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1035 Wiener Medizinische Presse. 1036
Neue Arzneimittel und Heilmethoden.
Ueber die verschiedenen Cocain-Präparate
und deren Wirkung.Noch ist es kein Jahr, dass Dr. Freud die Auf-
merksamkeit der medizinischen Welt auf die Wir-
kung der Cocapflanze lenkte, jener „göttlichen
Pflanze“ der Indianer, „welche den Hungerigen
sättigt, den Schwachen stärkt und sie ihr Miss-
geschick vergessen macht“, und schon hat sich die
Cocapflanze und das aus ihren Blättern darge-
stellte Alkaloid, das Cocain, insbesondere letzte-
res, durch seine Einführung in die okulistische
Praxis, nach einem Triumphzuge durch ganz
Europa, der seinesgleichen sucht, eine Stellung in
der Therapie errungen, welche man kühn mit der
des Morphins, Chinins und ähnlicher ausge-
zeichneter Präparate vergleichen kann. Man kann
es fast nicht begreifen, dass die Cocapflanze,
deren Wirkung schon vor mehreren Jahrhunderten
den Südamerikanern bekannt war, so lange un-
beachtet blieb, obwohl Reisende genug Wunder-
dinge davon erzählt haben und vor mehr als 20
Jahren durch Lossen und Niemann das Alka-
loid Cocain aus Cocablättern dargestellt worden
war, welche unser ausgezeichneter Konsul Dr.
Scherzer 1859 von der Expedition der öster-
reichischen Fregatte „Novara“ nach Wien ge-
bracht und Prof. Wöhler zur Untersuchung ge-
sandt hatte. Man erklärt sich dies aber etwas
leichter, wenn man berücksichtigt, dass die trok-
kenen Cocablätter, die allein nach Europa in den
Handel kommen können, durch das Trocknen und
Lagern immer mehr an Wirksamkeit abnehmen,
indem das wirksame Cocain augenscheinlich eine
Zersetzung erleidet, so dass ältere Cocablätter —
wie auch E. Merck schon mittheilte — fast gar
keine Ausbeute an Cocain geben. Gibt uns
dies also eine Erklärung dafür, dass die Cocablätter bei diesbezüg-
lichen Versuchen enttäuschen konnten, so wird uns andererseits auch
die Vernachlässigung des Cocains leichter begreiflich, wenn wir be-
rücksichtigen, dass ausser den zweifellos wirksamen Präparaten von
Merck und Gehe verschiedene Cocainsorten in Handel kommen,
welche fast gar keine Wirkung äussern, und Cocain überhaupt einverhältnissmässig leicht zersetzlicher Körper ist, der sich — namentlich
in Lösung und beim Erwärmen — in Methylalkohol, Benzoësäure und
Ecgonin spaltet. Man berichtet sowohl, dass sich Cocain in sauren
Lösungen zersetzte, als auch, dass es durch Kaliumkarbonat unter
Bildung von Kaliumbenzoat eine Zersetzung erleidet. Es ist unter diesen
Verhältnissen begreiflich, dass nur ein mit ausserordentlicher Vorsicht
bereitetes Präparat volle Wirksamkeit besitzen könne, während that-
sächlich Präparate in den Handel kommen, welche wohl gar kein Cocain
mehr enthielten, da sie vollkommen unwirksam waren.Alle diese Thatsachen stellen sich heute nach der Einführung
des Cocains als grosse Hindernisse in den Weg; dazu kommt noch der
hohe Preis und in neuerer Zeit das vollständige Fehlen der beiden
Präparate, mit welchen die glänzenden Resultate Dr. Freud's,
Dr. Koller's, Dr. Königstein's erzielt worden waren, nämlich der
Präparate von Merck und Gehe. Der gänzliche Mangel an halbwegs
brauchbarem Rohmaterial zwang diese Fabriken, die Erzeugung ein-
zustellen.Unter solchen Verhältnissen lag es nahe, die Aufmerksamkeit
auf Amerika zu richten, wo die Cocapflanze zu Hause, daher für die
Cocain-Fabrikation das Rohmaterial frisch und leicht zu beschaffen
ist. Es erzeugt nun die bedeutendste pharmazeutische Fabrik Amerikas,
die Firma Parke, Davis & Co. in Detroit, welche sich bereits um
die Einführung vieler neuer Droguen und deren Präparate verdient
gemacht hat, ein Cocain, das sich nicht nur in seiner Wirksamkeit dem
Merck'schen Präparate vollkommen gleichwerthig erweist, sondern
vor demselben auch noch den Vorzug besitzt, dass es leichter löslich
und rein weiss ist (keinen Stich ins Gelbliche besitzt, wie das
Merck'sche), beides Eigenschaften, welche auf grössere Reinheit des
Parke'schen Präparates hindeuten. Es ist auch vollkommen frei von
Hygrin und besitzt einen aromatischen Geruch.Von der Wirksamkeit des Parke'schen Präparates haben sich
bereits zahlreiche Kliniker Amerikas und auch Europas überzeugt.
