Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen Falle von Paranoia (Dementia paranoides) 1911-002/1913.2

Freud, Sigmund (1911-002/1913.2): Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen Falle von Paranoia (Dementia paranoides)

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    IV.

    Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen
    Falle von Paranoia (Dementia paranoides)1).


    In der Behandlung der Krankengeschichte des Senats-
    präsidenten Schreber2) habe ich mich mit Absicht auf ein
    Mindestmaß von Deutung eingeschränkt und darf darauf ver-
    trauen, daß jeder psychoanalytisch geschulte Leser aus dem
    mitgeteilten Material mehr entnommen haben wird, als ich aus-
    drücklich ausspreche, daß es ihm nicht schwer gefallen ist, die
    Fäden des Zusammenhanges enger anzuziehen und Schluß-
    folgerungen zu erreichen, die ich bloß andeute. Ein freundlicher
    Zufall, der die Aufmerksamkeit anderer Autoren des gleichen
    Bandes auf die Schrebersche Selbstbiographie gelenkt hat,
    läßt auch erraten, wieviel noch aus dem symbolischen Gehalt
    der Phantasien und Wahnideen des geistreichen Paranoikers zu
    schöpfen ist3).

    Eine zufällige Bereicherung meiner Kenntnisse seit der
    Veröffentlichung meiner Arbeit über Schreber hat mich nun
    in den Stand gesetzt, eine seiner wahnhaften Behauptungen

    1)Jahrbuch f. psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen, Bd. III, 1911.

    2)Siehe den Aufsatz im ersten Halbband dieses Jahrbuches, Bd. III,
    auf Grundlage der „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“.

    3)Vgl. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, ebenda S. 164
    und 207, Spielrein, Über den psychischen Inhalt eines Falles von
    Schizophrenie usw., S. 350.

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    besser zu würdigen und als mythologisch beziehungsreich zu
    erkennen. Auf Seite 243 erwähne ich das besondere Verhältnis
    des Kranken zur Sonne, die ich für ein sublimiertes „Vater-
    symbol“ erklären mußte. Die Sonne spricht mit ihm in mensch-
    lichen Worten und gibt sich ihm so als ein belebtes Wesen zu
    erkennen. Er pflegte sie zu beschimpfen, mit Drohworten anzu-
    schreien; er versichert auch, daß ihre Strahlen vor ihm erblei-
    chen, wenn er gegen sie gewendet laut spricht. Nach seiner
    „Genesung“ rühmt er sich, daß er ruhig in die Sonne sehen
    kann und davon nur in sehr bescheidenem Maße geblendet
    wird, was natürlich früher nicht möglich gewesen wäre. (Anmer-
    kung auf S. 139 des Schreberschen Buches.)

    An dieses wahnhafte Vorrecht, ungeblendet in die Sonne
    schauen zu können, knüpft nun das mythologische Interesse an.
    Man liest bei S. Reinach1) (nach Keller, Tiere des Alter-
    tums), daß die alten Naturforscher dieses Vermögen allein den
    Adlern zugestanden, die als Bewohner der höchsten Luft-
    schichten zum Himmel, zur Sonne und zum Blitze in besonders
    innige Beziehung gebracht wurden2). Dieselben Quellen be-
    richten aber auch, daß der Adler seine Jungen einer Probe
    unterzieht, ehe er sie als legitim anerkennt. Wenn sie es nicht
    zustande bringen, in die Sonne zu schauen, ohne zu blinzeln,
    werden sie aus dem Nest geworfen.

