen, der Charakter des Vorbe-
    wussten wird ihnen entzogen, so dass
    sie wiederum zu Bestandtheilen des Es
    erniedrigt worden sind. Dies ist also das
    „Verdrängte“ im Es. Was den Verkehr
    zwischen beiden seelischen Provinzen be-
    trifft, so nehmen wir also an, dass einer-
    seits der unbewusste Vorgang im Es
    aufs Niveau des Vorbewussten gehoben
    und dem Ich einverleibt werden kann
    und dass andrerseits Vorbewusstes im
    Ich den umgekehrten Weg machen
    und ins Es zurückversetzt werden kann.
    Es bleibt ausserhalb unseres
    gegenwärtigen Interesses, dass sich
    später im Ich ein besonderer Bezirk
    der des „Ueber-ich“ abgrenzt.

  • S.

    47

    Das Alles mag weit entfernt von einfach
    scheinen, aber wenn man sich mit der
    ungewohnten räumlichen Auffassung des
    seelischen Apparats befreundet hat, kann
    es der Vorstellung doch keine besonderen
    Schwierigkeiten bereiten. Ich füge noch die
    Bemerkung an, dass die hier entwickelte
    psychische Topik nichts mit der Gehirnanatomie
    zu thun hat, sie eigentlich nur an
    einer Stelle streift. Das Unbefriedigende
    an dieser Vorstellung das ich so deutlich
    wie Jeder andere verspüre, geht von
    unserer völligen Unwissenheit über die
    dynamische Natur der seelischen Vorgänge
    aus. Wir sagen uns, was eine bewusste
    Vorstellung von einer vorbewussten,
    diese von einer unbewussten unter-
    scheidet kann nichts anderes sein als
    eine Modifikation vielleicht auch eine
    andere Vertheilung der psychischen
    Energie. Wir sprechen von Besetz-
    ungen und Überbesetzungen aber
    darüber hinaus fehlt uns jede Kenntnis
    und sogar jeder Ansatz zu einer
    brauchbaren Arbeitshypothese. Über
    das Phänomen des Bewusstseins können
    wir noch angeben, dass es ursprünglich
    an der Wahrnehmung hängt. Alle Emp-
    findungen die durch Wahrnehmung
    von Schmerz-, Getast-, Gehörs- oder Gesichts-
    reizungen entstehen, sind am ehesten
    bewusst. Die Denkvorgänge und was ihnen
    im Es analog sein mag, sind an sich unbe-
    wusst und erwerben sich den Zugang
    zum Bewusstsein durch Verknüpfung
    mit Erinnerungsresten von Wahrnehmu-
    ngen des Gesichts und Gehörs auf dem
    Wege der Sprachfunktion. Beim Thier
    dem die Sprache fehlt, müssen diese
    Verhältnisse einfacher liegen.
     

    Die Eindrücke der frühen Traumen
    von denen wir ausgegangen sind werden
    entweder nicht ins Vorbewusste übersetzt
    oder bald durch die Verdrängung in den Eszustand
    zurück versetzt. Ihre Erinner-
    ungsreste sind dann unbewusst und
    wirken vom Es aus. Wir glauben ihr
    weiteres Schicksal gut verfolgen zu
    können, solange es sich bei ihnen um
    Selbsterlebtes handelt. Eine neue
    Complikation tritt aber hinzu, wenn wir
    auf die Wahrscheinlichkeit aufmerksam
    werden dass im psychischen Leben des
    Individuums nicht nur selbsterlebte,
    sondern auch bei der Geburt mitge-
    brachte Inhalte wirksam sein mögen,
    Stücke von phylogenetischer Herkunft,

  • S.

