S.
158 Varia.
Varia.
„Gross ist die Diana der Epheser*. Die alte Griechenstadt Ephesos in Klein-
asien, um deren Ruinen sich gerade die österreichische archäologische Forschung
verdient gemacht hat, war im Altertum vor allem berühmt durch ihren grossartigen,
der Artemis (Diana) geweihten Tempel. Ionische Emigranten bemächtigten sich
vielleicht im 8. Jahrhundert der längst von asiatischen Vólkerstimmen bewohnten
Stadt, fanden in ihr den Kult einer alten miitterlichen Gottheit vor, die måglicher-
weise den Namen Oupis trug, und identifizierten diese mit ihrer heimatlichen Gott-
heit Artemis. Nach dem Zeugnis der Ausgrabungen erhoben sich im Laufe der
Jahrhunderte mehrere Tempelbauten auf derselben Stitte zu Ehren der Gottheit.
Es war der vierte dieser Tempel, der im Jahre 356 in der Nacht, in welcher Alex-
ander der Grosse geboren wurde, durch einen von dem wahnwitzigen Herostratos
angestifteten Brand zugrunde ging. Er wurde herrlicher denn je wieder aufgebaut.
Mit ihrem Getriebe von Priestern, Magiern, Wallfahrern, ihren Kaufläden, in denen
Amulette, Andenken, Weihgeschenke feilgeboten wurden, konnte sich die Handels-
grossstadt Ephesos einem modernen Lourdes vergleichen.Um das Jahr 54 unserer Zeitrechnung kam der Apostel Paulus zu mehr-
jährigem Aufenthalt nach Ephesos. Er predigte, tat Wunder und gewann einen
grossen Anhang im Volke. Von den Juden verfolgt und verklagt, trennte er sich
ihnen ab und gründete eine unabhängige Christengemeinde, Unter der Ausbreitung
seiner Lehre begann das Gewerbe der Goldschmiede zu leiden, die für die Gläubigen
und Pilger aus aller Welt die Andenken an den Gnadenort, die kleinen Nachbil-
dungen der Artemis und ihres Tempels fabriziert hatten!) Paulus war viel zu
sehr starrer Jude, um die alte Gottheit unter anderem Namen neben seinem Gott
fortbestehen zu lassen, sie umzutaufen, wie die jonischen Eroberer mit der Göttin
Oupis verfahren hatten. Da musste es den frommen Handwerkern und Künstlern
der Stadt um ihre Göttin wie um ihren Erwerb bange werden. Sie empörten sich
und strömten unter dem unaufhörlich wiederholten Ruf „Gross ist die Diana der
Epheser“ durch die Hauptstrasse Arkadiane zum Theater, wo ihr Führer Deme-
trios eine Brandrede gegen die Juden und gegen Paulus hielt. Mit Mühe gelang
es der Behörde den Aufruhr durch die Versicherung zu dämpfen, dass die Majestät
der grossen Göttin unantastbar und über jeden Angriff erhaben sei?).Die von Paulus gegründete Kirche von Ephesos blieb ihm nicht lange treu.
Sie geriet unter den Einfluss eines Mannes Johannes, dessen Persönlichkeit der
Kritik schwere Aufgaben gestellt hat. Er war vielleicht der Verfasser der Apoka-
lypse, die von Invektiven gegen den Apostel Paulus strotzt. Die Tradition liess ihn
mit dem Apostel Johannes zusammenfallen, dem das vierte Evangelium zugeschriehen
wird. Nach diesem Evangelium hatte Jesus am Kreuze seinem Lieblingsschiiler auf
Maria deutend zugerufen: Siehe, das ist deine Mutter, und von diesem Augenblicke
an nahm Johannes die Maria zu sich. Wenn also Johannes nach Ephesos gegangen
war, so war auch Maria mit ihm dahin gekommen. In Ephesos erhob sich also neben
der Kirche des Apostels die erste, schon im vierten Jahrhundert bezeugte, Basilika
zu Ehren der neuen miitterlichen Gottheit der Christen. Die Stadt hatte ihre grosse
Göttin wieder, es hatte sich ausser dem Namen wenig verändert; auch die Gold-
schmiede fanden wieder Arbeit, Abbilder des Tempels und der Gottheit fiir die
neuen Pilger zu schaffen; nur die Leistung der Artemis, die sich in ihrem Attribut1) Siehe auch Goethes Gedicht, Bd. 2 der Sophien-Ausgabe, S. 195.
2) Apostelgeschichte, Kap. XIX.S.
