Protokoll der 18. Sitzung am 28. Februar 1912. VI. Onanie-Diskussion (Dr. Steiner, Dr. Federn) 1912-509/1912

Rank, Otto (1912-509/1912): Protokoll der 18. Sitzung am 28. Februar 1912. VI. Onanie-Diskussion (Dr. Steiner, Dr. Federn)

Zurück zum Werk
  • S.

    28/164


     

    P R O T O K O L L

    der

    18. S i t z u n g

    am 21.Februar 1912.

    28.









     

    VI. O N A N I E - D I S K U S S I O N

    (Dr.Steiner, Dr.Federn ).

  • S.

    -1-


     

    Dr.Steiner weist eingangs darauf hin, dass die Onanie weder ein Krank-
    heitssymptom, noch ein Symptom, sondern nur eine Betätigung, dieeine Teiler-
    scheinung der sexuellen Neurasthenie sei / über die eigentlich zu spre -
    chen wäre. Die Misslichkeiten, die sich bei Aufstellung eines onanistischen
    Typus und der daraus entspringenden Charakterologie gezeigt haben, lassen
    es tunlich erscheinen, den Begriff der Onanie möglichst weit zu fassen und
    auch die mutuelle Onanie, die frustranen Erregungen und die Pollution mit
    einzubeziehen.- Die Frage, ob die Onanie schädlich sei, ist für den Gesunde
    bei dem sie etwas physiologisch Notwendiges sei, zu verneinen. Anders beim
    Sexualneurastheniker, bei dem auf Grund eines, auf der inneren Sekretion
    beruhenden Chemismus die Sexualfunktion alteriert sei und es auch zu vor-
    zeitiger Anregung der Genitaldrüsen kommt. Ein solcher Mensch wird auch
    den Koitus nicht vertragen und wir nennen ihn mit Unrecht einen Onanisten,
    weil er die Onanie nicht verträgt, ebenso wenig wie wir den einen Raucher
    nennen werden, der das Rauchen nicht verträgt. Nicht die Onanie erzeugt die
    sexuelle Neurasthenie, sondern sie verstärkt und verschlechtert die schon
    bestehende und die von Ferenczi treffend beobachtete Eintagsneurasthenie
    ist wissenschaftlich gut fundiert.- Die Schäden der Onanie, die nicht we-
    sentlich von der geübten Methode abzuhängen scheinen, sind beim Sexualneu-
    rastheniker 1. äusserliche anatomische, 2. solche durch Beeinflussung der
    inneren Sekretion hervorgerufene, die den Gesamtorganismus betreffen (z.B./
    die neur. Obstipation etc.) Und sich auch im Bereichv des Sympathikus bemerk-
    bar machen können.- Die Therapie wird sich für diese Fälle ausser auf die
    Sondenbehandlung und Behandlung der Obstipation auch auf medikamentöse
    Behandlung (Spermin etc.) erstrecken, während die neurotischen Fälle in das
    Gebiet der Psychoanalyse fallen.

    Federn betont, es gehe nicht an die Onanie, die ein Aequivalent des Koitus
    sei, als aetiologisches Moment anzusprechen und wendet sich gegen den un-
    scharfen Gebrauch des Begriffes, der zu einer Gleichsetzung von Onanie und
    Sexualbetätigung ohne zweite Person führe. Die Ubiquität der Säuglingsona-
    nie für die nicht disponierten Kinder sei noch nicht erwiesen. Der Unter-
    schied zwischen bloss zeitweiliger Reizung und dem Akterlebnis ist ein
    solcher wo Quantität in Qualität umschlägt. In der normalen Entwicklung
    ist das, was Onanie genannt wird und eine Folge des allmählichen Reifens
    der Sexualität darstellt, unschädlich, ja es bewahrt oft das Kind vor der

  • S.

