Ueber Coca 1884-004/1884

Freud, Sigmund (1884-004/1884): Ueber Coca

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    Ueber Coca.

    Von Dr. S i g m . F r e u d,

    Secundararzt im k. k. Allgemeinen Krankenhause in Wien

    I. Die Cocapflanze.

    Die Cocapflanze, Erythroxylon Coca, ist ein 4–6 Fuss hoher, unserem
    Schwarzdorn ähnlicher Strauch, der in Südamerika, insbesondere in Peru
    und Bolivia, in grossem Umfange angebaut wird. Er gedeiht am besten in den
    warmen Thälern am Ostabhange der Andes, 5000–6000 engl. Fuss über
    dem Meeresspiegel, in einem regenreichen, von Temperaturextremen freien
    Klima.1 Die Blätter, welche etwa 10 Millionen Menschen als unentbehrliches
    Genussmittel dienen,2 sind „eirund, 5–6 Ctm. lang, gestielt, ganzrandig, bereift,
    durch zwei besonders an der unteren Fläche hervortretende, linienförmige
    Falten ausgezeichnet, welche, Seitennerven gleichend, vom Blattgrunde
    bis in die Blattspitze im flachen Bogen den Mediannerven begleiten“.3 Der
    Strauch trägt kleine weisse Blüthen zu 2 und 3 in seitlichen Büscheln und
    eiförmige rothe Früchte. Er wird entweder durch Samen oder durch Stecklinge
    gepflanzt; die jungen Pflanzen werden nach einem Jahr versetzt und geben
    nach 18 Monaten die erste Blätterernte. Die Blätter werden als reif angesehen,
    wenn sie so steif geworden sind, dass ihre Stengel bei Berührung abbrechen.
    Sie werden dann rasch an der Sonne oder mit Hilfe des Feuers getrocknet
    und für den Transport in Säcke (cestos) genäht. Ein Cocastrauch gibt unter
    günstigen Verhältnissen 4–5 Blätterernten jährlich und bleibt 30–40 Jahre
    ertragsfähig. Bei der grossen Production (angeblich 30 Millionen Pfund
    jährlich) sind die Cocablätter für jene Länder ein wichtiges Handels- und
    Steuerobject.4

    1 O. R . M a r k h a m , Peruvian Barks. London 1880.

    2 Nach B i b r a ’s Schätzung: Die narkotischen Genussmittel. 1855.

    3 Diese Beschreibung verdanke ich Herrn Prof. V o g l in Wien, welcher mir in liebenswürdigster
    Weise seine Notizen und Bücher über Coca zur Verfügung gestellt
    hat.

    4 We d d e l l , Voyage dans le Nord de la Bolivie, 1853.

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    II. Geschichte und Verwendung im Lande.

    Als die spanischen Eroberer nach Peru drangen, fanden sie die Cocapflanze
    im Lande cultivirt und in hohem Ansehen, ja selbst in innige Beziehungen
    zu den religiösen Gebräuchen des Volkes gebracht. Die Sage erzählte, dass
    Manco Capac, der göttliche Sohn der Sonne, in der Urzeit von den Felsen
    des Titicacasees herabgestiegen sei und das Licht seines Vaters den armseligen
    Einwohnern gebracht habe, dass er sie die Kenntniss der Götter, die
    Ausübung der nützlichen Künste lehrte und ihnen die Coca schenkte, diese
    göttliche Pflanze, welche den Hungrigen sättigt, den Schwachen stärkt, und
    sie ihr Missgeschick vergessen macht.1 Cocablätter wurden den Göttern zum
    Opfer gebracht, Cocablätter während der gottesdienstlichen Handlungen
    gekaut, selbst den Todten Coca in den Mund gesteckt, um sie einer günstigen
    Aufnahme im Jenseits zu versichern. Wie der Geschichtsschreiber der
    spanischen Eroberung,2 selbst ein Abkömmling der Incas, berichtet, war die
    Coca zuerst spärlich im Lande und ihr Genuss ein Vorrecht der Herrscher;
    zur Zeit der Eroberung war sie aber seit Langem Jedermann zugänglich geworden.
    G a r c i l a s s o bemühte sich, die Coca gegen den Bann zu vertheidigen,
    den die Eroberer auf sie gelegt hatten. Die Spanier glaubten nicht
    an die wunderbaren Wirkungen der Pflanze, welche ihnen durch ihre Rolle
    im religiösen Ceremoniell der Besiegten auch als Teufelswerk verdächtig
    war. Ein Concil zu Lima verbot sogar ihren Genuss als heidnisch und sündhaft.
    Aber sie änderten ihr Verhalten, als sie merkten, dass die Indianer die
    schwere, ihnen auferlegte Arbeit in den Bergwerken nicht leisten könnten,
    wenn man ihnen den Cocagenuss entziehe. Sie bequemten sich dazu, den
    Arbeitern 3 oder 4mal im Tage Cocablätter auszutheilen und ihnen kurze
    Ruhepausen zu gönnen, um die geliebten Blätter zu kauen, und so hat die
    Coca ihre Stellung bei den Eingeborenen bis auf den heutigen Tag behauptet;
    es finden sich selbst noch Spuren der religiösen Verehrung, deren Gegenstand
    sie war.3

    Der Indianer trägt auf seinen Wanderungen stets einen Beutel mit Cocablättern
    (chuspa genannt) mit sich und ausserdem eine

    1 S c r i v e n e r , On the coca leaf and its uses in diet and medicine. Medical
    Times and Gazette, 1871.

    2 G a r c i l a s s o d e l a V e g a . Comentarios reales de los Incas, 1609–17.

    3 C h r i s t i s o n , Observations on the effect of cuca, or coca, de leaves of
    Erythroxylon coca. British Medical Journal, 1876. – B i b r a l. c.

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    Flasche mit Pflanzenasche (llicta).1 Aus den Blättern formt er im Munde einen
    Bissen (acullico), durchbohrt denselben mehrmals mit einem in die Asche
    getauchten Stachel,2 und kaut ihn unter reichlicher Speichelabsonderung
    langsam durch. In anderen Gegenden soll eine Art Erde, Tonra, anstatt
    der Pflanzenasche den Blättern zugesetzt werden.3 Drei bis vier Unzen
    Blätter täglich zu kauen, gilt nicht als Unmässigkeit. Der Indianer beginnt
    nach M a n t e g a z z a in früher Jugend mit dem Gebrauche dieses
    Genussmittels, den er bis an sein Lebensende fortsetzt. Wenn er einen
    beschwerlichen Weg zu gehen hat, wenn er eine Frau nimmt, überhaupt
    wenn eine grössere Anforderung an seine Kräfte gestellt ist, vermehrt er
    die gewohnte Dosis.

    (Welche Absicht durch den Zusatz der Alkalien in der Asche erreicht
    werden soll, ist unklar. M a n t e g a z z a gibt an, dass er Cocablätter mit
    und ohne Llicta gekaut und keinen Unterschied verspürt habe. Nach M a r -
    t i u s 4 und D e m a r l e 5 wird durch die Alkalien der Pflanzenasche
    das Cocaïn, welches wahrscheinlich in Verbindung mit Gerbsäure enthalten
    ist, frei gemacht. Eine von B i b r a analysirte Llicta bestand aus kohlensaurem
    Kalk und Magnesia 29%, Kalisalzen 34%, Thonerde und Eisen 3%,
    unlöslichen Verbindungen von Thonerde, Kieselerde und Eisen 17%, Kohle
    5% und Wasser 10%.)

    Eine Fülle von Zeugnissen liegt dafür vor, dass die Indianer unter dem
    Einflusse der Coca ungewöhnliche Strapazen ertragen und schwere Arbeit
    leisten, ohne während derselben einer eigentlichen Nahrung zu bedürfen.6
    Va l d e z y P a l a c i o s 7 gibt an, dass die Indianer mittelst Coca
    hunderte von Stunden Wegs zu Fuss zurücklegen und dabei schneller laufen
    als die Pferde, ohne Zeichen von Ermüdung zu zeigen. C a s t e l n a u 8 ,
    M a r t i u s 9, S c r i v e n e r 10 bestätigen dies, und H u m b o l d t
    spricht davon in seiner Reise in die Aequinoctialgegenden als von einer allbekannten
    Thatsache. Viel

    1 M a n t e g a z z a, Sulle virtù igieniche e medicinali della coca. Milano 1859.

    2 S c r i v e n e r l. c.

    3 Nach U l l o a , dem Bibra folgt.

    4 Systema mat. med. brasil. 1843.

    5 Essai sur la coca du Pérou. Thése de Paris, 1862.

    6 Vgl. F r o n m ü l l e r , Coca und Cat. Prager Vierteljahrsschrift für praktische
    Heilkunde. B. 79, 1863.

    7 Viagem da cidade de Cuzo a de Belem. 1840.

    8 Expedition dans les parties centrales de l’Amerique du Sud. 1851.

    9 Reise in Brasilien von Spix und Martius. 1831.

    10 l. c.

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    citirt wird, was T s c h u d i 1 von den
    Leistungen eines Cholo’s (Mischlings) berichtet, den er genau beobachten
    konnte. Derselbe stellte fünf Tage und fünf Nächte lang mühsame Ausgrabungen
    für ihn an, ohne mehr als 2 Stunden jede Nacht zu schlafen und
    ohne Anderes als Coca zu sich zu nehmen. Nach vollendeter Arbeit begleitete
    er ihn während eines zweitägigen Rittes, neben seinem Maulthier
    herlaufend. Er versicherte, dass er gerne die nämliche Arbeit nochmals ohne
    zu essen verrichten würde, wenn man ihm genug Coca gäbe. Der Mann war
    62 Jahre alt und niemals krank gewesen.

    In der „Reise der Fregatte Novara“ sind ähnliche Beispiele gesteigerter
    Leistungsfähigkeit durch Coca erzählt. We d d e l l 2 , v . M e y e n 3 ,
    M a r k h a m 4 , selbst P o e p p i g , 5 von dem viel üble Nachrede über
    die Coca herrührt, können diese Wirkung der Coca nur bestätigen, welche
    seit ihrem Bekanntwerden nicht aufgehört hat, das Erstaunen der Welt zu
    wecken.

