Rank, Otto (1910-531/1910.01): Protokoll der 10. Sitzung am 7. Dezember 1910. Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mitteilungen IV.
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Geschäftliches:
Herr Gaston Rosenstein ersucht um Aufnahme in die Verei-
nigung.Herr Dr. Friedjung berichtet kurz über seinen in Brünn ge-
haltenenVortrag zur Psychologie des einzigen Kindes.Prof. Furtmüller bringt das Protokoll über das von Dr/
Stekel beantragte Schiedsgericht zur vVerlesung.
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Baron Winterstein liest einige Stellen aus Lichtenberg vor, die da-
rum für den Psychoanalytiker Interesse haben, weil Lichtenberg ein
Neurotiker, ausserdem aber ein guter Psychologe und ein wirklich
ehrlicher Mensch war.Dr. Sachs referiert ein Buch von Leo Spitzer: Die Wortbildung als
stilistisches Mittel (erscheint im Zentralblatt).Grüner Franz führt die letztesmal nur angedeutete sexualsymbolische
Erklärung von Chamissos Gedicht: Das Riesenspielzeug im Detail durch,
um den von Prof. Furtmüller geforderten Zusammenhang aufzuzeigen, in
den sich das Detail des Onanieverbotes (Der Bauer ist kein Spiel-
zeug) einreiht. Er beruft sich auf Stekels Deutung, dass Peter Schleh-
mil, der Mann ohne Schatten, eigentlich der Mann ohne Potenz sei und
weist den gleichen Komplex in dem Gedicht nach. Auch die Satire gegen
den Feudalismus findet ihre tiefere Determination als Vorwurf gegen
die Vorfahren des Dichters, die ja Feudale waren. In dem verwandten
Gedicht: Die versunkene Burg, wird das Versinken des Schlosses (Impotenz) di-
rekt als Strafe für übermässigen Sexualgenuss verhängt.Furtmüller hält es für notwendig, ehe man an derartige Deu-
tungen geht, sich erst über einige methodische Grundsätze
zu einigen. Man kann ein Dichtwerkdazu benützen Assozia-
tionsversuche daran zu machen, hat aber damit noch nicht
das Recht, dem Schöpfer diese Komplexe ohne weiters unter-
zu schieben. Zum Ausgangspunkt ähnlicher psychoanalyti-
scher Erklärungsversuche eignet sich nur ein Problem,
das auch beim Unbefangenen Befremden erregt. -- Wenn auch
in diesem Falle ein gewisser Zusammenhang sich ergeben
konnte, so ist doch der Beweis nicht geglückt, dass das in
der Seele des Dichters vorgegangen sein müsse.
Prof. Freud bemerkt, dass in dieser neuen Kunst der Komplex-
forschung irgend etwas Aussichtsvolles vorliege, wenn es
auch zunächst überrasche und Befremde. Allerdings sind die
Bedenken des Vorredners insoweit berechtigt, als man gros-
ser Vorsicht und mit Takt nur auf die besten Beispiele
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der Art eingehen muss.) Was das vorliegende Beispiel be-
treffe, so möchte er dafür Partei ergreifen; es dränge einen
die Deutung direkt auf. Seit Einführung des Ackerbaues hat
die Menschheit die Bezeichnungen aus diesem auf die Sexual-
betätigung übertragen. Es wurde alles von der Erde auf das
Weib transponiert. Dass dabei der Bauer als Penis erscheint,
ist sehr naheliegend. Dazu kommt noch die symbolische
Verwendung des Gespannes als der beiden Testikel, was in
unzähligen symbolischen Zeichnungen, Gebräuchen etz. durch-
blickt (symbolische Dreiheit, Kleeblatt).
