Protokoll der 12. Sitzung am 17. Januar 1912. Dr. I. Sadger: Aus Hebbels Knabenzeit 1912-503/1912.01

Rank, Otto (1912-503/1912.01): Protokoll der 12. Sitzung am 17. Januar 1912. Dr. I. Sadger: Aus Hebbels Knabenzeit

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  • S.

    P R O T O K O L L

    der

    12. S i t z u n g

    am 17.Januar 1912.


     

    Dr.J. S a d g e r :


     

    A u s  H e b b e l s  K n a b e n z e i t .

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    -1-

    Im Anschluss an seine früheren Ausführungen bespricht der Vortr/
    auf Grund des biographischen Materials die weitere Stellung des
    Dichters zu seinen Eltern und Geschwistern,die zunächst durch ei-
    ne Verschärfung des Verhältnisses zum Vater und durch einen en-
    geren Anschluss an die Mutter gekennzeichnet ist.Hebbel bekennt,
    dass er es nur seiner Mutter zu verdanken habe,wenn er dem harten
    Zwang des Vaters entging,der ihn frühzeitig in einen seinem ganzen
    Wesen widerstrebenden Beruf zwängen wollte.Obwohl nun tatsächlich
    die Mutter ihren ältesten Sohn,den Dichter,auffällig bevorzugte,
    findet doch in einer kürzlich herausgegebenen Pubertätsdichtung,
    dem Märchen: Die einsamen Kinder,die Empfindung Ausdruck,dass die
    Mutter den jüngeren Bruder bevorzuge.Dieser auffällige Widerspruch
    löst der Vortr.durch Zurückversetzung dieser Empfindung in eine
    frühe Kinderzeit,wo die Mutter den neugeborenen und hilfsbedürftigen
    kleineren Bruder tatsächlich bevorzugt haben wird.-Dieses Märchen
    zeigt die Abneigung gegen den Bruder ebenso wie eine andere Puber-
    tätsdichtung: Der Brudermord.-Den Vaterhass auf Grund des Oedipus-
    komplexes der aus derselben Zeit stammende "Vatermord".-Zur Auffas-
    sung des Bruders als bevorzugten Nebenbuhler mag vielleicht auch die
    Unersättlichkeit seines neurotischen Liebesverlangens beigetragen
    haben.-Aus dem Märchen,sowie aus dem heftigen Eindruck der Jeremia-
    stelle,wo die Mütter ihre Kinder schlachten,lasse sich möglicherwei-
    se auf anthropophage Ideen schliessen.

          Nächst dem Familienkomplex spielt der religiöse Komplex im See-
    lesleben des Dichters die Hauptrolle.Hebbel verrät uns zwei Wurzeln
    des Religiösen:1.die Furcht,2.das Gewahrwerden einer Macht,welche
    den Eltern überlegen ist.-Das Kind nimmt,wie aus Hebbels Aufzeich-
    nungen hervorgeht,die unverstandenen religiösen Dogmen an,weil sie
    seinem Unbewussten entgegenkommen und dem Geheimnisvollen desselben
    entsprechen.

          Aus all dem wird der Schluss gezogen,dass wir es hier mit einem
    Fall von infantiler Zwangsneurose mit Zweifel-und Grübelsucht zu tun
    haben(Qualen des Gedankens an das Nichts).Der Dichter hatte sein gan-
    zes Leben hindurch-wie auch seine dramatischen Gestalten zeigen- den
    Rechtfertigungstrieb.-

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    -2-

                Es wird dann der Nachweis versucht,dass Hebbel schon im ersten
    oder zweiten Lebensjahre den Geschlechtsverkehr der Eltern belauscht
    haben müsse,was zur vollen Oedipuseinstellung führte,die sich in
    den Pubertätsdichtungen offenbart und deren Einfluss sich noch bis
    in die Judith verfolgen lässt.

          Wie bei jedem Zwangsneurotiker finden wir eine starke sadisti-
    sche Komponente und natürlich auch die masochistische Ader.

          Von entscheidendem Einfluss auf des Dichters Entwicklung war
    der in seinem 15.Lebensjahr erfolgte Tod des Vaters,wegen dessen er
    sich Vorwürfe machte.

          Schliesslich wird ein Traum des 4 bis 5 jährigen Knaben mitge-
    teilt,wo er unter ängstlichen Gefühlen vom Vater geschaukelt wird,
    der auf unterdrückte Libido(Angst) und auf den Todeswunsch gegen
    den Vater gedeutet wird.


     

    D I S K U S S I O N .

    Sachs möchte die Vermutung,dass Hebbel schon als Kind den Geschlecht
    verkehr der Eltern belauscht habe,aus drei Notizen des TagesbuchesTagebuches
    stützen.Aus zwei Träumen,von denen der eine unzweideutig die Koitus-
    belauschung symbolisiere und aus einem Verschreiben(Noahs Töchter,
    die mit ihrem Vater Blutschande trieben,statt Lots Töchter;während
    Noah's Söhne den Vater entblösst sahen).Zu diesen Belauschungsträu-
    men wird eine interessante Parallele aus Wassermanns Erstlingsnovelle
    "Schläfst du Mutter" angeführt,wo aber dieser Komplex bereits in den
    späteren Familienroman eingebaut erscheint.