    48

    eine archaische Erbschaft. Es entstehen dann die
    Fragen worin besteht diese, was enthält
    sie, was sind ihre Beweise?
    Die nächste und sicherste Antwort lautet, sie
    besteht in bestimmten Dispositionen
    wie sie allen Lebewesen eigen sind.
    Also in der Fähigkeit und Neigung, bestimmte
    Entwicklungsrichtungen einzuschlagen
    und auf gewisse Erregungen, Eindrücke und
    Reize in einer besonderen Weise zu
    reagiren. Da die Erfahrung zeigt dass sich
    bei den Einzelwesen der Menschenart
    auch in dieser Hinsicht Differenzen ergeben,
    so schliesst die archaische Erbschaft diese
    Differenzen ein, sie stellen dar, was
    man als das konstitutionelle Moment
    er im einzelnen anerkennt im Einzelnen anerkennt. Da nun alle
    Menschenkinder wenigstens in ihrer Frühzeit
    ungefähr das Nämliche erleben reagiren
    sie darauf auch in gleichartiger Weise und
    es konnte der Zweifel entstehen ob man
    nicht diese selben Reaktionen mitsamt
    ihren individuellen Differenzen der
    archaischen Erbschaft zurechnen soll. Der
    Zweifel ist abzuweisen durch die Tatsache
    dieser dieser Gleichartigkeit wird unsere Kennt-
    nis von der archaischen Erbschaft nicht
    bereichert.
     

    Indes hat die analytische Forschung einzelne
    Ergebnisse gebracht, die uns zu denken
    geben. Da ist zunächst die Allgemeinheit
    der Sprachsymbolik, die Die symbolische
    Vertretung eines Gegenstands durch
    einen anderen – Dasselbe ist bei Ver-
    richtungen der Fall – ist all unseren
    Kindern geläufig und wie selbstverständ-
    lich. Wir können ihnen nicht nachweisen
    wie sie es erlernt haben und müssen
    in vielen Fällen zugestehen, dass ein
    Erlernen unmöglich ist. Es handelt sich
    um ein ursprüngliches Wissen das der
    Erwachsene später vergessen hat. Er ver-
    wendet die nämlichen Symbole zwar
    in seinen Träumen aber er versteht
    sie nicht, wenn der Analytiker sie ihm
    nicht deutet, und auch dann schenkt
    er der Uebersetzung ungern Glauben.
    Wenn er sich einer der so häufigen
    Redensarten bedient hat, in denen
    sich diese Symbolik fixirt findet,
    so muss er zugestehen dass ihm deren
    eigentlicher Sinn völlig entgangen
    ist. Die Symbolik setzt sich auch über
    die Verschiedenheiten der Sprachen
     

  • S.

    49

    hinweg; Untersuchungen würden wahrscheinlich
    ergeben dass sie ubiquitär ist, bei allen
    Völkern die nämliche. Hier scheint also
    ein gesicherter Fall von archaischer Erbschaft
    (aus der Zeit der Sprachentwick
    lung) vorzuliegen aber man könnte immer noch an
    eine andere Erklärung versuchen denken. Man könnte
    sagen es handle sich um Denkbeziehungen
    zwischen Vorstellungen die sich während der
    historischen Sprachentwicklung hergestellt
    hatten, und die nun jedesmal wiederholt
    werden müssen wo eine Sprachentwick-
    lung individuell durchgemacht wird. Es wäre
    dann ein Fall von Vererbung einer Denk-
    disposition wie sonst einer Triebdisposition
    und wiederum kein neuer Beitrag zu
    unserem Problem.
     

        Die analytische Arbeit hat aber auch anderes
    zu Tage gefördert, was in seiner Trag-
    weite über das Bisherige hinausreicht.
    Wenn wir die Reaktionen auf die frühen
    Traumen studieren, sind wir oft genug
    überrascht, zu finden dass sie sich nicht
    strenge an das wirklich selbst Erlebte
    halten, sondern in einer Weise sich von ihm
    entfernen die weit besser zum Vorbild
    eines phylogenetischen Ereignisses passt
    und ganz allgemein nur durch dessen
    Einfluss erklärt werden kann. Das Ver-
    halten des neurotischen Kindes zu seinen
    Eltern im Oedipus- und Kastrationskom-
    plex ist überreich an solchen Reaktionen,
    die individuell ungerechtfertigt erscheinen
    und erst phylogenetisch, durch die Beziehung
    auf das Erleben früherer Geschlechter
    begreiflich werden. Es wäre durchaus
    der Mühe wert, dies Material, auf das
    ich mich hier nur berufen kann, der
    Oeffentlichkeit gesammelt vorzulegen.
    Seine Beweiskraft erscheint mir stark genug,
    um den weiteren Schritt zu wagen
    und die Behauptung aufzustellen dass
    die archaische Erbschaft des Menschen
    nicht nur Dispositionen, sondern auch
    Inhalte umfasst Erinnerungsspuren an
    das Erleben früherer Generationen.
    Damit wären Umfang wie Bedeutung
    der archaischen Erbschaft in bedeut-
    ungsvoller Weise gesteigert.
     