    Andere Berichte heben die Fähigkeit der Coqueros (Coca-Kauer) hervor,
    ohne Beschwerden einer längeren Nahrungsentziehung zu widerstehen. Nach
    U n a n u è 6 konnten während der Hungersnoth in der 1781 belagerten
    Stadt L a P a z nur die Einwohner sich am Leben erhalten, welche Coca
    genossen. Nach S t e w e n s o n 2 4 enthalten sich die Einwohner mehrerer
    Bezirke Perus’ oft Tage lang mittelst Coca aller Nahrung, ohne die Arbeit
    zu unterbrechen.

    Nach all diesen Zeugnissen und mit Rücksicht auf die Rolle, welche die
    Coca seit Jahrhunderten in Südamerika spielt, wird man die mitunter geäusserte
    Ansicht abweisen dürfen, dass die Wirkung der Coca eine imaginäre
    sei, und dass die Eingebornen auch ohne dieselbe durch die in ihren Verhältnissen
    gegebene Nöthigung und durch Uebung in den Stand gesetzt sind, die
    erwähnten Leistungen zu vollbringen. Man wird aber zu hören erwarten, dass
    die Coqueros sich durch vermehrte Nahrungszufuhr in den Ruhepausen entschädigen, oder dass sie durch ihre Lebensweise einem rapiden Verfall entgegengeführt werden. Das Erstere geht aus den Berichten der

    1 Reiseskizzen aus Peru in den Jahren 1838 und 1842.

    2 l. c.

    3 Reise um die Welt, 1835.

    4 Travels in Peru and India. 1862.

    5 Reise in Chili, Peru und auf dem Amazonenstrom. 1827–32.

    6 Disertacion sobre el aspecto, cultivo, comercio y virtudes de la famosa planta del
    Peru nombrada Coca. Lima 1794.

    7 Historical and descriptive narrative of twenty years residence in south Amerika,
    1825.

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    Reisenden nicht mit Sicherheit hervor; dem anderen Verhalten wird
    von vertrauenswürdigen Zeugen auf das Bestimmteste widersprochen.
    P o e p p i g hat zwar ein abschreckendes Bild von der physischen und intellectuellen Decadence entworfen, welche die unausbleibliche Folge des gewohnheitsmässigen Cocagenusses sein soll, aber alle anderen Beobachter äussern sich dahin, dass mässiger Cocagenuss eher der Gesundheit förderlich als schädlich ist, und dass die Coqueros ein hohes Alter erreichen.1 Der unmässige Cocagebrauch erzeugt allerdings auch nach We d d e l l und M a n t e g a z z a eine Kachexie, die sich körperlich in Verdauungsbeschwerden, Abmagerung u. dgl.,
    geistig in ethischer Depravation und vollkommener Apathie gegen Alles,
    was sich nicht auf den Genuss des Reizmittels bezieht, ausprägt. Diesem
    Zustande, welcher viel Aehnlichkeit mit dem Bilde des chronischen Alkoholismus
    und Morphinismus zeigt, erliegen mitunter auch Weisse. Es ist bemerkenswert,
    dass die Cocakachexie immer nur von der toxischen Wirkung der
    Coca bei masslosem Genuss, und niemals von dem etwaigen Missverhältniss
    zwischen Nahrungsaufnahme und Arbeitsleistung bei den Coqueros hergeleitet
    wird.

    III. Die Cocablätter in Europa – Das Cocaïn.

    Die älteste Empfehlung der Coca ist nach D o w d e s w e l l 2 in einer
    Schrift des Dr. M o n a r d e s (Sevilla 1569) enthalten, welche 1596 in
    einer englischen Uebertragung erschien. Wie die späteren Mittheilungen des
    Jesuiten Padre A n t o n i o J u l i a n 3 und des Arztes Pedro C r e s p o 4 ,
    beide in Lima, rühmt sie die wunderbare Wirkung der Pflanze gegen Hunger
    und Ermüdung. Die beiden letzten Autoren setzen grosse Hoffnungen auf die
    Einführung der Coca in Europa. 1749 wurde die Pflanze nach Europa gebracht,
    von A. L. d e J u s s i e u beschrieben und zum Genus Erythroxylon
    gestellt, dann von L a m a r c k als Erythroxylon coca in dessen Encyclopédie
    Méthodique Botanique 1786 aufgenommen. Berichte von Reisenden, wie
    Ts c h u d i, M a r k h a m u. A., erbrachten den Beweis, dass die Wirkung
    der Cocablätter nicht auf die indianische Race beschränkt sei.
    1859 veröffentlichte P a o l o M a n t e g a z z a , der eine Reihe von
    Jahren in den Cocaländern Südamerika’s gelebt hatte, seine Erfahrungen über
    die physiologische und therapeutische Wirkung

    1 F r o n m ü l l e r l. c.

    2 The coca leaf. Lancet, 1876.

    3 Disertacion sobre Hayo ò Coca, Lima 1787.

    4 Memoria sobre la coca, Lima 1793.

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    der Cocablätter1 in beiden Hemisphaeren. M a n t e g a z z a ist ein be-
    geisterter Lobredner der Coca, für deren vielseitige therapeutische
    Verwendung er Belege in beigefügten Krankengeschichten erbrachte.
    Seine Mittheilung hat viel Aufmerksamkeit erregt, aber wenig Ver-
    trauen gefunden. Ich habe so viel richtige Bemerkungen bei M a n t e-
    g a z z a angetroffen, dass ich geneigt bin, auch denjenigen Angaben,
    welche zu bestätigen ich nicht Gelegenheit hatte, Werth beizulegen.

    Im Jahre 1859 brachte Dr. S c h e r z e r von der Expedition der österreichischen
    Fregatte Novara Cocablätter nach Wien, von denen er einen
    Theil Prof. Wö h l e r zur Untersuchung übersandte. Wö h l e r ’s Schüler
    N i e m a n n 2 stellte aus denselben ein Alkaloid Cocaïn dar; ein ande-
    rer Schüler Wö h l e r ’s, L o s s e n ,3 setzte nach N i e m a n n ’s Tode
    die Untersuchung über die in den Cocablättern enthaltenen Körper fort.

    Das Cocaïn (N i e m a n n ’s) krystallisirt in grossen farblosen, 4–6seitigen
    Prismen des klinorrhombischen Systems. Es schmeckt bitterlich, ruft an
    Schleimhäuten Anaesthesie hervor. Es schmilzt bei 98o, ist schwer löslich
    in Wasser,4 leicht löslich in Alkohol und Aether und verdünnten Säuren.
    Es gibt Doppelsalze mit Platinchlorid und Goldchlorid. Beim Erhitzen mit
    Salzsäure zerfällt es in Benzoesäure, Methylalkohol und eine wenig studirte
    Base, das E c g o n i n . L o s s e n stellte für das Cocaïn die Formel auf:
    C17 H24 N4. Das salzsaure und das essigsaure Salz eignen sich wegen ihrer
    leichten Löslichkeit in Wasser besonders gut zur physiologischen und therapeutischen
    Anwendung.5

    Ausser dem Cocaïn sind in den Cocablättern gefunden worden: die Cocagerbsäure,
    ein eigenthümliches Wachs, und eine flüchtige Base, das Hygrin,
    deren Geruch an Trimethylamin erinnert, und die L o s s e n als ein
    dickflüssiges, hellgelbes Oel erhielt. Nach einigen

    1 Sulle virtù igieniche e medicinali della coca. Memoria onorata del Premio
    dell’Acqua nel concorso di 1858, estratta dagli Annali Universali di Medicina
    1859. – Ein kurzes Referat in der Oesterreichischen Zeitschrift für praktische
    Heilkunde desselben Jahres.

    2 Annal. d. Chemie u. Pharmac. 114, und Vierteljahrsschrift für praktische Pharmacie,
    9.

    3 Annalen der Chemie und Pharmacie 133.

    4 Ueber die Löslichkeit des Cocaïns im Wasser lauten die Angaben der Autoren
    sehr wenig übereinstimmend. Es sind offenbar verschiedene Präparate als
    „Cocaïn“ in den Handel gekommen und zur Anwendung gebracht worden.

    5 H u s e m a n n und H i l g e r , Die Pflanzenstoffe etc. 1884. – G i r t l e r ,
    Ueber Coca, Extractum der Coca und Cocaïn. Wiener med. Wochenschrift 1862.

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    Andeutungen in den Mittheilungen der Chemiker scheint die Reihe
    der in den Cocablättern enthaltenen neuen Stoffe noch nicht erschöpft
    zu sein.

    Seit der Entdeckung des Cocaïns haben zahlreiche Beobachter die Wirkung
    der Coca auf Thiere, gesunde und kranke Menschen untersucht und
    sich dabei theils eines als Cocaïn bezeichneten Präparates, theils der Cocablätter
    in Infusion oder nach der Art der Indianer bedient. In Oesterreich
    hat S c h r o f f senior die ersten Thierversuche angestellt 1862, andere
    Mittheilungen über die Coca rühren von F r a n k l (1860), F r o n m ü l -
    l e r (1863) und N e u d ö r f e r (1870) her. In Deutschland sind zu verzeichnen
    die therapeutische Empfehlung von C l e m e n s (1867), die
    Thierversuche von v . A n r e p (1880) und die Versuche von A s c h e n -
    b r a n d t an erschöpften Soldaten (1883).

