Freud, Sigmund (1939-001/1938.01): Moses, sein Volk und die monotheistische Religion
S.
Titel
Titel d. III Abhandlung
Moses, (sein Volk) und die monotheistische Religion
von
Sigm. Freud
Mit zwei VorbemerkungenInhalt:
Vorbemerkung I
Vorbemerkung II
I Die historische Voraussetzung
II Latenzzeit und Tradition
III Die Analogie
IV Anwendung
V Schwierigkeiten
Zweiter Theil
a) Zusammenfassung und Wiederholung
b) Das Volk Israel
c) Der große Mann
d) Der Fortschritt in der Geistigkeit
e) Triebverzichtef) Der Wahrheitsgehalt der Religionfg) Die Wiederkehr des Verdrängtengh) Die historische Wahrheithi) Die geschichtliche EntwicklungTitel des deutschen Buchs
Der Mann Moses und der Monotheismus
Drei Abhandlungen
von
Sigm. FreudI Moses ein Aegypter
II Wenn Moses ein Aegypter war . . .
III Moses, sein Volk und die monotheistische
Religion.Englischer Titel
Moses and Monotheism
by
Sigm. FreudS.
1
Moses III Vorbemerkungen
I. Vor dem März
1938.Mit der Verwegenheit deßen der nichts oder
wenig zu verlieren hat gehe ich daran,
einen gut begründeten Vorsatz zum
zweiten Mal zu brechen und den beiden
Abhandlungen über Moses in Imago
das zurückgehaltene Endstück nachzuschicken.
Ich schloß mit der Versicherung ich wüßte,
daß meine Kräfte dazu nicht ausreichen
würden, meinte natürlich die Abschwächung
der schöpferischen Fähigkeiten, die mit
dem hohen Alter einhergeht, x) aber ich
dachte auch an ein anderes Hemmniß. Wir leben
in einer besonders merkwürdigen Zeit, wir
finden mit Erstaunen, daß der Fortschritt
ein Bündnis mit der Barbarei geschlossen
hat. In Sowjetrußland hat man es unternommen
etwa 100 Millionen in der Unterdrückung
festgehaltener Menschen zu besseren Lebens-
formen zu erheben. Man war kühn und
weise genug ihnen das Hauptgift der Religion
zu entziehen und ihnen ein verständiges Maß
von sexueller Freiheit zu geben, aber dabei
unterwarf man sie dem grausamsten Zwang
und raubte ihnen jede Möglichkeit der Denk-
freiheit. Mit ähnlicher Gewalttätigkeit
wird das italienische Volk zur Ordnung
und zum Pflichtgefühl erzogen. Man emp-
findet es als Erleichterung von einer be-
drückenden Sorge wenn man im Fall
des deutschen Volkes sieht daß der Rück-
fall in nahezu vorgeschichtliche Barbarei
auch ohne Anlehnung an irgend eine fortschritt-
liche Idee vor sich gehen kann. Immerhin
hat es sich so gestaltet, daß heute die kon-
servativen Demokratien die Hüter
des kulturellen Fortschritts geworden
sind und daß sonderbarerweise grade
die Institution der katholischen
Kirche der Ausbreitung jener kulturellen
Gefahr eine kräftige Abwehr entgegen-x) Ich theile nicht die Ansicht meines Alters-
genossen Bernard Shaw,
daß die Menschen erst dann etwas Rechtes
leisten könnten wenn sie 300 Jahre alt werden
könnten würden. Mit der Verlängerung
der Lebensdauer wäre nichts erreicht
es müßte denn vieles andere an den
Lebensbedingungen vom Grunde aus geändert
werden.S.
2
setzt. Sie, bisher
diesedie unerbittliche Feindin der
Denkfreiheit und des Fortschritts zur Erkenntnis
der Wahrheit.
Wir leben hier in einem katholischen Land
unter dem Schutz dieser Kirche unsicher, wie
lange er vorhalten wird. Solange er aber
besteht haben wir natürlich Bedenken
etwas zu thun, was die Feindschaft der
Kirche erwecken muß. Es ist nicht Feigheit
sondern Vorsicht; der neue Feind dem zu
Dienst zu sein wir uns hüten wollen ist
gefährlicher als der alte, mit dem uns
zu vertragen wir bereits gelernt haben.
Die psychoanalytische Forschung die wir
pflegen ist ohnedies der Gegenstand
misstrauischer Aufmerksamkeit von
Seiten des Katholizismus. Wir werden
nicht behaupten, es sei so mit Unrecht.
Wenn unsere Arbeit uns zu einem
Ergebnis führt, das die Religion auf eine
Menschheitsneurose reduziert und ihre
großartige Machtebenso verständlichmachtin der gleichen Weise aufklärt
wie den neurotischen Zwang
bei den Einzelnen unserer Patienten
so sind wir sicher den stärksten Unwillen
der bei uns herrschenden Mächte auf
uns zu ziehen. Nicht daß wir etwas
zu sagen hätten was neu wäre was
wir nicht schon vor einem Viertel-
jahrhundert deutlich genug gesagt haben
aber das ist seither vergessen worden
und es kann nicht wirkungslos bleiben
wenn wir es heute wiederholen und
an einem für alle Religionsstif-
tungen maßgebenden Beispiel er-
läutern. Es würde wahrscheinlich dazu
führen, daß uns die Betätigung in
der Psychoanalyse verboten wird. Jene
gewalttätigen Methoden der Unter-
drückung sind der Kirche ja keineswegs
fremd, sie empfindet es vielmehr als
Einbruch in ihre Vorrechte, wenn auch
andere sich ihrer bedienen. Die Psycho-
analyse aber, die im Laufe meines langen
Lebens überallhin gekommen ist, hat
noch immer kein Heim, das ihr wertvoller
für sie wäre als eben die Stadt
wo sie geboren und herangewachsen
ist.S.
3
Ich glaube es nicht nur, und ich weiß es, daß ich
mich durch dies andere Hinderniß,
durch die äußere Gefahr, abhalten lassen
werde, den letzten Theil meiner Studie
über Moses zu veröffentlichen. Ich habe noch
einen Versuch gemacht mir die Schwierig-
keit aus dem Weg zu räumen,
indem ich mir sagte der Angst liege eine
Überschätzung meiner persönlichen Bedeut-
ung zu Grund. Wahrscheinlich werde es
den maßgebenden Stellen recht gleichgiltig
sein was ich über Moses und den Ur-
sprung der monotheistischen Religionen
schreiben wolle. Aber ich fühle mich da nicht
sicher im Urteil. Viel eher erscheint es mir
möglich, daß Bosheit und Sensations-
lust das wettmachen werden was mir
an dem Urteil der Mitwelt an Geltung
fehlt. Ich werde diese Arbeit also nicht
bekannt machen, aber das braucht mich
nicht abzuhalten, sie zu schreiben, besonders
da ich sie schon einmal, vor jetzt zwei
Jahren, niedergeschrieben habe, so daß ich
sie blos umzuarbeiten und an die
beiden vorausgeschickten Aufsätze
anzufügen habe. Sie mag dann in der
Verborgenheit aufbewahrt bleiben bis
einmal die Zeit kommt wann sie sich ge-
fahrlos an's Licht wagen darf, oder bis
man einem, der sich zu denselben
Schlüssen und Meinungen bekennt, sagen
kann, es war schon einmal jemand da, der
sich das Nämliche in dunkleren Zeiten
wie du gedacht hat.Hier Vorbemerkung III
Die historische VoraussetzungIch beginne damit, die Ergebnisse meiner
zweiten der rein historischen Studie
über Moses zu resümieren. Sie werden
hier keinen neuerlichen Kritik unter-
zogen werden, denn sie bilden die
Voraussetzung der psychologischen Erörter-
ungen, die von ihnen ausgehen und
immer wieder auf sie zurückkommen.S.
4
Der historische Hintergrund der Ereignisse
die unser Interesse gefesselt haben ist
also folgender: Durch die Eroberungen
der 18ten Dynastie ist Aegypten ein
Weltreich geworden. Der neue Imperial=
ismus spiegelt sich wieder in der Entwick=
lung der religiösen Vorstellungen, wenn
nicht des ganzen Volkes, so doch der herrschen=
den und geistig regsamen Oberschicht des=
selben. Unter dem Einfluss der Priester
des Sonnengottes zu On (Heliopolis), vielleicht
verstärkt durch Anregungen von Asien
her erhebt sich die Idee eines universellen
Gottes Aton, an dem die Einschränk=
ung auf ein Land und ein Volk nicht
mehr haftet. Mit dem jungen Amenhotep
IV. kommt ein Pharao zur Herrschaft, der
kein höheres Interesse kennt als die Ent=
wicklung dieser Gottesidee. Er erhebt die
Atonreligion zur Staatsreligion, durch
ihn wird der universelle Gott der Einzige
Gott, alles was man von anderen
Göttern erzählt, ist Trug und Lüge.
Mit grossartiger Unerbittlichkeit widersteht
er allen Versuchungen des magischen
Denkens, verwirft er die besonders
dem Aegypter so theure Illusion eines
Lebens nach dem Tode. In einer er=
staunlichen Ahnung späterer wissenschaft=
licher Einsicht erkennt er in der Ener=
gie der Sonnenstrahlung die Quelle alles
Lebens auf der Erde und verehrt sie
als das Symbol der göttlichen Macht
seines Gottes. Er rühmt sich seiner Freude an der Schöpfung
und seines Lebens in Maat (Wahrheit
und Gerechtigkeit).
Es ist der erste und vielleicht reinste Fall
einer monotheistischen Religion in der
Menschheitsgeschichte; ein tieferer Einblick
in die historischen und psychologischen
Bedingungen seiner Entstehung wäre
von unschätzbarem Wert. Aber es
ist dafür gesorgt worden, dass nicht
allzuviel Nachrichten über die Atonreli=
gion auf uns kommen sollten. Schon unter
den schwächlichen Nachfolgern Ikhnaton's
brach alles zusammen was er geschaffen
hatte. Die Rache der von ihm unterdrückten
Priesterschaften wütete nun gegen
sein Andenken, die Atonreligion
S.
II, 1
II Im Juni 1938
Die ganz besonderen Schwierigkeiten, die mich
während der Abfassung dieser an die Person
des Moses anknüpfenden Studie belastet
haben — innere Bedenken sowie äußere
Abhaltungen — bringen es mit sich, daß dieser
dritte, abschließende Aufsatz von zwei ver-
schiedenen Vorreden eingeleitet wird,
die einander widersprechen, ja einander
aufheben. Denn in dem kurzen Zeitraum
zwischen beiden haben sich die äußeren
Verhältnisse des Schreibers gründlich
geändert. Ich lebte damals unter dem
Schutz der katholischen Kirche und stand
unter der Angst, daß ich durch meine
Publikation diesen Schutz verlieren und
ein Arbeitsverbot für die Anhänger und
Schüler der Psychoanalyse in Oesterreich
heraufbeschwören würde. Und dann kam
plötzlich die deutsche Invasion; der Katholi-
zismus erwies sich, mit biblischen
Worten zu reden, als ein „schwankes
Rohr“. In der Gewißheit, jetzt nicht nur
meiner Denkweise, sondern auch meiner
„Rasse” wegen verfolgt zu werden, ver-
ließ ich mit vielen Freunden die
Stadt, die mir von früher Kindheit an,
durch 78 Jahre, Heimat gewesen war.
Ich fand die freundlichste Aufnahme
in dem schönen, freien, großherzigen
England. Hier lebe ich nun, ein gern
gesehener Gast, atme auf, daß jener
Druck von mir genommen ist und daß
ich wieder reden und schreiben - bald
hätte ich gesagt: denken darf, wie ich
will oder muß. Ich wage es, das letzte
Stück meiner Arbeit vor die Öffent-
lichkeit zu bringen.
Keine äußeren Abhaltungen mehr oder
wenigstens keine solchen vor denen
man zurückschrecken darf. Ich habe in
den wenigen Wochen meines Aufent-
halts hier eine Unzahl von Begrüß-
ungen erhalten von Freunden, die
sich meiner Anwesenheit freuten,
von Unbekannten, ja Unbeteiligten
die nur ihrer Befriedigung darüber Aus-
druck geben wollten, daß ich hier Frei-
heit und Sicherheit gefunden habe.
Und dazu kamen, in einer für den
Fremden überraschenden Häufigkeit,
Zuschriften anderer Art, die sich um
mein Seelenheil bemühten, die mir
die Wege Christi weisen und mich
über die Zukunft Israels aufklären
wollten.S.
II, 2
Die guten Leute, die so schreiben, können nicht viel
von mir gewußt haben, aber ich erwarte, wenn
diese Arbeit über Moses durch eine Übersetzung
unter meinen neuen Volksgenossen bekannt
wird, werde ich auch bei einer Anzahl von anderen
genug von den Sympathien einbüßen, die
sie mir jetzt entgegenbringen.
An den inneren Schwierigkeiten konnten
politischer Umschwung und Wechsel des Wohn-
orts nichts verändern. Nach wie vor fühle
ich mich unsicher angesichts meiner eigenen
Arbeit, vermisse ich das Bewußtsein der
Einheit und Zusammengehörigkeit, das zwischen
dem Autor und seinem Werk bestehen soll.
Nicht etwa, daß es mir an der Überzeugung
von der Richtigkeit des Ergebnisses
mangeln sollte. Diese habe ich mir schon vor
einem Vierteljahrhundert erworben,
als ich das Buch über „Totem und Tabu” schrieb
1912, und sie hat sich seither nur verstärkt.
Ich habe seit damals nicht mehr gezweifelt,
daß die religiösen Phänomene nur nach dem
Muster der uns vertrauten neuro-
tischen Symptome des Einzelindividuums
zu verstehen sind, als Wiederkehren
von längst vergessenen bedeutsamen
Vorgängen in der Urgeschichte
der menschlichen Familie, daß sie ihren
zwanghaften Charakter eben diesem
Ursprung verdanken und also kraft
ihres Gehalts an historischer Wahrheit
auf die Menschen wirken. Meine Un-
sicherheit setzt erst ein, wenn ich mich
frage, ob es mir gelungen ist, diese
Sätze für das hier gewählte Beispiel
des jüdischen Monotheismus zu erweisen.
Meiner Kritik erscheint diese vom Manne
Moses ausgehende Arbeit wie eine Tänz-
erin, die auf einer Zehenspitze balanciert.
Wenn ich mich nicht auf die eine analytische
Deutung des Aussetzungsmythus stützen
und von da aus zur Sellin'schen Ver-
mutung über den Ausgang des Moses
übergreifen könnte, hätte das Ganze un-
geschrieben bleiben müßen. Immerhin,
sei es jetzt gewagt.S.
5
wurde abgeschafft, die Residenz des als Frevler
gebrandmarkten Pharaos zerstört und geplün-
dert. Um 1350 v. Chr. erlosch die 18te Dynastie;
nach einer Zeit der Anarchie stellte der
Feldherr Haremhab der bis 1315 regierte
die Ordnung wieder her. Die Reform
Ikhnaton's schien eine zum Vergessenwerden be-
stimmte Episode.Soweit was historisch festgestellt ist und nun
setzt unsere hypothetische Fortsetzung ein.
Unter den Personen die Ikhnaton nahe
standen befand sich ein Mann, der vielleicht
Thothmes hieß wie damals viele andere x)
x) so hieß zB. auch der Bildhauer, dessen Werk-
stätte in Tell el Amarna gefunden wurde.
- es kommt auf den Namen nicht viel an nur
daß sein zweiter Bestandteil -mose sein
mußte. Er war in hoher Stellung über-
zeugter Anhänger der Atonreligion
aber im Gegensatz zum grüblerischen König
energisch und leidenschaftlich. Für diesen
Mann bedeuteten der Ausgang Ikhnaton's
und die Abschaffung seiner Religion das Ende
all seiner Erwartungen. Nur als ein Geächt-
eter oder als ein Abtrünniger konnte er
in Aegypten bleiben. Er war
vielleicht als Statthalter der Grenzprovinz
in Berührung mit einem semitischen
Volksstamm gekommen der
dort vor einigen Generationen eingewandert
war. In der Not der Enttäuschung und
Vereinsamung wandte er sich diesen Fremden
zu, suchte bei ihnen die Entschädigung
für seine Verluste. Er wählte sie
zu seinem Volke, versuchte seine Ideale
an ihnen zu realisieren. Nachdem er
begleitet von seinen Gefolgsleuten, mit
ihnen Aegypten verlassen hatte, heiligte er
sie durch das Zeichen der Beschneidung gab
ihnen Gesetze, führte sie in die Lehren
der Atonreligion ein die die Aegypter
eben abgeworfen hatten. Vielleicht waren
die Vorschriften die dieser Mann Moses
seinen Juden gab, noch schroffer als die
seines Herrn und Lehrers Ikhnaton, viel-
leicht gab er auch die Anlehnung an
den Sonnengott von On auf, an der dieser
noch festgehalten hatte.S.