    Stekel ist vom heutigen Vortrag mehr befriedigt.Er habe selbst eine
    Sammlung von Hebbels Träumen angelegt,von denen viele sich auf den
    Mutterleib beziehen.In diesem Sinne möchte er auch den mitgeteilten
    Traum des 4jährigen Knaben auffassen,der nicht nur die Umkehrung ak-
    tueller krimineller Ideen in Angst enthalte,sondern auch die Phanta-
    sie,dass das Kind den Koitus der Eltern im Leib der Mutter mitmacht?

    Reinhold möchte den Traum gleichfalls in dem von Stekel hervorgeho-be-
    nen Sinne auffassen:Das Kind möchte zum Koitus mitgenommen werden.

    Federn bemängelt zunächst einige stilistische Unzukömmlichkeiten und
    wendet sich im allgemeinen gegen die Form der Darstellung,deren In-
    halt ja meist richtig,in der vorgebrachten Art aber nicht akzeptabel

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    So z.B.gehe es nicht an,in diesem Zusammenhang und in dieser Art
    die gewiss in einer bestimmten psychischen und Kulturgeschichte rich-
    tige Deutung der Auferstehung als Erektion so en passant als selbst
    verständlich einzustreuen was gewiss nicht in der Intention der Ur-
    heber dieser Auffassung liege und dieselbe diskreditiere.-Das Kind
    nimmt die Religion an,weil es überhaupt nicht Kritik übt und es brauc
    dazu nicht zwangsneurotisch zu sein;ebensowenig zur Identifizierung
    mit Christus,die jedem gläubigen Katholiken gelingt.-Die eigentlich
    Frage des SSadismus wurde nicht angeschnitten:ob er nämlich von der
    Misshandlung des Kindes komme oder auf eine davon unabhängige Anla-
    ge zurückgehe.Aetiologisch sei oft eine frühzeitige Vereinigung des
    vorzeitigen sexuellen Empfindens mit der Prügelstrafe zu finden,
    auch wenn diese Personen selbst nicht geprügelt wurden.In einem Fal
    le,wo dieser Einfluss nicht bestanden hatte,ergaben sich -wie auch
    Sadger anführte - anthropophage Tendenzen.Bei allen irgend wie her-
    vorragenden Menschen sind eben die stärksten alten Triebe der Mensch-
    heit in grösserer Intensität vorhanden und wirksam als beim Dutzend-
    menschen.

    Prof.Freud versucht in allgemeineren Kritik zu erklären,warum Sadger
    regelmässig auf Widerspruch stosse.Er habe eine zu strenge Art die
    zarten Probleme anzufassen.Vor allem aber vernachlässige er regelmäs-
    sig den ganzen Überbau und stelle die Dinge so dar,als wären die
    zutiefst wurzelnden psychosexuellen Momente die sich zunächst darbie-
    tenden Lösungen.Zweitens vernachlässige er,dass alle diese Dinge zum
    eisernen Bestand einer jeden Menschenseele gehören.Dass der Dichter
    wie alle Menschen Eltern und darum auch einen Elternkomplex gehabt
    hat,wissen wir auch ohne Analyse;wir wollen sehen,was beim Dichter
    aus diesem Komplex geworden ist/welche Einstellung seines späteren
    Lebens wir etwa auf eine besondere Konstellation desselben zurückfüh-
    ren können.-Auf Grund des Materials sei es auch Unrecht ihn einen
    schweren Zwangsneurotiker zu heissen;das müssen wir noch der Charak-
    terbildung zurechnen.-Was Sadger über die Religion gesagt habe,sei
    nicht stichhältig;wenn die Religion als Beweis für die Existenz des
    Unbewussten verwendet werden soll,so müssten die Tiere,die fast nur
    mit dem Unbewussten arbeiten,religiöser als die Menschen sein.

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    Die Beziehung der Nussknakerangst auf den Vater erscheint sehr wahr-
    scheinlich mit Rücksicht darauf,dass die Vorliebe der Menschen für
    des Hässliche und die Karrikatur den Verdacht auf kritische Ein-
    stellung zum Vater vermuten lässt.-Den Traum des 4jährigen Hebbel
    könne man nicht so auffassen wie Stekel,weil man dazu erst den Mut-
    terleib in den Traum hineinbringen muss.Gegen die Deutung von Sad-
    ger sei nichts einzuwenden,als dass sie unvollständig sei.Sadger ha-
    be sie wohl im Zusammenhang mit der Koitusbelauschung angeführt,ohne
    aber diesen Sinn darin zu finden.Der Traum,der vor allem die Rhyth-
    mik des Koitus habe,sei ein exquisiter Belauschungstraum mit einer
    besonderen Wendung.Auf dieses Trauma reagiere das Kind nämlich in
    zweifacher Weise(ambivalent):1/möchte es an Stelle des Vaters sein
    (mit allen Konsequenzen des Oedipuskomplexes);2/möchte es aber auch
    an Stelle der Mutter sein(passive Einstellung).Hebbels Traum ist
    ein solcher mit der homosexuellen Einstellung gegen den Vater,von
    dem er zum Beischlaf gebraucht werden will.-Daran wird die allgemei-
    ne Bemerkung geknüpft,dass die fragmentarischen Träume,die oft von
    Pat. gebracht werden,meist vollständiger sind als wir glauben:Sie
    enthalten nur die Situation und die Symbole der Situation.