    In England stellte die ersten Thierversuche A. B e n n e t t 1874 an;
    Aufsehen erregten 1876 die Mittheilungen des greisen Präsidenten der Bri-
    tish Medical Association S i r R o b e r t C h r i s t i s o n ; und als ein
    Correspondent des „British Medical Journal“ die Behauptung aufstellte, Mr.
    We s t o n , der durch seine Leistungen als Fussgänger die wissenschaftliche
    Welt Londons in Erstaunen setzte, kaue Cocablätter, war die Coca eine zeitlang
    ein Gegenstand des allgemeinsten Interesses geworden. In demselben
    Jahre (1876) veröffentlichte D o w d e s w e l l eine im physiologischen Laboratorium University College ausgeführte, durchaus ergebnisslose Experimentaluntersuchung, seit welcher die Coca in England keinen Untersucher
    gefunden zu haben scheint.1

    Aus der französischen Literatur sind zu erwähnen: R o s s i e r (1861),
    D e m a r l e (1862), G o s s e ’s Monographie über Erythroxylon Coca
    (1862), R e i s s (1866), L i p p m a n n , Etude sur la coca du Pérou,
    (1868), M o r é n o y M a ï z 1 (1868), der eine neue Darstellung des
    Cocaïns angab, G a z e a u (1870), C o l l i n (1877) und M a r v a u d
    in dem Buche „Les aliments d’épargne“ (1874), welches mir allein von den
    erwähnten Schriften zur Verfügung stand.

    1 Für die Zusammenstellung der Literatur diente mir der Artikel „Erythroxylon
    coca“ in dem Index catalogue of the Library of the Surgeon-General’s office,
    vol. IV. 1883, den man fast als vollständigen Literaturnachweis betrachten darf.
    Zufolge der Unzulänglichkeit unserer öffentlichen Bibliotheken musste ich mich
    damit begnügen, einen Theil der angeführten Schriften über Coca nur durch
    Citate und Referate kennen zu lernen, hoffe aber, dass ich genug gelesen habe, um
    dem Zwecke dieses Aufsatzes: das Wissenswerthe über Coca zusammenzustellen,
    zu genügen.

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    In Russland haben N i k o l s k y , D a n i n i (1873), T a r -
    c h a n o f f (1872) insbesondere die Wirkung des Cocaïns auf Thiere
    studirt; aus Nordamerika kamen in den letzten Jahren zahlreiche Berichte
    über glückliche therapeutische Verwendung der Coca-Präparate, welche
    alle in der D e t r o i t T h e r a p e u t i c G a z e t t e referirt worden
    sind.

    Der Effect der älteren unter den hier angeführten Arbeiten war im Ganzen
    der, eine grosse Enttäuschung und die Ueberzeugung wachzurufen, dass
    man Wirkungen, wie sie der Coca in Südamerika nachgerühmt werden, in
    Europa nicht erwarten dürfe. Untersuchungen wie die von S c h r o f f ,
    F r o n m ü l l e r , D o w d e s w e l l , brachten negative oder doch nicht
    bemerkenswerthe Ergebnisse. Für diese Misserfolge bietet sich mehr als eine
    Erklärung dar. Vor Allem ist wohl die Qualität der verwendeten Präparate
    zu beschuldigen.1 Mehrere Autoren sprechen selbst ihre Zweifel an der Güte
    ihrer Präparate aus, und insoferne sie den Berichten der Reisenden über die
    Wirkung der Coca noch Glauben schenken, nehmen sie an, dass dieselbe
    auf einen flüchtigen Bestandtheil des Blattes zurückzuführen sei. Sie berufen
    sich dabei auf die Angabe von P o e p p i g u. A., dass in Südamerika
    selbst Blätter, die längere Zeit aufbewahrt waren, als werthlos gelten. Allein
    die Versuche, welche in letzter Zeit mit dem von M e r c k in Darmstadt
    bereiteten Cocaïn angestellt wurden, berechtigen zur Behauptung, dass das
    Cocaïn der eigentliche Träger der Cocawirkung ist, welche in Europa eben
    so gut wie in Südamerika hervorgerufen und diätetisch und therapeutisch
    verwerthet werden kann.

    IV. Die Cocawirkung bei Thieren.

    Da wir wissen, dass Thiere verschiedener Gattung – und selbst Individuen
    derselben Gattung – in nichts so sehr von einander abweichen, als in jenen
    chemischen Eigenthümlichkeiten, welche ihre Empfänglichkeit für dem Organismus fremde Stoffe bedingen, werden wir von vorneherein nicht erwarten,
    in der Cocawirkung bei Thieren etwas den geschilderten Wirkungen der
    Cocablätter auf den Menschen Aehnliches wiederzufinden. Es wird als ein
    befriedigendes Resultat zu betrachten sein, wenn wir beiderlei Wirkungsweisen
    aus einheitlichen Gesichtspunkten begreifen können.

    1 Der Gehalt der Cocablätter an Cocaïn schwankt nach L o s s e n zwischen
    0.2% und 0.02%. 0.05 Gr. Cocaïn. mur. scheint die für den Menschen wirksame
    Dosis zu sein. Ein getrocknetes Cocablatt wiegt nach L i p p m a n n
    (Etude sur la coca du Pérou. Thse de Strassbourg 1868) ein Decigramm.

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    Die eingehendsten Versuche über die Wirkung der Coca auf Thiere
    verdanken wir v . A n r e p .1 Vor ihm haben solche Versuche angestellt
    S c h r o f f sen.2, M o r é n o y M a ï z 3 , Ta r c h a n o f f 4 ,
    N i k o l s k y 5 , D a n i n i 6 , A l . B e n n e t t 7 und O t t 8. Die
    Mehrzahl dieser Autoren haben das Alkaloid innerlich oder in subcutaner
    Einverleibung angewendet.

    Das allgemeinste Resultat dieser Untersuchungen ist, dass dem Cocaïn
    eine in kleineren Dosen reizende, in grösseren Dosen lähmende Einwirkung
    auf das Nervensystem zukommt. Die lähmende Einwirkung macht sich bei
    Vergiftung kaltblütiger Thiere besonders bemerkbar, während bei warmblütigen
    die Erscheinungen der Reizung in den Vordergrund treten.
    Nach S c h r o f f erzeugt Cocaïn bei Fröschen einen soporösen Zustand
    mit Lähmung der willkürlichen Muskeln. M o r é n o y M a ï z , D a -
    n i n i , N i k o l s k y und O t t haben im Wesentlichen dasselbe gefunden;
    M o r é n o y M a ï z gibt an, dass bei nicht zu grossen Gaben der
    allgemeinen Lähmung Tetanus vorhergeht, N i k o l s k y beschreibt unter
    derselben Bedingung ein Stadium von Erregung der Muskulatur, D a n i n i
    dagegen hat niemals Krämpfe beobachtet.
    Auch nach v . A n r e p wirkt Cocaïn nach kurzer Erregung lähmend
    auf Frösche, und zwar werden zuerst die sensibeln Nervenendigungen, dann
    die sensibeln Nerven selbst beeinträchtigt, die Athmung zuerst beschleunigt,
    dann zum Stillstand gebracht, die Herzthätigkeit verlangsamt bis zum
    diastolischen Stillstand. Gaben von 2 mgr. rufen bereits Vergiftungserscheinungen
    hervor.

    Nach S c h r o f f ’ s im Einzelnen mit Widersprüchen behafteten
    Versuchen an Kaninchen erzeugt das Cocaïn bei denselben mannigfaltige
    Krämpfe, Zunahme der Athem- und Pulsfrequenz, Pupillenerweiterung und
    Tod unter Krämpfen. Der Erfolg der Vergiftung war in hohem Grade von der
    Art der Application abhängig. Nach D a n i n i

    1 Ueber die physiologische Wirkung des Cocaïns. Pflügers Archiv, XXI. 1880.

    2 Vorläufige Mittheilung über Cocaïn. Wochenblatt der Gesellschaft der Aerzte in
    Wien. 1862.

    3 Recherches chimiques et physiologiques sur l’Erythroxylon coca du Pérou, 1868.

    4 Cocaïn und Diabetes 1872 (Russisch).

    5 Beitrag zur Cocaïnwirkung auf den Thierorganismus (Russisch).

    6 Ueber physiol. Wirkung und therap. Anwendung des Cocaïns, 1872 (Russisch).

    7 An experimental inquiry into the physiological action of Theine etc. etc. Edinburgh
    Medical and Surgical Journal, 1874.

    8 Coca and its alcaloid cocain. New York Medical Record, 1876.

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    setzt die Cocaïnvergiftung bei Warmblütern zuerst Erregung, die
    sich in anhaltendem Springen und Laufen äussert, dann Lähmung der
    Muskelthätigkeit und endlich klonische Krämpfe. Ta r c h a n o f f fand
    bei Hunden nach Coca-Eingabe Vermehrung der Schleimsecretion und
    Zucker im Harn.

    In den Versuchen v. A n r e p ’s äusserte sich die Wirkung des Cocaïns
    auf Warmblüter bis zu hohen Dosen in lebhafter Erregung zunächst der
    Psyche und der Hirncentren für willkürliche Bewegung. Hunde zeigen bei
    Aufnahme von 0.01 gr. Cocaïn per Kilo evidente Zeichen der freudigsten
    Aufregung und einen maniakalischen Bewegungsdrang. v . A n r e p
    sieht in dem Charakter der Bewegungen Anzeichen dafür, dass alle Nervencentren
    von der Erregung ergriffen sind, auch deutet er gewisse Pendelbewegungen
    des Kopfes als Reizerscheinungen von Seiten der Bogengänge.
    Zum Bilde des Cocaïnrausches gehören ferner: Athemfrequenzzunahme,
    grosse Pulsbeschleunigung durch frühzeitige Lähmung der N. vagi, Pupillenerweiterung,
    Beschleunigung der Darmbewegungen, hohes Ansteigen
    des Blutdrucks und Verminderung der Secretionen. Die quergestreifte
    Muskelsubstanz bleibt auch bei solchen grossen Dosen intact, die endlich
    zu Krämpfen, Lähmungserscheinungen und zum Tode durch Lähmung des
    Athemcentrums führen. Für Hunde stellte v . A n r e p die letale Dosis
    nicht fest, für Kaninchen beträgt sie 0.10 Gramm und für Katzen 0.02
    Gramm per Kilo.1

    Nach Abtrennung des Rückenmarkes von der Oblongata erzeugt Cocaïn
    weder Krämpfe noch Blutdrucksteigerung (D a n i n i ); nach Durchschneidung
    des Brustmarks treten wohl Cocaïnkrämpfe in den vorderen, aber
    nicht in den hinteren Extremitäten auf (v . A n r e p ). D a n i n i und v .
    A n r e p nehmen desshalb an, dass die Cocaïnwirkung vor Allem auf das
    lebenswichtige Gebiet des verlängerten Marks gerichtet ist.
    Es wäre noch zu erwähnen, dass nur der ältere S c h r o f f Cocaïn ein
    Narcotium nennt und es neben Opium und Cannabis stellt, während fast alle
    Anderen es dem Coffeïn etc. anreihen.