6
Für den Auszug aus Aegypten müßen wir
die Zeit des Interregnums nach 1350 ansetzen.
Die nächsten Zeiträume bis zum Vollzug der Be-
sitzergreifung im Lande Kanaan sind besonders
undurchsichtig. Aus dem Dunkel das der biblische
Bericht hier gelassen oder vielmehr geschaffen
hat konnte die Geschichtsforschung unserer
Tage zwei Tatsachen herausgreifen. Die
erste von E. Sellin aufgedeckt, ist daß die
Juden selbst nach der Aussage der Bibel
störrisch und widerspenstig gegen ihren
Gesetzgeber und Führer sich eines Tages
gegen ihn empörten, ihn erschlugen
und die ihnen aufgedrängte Religion
abwarfen wie früher die Aegypter.DieAton
die andere von Ed. Meyer erwiesene, daß
diese aus Aegypten heimgekehrten Juden
sich später mit anderen, ihnen nah
verwandten Stämmen im Länderstück
zwischen Palaestina der Sinaihalbinsel und
Arabien vereinigten und daß sie dort in
einer wasserreichen Oertlichkeit Qadeš
unter dem Einfluß der arabischen Mid-
ianiter eine neue Religion die Ver-
ehrung des Vulkangottes Jahve annahmen.
Bald darauf waren sie bereit, als Eroberer
in Kanaan einzubrechen.Die zeitlichen Beziehungen dieser beiden
Ereignisse zu einander und zum Aus-
zug aus Aegypten sind sehr unsicher. Den
nächsten historischen Anhaltspunkt giebt
eine Stele des Pharao Merneptah (bis
1215) die in einem Bericht über Kriegszüge in
Syrien und Palaestina „Israel“ unter
den Besiegten anführt. Nimmt man das
Datum dieser Stele als einen terminus
ad quem so bleibt für den ganzen Ab-
lauf vom Auszug an etwa ein Jahr-
hundert (nach 1350 - bis vor 1215). Es ist aber
möglich daß der Name Israel sich noch nicht
auf die Stämme bezieht deren Schicksale
wir verfolgen, und daß uns in Wirk-
lichkeit ein längerer Zeitraum zur Ver-
fügung steht. Die Niederlassung des späteren
jüdischen Volkes in Kanaan war ge-
wiß keine rasch ablaufende Erobe-
rung sondern ein Vorgang der sich
in Schüben vollzog und über längere
Zeiten erstreckte. Machen wir
uns von der Einschränkung durch die
Merneptahstele frei so können wir
umso leichter ein Menschenalter (30 Jahre)S.
7
als die Zeit des Moses ansehen, 1) dann mindestens
1) Dies würde der 40jährigen Wüstenwanderung
des biblischen Textes entsprechen
zwei Generationen wahrscheinlich aber mehr
bis zur Vereinigung in Qadeš vergehen lassen
xx) also etwa 1350 (40) - 1310 (10) Moses, 1260 oder eher
später Qadeš, die Merneptahstele vor 1215.
das Intervall zwischen Qadeš und dem Aufbruch
nach Kanaan braucht nur kurz zu sein. Die
jüdische Tradition hatte, wie in der vorigen
Abhandlung gezeigt, gute Gründe, das Inter-
vall zwischen Auszug und Religionsstiftung
in Qadeš zu verkürzen; das Umgekehrte
liegt im Interesse unserer Darstellung.Aber das ist alles noch Historie, Versuch
die Lücken unserer Geschichtskenntnis
auszufüllen, zum Theil Wiederholung
aus der zweiten Abhandlung in Imago.
Unser Interesse folgt den Schicksalen des
Moses und seiner Lehren, denen die
Empörung der Juden nur scheinbar ein
Ende gesetzt hat. Aus dem Bericht des
Jahvisten, der um das Jahr 1000 niederge-
schrieben wurde, aber sich gewiß auf
frühere Fixierungen stützte, haben
wir erkannt, daß mit der Vereinigung
und Religionsstiftung in Qadeš ein
Kompromiß einherging, an dem beide
Antheile noch gut zu unterscheiden sind.
Dem einen Partner lag nur daran, die
Neuheit und Fremdheit des Gottes Jahve
zu verleugnen und seinen Anspruch
auf die Ergebenheit des Volkes zuvergrößernsteigern, der andere wollte
ihm theure Erinnerungen an die
Befreiung aus Aegypten und an die
großartige Gestalt des Führers Moses
nicht preisgeben, und es gelang ihm auch
die Tatsache wie den Mann in der neuen
Darstellung der Vorgeschichte unterzu-
bringen, wenigstens das äußere Zeichen
der Mosesreligion, die Beschneidung,
zu erhalten und vielleicht gewiße Ein-
schränkungen im Gebrauch des neuen
Gottesnamens durchzusetzen. Wir haben gesagt die
Vertreter dieser Ansprüche waren
die Nachkommen der Mosesleute, die
Leviten, nur durch wenige Generationen
von den Zeit- und Volksgenossen des
Moses entfernt und noch durch lebendigeS.
8
Erinnerung an sein Andenken gebunden.
Und wenn wir den Vorgang richtig
erraten haben, so ist auch weiter nichts
rätselhaftes an ihm; er könnte aber
sehr wol das definitive Ende der
Mosesepisode in der Geschichte des
jüdischen Volkes bedeutet haben.
Das Merkwürdige ist nun, daß dem nicht
so ist, daß die stärksten Wirkungen jenes
Erlebnisses des Volkes erst später zum
Vorschein kommen, sich im Laufe vieler
Jahrhunderte allmählich in die Wirklichkeit
drängen sollten. Es ist nicht wahrscheinlichDie poetisch ausgeschmückten Darstellungen
die wir dem Jahvisten und seinem späteren
Konkurrenten, dem Elohisten, zuschreiben
waren wie die Grabbauten, unter denen
die wahre Kunde von jenen frühen Dingen
von der Natur der mosaischen Religion
und von der gewaltsamen Beseitigung
des großen Mannes, dem Wissen der
späteren Generationen entzogen gleich-
sam ihre ewige Ruhe finden sollte.daß Jahve sich im Charakter viel von
den Göttern der umwohnenden Völker
und Stämme unterschied; er rang zwar mit
ihnen, wie die Völker selbst mit einander
stritten, aber man darf annehmen
daß es einem Jahveverehrer jener
Zeiten ebensowenig in den Sinn kam
die Existenz der Götter von Kanaan, Moab,
Amalek etc zu leugnen wie die Existenz
der Völker, die an sie glaubten. Die
monotheistische Idee, die mit Ikhnaton
aufgeblitzt war, war wieder verdunkelt
und sollte noch lange Zeit im Dunkel
bleiben. Funde auf der Insel Elephantine
dicht vor dem ersten Katarakt des Nils,
haben die überraschende Kunde ergeben,
daß dort eine seit Jahrhunderten ange-
siedelte jüdische Militärkolonie bestand,
in deren Tempel neben dem Hauptgott
Jahu zwei weibliche Gottheiten verehrt
wurden, die eine Anat Jahu genannt.
Diese Juden waren allerdings vom Mutter-
lande abgeschnitten, hatten die religiöse
Entwicklung daselbst nicht mitgemacht;
die persische Reichsregierung
(5tes Jahrhundert) übermittelte ihnen
die Kenntnis der neuen KulturvorschriftenS.
9
von Jerusalem. x) Zu älteren Zeiten zurückkehrend
x) Auerbach, Wüste und gelobtes Land Bd II, 1936.
dürfen wir sagen daß Gott Jahve gewiß keine
Ähnlichkeit mit dem mosaischen Gott hatte.
Aton war Pazifist gewesen wie sein Ver-
treter auf Erden, eigentlich sein Vorbild
der Pharao Ikhnaton, der unthätig zusah
wie das von seinen Ahnen gewonnene
Weltreich auseinanderfiel. Für ein Volk
das sich zur gewaltsamen Besitzergreifung
neuer Wohnsitze anschickte war Jahve
sicherlich besser geeignet. Und alles was
am mosaischen Gott verehrungswürdig
war, entzog sich überhaupt dem Verständnis
der primitiven Masse.Ich habe schon gesagt - und mich dabei gern
auf die Übereinstimmung mit Anderen
berufen -, die zentrale Tatsache der jüdischen
Religionsentwicklung sei gewesen, daß
der Gott Jahve im Laufe der Zeiten seine
eigenen Charaktere verlor und immer
mehr Ähnlichkeit mit dem alten Gotte
Moses’, dem Aton, gewann. Es blieben
zwar Unterschiede die man auf den
ersten Blick hoch einzuschätzen geneigt
wäre, aber diese sind leicht aufzuklären.
Aton hatte in Aegypten zu herrschen begonnen
in einer glücklichen Zeit gesicherten
Besitzes und selbst als das Reich zu wanken
begann hatten seine Verehrer sich von
der Störung abwenden können und fuhren
fort, seine Schöpfungen zu preisen und
zu genießen. Dem jüdischen Volk brachte
das Schicksal eine Reihe von schweren Prüf-
ungen und schmerzlichen Erfahrungen
sein Gott wurde hart und strenge, wie
verdüstert. Er behielt den Charakter
des universellen Gottes bei, der über
alle Länder und Völker waltet, aber
die Tatsache, daß seine Verehrung von
den Aegyptern auf die Juden überge-
gangen war, fand ihren Ausdruck in
dem Zusatz, die Juden seien sein auser-
wähltes Volk deßen besondere Ver-
pflichtungen am Ende auch besonderen
Lohn finden würden. Es mag dem
Volke nicht leicht geworden sein, den
Glauben an die Bevorzugung durch
seinen allmächtigen Gott mit denS.
10
traurigen Erfahrungen seiner unglücklichen
Schicksale zu vereinen. Aber man ließ sich nicht
irre machen, man steigerte sein eigenes
Schuldgefühl, um seine Zweifel an ihm Gott
zu ersticken und vielleicht verweist man
am Ende auf „Gottes unerforschlichen Rat-
schluss“ hin wie es die Frommen noch
heute thun. Wenn man sich darüber ver-
verwundern wollte, daß er immer
neue Gewalttäter auftreten ließ, von
denen man unterworfen und miß-
handelt wurde, die Assyrer, Babylonier
Perser, so erkannte man doch seine
Macht darin, daß all diese bösen Feinde
selbst wieder besiegt wurden und
ihre Reiche verschwanden.In drei wichtigen Punkten ist der spätere
Judengott endlich dem alten mosaischen Gott
gleich geworden. Der erste und entscheidende
ist daß er wirklich als der einzige Gott
anerkannt wurde, neben dem ein anderer
undenkbar war. Der Monotheismus Ikhnaton's
wurde von einem ganzen Volke ernst
genommen, ja dies Volk klammerte sich
so sehr an diese Idee, daß sie der Haupt-
inhalt seines Geisteslebens wurde und
daß ihm für Anderes kein Interesse blieb.
Das Volk und die in ihm herrschend ge-
wordene Priesterschaft waren in diesem
Punkte einig aber während die Priester
ihre Tätigkeit darin erschöpften das
Zeremoniell für seine Verehrung aus-
zubauen gerieten sie in Gegensatz zu
intensiven Strömungen im Volke, die
zwei andere Lehren Moses über
seinen Gott wiederzubeleben suchten.
Die Stimmen der Propheten wurden nicht
müde zu verkünden, daß der Gott alles
Zeremoniell und Opferdienst verschmähe
und nur fordere, daß man an ihn glaube
und ein Leben in Wahrheit und Gerech-
tigkeit führe. Und wenn sie die Ein-
fachheit und Heiligkeit des Wüstenlebens
priesen so standen sie sicherlich unter
dem Einfluß der mosaischen Ideale.Es ist an der Zeit die Frage aufzuwerfen
ob es überhaupt notwendig ist, den Einfluß
des Moses auf die Endgestaltung
der jüdischen Gottesvorstellung anzu-
rufen, ob nicht die Annahme einer
spontanen Entwicklung zu höhererS.
11
Geistigkeit während eines über Jahrhunderte
reichenden Kulturlebens genügt. Zu dieser
Erklärungsmöglichkeit, die all unserem
Rätselraten ein Ende setzen würde, ist
zweierlei zu sagen. Erstens, daß sie nichts
erklärt. Die gleichen Verhältnisse haben
beim gewiß höchstbegabten griechischen
Volk nicht zum Monotheismus geführt
sondern zur Auflockerung der polytheist-
ischen Religion und zum Beginn des
philosophischen Denkens. In Aegypten war
der Monotheismus erwachsen, soweit
wir es verstehen, als eine Nebenwir-
kung des Imperialismus, Gott war die Spiegelung
des ein großes Weltreich unumschränkt
beherrschenden Pharao. Bei den Juden
waren die politischen Zustände der Fort-
entwicklung von der Idee des exklusiven
Volksgottes zu der des universellen Weltherrschers
höchst ungünstig, und woher
kam dieser winzigen und ohnmächtigen
Nation die Vermessenheit sich für das
bevorzugte Lieblingskind des großen Herrn
zu den auszugeben. Die Frage nach
der Entstehung des Monotheismus bei
den Juden bliebe so unbeantwortet,
oder man begnügte sich mit der geläufigen
Antwort, das sei eben der Ausdruck
des besonderen religiösen Genies dieses
Volkes. Das Genie ist bekanntlich unbegreif-
lich und unverantwortlich und darum soll
man es nicht eher zur Erklärung anrufen
als bis jede andere Lösung versagt
hat. x)
x) Dieselbe Erwägung gilt auch für den merk-
würdigen Fall des William Shakespeare
aus Stratford.Ferner trifft man auf die Tatsache, daß die
jüdische Berichterstattung und Geschichts-
schreibung selbst uns den Weg zeigt, indem
sie diesmal ohne sich selbst zu widersprechen
mit größter Entschiedenheit behauptet
die Idee eines einzigen Gottes sei dem
Volke von Moses gebracht worden. Wenn
es einen Einwand gegen die Glaubwür-
digkeit dieser Versicherung giebt, so ist
es der, daß die priesterliche Bearbeitung
des uns vorliegenden Textes offenbar
viel zu viel auf Moses zurückführt.
Institutionen wie Ritualvorschriften, dieS.
12
unverkennbar späteren Zeiten angehören
werden als mosaische Gebote ausgegeben, in
der deutlichen Absicht Autorität für sie
zu gewinnen. Das ist für uns gewiss ein
Grund zum Verdacht, aber nicht genügend
für eine Verwerfung. Denn das tiefere
Motiv einer solchen Übertreibung liegt
klar zu Tage. Die priesterliche Darstellung
will ein Kontinuum zwischen ihrer
Gegenwart und der mosaischen Frühzeit
herstellen, sie will gerade das verleugnen
was wir als die auffälligste Tatsache der
jüdischen Religionsgeschichte bezeichnet
haben dass zwischenPder Gesetzgebungderdes Moses und der späteren jüdischen
Religion eine Lücke klafft, die zunächst
vom Jahvedienst ausgefülltwuwurde
und erst später langsam verstrichen
wurde. Sie bestreitet diesen Vorgang
mit allen Mitteln, obwohl seine
historische Richtigkeit über jedem Zweifel
feststeht, da bei der besonderen Behand-
lung, die der biblische Text erfahren hat
überreichliche Angaben stehen geblieben
sind die ihn erweisen. Die priesterliche
Bearbeitung hat hier ähnliches versucht
wie jeneententstellende Tendenz, die
den neuen Gott Jahve zum Gott der Väter
machte. Tragen wir diesem Motiv des
Priesterkodex Rechnung, so wird es uns
schwer, der Behauptung den Glauben
zu versagen, dass wirklich Moses selbst
seinen Juden die monotheistische Idee
gegeben hat. Unsere Zustimmung sollte uns
umso leichter werden, da wir zu sagen
wissen woher diese Idee zu Moses kam
was die jüdischen Priester gewiss nicht
mehr gewusst haben.
Hier könnte jemand die Frage aufwerfen
was haben wir davon wenn wir den
jüdischen Monotheismus vom ägyptischen
ableiten. Das Problem wird dadurch nur
um ein Stück verschoben, von der
Genese der monotheistischen Idee
wissen wir darum nicht mehr. Die Antwort
darauf lautet es ist keine Frage des
Gewinns sondern der Forschung. Und
vielleicht lernen wir etwas dabei
wenn wir den wirklichen Hergang
erfahren.S.
13
II Latenzzeit und Tradition
Wir bekennen uns also zu dem Glauben
dass die Idee eines einzigen Gottes sowie
die Verwerfung des magisch wirkenden
Zeremoniells und die Betonung der ethischen
Forderung in seinem Namen tatsächlich
mosaische Lehren waren, die zunächstzunächstkein Gehör fanden aber nach dem
Ablauf einer langen Zwischenzeit zur Wirkung
kamen und sich endlich für die Dauer
durchsetzten. Wie soll man sich eine solche
verspätete Wirkung erklären und wo
begegnet man ähnlichen Phänomenen?
