Wenn Moses ein Ägypter war... 1939-001/1937.2

Freud, Sigmund (1939-001/1937.2): Wenn Moses ein Ägypter war...

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    IMAGO

    ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOLOGIE,
    IHRE GRENZGEBIETE UND ANWENDUNGEN


    XXIII. Band 1937 Heft 4

    Wenn Moses ein Ägypter war ...

    Von
    Sigm. Freud

    In einem früheren Beitrag zu dieser Zeitschrift1) habe ich die Vermutung,
    daß der Mann Moses, der Befreier und Gesetzgeber des jüdischen Volkes,
    kein Jude, sondern ein Ägypter war, durch ein neues Argument zu bekrä-
    ftigen versucht. Daß sein Name aus dem ägyptischen Sprachschatz stammt,
    war längst bemerkt, wenn auch nicht entsprechend gewürdigt worden; ich
    habe hinzugefügt, daß die Deutung des an Moses geknüpften Aussetzungs-
    mythos zum Schluß nötige, er sei ein Ägypter gewesen, den das Bedürfnis
    eines Volkes zum Juden machen wollte. Am Ende meines Aufsatzes habe
    ich gesagt, daß sich wichtige und weittragende Folgerungen aus der Annahme
    ableiten, daß Moses ein Ägypter gewesen sei; ich sei aber nicht bereit,
    öffentlich für diese einzutreten, denn sie ruhen nur auf psychologischen
    Wahrscheinlichkeiten und entbehren eines objektiven Beweises. Je bedeut-
    samer die so gewonnenen Einsichten sind, desto stärker verspüre man die
    Warnung, sie nicht ohne sichere Begründung dem kritischen Angriff der
    Umwelt auszusetzen, gleichsam wie ein ehernes Bild auf tönernen Füßen.
    Keine noch so verführerische Wahrscheinlichkeit schütze vor Irrtum; selbst
    wenn alle Teile eines Problems sich einzuordnen scheinen wie die Stücke eines
    Zusammenlegspieles, müßte man daran denken, daß das Wahrscheinliche
    nicht notwendig das Wahre sei und die Wahrheit nicht immer wahrschein-
    lich. Und endlich sei es nicht verlockend, den Scholastikern und Talmudisten
    angereiht zu werden, die es befriedigt, ihren Scharfsinn spielen zu lassen,
    gleichgültig dagegen, wie fremd der Wirklichkeit ihre Behauptung sein mag.
    Ungeachtet dieser Bedenken, die heute so schwer wiegen wie damals, ist
    aus dem Widerstreit meiner Motive der Entschluß hervorgegangen, auf jene

    1)Imago, Bd. XXIII, 1937, Heft 1: „Moses ein Ägypter“.

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    erste Mitteilung diese Fortsetzung folgen zu lassen. Aber es ist wiederum
    nicht das Ganze und nicht das wichtigste Stück des Ganzen.

    I.

    Wenn also Moses ein Ägypter war-
    so ist der erste Gewinn aus dieser
    Annahme eine neue, schwer zu beantwortende Rätselfrage. Wenn ein Volk
    oder ein Stamm1) sich zu einer großen Unternehmung anschickt, so ist nichts
    anderes zu erwarten, als daß einer von den Volksgenossen sich zum Führer
    aufwirft oder zu dieser Rolle durch Wahl bestimmt wird. Aber was einen
    vornehmen Ägypter-
    vielleicht Prinz, Priester, hoher Beamter-
    bewegen
    sollte, sich an die Spitze eines Haufens von eingewanderten, kulturell rück-
    ständigen Fremdlingen zu stellen und mit ihnen das Land zu verlassen, das
    ist nicht leicht zu erraten. Die bekannte Verachtung des Ägypters für ein ihm
    fremdes Volkstum macht einen solchen Vorgang besonders unwahrschein-
    lich. Ja, ich möchte glauben, gerade darum haben selbst Historiker, die den
    Namen als ägyptisch erkannten und dem Mann alle Weisheit Ägyptens zu-
    schrieben, die naheliegende Möglichkeit nicht aufnehmen wollen, daß Moses
    ein Ägypter war.

    Zu dieser ersten Schwierigkeit kommt bald eine zweite hinzu. Wir dürfen
    nicht vergessen, daß Moses nicht nur der politische Führer der in Ägypten
    ansässigen Juden war, er war auch ihr Gesetzgeber, Erzieher, und zwang
    sie in den Dienst einer neuen Religion, die noch heute nach ihm die mosaische
    genannt wird. Aber kommt ein einzelner Mensch so leicht dazu, eine neue
    Religion zu schaffen? Und wenn jemand die Religion eines anderen beein-
    flussen will, ist es nicht das natürlichste, daß er ihn zu seiner eigenen Religion
    bekehrt? Das Judenvolk in Ägypten war sicherlich nicht ohne irgend eine
    Form von Religion, und wenn Moses, der ihm eine neue gegeben, ein
    Ägypter war, so ist die Vermutung nicht abzuweisen, daß die andere, neue
    Religion die ägyptische war.

    Dieser Möglichkeit steht etwas im Wege: die Tatsache des schärfsten
    Gegensatzes zwischen der auf Moses zurückgeführten jüdischen Religion
    und der ägyptischen. Die erstere ein großartig starrer Monotheismus; es
    gibt nur einen Gott, er ist einzig, allmächtig, unnahbar; man verträgt seinen
    Anblick nicht, darf sich kein Bild von ihm machen, nicht einmal seinen

    1)Wir haben keine Vorstellung davon, um welche Zahlen es sich beim Auszug aus
    Ägypten handelt.

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    Namen aussprechen. In der ägyptischen Religion eine kaum übersehbare
    Schar von Gottheiten verschiedener Würdigkeit und Herkunft, einige Per-
    sonifikationen von großen Naturmächten wie Himmel und Erde, Sonne und
    Mond, auch einmal eine Abstraktion wie die M a a t (Wahrheit, Gerechtig-
    keit), oder eine Fratze wie der zwerghafte B e s, die meisten aber Lokalgötter
    aus der Zeit, da das Land in zahlreiche Gaue zerfallen war, tiergestaltig, als
    hätten sie die Entwicklung aus den alten Totemtieren noch nicht überwunden,
    unscharf voneinander unterschieden, kaum daß einzelnen besondere Funk-
    tionen zugewiesen sind. Die Hymnen zu Ehren dieser Götter sagen unge-
    fähr von jedem das nämliche aus, identifizieren sie miteinander ohne Be-
    denken in einer Weise, die uns hoffnungslos verwirren würde. Götternamen
    werden mit einander kombiniert, so daß der eine fast zum Beiwort des an-
    deren herabsinkt; so heißt in der Blütezeit des „Neuen Reiches“ der Haupt-
    gott der Stadt T h e b e n A m o n = R e, in welcher Zusammensetzung der erste
    Teil den widderköpfigen Stadtgott bedeutet, während R e der Name des
    sperberköpfigen Sonnengottes von O n ist. Magische und Zeremonielhand-
    lungen, Zaubersprüche und Amulette beherrschten den Dienst dieser Götter
    wie das tägliche Leben des Ägypters.