    V. Die Cocawirkung beim gesunden Menschen.

    Die Wirkung, welche die Einnahme des Cocaïns auf den gesunden menschlichen
    Organismus ausübt, habe ich in wiederholten Versuchen an mir und
    Anderen studirt und dieselbe in wesentlicher

    1 Bei subcutaner Injection.

  • S.

    299

    Uebereinstimmung mit der Wirkung der Cocablätter nach M a n t e g a z z a ’s Schilderung gefunden.1

    Ich nahm das erstemal 0.05 Gramm Cocaïn. muriat. in 1%iger wässeriger
    Lösung während einer leichten, durch Ermüdung hervorgerufenen Verstimmung.
    Diese Lösung ist ziemlich dickflüssig, etwas opalisirend, von einem
    fremdartig aromatischen Geruch. Sie erregt eine zuerst bittere Geschmacksempfindung,
    welche in eine Reihe von sehr angenehmen, aromatischen Empfindungen
    übergeht. Das trockene Cocaïnsalz zeigt denselben Geruch und
    Geschmack in verstärktem Masse.

    Wenige Minuten nach der Einnahme stellt sich eine plötzliche Aufheiterung
    und ein Gefühl von Leichtigkeit her. Man fühlt dabei ein Pelzigsein an
    den Lippen und am Gaumen, dann ein Wärmegefühl an denselben Stellen,
    und wenn man jetzt kaltes Wasser trinkt, empfindet man es an den Lippen
    als warm, im Schlunde als kalt. Andere Male herrscht eine angenehme Kühle
    im Munde und Rachen vor.

    Bei diesem ersten Versuch trat ein kurzes Stadium toxischer Wirkungen
    auf, die ich später vermisste. Die Athemzüge wurden verlangsamt und vertieft,
    ich fühlte mich matt und schläferig, musste häufig gähnen und fand
    mich etwas eingenommen. Nach wenigen Minuten begann die eigentliche
    Cocaïn-Euphorie, eingeleitet durch wiederholtes, kühlendes Aufstossen. An
    meinem Puls beobachtete ich unmittelbar nach der Cocaïn-Einnahme eine
    geringe Verlangsamung, später eine mässige Zunahme der Völle.

    Dieselben physischen Anzeichen des Cocaïnzustandes habe ich auch an
    anderen, meist gleichalterigen Personen beobachtet. Als das constanteste
    erwies sich das wiederholte kühlende Aufstossen. Dabei hört man oft ein
    Gurren, welches hoch oben im Darme zu Stande kommen muss, und zwei
    der von mir beobachteten Personen, welche sich für fähig erklärten, ihre
    Magenbewegungen zu erkennen, sagten mit aller Bestimmtheit aus, dass sie
    solche wiederholt verspürt hätten. Oefters wurde mir zu Anfang der Cocaïnwirkung
    intensives Hitzegefühl im Kopfe angegeben, das ich auch selbst
    bei einigen

    1 Ich benützte wie A s c h e n b r a n d t (Deutsche medicin. Wochenschrift
    Dec. 1883) das von M e r c k in Darmstadt dargestellte salzsaure Cocaïn. Dasselbe
    ist in Wien in der Haubner’schen Engelapotheke am Hof zu einem Preis käuf-
    lich, der den Merk’schen nicht um Vieles übersteigt, aber als ein sehr
    hoher zu bezeichnen ist. Die Leitung jener Apotheke ist nach freundlicher
    Mittheilung bemüht, durch Anknüpfung mit anderen Bezugsquellen den Preis
    der Mittels zu erniedrigen.

  • S.

    300

    späteren Versuchen verspürte, anderemale vermisste. In
    nur zwei Fällen rief das Cocaïn Schwindelgefühl hervor. Im Ganzen sind die
    toxischen Erscheinungen der Cocaïn-Einnahme von kurzer Dauer weniger
    intensiv als die durch wirksame Dosen von Chinin oder salicylsaurem Natron
    bedingten, und scheinen sich bei wiederholtem Cocaïngebrauch noch
    mehr abzuschwächen.

    M a n t e g a z z a führt als gelegentliche Cocawirkung an: flüchtige
    Erytheme, Vermehrung der Harnmenge, Trockenheit der Conjunctiva
    und der Nasenschleimhaut. Die Trockenheit der Mundschleimhaut und
    des Rachens ist ein constantes und Stunden lange anhaltendes Symptom.
    Leicht abführende Wirkung wurde von einigen Beobachtern (M a r v a u d ,
    C o l l a n )1 angegeben. Harn und Faeces sollen den Geruch der Coca
    annehmen. Die Wirkung auf die Pulsfrequenz wird von verschiedenen Beobachtern
    sehr verschieden dargestellt. Nach M a n t e g a z z a ruft Coca
    sehr bald bedeutende, bei höherer Dosis sich noch steigernde Vermehrung
    der Pulsfrequenz hervor, auch C o l l i n 2 sah Pulsbeschleunigung nach
    Coca, während R o s s i e r , 3 D e m a r l e 4 und M a r v a u d der
    anfänglichen Beschleunigung eine länger anhaltende Verlangsamung folgen
    sahen. C h r i s t i s o n bemerkte an sich, dass bei Cocagebrauch körperliche
    Arbeit eine geringere Pulsbeschleunigung machte als sonst; R e i s s 5
    stellt jede Einwirkung auf die Pulsfrequenz in Abrede. Ich finde keine
    Schwierigkeit darin, diesen Mangel an Uebereinstimmung theils durch die
    Verschiedenheit der angewendeten Präparate (warmer Aufguss der Blätter,
    kalte Cocaïnlösung etc.) und der Application6, theils durch verschiedene
    individuelle Reaction zu erklären. Die letztere kommt, wie bereits M a n -
    t e g a z z a mittheilt, überhaupt bei der Coca in hohem Grade in Betracht.
    Es soll Personen geben, die Coca überhaupt nicht vertragen, und ich habe
    andererseits nicht wenige gefunden, auf welche die für mich und andere wirksame
    Dosis von 5 Centigramm ohne Einfluss blieb.

    Die psychische Wirkung des Cocaïnum mur. in Dosen von 0.05–0.10 gr.
    besteht in einer Aufheiterung und anhaltenden Euphorie,

    1 Fïnska läkaresällsk. handl. XX, 1878.

    2 De la coca et de ses véritables propriétés thérapeutiques. L’Union médicale, 1877.

    3 Sur l’action physiologique des feuilles de coca. Echo médical suisse 1861.

    4 Essai sur la coca du Pérou. Thèse de Paris, 1862.

    5 Note sur l’emploi de la coca. Bulletin de thérapeutique, 1866.

    6 Die Ergebnisse bei subcutaner Injection siehe unten nach M o r s e l l i und
    B u c c o l a .

  • S.

    301

    die sich von der normalen Euphorie des gesunden Menschen in gar nichts unterscheidet.
    Es fehlt gänzlich das Alterationsgefühl, das die Aufheiterung durch Alkohol
    begleitet, es fehlt auch der für die Alkoholwirkung charakteristische Drang
    zur sofortigen Bethätigung. Man fühlt eine Zunahme der Selbstbeherrschung,
    fühlt sich lebenskräftiger und arbeitsfähiger; aber wenn man arbeitet,
    vermisst man auch die durch Alkohol, Thee oder Kaffee hervorgerufene
    edle Excitation und Steigerung der geistigen Kräfte. Man ist eben einfach
    normal und hat bald Mühe, sich zu glauben, dass man unter irgend welcher
    Einwirkung steht.1

    Es macht den Eindruck, als ob die Cocaïnstimmung bei solchen Dosen
    hervorgebracht würde nicht so sehr durch directe Erregung, als durch den
    Wegfall deprimirender Elemente des Gemeingefühls. Es wird vielleicht gestattet
    sein, anzunehmen, dass auch die Euphorie der Gesundheit nichts Anderes
    ist als die normale Stimmung der gut ernährten Hirnrinde, die von den
    Organen ihres Körpers „nichts weiss“.

    Während dieses an sich nicht weiter gekennzeichneten Cocaïnzustandes
    tritt das hervor, was man als die wunderbare stimulirende Wirkung der Coca
    bezeichnet hat. Langanhaltende, intensive geistige oder Muskelarbeit wird
    ohne Ermüdung verrichtet, Nahrungs- und Schlafbedürfniss, die sonst zu
    bestimmten Tageszeiten gebieterisch aufgetreten, sind wie weggewischt. Man
    kann im Cocaïnzustande, wenn man aufgefordert wird, reichlich und ohne
    Widerwillen essen, aber man hat die deutliche Empfindung, dass man die
    Mahlzeit nicht bedurft hat. Ebenso kann man, wenn die Cocaïnwirkung im
    Abnehmen ist, einschlafen, wenn man zu Bette geht, aber auch ohne Beschwerde
    den Schlaf umgehen. In den ersten Stunden der Cocaïnwirkung
    kann man nicht einschlafen, aber diese Schlaflosigkeit hat nichts Peinliches.

    Ich habe diese gegen Hunger, Schlaf und Ermüdung schützende und zur
    geistigen Arbeit stählende Wirkung der Coca etwa ein dutzendmal an mir
    selbst erprobt; zur physischen Arbeitsleistung hatte ich keine Gelegenheit.

    Ein eclatantes Beispiel von Aufhebung hochgradiger Müdigkeit und wohl
    berechtigten Hungergefühls konnte ich an einem viel beschäftigten Collegen
    beobachten, der, seit frühem Morgen nüchtern, nach angestrengter Thätig-
    keit um 6 Uhr Abends 0.05 Cocaïn. mur.

    1 Mit meiner Selbstbeobachtung stimmt am besten, was W i l d e r (Detroit Therapeutic.
    Gazette, Nov. 1882) von sich berichtet.

