Freud, Sigmund (1911-002/1921.2): Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen Falle von Paranoia (Dementia paranoides)
S.
IV.
Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen
Falle von Paranoia (Dementia paranoides)1).
In der Behandlung der Krankengeschichte des Senats-
präsidenten Schreber2) habe ich mich mit Absicht auf ein
Mindestmaß von Deutung eingeschränkt und darf darauf ver-
trauen, daß jeder psychoanalytisch geschulte Leser aus dem
mitgeteilten Material mehr entnommen haben wird, als ich aus-
drücklich ausspreche, daß es ihm nicht schwer gefallen ist, die
Fäden des Zusammenhanges enger anzuziehen und Schluß-
folgerungen zu erreichen, die ich bloß andeute. Ein freundlicher
Zufall, der die Aufmerksamkeit anderer Autoren des gleichen
Bandes auf die Schrebersche Selbstbiographie gelenkt hat,
läßt auch erraten, wieviel noch aus dem symbolischen Gehalt
der Phantasien und Wahnideen des geistreichen Paranoikers zu
schöpfen ist3).Eine zufällige Bereicherung meiner Kenntnisse seit der
Veröffentlichung meiner Arbeit über Schreber hat mich nun
in den Stand gesetzt, eine seiner wahnhaften Behauptungen1) Jahrbuch f. psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen, Bd. III, 1911.
2) Siehe den Aufsatz im ersten Halbband dieses Jahrbuches, Bd. III,
auf Grundlage der „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“.3) Vgl. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, ebenda S. 164
und 207, Spielrein, Über den psychischen Inhalt eines Falles von
Schizophrenie usw., S. 350.S.
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besser zu würdigen und als mythologisch beziehungsreich zu
erkennen. Auf Seite 243 erwähne ich das besondere Verhältnis
des Kranken zur Sonne, die ich für ein sublimiertes „Vater-
symbol“ erklären mußte. Die Sonne spricht mit ihm in mensch-
lichen Worten und gibt sich ihm so als ein belebtes Wesen zu
erkennen. Er pflegte sie zu beschimpfen, mit Drohworten anzu-
schreien; er versichert auch, daß ihre Strahlen vor ihm erblei-
chen, wenn er gegen sie gewendet laut spricht. Nach seiner
„Genesung“ rühmt er sich, daß er ruhig in die Sonne sehen
kann und davon nur in sehr bescheidenem Maße geblendet
wird, was natürlich früher nicht möglich gewesen wäre. (Anmer-
kung auf S. 139 des Schreberschen Buches.)An dieses wahnhafte Vorrecht, ungeblendet in die Sonne
schauen zu können, knüpft nun das mythologische Interesse an.
Man liest bei S. Reinach1) (nach Keller, Tiere des Alter-
tums), daß die alten Naturforscher dieses Vermögen allein den
Adlern zugestanden, die als Bewohner der höchsten Luft-
schichten zum Himmel, zur Sonne und zum Blitze in besonders
innige Beziehung gebracht wurden2). Dieselben Quellen be-
richten aber auch, daß der Adler seine Jungen einer Probe
unterzieht, ehe er sie als legitim anerkennt. Wenn sie es nicht
zustande bringen, in die Sonne zu schauen, ohne zu blinzeln,
werden sie aus dem Nest geworfen.Über die Bedeutung dieses Tiermythus kann kein Zweifel
sein. Gewiß wird hier den Tieren nur zugeschrieben, was bei
den Menschen geheiligter Gebrauch ist. Was der Adler mit
seinen Jungen anstellt, ist ein Ordale, eine Abkunftsprobe, wie
sie von den verschiedensten Völkern aus alten Zeiten berichtet
wird. So vertrauten die am Rhein wohnenden Kelten ihre Neu-
geborenen den Fluten des Stromes an, um sich zu überzeugen,
ob sie wirklich ihres Blutes wären. Der Stamm der Psyllen
im heutigen Tripolis, der sich der Abkunft von Schlangen
rühmte, setzte seine Kinder der Berührung solcher Schlangen
aus; die rechtmäßig Geborenen wurden entweder nicht gebissen1)Cultes, Mythes et Religions, T. III, 1908, p. 80.
2)An den höchsten Stellen der Tempel waren Bilder von Adlern
angebracht, um als „magische“ Blitzableiter zu wirken. (S. Reinach, l. c.)S.
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oder erholten sich rasch von den Folgen des Bisses1). Die
Voraussetzung dieser Erprobungen führt tief in die totemisti-
sche Denkweise primitiver Völker hinein. Der Totem – das
Tier oder die animistisch gedachte Naturmacht, von der der
Stamm seine Abkunft herleitet – verschont die Angehörigen
dieses Stammes als seine Kinder, wie er selbst von ihnen als
Stammvater verehrt und eventuell verschont wird. Wir sind
hier bei Dingen angelangt, die mir berufen erscheinen, ein
psychoanalytisches Verständnis für die Ursprünge der Religion
zu ermöglichen.Der Adler, der seine Jungen in die Sonne schauen läßt
und verlangt, daß sie von ihrem Lichte nicht geblendet werden,
benimmt sich also wie ein Abkömmling der Sonne, der seine
Kinder der Ahnenprobe unterwirft. Und wenn Schreber sich
rühmt, daß er ungestraft und ungeblendet in die Sonne schauen
kann, hat er den mythologischen Ausdruck für seine Kindes-
beziehung zur Sonne wiedergefunden, hat uns von neuem be-
stätigt, wenn wir seine Sonne als ein Symbol des Vaters auf-
fassen. Erinnern wir uns daran, daß Schreber in seiner
Krankheit seinen Familienstolz frei äußert („Die Schrebers
gehören dem höchsten himmlischen Adel an“2)), daß wir ein
menschliches Motiv für seine Erkrankung an einer femininen
Wunschphantasie in seiner Kinderlosigkeit gefunden haben, so
wird uns der Zusammenhang seines wahnhaften Vorrechtes mit
den Grundlagen seines Krankseins deutlich genug.Dieser kleine Nachtrag zur Analyse eines Paranoiden mag
dartun, wie wohlbegründet die Behauptung Jungs ist, daß die
mythenbildenden Kräfte der Menschheit nicht erloschen sind,
sondern heute noch in den Neurosen dieselben psychischen
Produkte erzeugen wie in den ältesten Zeiten. Ich möchte eine
früher gemachte AndS.
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wir Psychoanalytiker schon vor langem ausgesprochen haben,
zu erweitern, zu seinem individuellen, ontogenetisch verstandenen
Inhalt die anthropologische, phylogenetisch zu fassende Ergän-
zung hinzuzufügen. Wir haben gesagt: Im Traume und in der
Neurose finden wir das Kind wieder mit den Eigentümlich-
keiten seiner Denkweisen und seines Affektlebens. Wir werden
ergänzen: auch den wilden, den primitiven Menschen, wie
er sich uns im Lichte der Altertumswissenschaft und der Völker-
forschung zeigt.