    Manche dieser Verschiedenheiten mögen sich leicht aus dem prinzipiellen
    Gegensatz eines strengen Monotheismus zu einem uneingeschränkten Poly-
    theismus ableiten. Andere sind offenbar Folgen des Unterschieds im gei-
    stigen Niveau, da die eine Religion primitiven Phasen sehr nahe steht, die
    andere sich zu den Höhen sublimer Abstraktion aufgeschwungen hat. Auf
    diese beiden Momente mag es zurückgehen, wenn man gelegentlich den Ein-
    druck empfängt, der Gegensatz zwischen der mosaischen und der ägyptischen
    Religion sei ein gewollter und absichtlich verschärfter; z. B. wenn die eine
    jede Art von Magie und Zauberwesen aufs strengste verdammt, die doch in
    der anderen aufs üppigste wuchern. Oder wenn der unersättlichen Lust der
    Ägypter, ihre Götter in Ton, Stein und Erz zu verkörpern, der heute unsere
    Museen so viel verdanken, das rauhe Verbot entgegengestellt wird, irgend
    ein lebendes oder gedachtes Wesen in einem Bildnis darzustellen. Aber es
    gibt noch einen anderen Gegensatz zwischen beiden Religionen, der durch die
    von uns versuchten Erklärungen nicht getroffen wird. Kein anderes Volk
    des Altertums hat soviel getan, um den Tod zu verleugnen, hat so peinlich
    vorgesorgt, eine Existenz im Jenseits zu ermöglichen, und dem entsprechend
    war der Totengott O s i r i s, der Beherrscher dieser anderen Welt, der popu-
    lärste und unbestrittenste aller ägyptischen Götter. Die jüdische Religion

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    hingegen hat auf die Unsterblichkeit voll verzichtet; die Möglichkeit einer
    Fortsetzung der Existenz nach dem Tode wird nirgends und niemals Er-
    wägung getan. Und dies ist umso merkwürdiger, als ja spätere Erfahrungen
    gezeigt haben, daß der Glaube an ein jenseitiges Dasein mit einer monothei-
    stischen Religion sehr gut vereinbart werden kann.

    Wir hatten gehofft, die Annahme, Moses sei ein Ägypter gewesen, werde
    sich nach verschiedenen Richtungen als fruchtbar und aufklärend erweisen.
    Aber unsere erste Folgerung aus dieser Annahme, die neue Religion, die er
    den Juden gegeben, sei seine eigene, die ägyptische gewesen, ist an der Ein-
    sicht in die Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit, der beiden Religionen ge-
    scheitert.

    II.

    Eine merkwürdige Tatsache der ägyptischen Religionsgeschichte, die erst
    spät erkannt und gewürdigt worden ist, eröffnet uns noch eine Aussicht. Es
    bleibt möglich, daß die Religion, die Moses seinem Judenvolke gab, doch
    seine eigene war, eine ägyptische Religion, wenn auch nicht die ägyptische.

    In der glorreichen 18ten Dynastie, unter der Ägypten zuerst ein Weltreich
    wurde, kam um das Jahr 1375 v. Chr. ein junger Pharao auf den Thron,
    der zuerst Amenhotep (IV) hieß wie sein Vater, später aber seinen
    Namen änderte, und nicht bloß seinen Namen. Dieser König unternahm es,
    seinen Ägyptern eine neue Religion aufzudrängen, die ihren Jahrtausende-
    alten Traditionen und all ihren vertrauten Lebensgewohnheiten zuwiderlief.
    Es war ein strenger Monotheismus, der erste Versuch dieser Art in der Welt-
    geschichte, soweit unsere Kenntnis reicht, und mit dem Glauben an einen
    einzigen Gott wurde wie unvermeidlich die religiöse Intoleranz geboren,
    die dem Altertum vorher – und noch lange nachher – fremd geblieben.
    Aber die Regierung Amenhoteps dauerte nur 17 Jahre; sehr bald nach
    seinem 1358 erfolgten Tode war die neue Religion hinweggefegt, das An-
    denken des ketzerischen Königs geächtet worden. Aus dem Trümmerfeld
    der neuen Residenz, die er erbaut und seinem Gott geweiht hatte, und aus
    den Inschriften in den zu ihr gehörigen Felsgräbern rührt das wenige her,
    was wir über ihn wissen. Alles, was wir über diese merkwürdige, ja einzig-
    artige Persönlichkeit erfahren können, ist des höchsten Interesses würdig.3)

    3)„The first individual in human history“ nennt ihn Breasted.

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    haben. Die Ursprünge des ägyptischen Monotheismus lassen sich mit
    einiger Sicherheit ein Stück weit zurückverfolgen.4) In der Priesterschule des
    Sonnentempels zu On (Heliopolis) waren seit längerer Zeit Tendenzen tätig,
    um die Vorstellung eines universellen Gottes zu entwickeln und die ethische
    Seite seines Wesens zu betonen. Maat, die Göttin der Wahrheit, Ordnung,
    Gerechtigkeit war eine Tochter des Sonnengottes Re. Schon unter Amen
    hotep III, dem Vater und Vorgänger des Reformators, nahm die Ver-
    ehrung des Sonnengottes einen neuen Aufschwung, wahrscheinlich in
    Gegnerschaft zum übermächtig gewordenen Amon von Theben. Ein ur-
    alter Name des Sonnengottes Aton oder Atum wurde neu hervorgeholt
    und in dieser Atonreligion fand der junge König eine Bewegung vor,
    die er nicht erst zu erwecken brauchte, der er sich anschließen konnte.

    Die politischen Verhältnisse Ägyptens hatten um diese Zeit begonnen, die
    ägyptische Religion nachhaltig zu beeinflussen. Durch die Waffentaten des
    großen Eroberers Thothmes III war Ägypten eine Weltmacht geworden,
    im Süden war Nubien, im Norden Palästina, Syrien und ein Stück von
    Mesopotamien zum Reich hinzugekommen. Dieser Imperialismus spiegelte
    sich nun in der Religion als Universalismus und Monotheismus. Da die
    Fürsorge des Pharao jetzt außer Ägypten auch Nubien und Syrien umfaßte,
    mußte auch die Gottheit ihre nationale Beschränkung aufgeben, und wie der
    Pharao der einzige und unumschränkte Herrscher der dem Ägypter be-
    kannten Welt war, so mußte wohl auch die neue Gottheit der Ägypter wer-
    den. Zudem war es natürlich, daß mit der Erweiterung der Reichsgrenzen
    Ägypten für ausländische Einflüsse zugänglicher wurde; manche der könig-
    lichen Frauen5) waren asiatische Prinzessinnen und möglicherweise waren
    selbst direkte Anregungen zum Monotheismus aus Syrien eingedrungen.