Hier in Wien hat unter Anderem Dr. Beregszaszy an der Poliklinik
des Herrn Regierungsrathes Prof. Schnitzler Versuche mit dem
Cocainum von Parke, Davis & Co. angestellt, welche in jeder
Beziehung befriedigt haben.Dr. Beregszaszy hat das von Parke, Davis & Co. in Detroit,
U. S. A., fabriksmässig dargestellte salzsaure Cocain in geeigneten
rhino- und laryngologischen Fällen versucht, um dessen Wirkung
überhaupt zu erproben, andererseits auch, um die Wirkungsweise
dieses Präparates mit der der bekannten europäischen Fabrikate zu
vergleichen und gefunden, dass die Wirkung zum Mindesten die
gleiche ist.Dr. Beregszaszy verwendete Lösungen von 2, 5, 10 und
20 Prozent Konzentration. Für die Anästhesierung des Kehlkopfes nahm
er 10- bis 20prozentige Lösungen, während zur anämisirenden und
angiospastischen Eigenschaft eine 2- bis 5prozentige Solution voll-
kommen ausreichte.Auch Dr. Freud, der Wiederentdecker der Cocapflanze, hat
Versuche mit Parke'schen Cocain angestellt, über welche er sich
folgendermassen äussert:„Ich habe das von Parke, Davis & Co. in den Handel ge-
brachte Cocainum muriaticum auf seine physiologischen Wirkungen
und seinen therapeutischen Werth geprüft, und kann aussagen, dass
es völlig dasselbe leistet wie das Merck'sche Präparat gleichen
Namens. Bei interner Einnahme erzeugt das erstere die charakteristische
Euphorie und die am Dynamometer nachweisbare Steigerung der
Leistungsfähigkeit in gleicher Dosis wie das Merck'sche Cocainsalz;
bei externer Applikation in 2prozentiger Lösung anästhesirt es die
Horn- und Bindehaut des Auges ebenso rasch und vollkommen,
endlich in subkutaner Injektion ruft es bei Thieren dieselben Krämpfe
und Lähmungserscheinungen hervor. Nur im Geschmacke glaubte ich
mehrmals eine Verschiedenheit der beiden Präparate wahrzunehmen.“Es sind dies durchwegs zufriedenstellende Resultate, welche zeigen,
dass das Cocainum von Parke, welches sich in Folge der grösseren Er-
giebigkeit der im Lande selbst verarbeiteten Cocablätter und in Folge der
geringeren Transportkosten des fertigen Alkaloids gegenüber denen
der Blätter, auch erheblich billiger stellt als die europäischen Präparate,
die grösste Zukunft hat.S.