    -2-


     

    Betätigung an Perversen Zonen. Der Standpunkt in der Beurteilung der
    Schädlichkeit der Onanie hängt davon ab, wie weit sie bei dem Individu-
    um den Reiz für einige Zeit zu befriedigen imstande ist und vonder Art
    und Grad der sonstigen Verwandlungsmöglichkeit des Sexualtriebes. Je
    länger die Entspannung anhält, desto mehr ist die nützlich. Sie steigert
    das Schuldgefühl, weil sie Willenshandlungen (und ein Verstecken) voraus-
    setzt; viele Individuen werden jedoch nicht durch das Schuldgefühl sondern
    unmittelbar schwer verstimmt. Die schädliche Wirkung liegt zum grossen
    Teil in der Reaktion nach dem Akt. Die Hauptquelle des Schuldgefühls ist
    in/ der Veränderung zu suchen, welche die Psyche vor und nach dem Akt er-
    fährt; was früher so erwünscht war / ist dann für einige Zeit wertlos. Die
    asexuell gewordene Psyche lehnt den eben geschehenen Sexualakt ab, die
    verspricht sich, es nicht mehr zu erleben. Das Schuldgefühl hat diese Ab-
    lehnung zur Voraussetzung und verstärkt sich bei Misslingen der Triebun-
    terdrückung. Eine weitere Konsequenz des Schuldgefühls ist, dass sich die
    Aggressionstendenz der Sexualität unbefriedigt gegen das Subjekt kehrt.

    Friedjung, der die Säuglingsmasturbation in zahlreichen Fällen nachweisen
    konnte, meint der Einwendung vFederns gegenüber, dass auch erst zu beweisen
    wäre / diese Fälle seien pathologische. Die Phimose dürfe man nicht einsei-
    tig anschuldigen als Ursache der Reizzustände an den Genitalien der Kna-
    ben.

    Rosenstein hebt aus der Debatte 4 verschiedene Ansichten über die Onanie
    hervor und ihre Beziehung zur Neurasthenie hervor. Freud habe behauptet, die
    Neurasthenie komme von der exzessiven Onanie; für Stekel gibt es überhaupt
    keine Aktualneurose; Steiner sieht die Ursache der Neurasthenie in einem
    angeborenen Verhalten der Sexualdrüsen; Federn endlich meint, dass die Ona-
    nie an sich gewisse Störungen zur Folge habe, spricht aber auch - im Sin-
    ne Stekels - das Schuldgefühl als Ursache dieser Störungen an. - Federns
    Unterscheidung zwischen einem leicht behebbaren Schuldgefühl und einem
    tiefer sitzenden sei geeignet manches Missverständnisse und Widersprüche
    der Diskussion zu beheben. - Wenn zur Erklärung auch die unbefriedigende
    Onanie herangezogen wurde, so betreffe das bereits die in ein s anderes Ge-
    biet fallende frustrane Erregung.

    Spielrein erwähnt einen Fall, der zeigt, dass der Zusammenhang zwischen
    Obstipation und Onanie auch den ausserhalb der Psa. stehenden Aerzten ge-
    läufig ist. - Federns Ausführungen fanden die seien sehr plausibel: dass

  • S.

    -3-


     

    die Onanie von manchem ohne Schaden vertragen wird, dass die aber auch
    Neurasthenie erzeugen kann, die zu Schuldgefühl führt, welches wieder
    imstande ist Lustgefühl hervorzurufen und die Onanie zu steigern.

    Hitschmann findet Steiners Auffassung von angeborenen Stoffwechselstö-
    rungen und angeborener Neurasthenie neu, wenn auch nicht geleugnet wor-
    den ist, dass sich gewisse Organfehler beobachten lassen. Federn habe bei
    der Frage des Schuldgefühls unterlassen auszuführen, warum die Onanie un-
    befriedigend bleibt; ob nicht vielleicht eine unbefriedigende Onanie eine
    mit Schuldgefühl ausgeübte ist?

    Tausk findet in den Ausführungen Steiners einiges nicht ganz richtig. Die
    Möglichkeit der psychischen Beeinflussung weist darauf hin, dass in dieser
    Falle auch etwas mit der inneren Sekretion vorgegangen sein muss, so dass
    für uns die Frage doch nur eine Psychologische bleibt. Sehr wertvoll sei
    Federns Versuch, den psychischen Inhalt des Schuldgefühls zu bestimmen.

    Federn kann sich der Auffassung Steiners nicht anschliessen, dass mit der
    angeborenen Sexualneurasthenie die Frage der Onanie erledigt sei.