        Bei näherer Besinnung müssen wir
    uns eingestehen, dass wir uns seit
    langem so benommen haben als stünde
    die Vererbung von Erinnerungs-
    spuren an das von Voreltern

  • S.

    50

    Erlebte unabhängig von direkter Mittheilung
    und von dem Einfluss der Erziehung durch
    Beispiel, nicht in Frage. Wenn wir von
    dem Fortbestand einer alten Tradition
    in einem Volk, von der Bildung eines
    Volkscharakters gesprochen sprechen, hatten wir
    meist eine solche ererbte Tradition
    und nicht eine durch Mittheilung
    fortgepflanzte im Sinn. Oder wir
    haben wenigstens zwischen den beiden
    nicht unterschieden und uns nicht
    klar gemacht welche Kühnheit wir durch
    solche Vernachlässigung begehen. Unsere
    Sachlage wird allerdings durch die gegenwärtige
    Einstellung der biologischen Wissenschaft
    erschwert, die von der Vererbung er-
    worbener Eigenschaften auf die Nach-
    kommen nichts wissen will. Aber wir
    gestehen in aller Bescheidenheit, dass wir
    nicht trotzdem diesen Faktor in der Biologie Entwick-
    lung nicht entbehren können. Es handelt sich
    zwar in beiden Fällen nicht um
    Das Gleiche, dort um erworbene Eigenschaften
    die schwer zu fassen sind, hier um
    Erinnerungsspuren an äussere Eindrücke
    gleichsam Greifbares. Aber es wird
    wohl sein, dass wir uns im Grunde das
    eine nicht ohne das Andere vorstellen
    können. Wenn wir den Fortbestand
    solcher Erinnerungsspuren in
    der archaischen Erbschaft annehmen
    haben wir die Kluft zwischen Individual-
    und Massenpsychologie überbrückt, können
    die Völker behandeln wie den ein-
    zelnen Neurotiker. Zugegeben, dass wir
    für die Erinnerungsspuren in der archaischen
    Erbschaft derzeit keinen stärkeren Beweis
    haben als jene Resterscheinungen der
    analytischen Arbeit, die eine Ableitung
    aus der Phylogenese erfordern, so er-
    scheint uns dieser Beweis doch stark
    genug um einen solchen Sachverhalt
    zu postulieren. Wenn es anders ist
    kommen wir weder in der Analyse
    noch in der Massenpsychologie auf
    dem eingeschlagenen Weg einen
    Schritt weiter. Es ist eine unvermeid-
    liche Kühnheit.
     

        Wir thun damit auch noch etwas anderes.
    Wir verringern die Kluft die frühere
    Zeiten menschlicher Ueberhebung allzuweit
    zwischen Mensch und Thier aufgerissen
    haben. Wenn die sogenannten

  • S.

    51

    Instinkte der Thiere die ihnen gestatten sich
    von Anfang an in der neuen Lebenssitua-
    tion so zu benehmen als wäre sie eine
    alte, längst vertraute, wenn dies Instinkt-
    leben der Thiere überhaupt eine Er-
    klärung zulässt, so kann es nur die sein
    dass sie die Erfahrungen ihrer Art in
    die neue eigene Existenz mitbringen
    also Erinnerungen an das von ihren
    Voreltern Erlebte in sich bewahrt haben.
    Beim Menschentier wäre im Grunde auch
    nicht anders. Den Instinkten der Thiere
    entspräche seine eigene archaische Erbschaft,
    sei sie auch von anderem Umfang
    und Inhalt.
     