Der nächste Einfall sagt sie seien nicht
selten auf sehr verschiedenen Gebieten
zu finden und kommen wahrscheinlich
auf mannigfache Weise zu Stande, mehr
oder weniger leicht verständlich. Greifen
wir z.B. das Schicksal einer neuen wissen-
schaftlichen Theorie wie der Darwin'schen Evolutions-
lehre heraus. Sie findet zunächst erbitterte
Ablehnung, wird durch Jahrzehnte heftig um-
stritten, aber es brauchtaber es brauchtnicht länger als
eine Generation bis sie als grosser Fort-
schritt zur Wahrheit anerkannt wird.
Darwin selbst erreicht noch die Ehre eines Grabes
oder Kenotaphs in Westminster. Ein solcher
Fall lässt uns wenig zu enträtseln. Die neue
Wahrheit hat affektive Widerstände wach-
gerufen, diese lassen sich durch Argumente
vertreten, mit denen man die Beweise
zu Gunsten der unliebsamen Lehre bestreiten
kann, der Kampf der Meinungen nimmt
eine gewisse Zeit in Anspruch, von Anfang
an giebt es Anhänger und Gegner, die Anzahl
wie die Gewichtigkeit der Ersteren nimmt
immer zu bis sie am Ende die Oberhand haben
während der ganzen Zeit des Kampfes ist
niemals vergessen worden um was es
sich handelt. Wir verwundern uns kaum
dass der ganze Ablauf eine längere Zeit
gebraucht hat, würdigen es wahrscheinlich
nicht genug dass wir es mit einem Vorgang
der Massenpsychologie zu tun haben. Es
hat keine Schwierigkeit zu diesem Vorgang
eine voll entsprechende Analogie im
Seelenleben eines Einzelnen zu finden.
Dies wäre der Fall dass jemand etwas als
neu erfährt, was er auf Grund gewisser
Beweise als Wahrheit anerkennen soll,
was aber manchem seiner Wünsche wider-
spricht und einige der ihm wertvollen
Überzeugungen beleidigt. Er wird dannS.
14
zögern, nach Gründen suchen, mit denen
er das Neue bezweifeln kann und wird
eine Weile mit sich selbst kämpfen bis
er sich am Ende eingesteht: es ist doch so
obwohl es ich nicht leicht glaube, auch um
obwohl es mir peinlich ist daran glauben
zu müssen. Wir lernen daraus nur, dass
es Zeit verbraucht bis die Verstandes-
arbeit des Ichs Einwendungen überwunden
hat, die durch starke affektive Besetzung
gehalten werden. Die Ähnlichkeit zwischen
diesem Fall und dem, um dessen Ver-
ständnis wir uns bemühen ist nicht sehr
gross.
Das nächste Beispiel, an das wir uns wenden
hat mit unserem Problem anscheinend
noch weniger gemein. Es ereignet sich
dass ein Mensch scheinbar unbeschädigt
die Stätte verlässt an der er einen
schreckhaften Unfall, z.B. einen Eisenbahn-
zusammenstoss erlebt hat. Im Laufe der
nächsten Wochen entwickelt er aber
eine Reihe schwerer psychischer und
motorischer Symptome die man nur
von seinem Schock, jener Erschütterung
oder was sonst damals gewirkt hat
ableiten kann. Er hat jetzt eine „traumatische Neurose“ Das ist eine ganz unver-
ständliche also eine neue Tatsache. Man heißt
die Zeit, die zwischen dem Unfall und
dem ersten Auftreten der Symptome ver-
flossen ist, die „Inkubationszeit“ in durch-
sichtiger Anspielung an die Pathologie
der Infektionskrankheiten. Nachträgträg-
lich muss es uns doch auffallen dass trotz
der fundamentalen Verschiedenheit der
beiden Fälle, zwischen dem Problem
der traumatischen Neurose und dem
des jüdischen Monotheismus doch in
einem Punkt eine Übereinstimmung besteht
Nämlich in dem Charakter den man die
Latenz heissen könnte. Nach unserer ge-
sicherten Annahme giebt es ja in der
jüdischen Religionsgeschichte eine lange
Zeit, nach dem Abfall von der
Mosesreligion, in der von der monotheisti-
schen IdeeReligionvon der Verschmähung
des Zeremoniells und von der Überbe-
tonung des Ethischen nichts verspürt wird.
So werden wir auf die Möglichkeit vorbe-
reitet, dass die Lösung unseres ProblemsS.
15
in einer besonderen psychologischen Situation
zu suchen ist.
Wir haben bereits wiederholt dargestellt
was in Qadeš geschah, als die beiden Anteile
des späteren jüdischen Volkes zur Annahme
einer neuen Religion zusammentraten.
Auf der Seite derer, die in Ägypten gewesen
waren, waren die Erinnerungen an den Aus-
zug und an die Gestalt des Moses noch so
stark und lebhaft, dass sie in einem Bericht
über die Vorzeit Aufnahme forderten.
Es waren vielleicht die Enkel von Personen
die Moses selbst gekannt hatten, und einige
von ihnenistfühlten sich noch als Ägypter
und trugen ägyptische Namen. Sie hatten
aber gute Motive, die Erinnerung an
das Schicksal zu verdrängen, das ihrem(woran sie mitschuldig waren)Führer und Gesetzgeber bereitet worden
war. Für die Anderen war die Absicht massgebend
den neuen Gott zu verherrlichen und seine
Fremdheit zu bestreiten. Beide Teile
hatten das gleiche Interesse daran zu
verleugnen, dass es bei ihnen eine
frühere Religion gegeben hatte und
welches ihr Inhalt gewesen war. So kam
jenes erste Kompromiss zustande, das
wahrscheinlich bald eine schriftliche
Fixierung fand; die Leute aus Ägypten
hatten die Schrift und die Lust zur
Geschichtsschreibung mitgebracht. Aber es
sollte noch lange dauern, bis die Geschichts-
schreibung erkannte, dass sie zur uner-
bittlichen Wahrhaftigkeit verpflichtet sei.
Zunächst machte sie sich kein Gewissen daraus,
ihre Berichte nach ihren jeweiligen Be-
dürfnissen und Tendenzen zu gestalten
als wäre ihr der Begriff der Verfälschung
noch nicht aufgegangen. Infolge dieser
Verhältnisse konnte sich ein Gegensatz
herausbilden zwischen der schriftlichen
Fixierung und der mündlichen Über-
lieferung desselben Stoffes, der Tradition.
Was in der Niederschrift ausgelassen
oder abgeändert worden war, konnte
sehr wohl in der Tradition unversehrt
erhalten geblieben sein. Die Tradition
war die Ergänzung und zugleich der
Widerspruch der Geschichtsschreibung. Sie
war dem Einfluss der entstehenden
Tendenzen weniger unterworfen, viel-
leicht in manchen Stücken ganz entzogen
und konnte darum wahrhaftiger sein,
als der schriftlich fixierte Bericht. IhreS.
16
Zuverlässigkeit litt aber darunter, dass sie
unbeständiger und unbestimmter war als
die Niederschrift, mannigfachen Verände-
rungen und Verunstaltungen ausgesetzt
wenn sie durch mündliche Mitteilung von
einer Generation auf die andere über-
tragen wurde. Eine solche Tradition konnte
verschiedenartige Schicksale haben. Am ehesten
sollten wir erwarten, dass sie von der
Niederschrift erschlagen wird, sich neben
ihr nicht zu behaupten vermag, immer
schattenhafter wird und endlich in Ver-
gessenheit gerät. Aber es sind auch andere
Schicksale möglich; eines davon ist, dass die
Tradition selbst in einer schriftlichen Fixie-
rung endet, und von noch anderen werden
wir im weiteren Verlauf zu handeln
haben.
Für das Phänomen der Latenz in der jüdischen
Religionsgeschichte, das uns beschäftigt
bietet sich nun die Erklärung, dass die
von der sozusagen offiziellen Geschichts-
schreibung absichtlich verleugneten Tat-
bestände und Inhalte in Wirklichkeit
nie verloren gegangen sind. Die Kunde
von ihnen lebte in Traditionen fort,
die sich im Volke erhielten. Nach der
Versicherung von E. Sellin war ja selbst
über den Ausgang Moses’ eine Tradition
vorhanden, die der offiziellen Darstellung
glatt widersprach und der Wahrheit weit
näher kam. Dasselbe dürfen wir annehmen
traf auch für anderes zu, was scheinbar zugleich
mit Moses seinen Untergang gefunden
hatte, für manche Inhalte der mosaischen
Religion, die für die Zeitgenossen Moses’
unannehmbar gewesen waren.waren.
Die merkwürdige Tatsache, der wir hier be-
gegnen, ist aber, dass diese Traditionen,
anstatt sich mit der Zeit abzuschwächen
im Laufe der Jahrhunderte immer mächtiger
wurden, sich in die späteren Bearbei-
tungen der offiziellen Berichterstattung
eindrängten und endlich sich stark genug
zeigten, um das Denken und Handeln des
Volkes entscheidend zu beeinflussen.
Welche Bedingungen diesen Ausgang
ermöglicht haben, das entzieht sich
allerdings zunächst unsererKennissKenntnis.S.
17
Diese Tatsache ist in der Tat so merkwürdig
dass wir uns berechtigt fühlen sie uns
nochmals vorzuhalten. In ihr liegt unser
Problem beschlossen. Das Judenvolk hatte die
ihm von Moses gebrachte Atonreligion ver-
lassen und sich der Verehrung eines andern
Gottes zugewendet, der sich wenig von den
Baalim der Nachbarvölker unterschied. Allen
Bemühungen späterer Tendenzen gelang es nicht
diesen beschämenden Sachverhalt zu ver-
schleiern. Aber die Mosesreligion war nicht
spurlos untergegangen, eine Art von Erinnerung
an sie hatte sich erhalten, eine vielleicht
verdunkelte und entstellte Tradition.
Und diese Tradition einer grossen Ver-
gangenheitwar es, diewar es, die gleichsam
aus dem Hintergrund zu wirken
fortfuhr, allmählich immer mehr
Macht über die Geister gewann und
es endlich erreichte, den Gott Jahve in den
mosaischen Gott zu verwandeln und die
vor langen Jahrhunderten eingesetzte
und dann verlassene Religion des Moses
wieder zum Leben zu erwecken. Dass
eine verschollene Tradition eine so mäch-
tige Wirkung auf das Seelenleben
eines Volkes üben sollte, ist keine
uns vertraute Vorstellung. Wir finden
uns da auf einem Gebiet der Massen-
psychologie in dem wir uns nicht heim-
isch fühlen. Wir halten Ausschau nach
Analogien, nach Tatsachen von wenigstens
ähnlicher Natur, wenn auch auf anderen
Gebieten. Wir meinen, solche sind zu
finden.
In den Zeiten, da sich bei den Juden die Wieder-
kehr der Mosesreligion vorbereitete, fand
sich das griechische Volk im Besitz eines überaus
reichen Schatzes von Geschlechtersagen und
Heldenmythen. Im 9ten oder 8ten Jahrhun-
dert, glaubt man, entstanden die beiden
homerischen Epen, die ihren Stoff diesem
Sagenkreis entnahmen. Mit unseren heutigen
psychologischen Einsichten hätte man lange vor
Schliemann und Evans die Frage auf-
werfen können: Woher nahmen die Griechen
all das Sagenmaterial, das Homer und die
grossen attischen Dramatiker in ihren
Meisterwerken verarbeiteten? Die Ant-
wort hätte lauten müssen: Dieses Volk
hat wahrscheinlich in seiner Vorgeschichte
eine Zeit von äußerem Glanz und
kultureller Blüte erlebt, die in einerS.
18
historischen Katastrophe untergegangen ist und
von der sich in diesen Sagen eine dunkle
Tradition erhalten hat. Die archäologische
Forschung unserer Tage hat dann diese Ver-
mutung bestätigt, die damals sicherlich
für allzu gewagt erklärt worden wäre.
Sie hat die Zeugnisse für die großartige
minoisch-mykenische Kultur aufgedeckt
die auf dem griechischen Festland wahr-
scheinlich schon vor 1250 v. Chr. zu Ende
kam. Bei den griechischen Historikern der
späteren Zeit findet sich kaum ein Hin-
weis auf sie. Einmal die Bemerkung
dass es eine Zeit gab, da die Kreter die
Seeherrschaft innehatten, der Name des
Königs Minos und seines Palastes, des
Labyrinths, das ist alles, sonst ist nichts von
ihr übrig geblieben als die von den
Dichtern aufgegriffenen Traditionen.
Es sind Volksepen noch bei anderen
Völkern bekannt geworden bei den
Indern, Finnen, Deutschen. Es fällt den
Literaturhistorikern zu, zu untersuchen
ob deren Entstehung dieselben Bedingungen
annehmen lässt wie im Falle der Griechen.
Ich glaube die Untersuchung wird ein
positives Ergebnis bringen. Die Bedingung
die wir erkennen, ist: ein Stück Vor-
geschichte, das unmittelbar nachher als inhalt-
reich, bedeutsam und grossartig, vielleicht
immer als heldenhaft erscheinen musste
das aber so weit zurückliegt, so entlege-
nen Zeiten angehört, dass den späteren
Geschlechtern nur eine dunkle und
unvollständige Tradition von ihr Kunde
giebt. Man hat sich darüber verwundert
dass das Epos als Kunstgattung in späteren
Zeiten erloschen ist. Vielleicht liegt
die Erklärung darin dass seine Bedin-
gung sich nicht mehr herstellte. Der alte
Stoff war aufgearbeitet und für alle
späteren Begebenheiten war die Ge-
schichtsschreibung an die Stelle der
Tradition getreten. Die grössten Helden-
taten unserer Tage waren nicht
im Stande ein Epos zu inspirieren
aber schon Alexander der Grosse
hatte ein Recht zur Klage, dass er
keinen Homer finden werde.S.
19
Längstvergangene Zeiten haben eine grosse
eine oft rätselhafte Anziehung für die Phan-
tasie der Menschen. So oft sie mit ihrer
Gegenwart unbefriedigt sind – und das sind
sie oft genug – wenden sie sich zurück in die
Vergangenheit und hoffen diesmal den
nie erloschenen Traum von einem goldenen
Zeitalter bewahrheiten zu können.x) Wahrscheinlich
x) Diese Situation hat Macaulay seinen
Lays of Ancient Rome zu Grunde gelegt. Er
versetzt sich darin in die Rolle eines
Sängers, der betrübt über die wüsten Partei-
kämpfe der Gegenwart seinen Zuhörern
den Opfermut, die Einigkeit und den
Patriotismus der Ahnen vorhält.
stehen sie immer noch unter dem Zauber
ihrer Kindheit, die ihnen von einer nicht
unparteiischen Erinnerung als eine Zeit von
ungestörter Seligkeit gespiegelt wird.
Wenn von der Vergangenheit nur mehr
die unvollständigen und verschwommenen
Erinnerungen bestehen, die wir Tradition
heissen, so ist das für den Künstler ein
besonderer Anreiz, denn dann ist es ihm frei
geworden, die Lücken der Erinnerung nach
den Gelüsten seiner Phantasie
auszufüllen und das Bild der Zeit, die
er reproduzieren will, nach seinen Absichten
zu gestalten. Beinahe könnte man sagen
je unbestimmter die Tradition geworden
ist, desto brauchbarer wird sie für den
Dichter. Über die Bedeutung der Tradition
für die Dichtung brauchen wir uns also nicht
zu verwundern, und die Analogie
zur Bedingtheit des Epos wird uns der be-
fremdlichen Annahme geneigter machen,
dass es bei den Juden die Mosestradition
war, welche den Jahvedienst im Sinne
der alten Mosesreligion verwandelte.
Aber die beiden Fälle sind sonst noch zu
sehr verschieden. Dort ist das Ergebnis eine
Dichtung, hier eine Religion, und für
letztere haben wir angenommen, dass
sie unter dem Antrieb der Tradition
mit einer Treue reproduziert wurde, zu
der der Fall des Epos natürlich das Gegen-
stück nicht zeigen kann. Somit bleibt
von unserem Problem genug übrig
um das Bedürfnis nach besser
zutreffenden Analogien zu rechtfertigen.
S.
20
III Die Analogie
Die einzige befriedigende Analogie zu dem
merkwürdigen Vorgang, den wir in der
jüdischen Religionsgeschichte erkannt haben
findet sich auf einem scheinbar weit abge-
legenen Gebiet, aber sie ist sehr vollständig
sie kommt der Identität nahe. Dort begeg-
nen uns wiederum das Phänomen der Latenz
das Auftauchen unverständlicher, Erklärung
heischender Erscheinungen und die Bedingung
des frühen, später vergessenen Erlebnisses.