Von Wichtigkeit wäre es jedoch bei solchen Untersuchungen,
dass man die Tatsache der psychischen Schichtung niemals
vernachlässigt und mit der Aufzeigung aller, auch der be-
wussten Zusammenhänge den vorhandenen und verständlichen
Widerständen der Menschen gegen diese Art der Deutung
Rechnung trägt. / conf 1.3.Hitschmann betont nochmals seinen Widerstand gegen dieses
Verfahren. Es fehlt die Beziehung auf die persönlichen Kom-
plexe des Dichters. Auch wwenn etwas schon als Symbol er-
wiesen ist, muss es darum dochnichtimmer in symbolischem
Sinne gebraucht sein.Klemperer meint, der Vorwurf der flächenhaften Deutung
treffe in diesem Falle nicht zu, da ja die manifeste Satire
in einen tieferen Zusammenhang mit den Komplexen gebracht
wurde.Furtmüller betont die Notwendigkeit einer Unterscheidung
der symbolischen Auffassung in dem Sinne, ob den Dichter
ein äusserer Anlass gezwungen hat, von einem Ding zu spre-
chen und ob ihm dabei dessen sexuelle Symbolik auftaucht,
oder ob das Entscheidende für die Erwähnung dieses Aus-
drucks dessen symbolische Kraft war.Adler hat den Eindruck, dass die beiden streitenden Partei-
en eigentlich verschiedenes meinen. Grüner hat mit Erfolg
zu zeigen versucht, wie man aus den Ausdrucksmitteln des
Dichters auf seine Persönlichkeit schliessen kann. Die
Gegenseite fragt, ob man aus dieser Charakteristik etwas
für das fertige, abgeschlossene Kunstwerk gewinnen kann.
Beides hat seine volle Berechtigung. Hinweis, dass Chamisso
einer unserer weiblichsten Dichter war.Friedjung meint, wenn diese Forschung den Zweck haben soll,
uns die Wirkung des Kunstwerks verständlich zu machen, so
müsse sie sich mehr auf das Studium des Hörers und Lesers
verlegen. Man müsste bei Lesern der verschiedensten Bildungs-
lebenskreise und Berufsklassen den Eindruck analysieren u.
dann sehen, ob und in wie vielen Fällen er derselbeist.Stekel stimmt der Deutung Grüners voll zu. Er habe dieses
Problem in Dichtung und Neurose als erster völlig klarge-
legt und an einem Beispiel erwiesen. Der Dichter arbeitet
immer nur mit seinen paar Komplexen. Bei der Publikation
dieser Dinge müsse man allerdings vorsichtig sein.Grüner F. bemerkt, dass man beim Dichter gewisse Komplexe
sehe ohne ihn zu analysieren; die Dichtungen sind typische
Träume.Steiner weist darauf hin, dass das Gedicht vom Riesenspiel-
zeug zu den wenigen Standard Wwerken gehöre, die sich den
meisten gebildeten schon in früher Jugend für die Zeit
ihres Lebens einprägen und dass doch irgend welche unbe-
wusste Motive diesen besonderen Eindruck bedingen müssen.Rank kommt in seinem Referat von Hirschfelds Transvestiten zu dem-
selben unbefriedigenden Urteil, dem Stekel im Zentralblatt bereits
Ausdruck verliehen hat.Eine interessante Rettungsphantasie aus dem Leben Stendhals u?
eine willkommene Bestätigung für den Zusammenhang des FamilienromansS.
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mit der Attentäterrolle (Mythos von der Geburt des Helden) aus dem
Leben des kürzlich verstorbenen Mörders der Kaiserin Elisabeth (Wird
im Zentralblatt erscheinen).Schliesslich wird in dem Volksbuch von der Pfalzgräfin Genove-
fa ein Traum des Grafen erwähnt und dessen tiefere Deutung nach ei-
ner Andeutung des Textes versucht.Endlich wird darauf hingewiesen, dass im Altertum Jahrhunder-
te hindurch eine Traumtheorie bestand, die neben den für die Zukunft
bedeutungsvollen Träumen auch solche unterschied, in denen nur die
Gegenwart und die VVergangenheit (manchmal in ihr gegenteil verkehrt
und phantastisch ausgeschmückt) eine Rolle spiele.Adler weist darauf hin, dass es keinen Traum gebe, der sich
nicht auch mit der Zukunft beschäftigen würde, nämlich da-
mit, wie der Träumer sich seine Wunscherfüllung in der
Zukunft vorstellt. Auch der Genovefatraum zeige dies in
Form einer Sicherungstendenz, die darauf hinausgehe das Ge-
schehene zu rechtfertigen.Stekel weist auf einen Gegenwunsch, die Frau loszuwerden,
in dem Traume hin.Prof. Freud erwähnt aus der Traumdeutung eine Gruppe von
Träumen, wo die Wunscherfüllung darin besteht, Recht zu be-
halten im Sinne Adlers. Auf den vorliegenden Traum sei dies
jedoch nicht anwendbar. (reported by
Rank)
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