S.
Vortrag am 16. IV. 1919.
Anwesend: Prof. Dr. S. Freud, Dr. Sadger, Dr. Tausk, Dr. Win-
terstein, Dr. Hitschmann, Dr. Hug-Hellmuth, Dr. Kaplan, Dr. Fe-
dern, Dr. Rank, Dr. Reik, Frau Dr. Deutsch, Dr. Fokschaner, Dr. Weiss,
H. Fenichel
Diskussionsabend am 30/IV. 1919.
Dr. Tausk hält sein Referat: „Fragestellungen aus der psycho-
analytischen Technik.“
Bespricht seine eigene Einführung in die Psychoanalyse. Die Tech-
nik der Analyse sollte mehr zum Gegenstand der Be-
sprechung. Macht Vorschlag, die Zwischenmittwoche nur
mit technischen Fragen bei Zusammenkünften auszufül-
len.Dr. Rank gibt EinDiejenigen Fragen, welche nicht erle-
digt worden sind, soll Prof. Freud vorgelegt werden.
Prof. Freud erklärt den Vorschlag für gut; das Unterrichten
in der Psychoanalyse ist ein Beruf für sich. Herrn Dr. Tausk
gebührt für diese Anregung uneingeschränkter Dank. –
Viele Abfallsbewegungen wären nie zustandegekommen,
wenn die Betreffendendadie Analyse gelernt hätten.Dr. Winterstein rät denDr. Tausk fordert Anstän-
digkeit,undehrliche Aufrichtigkeit in der Behandlung von Kom-
plexen unter Kollegen. Kein Getroffener darf antworten,
nur die Kollegen dürfen über diese Komplexe spre-
chen.
I. Fall ist durch pädagogische Mischung interessant; ein
15jähriger Junge, Gratisfall, hat seit ca 1 ½ Jahren keine
Schule besucht; ohrfeigt seine alte Tante, mißhandelt
Bruder, tritt gegen Vater renitent auf. Gegen Mutter
ambivalent. Analyse: arbeitet seit 1 ½ Monate, geht in
die Schule, ein manischer Arbeitszustand. Das häusliche
Milieu schlecht. Vater mittelmäßiger Mann, die MutterS.
überspannt, hat eine Art Geistigkeit. Der Junge
einer der begabtesten Menschen, die ich kenne, erfin-
derisch, sehr reif – also ein Mensch mit unge-
wöhnlichen Geistesgaben. Erst devot dann in der
Analyse herausfordernd und beleidigend. 1. Frage:
darf man in solchen Fällenfürden Patienten in sei-
ne Grenzen zurückweisen. Diese pädagogische Frage ist
therapeutisch interessant. Nach diesen Szenen stellt
sich negativer Widerstand ein. Seine Träume sadistisch
homosexuell. Bricht nach turbulenten Szenen turbu-
lent. Zuerst war er homosexuell, dann trat eine maso-
chistische Periode /ein/. Zum Tode, zum Weibe führt die
Onanie. Sollerder Analytiker dem Patienten den
Ersatz geben oder nicht, soll er ihm die Versagung
bieten oder nicht.
Dr. Federn: Hat der Kranke ein Schamgefühl
Dr. Tausk: Ja, sein Schamgefühl ist Ehrgeiz.
Dr. Federnmachtder Fall macht den Eindruck ei-
ner moral insanity, glaubt, der Fall dürfe nicht
analytisch sondern anders behandelt werden.
Dr. Hitschmann glaubt man müsse Stunden oder
Viertelstunden finden, wo der Patient analysierbar
ist.
Frau Dr. Deutsch: das Verhalten ist aus Übertragung
zu erklären, man muß sich ihr gegenüber wie einer
zärtlichen Übertragung benehmen.
Frau Dr. Deutsch meint, das Kind wolle seine Über-
legenheit beweisen.S.
Prof. Freud:
Ein Kverweist auf 2 Arbeiten „Ein Kind
wird geschlagen“ und anderes beschäftigt sich mit Wie-
derholungszwang. Ist möglich, daß in diesem Fall
sich die Psychoanalyse als die schwächereauf
erweist. Auf Diagnose kommt es nicht an. Die Arbeits-
hemmung gibt den Schlüssel zum Fall: der Arzt
hat sich durch Protokollschreiben Blöße gegeben, hat
Arbeitshemmung aufgegeben, um die Überlegenheit zu
zeigen. Diese Erscheinungen finden sich in den Fällen,
wo Söhne sich weit über Väter erhoben haben. Wenn
es zur Reaktion kommt,kommtkommt die Arbeits-
hemmung („Du bist gerade ein so armseliger Mensch
wie dein Vater“). Die ungehemmte Auslebung darf
man nicht gestatten. Stellungnahmen; keine Affektspur
zeigen. Man darf ihm nicht zeigen; daß man in Af-
fekt kommt. Man muß aus gegenwärtigen Situa-
tion den Rückweg finden. Das Benehmen dieser
Jungen stammt aus Vaterkomplex: Warum benimmt
er sich gegen Vater so? Phantasie: vom Vater geschlagen
zu werden. Der Masochismus der Männer ist eine Art
der Erledigung der Homosexualität. Die Phantasie vom
Vater geschlagen zu werden, hat vom Vorstufe geliebt
zu werden. Dazu kommt das Schuldbewußtsein hinzu
und verkehrt sich zu: vom Vater geschlagen zu werden.
Muß von Gegenliebe des Vaters überzeugt sein und dann
sich mit Vater identifiziert (Größenwahn). Hat Grund
zu Identifikation gelegt. Darf sich so lieben, wie Vater
ihn geliebt hat. Verdrängt homosexuelle Liebe. Heißt:
sind voll von Zärtlichkeit für ihn.S.
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Sitzung am 16. April 1919
1919-508/1919
1919-508/1919