S.
Sitzungam 2. II. 1919. Protokoll der Sitzung der Wiener Psychoanalytischen
Vereinigung am 2. Februar 1919.anwesend: Prof.
TFedernFreud, Dr. Reik, Dr. Rank, Dr. Friedjung,
Dr. Tausk, Dr. Federn, FrauDrSokolnicka, Dr. Weiss, med. Fenichel,
Dr. Jekels, Doz. Dr. Pötzl,DrFrau Dozent Pötzl,DrFrau Dr. Deutsch,
Frau Dr. Hug-Hellmuth, Dr. Nepallek, Frau Dr. Federn, Dr. Hitschmann,
Dr. Winterstein, Dr. Fokschaner, Dr. Nunberg.Dr. Tausk teilt mit, daß am 3. II. sein Kurs über Psychoanalyse be-
ginnt. (im kleinen Hörsaal der psych. Klinik Wagner-Jauregg.)Prof. Freud:Prof. Dr. Freud mahnt an Schriften und Broschüren,
die bei verschiedenenderHerren zum Referat lagern.Dr. Rank teilt mit, daß heute in Holland
heuteJahresversamm-
lung der Psychoanalytiker stattfindet. Datum der nächsten Sitzung:
in 3 Wochen. Programm: Fokschaner, Analyse eines Falles von ParanoiaDr. Tausk hält einen Vortrag „Kriegsneurosen und -psychosen“.
Er verweist auf die im Krieg zum Vorschein gekommenen Theorien der Pa.
der Pa. Als die beste Schrift darüber ist die von Simmel anzusehen.
Kritisiert die Ausführungen Dr. Ferenczis als wenig glücklich, ver-
weist in Abrahams Referat ein Bild des Kriegsneurotikers, ver-
weist auf seinen Vortrag über den Deserteur, in dem der Ein-
druck, unter dem Kriegsneurotiker erkranken, geschildert.
Gewisse Dinge bleiben nur historisch zu verstehen. In welcher
Zustand befindet sich derjenige, der der Kriegsaus Aufgabe
nichtmehrbewältigen kann. Ferner: in welcher Zustand be-
fanden sich gewisse Kulturschichten und Völker bei
Kriegsausbruch? Dazu ist eine Pa Kriegsvölkerpsychologie
notwendig. Man müßte die Völker mit Einzelfamilien
vergleichen, um ihre Psyche zu verstehen: F. beschränkt
sich auf Vergleich antiker und gegenwärtiger Kriegsfüh-
rung: charakteristisch ein Gegensatz: im antiken Krieg ver-
trittEinzelschedas Ganze, sua re agitur, Erziehung dazu ge-
führt, Einzelne konnte seine persönliche Affekte anbringen
auch bei Söldnerkriegen. Es kam mehr auf die Qualität des
Einzelnen an, es gab sichtbare Ziele, geringere Spannungsgren-
zen, da nur beschränkte Entbehrungen da waren: Leis-S.
tung war eine persönliche. Auch Niederlage war persönlich
zu ertragen: war mehr ein Unglück. Da Sexualität noch
mehr dem Individuum folgte als heute, das Schuldgefühl
hatte verständliche Symptome. (Donner, Blitz), es war kein so
großer Gegensatz zwischenKind- und Erwachsenen. Einzelne
hatte ein großes durch Identifikation des Kindes entstan-
denes Ich. Die sozialen Umwälzungen späterer Zeit hatte
eine zu weit gehende Verdrängung der Sexualtriebe und
der Isolierung des Erwerbslebens von Affektleben. Statt Iden-
tifikationsmechanismus tritt Projektion ein: Sorge ist Haupt-
moment. Amnesiegrenze für Völker vorhanden jener ähnlich
bei Einzelnen, Ich wird durch nicht abführbare Libido über-
setzt.Hat dieExistenz hat Charakter des Abgespeistwerdens. In dieser
Phase kam Weltkrieg, entwurzelt das Ich. Erwachsene wurden zu
Buben gemacht,hat sichUnterwerfungssymbolik zu unter-
werfen. es hatte bisher Partei, Genossenschaft gegeben, kein Vaterland.