    Amenhotep hat seinen Anschluß an den Sonnenkult von On niemals
    verleugnet. In den zwei Hymnen an den Aton, die uns durch die Inschriften
    in den Felsgräbern erhalten geblieben sind und wahrscheinlich von ihm selbst
    gedichtet wurden, preist er die Sonne als Schöpfer und Erhalter alles Le-
    benden in und außerhalb Ägyptens mit einer Inbrunst, wie sie erst viele
    Jahrhunderte später in den Psalmen zu Ehren des jüdischen Gottes Jahve
    wiederkehrt. Er begnügte sich aber nicht mit dieser erstaunlichen Vorweg-

    4) Das Nachfolgende hauptsächlich nach den Darstellungen von J. H. Breasted in
    seiner „History of Egypt“, 1906, sowie in „The Dawn of Conscience“, 1934, und den ent-
    sprechenden Abschnitten in „The Cambridge Ancient History“, Vol. II.

    5) Vielleicht selbst Amenhoteps geliebte Gemahlin Nofertete.

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    nahme der wissenschaftlichen Erkenntnis von der Wirkung der Sonnen-
    strahlung. Es ist kein Zweifel, daß er einen Schritt weiter ging, daß er die
    Sonne nicht als materielles Objekt verehrte, sondern als Symbol eines gött-
    lichen Wesens, dessen Energie sich in ihren Strahlen kund gab.6)

    Wir werden dem König aber nicht gerecht, wenn wir ihn nur als den An-
    hänger und Förderer einer schon vor ihm bestehenden Atonreligion be-
    trachten. Seine Tätigkeit war weit eingreifender. Er brachte etwas Neues
    hinzu, wodurch die Lehre vom universellen Gott erst zum Monotheismus
    wurde, das Moment der Ausschließlichkeit. In einer seiner Hymnen wird es
    direkt ausgesagt: „Oh Du einziger Gott, neben dem kein anderer ist.“ Und
    wir wollen nicht vergessen, daß für die Würdigung der neuen Lehre die
    Kenntnis ihres positiven Inhalts allein nicht genügt; beinahe ebenso wichtig
    ist ihre negative Seite, die Kenntnis dessen, was sie verwirft. Es wäre auch
    irrtümlich, anzunehmen, daß die neue Religion mit einem Schlage fertig und
    voll gerüstet ins Leben gerufen wurde wie Athene aus dem Haupt des Zeus.
    Vielmehr spricht alles dafür, daß sie während der Regierung Amenhoteps
    allmählich erstarkte zu immer größerer Klarheit, Konsequenz, Schrofffheit
    und Unduldsamkeit. Wahrscheinlich vollzog sich diese Entwicklung unter
    dem Einfluß der heftigen Gegnerschaft, die sich unter den Priestern des Amon
    gegen die Reform des Königs erhob. Im sechsten Jahre der Regierung Amen-
    hoteps war die Verfeindung soweit gediehen, daß der König seinen Namen
    änderte, von dem der nun verpönte Gottesname Amon ein Teil war. Er
    nannte sich anstatt Amenhotep jetzt Ikhnaton.8) Aber nicht nur aus
    seinem Namen tilgte er den des verhaßten Gottes aus, sondern auch aus
    allen Inschriften und selbst dort, wo er sich im Namen seines Vaters Amen-
    hotep III fand. Bald nach der Namensänderung verließ Ikhnaton das von
    Amon beherrschte Theben und erbaute sich stromabwärts eine neue Residenz,

    6)Breasted, History of Egypt, p. 360: „But however evident the Heliopolitan origin
    of the new state religion might be, it was not merely sun-worship; the word Aton was
    employed in the place of the old word for ‚god‘ (nuter) and the god is clearly distinguished
    from the material sun.“ „It is evident that what the king was deifying was the force, by
    which the Sun made itself felt on earth“ (Dawn of Conscience, p. 279) – ähnlich das
    Urteil über eine Formel zu Ehren des Gottes bei A. Erman (Die Ägyptische Religion,
    1905): „es sind . . . Worte, die möglichst abstrakt ausdrücken sollen, daß man nicht das
    Gestirn selbst verehrt, sondern das Wesen, das sich in ihm offenbart.“

    7)l. c. History of Egypt, p. 374.

    8)Ich folge bei diesen Namen der englischen Schreibart. Der neue Name des Königs
    bedeutet ungefähr dasselbe wie sein früherer: Der Gott ist zufrieden. Vgl. unser Gotthold,
    Gottfried.

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    die er Akhetaton (Horizont des Aton) nannte. Ihre Trümmerstätte
    heißt heute Tell-el-Amarna.9)

    Die Verfolgung des Königs traf Amon am härtesten, aber nicht ihn allein.
    Überall im Reiche wurden die Tempel geschlossen, der Gott
    sagt, die Tempelgüter beschlagnahmt. Ja der Eifer des Königs ging so weit,
    daß er die alten Denkmäler untersuchen ließ, um das Wort „Gott“ in ihnen
    auszumerzen, wenn es in der Mehrzahl gebraucht war.10) Es ist nicht zu ver-
    wundern, daß diese Maßnahmen Ikhnatons eine Stimmung fanatischer
    Rachsucht bei der unterdrückten Priesterschaft und beim unbefriedigten Volk
    hervorriefen, die sich nach des Königs Tode frei betätigen konnte. Die Aton-
    religion war nicht populär geworden, war wahrscheinlich auf einen kleinen
    Kreis um seine Person beschränkt geblieben. Der Ausgang Ikhnatons
    bleibt für uns in Dunkel gehüllt. Wir hören von einigen kurzlebigen,
    schattenhaften Nachfolgern aus seiner Familie. Schon sein Schwiegersohn
    Tutankhaton wurde genötigt, nach Theben zurückzukehren und in
    seinem Namen den Gott Aton durch Amon zu ersetzen. Dann folgte eine
    Zeit der Anarchie, bis es dem Feldherrn Haremhab 1350 gelang, die
    Ordnung wiederherzustellen. Die glorreiche 18te Dynastie war erloschen,
    gleichzeitig deren Eroberungen in Nubien und Asien verloren gegangen. In
    dieser trüben Zwischenzeit waren die alten Religionen Ägyptens wieder ein-
    gesetzt worden. Die Atonreligion war abgetan, die Residenz Ikhnatons
    zerstört und geplündert, sein Andenken als das eines Verbrechers geächtet.