  • S.

    302

    nahm. Er erklärte einige Minuten später, dass er sich fühle, als ob er
    von einer reichen Tafel aufgestanden sei, wollte nicht zu Nacht
    essen und hielt sich für kräftig, einen weiten Weg zu gehen.

    Diese stimulirende Wirkung der Coca ist durch eine Reihe vertrauenswürdiger
    Mittheilungen, auch aus den letzten Jahren, unzweifelhaft bezeugt.

    Der 78jährige S i r R o b e r t C h r i s t i s o n 1 ermüdete sich
    zum Zwecke des Versuches bis zur Erschöpfung durch einen Weg von 15
    engl. Meilen, ohne Nahrung zu sich zu nehmen. Er wiederholte dies nach
    einigen Tagen mit dem gleichen Ergebniss; während des dritten Versuches
    kaute er zwei Drachmen Cocablätter, legte nun denselben Weg ohne alle
    Beschwerden zurück, fühlte, nach Hause zurückgekehrt, trotz 9stündiger
    Abstinenz weder Hunger noch Durst und wachte am nächsten Morgen ohne
    Gefühl von Ermüdung auf. Er bestieg ein andermal einen 3000 Fuss hohen
    Berg, auf dessen Gipfel er völlig erschöpft anlangte; den Abstieg machte er
    unter der Einwirkung der Coca mit jugendlicher Frische ohne alle Ermüdung.

    Aehnliche Wirkungen haben C l e m e n s 2 und J. C o l l a n 3
    an sich erfahren, letzterer während mehrstündiger Wanderungen über
    Schnee; M a s o n 4 nennt Coca „an excellent thing for a long walk“ und
    A s c h e n b r a n d t 5 hat unlängst berichtet, wie baierische Soldaten,
    die unter dem Einfluss von Strapazen und entkräftenden Krankheiten marode
    geworden waren, nach Cocaverabreichung im Stande waren, die Uebungen
    und Märsche mitzumachen. M o r é n o y M a ï z 6 konnte bei
    Cocagebrauch ganze Nächte durchwachen. M a n t e g a z z a blieb unter
    dem Einfluss der Coca 40 Stunden ohne Nahrung. Wir sind also berechtigt
    anzunehmen, dass die Wirkung des Cocaïns auf Europäer die gleiche ist, wie
    die der Cocablätter auf die Indianer Südamerikas.

    1 Observations on the effect of Cuca, or coca etc. British Medical Journal, 1876.

    2 Erfahrungen über die therap. Verwendung der Cocablätter. Deutsche Klinik,
    1867.

    3 J. C o l l a n , finska läkaresällsk. handl. XX., 1878 nach Schmidt’s Jahrbüchern,
    87, 1880.

    4 Erythroxylon Coca its physiological effects etc. Boston Medical and Surgical
    Journal 1882.

    5 Die physiologische Wirkung und Bedeutung des Cocaïn. muriat. auf den menschlichen
    Organismus. Beobachtungen während der Herbstübungen des Jahres 1883
    beim III. baierischen Armee-Corps. Deutsche medicinische Wochenschrift, 12.
    Dec. 1883.

    6 l. c.

  • S.

    303

    Die Wirkung einer mässigen Dosis Cocaïn klingt so allmälig ab,
    dass es schwer hält, unter gewöhnlichen Verhältnissen ihre Dauer zu bestimmen.
    Wenn man im Cocaïnzustand intensiv arbeitet, tritt nach 3–5 Stunden
    ein Nachlass des Wohlbefindens ein, und man bedarf einer weiteren Gabe
    Coca, u, sich von Ermüdung fernzuhalten. Wenn man nicht schwere Muskelarbeit
    leistet, scheint die Cocawirkung länger anzuhalten. Ganz übereinstimmend
    wird berichtet, dass der Coca-Euphorie kein Zustand von Ermattung
    oder anderweitiger Depression folgt. Ich möchte im Gegentheile glauben,
    dass ein Theil der Cocawirkung bei mässigen Dosen (0.05-0.10 gr.) über
    24 Stunden anhält. Wenigstens habe ich an mir noch am Tage nach der
    Coca-Einnahme einen Zustand beobachtet, welcher sich günstig von dem
    gewohnten unterschied, und ich möchte mir auss der Summirung solcher
    Nachwirkungen die Möglichkeit einer dauernden Kräftigung, die oftmals
    behauptet wurde, erklären.

    Dass Cocaïn bei längerem mässigen Gebrauch keine Störung im Organismus
    setzt, ist nach später mitzutheilenden Beobachtungen wahrscheinlich.
    v . A n r e p hat Thiere 30 Tage lang mit mässigen Cocaïngaben behandelt,
    ohne dergleichen nachtheilige Beeinflussungen der Körperfunctionen
    wahrzunehmen. Bemerkenswerth erscheint mir, was ich an mir selbst und
    anderen urtheilsfähigen Beobachtern erfahren habe, dass nach der ersten
    oder wiederholten Coca-Einnahme durchaus kein Verlangen nach weiterem
    Cocagebrauch eintritt, vielmehr eher eine gewisse, nicht motivirte, Abneigung
    gegen das Mittel. Vielleicht hat dieser Umstand dazu beigetragen, dass
    die Coca trotz einiger warmer Empfehlungen in Europa sich keinen Platz
    als Genussmittel erworben hat.

    Die Wirkung grosser Dosen Coca ist von M a n t e g a z z a an der eigenen
    Person geprüft worden. Er gerieth dabei in einen Zustand von enorm
    erhöhtem, glücklichem Lebensgefühl mit Neigung zur völligen Unbeweglichkeit,
    welche aber zeitweise durch den heftigsten Bewegungsdrang unterbrochen
    wurde. Die Analogie mit den Ergebnissen der Thierversuche von
    A n r e p ist dabei unverkennbar. Bei weiterer Steigerung der Dosis verblieb
    er unter excessiver Pulsfrequenz und mässiger Erhöhung der Körpertem-
    peratur in einem „sopore beato“, fand seine Sprache gestört, seine Schrift
    unsicher und bekam endlich die glänzendsten und reichhaltigsten Hallucinationen,
    die für kurze Zeit schreckhaften, dann beständig heiteren Inhalt
    hatten. Auch dieser Cocaïnrausch hinterliess keine Depression und keine
    Anzeichen einer überstandenen Intoxication. M o r é n o y

  • S.

    304

    Maïz hat ebenfalls nach grösseren Dosen Coca heftigen Antrieb zu
    Bewegungen beobachtet. Eine Bewusstseinsstörung stellte sich bei
    M a n t e g a z z a selbst nach Verbrauch von 18 Drachmen Cocablätter
    nicht ein; ein Apotheker, der um sich zu vergiften 1.5 Gramm
    Cocaïn genommen hatte,1 erkrankte unter den Erscheinungen einer
    Gastroenteritis ohne Trübung des Bewusstseins.

    VI. Die therapeutische Anwendung der Coca.

    Es konnte nicht fehlen, dass eine Pflanze, deren Genuss solche als wunderbar
    angestaunte Wirkungen äusserte, dort, wo sie einheimisch ist, auch gegen die
    verschiedenartigsten Störungen und Krankheiten des Organismus zur Anwendung
    gezogen wurde. In ähnlicher Weise uneingeschränkt war die Empfehlung
    der Coca von Seiten der ersten Europäer, welche auf diesen Schatz
    der eingeborenen Bevölkerung aufmerksam wurden. M a n t e g a z z a hat
    später auf Grund einer breiten ärztlichen Erfahrung eine Reihe von therapeutischen
    Indicationen für die Coca aufgestellt, von denen bald die eine, bald
    die andere Zustimmung bei anderen Aerzten gefunden hat. Ich habe mich
    im Folgenden bemüht, die in der Literatur vorhandenen Empfehlungen der
    Coca zusammenzustellen und dabei die auf Erfolge an Kranken gegründeten
    von jenen zu trennen, die aus der Erwägung der physiologischen Cocawirkung
    hergeleitet sind. Im Allgemeinen überwiegen die letzteren. In Nordamerika
    scheinen die Cocapräparate gegenwärtig einer grossen Verwendung und Anerkennung
    entgegen zu sehen, während sie in Europa der Mehrzahl der Aerzte
    kaum dem Namen nach bekannt geworden sind. Die ungünstigen Erfolge,
    von denen bald nach Einführung der Coca in Europa berichtet wurde, die
    zweifelhafte Güte, die Seltenheit und der hohe Preis der Präparate erklären
    diese Zurücksetzung der Coca in Europa, welche nach meiner Ueberzeugung
    eine unverdiente ist. Von den Indicationen, die sich für den Cocagebrauch
    aufstellen lassen, sind einige ganz unzweifelhaft sichergestellt, andere verdienen
    mindestens eine vorurtheilslose Prüfung. Das M e r c k ’sche Cocaïn und
    dessen Salze sind, wie nachgewiesen wurde, Präparate, denen die volle oder
    doch die wesentliche Wirkung der Cocablätter zukommt.

    a) C o c a a l s S t i m u l a n s . Die hauptsächlichste Anwendung der
    Coca wird wohl die bleiben, welche die Indianer seit Jahrhunderten von ihr
    gemacht haben: überall dort, wo es darauf ankommt, die physische Leistungsfähigkeit
    des Körpers für eine gegebene kurze

    1 P l o s s , Zeitschrift für Chirurgie, 1863.

  • S.