1037 Wiener Medizinische Presse. 1038 Wir wollen hier kurz rekapituliren, welche Indikationen
Dr. FREUD im Juli vorigen Jahres für den Cocagebrauch aufgestellt
hat; es sind dies: a) Coca als Stimulans, b) Coca in Störungen der
Magenverdauung, c) Coca in Kachexien, d) Coca in der Morphin-
und Alkohol-Entwöhnung, e) Coca gegen Asthma, f) Coca als Aphro-
disiakum, und g) örtliche Anwendung des Coca.Diese letztere Anwendung, die lokale Anästhesirung mittelst
Cocain, war es, welche ganz besonders für die Anerkennung des Cocains
entscheidend wurde. Die damaligen Worte FREUD's: „Anwendungen,
die auf der anästhesirenden Eigenschaft des Cocains beruhen, dürften
sich wohl noch mehrere ergeben“, sind nicht nur wahr, sondern in
ungeahnter Weise überboten worden, indem Cocain in einer unüber-
sehbaren Menge der verschiedensten Fälle mit Erfolg zur lokalen
Anästhesie verwendet wurde. Am epochemachendsten war in dieser
Beziehung die schmerzstillende und sekretionseinschränkende Wirkung
des Cocains in krankhaften Zuständen des Auges, welche auf Ver-
anlassung Dr. FREUD's durch Dr. KÖNIGSTEIN und unabhängig von
Beiden durch Dr. KOLLER erkannt wurde, welch' Letzterer bekannt-
lich durch seine Mittheilung an den Heidelberger Kongress der
Augenärzte die allgemeine Anwendung des Cocains als lokales An-
ästhetikum veranlasste.Bald darauf wurde dann auch die anästhesirende und analge-
sirende Wirkung des Cocains erprobt bei Krankheiten der Nase, des
Rachens und des Kehlkopfes; ebenso bewährte sich das Mittel auch
in der Gynäkologie, endlich überall, wo eine örtlich schmerzlindernde
Wirkung erzielt werden sollte, bei den verschiedenen Geschwüren,
Brandwunden; ferner hat das Cocain bei kleinen Operationen
mannigfachster Art und an den verschiedensten Körpertheilen, zur
Anästhesirung fast aller zugänglichen Schleimhäute und überhaupt in
einer unübersehbaren Zahl der verschiedenartigsten Fälle vorzügliche
Dienste geleistet. Die Literatur über Cocain ist deshalb auchim Laufe der letzten Monate eine so umfangreiche gewesen, wie
über keinen anderen Arzneistoff, und es würde eines viel um-
fangreicheren und eingehenderen Artikels bedürfen, um alle dies-
bezüglichen Erfahrungen, wenn auch nur kurz, zu resumiren. Aber die
Versuche mit Cocain sind noch lange nicht abgeschlossen, und dadurch,
dass die Firma Parke, Davis & Co. in Detroit nun nicht nur ein voll-
kommen verlässliches, wirksames und reines Cocainum purum und
Cocainum muriaticum, in schön weissem Pulver zu billigerem Preise),
sondern auch 2prozentige und 4prozentige haltbare Lösungen, sowie
Cocainum citricum in 4prozentiger, Cocainum salicylicum in 4prozentiger
und Cocainum oleinicum in 5prozentiger Lösung nach Europa auf den
Markt bringt, ist den Versuchen ein ganz neues Feld erschlossen,
welches voraussichtlich noch zu bedeutenden weiteren Anwendungen der
Cocawirkung führen wird. Insbesondere wird sich das Cocainum
salicylicum Parke und das Cocain. citr. Parke wegen seiner guten Halt-
barkeit zu Instillationen bei Anwendung in wässeriger Lösung und
das Cocainum oleinicum Parke bei äusserlicher Anwendung in Sup-
positorien, Unguenten etc. empfehlen.Der billigere Preis und die Haltbarkeit der Cocain-Lösungen
Parke's werden hoffentlich auch zu einer grösseren Anwendung Cocains
in seiner wunderbaren Allgemeinwirkung, welche in einer Hebung der
Stimmung, der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit und Aus-
dauer besteht, führen; denn die Versuche und Messungen, welche
Dr. FREUD, unter Assistenz Dr. HERRIG'S, mit dem Dr. V. BURQ'schen
Dynamometer (und Beihilfe des EXNER'schen Neuramöbimeter) an-
stellte, haben auch mathematisch die Gewissheit der Cocawirkung er-
wiesen, indem 0.05—0.10 Grm. Cocain die motorische Kraft der
Arme merklich erhöhten, und es wäre schade, wenn man diese aus-
gezeichnete Eigenschaft des Cocains ungenützt liesse. GUTT.
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Ueber die verschiedenen Cocaïn-Präparate und deren Wirkung
1885-005/1885