    Es dient einer bestimmten Absicht, wenn wir nun einige Punkte aus der
    negativen Charakteristik der Atonreligion herausheben. Zunächst, daß alles
    Mythische, Magische und Zauberische von ihr ausgeschlossen ist.11)

    Sodann die Art der Darstellung des Sonnengottes, nicht mehr wie in
    früherer Zeit durch eine kleine Pyramide und einen Falken, sondern, was
    beinahe nüchtern zu nennen ist, durch eine runde Scheibe, von der Strahlen
    ausgehen, die in menschlichen Händen endigen. Trotz aller Kunstfreudig-
    keit der Amarnaperiode ist eine andere Darstellung des Sonnengottes, ein

    9)Dort wurde 1887 die für die Geschichtskenntnis so wichtige Korrespondenz der
    ägyptischen Könige mit den Freunden und Vasallen in Asien gefunden.

    10)l. c. History of Egypt, p. 363.

    11)Weigall (The life and times of Ikhnaton, 1923, p. 121) sagt, Ikhnaton wollte
    nichts von einer Hölle wissen, gegen deren Schrecken man sich durch ungezählte Zauber-
    formeln schützen sollte. „Akhnaton flung all these formulae into the fire. Djins, bogies,
    spirits, monsters, demigods and Osiris himself with all his court, were swept into the
    blaze and reduced to ashes.“

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    persönliches Bild des Aton, nicht gefunden worden und man darf es zu-
    versichtlich sagen, es wird nicht gefunden werden.12

    Endlich das völlige Schweigen über den Totengott Osiris und das Toten-
    reich. Weder die Hymnen, noch die Grabinschriften wissen etwas von dem,
    was dem Herzen des Ägypters vielleicht am nächsten lag. Der Gegensatz zur
    Volksreligion kann nicht deutlicher veranschaulicht werden.13

    III.

    Wir möchten jetzt den Schluß wagen: wenn Moses ein Ägypter war und
    wenn er den Juden seine eigene Religion übermittelte, so war es die des
    Ikhnaton, die Atonreligion.

    Wir haben vorhin die jüdische Religion mit der ägyptischen Volksreligion
    verglichen und die Gegensätzlichkeit zwischen beiden festgestellt. Nun sollen
    wir einen Vergleich der jüdischen mit der Atonreligion anstellen, in der
    Erwartung, die ursprüngliche Identität der beiden zu erweisen. Wir wissen,
    daß uns keine leichte Aufgabe gestellt ist. Von der Atonreligion wissen
    wir dank der Rachsucht der Amonpriester vielleicht zu wenig. Die mosaische
    Religion kennen wir nur in einer Endgestaltung, wie sie etwa 800 Jahre
    später in nachexilischer Zeit von der jüdischen Priesterschaft fixiert wurde.
    Sollten wir trotz dieser Ungunst des Materials einzelne Anzeichen finden, die
    unserer Annahme günstig sind, so werden wir sie hoch einschätzen dürfen.

    Es gäbe einen kurzen Weg zum Erweis unserer These, daß die mosaische
    Religion nichts anderes ist als die des Aton, nämlich über ein Geständnis,
    eine Proklamation. Aber ich fürchte, man wird uns sagen, daß dieser Weg
    nicht gangbar ist. Das jüdische Glaubensbekenntnis lautet bekanntlich:
    Schema Jisroel Adonai Elohenu Adonai Echad. Wenn der Name des ägyp-
    tischen Aton (oder Atum) nicht nur zufällig an das hebräische Wort
    Adonai und den syrischen Gottesnamen Adonis anklingt, sondern in-
    folge urzeitlicher Sprach- und Sinngemeinschaft, so könnte man jene jüdische
    Formel übersetzen: Höre Israel, unser Gott Aton (Adonai) ist ein einziger
    Gott. Ich bin leider völlig inkompetent, um diese Frage zu beantworten.


    12)A. Weigall (l. c.). „Akhnaton did not permit any graven image to be made of
    the Aton. The true God, said the King, had no form; and he held to this opinion
    throughout his life.“ (p. 103.)

    13)Erman l. c. p. 70: „vom Osiris und seinem Reich sollte man nichts mehr hören.“
    – Breasted, D. of C., p. 291: „Osiris is completely ignored. He is never mentioned in
    any record of Ikhnaton or in any of the tombs at Amarna.“

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    konnte auch nur wenig darüber in der Literatur finden,14) aber wahrscheinlich
    darf man es sich nicht so leicht machen. Übrigens werden wir auf die Pro-
    bleme des Gottesnamens noch einmal zurückkommen müssen.

    Die Ähnlichkeiten wie die Verschiedenheiten der beiden Religionen sind
    leicht ersichtlich, ohne uns viel Aufklärung zu bringen. Beide sind Formen
    eines strengen Monotheismus und man wird von vornherein geneigt sein,
    was an ihnen Übereinstimmung ist, auf diesen Grundcharakter zurückzu-
    führen. Der jüdische Monotheismus benimmt sich in manchen Punkten noch
    schroffer als der ägyptische, z. B. wenn er bildliche Darstellungen überhaupt
    verbietet. Der wesentlichste Unterschied zeigt sich – vom Gottesnamen ab-
    gesehen – darin, daß die jüdische Religion völlig von der Sonnenverehrung
    abgeht, an die sich die ägyptische noch angelehnt hatte. Beim Vergleich mit
    der ägyptischen Volksreligion hatten wir den Eindruck empfangen, daß
    außer dem prinzipiellen Gegensatz ein Moment von absichtlichem Wider-
    spruch an der Verschiedenheit der beiden Religionen beteiligt wäre. Dieser
    Eindruck erscheint nun als berechtigt, wenn wir im Vergleich die jüdische
    durch die Atonreligion ersetzen, die Ikhnaton, wie wir wissen, in ab-
    sichtlicher Feindseligkeit gegen die Volksreligion entwickelt hat. Wir hatten
    uns mit Recht darüber verwundert, daß die jüdische Religion vom Jenseits
    und vom Leben nach dem Tode nichts wissen will, denn eine solche Lehre
    wäre mit dem strengsten Monotheismus vereinbar. Diese Verwunderung
    schwindet, wenn wir von der jüdischen auf die Atonreligion zurückgehen
    und annehmen, daß diese Ablehnung von dort her übernommen worden ist,
    denn für Ikhnaton war sie eine Notwendigkeit bei der Bekämpfung der
    Volksreligion, in der der Totengott Osiris eine vielleicht größere Rolle spielte
    als irgend ein Gott der Oberwelt. Die Übereinstimmung der jüdischen mit
    der Atonreligion in diesem wichtigen Punkte ist das erste starke Argument
    zugunsten unserer These. Wir werden hören, daß es nicht das einzige ist.