    305

    Zeit zu erhöhen und für neue Anforderungen zu erhalten, be-
    sonders wenn äussere Verhältnisse eine der grösseren Arbeit ent-
    sprechende Ruhe und Nahrungsaufnahme verhindern. So im Kriege,
    auf Reisen, Bergbesteigungen, Expeditionen u. dgl., wo ja auch die
    Alkoholica einen allgemein anerkannten Werth haben. Die Coca
    ist ein weit kräftigeres und unschädlicheres Stimulans als der Alkohol und
    ihrer Anwendung in grossem Massstabe steht derzeit nur ihr hoher Preis im
    Wege. Von der Wirkung der Coca auf die Eingebornen Südamerikas ausgehend,
    hat schon der alte ärztliche Autor P e d r o C r e s p o (Lima 1793)
    die Einführung der Coca in die europäische Marine, ebenso N e u d ö r f e r
    (1870), C l e m e n s (1867) und Surgeon-Major E. C h a r l e s1 in die
    europäischen Heere empfohlen, und A s c h e n b r a n d t ’s Erfahrungen
    dürften nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit der Heeresleitungen auf die
    Coca zu lenken. Wenn man Cocaïn als Stimulans gibt, wird man am besten
    kleine wirksame Dosen (0.05–0.10 gr.) so oft wiederholen, dass die Wirkung
    der einen an die der anderen anknüpft. Eine Anhäufung des Cocaïns im
    Körper scheint nicht stattzufinden; das völlige Ausbleiben von Depressionszuständen
    nach der Cocawirkung ist bereits betont worden.

    Wie viel man von der Coca zur Erhöhung der geistigen Leistungsfähigkeit
    erwarten darf, lässt sich jetzt nicht mit einiger Sicherheit beurtheilen. Ich
    habe den Eindruck empfangen, dass längerer Cocagebrauch eine anhaltende
    Besserung herbeiführen kann, wo die Hemmung nur durch körperliche Ursachen
    und Ermüdung gegeben ist. Die momentane Wirkung einer Gabe Coca
    darf man freilich nicht mit der einer Morphin-Injection vergleichen, aber
    dafür wird man die durch den chronischen Morphingebrauch verursachte
    allgemeine Schädigung des Organismus nicht befürchten müssen.

    Vielen Aerzten schien das Cocaïn berufen, eine Lücke im Arzneischatz
    der Psychiatrie auszufüllen, welcher bekanntlich über genug Mittel verfügt,
    die erhöhte Erregung der Nervencentren herabzusetzen, aber kein Mittel
    kennt, die herabgesetzte Thätigkeit derselben zu erhöhen. Demnach ist die
    Coca gegen die verschiedenartigsten psychischen Schwächezustände empfohlen
    worden: gegen Hysterie, Hypochondrie, melancholische Hemmung,
    Stupor u. dgl. Es werden auch einige Erfolge berichtet; so erzählt der Jesuit
    A n t o n i o J u l i a n (Lima 1787), dass ein gelehrter Missionär durch
    Coca von seiner hochgradigen Hypochondrie befreit wurde; M a n t e -
    g a z z a rühmt die Coca als fast immer wirksam in jenen Fällen von functionellen
    Störungen,

    1 Philadelphia Medical and Surgical Reporter 1883.

  • S.

    306

    die wir jetzt mit dem Namen der Neurasthenie decken; F l i e s b u r g 1
    hat die Coca ausgezeichnete Dienste in Fällen von „nervous prostration“
    geleistet, nach C a l d w e l l 2 ist sie das beste Tonicum bei Hysterie.

    Versuche mit systematischer, über Monate fortgesetzter Verabreichung des
    Cocaïns haben E. M o r s e l l i und G. B u c c o l a 3 an Melancholikern
    angestellt. Sie gaben ein von T r o m m s d o r f dargestelltes Cocaïn in
    subcutaner Injection, 0.0025–0.10 pro dosi. Nach 1–2 Monaten constatirten
    sie an ihren Kranken leichte Besserung, indem dieselben heiterer wurden,
    Nahrung zu sich nahmen und sich einer geregelten Verdauung erfreuten.4

    Im Ganzen ist die Indication der Coca bei den nervösen und psychischen
    Schwächezuständen weiterer Untersuchung bedürftig, die wahrscheinlich zu
    einem theilweise günstigen Ergebniss führen wird. Bei organischen Veränderungen
    und Entzündungszuständen im Nervensystem ist Coca nach M a n -
    t e g a z z a nutzlos, mitunter gefährlich.

    b) C o c a i n S t ö r u n g e n d e r M a g e n v e r d a u u n g . Diese
    Anwendung der Coca ist die älteste und am besten gerechtfertigte,
    zugleich unserem Verständniss am meisten nahegerückt. Nach den
    übereinstimmenden Angaben der ältesten wie der letzten Autoren (J u -
    l i a n , M a r t i u s , U n a n u é , M a n t e g a z z a , B i n g e l , 5
    S c r i v e n e r , 6 F r a n k l u. A.) beseitigt Coca in den verschiedensten
    Präparaten dyspeptische Beschwerden, die von ihnen abhängige Verstimmung
    und Schwäche, und bringt bei längerem Gebrauch dauernde Heilung
    zu Stande. Ich habe selbst eine Reihe von solchen Beobachtungen gemacht.

    Ebenso wie M a n t e g a z z a 7 und F r a n k l 8 es an sich erfahren,
    habe ich die peinlichen Beschwerden nach den grossen Mahlzeiten: Gefühl
    von Druck und Völle im Magen, Unbehagen und Arbeits-

    1 Detroit Therapeutic Gazette, February 1883.

    2 Review of some of our later remedies, Detroit Th. G. December 1880.

    3 Ricerche sperimentali sull’azione fisiologica e terapeutica della Cocaina. Rendiconti
    del R. Ist. Lombardo XIV., 1882.

    4 Ihre Angaben über die physiologische Wirkung des Cocaïns stehen im Einklang
    mit denen M a n t e g a z z a ’s. Sie beobachteten als unmittelbaren Erfolg der
    Cocaïn-Injectionen: Pupillenerweiterung, Temperaturerhöhung bis um 1.2°,
    Beschleunigung des Pulses und der Respiration. Ueble Zufälle treten niemals auf.

    5 Pharmakologisch-therapeutisches Handbuch. Erlangen 1862.

    6 l. c. „an excellent tonic in weakness of the stomach“.

    7 M a n t e g a z z a ’s ausführliche Krankengeschichten machen mir durchaus
    den Eindruck der Glaubwürdigkeit.

    8 Mittheilung über Coca von Dr. Josef F r a n k l , Badearzt in Marienbad. Zeitschrift
    der K. Gesellschaft der Aerzte 1860.

  • S.

    307

    unlust nach geringen Dosen Cocaïn (0.025-0.05 Gr.) unter Auf-
    stossen schwinden gesehen. Ich habe einigen Collegen zu wieder-
    holten Malen die gleiche Erleichterung verschafft und zweimal beo-
    bachtet, wie die Nausea nach gastrischen Excessen in kurzer Zeit
    dem Cocaïn wich und normaler Esslust und subjectivem Wohl-
    befinden Platz machte. Ich habe auch gelernt, mir die Magen-
    beschwerden nach Einführung von salicylsaurem Natron durch Zu-
    satz einer kleinen Menge Cocaïn zu ersparen.

    Mein geehrter College, Herr Dr. Josef P o l l a k , hat mir folgende Beobachtung
    einer eclatanten Cocawirkung zur Verfügung gestellt, welche zeigt,
    dass nicht nur die unangenehmen subjectiven Empfindungen von Seiten des
    Magens durch Cocaïn aufgehoben werden, sondern auch schwere reflectorische
    Erscheinungen, so dass man dem Cocaïn eine eingreifende Wirksamkeit
    auf die Schleimhaut und Musculatur des Organs zuschreiben muss.

    „Ein 42jähriger robuster, dem Arzte genau bekannter Mann ist zur
    strengsten Einhaltung einer gewissen Diät und bestimmter Essensstunden
    gezwungen, da er sonst den zu beschreibenden Zufällen niemals entgeht. Auf
    Reisen und unter dem Einflusse von Gemüthsbewegungen erweist er sich als
    besonders empfindlich. Die Anfälle verlaufen sehr regelmässig, beginnen des
    Abends mit einem Gefühle von Unbehagen im Epigastrium; dann tritt unter
    Röthung des Gesichts, Thränen der Augen, Klopfen der Carotiden heftiger
    Stirnkopfschmerz ein mit grösster Depression und Apathie; die Nacht wird
    schlaflos verbracht, gegen Morgen Stunden lange anhaltendes schmerzhaftes
    Erbrechen, gegen Mittag Beruhigung, bei Genuss einiger Löffel Suppe
    ein Gefühl, ‚als ob der Magen eine schwere Kugel, die lange in ihm gelegen,
    endlich fortwälzen würde‘, dann ranziges Aufstossen, bis gegen Abend der
    normale Zustand wiederkehrt. Den ganzen Tag über ist der Kranke arbeitsunfähig
    und muss zu Bette bleiben.“

    „Am 10. Juni um 8 Uhr Abends hatten sich die gewöhnlichen Vorboten eines
    Anfalls eingestellt; um 10 Uhr, als der heftige Kopfschmerz entwickelt war,
    bekam der Patient 0.075 Cocaïn mur. Bald darauf ein Gefühl von warmem
    Aufstossen, das dem Patienten als ‚noch zu wenig‘ erschien. Um ½11 nochmals
    0.075 Cocaïn; das Aufstossen verstärkt sich; Patient fühlt sich leichter,
    ist im Stande, einen längeren Brief zu schreiben. Er behauptet intensive Magenbewegungen
    zu verspüren, ist um 12 Uhr bis auf leichten Kopfschmerz
    normal, selbst heiter, legt einen Weg von einer Stunde

  • S.