Und ebenso der Charakter des Zwanges,
der sich mit Überwältigung des logischen
Denkens der Psyche aufdrängt,und sie da-zuein Zug, der z.B.bei derbei der Genese des Epos nicht in
Betracht kam. Diese Analogie trifft sich in der Psychopathologie
bei der Genese der menschlichen Neurosen
also auf einem Gebiet, das der Einzelpsychologie
angehört, während die religiösen Phänomene
natürlich zur Massenpsychologie zu rechnen
sind. Es wird sich zeigen, dass diese Analogie
nicht so überraschend ist, als man zunächst
meinen würde, ja dass sie eher einem
Postulat entspricht.
Die früh erlebten, später vergessenen Ein-
drücke, denen wir eine so grosse Bedeu-
tung für die Ätiologie der Neurosen
zuschreiben, heissen wir Traumen. Es mag
dahingestellt bleiben, ob die Ätiologie
der Neurosen allgemein als eine
traumatische angesehen werden darf.
Der naheliegende Einwand dagegen ist, dass
sich nicht in allen Fällen ein offenkundiges
Trauma, aus der Urgeschichte des neurotischen
Individuums herausheben lässt. Oft muss
man sich bescheiden zu sagen, dass nichts
anderes vorliegt als eine ausserge-
wöhnliche, abnorme Reaktion auf Erleb-
nisse und Anforderungen, die alle Indi-
viduen treffen und von ihnen in anderer,
normal zu nennender Weise verarbeitet
und erledigt werden. Also zur Erklärung
nichts anderes als das Zusammentreffen von
hereditärer und konstitutioneller Dispo-
sition.Wir brauchen uns nicht indiese Diskussion einzulassen, sondernbedürfen es nur
In dieser Zusammenfassung heben sich aber
zwei Punkte hervor. Der erste, dass
die Genese der Neurose überall und
jedesmal auf sehr frühe Kindheitsein-
drücke zurückgeht.x)Zweitens, es ist
x) Gemeint ist, es ist
S.
21
x) So dass es also unsinnig ist zu behaupten man
übe Psychoanalyse wenn man gerade diese
Urzeiten von der Erforschung und Berück-
sichtigung ausschliesst, wie es von manchen
Seiten geschieht.
richtig, dass es Fälle giebt die man als „trauma-
tische“ auszeichnet, weil die Wirkungen unver-
kennbar auf einen oder mehrere starke Ein-
drücke dieser Frühzeit zurückgehen, die sich
einer normalen Erledigung entzogen haben
so dass man urteilen möchte wären diese
nicht vorgefallen, so wäre auch die Neurose
nicht zu Stande gekommen. Es reichte
nun für unsere Absichten hin wenn wir
die gesuchte Analogie nur auf diese trau-
matischen Fälle beschränken müssten. Aber
die Kluft zwischen beiden Gruppen scheint nicht
unüberbrückbar. Es ist sehr wohl möglich, beide
ätiologische Bedingungen in einer Auf-
fassung zu vereinigen; es kommt nur
darauf an was man als traumatisch de-
finiert. Wenn man annehmen darf dass
das Erlebnis den traumatischen Charakter
nur infolge eines quantitativen Faktors
erwirbt, dass also in allen Fällen die Schuld
an einem Zuviel von Anspruch liegt
wenn das Erlebnis ungewöhnliche, pathologische
Reaktionen hervorruft, so kann man leicht
zur Auskunft gelangen dass bei der einen
Konstitution etwas als Trauma wirkt,
was bei anderer keine solche Wirkung
hätte. Es ergiebt sich dann die Vorstellung
einer gleitenden sog. Ergänzungsreihe
in der zwei Faktoren zur ätiologischen
Erfüllung zusammentreten ein Minder
von einem durch ein Mehr vom anderen
ausgeglichen wird, im Allgemeinen ein
Zusammenwirken beider stattfindet und
nur an den beiden Enden der Reihe von
einer einfachen Motivierung die Rede sein
kann. Nach dieser Erwägung kann man
die Unterscheidung von traumatischer
und nicht traumatischer Ätiologie
als für die von uns gesuchte Analogie
unwesentlich bei Seite lassen.Vielleicht ist es trotz der Gefahr der
Wiederholung zweckmässig hier die
Tatsachen zusammen zu stellen, welche die
für uns bedeutsame Analogie enthalten.S.
22
Es sind folgende: Es hat sich für unsere Forschung
herausgestellt, dass das was wir die Phänomene
(Symptome) einer Neurose heissen, die Folgen
von gewissen Erlebnissen und Eindrücken
sind, die wir eben darum als ätiologische
Traumen anerkennen. Wir haben nun
zwei Aufgaben vor uns: erstens die gemein-
samen Charaktere dieser Erlebnisse
und zweitens die der neurotischen Symp-
tome aufzusuchen, wobei gewisse Schema-Ad I; a)tisierungen nicht vermieden zu
werden brauchen.
Ad I; a) Alle Traumen gehören der frühen
Kindheit bis etwa zu 5 Jahren an. Eindrücke
aus der Zeit der beginnenden Sprachfähigk.
heben sich als besonders interessant her-
vor; die Periode von 2-4 Jahren erscheint
als die wichtigste; wann nach der Geburt
diese Zeit der Empfänglichkeit beginnt
lässt sich nicht sicher feststellen. b) Die
betreffenden Erlebnisse sind in der Regel
völlig vergessen, sie sind der Erinnerung
nicht zugänglich, fallen in die Periode
der infantilen Amnesie, die zumeist
durch einzelne Erinnerungsreste, sog.
Deckerinnerungen durchbrochen wird.
c) Sie beziehen sich auf Eindrücke sexueller
und aggressiver Natur, gewiss auch auf früh-
zeitige Schädigungen des Ichs (narzisstische
Kränkungen). Dazu ist zu bemerken, dass
so junge Kinder zwischen sexuellen und
rein aggressiven Handlungen nicht scharf
unterscheiden wie später (sadistisches
Missverständnis des Sexualaktes). Das Über-
wiegen des sexuellen Moments ist nat-
ürlich sehr auffällig und verlangt nach
theoretischer Würdigung.
Diese drei Punkte – frühzeitliches Vorkommen
innerhalb der ersten 5 Jahre, Ver-
gessenheit, sexuell-aggressiver Inhalt –
gehören eng zusammen. Die Traumen sind
entweder Erlebnisse am eigenen Körper
oder Sinneswahrnehmungen, meist von
Gesehenem und Gehörtem, also Erlebnisse
oder Eindrücke. Der Zusammenhang dieser
drei Punkte wird durch eine Theorie her-
gestellt, ein Ergebnis der analytischen
Arbeit, die allein eine Kenntnis der
vergessenen Erlebnisse vermitteln, greller
aber auch inkorrekter ausgedrückt, sie
in die Erinnerung zurückbringen
kann. Die Theorie lautet, dass imS.
23
Gegensatz zur populären Meinung das Geschlechts-
leben der Menschen – oder was ihm in
späterer Zeit entspricht – eine Frühblüte zeigt
die mit etwa 5 Jahren zu Ende ist, worauf
die sogenannte Latenzzeit – bis zur Pubertät –
folgt, in der keine Fortentwicklung der
Sexualität vor sich geht, ja das Erreichte rück-
gängig gemacht wird. Diese Lehre wird
durch anatomische Untersuchung des Wachs-
tums der inneren Genitalien bestätigt
sie führt zur Vermutung, dass der Mensch
von einer Tierart abstammt, die mit
5 Jahren geschlechtsreif wurde, und weckt
den Verdacht dass der Aufschub und zwei-
zeitige Ansatz des Sexuallebens aufs in-
nigste mit der Geschichte der Menschwer-
dung zusammenhängt. Der Mensch scheint
das einzige Tierwesen mit solcher Latenz
und Sexualverspätung zu sein. Untersu-
chungen an Primaten die meines
Wissens nicht vorliegen wären für die
Prüfung der Theorie unerlässlich.
Psychologisch kann es nicht gleichgültig sein
dass die Periode der infantilen Amnesie
mit dieser Frühzeit der Sexualität
zusammenfällt. Vielleicht enthält dieser
Sachverhalt die wirkliche Bedingung für
die Möglichkeit der Neurose, die ja in
gewissem Sinne ein menschliches Vor-
recht ist und in dieser Betrachtung als
ein Überbleibsel (survival) der Urzeit
erscheint wie gewisse Bestandstücke der
Anatomie unseres Körpers.
Ad II, gemeinsame Eigenschaften oder Beson-
derheiten der neurotischen Phänomene;
es sind zwei Punkte hervorzuheben. a) Die Wir-
kungen des Traumas sind von zweierlei
Art, positive und negative. Die ersteren
sind Bemühungen, das Trauma wieder
zur Geltung zu bringen, also das vergessene
Erlebnis zu erinnern, oder noch besser
es real zu machen, eine Wiederholung
davon von Neuem zu erleben, wenn es
auch nur eine frühere Affektbeziehung
war, dieselbe in einer analogen Bezie-
hung zu einer anderen Person neu
wieder aufleben zu lassen. Man fasst
diese Bemühungen zusammen als Fixierung
an das Trauma und als Wiederholungs-
zwang. Sie können in das sog. normale
Ich aufgenommen werden und als ständige
Tendenzen desselben ihm unwandelbareS.
24
Charakterzüge verleihen, obwohl oder vielmehr
gerade weil ihre wirkliche Begründung ihr histo-
rischer Ursprung vergessen ist. So kann ein
Mann der seine Kindheit in übermässiger
heute vergessener Mutterbindung verbracht
hat, sein ganzes Leben über nach einer Frau
suchen, von der er sich abhängig machen kann,
von der er sich nähren und erhalten
lässt. Ein Mädchen das in früher Kindheit Objekt
einer sexuellen Verführung wurde kann ihr
späteres Sexualleben darauf einrichten immer
wieder solche Angriffe zu provozieren. Es ist
leicht zu erraten, dass wir durch solche
Einsichten über das Problem der Neurose
hinaus zum Verständnis der Charakter-
bildung überhaupt vordringen.Die negativen Reaktionen verfolgen das
entgegengesetzte Ziel, dass von den vergessenen
Traumen nichts erinnert und nichts wieder-
holt werden soll. Wir können sie als
Abwehrreaktionen zusammenfassen. Ihr
Hauptausdruck sind die sog. Vermeidungen
die sich zu Hemmungen und Phobien steigern
können. Auch diese negativen Reaktionen
leisten die stärksten Beiträge zur Präg-
ung des Charakters; im Grunde sind sie
ebenso Fixierungen an das Trauma wie
ihre Gegner, nur sind es Fixierungen mit
entgegengesetzter Tendenz. Die Symptome
der Neurose im engeren Sinne sind
Kompromissbildungen, zu denen beiderlei
von den Traumen ausgehende Strebungen
zusammentreten, so dass bald der Anteil der
einen, bald der der anderen Richtung in
ihnen überwiegenden Ausdruck findet.
Durch diesen Gegensatz der Reaktionen
werden Konflikte hergestellt, die
regulärer Weise zu keinem Abschluss
kommen können.
b). Alle diese Phänomene, die Symptome wie
die Einschränkungen des Ichs und die stabilen
Charakterveränderungen haben Zwangs-
charakter, d.h. bei grosser psychischer Intensität
zeigen sie eine weitgehende Unabhängig-
keit von der Organisation der anderen
seelischen Vorgänge, die den Forderungen
der realen Aussenwelt angepasst sind
den Gesetzen des logischen Denkens ge-
horchen. Sie werden durch die äussere
Realität nicht oder nicht genug beeinflusst,
kümmern sich nicht um sie und um
ihre psychische Vertretung, so dass sie
leicht in aktiven Widerspruch zu
beiden geraten. Sie sind gleichsam einS.
25
Staat im Staat, eine unzugängliche, zur Zusammen-
arbeit unbrauchbare Partei, der es aber
gelingen kann, das Andere, sog. Normale
zu überwinden und in ihren Dienst zu
zwingen. Geschieht dies, so ist damit die Herrschaft
einer inneren psychischen Realität über die
Realität der Aussenwelt erreicht, der Weg
zur Psychose eröffnet. Auch wo es nicht so weit
kommt, ist die praktische Bedeutung dieser
Verhältnisse kaum zu überschätzen. Die
Lebenshemmung und Lebensunfähigkeit
der von einer Neurose beherrschten Personen
ist ein in der menschlichen Gesellschaft
sehr bedeutsamer Faktor, und man darf
in ihr den direkten Ausdruck von ihrer
Fixierung an ein frühes Stück ihrer
Vergangenheit erkennen.Und nun fragen wir was ist es mit der
Latenz, die uns mit Rücksicht auf die Analogie
besonders interessieren muss? An das Trauma
der Kindheit kann sich ein neurotischer
Ausbruch unmittelbar anschliessen, eine
Kindheitsneurose, erfüllt von den Bemühungen
zur Abwehr, unter Bildung von Symptomen.
Sie kann längere Zeit anhalten, auffällige
Störungen verursachen, aber auch latent
verlaufen und übersehen werden. In ihr
behält in der Regel die Abwehr die Oberhand;
auf jeden Fall bleiben Ichveränderungen, den
Narbenbildungen vergleichbar, zurück.
Nur selten setzt sich die Kinderneurose ohne
Unterbrechung in die Neurose des Erwach-
senen fort. Weit häufiger wird sie abgelöst
von einer Zeit anscheinend ungestörter
Entwicklung, ein Vorgang, der durch das
Dazwischentreten der physiologischen Latenz-
periode unterstützt oder ermöglicht
wird. Erst später tritt die Wandlung ein,
mit der die endgültige Neurose als ver-
spätete Wirkung des Traumas manifest
wird. Dies geschieht entweder mit dem
Einbruch der Pubertät oder eine Weile
später. Im ersteren Falle, indem die
durch die physische Reifung verstärkten
Triebe nun den Kampf wieder auf-
nehmen können, in dem sie anfänglich
der Abwehr unterlegen sind, im anderen
Falle weil die bei der ersten Abwehr
hergestellten Reaktionen und Ichverän-
derungen sich nun als hinderlich für
die Erledigung der neuen Lebensauf-
gaben erweisen, so dass es nun zu
schweren Konflikten zwischen den
Anforderungen der realen AussenweltS.
26
und dem Ich kommt, das seine im Abwehrkampf
mühsam erworbene Organisation bewahren
will. Das Phänomen einer Latenz der
Neurose zwischen den ersten Reaktionen
auf das Trauma und dem späteren Ausbruch
der Erkrankung muss als typisch anerkannt
werden. Man darf diese Erkrankung auch
als Heilungsversuch ansehen, als Bemühung,
die durch den Einfluss des Traumas ab-
gespaltenen Antheile des Ichs wieder mit
dem Übrigen zu versöhnen und zu einem
gegen die Aussenwelt machtvollen Ganzen
zu vereinigen. Aber ein solcher Versuch
gelingt nur selten, wenn nicht die ana-
lytische Arbeit zur Hilfe kommt, auch dann
nicht immer und er endet häufig genug
in einer völligen Verwüstung und
Zersplitterung des Ichs oder in dessen
Überwältigung durch den frühzeitig ab-
gespaltenen, vom Trauma beherrschten
Antheil.Um die Überzeugung des Lesers zu gewinnen,
wäre die ausführliche Mittheilung zahl-
reicher neurotischer Lebensgeschichten
erforderlich. Aber bei der Weitläufigkeit
und Schwierigkeit des Gegenstandes
würde dies denCharakterCharakter dieser
ArbeitAbhandlungvöllig aufheben. Sie würde
sich in eine Abhandlung über Neurosen-
lehre umwandeln und auch dann
wahrscheinlich nur auf jene Minderzahl
wirken, die das Studium und die Ausü-
bung der Psychoanalyse zur Lebens-
aufgabe gewählt hat. Da ich mich hier an
einen weiteren Kreis wende, kann
ich nichts anderes thun als den Leser
ersuchen, dass er den im Vorstehenden
abgekürzt mitgetheilten Ausführungen
eine gewisse vorläufige
Glaubwürdigkeit zugestehe, womit also
das Zugeständnis meinerseits verbunden
ist, dass er die Folgerungen zu denen
ich ihn führe, nur dann anzunehmen
braucht, wenn die Lehren die ihre
Voraussetzungen sind, sich als richtig
bewähren.Ich kann immerhin versuchen, einen einzelnen
Fall zu erzählen, der manche der erwähnten
Eigenthümlichkeiten der Neurose besonders
deutlich erkennen lässt. Natürlich darf man
von einem einzigen Fall nicht erwarten
dass er alles zeigen wird, und braucht
nicht enttäuscht zu sein, wenn er sich
inhaltlich weit von dem entfernt, wozuS.
27
wir die Analogie suchen.