        Nach diesen Erörterungen trage ich kein
    Bedenken auszusprechen, die Menschen
    haben es – in jener besonderen Art Weise –
    immer gewusst dass sie einen Urvater
    besessen und erschlagen haben.
    Zwei weitere Fragen sind hier zu beant-
    worten. Erstens unter welchen Beding-
    ungen tritt eine solche Erinnerung in
    die archaische Erbschaft ein, zweitens unter
    welchen Umständen kann sie aktiv werden,
    d.h. aus ihrem unbewussten Zustand im Es
    zum Bewusstsein wenn auch verändert
    und entstellt vordringen? Die Ant-
    wort auf die erste Frage ist leicht zu formu-
    liren: Wenn das Ereignis wichtig genug
    war, oder sich oft genug wiederholt hat,
    oder Beides. Für den Fall der Vater-
    tödtung sind beide Bedingungen erfüllt.
    Zur zweiten Frage ist zu bemerken: Es mögen
    eine ganze Anzahl von Einflüssen in Betracht
    kommen, die nicht alle bekannt zu sein
    brauchen, auch ist ein spontaner Ablauf
    denkbar in Analogie zum Vorgang bei
    manchen Neurosen. Sicherlich ist aber von
    entscheidender Bedeutung die Erweckung
    der vergessenen Erinnerungsspur durch
    eine rezente reale Wiederholung des
    Ereignisses. Eine solche Wiederholung
    war der Mord an Moses; später
    der vermeintliche Justizmord an
    Christus, so dass diese Begebenheiten in
    den Vordergrund der Verursachung
    rücken. Es ist als ob die Genese des Monotheismus dieser Vorfälle
    der Genese des Monotheismus nicht
    hätte entbehren können.
    Man wird an den Ausspruch des
    Dichters erinnert: „Was unsterblich
    im Gesang soll leben, muss im Leben
    untergehen.“

  • S.

    52

    Zum Schluss eine Bemerkung, die ein
    psychologisches Argument beibringt. Eine
    Tradition die nur auf Mittheilung gegründet
    wäre könnte nicht den Zwangscharakter
    erzeugen, der den religiösen Phänomenen
    zukommt. Sie würde angehört, beurtheilt, even-
    tuel abgewiesen werden wie jede andere
    Nachricht von aussen, erreichte nie das
    Privileg der Befreiung vom Zwang des
    logischen Denkens. Sie muss erst
    das Schicksal der Verdrängung, den Zustand
    des Verweilens im Unbewussten
    durchgemacht haben ehe sie bei ihrer
    Wiederkehr so mächtige Wirkungen
    entfalten, die Massen in ihren Bann
    zwingen kann, wie wir es an der
    religiösen Tradition mit Erstaunen
    und bisher ohne Verständnis gesehen
    haben. Und diese Überlegung fällt
    schwer in’s Gewicht, um uns glauben
    zu machen, dass die Dinge wirklich
    so vorgefallen sind, wie wir sie zu
    schildern bemüht waren oder wenig-
    stens so ähnlich.

    VI Nachträge

    Die Schwierigkeiten des Themas um das ich
    mich hier bemüht habe, werden gewiss
    Eines Theiles meiner Darstellung
    entschuldigen. Die vielen Wiederholungen die sich
    eingeschlichen haben, kann ich nicht so
    behandeln; (rechtfertigen) sie entspringen meiner eigenen
    Unfähigkeit, nicht den sachlichen Verhältnissen.
    Was ich in den „Nachträgen“ bringe sind
    teils Wiederholungen an anderem
    Zusammenhang dessen was schon gesagt
    worden ist theils Erwägungen, die im
    Texte keinen Platz gefunden haben.

    II Theil.