    Moses hat den Juden nicht nur eine neue Religion gegeben; man kann
    auch mit gleicher Bestimmtheit behaupten, daß er die Sitte der Beschneidung
    bei ihnen eingeführt hat. Diese Tatsache hat eine entscheidende Bedeutung
    für unser Problem und ist kaum je gewürdigt worden. Der biblische Bericht
    widerspricht ihr zwar mehrfach, er führt einerseits die Beschneidung in die

    14)Nur einige Stellen bei Weigall (l. c.): „Der Gott Atum, der Re als die unter-
    gehende Sonne bezeichnete, war vielleicht gleichen Ursprungs wie der in Nordsyrien all-
    gemein verehrte Aton und eine ausländische Königin sowie ihr Gefolge mag sich darum
    eher zu Heliopolis hingezogen gefühlt haben als zu Theben“ (p. 12 und p. 19).

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    Urväterzeit zurück als Zeichen des Bundes zwischen Gott und Abraham,
    anderseits erzählt er in einer ganz besonders dunkeln Stelle, daß Gott Moses
    zürnte, weil er den geheiligten Gebrauch vernachlässigt hatte, daß er ihn
    darum töten wollte, und daß Moses’ Ehefrau, eine Midianiterin, den
    bedrohten Mann durch rasche Ausführung der Operation vor Gottes Zorn
    rettete. Aber dies sind Entstellungen, die uns nicht irre machen dürfen, wir
    werden später Einsicht in ihre Motive gewinnen. Es bleibt bestehen, daß es
    auf die Frage, woher die Sitte der Beschneidung zu den Juden kam, nur eine
    Antwort gibt: aus Ägypten. Herodot, der „Vater der Geschichte“, teilt
    uns mit, daß die Sitte der Beschneidung in Ägypten seit langen Zeiten hei-
    misch war, und seine Angaben sind durch die Befunde an Mumien, ja durch
    Darstellungen an den Wänden von Gräbern bestätigt worden. Kein anderes
    Volk des östlichen Mittelmeeres hat, soviel wir wissen, diese Sitte geübt;
    von den Semiten, Babyloniern, Sumerern ist es sicher anzunehmen, daß sie
    unbeschnitten waren. Von den Einwohnern Kanaans sagt es die biblische
    Geschichte selbst; es ist die Voraussetzung für den Ausgang des Abenteuers
    der Tochter Jakobs mit dem Prinzen von Sichem.15) Die Möglichkeit, daß
    die in Ägypten weilenden Juden die Sitte der Beschneidung auf anderem
    Wege angenommen haben als im Zusammenhange mit der Religionsstiftung
    Moses’, dürfen wir als völlig haltlos abweisen. Nun halten wir fest, daß
    die Beschneidung als allgemeine Volkssitte in Ägypten geübt wurde, und
    nehmen für einen Augenblick die gebräuchliche Annahme hinzu, daß Moses
    ein Jude war, der seine Volksgenossen vom ägyptischen Fron-
    dienst be
    freien, sie zur Entwicklung einer selbständigen und selbstbewußten Natio-
    nalen Existenz außer Landes führen wollte – wie es ja wirklich geschah –
    welchen Sinn konnte es haben, daß er ihnen zur gleichen Zeit eine beschwer-
    liche Sitte aufdrängte, die sie gewissermaßen selbst zu Ägyptern machte, die
    ihre Erinnerung an Ägypten immer wach halten mußte, während sein Streben
    doch nur aufs Gegenteil gerichtet sein konnte, daß sein Volk sich dem Lande
    der Knechtschaft entfremden und die Sehnsucht nach den „Fleischtöpfen

    15) Wenn wir mit der biblischen Tradition so selbstherrlich und willkürlich verfahren,
    sie zur Bestätigung heranziehen, wo sie uns taugt, und sie unbedenklich verwerfen, wo
    sie uns widerspricht, so wissen wir sehr wohl, daß wir uns dadurch ernster methodischer
    Kritik aussetzen und die Beweiskraft unserer Ausführungen abschwächen. Aber es ist
    die einzige Art, wie man ein Material behandeln kann, von dem man mit Bestimmtheit
    weiß, daß seine Zuverlässigkeit durch den Einfluß ent-
    stellender Tendenzen schwer ge-
    schädigt worden ist. Eine gewisse Rechtfertigung hofft man später zu erwerben, wenn
    man jenen geheimen Motiven auf die Spur kommt. Sicherheit ist ja überhaupt nicht zu
    erreichen, und übrigens dürfen wir sagen, daß alle anderen Autoren ebenso verfahren sind.

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    Ägyptens“ überwinden sollte? Nein, die Tatsache, von der wir ausgingen,
    und die Annahme, die wir an sie anfügten, sind so unvereinbar miteinander,
    daß man den Mut zu einer Schlußfolge findet: Wenn Moses den Juden nicht
    nur eine neue Religion, sondern auch das Gebot der Beschneidung gab, so
    war er kein Jude, sondern ein Ägypter, und dann war die mosaische Religion
    wahrscheinlich eine ägyptische und zwar wegen des Gegensatzes zur Volks-
    religion die Religion des Aton, mit der die spätere jüdische Religion auch in
    einigen bemerkenswerten Punkten übereinstimmt.

    Wir haben bemerkt, daß unsere Annahme, Moses sei kein Jude, sondern
    ein Ägypter, ein neues Rätsel schafft. Die Handlungsweise, die beim Juden
    leicht verständlich schien, wird beim Ägypter unbegreiflich. Wenn wir aber
    Moses in die Zeit des Ichnaton versetzen und in Beziehung zu diesem
    Pharao bringen, dann schwindet dieses Rätsel und es enthüllt sich die Mög-
    lichkeit einer Motivierung, die alle unsere Fragen beantwortet. Gehen wir
    von der Voraussetzung aus, daß Moses ein vornehmer und hochstehender
    Mann war, vielleicht wirklich ein Mitglied des königlichen Hauses, wie die
    Sage von ihm behauptet. Er war gewiß seiner großen Fähigkeiten bewußt,
    ehrgeizig und tatkräftig; vielleicht schwebte ihm selbst das Ziel vor, eines
    Tages das Volk zu leiten, das Reich zu beherrschen. Dem Pharao nahe, war
    er ein überzeugter Anhänger der neuen Religion, deren Grundgedanken er
    sich zu eigen gemacht hatte. Mit dem Tod des Königs und dem Einsetzen
    der Reaktion sah er all seine Hoffnungen und Aussichten zerstört; wenn er
    seine ihm teuren Überzeugungen nicht abschwören wollte, hatte ihm Ägypten
    nichts mehr zu bieten, er hatte sein Vaterland verloren. In dieser Notlage
    fand er einen ungewöhnlichen Ausweg. Der Träumer Ichnaton hatte sich
    seinem Volk entfremdet und hatte sein Weltreich zerbröckeln lassen. Moses’
    energischer Natur entsprach der Plan, ein neues Reich zu gründen, ein neues
    Volk zu finden, dem er die von Ägypten verschmähte Religion zur Ver-
    ehrung schenken wollte. Es war, wie man erkennt, ein heldenhafter Ver-
    such, das Schicksal zu bestreiten, sich nach zwei Richtungen zu entschädigen
    für die Verluste, die ihm die Katastrophe Ichnatons gebracht hatte. Viel-
    leicht war er zur Zeit Statthalter jener Grenzprovinz (Gosen), in der sich
    (noch zur Zeit der Hyksos?) gewisse semitische Stämme niedergelassen
    hatten. Diese wählte er aus, daß sie sein neues Volk sein sollten. Eine welt-
    geschichtliche Entscheidung16)

    16)Wenn Moses ein hoher Beamter war, so erleichtert dies unser Verständnis für die
    Führerrolle, die er bei den Juden übernahm; wenn ein Priester, dann lag es ihm nahe, als

  • S.

