Rezension von: Urbantschitsch, V[ictor] ›Über den Einfluß von Trigeminusreizen auf den Tast- u. Temperatursinn der Gesichtshaut‹ 1887-243/1887

Freud, Sigmund (1887-243/1887): Rezension von: Urbantschitsch, V[ictor] ›Über den Einfluß von Trigeminusreizen auf den Tast- u. Temperatursinn der Gesichtshaut‹

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S.
Nr. 20. Centralblatt für Physiologie. 507

 

Physiologie der Sinne.

V. Urbantschitsch. Ueber den Einfluss von Trigeminusreizen auf den Tast-
u Temperatursinn der Gesichtshaut (Pflüger’s Arch. XLI, 1887, S. 46).

Bei Personen, welche an Erkrankungen des Mittelohres leiden,
beobachtet man auffallend häufig (in mehr als der Hälfte der zur
Untersuchung unter allen Cautelen brauchbaren Fälle) eine Verände-
rung in der Empfindlichkeit der Gesichtshaut auf der Seite der Ohr-
erkrankung. Diese Veränderung besteht häufiger in einer Herabsetzung,
seltener in einer Steigerung der Empfindlichkeit im Vergleich mit der
gesunden Seite, erstreckt sich auf die Tast-, Druck- und Temperatur-
empfindung, zeigt sich am deutlichsten an der äusseren Haut des
Ohres selbst, ferner an Wange, Stirn und Unterkiefer und wird gegen
die Medianlinie hin geringfügig. Während der Behandlung oder nach
Heilung des Mittelohrleidens macht die veränderte Empfindlichkeit
der normalen Platz, und zwar geschieht diese Wiederherstellung von
der Medianlinie her gegen die Ohrgegend hin. Die Sensibilitäts-
schwankungen der einzelnen afficirten Hautstellen können sich un-
abhängig von den Veränderungen der Empfindlichkeit an ihnen nahe
gelegenen Stellen vollziehen. Bei Prüfung der Druckempfindlichkeit
erwies es sich U. als zweckmässig, auf die taktilen Nachempfindungen
zu achten, welche als primäre oder als secundäre auftreten und bei
Ohrenleiden gleichfalls Unterschiede vom normalen Verhalten zeigen.
Die Prüfung auf Temperaturempfindlichkeit stellte U. in der Weise
an, dass er bestimmte, bei welcher Temperatur das zur Prüfung auf
die Haut aufgesetzte Instrument nicht mehr die Empfindung des
Lauen und noch nicht die des Kühlen hervorrief. Der Unterschied in
der Temperaturempfindung beider Seiten zeigte sich dabei abhängig
von den zur Prüfung verwendeten Temperaturgraden. Der Autor
schliesst aus seinen ausführlich mitgetheilten Beobachtungen, dass
entzündliche Vorgänge im Mittelohr den Tast- und Temperatursinn
der Haut erheblich zu beeinflussen vermögen. Dies erfolge auf dem
Wege des Reflexes vom Trigeminus aus auf die Tast- und Temperatur-
centren. (Richtiger wäre es zu sagen, auf dem Wege der „Bahnung
und Hemmung“, denn die Bezeichnung „Reflex“ ist für eine Wechsel-
wirkung zwischen centrifugalen und centripetalen Bahnen zu reserviren.)
Reizungen der sensiblen Mittelohrnerven durch Lufteintreibung, Ein-
führung von Bougies in das Mittelohr etc. ergeben auch stets eine
flüchtige Steigerung in der Empfindlichkeit der vorher minder empfind-
lichen Gesichtshaut der afficirten Seite. Sigm. Freud (Wien).