Varia. 159
Kovgárgopos ausdrückte, überging auf einen heiligen Artemidoros, welcher sich der
Frauen in Kindesnöten annimmt,Dann kam die Eroberung der Stadt durch den Islam und endlich ihr Untergang
und ihre Veródung durch die Versandung ihres Flusses. Aber die grosse Göttin von
Ephesos hatte ihren Anspruch noch immer nicht aufgegeben. Noch in unseren Tagen
erschien sie als heilige Jungfrau einem frommen deutschen Mädchen, Katharina
Emmerich in Dülmen, beschrieb ihr ihre Reise nach Ephesos, die Einrichtung
des Hauses, das sie dort bewohnte und in dem sie starb, die Form ihres Bettes usw.
Und Haus und Bett haben sich wirklich gefunden, sowie sie die Jungfrau beschrieben
hatte, und sind wiederum das Ziel von Pilgerfahrten der Gläubigen.(Nach F. Sartiaux, Villes mortes d'Asie mineure, Paris 1911.)
Freud.
Eine Traumanalyse bei Ovid.
Von Dr. Karl Abraham (Berlin).Im dritten Buch der ,Amores“ des Ovid findet sich als fünfte Elegie die aus-
fithrliche Schilderung eines Traumes. Das Gedicht lautet in der nahezu wortgetreuen
und sehr gelungenen Übersetzung von Dr. Alexander Bergi) wie folgt:„Nacht war's, und es verschloss mir der Schlaf die ermüdeten Augen;
Hóre das Traumgesicht, das mich in Schrecken gesetzt.
Reich an Michen erhob ein Hain sich an sonnigem Hügel,
Und in der Zweige Laub bargen der Vögel sich viel.
Einen grünenden Platz enthielten rasige Matten,
Feucht von den Tropfen des sanft rauschenden Wassers gesprengt.
Unter der Bäume Laub entzog ich selbst mich der Hitze;
Aber der Bäume Laub wehrte der Hitze doch nicht.
Da stand, blendend weiss, mir eine Kuh vor den Augen,
Kräuter suchend mit buntfarbigen Blumen gemischt;
Blendender war sie als Schnee, wann eben frisch er gefallen,
Welchen zu Wasser noch nicht hatte geschmolzen die Zeit;
Blendender war sie, als Milch, die weiss von noch rauchendem Schaum ist
Und die das Mutterschaf, eben gemolken, verlüsst.Deren Begleiter war ein Stier, ihr glücklicher Gatte,
Und mit der Gattin vereint drückt' er das saftige Gras.
Während er daliegt trig und wiederküute die Kräuter
Und ihn zum zweiten Mal speist die gespeisete Kost,Schien's, dass bewältigt vom Schlaf sein hôrnertragendes Haupt er
Hin auf die Erde, dass sie's stützete, habe gestreckt.Hierher kam, aus der Luft auf leichten Schwingen sich senkend,
Eine Krühe und liess schwatzend sich nieder im Gras.Und dreimal grub frech in die Brust der schneeigen Kuh sie
Ihren Schnabel, und weiss war von den Haaren der Mund.Jene verliess den Ort und den Stier nach lüngerem Zaudern,
Doch auf der Brust der Kuh ward nun ein schwürzlicher Fleck.
Und als Stiere sie sah, in der Ferne Krüuter sich pflückend, —
Fern von ihr pflückten sich Stiere das üppige Kraut —
Stürzte sie sich dorthin, sich mit jener Herde zu mischen,
Und besuchte die Trift, reicher mit Halmen geschmückt,
1) Berlin, Langenscheidt'sche Verlagsbuchhandlung. 2. Auflage.
⑪④S.
