[Vortrag Freuds] Über die Psychologie des Unbewussten 1905-411/1906

N. N. (1905-411/1906): [Vortrag Freuds] Über die Psychologie des Unbewussten

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    II. Die «Wien» in Wien im Jahre 1905.

          Das vergangene Jahr war das zehnte seit dem Bestande
    unserer Vereinigung. An unserer Spitze stand derselbe Bruder,
    der seinerzeit all die Vorarbeiten zur Installierung unserer Ver-
    einigung geleitet hatte, der auch unser erster Präsident gewesen
    war, Dr. Edmund Kohn. Er trat sein Amt in keiner Zeit frohen
    Aufschwunges an; im Gegenteil, es schien, als ob dem Stillstande
    nach außen, den wir im Interesse der «Eintracht» uns auferlegt
    hatten, ein gewisser Stillstand, ja Rückschritt in unserer inneren
    Entwicklung gefolgt wäre, der vorderhand in einem schwächeren
    Besuche der Sitzungen, in einem, wie es schien, verminderten
    Interesse der Brüder an den Angelegenheiten des Bundes sich
    äußerte. Die erste Aufgabe des neuen Präsidenten war, den
    Brüdern Gelegenheit zur Aussprache zu geben, Übelstände, wo
    sich solche zeigten, zu beseitigen, die Brüder zum Besuche der
    Sitzungen anzueifern, die Gegenstände der Tagesordnung an-
    ziehender zu machen; und wir hatten in kurzer Zeit die Genug-
    tuung, daß die Brüder in gleicher Stärke wie ehedem in die
    Sitzungen kamen und an dem Gedeihen der Vereinigung die
    frühere Teilnahme zeigten. Die erfreuliche Entwicklung der
    «Eintracht» ließ die sogenannte Sperre nicht mehr opportun
    erscheinen und im vollen Einvernehmen mit dieser Schwester-
    vereinigung und unter Schaffung einiger in ihrem Interesse

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       1) Siehe die Gedenkrede auf Seite 30 und 31.

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    gelegenen Kautelen beschlossen wir, unsere Pforten wieder
    neuen Brüdern zu erschließen. Wir hatten nach mehrjähriger
    Pause am 18. April das Vergnügen, sechs und am 31. Oktober
    einen neuen Bruder einzuführen. Leider wurde diese Vermehrung
    durch das Hinscheiden ausgezeichneter Brüder zum Teile beein-
    trächtigt. Im Mai starb unser lieber Bruder Norbert Khuner und
    im Juli Expr. Br. Dr. Isidor Schnabl. Die zahlreiche Beteiligung
    an den Leichenbegängnissen bezeugte die tiefe Trauer der Brüder
    und der an Inhalt und Form gleichvollendete Nachruf, den
    Expr. Br. Prof. Ehrmann in der Trauersitzung am 19. September
    den Hingeschiedenen widmete, wird jedem Anwesenden unver-
    geßlich bleiben. Knapp vor Jahresschluß verschied Br. Baurat
    Max Fleischer, gleich gediegen als Mensch, wie als Künstler.
    Wir werden den Verblichenen ein treues Andenken bewahren.
    Ein Mitglied trat aus, so daß die «Wien» zu Ende 1905 179 Brü-
    der zählte.

          Wichtigere Beschlüsse wurden im vergangenen Jahre
    keine gefaßt; der Teltscherfonds zur Unterstützung von Kunst-
    gewerbeschülern wurde aktiviert, dem gleichen Zwecke von
    Br. Kolisch eine Leopold Kern-Stiftung zugewendet; der Rosen-
    feldfonds erhielt aus dem Dispositionsfonds einen Teil der ihm
    seinerzeit entnommenen Gelder zurückerstattet. Die Entrüstung
    über die an unseren Glaubensgenossen in Rußland verübten
    Greueltaten fand auch in unserer Vereinigung rührenden und
    erhebenden Ausdruck. Die unter den Brüdern eingeleiteten
    Sammlungen hatten ein bedeutendes Ergebnis.

