Sitzung am 2. Februar 1919 1919-503/1919

Reik, Theodor (1919-503/1919): Sitzung am 2. Februar 1919

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  • S.

    Sitzung am 2. II. 1919.  Protokoll der Sitzung der Wiener Psychoanalytischen
                                            Vereinigung am 2. Februar 1919.

    anwesend: Prof. T Federn Freud, Dr. Reik, Dr. Rank, Dr. Friedjung,
    Dr. Tausk, Dr. Federn, Frau Dr Sokolnicka, Dr. Weiss, med. Fenichel,
    Dr. Jekels, Doz. Dr. Pötzl, Dr Frau Dozent Pötzl, Dr Frau Dr. Deutsch,
    Frau Dr. Hug-Hellmuth, Dr. Nepallek, Frau Dr. Federn, Dr. Hitschmann,
    Dr. Winterstein, Dr. Fokschaner, Dr. Nunberg.

          Dr. Tausk teilt mit, daß am 3. II. sein Kurs über Psychoanalyse be-
    ginnt. (im kleinen Hörsaal der psych. Klinik Wagner-Jauregg.)

          Prof. Freud: Prof. Dr. Freud mahnt an Schriften und Broschüren,
    die bei verschiedenen der Herren zum Referat lagern.

          Dr. Rank teilt mit, daß heute in Holland heute Jahresversamm-
    lung der Psychoanalytiker stattfindet. Datum der nächsten Sitzung:
    in 3 Wochen. Programm: Fokschaner, Analyse eines Falles von Paranoia

          Dr. Tausk hält einen Vortrag „Kriegsneurosen und -psychosen“.
    Er verweist auf die im Krieg zum Vorschein gekommenen Theorien der Pa.
    der Pa. Als die beste Schrift darüber ist die von Simmel anzusehen.
    Kritisiert die Ausführungen Dr. Ferenczis als wenig glücklich, ver-
    weist in Abrahams Referat ein Bild des Kriegsneurotikers, ver-
    weist auf seinen Vortrag über den Deserteur, in dem der Ein-
    druck, unter dem Kriegsneurotiker erkranken, geschildert.
    Gewisse Dinge bleiben nur historisch zu verstehen. In welcher
    Zustand befindet sich derjenige, der der Kriegsaus Aufgabe
    nicht mehr bewältigen kann. Ferner: in welcher Zustand be-
    fanden sich gewisse Kulturschichten und Völker bei 
    Kriegsausbruch? Dazu ist eine Pa Kriegsvölkerpsychologie
    notwendig. Man müßte die Völker mit Einzelfamilien 
    vergleichen, um ihre Psyche zu verstehen: F. beschränkt 
    sich auf Vergleich antiker und gegenwärtiger Kriegsfüh-
    rung: charakteristisch ein Gegensatz: im antiken Krieg ver-
    tritt Einzelsche das Ganze, sua re agitur, Erziehung dazu ge-
    führt, Einzelne konnte seine persönliche Affekte anbringen
    auch bei Söldnerkriegen. Es kam mehr auf die Qualität des 
    Einzelnen an, es gab sichtbare Ziele, geringere Spannungsgren-
    zen, da nur beschränkte Entbehrungen da waren: Leis-

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    tung war eine persönliche. Auch Niederlage war persönlich
    zu ertragen: war mehr ein Unglück. Da Sexualität noch 
    mehr dem Individuum folgte als heute, das Schuldgefühl
    hatte verständliche Symptome. (Donner, Blitz), es war kein so
    großer Gegensatz zwischen   Kind- und Erwachsenen. Einzelne 
    hatte ein großes durch Identifikation des Kindes entstan-
    denes Ich. Die sozialen Umwälzungen späterer Zeit hatte
    eine zu weit gehende Verdrängung der Sexualtriebe und 
    der Isolierung des Erwerbslebens von Affektleben. Statt Iden-
    tifikationsmechanismus tritt Projektion ein: Sorge ist Haupt-
    moment. Amnesiegrenze für Völker vorhanden jener ähnlich 
    bei Einzelnen, Ich wird durch nicht abführbare Libido über-
    setzt. Hat die Existenz hat Charakter des Abgespeistwerdens. In dieser
    Phase kam Weltkrieg, entwurzelt das Ich. Erwachsene wurden zu 
    Buben gemacht, hat sich Unterwerfungssymbolik zu unter-
    werfen. es hatte bisher Partei, Genossenschaft gegeben, kein Vaterland.
    Der Gegensatz zu den Bessergestellten im Krieg dem Befehlenden die
    das stechen, was sie befehlen und dem die Anderen gehorchen 
    sollen. Den Neurotikern gelingt es, das Ich aufzugeben. Durchgängige
    Moment aller Neurosen außer Schütteltremores ist dieses. Der alte
    Soldat war jemand, führte selbst Krieg; heute führte ein Unbe-
    kannter den Krieg, alles war unsichtbar. Keine Beziehung zwi-
    erhen Einzelleben und Dunkelheit der Macht. Die Neurosen wa-
    ren Gefängnisneurosen = und Psychosen da das Ich entwur-
    zelt war: T. hat keinen neurotischen Offizier über Hauptmann 
    gesehen. Kein Schütteltremor hier bei jemanden, der mehr als 
    Leutnant war: die Geprügelten werden krank, die Prügler 
    werden krank bleiben gesund. Neurosen des Krieges sind we-
    sentlich Wehrlosigkeitsneurosen z. B. im Gefangenenlager. Große
    Rolle spielt die Beziehung zum Hinterland: für jeden Einzelnen 
    Diese ganze Konstellation auf die Stellung des Vaters zum Sohn 
    zurückgeführt: der Vaters, der sonst will, daß der Sohn etwas 
    will, verlangt jetzt Ehrlosigkeit. Verstimmungszustände kom-
    men oft daher, daß Mann beim Urlaub die Frau untreu gewor-
    den oder nicht mehr geliebt wird. Typischer Werdegang

