Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene 1895-005/1893.5

Freud, Sigmund (1895-005/1893.5): Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene

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  • S.

    [Wiener Medizinsiche Presse. XXXIX. Jahrgang, Nr. 4]

    [...]

    [Originale und klinsiche Vorlesungen.]

    Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene.

    Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud in Wien.*)

    Meine Herren!

     

    Ich trete heute vor Sie hin mit der Absicht, Ihnen das
    Referat über eine Arbeit zu erstatten, deren erster Theil unter
    dem Namen Josef Breuers' und dem meinigen bereits im „Central-
    blatt für Neurologie" publiziert wurde. Wie Sie aus dem Titel der
    Arbeit ersehen, handelt sie von der Pathogenese der hysteri-
    schen Symptome und läßt errathen, daß die nächsten Gründe
    für die Entstehung hysterischer Symptome auf dem Gebiete
    des psychischen Lebens zu suchen sind.

    Ehe ich aber weiter auf den Inhalt dieser gemeinsamen
    Arbeit eingehe, muß ich Ihnen sagen, an welche Stelle sie
    gehört und muß Ihnen den Autor und Fund nennen, an den
    wir, wenigstens der Sache nach, angeknüpft haben, wenngleich
    die Entwicklung unseres Beitrages eine durchaus selbst-
    ständige war.

    Sie wissen, meine Herren, alle unsere neuen Fortschritte i
    m Verständniß und in der Erkenntniß der Hysterie knüpfen
    an die Arbeiten von CHARCOT an. CHARCOT hat in der ersten
    Hälfte der Achtziger-Jahre angefangen, seine Aufmerksamkeit der
    „großen Neurose", wie die Franzosen sagen, der Hysterie zu
    schenken. In einer Reihe von Forschungen hat er es dahin
    gebracht, Regelmäßigkeit und Gesetz dort nachzuweisen, wo
    unzulängliche oder verdrossene klinische Beobachtung Anderer
    nur Simulation oder rätselhafte Willkür gesehen. Man
    kann sagen, direct oder indirect geht auf seine Anregung
    Alles zurück, was wir in der letzten Zeit Neues von der
    Hysterie erfahren haben. Unter den vielfachen Arbeiten CHARCOT's
    steht aber meiner Schätzung nach keine höher als jene, in
    welcher er uns die traumatischen Lähmungen, welche bei
    ___
    *) Vortrag, gehalten von Dr. SIGM. Freud ind er Sitzung des „Wiener
    med. Club" am 11. Januar 1893. Vom Vortr. revidiertes Original-Stenogramm der
    „Wiener Med. Presse".

     

    Hysterie auftreten, verstehen lehrte, und da es gerade diese
    Arbeit ist, als deren Fortsetzung die unsere erscheint, bitte
    ich Sie zu gestatten, daß ich dieses Thema nochmals aus-
    führlicher vor Ihnen behandle.

    Nehmen Sie den Fall an, ein Individuum, welches vorher
    nicht krank gewesen, vielleicht nicht einmal hereditär belastet
    sei, werde von einem Trauma betroffen. Dieses Trauma muß
    gewisse Bedingungen erfüllen; es muß schwer sein, d. h. von
    der Art, daß die Vorstellung einer Lebensgefahr, der Bedro-
    hung der Existenz damit verbunden ist; es darf aber nicht
    schwer sein in dem Sinne, daß die psychische Thätigkeit
    dabei aufhört; sonst entfällt der Effect, den wir davon
    erwarten; es darf also z. B. nicht mit einer Gehirnerschütte-
    rung, mit einer wirklichen schweren Verletzung einhergehen.
    Ferner muß dieses Trauma eine besondere Beziehung zu einem
    Körpertheil haben. Nehmen Sie an, ein schweres Scheit Holz
    trifft einen Arbeiter auf die Schulter. Dieser Stoß wirft ihn
    nieder, doch überzeugt er sich bald, daß nichts geschehen sei
    und er geht mit einer leichten Quetschung nach Hause. Nach
    einigen Wochen oder nach Monaten erwacht er eines
    Morgens und bemerkt, daß der Arm, den das Trauma getroffen
    hat, schlaff, gelähmt herabhängt, nachdem er ihn in der
    Zwischenzeit, gewissermaßen in der Incubationszeit, voll-
    kommen gut gebraucht hat. Wenn es ein typischer Fall war,
    so kann es vorkommen, daß sich eigenthümliche Anfälle ein-
    stellen, daß das Individuum nach einer Aura1 plötzlich zu-
    sammenfällt, tobt, delirirt, und wenn es in diesem Delirium
    spricht, ist daraus zu entnehmen, daß sich in ihm die Scene
    des Unfalles, etwa mit verschiedenen Phantasmen ausgeschmückt,
    wiederholt. Was ist hier vorgegangen, wie ist dieses Phänomen
    zu erklären? CHARCOT erklärt diesen Vorgang, indem er ihn
    reproducirt, indem er die Lähmung künstlich an einem
    Kranken erzeugt.