    398

    Er setzte sich mit ihnen ins Einvernehmen, stellte sich an ihre Spitze, be-
    sorgte ihre Abwanderung „mit starker Hand“. In vollem Gegensatz zur bib-
    lischen Tradition sollte man annehmen, daß sich dieser Auszug friedlich
    und ohne Verfolgung vollzog. Die Autorität Moses’ ermöglichte ihn, und
    eine Zentralgewalt, die ihn hätte verhindern wollen, war damals nicht vor-
    handen.

    Zufolge dieser unserer Konstruktion würde der Auszug aus Ägypten in
    die Zeit zwischen 1358 und 1350 fallen, d. h. nach dem Tode Ikhnatons
    und vor der Herstellung der staatlichen Autorität durch Haremhab.17
    Das Ziel der Wanderung konnte nur das Land Kanaan sein. Dort waren
    nach dem Zusammenbruch der ägyptischen Herrschaft Scharen von kriege-
    rischen Aramäern eingebrochen, erobernd und plündernd, und hatten so ge-
    zeigt, wo ein tüchtiges Volk sich neuen Landbesitz holen konnte. Wir kennen
    diese Krieger aus den Briefen, die 1887 im Archiv der Ruinenstadt Amarna
    gefunden wurden. Sie werden dort Habiru genannt und der Name ist, man
    weiß nicht wie, auf die später kommenden jüdischen Eindringlinge –
    Hebräer – übergegangen, die in den Amarnabriefen nicht gemeint sein
    können. Südlich von Palästina – in Kanaan – wohnten auch jene Stämme,
    die die nächsten Verwandten der jetzt aus Ägypten ausziehenden Juden
    waren.

    Die Motivierung, die wir für das Ganze des Auszugs erraten haben, deckt
    auch die Einsetzung der Beschneidung. Man weiß, in welcher Weise sich
    die Menschen, Völker wie Einzelne, zu diesem uralten, kaum mehr ver-
    standenen Gebrauch verhalten. Denjenigen, die ihn nicht üben, erscheint er
    sehr befremdlich und sie grausen sich ein wenig davor – die anderen aber,
    die die Beschneidung angenommen haben, sind stolz darauf. Sie fühlen sich
    durch sie erhöht, wie geadelt, und schauen verächtlich auf die anderen herab,
    die ihnen als unrein gelten. Noch heute beschimpft der Türke den Christen
    als „unbeschnittenen Hund“. Es ist glaublich, daß Moses, der als Ägypter
    selbst beschnitten war, diese Schätzung teilte. Die Juden, mit denen er das
    Religionsstifter aufzutreten. In beiden Fällen wäre es die Fortsetzung seines bisherigen
    Berufs gewesen. Ein Prinz des königlichen Hauses konnte leicht beides sein, Statthalter
    und Priester. In der Erzählung des Flavius Josephus (Antiqu. jud.), der die Aus-
    setzungssage annimmt, aber andere Traditionen als die biblische zu kennen scheint, hat
    Moses als ägyptischer Feldherr einen siegreichen Feldzug in Äthiopien durchgeführt.

    17)Das wäre etwa ein Jahrhundert früher, als die meisten Historiker annehmen, die
    ihn in die 19te Dynastie unter Merneptah verlegen. Vielleicht etwas später, denn die
    offizielle Geschichtsschreibung scheint das Interregnum in die Regierungszeit Harem-
    habs eingerechnet zu haben.

  • S.

    399

    Vaterland verließ, sollten ihm ein besserer Ersatz für die Ägypter sein, die
    er im Lande zurückblieb. Auf keinen Fall durften sie hinter diesen zurück-
    stehen. Ein „geheiligtes Volk“ wollte er aus ihnen machen, wie noch aus-
    drücklich im biblischen Text gesagt wird, und als Zeichen solcher Weihe
    führte er auch bei ihnen die Sitte ein, die sie den Ägyptern mindestens gleich-
    stellte. Auch konnte es ihm nur willkommen sein, wenn sie durch ein
    solches Zeichen isoliert und von der Vermischung mit den Fremdvölkern
    abgehalten wurden, zu denen ihre Wanderung sie führen sollte, ähnlich wie
    die Ägypter selbst sich von allen Fremden abgesondert hatten.18)

    Die jüdische Tradition aber benahm sich später, als wäre sie durch die
    Schlußfolge bedrückt, die wir vorhin entwickelt haben. Wenn man zuge-
    stand, daß die Beschneidung eine ägyptische Sitte war, die Moses eingeführt
    hatte, so war das beinahe so viel wie eine Anerkennung, daß die Religion,
    die Moses ihnen überliefert, auch eine ägyptische gewesen war. Aber man
    hatte gute Gründe, diese Tatsache zu verleugnen; folglich mußte man auch
    dem Sachverhalt in betreff der Beschneidung widersprechen.

    IV.

    An dieser Stelle erwarte ich den Vorwurf, daß ich meine Konstruktion,
    die Moses, den Ägypter, in die Zeit von Ikhnaton versetzt, seinen Entschluß,
    sich des Judenvolkes anzunehmen, aus den derzeitigen politischen Zu-
    ständen im Lande ableitet, die Religion, die er seinen Schützlingen schenkt
    oder auferlegt, als die des Aton erkennt, die eben in Ägypten selbst zu-