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    der Konversionshysterie wurde im Ganzen richtig festgestellt z. B. 
    von Ferenczi, Simmel. Großer Teil von Schütteltremor nicht von 
    Schocks, sondern von Erkältungen stammend. Seiner Ätio-
    logie ist Schütteltremor noch ungeklärt: der Krieg trägt nichts 
    dazu bei. Mutismus oft unterdrückter Schrei - hier erzählt 
    den Fall einer hysterischen Lähmung, die später in eine Art 
    Melancholie mündete: ein Beispiel einer ich gegen sich wü-
    tenden Auflehnung, hartnäckiger Trotz. Angstparanoia macht 
    Eindruck einer nicht verwirrten Melancholie, Angst beherrscht 
    Bild, einer Alkoholhalluzinose vergleichbar. Erstes Symptom Verstimmung-
    fen : als Zurückziehung der Libido von Außenwelt. oft dazu Al-
    kohol benützt: oft dabei objektloser Sexualreiz, hier oft lueti-
    sche Infektion, da Stück Narzissismus und Selbstschutz fehlt.
    Die Verarmung hat Grenze im Gefühl der Zwecklosigkeit dieser Ex-
    istenzform, zugleich als Versuch zur Zu Selbstheilung. Nach die-
    sem Versuch, sich zu besinnen, oft Arbeitslähmung ; auch Schlaf-
    losigkeit vollkommen. Nachher tritt akute Angstparanoia ein.
    Bei Arbeitslosigkeit oft Urlaub gegeben oder in Etappenanstalt.
    Während Urlaubes Impotenz, keine Liebe zu Familie. Haben sie
    sich nur unter Männern wohlgefühlt. Nach Einrücken oder vorher 
    bekommen akute Psychose: Desertionen oft Flucht vor Krankheit.
    Akute Angstparanoien heißt „ich bin ein Hochverräter“. Oft 
    weite Regressionen bemerkbar: weitgehende Infantilismen,
    (Beispiele), benehmen sich wie Beispiele, verlieren 3. Dimension.
    Schluß-Satz: Kriegsneurosen Inhalt: Erwachsenen, deren Sorge ihr 
    Erwachsenseinmachen, hat zum Kind gemacht. diesen Inhalt der 
    Ichbeziehung darf man ihm nicht wegnehmen. Man darf Menschen 
    nicht um Zweck ihrer Arbeit bringen. 
    Diskussion: Dr. Fokschaner als Ätiologie der Paranoia: die Urlaubsver-
    weigerung. Verfolgungsbeziehung des Paranoikers und Eifersucht.
    Dr. Reik: Man muß die eigentliche Ätiologie von sekundären 
    Krankheitsgewinn in der Etappe unterscheiden.
    Dr. Weiss bestätigt Erfahrungen Dr. Tausks, hat viele Neurosen de bei
    Offizieren gesehen, hat Eindruck, daß Zwischenspruch zwischen
    Anforderungen des Milieus und den Persönlichkeiten. Fall eines 
    Bauerns, der neurotisch wurde, als man ihm Arbeit die ihm

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    gewohnt war. Bestätigt, daß Mutismus unterdrückten
          Schrei darstelle.

    Dr. Federn: Regression eines Kranken, der die „3. Dimension“ 
    verloren hat, hat 3. nicht verloren, sondern unterscheidet
    nicht zwischen Eigenschaft eines Gegenstandes und diesem 
    selbst Bei Dementia praecox ähnlicher Fall. Federn hat 
    wenig Fälle von Neurosen bei Offizieren gesehen. Das Wesen 
    der Neurose an Front ist eben: es gibt kein Herauskom-
    men. In erster Fall Jahr oft Krieg als Befreiung begrüßt. 
    Grund der Schlaflosigkeit: Furcht vor s Träumen, vor 
    Überwuchern des Unbewußten, drängt wieder zu Ausbruch 
    der Psychose bei.