    Er bedarf dazu eines Kranken, der sich schon in einem
    hysterischen Zustand befindet, des Zustandes der Hypnose und
    des Mittels der Suggestion. Einen solchen Kranken versetzt
    er in tiefe Hypnose, gibt ihm einen leichten Schlag auf den
    Arm, dieser Arm fällt herab, ist gelähmt und zeigt genau
    dieselben Symptome, wie bei spontaner traumatischer Lähmung.

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    Dieser Schlag kann auch ersetzt werden durch directe
    verbale Suggestion: „Du, dein Arm ist gelähmt“; auch da
    zeigt die Lähmung den nämlichen Charakter.

    Versuchen wir, diese beiden Fälle miteinander zu ana-
    logisiren. Hier das Trauma, dort die traumatische Suggestion;
    der Endeffect, die Lähmung ist in beiden Fällen ganz der-
    nämliche. Wenn das Trauma des einen Falles im anderen
    Falle ersetzt werden kann durch die verbale Suggestion, so
    liegt es nahe, anzunehmen, daß auch bei der spontanen trau-
    matischen Lähmung eine solche Vorstellung an der Entstehung
    der Lähmung schuld war, und in der That berichtet eine
    Anzahl von Kranken, daß sie im Moment des Traumas wirk-
    lich die Empfindung hatten, daß ihr Arm zerschmettert sei.
    Dann wäre das Trauma wirklich durchaus gleichzusetzen der
    verbalen Suggestion. Dann fehlt aber noch ein Drittes, um
    die Analogie zu vervollständigen. Damit die Vorstellung „der
    Arm ist gelähmt“ bei dem Kranken wirklich eine Lähmung
    hervorrufen konnte, war nothwendig, daß sich der Kranke
    im Zustand der Hypnose befinde. Der Arbeiter befand sich
    aber nicht in Hypnose, wir können jedoch annehmen, daß er
    sich während des Traumas in einem besonderen Geisteszustand
    befand, und Charcot ist geneigt, diesen Affect gleichzustellen
    dem künstlich hervorgerufenen Zustand der Hypnose. Damit
    ist die traumatische spontane Lähmung vollständig erklärt
    und in Analogie gebracht mit der durch Suggestion erzeugten
    Lähmung, und das Entstehen des Symptoms ist durch die
    Umstände des Traumas eindeutig determinirt.

    Dasselbe Experiment hat Charcot aber auch zur Er-
    klärung der Contracturen und Schmerzen, welche bei trau-
    matischer Hysterie auftreten, wiederholt, und ich möchte sagen,
    daß Charcot selbst kaum in irgend einem anderen Punkte so
    tief in das Verständniß der Hysterie eingedrungen ist, wie
    gerade in dieser Frage. Aber hier endet seine Analyse, wir
    erfahren nicht, wie andere Symptome entstehen und vor Allem
    nicht, wie die hysterischen Symptome bei der gemeinen, nicht
    traumatischen Hysterie zu Stande kommen.