    18)Herodot, der Ägypten um 450 v. Chr. besuchte, gibt in seinem Reisebericht
    eine Charakteristik des ägyptischen Volkes, die eine erstaunliche Ähnlichkeit mit be-
    kannten Zügen des späteren Judentums aufzeigt: „Sie sind überhaupt in allen Punkten
    frommer als die übrigen Menschen, von denen sie sich auch schon durch manche ihrer
    Sitten trennen. So durch die Beschneidung, die sie zuerst, und zwar aus Reinlichkeits-
    gründen, eingeführt haben; des weiteren durch ihren Abscheu vor den Schweinen, der
    gewiß damit zusammenhängt, daß Set als ein schwarzes Schwein den Horus verwundet
    hatte, und endlich und am meisten durch ihre Ehrfurcht vor den Kühen, die sie nie essen
    oder opfern würden, weil sie damit die kuhhörnige Isis beleidigen würden. Deshalb würde
    kein Ägypter und keine Ägypterin je einen Griechen küssen oder sein Messer, seinen
    Bratspieß oder seinen Kessel gebrauchen oder von dem Fleisch eines (sonst) reinen Ochsen
    essen, das mit einem griechischen Messer geschnitten wäre . . . sie sahen in hochmütiger
    Beschränktheit auf die anderen Völker herab, die unrein waren und den Göttern nicht so
    nahe standen wie sie.“ (Nach Erman, Die Ägyptische Religion, p. 181 u. ff).
    Wir wollen natürlich Parallelen hiezu aus dem Leben des indischen Volkes nicht ver-
    gessen. Wer hat es übrigens dem jüdischen Dichter H. Heine im 19. Jahrhundert n. Chr.
    eingegeben, seine Religion zu beklagen als „die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage, den
    altägyptisch ungesunden Glauben“?

  • S.

    400

    sammengebrochen war, daß ich diesen Aufbau von Mutmaßungen also mit
    allzugroßer, im Material nicht begründeter Bestimmtheit vorgetragen habe.
    Ich meine, der Vorwurf ist unberechtigt. Ich habe das Moment des Zweifels
    bereits in der Einleitung betont, es gleichsam vor die Klammer gesetzt, und
    durfte es mir dann ersparen, es bei jedem Posten innerhalb der Klammer zu
    wiederholen.

    Einige meiner eigenen kritischen Bemerkungen dürfen die Erörterung fort-
    setzen. Das Kernstück unserer Aufstellung, die Abhängigkeit des jüdischen
    Monotheismus von der monotheistischen Episode in der Geschichte
    Ägyptens, ist von verschiedenen Autoren geahnt und angedeutet worden. Ich
    erspare mir, diese Stimmen hier wiederzugeben, da keine von ihnen anzu-
    geben weiß, auf welchem Weg sich diese Beeinflussung vollzogen haben
    kann. Bleibt sie für uns an die Person des Moses geknüpft, so sind auch
    dann andere Möglichkeiten als die von uns bevorzugte zu erwägen. Es ist
    nicht anzunehmen, daß der Sturz der offiziellen Atonreligion die monothei-
    stische Strömung in Ägypten völlig zu Ende gebracht hat. Die Priesterschule
    in On, von der sie ausgegangen war, überstand die Katastrophe und mochte
    noch Generationen nach Ikhnaton in den Bann ihrer Gedankengänge
    ziehen. Somit ist die Tat des Moses denkbar, auch wenn er nicht zur Zeit
    Ikhnatons lebte und nicht dessen persönlichen Einfluß erfahren hatte,
    wenn er nur Anhänger oder gar Mitglied der Schule von On war. Diese
    Möglichkeit würde den Zeitpunkt des Auszugs verschieben und näher an
    das gewöhnlich angenommene Datum (im 13ten Jahrhundert) heranrücken;
    sie hat aber sonst nichts, was sie empfiehlt. Die Einsicht in die Motive Moses’
    ginge verloren und die Erleichterung des Auszugs durch die im Lande herr-
    schende Anarchie fiele weg. Die nächsten Könige der 19ten Dynastie haben
    ein starkes Regiment geführt. Alle für den Auszug günstigen äußeren und
    inneren Bedingungen treffen nur in der Zeit unmittelbar nach dem Tode des
    Ketzerkönigs zusammen.

    Die Juden besitzen eine reichhaltige außerbiblische Literatur, in der man
    die Sagen und Mythen findet, die sich im Verlauf der Jahrhunderte um die
    großartige Figur des ersten Führers und Religionsstifters gebildet, sie ver-
    klärt und verdunkelt haben. In diesem Material mögen Stücke guter Tradi-
    tion versprengt sein, die in den fünf Büchern keinen Raum gefunden haben.
    Eine solche Sage schildert in ansprechender Weise, wie sich der Ehrgeiz des
    Mannes Moses schon in seiner Kindheit geäußert. Als ihn der Pharao einmal
    in die Arme nahm und im Spiele hoch hob, riß ihm das dreijährige Knäblein

  • S.

    401

    die Krone vom Haupt und setzte sie seinem eigenen auf. Der König erschrak
    über dies Vorzeichen und versäumte nicht, seine Weisen darüber zu be-
    fragen.19) Ein andermal wird von siegreichen Kriegstaten erzählt, die er als
    ägyptischer Feldherr in Äthiopien vollführt, und daran geknüpft, daß er
    aus Ägypten floh, weil er den Neid einer Partei am Hofe oder des Pharao
    selbst zu fürchten hatte. Die biblische Darstellung selbst legt Moses einige
    Züge bei, denen man Glaubwürdigkeit zusprechen möchte. Sie beschreibt
    ihn als zornmütig, leicht aufbrausend – wie er in der Entrüstung den bru-
    talen Aufseher erschlägt, der einen jüdischen Arbeiter mißhandelt, wie er
    in der Erbitterung über den Abfall des Volkes die Gesetzestafeln zer-
    schmettert, die er vom Berge Gottes geholt, ja Gott selbst straft ihn am Ende
    wegen einer Tat der Ungeduld; es wird nicht gesagt, was sie war. Da eine
    solche Eigenschaft nicht der Verherrlichung dient, könnte sie historischer
    Wahrheit entsprechen. Man kann auch die Möglichkeit nicht abweisen, daß
    manche Charakterzüge, die die Juden in die frühe Vorstellung ihres Gottes
    eintrugen, indem sie ihn eifervoll, streng und unerbittlich hießen, im Grunde
    von der Erinnerung an Moses hergenommen waren, denn in Wirklichkeit
    hatte nicht ein unsichtbarer Gott, hatte der Mann Moses sie aus Ägypten
    herausgeführt.

    Ein anderer ihm zugeschriebener Zug hat besonderen Anspruch auf unser
    Interesse. Moses soll „schwer von Sprache“ gewesen sein, also eine Sprach-
    hemmung oder einen Sprachfehler besessen haben, so daß er bei den angeb-
    lichen Verhandlungen mit dem Pharao der Unterstützung des Aaron be-
    durfte, der sein Bruder genannt wird. Das mag wiederum historische Wahr-
    heit sein und wäre ein erwünschter Beitrag zur Belebung der Physiognomie
    des großen Mannes. Es kann aber auch eine andere und wichtigere Bedeu-
    tung haben. Der Bericht mag in leichter Entstellung der Tatsache gedenken,
    daß Moses ein Anderssprachiger war, der mit seinen semitischen Neu-
    ägyptern nicht ohne Dolmetsch verkehren konnte, wenigstens nicht zu An-
    fang ihrer Beziehungen. Also eine neue Bestätigung der These: Moses war
    ein Ägypter.