160 Varia.
Sage mir nun, der du die Traumgesichte der Nacht deut'st,
Was, steckt Wahres darin, dieses Gesicht mir besagt!“So ich. Und es erhob der Träume Deuter sich also,
Während in seinem Geist jegliches Wort er erwog:„Jene Hitze, die du durch das Laubdach wolltest vermeiden,
Und die du iibel vermiedst, war in der Liebe bei dir;Deine Geliebte, die Kuh und die Farbe die der Geliebten;
Du der Mann und ein Stier als der Genosse der Kuh.Dass ihr die Krihe die Brust mit spitzem Schnabel durchbohrte,
Sagt, der Gebieterin Herz regte die Kupplerin auf.Dass von dem Stiere die Kuh nach langem Zaudern sich trennte,
Heisst, in dem ledigen Bett wirst du verlassen dich sehn.Vorn an der Brust der Fleck, der bläulich schwarze, bedeutet,
Dass ihr der Buhlerei Makel beflecket die Brust.“Also der Deuter; mir wich das Blut aus dem eisigen Antlitz,
Und von finsterer Nacht wurden die Augen bedeckt.Die in dem Gedicht gegebene Deutung des Traumes ist — im Sinne unserer
wissenschaftlichen Traumanalyse 一 unvollständig. Besonders wird die Tendenz des
Traumes (Wunscherfillung) nicht ersichtlich. An dem symbolischen Gehalt der
ersten sechs Verse (Hügel, Hain, Vögel, Wasser) geht der Traumdeuter achtlos
vorüber. Im übrigen aber erkennt er den Sinn der Symbole so vollkommen, dass
sich eine frappante Übereinstimmung mit unseren heutigen Auffassungen ergibt.Ein Fall „lenkbarer Träume‘‘, Zu den interessanten Mitteilungen Ferenczi
über „lenkbare Träume“ bin ich in der Lage, ein Beispiel mitzuteilen: Ein Mädchen
von 17./18. Jahren hat Träume peinlichen Inhalts, die öfters wiederkehren. Will sie
nun von einer Person oder Sache nicht träumen, so nimmt sie sich dies vor, und
zwar unter der folgenden stereotypen Vorstellung: „Ich glaube mich in einem leeren
kahlen Zimmer zu befinden, dessen einzige Tür sich direkt auf einen tiefen Abgrund
öffnet, in dem ein Fluss fliesst. Die Tür, die man nach ihnen öffnet, steht offen
und ich lasse im Türrahmen eins nach dem anderen die Gegenstände, Tiere und
Menschen erscheinen, von denen ich nicht träumen will. Und vor jedem schliesse
ich kräftig die Türe, indem ich zu mir sage das Wort: Hinunter! Dabei habe ich
die Empfindung, als stiesse ich alles in den Fluss hinunter. Nachdem ich das einige
Male wiederholt habe, steigt ein Nebel vom Fluss auf, meine Gedanken verwirren sich
und ich schlafe ein ohne zu träumen.“ Bei der ersten mündlichen Darstellung dieses
Vorgangs, die sie mir gab, hatte das Zimmer ein Fenster, durch das die Gegen-
stände wiederkehrten, um noch einmal hinabgestossen zu werden.Von Dr. Stekel wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass das Mädchen
durch diesen Vorgang nichts gewinnt, da es die Konflikte, denen es entgehen will
vor dem Einschlafen erledigt. Ernst Marcus.Zum Thema „Traumdeutung“. Aus Byron's „Don Juan“. Don Juan, als
Frau verkleidet, muss im Frauengemache das Lager der Dudu teilen, die, wie alle
anderen, von dem wirklichen Geschlechte Don Juans nichts weiss.Sechster Gesang.
LXX.
Da hörte man Dudu ganz plötzlich schreien.S.
Varia. En 161
LXXV.
Und endlich sagte sie: , Von Schlaf umfangen
Hab’ ihr getráumt, in einem dunkeln Hain
Zu wandeln, jenem gleich, darin ergangen
Sich Dante in dem Alter, da noch rein
Die Welt und ohne Grund der Mädchen Bangen,
Der Jiingling möge zu zudringlich sein;
Und voll von priicht'gen Bäumen sei der Wald
Gewesen und von Früchten mannigfalt.LXXVI.
Wo in der Mitt’ ein goldner Apfel nickte —
Ein wunderbarer Apfel — doch er hing
Zu hoch und fern, und mit Verlangen blickte
Sie auf zu ihm, und dann zu werfen fing
Sie an mit Steinen und was sonst — doch gliickte
Kein Wurf, weil jeder weit daneben ging;
Fest hing er an dem Zweige und sie sah
In årgerlicher Hoh’ ihn baumeln da.LXXVIL
. Doch plötzlich, als sie beinah aufgegebenDie Hoffnung, fiel er ihr von selbst zu Füssen;
Sie sprang sogleich herzu, ihn aufzuhebenUnd unverweilt zu beissen in den süssen;
Doch als ihr junger Mund geöffnet. ebenSich schon und sie beinah hinein gebissen,
Flog ein Bien’ heraus — und diese stach
In’s Herz ibr — also ward sie schreiend wach.“
Mit Angst sie und Verwirrung dies gestand —Die Folgen solcher Träume, wirr und wild,
Absonderlich, wenn niemand gleich zur Hand,Zu deuten uns ihr eitles Truggebild,
Gaston Rosenstein.