Der Gegensatz zu den Bessergestellten im Krieg dem Befehlenden die
das stechen, was sie befehlen und dem die Anderen gehorchen
sollen. Den Neurotikern gelingt es, das Ich aufzugeben. Durchgängige
Moment aller Neurosen außer Schütteltremores ist dieses. Der alte
Soldat war jemand, führte selbst Krieg; heute führte ein Unbe-
kannter den Krieg, alles war unsichtbar. Keine Beziehung zwi-erhenEinzelleben und Dunkelheit der Macht. Die Neurosen wa-
ren Gefängnisneurosen = und Psychosen da das Ichentwur-
zelt war: T. hat keinen neurotischen Offizier über Hauptmann
gesehen. Kein Schütteltremor hier bei jemanden, der mehr als
Leutnant war: die Geprügelten werden krank, die Prüglerwerden krankbleiben gesund. Neurosen des Krieges sind we-
sentlich Wehrlosigkeitsneurosen z. B. im Gefangenenlager. Große
Rolle spielt die Beziehung zum Hinterland: für jeden Einzelnen
Diese ganze Konstellation auf die Stellung des Vaters zum Sohn
zurückgeführt: der Vaters, der sonst will, daß der Sohn etwas
will, verlangt jetzt Ehrlosigkeit. Verstimmungszustände kom-
men oft daher, daß Mann beim Urlaub die Frau untreu gewor-
den oder nicht mehr geliebt wird. Typischer WerdegangS.
der Konversionshysterie wurde im Ganzen richtig festgestellt z. B.
von Ferenczi, Simmel. Großer Teil von Schütteltremor nicht von
Schocks, sondern von Erkältungen stammend. Seiner Ätio-
logie ist Schütteltremor noch ungeklärt: der Krieg trägt nichts
dazu bei. Mutismus oft unterdrückter Schrei- hiererzählt
den Fall einer hysterischen Lähmung, die später in eine Art
Melancholie mündete: ein Beispiel einer ich gegen sich wü-
tenden Auflehnung, hartnäckiger Trotz. Angstparanoia macht
Eindruck einer nicht verwirrten Melancholie, Angst beherrscht
Bild, einer Alkoholhalluzinose vergleichbar. Erstes Symptom Verstimmung-
fen : als Zurückziehung der Libido von Außenwelt. oft dazu Al-
kohol benützt: oft dabei objektloser Sexualreiz, hier oft lueti-
sche Infektion, da Stück Narzissismus und Selbstschutz fehlt.
Die Verarmung hat Grenze im Gefühl der Zwecklosigkeit dieser Ex-
istenzform, zugleich als Versuch zurZuSelbstheilung. Nach die-
sem Versuch, sich zu besinnen, oft Arbeitslähmung ; auch Schlaf-
losigkeit vollkommen. Nachher tritt akute Angstparanoia ein.
Bei Arbeitslosigkeit oft Urlaub gegeben oder in Etappenanstalt.
Während Urlaubes Impotenz, keine Liebe zu Familie. Habensie
sich nur unter Männern wohlgefühlt. Nach Einrücken oder vorher
bekommen akute Psychose: Desertionen oft Flucht vor Krankheit.
Akute Angstparanoien heißt „ich bin ein Hochverräter“. Oft
weite Regressionen bemerkbar: weitgehende Infantilismen,
(Beispiele), benehmen sich wie Beispiele, verlieren 3. Dimension.
Schluß-Satz: Kriegsneurosen Inhalt: Erwachsenen, deren Sorge ihr
Erwachsenseinmachen, hat zum Kind gemacht. diesen Inhalt der
Ichbeziehung darf man ihm nicht wegnehmen. Man darf Menschen
nicht um Zweck ihrer Arbeit bringen.
Diskussion: Dr. Fokschaner als Ätiologie der Paranoia: die Urlaubsver-
weigerung. Verfolgungsbeziehung des Paranoikers und Eifersucht.
Dr. Reik: Man muß die eigentliche Ätiologie von sekundären
Krankheitsgewinn in der Etappe unterscheiden.
Dr. Weiss bestätigt Erfahrungen Dr. Tausks, hat viele Neurosen de bei
Offizieren gesehen, hat Eindruck, daß Zwischenspruch zwischen
Anforderungen des Milieus und den Persönlichkeiten. Fall eines
Bauerns, der neurotisch wurde, als man ihm Arbeit die ihmS.
gewohnt war. Bestätigt, daß Mutismus unterdrückten
Schrei darstelle.Dr. Federn: Regression eines Kranken, der die „3. Dimension“
verloren hat, hat 3. nicht verloren, sondern unterscheidet
nicht zwischen Eigenschaft eines Gegenstandes und diesem
selbst Bei Dementia praecox ähnlicher Fall. Federn hat
wenig Fälle von Neurosen bei Offizieren gesehen. Das Wesen
der Neurose an Front ist eben: es gibt kein Herauskom-
men. In ersterFallJahr oft Krieg als Befreiung begrüßt.