Das Knäblein das, wie so häufig in kleinbürger-
lichen Familien, in den ersten Lebensjahren
das Schlafzimmer mit den Eltern theilt, hat wie-
derholt ja regelmässig, Gelegenheit, im Alter
der kaum erreichten Sprachfähigkeit die sex-
uellen Vorgänge zwischen den Eltern
zu beobachten, manches zu sehen und mehr
noch zu hören. In seiner späteren Neurose
die unmittelbar nach der ersten spontanen
Pollution ausbricht, ist Schlafstörung das
früheste und lästigste Symptom. Er wurde
ausserordentlich empfindlich gegen nächt-
liche Geräusche und konnte, einmal ge-
weckt den Schlaf nicht wieder finden.
Diese Schlafstörung war ein richtiges Kom-
promisssymptom, einerseits der Ausdruck
seiner Abwehr gegen jene nächtlichen
Wahrnehmungen, andererseits ein Versuch
das Wachsein wieder herzustellen in
dem er jenen Eindrücken lauschen
konnte.Durch solche Beobachtung frühzeitig zu aggressiver
Männlichkeit geweckt, begann der Knabe
seinenPeniskleinen Penis mit der Hand zu erregen
und verschiedene sexuelle Angriffe auf
die Mutter zu unternehmen, in der
Identifizierung mit dem Vater, an dessen
Stelle er sich dabei setzte. Das gieng so fort
bis er sich endlich von der Mutter das
Verbot holte, sein Glied zu berühren und
des Weiteren die Drohung von ihr hörte,
sie werde es dem Vater sagen und
der ihm zur Strafe das sündige Glied weg-
nehmen. Diese Kastrationsdrohung hatte
eine ausserordentlich starke traumatische
Wirkung auf den Knaben. Erhattegab
seine sexuelle Tätigkeit auf und änderte
seinen Charakter. Anstatt sich mit dem
Vater zu identifizieren, fürchtete er ihn,
stellte sich passiv zu ihm ein und provo-
zierte ihn durch gelegentliche Schlimmheit zu
körperlichen Züchtigungen, die für
ihn sexuelle Bedeutung hatten, so dass
er sich dabei mit der misshandelten
Mutter identifizieren konnte. An die
Mutter selbst klammerte er sich immer ängst-
licher an, als ob er keinenMonat
Moment lang ihre Liebe entbehren könnte
in der er den Schutz gegen die vom
Vater drohende Kastrationsgefahr er-
blickte. In dieser Modifikation des
Oedipuskomplexes verbrachte er die
Latenzzeit, die von auffälligen StörungenS.
28
frei blieb. Er wurde ein Musterknabe, hatte
guten Erfolg in der Schule.Soweit haben wir die unmittelbare Wirkung
des Traumas verfolgt und die Tatsache der
Latenz bestätigt.Der Eintritt der Pubertät brachte die manifeste
Neurose und offenbarte deren zweites Haupt-
symptom, die sexuelle Impotenz. Er hatte die
Empfindlichkeit des Gliedes eingebüsst, ver-
suchte nicht, es zu berühren, wagte nicht
sich einer Frau in sexueller Absicht zu
nähern. Seine sexuelle Betätigung blieb
eingeschränkt auf psychische Onanie
mit sadistisch-masochistischen Phantasien, in
denen man unschwer die Ausläufer
jener frühen Coitusbeobachtungen an
den Eltern erkennt. Der Schub ver-
stärkter Männlichkeit, den die Puber-
tät mit sich bringt, wurde für wütenden
Vaterhass und Widersetzlichkeit gegen
den Vater aufgewendet. Dies extreme,
bis zur Selbstzerstörung rücksichtslose
Verhältnis zum Vater verschuldete
auch seinen Misserfolg im Leben und
seine Konflikte mit der Aussenwelt.
Er durfte es in seinem Beruf zu nichts
bringen weil der Vater ihn in diesen
Beruf gedrängt hatte. Er machte auch keine
Freunde, stand nie gut zu seinen Vorge-
setzten.Als er mit diesen Symptomen und Unfähigkeite
behaftet nach dem Tode des Vaters endlich
eine Frau gefunden hatte kamen als Kern seines Wesens Charakter-
züge bei ihm zum Vorschein die den Um-
gang mit ihm zur schweren Aufgabe für
alle ihm näherstehenden machten. Er
entwickelte eine absolut egoistische despoti-
sche und brutale Persönlichkeit der es
offenbar Bedürfnis war die Anderen
zu unterdrücken und zu kränken. Es
war die getreue Kopie des Vaters, wie
sich dessen Bild in seiner Erinnerung
gestaltet hatte, also ein Wiederaufleben
der Vateridentifizierung, in die sich
seinerzeit der kleine Knabe aus sex-
uellen Motiven begeben hatte. In diesem
Stück erkennen wir die Wiederkehr
des Verdrängten, die wir nebst den
unmittelbaren Wirkungen des Traumas
und dem Phänomen der Latenz unter
den wesentlichen Zügen einer Neurose
beschrieben haben.S.
29
IV. Anwendung
und SchwierigkeitenFrühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch
der neurotischen Erkrankung – theilweise
Wiederkehr des Verdrängten: so lautete
die Formel, die wir für die Entwicklung
einer Neurose aufgestellt haben. Der Leser
wird nun eingeladen, den Schritt zur An-
nahme zu machen, dass im Leben der Men-
schenart ähnliches vorgefallen ist wie
in dem der Individuen. Also dass es auch
hier Vorgänge gegeben hat sexuell-aggress-
iven Inhalts die bleibende Folgen hinter-
lassen haben, aber zumeistabgewehrt,
vergessen wurden, später nach langer
Latenz zur Wirkung gekommen sind und
Phänomene, den Symptomen ähnlich in
Aufbau und Tendenz, geschaffen haben.
Wir glauben diese Vorgänge errathen
zu können und wollen zeigen, dass ihre
symptomähnlichen Folgen die religiösen
Phänomene sind. Da sich seit dem Auftauch[en]
der Evolutionsidee nicht mehr bezweifeln
lässt, dass das Menschengeschlecht eine
Vorgeschichte hat und da diese unbekannt,
das heisst vergessen ist, hat ein solcher Schluss
beinahe das Gewicht eines Postulats. Wenn
wir erfahren, dass die wirksamen und
vergessenen Traumen sich hier wie dort
auf das Leben in der menschlichen Familie
beziehen, werden wir dies als eine
hocherwünschte, nicht vorhergesehene, von
den bisherigen Erörterungen nicht er-
forderte Zugabe begrüssen.
Ich habe diese Behauptungen schon vor einem
Vierteljahrhundert in meinem Buch „Totem
und Tabu“ (1912) aufgestellt und brauche
sie hierxnur zu wiederholen. Die Kon-
struktion geht von einer Angabe Ch. Darwin’s
aus und bezieht eine Vermuthung von
Atkinson ein. Sie besagt, dass in Urzeiten
der Urmensch in kleinen Horden lebte,
jede unter der Herrschaft eines starken
Männchens. Die Zeit ist nicht angebbar,
der Anschluss an die uns bekannten
geologischen Epochen nicht erreicht, wahr-
scheinlich hatte es jenes Menschenwesen
in der Sprachentwicklung noch nicht
weit gebracht. Ein wesentliches Stück der
Konstruktion ist die Annahme, dass die
zu beschreibenden Schicksale alle Ur-
menschen, also alle unsere Ahnen be-
troffen haben.
S.
30
Die Geschichte wird in grossartiger Verdicht-
ung erzählt, als ob sich ein einziges Mal zuge-
tragen hätte, was sich in Wirklichkeit über
Jahrtausende erstreckt und in dieser
langen Zeit ungezählt oft wiederholt
worden ist. Das starke Männchen war Herr
und Vater der ganzen Horde, unbeschränkt
in seiner Macht, die er gewaltthätig ge-
brauchte. Alle weiblichen Wesen waren
sein Eigentum, die Frauen und Töchter
der eigenen Horde, wie vielleicht auch
die aus anderen Horden geraubten. Das
Schicksal der Söhne war ein hartes; wenn
sie die Eifersucht des Vaters erregten,
wurden sie erschlagen oder kastrirt
oder ausgetrieben. Sie waren darauf
angewiesen in kleinen Gemeinschaften zu-
sammen zu leben und sich Frauen durch
Raub zu verschaffen, wo es dann dem
Einen oder Anderen gelingen konnte,
sich zu einer ähnlichen Position empor zu-
arbeiten wie die des Vaters in der Ur-
horde. Eine Ausnahmestellung ergab sich
aus natürlichen Gründen für die jüngsten
Söhne, die durch die Liebe der Mutter
geschützt aus dem Altern des Vaters
Vortheil ziehen und ihn nach seinem Ableben
ersetzen konnten. Sowohl von der Aus-
treibung der älteren wie von der
Bevorzugung der jüngsten Söhne glaubt
man Nachklänge in Sagen und Märchen
zu erkennen.
Der nächste entscheidende Schritt zur Änderung
dieser ersten Art von „sozialer“ Organisation
soll gewesen sein, dass die vertriebenen,
in Gemeinschaft lebenden Brüder sich zu-
sammenthaten, den Vater überwältigten
und ihn nach der Sitte jener Zeiten roh
verzehrten. An diesem Kannibalismus
braucht man keinen Anstoss zu nehmen,
er ragt weit in spätere Zeiten hinein.
Wesentlich ist es aber, dass wir diesen Ur-
menschen die nämlichen Gefühlsein-
stellungen zuschreiben, wie wir sie bei
den Primitiven der Gegenwart, unseren
Kindern, durch analytische Erforschung
feststellen können. Also dass sie den Vater
nicht nur hassten und fürchteten, sondern
auch ihn als Vorbild verehrten, und dass
jeder sich in Wirklichkeit an seine
Stelle setzen wollte. Der kannibalistische
Akt wird dann verständlich als Ver-
such, sich durch Einverleibung eines Stücks
von ihm der Identifizierung mit ihm
zu versichern.
S.
31
Es ist anzunehmen, dass nach der Vatertödtung
eine längere Zeit folgte in der die Brüder
mit einander um das Vatererbe stritten
da ein Jeder für sich allein gewinnen wollte.
Die Einsicht in die Gefahren und die Erfolglosig-
keit dieser Kämpfe, die Erinnerung an die
gemeinsam vollbrachte Befreiungsthat und
die Gefühlsbindungen an einander,
die während der Zeiten der Vertreibung
entstanden waren, führten endlich zu einer
Einigung unter ihnen, einer Art von Gesell-
schaftsvertrag. Es entstand die erste Form
einer sozialen Organisation mit Trieb-
verzicht, Anerkennung von gegenseitigen
Verpflichtungen, Einsetzung bestimmter, für un-unverbrüchlich (heilig) erklärter Institu-
tionen, die Anfänge also von Moral
und Recht. Jeder einzelne verzichtete
auf das Ideal, die Vaterstellung für
sich zu erwerben, auf den Besitz von
Mutter und Schwestern. Damit war das
Inzesttabu und das Gebot der Exogamie
gegeben. Ein gutes Stück der durch die
Beseitigung des Vaters frei gewordenen
Machtvollkommenheit gieng auf die Frauen
über, es kam die Zeit des Matriarchats.
Das Andenken des Vaters lebte in dieser
Periode des „Brüderbundes“ fort. Ein
starkes, vielleicht zuerst immer auch gefürch-
tetes Thier wurde als Vaterersatz gefunden.
Eine solche Wahl mag uns befremdend er-
scheinen, aber die Kluft, die der Mensch
später zwischen sich und dem Thier herstellt
hat, bestand nicht für den Primitiven
und besteht auch nicht bei unseren Kin-
dern, deren Thierphobien wir als Vater-
angst verstehen konnten. Im Verhältnis
zum Totemthier war die ursprüngliche
Zwiespältigkeit (Ambivalenz) der Ge-
fühlsbeziehung zum Vater voll erhalten.
Der Totem galt einerseits als leiblicher
Ahnherr und Schutzgeist des Clans, er musste
geehrt und geschont werden, ander-
seits wurde ein Festtag einge-
setzt, an dem ihm das Schicksal bereitet
wurde, das der Urvater gefunden
hatte. Er wurde von allen Genossen
gemeinsam getödtet und verzehrt
(Totemmahlzeit nach Robertson Smith).
Dieser grosse Festtag war in Wirklich-
keit eine Triumphfeier des Sieges
der verbündeten Söhne
über den Vater.
S.
32
Wo bleibt in diesem Zusammenhange die
Religion? Ich meine, wir haben ein volles
Recht im Totemismus mit seiner Verehr-
ung eines Vaterersatzes, der durch die Totem-
mahlzeit bezeugten Ambivalenz, der Ein-
setzung von Gedenkfeiern, von Verboten
deren Übertretung mit dem Tode bestraft
wird, – wir dürfen im Totemismus sage
ich, die erste Erscheinungsform der
Religion in der menschlichen Geschichte
erkennen und deren von Anfang an
bestehende Verknüpfung mit sozialen
Gestaltungen und moralischen Ver-
pflichtungen bestätigen. Die weiteren
Entwicklungen der Religion können
wir hier nur in kürzester Überschau
behandeln. Sie gehen ohne Zweifel par-
allel mit den kulturellen Fortschritten
des Menschengeschlechts und den Ver-
änderungen im Aufbau der mensch-
lichen Gemeinschaften.
Der nächste Fortschritt vom Totemismus
her ist die Vermenschlichung des göttlichen
Wesens. An die Stelle der Thiere treten
menschliche Götter, deren Herkunft vom
Totemthier nicht verhüllt ist. Entweder
wird der Gott noch in Thiergestalt oder
wenigstens mit dem Angesicht des Thieres
gebildet oder der Totem wird zum
bevorzugten Begleiter des Gottes, von ihm
unzertrennlich, oder die Sage lässt den
Gott grade dieses Thier erlegen, das doch
nur seine Vorstufe war. An einer
nicht leicht bestimmbaren Stelle dieser
Entwicklung treten grosse Mutter-
gottheiten auf, wahrscheinlich noch vor
den männlichen Göttern die sich dann
lange Zeit neben diesen erhalten.
Unterdes hat sich eine grosse soziale
Umwälzung vollzogen. Das Mutterrecht
wurde durch eine wieder hergestellte
patriarchalische Ordnung abgelöst. Die
neuen Väter erreichten freilich
nie die Allmacht des Urvaters
es waren ihrer viele, die in grösseren
Verbänden, als die Horde gewesen
war, mit einander lebten; sie
mussten sich mit einander gut ver-
tragen, blieben durch soziale
Satzungen beschränkt. Wahrscheinlich
entstanden die Muttergottheiten zur
Zeit der Einschränkung des Matri-
archats zur Entschädigung der zurück-
gesetzten Mütter. Die männlichen Gottheiten
S.
33
erscheinen zuerst als Söhne neben den
grossen Müttern, erst später nehmen sie
deutlich die Züge von Vatergestalten
an. Diese männlichen Götter des Polytheismus
spiegeln die Verhältnisse der
patriarchalischen Zeit wider. Sie sind
zahlreich, beschränken einander gegenseitig,
unterordnen sich gelegentlich einem über-
legenen Obergott. Der nächste Schritt aber
führt zu dem Thema das uns hier be-
schäftigt, zur Wiederkehr des einen
einzigen unumschränkt herrschenden
Vätergottes.
Es ist zuzugeben, dass diese historische Übersich[t]
lückenhaft und in manchen Punkten un-
gesichert ist. Aber wer unsere Konstruktion
der Urgeschichte nur für phantastisch erklären
wollte, der würde den Reichthum und
die Beweiskraft des Materials, das in sie
eingegangen ist arg unterschätzen. Grosse
Stücke der Vergangenheit die hier zu einem
Ganzen verknüpft werden, sind historisch
bezeugt, der Totemismus, die Männerbünde.
Anderes hat sich in ausgezeichneten Repliken
erhalten. So ist es mehrmals einem Autor
aufgefallen, wie getreu der Ritus der
christlichen Communion, in der der Gläu-
bige sich in symbolischer Form Blut und
Fleisch seines Gottes sich einverleibt Sinn
und Inhalt der alten Totemmahlzeit
wiederholt. Zahlreiche Überbleibsel der
vergessenen Urzeit sind in den Sagen
und Märchen der Völker erhalten
und in unerwarteter Reichhaltigkeit
hat das analytische Studium des kindlichen
Seelenlebens Stoff geliefert, um die
Lücken unserer Kenntnis der Urzeiten
auszufüllen. Als Beiträge zum Verständnis
des so bedeutsamen Vaterverhält-
nisses brauche ich nur die Thierphobien,
die so seltsam anmutende Furcht, vom
Vater gefressen zu werden, und die
ungeheure Intensität der Kastrations-
angst anzuführen. Es ist nichts an unserer
Konstruktion was frei erfunden wäre,
was sich nicht auf gute Grundlagen
stützen könnte.
S.