    Tausk wendet sich zunächst der ästhetischen Kritik zu,wobei er be-
    sonders die Wendung "klein Friedrich" ausgemerzt zu sehen wünscht.
    Auch er findet,dass der Vortr.nur die gröbsten und letzten Dinge
    sage,dass er aber auch nur dort richtig sei,wo er sie sage und sonst
    nicht.-Er wendet sich dagegen,dass die Werkfähigkeit des Dichter ver
    rate;sie verrate jede Art von Denkertum.Die Bedeutung der Karrikatur
    in dem von Freud hervorgehobenen Sinne wird an einem Falle bestätigt
    Die Phantasien vom Begraben stellten in einem Falle die Liebe zur
    Mutter in der Hassumkehrung dar:viele Phantasien von Begraben sind
    Kastrationsphantasien.-Die Qualen des Nichts hängen zusammen:1.mit
    dem Gefühl,alles in einem Urgefühl zu empfinden,2.mit des Dichters
    Vorliebe für das alte Buch,3.mit dem Weinen über sich selbst.Abge-
    sehen davon,dass in Beziehung zur Angst auftritt,ist es eine Vorstel-
    lung,die eine lange und schwere Enttäuschung bedeutet.Eine Ablösungs-
    periode in der man mit der Vergangenheit nichts mehr,mit der Zukunft
    noch nichts zu tun hat.In dieser Zeit muss der Affekt arbeiten,um der

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    Menschen von sich weg zu bringen.Das ist das seltsame post coitum
    triste,gleichgültig wann immer es sich einstellen mag.Das alte Buch
    zeigt die Liebe zur Vergangenheit,das Weinen über sich selbst,wie
    elend er ist.

    Hitschmann verweist darauf,dass der in dem Pubertätsmärchen geschil-
    derte Mord des Eichhörnchens(Bruders),die spätere übergrosse Zärt-
    lichkeit des Dichters für sein Eichhörnchen als Reaktion der infan-
    tilen Eindrücke erscheinen lasse.-Der Knaben Traum sei inhaltlich eine
    Art Flugtraum.-Dass den Dichter ein besonderes Erinnerungsvermögen
    auszeichne,sei richtig.-Die spätere Eifersucht des Menschen beziehe
    gewiss ihre Hauptstärke aus der infantilen Eifersucht der Geschwis-
    ter.-Wir sollten auf die Darstellung besonderer Komplexe achten und
    etwa spezielle Mutterkomplexe zu umschreiben suchen;z.B.wie die Ent-
    wicklung jemandes aussieht,der seine Mutter früh verloren hat(Se-
    gantini,Wassermann)

    Rank erwähnt zum sado-masochistischen Komplex aus des Dichters Früh
    zeit,wo es ihm sehr schlecht ging,die im Tagebuch vermerkte sonder-
    bare Handlung,dass er den Atem anhielt so lange es nur möglich war
    und bis es ihm Schmerzen verursachte um nur zum Bewusstsein seiner
    Selbst zu gelangen(Tausks Qualen des Nichts).

    Marsinowski erwähnt zur sich Bedeutung der Karrikaturen und Fratzten eine
    Patientin,die jedesmal durch den Vaterkomplex gehemmt zeigte,sobald
    der Arzt ein böses oder unfreundliches Gesicht machte.-Auch wende er
    sich gegen die Konstatierung einer Zwangsneurose bei Hebbel;wenn
    man jede psychische Konstellation,die die Willkür ausschaltet,Zwangs
    neurose nenne,so ist das eine willkürliche Verallgemeinerung.

    Sadger hebt in seinem Schlusswort hervor,dass er die Bedeutung der
    Religion nur im Anschluss an des Dichters eigene Worte gewürdigt hat
    Gegen Federn,dass er bei den von ihm beanstandeten Zügen diese nicht
    als Folge der Zwangsneurose aufgefasst habe(Identifizierung mit Chris
    tus etz).Seine Stilistik habe im Verlaufe seiner langjährigen und aus-
    gebreiteten schriftstellerischen Tätigkeit noch nirgends Anstoss er-
    regt .-Was die besonders affektive Ablehnung der Belastung in diesem
    Kreise anbelange,von der sich alle Symptome immer wieder aufs neue
    bestätigen,so scheine sie vielen darum unangenehm zu sein,weil sie per
    sönliche Komplexe treffe.-Die gerügte Einseitigkeit seiner Ausführungen

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    -6-

    rühre daher,dass er eben das für diesen Kreis Selbstverständliche
    bei seinem Vortrag ausgeschaltet,aber für die Publikation gebührend
    berücksichtigt hverwertet habe.

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