    Meine Herren! Ungefähr gleichzeitig, als Charcot die
    hystero-traumatischen Lähmungen auf diese Weise durch-
    leuchtete, hat Dr. Breuer 1880–1882 einer jungen Dame
    seinen ärztlichen Beistand geschenkt, welche sich — durch nicht
    traumatische Aetiologie — bei der Pflege ihres kranken Vaters
    eine schwere und complicirte Hysterie mit Lähmungen, Con-
    tracturen, Sprach- und Sehstörungen und allen möglichen
    psychischen Besonderheiten zugezogen hatte. Dieser Fall wird
    seine Bedeutung für die Geschichte der Hysterie behalten,
    denn er war der erste Fall, wo es dem Arzte gelang, alle
    Symptome des hysterischen Zustandes zu durchleuchten, von
    jedem Symptom die Herkunft zu erfahren und gleichzeitig
    den Weg zu finden, dieses Symptom wieder zum Verschwinden
    zu bringen; es war sozusagen der erste durchsichtig gemachte
    Fall von Hysterie. Dr. Breuer bewahrte die Schlußfolgerungen,
    welche dieser Fall ziehen ließ, bei sich, bis er die Gewißheit
    erlangt hatte, daß er nicht vereinzelt dastünde. Nachdem ich
    im Jahre 1886 von einem Studienaufenthalt bei Charcot zurück-
    gekehrt war, begann ich, in stetem Einvernehmen mit Breuer,
    eine größere Reihe von hysterischen Kranken genau zu be-
    obachten und nach dieser Richtung hin zu untersuchen, und
    fand, daß das Verhalten jener ersten Patientin in der That
    ein typisches war, und daß die Schlüsse, zu welchen dieser
    Fall berechtigte, auf eine größere Reihe, wenn nicht auf die
    Gesammtzahl der Hysterischen übertragen werden dürfen.

    Unser Material bestand aus Fällen von gemeiner, also
    nicht traumatischer Hysterie; wir gingen so vor, daß wir
    uns bei jedem einzelnen Symptom nach den Umständen er-
    kundigten, unter denen dieses Symptom zuerst aufgetreten
    war, und uns auf diese Art auch über die Veranlassung
    Klarheit zu verschaffen suchten, welche möglicher Weise für
    dieses Symptom maßgebend sein konnte. Nun meinen Sie ja
    nicht, daß das eine einfache Arbeit ist. Wenn Sie Patienten
    in dieser Beziehung ausfragen, so bekommen sie meist zunächst

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    gar keine Antwort; in einer kleinen Reihe von Fällen haben
    die Kranken ihre Gründe, das, was sie wissen, nicht zu
    sagen, in einer größeren Anzahl haben die Patienten that-
    sächlich keine Ahnung von dem Zusammenhange der Symptome.
    Der Weg, auf welchem etwas zu erfahren ist, ist schwierig
    und folgendermaßen: Man muß die Kranken in Hypnose ver-
    setzen und sie dann nach der Herkunft eines gewissen
    Symptomes ausfragen, wann dasselbe zum ersten Male auf-
    getreten, und an was sie sich dabei erinnern. In diesem
    Zustande kehrt die Erinnerung, über welche sie im wachen
    Zustande nicht verfügen, zurück. Auf diese Art haben wir
    erfahren, daß, um es grob zu sagen, hinter den meisten, wenn
    nicht hinter allen Phänomenen der Hysterie ein mit Affect
    betontes Erlebniß steckt, und daß ferner dieses Erlebniß von
    solcher Art ist, daß es das Symptom, welches sich darauf bezieht,
    unmittelbar verstehen läßt, daß also dieses Symptom wieder
    eindeutig determinirt ist. Jetzt kann ich bereits den ersten
    Satz formulieren, zu welchem wir gelangt sind, wenn Sie mir
    gestatten, dieses mit Affect betonte Erlebniß gleichzustellen
    jenem großen traumatischen Erlebniß, welches der traumatischen
    Hysterie zu Grunde liegt: Es besteht eine volle
    Analogie zwischen der traumatischen Lähmung
    und der gemeinen, nicht traumatischen Hysterie.
    Der Unterschied ist nur der, daß dort ein einziges großes Ereigniß
    zu constatiren ist, sondern eine Reihe von affectvollen Ein-
    drücken; eine ganze Leidensgeschichte. Es hat aber nichts
    Gezwungenes, diese Leidensgeschichte, welche sich bei Hyste-
    rischen als veranlassendes Moment ergibt, mit jenem Unfall
    bei der traumatischen Hysterie gleichzustellen, denn es zweifelt
    heute Niemand mehr, daß auch bei dem großen mechanischen
    Trauma der traumatischen Hysterie es nicht das mechanische
    Moment ist, welches zur Wirkung kommt, sondern der
    Schreckaffect, das psychische Trauma. Es ergibt sich also
    daraus als Erstes, daß das Schema der traumatischen Hysterie,
    wie es Charcot für die hysterischen Lähmungen gegeben hat,
    ganz allgemein für alle hysterischen Phänomene oder wenigstens
    für die größte Zahl derselben gilt; überall handelt es sich
    um die Wirkung psychischer Traumen, welche die Natur
    der so entstehenden Symptome eindeutig bestimmen.