34
Nimmt man unsere Darstellung der Urgeschichte
als im Ganzen glaubwürdig an, so erkennt
man in den religiösen Lehren und Riten
zweierlei Elemente, einerseits Fixierungen an
die alte Familiengeschichte und Überbleibsel
derselben, andererseits Wiederherstellungen
der Vergangenheit, Wiederkehren des Ver-
gessenen nach langen Intervallen. Der
letztere Antheil ist der, der bisher übersehen
und darum nicht verstanden, hier an
wenigstens einem eindrucksvollen Beispiel
erwiesen werden soll.
Es ist besonderer Hervorhebung wert, dass
jedes aus der Vergessenheit wieder-
kehrende Stück sich mit besonderer
Macht durchsetzt, einen unvergleichlich
starken Einfluss auf die Menschenmassen
übt und einen unwiderstehlichen An-
spruch auf Wahrheit erhebt, gegen den
logischer Einspruch machtlos bleibt. Nach
Art des credo quia absurdum. Dieser
merkwürdige Charakter lässt sich nur
nach dem Muster des Irrwahns der
Psychotiker verstehen. Wir haben längst
begriffen, dass in der Wahnidee
ein Stück vergessener Wahrheit steckt, das sich bei
seiner Wiederkehr Entstellungen und
Missverständnisse gefallen lassen
musste, und dass die zwanghafte Über-
zeugung die sich für den Wahn her-
stellt, von diesem Wahrheitskern
ausgeht und sich auf die umhüllenden
Irrthümer ausbreitet. Einen solchen Ge-
halt an historisch zu nennender Wahr-
heit müssen wir auch den Glaubens-
sätzen der Religionen zugestehen, die
zwar den Charakter psychotischer Symptome
an sich tragen, aber als Massenphäno-
mene dem Fluch der Isolirung ent-
zogen sind.
Kein anderes Stück der Religionsgeschichte
ist uns so durchsichtig geworden wie die
Einsetzung des Monotheismus im Judentum
und dessen Fortsetzung im Christentum,
wenn wir die ähnlich lückenlos ver-
ständliche Entwicklung vom thierischen
Totem zum menschlichen Gott mit seinem
regelmässigen Begleiter bei Seite lassen
(Noch jeder der vier christlichen Evangelisten
hat sein Lieblingsthier). Lassen wir
vorläufig die pharaonische Weltherrschaft
als Anlass für das Auftauchen der
monotheistischen Idee gelten, so sehen
wir, dass diese von ihrem Boden losge-
löst und auf ein anderes Volk über-
S.
35
tragen von diesem Volk nach einer langen
Zeit der Latenz Besitz ergreift, als kostbar-
ster Besitz von ihm gehütet wird und nun
ihrerseits das Volk am Leben erhält, indem
sie ihm den Stolz der Auserwähltheit schenkt.
Es ist die Religion des Urvaters an die
sich die Hoffnung auf Belohnung, Auszeich-
nung endlich auf Weltherrschaft knüpft.
Diese letztere Wunschphantasie, vom jüdischen
Volk längst aufgegeben lebt noch heute
bei den Feinden des Volkes im Glauben
an die Verschwörung der „Weisen von
Zion“ fort. Wir behalten uns vor in
einem späteren Abschnitt darzustellen,
wie die besonderen Eigentümlichkeiten der
Aegypten entlehnten monotheistischen
Religion auf das jüdische Volk wirkten und
seinen Charakter für die Dauer prägen
mussten durch die Ablehnung von Magie
und Mystik, die Anregung zu Fortschritten
in der Geistigkeit, die Aufforderung
zu Sublimierungen, wie das Volk durch
den Besitz der Wahrheit beseligt, vom
Bewusstsein der Auserwähltheit über-
wältigt zur Hochschätzung des Intellektuellen
und zur Betonung des Ethischen gelangte,
und wie die traurigen Schicksale, die
realen Enttäuschungen dieses Volkes alle
diese Tendenzen verstärken
konnten. Für jetzt wollen wir
die Entwicklung in anderer Richtung
verfolgen.
Die Wiedereinsetzung des Urvaters in
seine historischen Rechte war ein grosser
Fortschritt, aber es konnte nicht das Ende
sein. Auch die anderen Stücke der prähis-
torischen X Tragödie drängten nach
Anerkennung. Was diesen Prozess in
Gang brachte, ist nicht leicht zu erraten.
Es scheint, dass ein wachsendes Schuldbe-
wusstsein sich des jüdischen Volkes, viel-
leicht der ganzen damaligen Kultur-
welt bemächtigt hatte, als Vorläufer
der Wiederkehr des verdrängten Inhalts.
Bis dann einer aus diesem jüdischen
Volk in der Justifizierung eines politisch-
religiösen Agitators den Anlass fand,
mit dem eine neue, die christliche Religion
sich vom Judentume ablöste. Paulus,
ein römischer Jude aus Tarsus, griff dieses
Schuldbewusstsein auf und führte es
richtig auf seine urgeschichtliche Quelle
zurück. Er nannte diese die „Erbsünde“,
es war ein Verbrechen gegen Gott,
das nur durch den Tod gesühnt werden
S.
36
konnte. Mit der Erbsünde war der Tod in
die Welt gekommen. In Wirklichkeit war
dies todwürdige Verbrechen der Mord
am später vergötterten Urvater gewesen.
Aber es wurde nicht die Mordthat erinnert
sondern anstatt dessen ihre Sühnung phan-
tasiert, und darum konnte diese Phantasie
als Erlösungsbotschaft (Evangelium) begrüsst
werden. Ein Sohn Gottes hatte sich als Un-
schuldiger tödten lassen und damit die
Schuld Aller auf sich genommen. Es musste
ein Sohn sein, denn es war ja ein
Mord am Vater gewesen. Wahrschein-
lich hatten Traditionen aus orientalischen
und griechischen Mysterien auf den
Ausbau der Erlösungsphantasie Einfluss
genommen. Das Wesentliche an ihr scheint
Paulus’ eigener Beitrag gewesen zu sein.
Er war ein im eigentlichsten Sinn
religiös veranlagter Mensch; die dunk-
len Spuren der Vergangenheit lagen
lauernd in seiner Seele, bereit zum Durchbruch
in bewusstere Regionen.
Dass sich der Erlöser schuldlos geopfert hatte,
war eine offenbar tendenziöse Ent-
stellung, die dem logischen Verständnis
Schwierigkeiten bereitete, denn wie
soll ein an der Mordthat Unschuldiger
die Schuld der Mörder auf sich nehmen
können, dadurch dass er sich selbst
tödten lässt? In der historischen Wirk-
lichkeit bestand ein solcher Widerspruch
nicht. Der Erlöser konnte kein anderer
sein als der Hauptschuldige, der Anführer
der Brüderbande die den Vater über-
wältigt hatte. Ob es einen solchen Anführer
und Hauptrebellen gegeben hat, muss
man nach meinem Urteil unentschieden
lassen. Es ist sehr wohl möglich, aber man
muss auch in Betracht ziehen, dass jeder
Einzele der Brüderbande gewiss den
Wunsch hatte, für sich allein die That zu
begehen und sich so eine Ausnahme-
stellung und einen Ersatz für die
aufzugebende, in der Gemeinschaft
untergehende Vateridentifizierung
zu schaffen. Wenn es keinen solchen
Anführer gab, dann ist Christus der
Erbe einer unerfüllt gebliebenen
Wunschphantasie,x) aber gleichgiltig, ob
hier Phantasie oder Wiederkehr einer
vergessenen Realität vorliegt, jeden-
S.
37
falls ist an dieser Stelle der Ursprung der Vor-
stellung vom Heros zu finden, vom Helden
der sich immer gegen den Vater empört
und ihn in irgend einer Gestalt tödtet.
Auch die wirklich Begründung der sonst
schwer nachweisbaren „tragischen Schuld“
des Helden im Drama. Es ist nichtkaum be=
deutungslos, dass im Mittelalter das Theater
mit der Darstellung der Passionsge-
schichte wieder neu beginnt.
Wir haben schon gesagt dass die christliche
Ceremonie der heiligen Communion in
der der Gläubige sich Blut und Fleisch des Heilands
sich einverleibt, den Inhalt der alten
Totemmahlzeit wiederholt, freilig nur
in ihrem zärtlichen die Verehrung aus-
drückenden, nicht in ihrem aggressiven
Sinn. Die Ambivalenz die das Vaterver-
hältnis beherrscht zeigte sich aber deutlich
im Endergebnis der religiösen Neuerung.
Angeblich zur Versöhnung des Vater-
gottes bestimmt, gieng sie in dessen Ent-
thronung und Beseitigung aus. Das Judentum
war eine Vaterreligion gewesen, das
Christentum wurde eine Sohnesreligion.
Der alte Gottvater trat hinter Christus
zurück, Christus der Sohn kam an seine
Stelle, ganz so, wie es in jener Urzeit
jeder Sohn ersehnt hatte. Paulus der Fort-
setzer des Judentums wurde auch sein
Zerstörer. Seinen Erfolg dankte er gewiss
in erster Linie der Tatsache, dass er durch
die Erlösungsidee das Schuldbewusstsein
der Menschheit beschwor, aber daneben
auch dem Umstand, dass er die Auser-
wähltheit seines Volkes und ihr sichtbares
Anzeichen, die Beschneidung, aufgab, so
dass die neue Religion eine universelle,
alle Menschen umfassende werden
konnte. Mag an diesem Schritt des Paulus
auch seine persönliche Rachsucht Antheil
gehabt haben ob des Widerspruchs, den
seine Neuerung in jüdischen Kreisen
fand, so war doch damit ein Charakter
der alten Atonreligion wiederhergestellt,
eine Einengung aufgehoben worden,
die sie beim Uebergang auf einen neuen
Träger, auf das jüdische Volk, erworben
hatte.
S.
38
In manchen Hinsichten bedeutete die neue
Religion eine kulturelle Regression gegen
die ältere jüdische wie es ja beim
Einbruch oder bei der Zulassung neuer
Menschenmassen von niedrigerem
Niveau regelmässig der Fall ist. Die christ-
liche Religion hielt die Höhe der Vergeistig-
ung nicht ein, zu der sich das Judentum
aufgeschwungen hatte. Sie war nicht mehr
streng monotheistisch übernahm von den
umgebenden Völkern zahlreiche symbolische
Riten stellte die grosse Muttergottheit
wieder her und fand Platz zur Unter-
bringung vieler Göttergestalten des
Polytheismus in durchsichtiger
Verhüllung, obzwar in untergeordneten
Stellungen. Vor allem verschloss sie
sich nicht wie die Atonreligion und die
ihr nachfolgende mosaische dem Eindringen
abergläubischer magischer und mystischer
Elemente, die für die geistige Entwicklung
der nächsten zwei Jahrtausende eine
schwere Hemmung bedeuten sollten.
Der Triumph des Christentums war ein
erneuerter Sieg der Ammons-
priester über den Gott Ikhnaton's
nach anderthalbtausendjährigem
Intervall und auf erweitertem
Schauplatz.
Und doch war das Christentum religionsgeschichtlich d.h. in
Bezug auf die Wiederkehr des Ver-
drängten ein Fortschritt, das Judentum
von da ab gewissermassen ein Fossil.
Es wäre der Mühe wert zu verstehen wie
es kam, dass die monotheistische Idee grade
auf das jüdische Volk einen so tiefen Ein-
druck machen und von ihm so zähe festge-
halten werden konnte. Ich glaube, man
kann diese Frage beantworten. Das Schick-
sal hatte (jüdischen) diesem Volk die Grossthat
und Unthat der Urzeit,nämlichden (der Vatertödtung)
Mord an dem Vater nähergerückt in-
dem es sie veranlasste, sie an der
Person des Moses, einer hervorragenden
Vatergestalt, zu wiederholen. Es war
ein Fall von „Agiren“ anstatt zu erinnern,
wie es so häufig während der analytischen
Arbeit am Neurotiker ereignet. Auf
die Anregung zur Erinnerung die ihnen
die Lehre Moses’ brachte, reagirten
sie aber mit der Verleugnung der ihrerihrerAktion, blieben bei der Anerkennung
des grossen Vaters stehen und sperrten
sich so den Zugang zur Stelle an der
S.
39
später Paulus die Fortsetzung der Vorgeschichte
anknüpfen sollte. Ist es dann gleichgiltig
oder zufällig, dass die gewaltsame Tödtung
eines anderen grossen Mannes auch der
Ausgangspunkt für die religiöse Neuschöpfung
des Paulus wurde? Eines Mannes, den eine
kleine Anzahl von Anhängern in Judaea
für den Sohn Gottes und den angekündigten
Messias hielt, auf den auch später ein Stück
der dem Moses angedichteten KindheitssageSchickübergieng, von dem wir aber in
Wirklichkeit kaum mehr Sicheres wissen
als von Moses selbst, nicht wissen, ob er
wirklich der grosse Lehrer war den die
Evangelien schildern, oder ob sein Haupt-
verdienst darin bestand, sich tödten zu
lassen. Paulus, der sein Apostel wurde, hat
ihn selbst nicht gekannt.
Die von Sellin aus ihren Spuren in der
Tradition erkannte, merkwürdiger Weise
vom jungen Goethe ohne jeden Beweis ange-
nommene Tödtung des Moses durch sein Juden-
volk wird so ein unentbehrliches Stück unserer
Konstruktion, ein wichtiges Bindeglied
zwischen dem vergessenen Vorgang der
Urzeit und dem späten Wiederauftauchen
in der Form der monotheistischen Reli-
gionen. Es ist eine ansprechende Vermutung
dass die Reue um den Mord an Moses
den Antrieb zur Wunschphantasie vom
Messias gab, der wiederkommen und seinem
Volk die Erlösung und die versprochene
Weltherrschaft bringen sollte. Wenn Moses
dieser erste Messias war, dann ist Christus
sein Ersatzmann und Nachfolger geworden,
dann konnte auch Paulus mit einer gewissen
historischen Berechtigung den Völkern zurufen:
Sehet, der Messias ist wirklich gekommen, er
ist ja vor Euren Augen hingemordet worden.
Dann ist auch an der Auferstehung Christi
ein Stück historischer Wahrheit, denn er
war der wieder erstandene Moses, hinter
diesem der wiedergekehrte Urvater der
primitiven Horde, verklärt und als Sohn an
die Stelle des Vaters gerückt.
Das arme jüdische Volk, das mit gewohnter
Hartnäckigkeit den Mord am Vater zu
verleugnen fortfuhr, hat im Laufe der
Zeiten schwer dafür gebüsst. Es wurde
ihm immer wieder vorgehalten: Ihr habt
unseren Gott getödtet. Und dieser Vor-
wurf hat Recht wenn man ihn richtig über-
setzt. Er lautet dann auf die Geschichte der
Religionen bezogen: Ihr wollt nicht zugeben,
S.
40
dass Ihr Gott (das Urbild Gottes, den Urvater, und seine
späteren Reinkarnationen) gemordet habt. Ein
Zusatz sollte aussagen: Wir haben freilich
dasselbe gethan aber wir haben es zugestanden
und wir sind seither entsühnt. Nicht alle Vor-
würfe, mit denen der Antisemitismus
die Nachkommen des jüdischen Volkes ver-
folgt können sich auf eine ähnliche Recht-
fertigung berufen. Ein Phänomen von
der Intensität und Dauerhaftigkeit des
Judenhasses der Völker muss natürlich
mehr als nur einen Grund haben. Man
kann eine ganze Reihe von Gründen
errathen, manche offenkundig aus der
(abgeleitet) Realitätstammenddie keiner Deutung be-
dürfen, andere tieferliegende, aus geheimen
Quellen stammend, die man als die spezi-
fischen Motive anerkennen möchte. Von
den ersteren ist der Vorwurf der Land-
fremdheit wohl der hinfälligste, denn an
vielen, heute vom Antisemitismus beherrsch-
ten Orten gehören die Juden zu den
ältesten Antheilen der Bevölkerung oder
sind selbst früher zur Stelle gewesen als
die gegenwärtigen Einwohner. Das trifft
z.B. zu für die Stadt Köln, wohin die
Juden mit den Römern kamen, ehe sie
noch von Germanen besetzt wurde. Andere
Begründungen des Judenhasses sind stärker,
so der Umstand, dass sie zumeist als Minori-
täten unter anderen Völkern leben,
denn das Gemeinschaftsgefühl der Massen
braucht zu seiner Ergänzung die Feind-
seligkeit gegen eine aussenstehende
Minderzahl, und die numerische Schwäche
dieser Ausgeschlossenen fordert zu deren
Unterdrückung auf. Ganz unverzeihlich
sind aber zwei andere Eigenheiten der
Juden. Erstens dass sie in manchen Hin-
sichten verschieden sind von ihren
„Wirtsvölkern“. Nicht grundverschieden
denn sie sind nicht fremdrassige Asiaten
wie die Feinde behaupten, sondern
zumeist aus Resten der mediter-
ranen Völker zusammengesetzt und Erben
der Mittelmeerkultur. Aber sie sind
doch anders, oft in undefinierbarer Weise
anders als zumal die nordischen Völker
und die Intoleranz der Massen äussert
sich merkwürdiger Weise gegen kleine
Unterschiede stärker als gegen funda-
mentale Differenzen. Noch stärker
wirkt der zweite Punkt, nämlich
dass sie allen Bedrückungen trotzen
dass es nicht den grausamsten Ver-
folgungen nicht gelungen ist, sie aus-
S.