    308

    zurück, kann bis 3 Uhr Morgens nicht einschlafen, was ihm
    aber nicht peinlich erscheint, wacht dann am nächsten Morgen gesund,
    arbeitskräftig und mit gutem Appetit auf.“

    Die Wirkung des Cocaïns auf den Magen ist, wie auch M a n t e g a z z a
    annimmt, eine zweifache; Anregung der Bewegungen und Herabsetzung
    der Magenempfindlichkeit. Die letztere wird nicht nur durch die subjectiven
    Empfindungen nach Coca-Einnahme, sondern auch durch die analoge
    Wirkung des Cocaïns auf andere Schleimhäute wahrscheinlich gemacht.
    M a n t e g a z z a behauptet, die glänzendsten Erfolge bei Gastralgien und
    Enteralgien, bei allen schmerz- und krampfhaften Affectionen des Magens
    und der Därme erzielt zu haben, welche er durch die anästhesirende Eigenschaft
    der Coca erklärt. Nach dieser Richtung kann ich M a n t e g a z z a ’s
    Erfahrungen nicht bestätigen; ich sah nur einmal im Verlaufe eines Magendarmkatarrhs
    die Druckempfindlichkeit des Magens nach Coca schwinden;
    andere Male sah ich selbst und hörte auch von anderen Aerzten, dass Kranke,
    bei denen ein Verdacht auf Geschwür oder Narben im Magen vorlag, über
    Verstärkung der Schmerzen nach Cocagebrauch klagten, welche Thatsache
    durch die Verstärkung der Magenbewegungen erklärlich wird.
    Als gesicherte Indication für den Cocagebrauch möchte ich demnach atonische
    Verdauungsschwäche und die sogenannten nervösen Magenstörungen
    aufführen. In diesen Zuständen dürfte nicht nur symptomatische Erleichterung,
    sondern dauernde Besserung zu erreichen sein.

    c) C o c a i n K a c h e x i e n . Längerer Cocagebrauch ist ferner
    dringend empfohlen und angeblich auch mit Erfolg versucht worden in allen
    krankhaften Zuständen, die mit Consumption der Gewebe einhergehen
    wie: schwere Anaemien, Phthise, langdauernde fieberhafte Erkrankungen
    u. dgl., endlich in der Reconvalescenz von solchen Zuständen. So hat M c
    B e a n 1 bei typhösem Fieber unter dem Gebrauch der Coca eine stetig
    zunehmende Besserung gesehen, bei Phthise soll dieselbe das Fieber
    einschränkenden und die Schweisse mildernden Einfluss zeigen. P e c k -
    h a m 2 berichtet über einen Fall von sicher erkannter Phthise, der nach
    7monatlichem Gebrauch von Fluid extract of Coca sich auffällig besserte,
    H o l e 3 über einen an

    1 Erythroxylon Coca in the treatment of typus and typhoid fevers, and also of other
    febrile diseases. British Medical Journal, vol. I for 1877.

    2 Detroit Therapeutic Gazette, July 1880.

    3 Coca Erythroxylon in exhaustion. Detroit Th. G., Oct. 1880.

  • S.

    309

    deren, ziemlich dunkeln Fall, in welchem eine chronische Appetit-
    losigkeit zu grosser Abzehrung und Erschöpfung geführt hatte, die
    Anwendung von Coca aber die Gesundheit wieder herstellte, R. B a r-
    t h o l o w 1 hat im Allgemeinen bei Phthise und anderen
    „zehrenden Processen“ günstige Cocawirkung beobachtet; M a n t e g a z z a
    sowie mehrere andere Autoren sprechen der Coca dieselbe für die Therapie
    unschätzbare Leistung zu, in Kachexien den Körperverfall einzuschränken
    und die Kräfte zu heben.

    Man kann versuchen, diese Erfolge zum Theil auf die unzweifelhaft günstige
    Einwirkung der Coca auf die Magenverdauung zurückzuführen, muss
    sich aber gegenwärtig halten, dass ein guter Theil der Autoren über Coca
    diese als ein „Sparmittel“ ansehen, d. h. der Meinung sind, dass ein Organismus,
    der eine äusserst geringe Menge Cocaïn in sich aufgenommen hat,
    im Stande sei, aus denselben Zersetzungen eine grössere Menge lebendiger
    Kraft, die in Arbeit umgesetzt werden kann, zu gewinnen als ohne Coca.2
    Bei sich gleich bleibender Arbeitsleistung müsste der cocaïnisirte Organismus
    bei geringerem Stoffumsatz, also auch bei geringerer Nahrungsaufnahme
    sich erhalten können.

    Diese Annahme wurde offenbar zur Erklärung der nach v . Vo i t ’ s 3
    Bemerkung unbegriffenen Cocawirkung auf die Indianer gemacht. Sie involvirt
    auch nicht nothwendig einen Widerspruch gegen das Gesetz der Erhaltung
    der Energie. Denn bei der Arbeitsleistung auf Kosten von Nahrungsmitteln
    oder Gewebsbestandtheilen tritt ein gewisser Verlust ein – entweder
    bei der Ausnützung der zersetzten Stoffe oder bei der Umwandlung der
    gewonnenen Energie in Arbeit – der vielleicht durch geeignete Anordnungen
    verringert werden könnte. Ein solcher Vorgang ist aber nicht erwiesen
    worden. Die Versuche über den Betrag der Harnstoffausscheidung bei und
    ohne Cocagebrauch haben nicht übereinstimmende Ergebnisse geliefert, sind
    wohl auch nicht immer unter den Bedingungen angestellt worden, in denen
    sie allein beweiskräftig sein könnten. Diese Versuche scheinen überdies
    unter der Voraussetzung gemacht worden zu sein, dass man in der – durch
    Arbeit bekanntlich nicht veränderlichen – Harnstoffausscheidung das Mass
    für den allgemeinen Stoffumsatz finden könne. So hat C h r i s t i s o n an
    sich eine leichte Abnahme der festen Harnbestandtheile während der mit
    Coca unternommenen Spazier-

    1 Detroit Th. G., Sept. 1880 nach Louisville Medical News.

    2 Marvaud, Les aliments d’épargne. Paris 1874.

    3 Physiologie des allgem. Stoffwechsels, 1881. Hermann’s Handbuch VI. 1

  • S.

    310

    gänge beobachtet. L i p p m a n n , D e m a r l e , M a r v a u d und neuer-
    dings M a s o n 1 ziehen aus ihren Versuchen ebenfalls den Schluss,
    dass Coca-Einnahme die ausgeschiedene Harnstoffmenge verringere,
    G a z e a u2 hat dagegen unter der Cocawirkung eine Zunahme der
    Harnstoffausscheidung um 11–24% constatirt und erklärt die Nahrungs-
    entbehrung und Arbeitsfähigkeit bei Cocagebrauch durch eine bessere
    Verfügbarkeit der im Körper angehäuften Stoffe. Die Kohlensäureaus-
    scheidung ist nicht zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht worden.

    Vom Kaffee, der ebenfalls als ein Sparmittel galt, hat V o i t nachgewiesen,
    dass er keinen Einfluss auf die Eiweisszersetzung im Organismus hat.
    Die Auffassung der Coca als Sparmittel muss durch Versuche als erschüttert
    betrachtet werden, in denen man Thiere mit und ohne Cocaïn hungern liess
    und die Abnahme des Körpergewichts sowie die Zeit, durch die sie der Inanition
    widerstanden, bestimmte. Solche Versuche sind angestellt worden von
    Cl. B e r n a r d 3 , M o r é n o y M a ï z , D e m a r l e , G a z e a u
    und v . A n r e p und haben das Resultat ergeben, dass cocaïnisirte Thiere
    ebenso rasch, vielleicht etwas rascher, der Inanition als nicht cocaïnisirte
    erliegen. Als ein Widerspruch erscheint dagegen jenes von der Geschichte
    angestellte von U n a n u é berichtete Experiment bei der Aushungerung
    der Stadt L a P a z , in welchem diejenigen Einwohner, die Coca genossen,
    dem Hungertode entgingen. Man kann sich hier darauf berufen, dass beim
    Menschen das Nervensystem einen unzweifelhaften, wiewohl dunkeln Einfluss
    auf die Ernährung der Gewebe ausübt; kann ein gesunder Mensch doch
    in Folge psychischer Einflüsse abmagern.

    Die therapeutische Indication, von der wir ausgegangen sind, erscheint
    daher nicht von vorne herein verwerflich; die Erregung der Nervencentren
    durch Cocaïn kann einen günstigen Einfluss auf die Körperernährung bei
    Consumptionen ausüben, wenngleich derselbe nicht in einer Verlangsamung
    des Stoffwechsels bestehen dürfte.

    Hier wäre anzuschliessen, dass Coca auch warme Lobredner bei Syphilis
    gefunden hat. R. W. Ta y l o r 4 behauptet, dass mehr Quecksilber
    vertragen und die Mercurkachexie hintangehalten wird bei gleichzeitigem
    Cocagebrauch, und J. C o l l a n5 empfiehlt es als

    1 Erythroxylon coca, its physiological effect and especially its effect on the excretion
    of urea by the kidneys. Boston Med. and Surg. Journal, 1882.

    2 Comptes rendus de l’Académie des sciences, II. 1870.

    3 Bei Marvaud.

    4 Pathology and Treatment in venereal diseases in Detroit Th. G., February 1884.

    5 l. c.

  • S.

    311

    das beste Mittel gegen Stomatitis mercurialis und theilt mit, dass
    P a g v a l i n es stets neben Quecksilberpräparaten verordne.

    d) C o c a i n d e r M o r p h i n - u n d A l k o h o l - E n t -
    w ö h n u n g . In den letzten Jahren ist in Amerika die wichtige Wahrnehmung
    gemacht worden, dass die Cocapräparate die Kraft besitzen, den
    Morphinhunger bei gewohnheitsmässigen Morphinisten zu unterdrücken
    und die bei der Morphinentwöhnung auftretenden schweren Collapserscheinungen
    auf ein geringes Mass zurückzuführen. Nach meinen zumeist aus
    der „Detroit Therapeutic Gazette“ geschöpften Informationen war es W. H.
    B e n t l e y , 1 der im Mai 1878 bekannt machte, dass er einer Morphinistin
    das gewohnte Alkaloid durch Coca ersetzt habe. P a l m e r scheint
    zwei Jahre später durch einen Aufsatz in den „Louisville Medical News“ das
    allgemeinste Interesse für diese Behandlung des Morphinismus erregt zu
    haben, denn „Erythroxylon coca in the opium habit“ bildet für die nächsten
    zwei Jahre eine stehende Rubrik in den Berichten der „Therapeutic Gazette“.
    Von da ab werden die Nachrichten von gelungenen Entziehungscuren seltener;
    ob in Folge der Einbürgerung oder des Verlassens dieser Behandlung,
    weiss ich nicht zu sagen. Aus Ankündigungen von Händlern in den letzten
    Nummern amerikanischer Zeitungen möchte ich das Erstere schliessen.