          Die von der «Wien» geschaffenen Anstalten und unter-
    stützten Vereine gereichen uns zur Ehre. Die Zahl der vom
    Arbeitsnachweis Plazierten überschritt heuer die Zahl 10.000.
    Über den galizischen Hilfsverein sprach Br. Dr. Löwy, über den
    Kinderschutz Br. Julius Bermann, über den Verein zur unent-
    geltlichen Verpflegung Brustleidender auf dem Lande Br. Glaser.
    Weiters hielten Vorträge: Expr. Br. Prof. Königstein «über die
    Disharmonien in der menschlichen Natur» — in der gemeinsamen
    Sitzung der «Wien» und «Eintracht» —, Expr. Br. Prof. Ehrmann
    «über einige religiöse und kulturelle Fragen in Österreich»,
    Br. Prof. Pollak «über den statischen Sinn», Br. Dr. Julius Monath
    «über den Gesetzentwurf für Gesellschaften mit beschränkter Haf-
    tung», Br. Dr. Braun «über Rassentheorie und Rassenromantik»;
    an einem Damenabend sprach Br. Prof. Freud «über die Physiologie
    des Unbewußten». Am 26. Februar veranstalteten die vereinigten
    Geselligkeitskomitees im Hotel Continental eine sehr schöne
    Akademie mit nachfolgendem Tanz. Diskussionen wurden
    abgehalten über eine Anfrage des Br. Dr. Pappenheim, betreffend
    die Beschickung der Konvention, ferner über eine Anfrage der
    Linzer Brüder, ob ein Jude, der seine Kinder taufen ließ, über-
    haupt kandidiert werden soll. Durch mehrere Monate hindurch
    beschäftigte uns die Diskussion über die Resolution der «Praga»;

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    von den Brüdern Dr. Jos. Jerusalem und Prof. Dr. Jos. Pollak
    eingeleitet, wuchs sie über ihr ursprüngliches Thema weit hinaus;
    sie wurde durch ein Referat des Br. Dr. Jerusalem zu einer
    Diskussion sowohl über unsere Ziele und Zwecke, wie auch
    über die Mittel, diese zu erreichen, und hatte zur Folge,
    daß die Brüder reichlich Gelegenheit zur Aussprache erhiel-
    ten, neue Ideen kennen lernten, zur Rede und Widerrede
    angeregt wurden. Ihr Zweck, die Brüder einander näher zu
    bringen, war damit erreicht; die dankbare Anerkennung der
    Brüder für Br. Dr. Jerusalem brachte der Präsident am Schlusse
    der Diskussion zum Ausdruck.

          Am 31. Oktober feierten wir den zehnjährigen Bestand
    unserer Vereinigung. Über diese Feier haben wir bereits im
    6. Hefte des VIII. Jahrganges der Zweimonatsberichte Ausführ-
    liches mitgeteilt. —

          Dies wäre in großen Zügen der Bericht über die Ereignisse
    des letzten Jahres, welches das erste Dezennium unseres Beste-
    hens abschloß. Und da ist die Frage wohl berechtigt, was denn
    die Vereinigung uns, den Brüdern, für Nutzen gebracht hat.
    Es sind damit nicht materielle Vorteile gemeint, obwohl sicher-
    lich die innigeren Beziehungen, die früher einander fremde
    Personen eng miteinander verbinden, auch in dieser Hinsicht
    sich bewährten; es ist ausschließlich die ethische Hebung, die
    unser Hauptzweck ist, gemeint. Und da kann man wohl mit
    vollster Überzeugung sagen, daß die Zugehörigkeit zu dem
    Bunde und die Teilnahme daran jeden Einzelnen von uns besser
    gemacht hat. Sie hat neue Ideen in uns geweckt, sie hat das
    Verantwortlichkeitsgefühl für unser Tun und für unser Lassen
    in uns geschärft, sie hat wohl auch manche egoistische Handlung
    verhütet, sie hat Trost im Leide gebracht und in manchen trüben
    Stunden, die in unserer Zeit des schweren Erwerbes nicht selten
    sind, mag der Gedanke der Zugehörigkeit zu den B’nai B’rith
    ein Schutz und eine Stütze gewesen sein.

          Unsere Vereinigung hat Gutes gewirkt und Böses verhütet.
    Sie tritt nun in das zweite Dezennium ihres Bestehens. Den
    Einfluß, den die Zahl und die soziale Stellung der Mitglieder
    verleihen können, hat sie zum größten Teile erreicht, möge ihr nun
    auch jene innere Festigkeit und unwiderstehliche Kraft zu eigen
    werden, die nur hervorgehen kann aus dem vollen Verständnisse
    und der fortgesetzten Betätigung jener Worte, die unseren
    Wahlspruch bilden: Wohlwollen, Brüderlichkeit und Eintracht.