    Gestatten Sie mir nun, Ihnen hiefür einige Beispiele vor-
    zuführen. Zunächst ein Beispiel für das Auftreten von Con-
    tracturen. Die bereits erwähnte Patientin Breuer’s wies
    während der ganzen Zeit ihrer Krankheit eine Contractur des
    rechten Armes auf. In der Hypnose stellte sich heraus, daß
    sie zur Zeit, als sie noch nicht erkrankt war, einmal folgendes
    Trauma erlitten hatte: Sie saß halbschlummernd am Bette
    des kranken Vaters und hatte den rechten Arm über die
    Sessellehne hängen, wobei ihr derselbe einschlief. In diesem
    Momente hatte sie eine schreckhafte Hallucination, welche sie
    mit ihrem Arm abwehren wollte, was aber nicht gelang.
    Darüber erschrak sie heftig und damit war die Sache vor-
    läufig auch abgethan. Erst mit dem Ausbruch der Hysterie
    kam es zur Contractur dieses Armes. Bei einer anderen
    Kranken beobachtete ich ein eigenartiges Schnalzen mit der
    Zunge mitten in der Rede, ähnlich dem Balzen des Auerhahns.
    Ich kannte dieses Symptom an ihr bereits Monate lang und
    hielt es für einen Tic. Erst als ich zufällig einmal in der
    Hypnose mich nach dem Ursprung desselben erkundigte, stellte
    sich heraus, daß das Geräusch bei zwei Gelegenheiten zum ersten
    Male aufgetreten war, wo sie beide Male den festen Vorsatz
    hatte, sich absolut ruhig zu verhalten, einmal als sie ihr
    schwerkrankes Kind pflegte — Krankenpflege kommt oft in
    der Aetiologie der Hysterie vor — und sich vornahm, das-
    selbe, das eben eingeschlafen war, durch kein Geräusch zu
    wecken. Aber die Furcht vor der That schlug in die Action
    um (hysterischer Gegenwille!) und, die Lippen aufeinander-
    pressend, machte sie jenes schnalzende Geräusch mit der
    Zunge. Dasselbe Symptom entstand viele Jahre später ein
    zweites Mal, als sie sich gleichfalls vorgenommen hatte, sich

     

     

     

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    absolut ruhig zu verhalten und verblieb von da an. Oft reicht
    eine einzige Veranlassung nicht hin, um ein Symptom zu
    fixiren, wenn aber dieses selbe Symptom mehrere Male mit
    einem gewissen Affect auftritt, dann fixirt es sich und bleibt.

    Eines der häufigsten Symptome der Hysterie ist Anorexie
    und Erbrechen. Ich kenne eine ganze Reihe von Fällen,
    welche das Zustandekommen dieses Symptomes in einfacher
    Weise erklären. So persistirte bei einer Kranken das Er-
    brechen, nachdem sie einen kränkenden Brief unmittelbar
    vor dem Essen gelesen und nach demselben Alles wieder er-
    brochen hatte. In anderen Fällen läßt sich der Ekel vor dem
    Essen mit aller Bestimmtheit darauf beziehen, daß Personen
    durch die Institution des gemeinsamen Tisches genöthigt sind,
    mit Personen zusammen zu essen, die sie verabscheuen. Der
    Ekel überträgt sich dann von der Person auf das Essen. Be-
    sonders interessant in dieser Beziehung war jene erwähnte
    Frau mit dem Tic; diese Frau aß ungemein wenig und nur
    gezwungen; in der Hypnose erfuhr ich, daß eine Reihe von
    psychischen Traumen schließlich dieses Symptom, den Ekel
    vor dem Essen, hervorgebracht hatte. Schon als Kind wurde
    sie von der sehr strengen Mutter angehalten, das Fleisch,
    welches sie zu Mittag nicht gegessen hatte, zwei Stunden
    nach Tisch kalt und mit dem erstarrten Fett zu essen; sie
    that dies mit großem Ekel und behielt die Erinnerung daran,
    so daß sie, auch als sie später nicht mehr zu dieser Strafe
    gezwungen war, stets mit Ekel zu Tisch ging. 10 Jahre
    später theilte sie den Tisch mit einem Verwandten, welcher
    tuberculös war und während des Essens stets über den Tisch
    hinüber in die Spuckschale spuckte; einige Zeit später war
    sie gezwungen, mit einem Verwandten zu essen, von welchem
    sie wußte, daß er an einer ansteckenden Krankheit leide.
    Die Patientin BREUER'S benahm sich eine Zeit lang wie eine
    Hydrophobische; in der Hypnose stellte sich als Grund hiefür
    heraus, daß sie einmal unvermuthet einen Hund aus einem
    ihrer Wassergläser hatte trinken gesehen.

