Ueber einige Beziehungen zwischen Narzissmus und Schuldgefühl 1923-507/1923

Reich, Wilhelm (1923-507/1923): Ueber einige Beziehungen zwischen Narzissmus und Schuldgefühl

Zurück zum Werk
  • S.

    1.

    REICH: Ueber einige  Beziehungen zwischen Narzissmus und
    Schuldgefühl.     Sitzung 14/März 1923

                      Hinweis auf den Antagonismus zwischen narzistischer Libido
    & Schuldgefühl. Erstere müsse aufgefasst werden als Resultat der Zu-
    sammenfassung, Vereinheitlichung sämtlicher autoerotischer-libidinöser
    Teilfunktionen zu einer Gesamtstrebung zum einheitlichen Gesamtich
    (TAUSK's sekundärer Narzissmus, der den psychischen Ueberbau eines
    primären, biologischen Narzissmus repräsentiert). Der Umwandlung des
    Autoerotismus in den Narzissmus geht die Objektfindugn voraus am eigenen
    Körper voraus(TAUSK); diese dürfte gebunden sein an die beginnende Funk-
    tion eines Gegenstandsbewusstseins, das die Objekte der Aussenwelt,
    somit auch den eigenen Körper auf gemnd vieler identischer Erfahrungen
    aus dem ursprünglichen Chaos herausschält. Wenn die Ichlibido ihr Obj=
    jekt, das Ich(organischer Zerfall, z.B. Paralysis progressiva/HOLLOS &
    FERENCZI/) verliert, so zerfällt auch die narzistische Libido, der
    Kranke regrediert ins autoerotische Stadium.-

                      Die narzistische Libido, „die libidinöse Ergänzung zum Egoismus
    des Selbsterhaltungstriebes" (FREUD) tendiert zur Ichbejahung, Lebensb-
    bejahung. In diesem Sinne steht ihr das Schuldgefühl konträr gegenüber:
    dieses tendiert zur Ichverneinung, im extremen Falle, wie bei der Melan-
    cholie, zur Ichvernichtung. Von der Spannung zwischen primitiven, libidi-
    nösen Tendenzen & den Anforderungen des Narzistisch besetzten Ichideals
    hängt die Intensität des Schuldgefühls ab. Es ist der Ausdruck einer
    Beziehung des Ich zu Objekten, die auch ( zumeist sadistisch-) libidinös
    besetzt sind. (Ambivalenz u. Schuldgefühl die zwei wesentlichsten, konstan-
    testen Charakteristika der Zwangsneurose). Dem Schuldgefühl muss auch
    der Charakter des Triebhaften zugesprochen werden, In der Melancholie
    führt die Zurückziehung der Objektlibido, im Gegensatze zur Paranoia,
    nicht zur Erhöhung des Ich, sondern zur Erniedrigung, zum "Ichverlust",
    (Kleinheitswahn). Der Ichverlust ist aus der Identifizierung mit dem
    zu tötenden
    getöteten Objekt allein nicht zu erklären. Die Identifizierung ist

  • S.

    e.   Psychologischer Gehalt eines Erlebnisses:
         nachträgliche Verstärkung einer Ursache.



     

     

  • S.

    2

                                      Richtungsänderung
    eine sekundärer Prozess an der narzistischen Libido, dem r die Einziehung
    der Objektlibido vorausgeht. Die Besetzung des vom Schuldgefühl über-
    fluteten Ich mit der abgezogenen Libido ist unmöglich, d.h. er kann sich nicht lieben der Kranke muss sich
    mit dem Objekt identifizieren (meist durch orale Introjektion), zu dem
    er die Beziehung der Schuld hat.

                      Von zwei Seiten her kann die narzistische Position Schädigungen
    erfahren: von der libidinösen Objektbeziehung u. vom Ich her. Für die
    Frage der Spezifität einer Erkrankung ist es wichtig, in welchem Stadium
    ihrer Entwicklung die narzistische Libido eine Schädigung erfuhr u.
    welcher Art diese war.

                      An einem Falle absoluter Impotenz wird gezeigt, welche Folgen
    die Etablierung des Schuldgefühls im 3. Lebensjahre (vor der genitalen
    Phase) für die narzistische Entwicklung hatte: Seine Enuresis hatte
    nach Schlägen ein plötzliches Ende genommen. Ein zweites Erlebnis zur
    selben Zeit, der Anblick der weiten Vaginalhöhle bei der Geburt eines
    Bruders hatte auf dem Wege der Identifizierung zur unbewussten Vor-
    stellung, kastriert zu sein, geführt. Er hatte von jeher gewusst, dass
    er impotent sei. Als Kind erfuhr er, dass seine Mutter kurz nach seiner
    Geburt gestorben war; u. fühlten sich seither1 er 2 an ihrem Tode schuldig.
    Sein Inzestwunsch war auf die tote Mutter gerichtet, das tiefe Schuldgefü--
    fühl durch die im Ubw. vollzogene Abtötung des Penis getilgt. Im Alltag
    bestand keine der bekannten Äusserungen des Schuldgefühls, im Gegensatze
    zu typischen Formen von Zwangsneurose ( Mordimpulse mit Schuldgefühl,
    Minderwertigkeitsgefühl mit diffusem Schuldgefühl ? u. masochistischem
    Ichideal ), die in der Analyse eine starke narzistische Kostellation
    erweisen
    verraten, eine meist sehr glückliche Kindheit mit glatter narzistischer
    Entwicklung. Das Schuldgefühl begann entscheidend erst in oder nach der
    genitalen Phase in die Entwicklung einzugreifen.-

                      Es ist (wahrscheinlich auch für die Wahl einer späteren Erkrankung)
    entscheidend, ob das Schuldgefühl auf einen in der Entwicklung begriffenen
    oder voll entwickelten Narzissmus beim Kinde stösst. Die narzistische
    Entwicklung erfährt ihre Krönung erst durch glattes Erreichen der genitalen
    Phase u. durch eine durch Entgegenkommen u Liebe von Seiten der Eltern u.
    Erzieher geknnzeichnete, glückliche Kindheit. Ein stakker Narzissmus
    steht der Auswirkung des Schuldgefühls hemmend gegenüber.

  • S.

    3

                      Hinweis auf einige typische Ausgänge hiehergehöriger Konflikte:
    Es wird ferner an den u. unter anderem auf "Verbrecher aus Schuldgefühl" (FREUD) erinnert, ,
    wo ein mächtiges Schuldgefühl aus der Verdrängung symptomatisch nach
    Rationalisierung zu suchen scheint u. schliesslich vermutungsweise
    ausgesprochen, das (soziale) Gewissen könnte ein quasi sublimiertes
    Schuldgefühl darstellen. X

    Autoreferat


     

          x) in Auftrag des Autors geschr.
                      Federn