41
rotten, ja dass sie vielmehr die Fähigkeit
zeigen sich im Erwerbsleben zu behaupten
und, wo man sie zulässt werthvolle Beiträge
zu allen kulturellen Leistungen zu machen.
Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln
in längst vergangenen Zeiten, sie wirken
aus dem Unbewussten der Völker und
ich bin darauf gefasst, dass sie zunächst nicht
glaubwürdig erscheinen werden. Ich wage
die Behauptung, dass die Eifersucht auf das
Volk, welches sich für das erstgeborene
bevorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei
den Anderen heute noch nicht überwunden
ist, so als ob sie dem Anspruch Glauben
geschenkt hätten. Ferner hat unter den
Sitten, durch die sich die Juden absonderten
die der Beschneidung einen unliebsamen
unheimlichen Eindruck gemacht, der sich
wohl durch die Mahnung an die gefürch-
tete Kastration erklärt und damit
an ein gern vergessenes Stück der ur-
zeitlichen Vergangenheit rührt. Und endlich
das späteste Motiv dieser Reihe, man sollte
nicht vergessen, dass alle diese Völker
die sich heute im Judenhass hervorthun,
erst in späthistorischen Zeiten Christe[n] ge-
worden sind, oft erst durch blutigen
Zwang dazu getrieben. Man könnte
sagen, sie sind alle „schlecht getauft“, unter
einer dünnen Tünche von Christentum
sind sie geblieben, was ihre Ahnen waren
die einem barbarischen Polytheismus
huldigten. Sie haben ihren Groll gegen
die neue, ihnen aufgedrängte Religion
nicht überwunden, aber sie haben ihn
auf die Quelle verschoben, von der
das Christentum zu ihnen kam. Die Thatsache
dass die Evangelien eine Geschichte
erzählen, die unter Juden und eigentlich
nur von Juden handelt, hat ihnen eine
solche Verschiebung erleichtert. Ihr Juden-
hass ist im Grunde Christenhass, und man
braucht sich nicht zu wundern, dass in
der deutschen nationalsocialistischen Revo-
lution diese innige Beziehung der
zwei monotheistischen Religionen
in der feindseligen Behandlung Beider
so deutlichen Ausdruck findet.S.
42
V Schwierigkeiten
Vielleicht ist es im Vorstehenden geglückt
die Analogie zwischen neurotischen Vorgängen
und den religiösen Geschehnissen durch-
zuführen, und damit auf den unvermuthet-
eten Ursprung der letzteren hinzuweisen.
Bei dieser Uebertragung aus der Indivi-
dual- in die Massenpsychologie stellen
sich zwei Schwierigkeiten heraus von ver-
schiedener Natur und Würdigkeit, denen
wir uns jetzt zuwenden müssen. Die
erste ist, dass wir hier nur einen Fall
aus der reichhaltigen Phänomenologie der
Religionen behandelt, kein Licht geworfen
auf die anderen. Mit Bedauern muss
der Autor eingestehen, dass er nicht mehr
geben kann als diese eine Probe, dass
sein Fachwissen nicht ausreicht um die
Untersuchung zu vervollständigen.
Er kann aus seiner beschränkten Kenntnis
etwa noch hinzufügen, der Fall der
mahomedanischen Religionsstiftung erscheine
ihm wie eine abgekürzte Wiederholung
der jüdischen, als deren Nachahmung sie auftrat.
Es scheint ja dass der Prophet ursprünglich
die Absicht hatte für sich und sein Volk
das Judentum voll anzunehmen. Die
Wiedergewinnung des einzigen grossen
Urvaters brachte bei den Arabern eine
ausserordentliche Hebung des Selbstbe-
wusstseins hervor, die zu grossen welt-
lichen Erfolgen führte, sich aber auch in
ihnen erschöpfte. Allah zeigte sich seinem
auserwählten Volk weit dankbarer
als seinerzeit Jahve dem seinen. Aber die
innere Entwicklung der neuen Religion
kam bald zum Stillstand, vielleicht
weil es an der Vertiefung fehlte, die
im jüdischen Falle der Mord am Religions-
stifter verursacht hatte. Die anscheinend
rationalistischen Religionen des Ostens
sind ihrem Kern nach Ahnenkult, machen
also auch Halt bei einer frühen Stufe
der Rekonstruktion des Vergangenen.
Wenn es richtig ist, dass bei primitiven
Völkern der Jetztzeit die Anerkennung
eines höchsten Wesens als einziger In-
halt ihrer Religion gefunden wird,
so kann man dies nur als Verküm-
merung der Religionsentwicklung auf-
fassen und in Beziehung setzen zu
den ungezählten Fällen rudimentärer
Neurosen, die man auf jenem
anderen Gebiet konstatiert. Warum
S.
43
es hier wie dort nicht weiter gegangen ist dafür
fehlt uns in beiden Fällen das Verständnis.
Man muss daran denken die individuelle
Begabung dieser Völker die Richtung ihrer
Thätigkeit und ihre allgemeinen sozialen Zu-
stände dafür verantwortlich zu machen.
Die zweite Schwierigkeit bei dieser Über-
tragung auf die Massenpsychologie ist weit
bedeutsamer, weil sie einanderesProblem
von prinzipieller Natur aufwirft. Es stellt
sich die Frage in welcher Form ist die
wirksame Tradition im Leben der Völker
vorhanden eine Frage die es beim Indi-
viduum nicht giebt, denn hier ist
sie durch die Existenz der Erinnerungsspuren
des Vergangenen im Unbewussten er-
ledigt. Gehen wir auf unser historisches Beispiel
zurück. Wir haben das Compromiss in Quadeš
auf den Fortbestand einer mächtigen Tra-
dition bei den aus Aegypten Zurückgekehrten
begründet. Dieser Fall birgt kein Problem.
Nach unserer Annahme stützte sich eine
solche Tradition auf bewusste Erinnerung
an Mittheilungen (mündliche) die die damals
Lebenden von ihren Vorfahren, nur zwei
oder drei Generationen zurück empfangen
hatten, und letztere waren Theilnehmer
und Augenzeugen der betreffenden Er-
eignisse gewesen. Aber können wir für
die späteren Jahrhunderte dasselbe glauben
dass die Tradition immer ein auf normale
Weise mitgetheiltes Wissen zur Grundlage
hatte, das vom Ahn auf den Enkel übertragen
worden? Welches die Personen waren
die ein solches Wissen bewahrten und es
mündlich fortpflanzten lässt sich nicht mehr
wie im früheren Falle angeben. Nach
Sellin war die Tradition vom Mord an Moses
in Priesterkreisen immer vorhanden bis
sie endlich ihren schriftlichen Ausdruck fand,
der allein es Sellin möglich machte sie zu
errathen. Aber sie kann nur Wenigen
bekannt gewesen sein, sie war nicht
Volksgut. Und reicht das aus um ihre Wir-
kung zu erklären? Kann man einem
solchen Wissen von Wenigen die Macht
zuschreiben die Massen so nachhaltig
zu ergreifen wenn es zu ihrer Kenntnis
kommt? Es sieht doch eher so aus als müsste
auch in der unwissenden Masse etwas
vorhanden sein was dem Wissen der
Wenigen irgendwie verwandt und ihm
entgegenkommt, wenn es geäussert wird.S.
44
Die Beurtheilung wird noch schwieriger wenn
wir uns zum analogen Fall aus der Urzeit
wenden. Dass es einen Urvater von den
bekannten Eigenschaften gegeben und welches
Schicksal ihn betroffen, ist im Laufe der
Jahrtausende ganz gewiss vergessen worden
auch kann man keine mündliche Tradition
davon wie im Falle Moses annehmen.
In welchem Sinne kommt also eine Tradition
überhaupt in Betracht? In welcher Form
kann sie vorhanden sein?
Um es Lesern die nicht gewillt oder nicht
vorbereitet sind, sich in einen complizirten
psychologischen Sachverhalt zu vertiefen (leichter
zu machen) werde
ich das Ergebnis der nun folgenden Unter-
suchung voranstellen. Ich meine die Über-
einstimmung zwischen Individuum und
der Masse ist in diesem Punkt eine fast
vollkommene, auch in der Masse bleibt der
Eindruck der Vergangenheit in unbewussten
Erinnerungsspuren erhalten.
Beim Individuum glauben wir klar zu sehen.
Die Erinnerungsspur des früh Erlebten ist in
ihm erhalten geblieben nur in einem
besonderen psychologischen Zustand. Man kann
sagen das Individuum hat es immer gewusst,
so wie man eben um das Verdrängte
weiss. Wir haben uns da bestimmte durch die
Analyse unschwer zu erhärtende Vorstel-
lungen gebildet, wie etwas vergessen
und wie es nach einer Weile wieder zum
Vorschein kommen kann. Das Vergessene
ist nicht ausgelöscht sondern nur „verdrängt“,
seine Erinnerungsspuren sind in aller
Frische vorhanden, aber durch „Gegenbe-
setzungen“ isolirt. Sie können nicht in den
Verkehr mit den anderen intellectuellen
Vorgängen eintreten, sind unbewusst,
dem Bewusstsein unzugänglich. Es kann
auch sein, dass gewisse Antheile des
Verdrängten sich dem Prozess entzogen
haben, der Erinnerung zugänglich bleiben
gelegentlich im Bewusstsein auftauchen,
aber auch dann sind sie isolirt, wie
Fremdkörper ausser Zusammenhang mit
dem Anderen. Es kann so sein aber es
braucht nicht so zu sein, die Verdrängung
kann auch vollständig sein und an
diesen Fall wollen wir uns für das
Weitere halten.
Dies Verdrängte behält seinen Auftrieb,
sein Streben zum Bewusstsein vorzu-
dringen. Es erreicht sein Ziel unter
drei Bedingungen, 1) wenn die Stärke
der Gegenbesetzung herabgesetzt wird
S.
45
durch Krankheitsprozesse, die das Andere das sogenannt[e]
Ich, befallen oder durch eine andere Vertheilung
der Besetzungsenergien in diesem Ich, wie es
so regelmässig im Schlafzustand geschieht 2) wenn
die am Verdrängten haftenden Triebantheile
eine besondere Verstärkung erfahren, wofür
die Vorgänge während der Pubertät das beste
Beispiel geben 3) wenn im rezenten Erleben
zu irgend einer Zeit Eindrücke, Erlebnisse
auftreten die dem Verdrängten so ähnlich
sind dass sie es zu erwecken vermögen.
Dann verstärkt sich das Rezente durch die latente
Energie des Verdrängten und das Verdräng-
te kommt hinter dem Rezenten mit
seiner Hilfe zur Wirkung. In keinem
dieser drei Fälle kommt das bisher Verdrängte
glatt unverändert, zum Bewusstsein, son-
dern immer muss es sich Entstellungen ge-
fallen lassen die den Einfluss des nicht
ganz überwundenen Widerstandes aus der Gegenbe-
setzung bezeugen
oder den modifizirenden Einfluss des
rezenten Erlebnisses oder beides.
Als Kennzeichen und Anhalt zur Orientierung
hat uns die Unterscheidung gedient, ob
ein psychischer Vorgang bewusst oder un-
bewusst ist. Das Verdrängte ist unbewusst.
Nun wäre es eine so erfreuliche Vereinfachung
wenn dieser Satz auch eine Umkehrung zu-
liesse, wenn also die Differenz der Qualitäten
bewusst (bw) und unbewusst (ubw) zusammen-
fiele mit der Scheidung: ichzugehörig und
verdrängt. Die Thatsache, dass es in unserem
Seelenleben solche isolirte und unbewusste
Dinge giebt wäre neu und wichtig genug.
In Wirklichkeit liegt es complicirter. Es ist
richtig dass alles Verdrängte unbewusst ist,
aber nicht mehr richtig, dass alles, was zum
Ich gehört (bewusst) ist. Wir werden darauf
aufmerksam dass das Bewusstsein eine
flüchtige Qualität ist, die einem psychischen
Vorgang nur vorübergehend anhaftet.
Wir müssen darum für unsere Zwecke
„bewusst“ ersetzen durch „bewusstseinsfähig“
und nennen diese Qualität „vorbewusst“ (vbw).
Wir sagen dann richtiger das Ich ist wesentlich
vorbewusst (virtuell bewusst), aber Antheile
des Ichs sind unbewusst.
Diese letztere Feststellung lehrt uns dass die
Qualitäten an die wir uns bisher gehalten
haben zur Orientierung im Dunkel des
Seelenlebens nicht ausreichen. WirS.
46
müssen eine andere Unterscheidung einführen
die nicht mehr qualitativ, sondern topisch und
was ihr einen besonderen Werth verleiht,
gleichzeitig genetisch ist. Wir sondern jetzt
in unserem Seelenleben, das wir als einen
aus mehreren Instanzen, Bezirken, Provinzen
zusammengesetzten Apparat auffassen eine
Region, die wir das eigentliche Ich heissen
von einer anderen, die wir das Es nennen.
Das Es ist das Ältere das Ich hat sich aus ihm
wie eine Rindenschicht durch den Einfluss
der Aussenwelt entwickelt. Im Es greifen
unsere ursprünglichen Triebe an, alle
Vorgänge im Es verlaufen unbewusst.
Das Ich deckt sich wie wir bereits erwähnt
haben mit dem Bereich des Vorbewussten,
es enthält Antheile die normaler Weise
unbewusst bleiben. Für die psychischen
Vorgänge im Es gelten ganz andere
Gesetze des Ablaufs und der gegenseitigen
Beeinflussung als die im Ich herrschen.
In Wirklichkeit ist es ja die Entdeckung
dieser Unterschiede die uns zu unserer
neuen Auffassung geleitet hat und
diese rechtfertigt.
Das Verdrängte ist dem Es zuzurechnen
und unterliegt auch den Mechanismen
desselben, es sondert sich nur in Hinsicht
der Genese von ihm ab. Die Differenzierung
vollzieht sich in der Frühzeit, während sich
das Ich aus dem Es entwickelt. Dann wird
ein Theil der Inhalte des Es vom Ich
aufgenommen und auf den vorbewussten
Zustand gehoben ein anderer Theil
wird von dieser Uebersetzung nicht be-
troffen und bleibt als das eigentliche
Unbewusste im Es zurück. Im weiteren
Verlauf der Ichbildung werden aber
gewisse psychische Eindrücke und Vorgänge
im Ich durch einen Abwehrprozess aus-
geschlossen, der Charakter des Vorbe-
wussten wird ihnen entzogen, so dass
sie wiederum zu Bestandtheilen des Es
erniedrigt worden sind. Dies ist also das
„Verdrängte“ im Es. Was den Verkehr
zwischen beiden seelischen Provinzen be-
trifft, so nehmen wir also an, dass einer-
seits der unbewusste Vorgang im Es
aufs Niveau des Vorbewussten gehoben
und dem Ich einverleibt werden kann
und dass andrerseits Vorbewusstes im
Ich den umgekehrten Weg machen
und ins Es zurückversetzt werden kann.
Es bleibt ausserhalb unseres
gegenwärtigen Interesses, dass sich
später im Ich ein besonderer Bezirk
der des „Ueber-ich“ abgrenzt.S.
47
Das Alles mag weit entfernt von einfach
scheinen, aber wenn man sich mit der
ungewohnten räumlichen Auffassung des
seelischen Apparats befreundet hat, kann
es der Vorstellung doch keine besonderen
Schwierigkeiten bereiten. Ich füge noch die
Bemerkung an, dass die hier entwickelte
psychische Topik nichts mit der Gehirnanatomie
zu thun hat, sie eigentlich nur an
einer Stelle streift. Das Unbefriedigende
an dieser Vorstellung das ich so deutlich
wie Jeder andere verspüre, geht von
unserer völligen Unwissenheit über die
dynamische Natur der seelischen Vorgänge
aus. Wir sagen uns, was eine bewusste
Vorstellung von einer vorbewussten,
diese von einer unbewussten unter-
scheidet kann nichts anderes sein als
eine Modifikation vielleicht auch eine
andere Vertheilung der psychischen
Energie. Wir sprechen von Besetz-
ungen und Überbesetzungen aber
darüber hinaus fehlt uns jede Kenntnis
und sogar jeder Ansatz zu einer
brauchbaren Arbeitshypothese. Über
das Phänomen des Bewusstseins können
wir noch angeben, dass es ursprünglich
an der Wahrnehmung hängt. Alle Emp-
findungen die durch Wahrnehmung
von Schmerz-, Getast-, Gehörs- oder Gesichts-
reizungen entstehen, sind am ehesten
bewusst. Die Denkvorgänge und was ihnen
im Es analog sein mag, sind an sich unbe-
wusst und erwerben sich den Zugang
zum Bewusstsein durch Verknüpfung
mit Erinnerungsresten von Wahrnehmu-
ngen des Gesichts und Gehörs auf dem
Wege der Sprachfunktion. Beim Thier
dem die Sprache fehlt, müssen diese
Verhältnisse einfacher liegen.