    Über die Bedeutung dieses Tiermythus kann kein Zweifel
    sein. Gewiß wird hier den Tieren nur zugeschrieben, was bei
    den Menschen geheiligter Gebrauch ist. Was der Adler mit
    seinen Jungen anstellt, ist ein Ordale, eine Abkunftsprobe, wie
    sie von den verschiedensten Völkern aus alten Zeiten berichtet
    wird. So vertrauten die am Rhein wohnenden Kelten ihre Neu-
    geborenen den Fluten des Stromes an, um sich zu überzeugen,
    ob sie wirklich ihres Blutes wären. Der Stamm der Psyllen
    im heutigen Tripolis, der sich der Abkunft von Schlangen
    rühmte, setzte seine Kinder der Berührung solcher Schlangen
    aus; die rechtmäßig Geborenen wurden entweder nicht gebissen


    1)Cultes, Mythes et Religions, T. III, 1908, p. 80.

    2)An den höchsten Stellen der Tempel waren Bilder von Adlern
    angebracht, um als „magische“ Blitzableiter zu wirken. (S. Reinach, l. c.)

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    oder erholten sich rasch von den Folgen des Bisses1). Die
    Voraussetzung dieser Erprobungen führt tief in die totemisti-
    sche Denkweise primitiver Völker hinein. Der Totem – das
    Tier oder die animistisch gedachte Naturmacht, von der der
    Stamm seine Abkunft herleitet – verschont die Angehörigen
    dieses Stammes als seine Kinder, wie er selbst von ihnen als
    Stammvater verehrt und eventuell verschont wird. Wir sind
    hier bei Dingen angelangt, die mir berufen erscheinen, ein
    psychoanalytisches Verständnis für die Ursprünge der Religion
    zu ermöglichen.

    Der Adler, der seine Jungen in die Sonne schauen läßt
    und verlangt, daß sie von ihrem Lichte nicht geblendet werden,
    benimmt sich also wie ein Abkömmling der Sonne, der seine
    Kinder der Ahnenprobe unterwirft. Und wenn Schreiber sich
    rühmt, daß er ungestraft und ungeblendet in die Sonne schauen
    kann, hat er den mythologischen Ausdruck für seine Kindes-
    beziehung zur Sonne wiedergefunden, hat uns von neuem be-
    stätigt, wenn wir seine Sonne als ein Symbol des Vaters auf-
    fassen. Erinnern wir uns daran, daß Schreiber in seiner
    Krankheit seinen Familienstolz frei äußert („Die Schreibers
    gehören dem höchsten himmlischen Adel an2)“), daß wir ein
    menschliches Motiv für seine Erkrankung an einer femininen
    Wunschphantasie in seiner Kinderlosigkeit gefunden haben, so
    wird uns der Zusammenhang seines wahnhaften Vorrechtes mit
    den Grundlagen seines Krankseins deutlich genug.

    Dieser kleine Nachtrag zur Analyse eines Paranoiden mag
    dartun, wie wohlbegründet die Behauptung Jungs ist, daß die
    mythenbildenden Kräfte der Menschheit nicht erloschen sind,
    sondern heute noch in den Neurosen dieselben psychischen
    Produkte erzeugen wie in den ältesten Zeiten. Ich möchte eine
    früher gemachte Andeutung3) wieder aufnehmen, indem ich
    ausspreche, daß für die religionsbildenden Kräfte dasselbe gilt.
    Und ich meine, es wird bald an der Zeit sein, einen Satz, den


    1) Siehe Literaturnachweise bei Reinach l. c., T. III und T. I, p. 74.

    2) Denkwürdigkeiten, S. 24. – „Adel“ gehört zu „Adler“.

    3) Zwangshandlungen und Religionsübung. 1907.

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    wir Psychoanalytiker schon vor langem ausgesprochen haben,
    zu erweitern, zu seinem individuellen, ontogenetisch verstandenen
    Inhalt die anthropologische, phylogenetisch zu fassende Ergän-
    zung hinzuzufügen. Wir haben gesagt: Im Traume und in der
    Neurose finden wir das Kind wieder mit den Eigentümlich-
    keiten seiner Denkweisen und seines Affektlebens. Wir werden
    ergänzen: auch den wilden, den primitiven Menschen, wie
    er sich uns im Lichte der Altertumswissenschaft und der Völker-
    forschung zeigt.