    Freud bemerkt, dass Steiner mit Recht aufmerksam gemacht habe, dass von
    den Aktualneurosen ein Zugang zur Kenntnis der somatischen Vorgänge der
    Sexualität führen muss. Besonders bedeutsam war in seinen Ausführungen
    der Hinweis auf die konstitutionellen vVeränderungen in der Reihenfolge de
    Organvorgänge, also das, was er mit Frühreife bezeichnet hat. Für die An-
    nahme seiner übrigen Ausführungen bestehen zwei Schwierigkeiten. Die eine
    prinzipielle besteht darin, dass er die Frage, warum die Onanie schadet,
    schon von vornherein erledigt hat. Die 2. Einwendung würde dahin gehen,
    dass der Sexualneurastheniker und der Normale nicht scharf geschieden
    sind. Auch spielt wie Federn mit Recht hervorhob, die vVerführung eine Rol
    le, welche die "angeborene" Neurasthenie provozieren kann. - Die Ausführun-
    gen Federns seien etwas(gedankenschwer aber) diffus gewesen. Das Schuldgefühl entsteht, wie
    auch Rank meint, ähnlich wie die Angst. Es kommt aber aus den sozialen Ge-
    fühlen und entsteht dort, wo das Kind die Sexualität bereits als eine so-
    ziale vVerpflichtung fühlt; wo der Sexualtrieb nichts von der Neigung zum
    Objekt verrät wird sich auch kein Schuldgefühl zeigen. Die sozialen Ge-
    fühle bauen sich auf aus egoistischen mit einem Zusatz von erotischen
    (es entwickelt sich auch aus der sadistischen Betätigung). Es handelt
    sich dabei um ein Stück Libido, welches frühzeitig in diesen Zusammenhan
    mit dem Ich trieb gebracht worden ist; wenn dann das beim Einzelnen zum

  • S.

    -4-


     

    Vorschein kommt, hängt von der Konstitution ab. /

    Steiner wollte neben der angeborenen Neurasthenie die ähnliche Wirkung
    der Verführung durchaus nicht bestreiten, die insofern als aetiologisches
    Moment in Betracht komme als sie eine vorzeitige innere Sekretion veran-
    lasse.

    Stekel findet den Begriff der Onanie nicht klar umschrieben. Mit Steiner
    könne er durchaus nicht übereinstimmen, ebenso wie er die Eintagsneurast-
    henie für falsch halte. Je mehr sich der Neurotiker dem Typus des Hermaph-
    roditen nähert, desto eher wird es bei ihm zu Konflikten kommen. Auch die
    Ausführungen Federns bedürfen in manchen Punkten einer Kritik; es gehe
    nicht an einen post und ante-sexuellen Zustand der Psyche zu konstitu-
    ieren. - Das Schuldbewusstsein sei von "aus aus sozial; es beziehe sich auf
    Hemmungen, die von höheren Instanzen geschaffen wurden: d.h. von der Reli-
    gion. Schuldbewusstsein entsteht dort, wo die Kinder an Gott glauben oder
    ihn fürchten.

    Prof. Freud bemerkt dazu, er habe nicht von religiösen Schuldgefühlen ge-
    sprochen, weil das Schuldbewusstsein historisch in Zeiten nachweisbar
    ist, wo von Religion noch keine Rede ist. Die Einwendung Stekels vom vori-
    gen Male, dass die Gleichsetzung von Onanie und infantiler Sexualität un-
    haltbar sei, weil die Leute nicht an der infantilen Sexualität, sondern
    an ihrer Reaktion darauf erkranken, sei selbst unhaltbar, weil sie nur die
    psa. Auffassung wiedergebe, dass von den beiden pathogenen Momenten eines
    die infantile Sexualität, das andere die Verdrängung sei.

    Tausk findet, dass mit dem sozialen Gewissen Freuds ein späteres Entwick-
    lungsstadium als primäres eingeschaltet wird. Wenn man die Eltern als vVer-
    treter der Gesellschaft nehme, könne man das ganze Schuldbewusstsein kon-
    stituieren. Das soziale Gewissen sei ein Entwicklungsstadium des kindli-
    chen Verhältnisses zu Vater und Mutter und er erblicke in dieser Er-
    setzung eines synthetischen Moments durch ein die analytischen eine Ge-
    fahr.  

    Darüber entspinnt sich eine weitläufige Diskussion, in deren vVerlauf Prof.
    Freud nochmals seine Auffassung präzisiert, dass es sich mit der Einfüh-
    rung jenes Begriffes nur um die Fixierung des konstitutionell variieren-
    den Zeitpunktes handle, in welchem sich die Sexualkomponenten mit dem
    egoistischen vereinigen. //