Die Eindrücke der frühen Traumen
von denen wir ausgegangen sind werden
entweder nicht ins Vorbewusste übersetzt
oder bald durch die Verdrängung in den Eszustand
zurück versetzt. Ihre Erinner-
ungsreste sind dann unbewusst und
wirken vom Es aus. Wir glauben ihr
weiteres Schicksal gut verfolgen zu
können, solange es sich bei ihnen um
Selbsterlebtes handelt. Eine neue
Complikation tritt aber hinzu, wenn wir
auf die Wahrscheinlichkeit aufmerksam
werden dass im psychischen Leben des
Individuums nicht nur selbsterlebte,
sondern auch bei der Geburt mitge-
brachte Inhalte wirksam sein mögen,
Stücke von phylogenetischer Herkunft,S.
48
eine archaische Erbschaft. Es entstehen dann die
Fragen worin besteht diese, was enthält
sie, was sind ihre Beweise?
Die nächste und sicherste Antwort lautet, sie
besteht in bestimmten Dispositionen
wie sie allen Lebewesen eigen sind.
Also in der Fähigkeit und Neigung, bestimmte
Entwicklungsrichtungen einzuschlagen
und auf gewisse Erregungen, Eindrücke und
Reize in einer besonderen Weise zu
reagiren. Da die Erfahrung zeigt dass sich
bei den Einzelwesen der Menschenart
auch in dieser Hinsicht Differenzen ergeben,
so schliesst die archaische Erbschaft diese
Differenzen ein, sie stellen dar, was
man als das konstitutionelle Momenter im einzelnen anerkenntim Einzelnen anerkennt. Da nun alle
Menschenkinderwenigstens in ihrer Frühzeit
ungefähr das Nämliche erleben reagiren
sie darauf auch in gleichartiger Weise und
es konnte der Zweifel entstehen ob man
nicht dieseselbenReaktionen mitsamt
ihren individuellen Differenzen der
archaischen Erbschaft zurechnen soll. Der
Zweifel ist abzuweisen durch die Tatsachedieserdieser Gleichartigkeit wird unsere Kennt-
nis von der archaischen Erbschaft nicht
bereichert.
Indes hat die analytische Forschung einzelne
Ergebnisse gebracht, die uns zu denken
geben. Da ist zunächst die Allgemeinheit
der Sprachsymbolik, die Die symbolische
Vertretung eines Gegenstands durch
einen anderen – Dasselbe ist bei Ver-
richtungen der Fall – ist all unseren
Kindern geläufig und wie selbstverständ-
lich. Wir können ihnen nicht nachweisen
wie sie es erlernt haben und müssen
in vielen Fällen zugestehen, dass ein
Erlernen unmöglich ist. Es handelt sich
um ein ursprüngliches Wissen das der
Erwachsene später vergessen hat. Er ver-
wendet die nämlichen Symbole zwar
in seinen Träumen aber er versteht
sie nicht, wenn der Analytiker sie ihm
nicht deutet, und auch dann schenkt
er der Uebersetzung ungern Glauben.
Wenn er sich einer der so häufigen
Redensarten bedient hat, in denen
sich diese Symbolik fixirt findet,
so muss er zugestehen dass ihm deren
eigentlicher Sinn völlig entgangen
ist. Die Symbolik setzt sich auch über
die Verschiedenheiten der Sprachen
S.
49
hinweg; Untersuchungen würden wahrscheinlich
ergeben dass sie ubiquitär ist, bei allen
Völkern die nämliche. Hier scheint also
ein gesicherter Fall von archaischer Erbschaft
(aus der Zeit der Sprachentwick
lung) vorzuliegen aber man könnte immer noch an
eine andere Erklärung versuchen denken. Man könnte
sagen es handle sich um Denkbeziehungen
zwischen Vorstellungen die sich während der
historischen Sprachentwicklung hergestellt
hatten, und die nun jedesmal wiederholt
werden müssen wo eine Sprachentwick-
lung individuell durchgemacht wird. Es wäre
dann ein Fall von Vererbung einer Denk-
disposition wie sonst einer Triebdisposition
und wiederum kein neuer Beitrag zu
unserem Problem.
Die analytische Arbeit hat aber auch anderes
zu Tage gefördert, was in seiner Trag-
weite über das Bisherige hinausreicht.
Wenn wir die Reaktionen auf die frühen
Traumen studieren, sind wir oft genug
überrascht, zu finden dass sie sich nicht
strenge an das wirklich selbst Erlebte
halten, sondern in einer Weise sich von ihm
entfernen die weit besser zum Vorbild
eines phylogenetischen Ereignisses passt
und ganz allgemein nur durch dessen
Einfluss erklärt werden kann. Das Ver-
halten des neurotischen Kindes zu seinen
Eltern im Oedipus- und Kastrationskom-
plex ist überreich an solchen Reaktionen,
die individuell ungerechtfertigt erscheinen
und erst phylogenetisch, durch die Beziehung
auf das Erleben früherer Geschlechter
begreiflich werden. Es wäre durchaus
der Mühe wert, dies Material, auf das
ich mich hier nur berufen kann, der
Oeffentlichkeit gesammelt vorzulegen.
Seine Beweiskraft erscheint mir stark genug,
um den weiteren Schritt zu wagen
und die Behauptung aufzustellen dass
die archaische Erbschaft des Menschen
nicht nur Dispositionen, sondern auch
Inhalte umfasst Erinnerungsspuren an
das Erleben früherer Generationen.
Damit wären Umfang wie Bedeutung
der archaischen Erbschaft in bedeut-
ungsvoller Weise gesteigert.
Bei näherer Besinnung müssen wir
uns eingestehen, dass wir uns seit
langem so benommen haben als stünde
die Vererbung von Erinnerungs-
spuren an das von VorelternS.
50
Erlebte unabhängig von direkter Mittheilung
und von dem Einfluss der Erziehung durch
Beispiel, nicht in Frage. Wenn wir von
dem Fortbestand einer alten Tradition
in einem Volk, von der Bildung eines
Volkscharakters gesprochen sprechen, hatten wir
meist eine solche ererbte Tradition
und nicht eine durch Mittheilung
fortgepflanzte im Sinn. Oder wir
haben wenigstens zwischen den beiden
nicht unterschieden und uns nicht
klar gemacht welche Kühnheit wir durch
solche Vernachlässigung begehen. Unsere
Sachlage wird allerdings durch die gegenwärtige
Einstellung der biologischen Wissenschaft
erschwert, die von der Vererbung er-
worbener Eigenschaften auf die Nach-
kommen nichts wissen will. Aber wir
gestehen in aller Bescheidenheit, dass wir
nicht trotzdem diesen Faktor in der Biologie Entwick-
lung nicht entbehren können. Es handelt sich
zwar in beiden Fällen nicht um
Das Gleiche, dort um erworbene Eigenschaften
die schwer zu fassen sind, hier um
Erinnerungsspuren an äussere Eindrücke
gleichsam Greifbares. Aber es wird
wohl sein, dass wir uns im Grunde das
eine nicht ohne das Andere vorstellen
können. Wenn wir den Fortbestand
solcher Erinnerungsspuren in
der archaischen Erbschaft annehmen
haben wir die Kluft zwischen Individual-
und Massenpsychologie überbrückt, können
die Völker behandeln wie den ein-
zelnen Neurotiker. Zugegeben, dass wir
für die Erinnerungsspuren in der archaischen
Erbschaft derzeit keinen stärkeren Beweis
haben als jene Resterscheinungen der
analytischen Arbeit, die eine Ableitung
aus der Phylogenese erfordern, so er-
scheint uns dieser Beweis doch stark
genug um einen solchen Sachverhalt
zu postulieren. Wenn es anders ist
kommen wir weder in der Analyse
noch in der Massenpsychologie auf
dem eingeschlagenen Weg einen
Schritt weiter. Es ist eine unvermeid-
liche Kühnheit.
Wir thun damit auch noch etwas anderes.
Wir verringern die Kluft die frühere
Zeiten menschlicher Ueberhebung allzuweit
zwischen Mensch und Thier aufgerissen
haben. Wenn die sogenanntenS.
51
Instinkte der Thiere die ihnen gestatten sich
von Anfang an in der neuen Lebenssitua-
tion so zu benehmen als wäre sie eine
alte, längst vertraute, wenn dies Instinkt-
leben der Thiere überhaupt eine Er-
klärung zulässt, so kann es nur die sein
dass sie die Erfahrungen ihrer Art in
die neue eigene Existenz mitbringen
also Erinnerungen an das von ihren
Voreltern Erlebte in sich bewahrt haben.
Beim Menschentier wäre im Grunde auch
nicht anders. Den Instinkten der Thiere
entspräche seine eigene archaische Erbschaft,
sei sie auch von anderem Umfang
und Inhalt.
Nach diesen Erörterungen trage ich kein
Bedenken auszusprechen, die Menschen
haben es – in jener besonderen Art Weise –
immer gewusst dass sie einen Urvater
besessen und erschlagen haben.
Zwei weitere Fragen sind hier zu beant-
worten. Erstens unter welchen Beding-
ungen tritt eine solche Erinnerung in
die archaische Erbschaft ein, zweitens unter
welchen Umständen kann sie aktiv werden,
d.h. aus ihrem unbewussten Zustand im Es
zum Bewusstsein wenn auch verändert
und entstellt vordringen? Die Ant-
wort auf die erste Frage ist leicht zu formu-
liren: Wenn das Ereignis wichtig genug
war, oder sich oft genug wiederholt hat,
oder Beides. Für den Fall der Vater-
tödtung sind beide Bedingungen erfüllt.
Zur zweiten Frage ist zu bemerken: Es mögen
eine ganze Anzahl von Einflüssen in Betracht
kommen, die nicht alle bekannt zu sein
brauchen, auch ist ein spontaner Ablauf
denkbar in Analogie zum Vorgang bei
manchen Neurosen. Sicherlich ist aber von
entscheidender Bedeutung die Erweckung
der vergessenen Erinnerungsspur durch
eine rezente reale Wiederholung des
Ereignisses. Eine solche Wiederholung
war der Mord an Moses; später
der vermeintliche Justizmord an
Christus, so dass diese Begebenheiten in
den Vordergrund der Verursachung
rücken. Es ist als ob die Genese des Monotheismus dieser Vorfälleder Genese des Monotheismusnicht
hätte entbehren können.
Man wird an den Ausspruch des
Dichters erinnert: „Was unsterblich
im Gesang soll leben, muss im Leben
untergehen.“S.
52
Zum Schluss eine Bemerkung, die ein
psychologisches Argument beibringt. Eine
Tradition die nur auf Mittheilung gegründet
wäre könnte nicht den Zwangscharakter
erzeugen, der den religiösen Phänomenen
zukommt. Sie würde angehört, beurtheilt, even-
tuel abgewiesen werden wie jede andere
Nachricht von aussen, erreichte nie das
Privileg der Befreiung vom Zwang des
logischen Denkens. Sie muss erst
das Schicksal der Verdrängung, den Zustand
des Verweilens im Unbewussten
durchgemacht haben ehe sie bei ihrer
Wiederkehr so mächtige Wirkungen
entfalten, die Massen in ihren Bann
zwingen kann, wie wir es an der
religiösen Tradition mit Erstaunen
und bisher ohne Verständnis gesehen
haben. Und diese Überlegung fällt
schwer in’s Gewicht, um uns glauben
zu machen, dass die Dinge wirklich
so vorgefallen sind, wie wir sie zu
schildern bemüht waren oder wenig-
stens so ähnlich.VI NachträgeDie Schwierigkeiten des Themas um das ichmich hier bemüht habe, werden gewissEines Theiles meiner Darstellungentschuldigen. Die vielen Wiederholungen die sicheingeschlichen haben, kann ich nicht sobehandeln; (rechtfertigen) sie entspringen meiner eigenenUnfähigkeit, nicht den sachlichen Verhältnissen.Was ich in den „Nachträgen“ bringe sindteils Wiederholungen an anderemZusammenhang dessen was schon gesagtworden ist theils Erwägungen, die imTexte keinen Platz gefunden haben.II Theil.
Zusammenfassung und Wiederholung
Dass eine Zusammenfassung nichtohne wiederholendeRückblicke auf die beiden vorangegangenenAufsätze ausgehen kann, wirdman entschuldigen wenn
Der nun folgende Theil dieserBeStudie
kann nicht ohne weitläufige Rück-
ungen und Entschuldigungen in die
Oeffentlichkeit geschickt werden. Er
ist nämlich nichts anderes als eine getreue
oft wörtliche Wiederholung des ersten
Theils, verkürzt in manchen kritischen
Untersuchungen und vermehrt um
Zusätze, die sich auf das Problem, wie
entstand der besondere Charakter
des jüdischen Volkes beziehen. Ich
weiss, dass eine solche Art der Darstellung
ebenso unzweckmässig wie in unkünst-
lerisch ist. Ich missbillige sie selbst unein-
geschränktS.
52a
Warum habe ich sie nicht vermieden? Die
Antwort darauf ist für mich nicht schwer zu
finden aber nicht leicht mitzutheilen. Ich
war nicht im Stande die Spuren der in mehr
ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte dieser
Arbeit zu verwischen.
In Wirklichkeit ist sie zweimal geschrieben
worden, zuerst vor einigen Jahren in Wien
wo ich nicht an die Möglichkeit glaubte sie ver-
öffentlichen zu können. Ich beschloss sie
liegen zu lassen, aber sie quälte mich
wie ein unerlöster Geist, und ich fand den
Ausweg, zwei Stücke von ihr selb-
zu machen und in unserer Zeitschrift Imago
zu publiziren, den psychoanalytischen Aufsatz
Moses ein Aegypter ( ) und die
darauf gebaute historische Konstruktion
Wenn Moses ein Aegypter war... ( ). Den
Rest, der das eigentlich Anstössige und
Gefährliche enthielt die Anwendung auf
die Genese des Monotheismus und
derAuffassung(Auffassung)Religion überhaupt,
hielt ich zurück, wie ich meinte für
immer. Da kam im März 1938 die uner-
wartete deutsche Invasion, zwang mich,
die Heimat zu verlassen befreite mich aber
auch von der Sorge durch meine Veröffent-
lichung den Bestand der Psychoanalyse
dort heraufzubeschwören wo sie noch ge-
duldet war. Kaum in England eingetroffen
fand ich die Versuchung unwiderstehlich
meiner erhaltenen Theilfreiheit der Welt
zugänglich zu machen und begann das
dritte Stück(Der Mann Moses), das die Studien im Untertitel(und die Entstehung)
des bereits(der monotheistischen Religion)erschienenen umzu-
arbeiten. Damit war natürlich eine theilweise
Umordnung des Materials verbunden. Nun
gelang es mir nicht, den ganzen Stoff in
dieser zweiten Bearbeitung unter zu brin-
gen andererseits konnte ich mich nicht ent-
schliessen auf die früheren ganz zu ver-
zichten und so kam die Auskunft zu Stande
dass ich ein ganzes Stück der ersten Dar-
stellung unverändert an die zweite
anschloss, womit eben der Nachtheil einer
weitgehenden Wiederholung verbunden
war.
Nun könnte ich mich mit der Erwägung
trösten die Dinge die ich behandle
seien nur theil so neu und so bedeut-
sam, aber eben darum, wie weil meine
Darstellung derselben richtig sein
ist,S.
52b
dass es kein Unglück sein kann, wenn
das Publikum veranlasst wird, darüber zwei-
mal das Nämliche zu lesen. Es giebt Dinge
die nicht oft genug (mehr als einmal) gesagt
werden sollen und die nicht oft genug
gesagt werden können. Aber es muss
demAutorEntschluss des Lesers dabei sein
bei dem Gegenstand zu verweilen oder
auf ihn zurückzukommen. Er darf nicht in
ihnder Artgezwungen werden dass man
ihm in demselben Buch das Gleich zweimal
vorsetzt. Das bleibt eine Ungeschicklich-
keitfür die man die Schuld auf sich nehmenmussDie Schöpferkraft
eines Autors folgt leider nicht immer
seinem Willen. Das Werk gerät
wie es kann und stellt sich dem Ver-
fasser oft wie unabhängig, ja wie
fremd, gegenüber.