    Auch das Symptom der Schlaflosigkeit und Schlafstörung
    findet meist die präciseste Erklärung. Eine Frau konnte
    z. B. durch Jahre erst um 6 Uhr Früh einschlafen. Sie hatte
    lange Zeit Thür an Thür mit ihrem kranken Mann geschlafen,
    welcher Morgens um 6 Uhr aufstand. Von dieser Zeit an
    fand sie Ruhe zu schlafen, und so benahm sie sich auch dann
    viele Jahre später während ihrer hysterischen Erkrankung.

    Ein anderer Fall betraf einen Mann. Ein Hysteriker
    schläft seit 12 Jahren sehr schlecht; aber seine Schlaflosigkeit
    ist von ganz eigener Art. Während er im Sommer ausge-
    zeichnet schläft, schläft er im Winter recht schlecht, und
    ganz besonders schlecht im November. Womit dies zu-
    sammenhängt, davon hat er keine Ahnung. Das Examen
    ergiebt, daß er vor zwölf Jahren im November bei seinem
    an Diphtheritis erkrankten Kind viele Nächte hindurch
    gewacht hatte. Ein Beispiel von Sprachstörung liefert die
    wiederholt erwähnte Patientin BREUER'S. Diese sprach während
    einer langen Periode ihrer Krankheit nur englisch; weder sprach,
    noch verstand sie das Deutsche. Dieses Symptom ließ sich
    auf ein Ereigniß noch vor Ausbruch ihrer Krankheit zurück-
    führen. In einem Zustande großer Angst versuchte sie
    zu beten, fand aber keine Worte. Endlich fielen ihr ein paar
    Worte eines englischen Kindergebetes ein. Als sie später er-
    krankte, stand ihr nur das Englische zur Verfügung.

    Nicht in allen Fällen ist die Determination des Symptoms
    durch das psychische Trauma so durchsichtig. Es besteht oft nur
    eine sozusagen symbolische Beziehung zwischen der Veran-
    lassung und dem hysterischen Symptom. Das bezieht sich
    besonders auf Schmerzen. So litt eine Kranke an bohrenden
    Schmerzen zwischen den Augenbrauen. Der Grund dafür lag
    darin, daß sie einmal als Kind von ihrer Großmutter prüfend,
    „durchbohrend“ angeschaut worden war. Dieselbe Patientin
    litt eine Zeit lang an ganz unmotivirten, heftigen Schmerzen
    in der rechten Ferse. Diese Schmerzen hatten, wie sich heraus-
    stellte, Beziehung zu einer Vorstellung, welche die Patientin

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    hatte, als sie zuerst in die Welt eingeführt wurde; es über-
    kam sie damals die Angst, daß sie das „richtige“ oder „rechte
    Auftreten“ nicht finden könnte. Solche Symbolisirungen werden
    von vielen Kranken für eine ganze Reihe von sogenannten
    Neuralgien und Schmerzen in Anspruch genommen. Es besteht
    gleichsam eine Absicht, den psychischen Zustand durch einen
    körperlichen auszudrücken, und der Sprachgebrauch bietet
    hiefür die Brücke. Gerade für die typischen hysterischen
    Symptome, wie Hemianästhesie, Gesichtsfeldeinengung, epi-
    leptiforme Convulsionen etc. ist es aber nicht möglich, einen
    derartigen psychischen Mechanismus nachzuweisen. Für die
    hysterogenen Zonen hingegen ist es uns oftmals gelungen.
    (Schluß folgt.)