    Zusammenfassung und Wiederholung

    Dass eine Zusammenfassung nicht
    ohne wiederholende
    Rückblicke auf die beiden vorangegangenen
    Aufsätze ausgehen kann, wird
    man entschuldigen wenn
    Der nun folgende Theil dieser Be Studie
    kann nicht ohne weitläufige Rück-
    ungen und Entschuldigungen in die
    Oeffentlichkeit geschickt werden. Er
    ist nämlich nichts anderes als eine getreue
    oft wörtliche Wiederholung des ersten
    Theils, verkürzt in manchen kritischen
    Untersuchungen und vermehrt um
    Zusätze, die sich auf das Problem, wie
    entstand der besondere Charakter
    des jüdischen Volkes beziehen. Ich
    weiss, dass eine solche Art der Darstellung
    ebenso unzweckmässig wie in unkünst-
    lerisch ist. Ich missbillige sie selbst unein-
    geschränkt

  • S.

    52a

    Warum habe ich sie nicht vermieden? Die
    Antwort darauf ist für mich nicht schwer zu
    finden aber nicht leicht mitzutheilen. Ich
    war nicht im Stande die Spuren der in mehr
    ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte dieser
    Arbeit zu verwischen.
    In Wirklichkeit ist sie zweimal geschrieben
    worden, zuerst vor einigen Jahren in Wien
    wo ich nicht an die Möglichkeit glaubte sie ver-
    öffentlichen zu können. Ich beschloss sie
    liegen zu lassen, aber sie quälte mich
    wie ein unerlöster Geist, und ich fand den
    Ausweg, zwei Stücke von ihr selb-
    zu machen und in unserer Zeitschrift Imago
    zu publiziren, den psychoanalytischen Aufsatz
    Moses ein Aegypter ( ) und die
    darauf gebaute historische Konstruktion
    Wenn Moses ein Aegypter war... ( ). Den
    Rest, der das eigentlich Anstössige und
    Gefährliche enthielt die Anwendung auf
    die Genese des Monotheismus und
    der Auffassung (Auffassung) Religion überhaupt,
    hielt ich zurück, wie ich meinte für
    immer. Da kam im März 1938 die uner-
    wartete deutsche Invasion, zwang mich,
    die Heimat zu verlassen befreite mich aber
    auch von der Sorge durch meine Veröffent-
    lichung den Bestand der Psychoanalyse
    dort heraufzubeschwören wo sie noch ge-
    duldet war. Kaum in England eingetroffen
    fand ich die Versuchung unwiderstehlich
    meiner erhaltenen Theilfreiheit der Welt
    zugänglich zu machen und begann das
    dritte Stück (Der Mann Moses), das die Studien im Untertitel (und die Entstehung)
    des bereits (der monotheistischen Religion) erschienenen umzu-
    arbeiten. Damit war natürlich eine theilweise
    Umordnung des Materials verbunden. Nun
    gelang es mir nicht, den ganzen Stoff in
    dieser zweiten Bearbeitung unter zu brin-
    gen andererseits konnte ich mich nicht ent-
    schliessen auf die früheren ganz zu ver-
    zichten und so kam die Auskunft zu Stande
    dass ich ein ganzes Stück der ersten Dar-
    stellung unverändert an die zweite
    anschloss, womit eben der Nachtheil einer
    weitgehenden Wiederholung verbunden
    war.
     

    Nun könnte ich mich mit der Erwägung
    trösten die Dinge die ich behandle
    seien nur theil so neu und so bedeut-
    sam, aber eben darum, wie weil meine
    Darstellung derselben richtig sein
    ist,

  • S.

    52b

    dass es kein Unglück sein kann, wenn
    das Publikum veranlasst wird, darüber zwei-
    mal das Nämliche zu lesen. Es giebt Dinge
    die nicht oft genug (mehr als einmal) gesagt
    werden sollen und die nicht oft genug
    gesagt werden können. Aber es muss
    dem Autor Entschluss des Lesers dabei sein
    bei dem Gegenstand zu verweilen oder
    auf ihn zurückzukommen. Er darf nicht in
    ihn der Art gezwungen werden dass man
    ihm in demselben Buch das Gleich zweimal
    vorsetzt. Das bleibt eine Ungeschicklich-
    keit für die man die Schuld auf sich nehmen
    muss Die Schöpferkraft
    eines Autors folgt leider nicht immer
    seinem Willen. Das Werk gerät
    wie es kann und stellt sich dem Ver-
    fasser oft wie unabhängig, ja wie
    fremd, gegenüber.