    Doz. Pötzl: hat wenig Stabsoffiziere als Neurotiker gesehen.
    Akute Angstparanoia im Garnisonsspital so wie Dr. Tausk sie 
    schildert gesehen. Schlaflosigkeit: auch bei Morphinisten Li-
    bido entzogen wird.

    Dr. Hitschmann: Anschluß an Arbeiten von Abraham fehlt es 
    Tausk nicht. Er meint, man solle persönliche Disposition 
    mehr berücksichtigt werden. Ein Fall von Schütteltremor bei 
    einem jungen Mann, wo unterdrückte Abwehr den Anlaß 
    bildete.

    Dr. Federn erwähnt, Schütteltremor schon vor Krieg ausgebreitet,
    besonders in Amerika. verweist auf Schriften von Erben.

    Prof. Freud: Schütteln oft Wutanfall, durch Angst modifiziert. 
    Diese ab Mischung Angst + Wut. Zu Dr. Tausk: Indignatio 
    macht Vers. Wir alle hatten Gefühl, Kriegsneurotiker sind 
    Kriegsprotestler, Pazifisten, nur bei Volksheer möglich.
    Zum 2. Teil st Scharfe Teilung von Konversionshysterie und 
    anderen Formen der Neurose können aufgehoben werden. 
    Nur Vermutung, da kein Fall von Kriegsneurose behandelt.
    Versuch, diese Neurose in Zusammenhang der Theorie einzu-
    ordnen. 1.) Bild der Kriegsneurose durch Unfalls- oder Trau-
    matischen Neurose bereits bekannt. 2.) unverkennbar, haben 
    durch Krieg neues Motiv bekommen. Der typische Fall ist, daß 
    man vor Lebensgefahr oder nachher dazu eintritt. 1.) Was ist

  • S.

    traumatische Neurose? Ist narzißtische Neurose, handelt sich um 
    Verhältnis von Angst u. Schreck. Durch Angst ist auf Schre-
    ken vorbereitet, kann ihn verarbeiten. Angst schützt vor trau-
    matischen Neurose. Nur wo diese Vorbereitung fehlt, kommt 
    es zu traumatischen Neurose. Theoretisch: der nervöse Apparat 
    hat Reizschutz gegen Außenwelt, Reize sind nicht krankma-
    chend, solange Reizschutz sie abzuwehren vermag (vgl. Schmerz)
    Bei Kriegsneurose: große Reizwirkung tritt an Apparat heran, ohne 
    bewältigt zu werden. Rein ökonomisches Prinzip der Reizüberwäl-
    tigung, auch bei Verdrängungen kommt in Betracht. Hinter 
    Kriegsneurose traumatische Neurose. 2.) Wie kommen spezifische 
    Charaktere d. Kriegsneurose zustande? auf Rechnung des Krie-
    ges: Melancholie ist Ichkonflikt, das aufgegebene Objekt wird 
    ins Ich zurückgeworfen, bildet dort Formation. Also Konflikt 
    zwischen zwei Ichs, von denen das eine da eine Objekt ist, da-
    durch wird er pathogen. Bei Kriegsneurose auch besetzung
    ein Ichkonflikt: handelt sich um Konflikt zwischen neuen Ich 
    und alten Ich. Abraham z. B. hob hervor, daß es sich um Menschen 
    handelt, die nicht töten wollen. Gegen altes Ichideal wird neues 
    Ich aufgedrängt, ein latenter Konflikt und bei Gelegenheit 
    wird er akut. Das alte Ich läßt sich viel gefallen, da neue 
    Ich durch Vaterland, Treue etc. Das neue Ich ist wesentlichen 
    homosexuelle Sublimierung (Vater), beruht auf Objektbeset-
    zungen, weniger Narzissmus. Eine Gelegenheit durch Merken 
    des alten Ich, daß das neue Ich es überwältigt: jetzt verweigert 
    es Dienste. Damit Trauma gegeben: das neue Ich kann Erre-
    gungen nicht mehr bewältigen, da alte Ich seinen Anteil an 
    Reizbewältigung nicht mehr auf sich nimmt. Damit ist 
    Zusammenhang gegeben.

    Dr. Federn: wie ist dann Schreckneurose zu erklären, wenn 
      kein Ich 2. Ich gebildet ist.

    Prof. Freud: eben durch Reiz Mangel an Reizbewältigung.
    Traumatische Neurosen sind Schreckneurosen. Die ersten 
    Verdrängungen sind quantitative Versagungen, weil das 
    Ich nicht den Libidoansturm bewältigen kann, also ein 
    traumatisches Ereignis.