    Es sind etwa 16 Mittheilungen, die von gelungenen Entziehungen berichten,
    und nur einmal tritt die Nachricht auf, dass Coca bei einem Morphinisten
    in Stich gelassen habe, woran sich die Anfrage des Arztes knüpft,
    was es für Bewandtniss mit den vielen warmen Empfehlungen der Coca bei
    Morphinismus habe.2 Die glücklichen Fälle sind von verschieden grosser
    Beweiskraft, in einigen handelt es sich um sehr grosse Dosen Opium oder
    Morphin und langjährige Gewöhnung. Von Recidiven wird wenig berichtet,
    da die Fälle zumeist sehr bald nach der Heilung mitgetheilt wurden. Die
    Erscheinungen während der Abstinenz werden nicht immer ausführlich mitgetheilt;
    besonderen Werth haben jene Mittheilungen, denen die Bemerkung
    beigefügt ist, dass die Patienten nach einigen Wochen das Cocapräparat wegliessen,
    ohne die Wiederkehr des Morphinhungers zu verspüren.3 Dass die
    Morphinkachexie der blühendsten Gesundheit wich, so dass die Kranken
    kaum zu erkennen waren,

    1 Erythroxylon coca in the opium and Alcohol habits, D. T. G., Sept. 1880.

    2 D. T. G., Nov. 1880.

    3 J. Brenton, T. G., März 1881. – G. H. Gray aus The medical brief T. G., Juni
    1881. – H. Leforger, Dec. 1872. –

  • S.

    312

    wird mehrmals hervorgehoben.1 Die Art und Weise der Entziehung
    betreffend, ist anzugeben, dass in der Mehrzahl der Fälle die all-
    mälige Verringerung der habituellen Dosis bei steigender Cocadosis
    gewählt wurde, doch sind auch plötzliche Entziehungen vorgenommen
    worden2 Für die letzteren gibt P a l m e r die Vorschrift, eine
    gewisse Dosis Coca so oft im Tage zu wiederholen, als das Morphingelüste
    wiederkehrt.3 Der tägliche Cocagebrauch verringert sich dabei allmälig, bis
    man das Antidot gänzlich entbehren kann. Die Zufälle während der Abstinenz
    waren von Anfang an gering oder milderten sich nach wenigen Ta-
    gen. Fast alle Entwöhnungen wurden von den Kranken selbst durchgeführt,
    während die Morphinentziehung ohne Hilfe der Coca, wie sie in Europa
    durchgeführt wird, die Ueberwachung des Kranken in einer Heilanstalt zur
    nothwendigen Voraussetzung hat.

    Ich hatte Gelegenheit, eine plötzliche Morphinentziehung unter Cocagebrauch
    bei einem Manne zu beobachten, der bei einer früheren Entziehungscur
    unter den schwersten Abstinenzerscheinungen gelitten hatte. Das
    Befinden war diesmal ein erträgliches, insbesondere fehlten Depression und
    Nausea, so lange die Cocawirkung anhielt; Frieren und Diarrhöe waren die
    einzigen permanenten Symptome, welche an die Abstinenz erinnerten. Der
    Kranke blieb ausser Bette und leistungsfähig, und verbrauchte in den ersten
    Tagen je 3 Decigramm Cocaïnum muriaticum; nach 10 Tagen konnte er das
    Mittel bei Seite lassen.

    Es handelt sich bei der Morphinentziehung durch Coca also nicht um
    einen Tausch, bei welchem aus dem Morphinisten ein Coquero wird, sondern
    nur um einen temporären Cocagebrauch. Ich glaube auch nicht, dass
    es die allgemein stählende Wirkung der Coca ist, welche den durch Morphin
    geschwächten Organismus in den Stand setzt, die Morphinentziehung unter
    geringfügigen Symptomen zu überstehen. Ich möchte eher annehmen, dass
    der Coca eine direct antagonistische Wirkung gegen das Morphin zukommt,
    und kann zur Unterstützung dieser Meinung einen Fall mittheilen, den ich
    den Beobachtungen des Herrn Dr. Josef P o l l a k entlehne:
    „Eine 33jährige Dame leidet seit Jahren an schwerer menstrualer Migraine,
    welche nur durch eine Morphiuminjection gelin-

    1 E. C. Huse, T. G. Sept. 1880. – Henderson, T. G. Februar 1881.

    2 R. Taggart, T. G. Mai 1881. – A. F. Stimmel, TG. Juli 1881.

    3 T. G., Juli 1880. Das angewendete Präparat war zumeist das Fluid extract von
    Parke, Davis & Cie.

  • S.

    313

    dert wird. Obwohl die Dame in den migrainefreien Zeiten niemals
    Morphium nimmt oder Gelüste danach empfindet, verhält sie sich
    doch während ihrer Anfälle wie eine Morphinistin. Wenige Stunden
    nach der Injection treten hochgradige Depression, Uebligkeiten, Er-
    brechen ein, denen eine nochmalige Morphineinspritzung ein Ende
    macht, worauf die Erscheinungen der Intoleranz sich wiederholen,
    so dass ein Migraineanfall mit seinen Consequenzen die Kranke durch
    drei Tage in einem elenden Zustande ans  Bett fesselt. Es wurde
    nun Cocaïn gegen die Migraine gegeben, erwies sich aber als nutz-
    los. Man musste zur Morphiuminjection zurückgreifen, aber als die
    Erscheinungen der Morphiumintoleranz auftraten, wurden sie rasch
    durch 1 Decigramm Cocaïn beseitigt, so dass die Kranke ihren Anfall
    in weit kürzerer Zeit überstanden und dabei viel weniger Morphin
    verbraucht hatte.)

    Gleichzeitig mit der Anwendung gegen den Morphinismus wurde Coca
    in Amerika gegen chronischen Alkoholismus gegeben und zumeist unter
    Einem darüber berichtet.1 Auch hier wurden unzweifelhafte Erfolge erzielt,
    die unwiderstehliche Trinklust aufgehoben oder gelindert, die dyspeptischen
    Beschwerden der Trinker gebessert. Die Unterdrückung des Alkoholgelüstes
    durch Coca erwies sich im Allgemeinen schwieriger als die der Morphiumsucht;
    in einem Falle, theilt B e n t l e y mit, wurde aus dem Potator
    ein Coquero. Zu welcher ungeheuren nationalökonomischen Bedeutung als
    „Sparmittel“ in anderem Sinne die Coca gelangen würde, wenn deren Wirksamkeit
    zur Entwöhnung der Trinker sich bestätigte, braucht nur angedeutet
    zu werden.

    e) C o c a g e g e n A s t h m a . T s c h u d i und M a r k h a m 2
    erzählen, dass sie bei dem Kauen der Cocablätter von der sogenannten
    Bergkrankheit, dem aus Dyspnoë, Herzklopfen, Schwindel u. s. w. zusammengesetzten
    Symptomencomplex bei Besteigung der A n d e s verschont
    blieben. – P o i z a t 3 berichtet, dass die asthmatischen Anfälle eines
    Kranken jedesmal durch Coca coupirt wurden. Ich führe diese Indication
    der Coca an, weil sie eine physiologische Begründung zuzulassen scheint.
    Frühzeitige Lähmung einiger Vagusäste ergab sich aus den Thierversuchen v .
    A n r e p ’s, und das Höhen-

    1 W. H. Bentley, T. G. Sept. 80. – Volum. Jan. 1881. – H. Warner, März 8. –Stimmel,
    April und Juli 81. –

    2 Travels in Peru and India 1862.

    3 The Erythroxylon coca in Asthma. Philadelphia Medical and Surgical Reporter,
    1881. 

  • S.

    314

    asthma wie die Anfälle bei chronischer Bronchitis dürfen als reflec-
    torische Erregungen von den Lungenästen des Vagus her gedeutet
    werden. Es wäre die Anwendung der Coca bei anderen Vagusneurosen
    in Betracht zu ziehen.

    f) C o c a a l s A p h r o d i s i a c u m . Die Eingeborenen
    Südamerika’s, die ihre Liebesgöttin mit Cocablättern in der Hand darstellten,
    zweifelten nicht an der erregenden Wirkung der Coca auf die Genitalsphäre.
    M a n t e g a z z a bestätigt, dass die Coqueros hohe Potenz bis ins
    Greisenalter bewahren, theilt auch selbst Fälle von der Wiederherstellung
    der Potenz und Schwinden von Erscheinungen functioneller Schwäche nach
    Cocagebrauch mit, möchte aber doch glauben, dass diese Wirkung der Coca
    nicht bei allen Individuen hervortritt. M a r v a u d tritt mit Entschiedenheit
    für die stimulirende Wirkung der Coca ein, andere Autoren empfehlen
    Coca angelegentlich bei functioneller Schwäche und temporärer Erschöpfung,
    und B e n t l e y berichtet von der Heilung eines hieher gehörigen
    Falles.1

    Unter den Personen, denen ich Coca gab, haben mir drei von heftiger
    sexueller Erregung, die sie unbedenklich auf die Coca bezogen, berichtet.
    Ein junger Schriftsteller, der nach längerer Verstimmung durch Coca in den
    Stand gesetzt wurde, seine Arbeit aufzunehmen, verzichtete auf den Cocagebrauch
    wegen dieser ihm unerwünschten Nebenwirkung.

    g) O e r t l i c h e A n w e n d u n g d e r C o c a . Die Eigenschaft
    des Cocaïns und seiner Salze, Haut und Schleimhaut, mit welchen sie in
    concentrirter Lösung in Berührung kommen, zu anästhesiren, ladet zu
    gelegentlicher Verwendung insbesondere bei Schleimhautaffectionen ein.
    Nach C o l l i n 2 rühmt Ch. F a u v e l das Cocaïn in der Behandlung
    der Pharynxkrankheiten und bezeichnet es als „le tenseur par excellence de
    chordes vocales“. Anwendungen, die auf der anästhesirenden Eigenschaft des
    Cocaïns beruhen, dürften sich wohl noch mehrere ergeben.

    1 T. G., Dec. 1880.
    2 De la coca et de ses véritables propriétés thérapeutiques. L’Union médicale, 1877.