„Ich fürcht’ nit Gespenster,“
Für die auf unbewusste narzisstische Motive zurückzuführende Entblössung
mit apotropäischer Tendenz !) findet sich folgender hübscher Beleg bei Gottfried Keller:Ich fürcht’ nit Gespenster Es hasst meiner Schönheit
Keine Hexen und Feen, Unschuldige Zier;
Und lieb's, in ihre tiefen | Wenn ich spät noch vorbeigeh',
Glühaugen zu sehn. | So zankt es mit mir,Am Wald in dem griinen Jiingst, als ich im Mondschein
Unheimlichen See, | Am Waldwasser stand,
Da wohnet ein Nachtweib, Fuhr sie auf ohne Schleier,
Das ist weiss wie der Schnee. Ohne alles Gewand.1) Vergl. Stekel: „Zur Psychologie des Exhibitionismus.* (Zentralblatt für
Psychoanalyse. I. Band, Heft 10/11.)S.
162 Varia.
Es schwammen ihre Glieder | Aber ich hab’ entblósset
In der taghellen Nacht; | Meine lebendige Brust;
Der Himmel war trunken | Da hat sie mit Schande
Von der hóllischen Pracht, Versinken gemusst! A. v. W.Prof. Dr. E. Meumann in Leipzig schreibt im „Pädagogischen Jahresbericht
1910“ (Leipzig, Brandstetter, 1911), S. 134 f.:„Die Freud'sche Methode gewann 1910 bedeutend an Boden, sie hat aber
auch sehr entschiedene Gegner, Sie muss besonders deshalb erwähnt werden, weil
sie immer mehr auf die Pädagogik angewandt wird. Zum Teil hat Freud selbst,
besonders aber sein Anhänger, der scharfsinnige und besonnene Pfarrer Dr. O.
Pfister in Zürich gezeigt, dass krankhafte Seelenzustände und moralische Schwäche
bei Schulkindern mit solchen aus dem Bewusstsein verdrängten sittlichen Ver-
fehlungen zusammenhängen. In einigen Fällen, in denen es Pfister gelang, mora-
lisch ganz heruntergekommene Schüler zur Aussprache über das den ganzen Prozess
einleitende Delikt zu bringen, gelang die sittliche Rettung des Individuums. Da die
Methode vielleicht noch einmal grosse praktische Bedeutung erlangen wird, möge
auf einiges aus ihrer neuesten Literatur hingewiesen werden. Freud selbst hat
begonnen, (zusammen mit Bleuler und Jung) ein Jahrbuch für psychoanalytische
und psychopathologische Forschungen herauszugeben. Im ersten Bande gibt Freud
sogleich eine Probe der Auwendung seiner Methode auf die Pädagogik; in dem
Artikel „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“ wird die Heilung eines so
jugendlichen Individuums von Angstzuständen behandelt. Von Pfisters Schriften
sei erwähnt: „Psychoanalytische Seelsorge und experimentelle Moralpädagogik“
(Protest. Monatshefte 1909); die Abhandlung gibt hervorragende Beispiele von
Freud’s Methode. Zu beachten ist, dass allerdings die Psychoanalyse in erster
Linie ein praktisches Verfahren sein will und Heilmethode ist; sie hat aber
gleichzeitig den Charakter einer wissenschaftlichen Methode zur Zergliederung krank-
hafter Seelenzustünde."(Im Folgenden kommen auch einige Bedenken gegen die Traumpsychologie
zur Sprache.)Dr. S. Lindner, Kinderarzt in Budapest, verschied im 72. Lebensjahre. Er
gehürte zu jenen wenigen, auf die sich Freud bei der Begründung seiner Sexual-
theorie als Vorlüufer beziehen konnte. Seine wichtigste Arbeit war die ,Über
Ludeln oder Wonnesaugen*, die er im Archiv für Kinderheilkunde (1879) ver-
offentlichte; in dieser mit vielen guten Illustrationen erlüuterten Arbeit teilte der
Verfasser seine Beobachtungen über die verschiedenen Arten des Ludelns bei ganz
jungen und bei heranwachsenden Kindern mit; er betonte ansdrücklich den erotischen
Charakter dieser ,üblen Gewohnheit“ und erkannte deren allmählichen Übergang in
die Kinder-Masturbation. 一 Natürlich wollte ihm diese Dinge kein Mensch glauben;
man hielt ihn, da er seine These eifrig gegen die Spotter verteidigte, für einen
Sonderling. — Ref. war es noch vergånnt, den von der ärztlichen Tätigkeit schon
zurückgetretenen alten Herrn auf die siegreiche Auferstehung seiner Lehre in Freud's
Schriften aufmerksam zu machen. Dr. Ferenczi, Budapest.Zur Richtigstellung! Die Mitteilung III in Heft I dieses Jahrganges
„Zwei interessante Fälle von Versprechen“ ist von Dr. A.A. Brill
(New-York) und nicht von Prof. Ernest Jones.
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Varia [Dezember 1911]
1911-781/1911