Grund der Schlaflosigkeit: Furcht vorsTräumen, vor
Überwuchern des Unbewußten, drängt wieder zu Ausbruch
der Psychose bei.Doz. Pötzl: hat wenig Stabsoffiziere als Neurotiker gesehen.
Akute Angstparanoia im Garnisonsspital so wie Dr. Tausk sie
schildert gesehen. Schlaflosigkeit: auch bei Morphinisten Li-
bido entzogen wird.Dr. Hitschmann: Anschluß an Arbeiten von Abraham fehlt es
Tausk nicht. Er meint, man solle persönliche Disposition
mehr berücksichtigt werden. Ein Fall von Schütteltremor bei
einem jungen Mann, wo unterdrückte Abwehr den Anlaß
bildete.Dr. Federn erwähnt, Schütteltremor schon vor Krieg ausgebreitet,
besonders in Amerika. verweist auf Schriften von Erben.Prof. Freud: Schütteln oft Wutanfall, durch Angst modifiziert.
Diese abMischung Angst + Wut. Zu Dr. Tausk: Indignatio
macht Vers. Wir alle hatten Gefühl, Kriegsneurotiker sind
Kriegsprotestler, Pazifisten, nur bei Volksheer möglich.
Zum 2. TeilstScharfe Teilung von Konversionshysterie und
anderen Formen der Neurose können aufgehoben werden.
Nur Vermutung, da kein Fall von Kriegsneurose behandelt.
Versuch, diese Neurose in Zusammenhang der Theorie einzu-
ordnen. 1.) Bild der Kriegsneurose durch Unfalls- oder Trau-
matischen Neurose bereits bekannt. 2.) unverkennbar, haben
durch Krieg neues Motiv bekommen. Der typische Fall ist, daß
man vor Lebensgefahr oder nachherdazueintritt. 1.) Was istS.
traumatische Neurose? Ist narzißtische Neurose, handelt sich um
Verhältnis von Angst u. Schreck. Durch Angst ist auf Schre-
ken vorbereitet, kann ihn verarbeiten. Angst schützt vor trau-
matischen Neurose. Nur wo diese Vorbereitung fehlt, kommt
es zu traumatischen Neurose. Theoretisch: der nervöse Apparat
hat Reizschutz gegen Außenwelt, Reize sind nicht krankma-
chend, solange Reizschutz sie abzuwehren vermag (vgl. Schmerz)
Bei Kriegsneurose: große Reizwirkung tritt an Apparat heran, ohne
bewältigt zu werden. Rein ökonomisches Prinzip der Reizüberwäl-
tigung, auch bei Verdrängungen kommt in Betracht. Hinter
Kriegsneurose traumatische Neurose. 2.) Wie kommen spezifische
Charaktere d. Kriegsneurose zustande? auf Rechnung des Krie-
ges: Melancholie ist Ichkonflikt, das aufgegebene Objekt wird
ins Ich zurückgeworfen, bildet dort Formation. Also Konflikt
zwischen zwei Ichs, von denen das eine da eine Objekt ist, da-
durch wird er pathogen. Bei Kriegsneurose auch besetzung
ein Ichkonflikt: handelt sich um Konflikt zwischen neuen Ich
und alten Ich. Abraham z. B. hob hervor, daß es sich um Menschen
handelt, die nicht töten wollen. Gegen altes Ichideal wird neues
Ich aufgedrängt, ein latenter Konflikt und bei Gelegenheit
wird er akut. Das alte Ich läßt sich viel gefallen, da neue
Ich durch Vaterland, Treue etc. Das neue Ich ist wesentlichen
homosexuelle Sublimierung (Vater), beruht auf Objektbeset-
zungen, weniger Narzissmus. Eine Gelegenheit durch Merken
des alten Ich, daß das neue Ich es überwältigt: jetzt verweigert
es Dienste. Damit Trauma gegeben: das neue Ich kann Erre-
gungen nicht mehr bewältigen, da alte Ich seinen Anteil an
Reizbewältigung nicht mehr auf sich nimmt. Damit ist
Zusammenhang gegeben.Dr. Federn: wie ist dann Schreckneurose zu erklären, wenn
keinIch2. Ich gebildet ist.Prof. Freud: eben durch
ReizMangel an Reizbewältigung.
Traumatische Neurosen sind Schreckneurosen. Die ersten
Verdrängungen sind quantitative Versagungen, weil das
Ich nicht den Libidoansturm bewältigen kann, also ein
traumatisches Ereignis.S.
You are here
Sitzung am 2. Februar 1919
1919-503/1919
1919-503/1919