    Nun aber, scheint es, ist unsere Arbeit zu einem vorläufigen Ende ge-
    kommen. Aus unserer Annahme, daß Moses ein Ägypter war, sei sie er-
    wiesen oder nicht, können wir zunächst nichts weiter ableiten. Den bib-
    lischen Bericht über Moses und den Auszug kann kein Historiker für
    anderes halten als für fromme Dichtung, die eine entlegene Tradition im

    19)Dieselbe Anekdote in leichter Abänderung bei Josephus.

  • S.

    402

    Dienste ihrer eigenen Tendenzen umgearbeitet hat. Wie die Tradition ur-
    sprünglich gelautet hat, ist uns unbekannt; welches die entstellenden Ten-
    denzen waren, möchten wir gern erraten, werden aber durch die Unkenntnis
    der historischen Vorgänge im Dunkel erhalten. Daß unsere Rekonstruktion
    für so manche Prunkstücke der biblischen Erzählung, wie die zehn Plagen,
    den Durchzug durchs Schilfmeer, die feierliche Gesetzgebung am Berge
    Sinai, keinen Raum hat, dieser Gegensatz kann uns nicht beirren. Aber es
    kann uns nicht gleichgültig lassen, wenn wir finden, daß wir in Widerspruch
    mit dem Ergebnissen der nüchternen Geschichtsforschung unserer Tage ge-
    raten sind.

    Diese neueren Historiker, als deren Vertreter wir Ed. Meyer20) an-
    erkennen mögen, schließen sich dem biblischen Bericht in einem entschei-
    denden Punkte an. Auch sie meinen, daß die jüdischen Stämme, aus denen
    später das Volk Israel hervorging, zu einem gewissen Zeitpunkt eine neue
    Religion angenommen haben. Aber dies Ereignis vollzog sich nicht in
    Ägypten, auch nicht am Fuße eines Berges auf der Sinaihalbinsel, sondern
    in einer Örtlichkeit, die Meribat–Qadeš genannt wird, einer durch ihren
    Reichtum an Quellen und Brunnen ausgezeichneten Oase in dem Landstrich
    südlich von Palästina zwischen dem östlichen Ausgang der Sinaihalbinsel
    und dem Westrand von Arabien. Sie übernahmen dort die Verehrung eines
    Gottes Jahve, wahrscheinlich von dem arabischen Stamm der nahebei
    wohnenden Midianiter. Vermutlich waren auch andere Nachbarstämme
    Anhänger dieses Gottes.

    Jahve war sicherlich ein Vulkangott. Nun ist Ägypten bekanntlich frei
    von Vulkanen und Erdbeben und auch die Berge der Sinaihalbinsel sind nie
    vulkanisch gewesen; dagegen finden sich Vulkane, die noch bis in späte
    Zeiten tätig gewesen sein mögen, längs des Westrandes Arabiens. Einer
    dieser Berge muß also der Sinai–Horeb gewesen sein, den man sich als
    den Wohnsitz Jahves dachte.21) Trotz aller Umarbeitungen, die der bib-
    lische Bericht erlitten hat, läßt sich nach Ed. Meyer das ursprüngliche
    Charakterbild des Gottes rekonstruieren: Er ist ein unheimlicher, blut-
    gieriger Dämon, der bei Nacht umgeht und das Tageslicht scheut.22)

    Der Mittler zwischen Gott und Volk bei dieser Religionsstiftung wird

    20) Ed. Meyer, Die Israeliten und ihre Nachbarstämme, 1906.

    21) An einigen Stellen des biblischen Textes ist noch stehengeblieben, daß Jahve vom
    Sinai herab nach Meribat–Qadeš kam.

    22) l. c. p. 38, 58.

  • S.

    403

    Moses genannt. Er ist Schwiegersohn des midianitischen Priesters Jethro,
    hütete dessen Herden, als er die göttliche Berufung erfuhr. Er erhält auch
    in Qadeš den Besuch Jethros, der ihm Unterweisungen gibt.

    Ed. Meyer sagt zwar, es sei ihm nie zweifelhaft gewesen, daß die Ge-
    schichte vom Aufenthalt in Ägypten und von der Katastrophe der Ägypter
    irgendeinen historischen Kern enthält,23) aber er weiß offenbar nicht, wie er
    die von ihm anerkannte Tatsache unterbringen und verwerten soll. Nur die
    Sitte der Beschneidung ist er bereit, von Ägypten abzuleiten. Er bereichert
    unsere frühere Argumentation durch zwei wichtige Hinweise. Erstens, daß
    Josua das Volk zur Beschneidung auffordert, „um das Höhnen der
    Ägypter von sich abzuwälzen“, sodann durch das Zitat aus Herodot, daß
    die Phöniker (wohl die Juden) und die Syrer in Palästina selbst zugeben,
    die Beschneidung von den Ägyptern gelernt zu haben.24) Aber für einen
    ägyptischen Moses hat er wenig übrig. „Der Moses, den wir kennen, ist
    der Ahnherr der Priester von Qadeš, also eine mit dem Kultus in Beziehung
    stehende Gestalt der genealogischen Sage, nicht eine geschichtliche Persön-
    lichkeit. Es hat denn auch (abgesehen von denen, die die Tradition in Bausch
    und Bogen als geschichtliche Wahrheit hinnehmen) noch niemand von denen,
    die ihn als eine geschichtliche Gestalt behandeln, ihn mit irgendwelchem
    Inhalt zu erfüllen, ihn als eine konkrete Individualität darzustellen oder etwas
    anzugeben gewußt, was er geschaffen hätte und was sein geschichtliches
    Werk wäre.“25)

    Dagegen wird er nicht müde, die Beziehung Moses’ zu Qadeš und
    Midian zu betonen. „Die Gestalt des Moses, die mit Midian und den
    Kultusstätten in der Wüste eng verwachsen ist.“26) „Diese Gestalt des Mose
    ist nun mit Qadeš (Massa und Meriba) untrennbar verbunden, die Ver-
    schwägerung mit dem midianitischen Priester bildet die Ergänzung dazu.
    Die Verbindung mit dem Exodus dagegen und vollends die Jugend-
    geschichte sind durchaus sekundär und lediglich die Folge der Einfügung
    Moses in eine zusammenhängend fortlaufende Sagengeschichte.“27) Er verweist
    auch darauf, daß die in der Jugendgeschichte des Moses enthaltenen Motive
    später sämtlich fallen gelassen werden. „Mose in Midian ist nicht mehr ein
    Ägypter und Enkel des Pharao, sondern ein Hirt, dem Jahve sich offenbart.

    23)l. c. p. 49.

    24)l. c. p. 449.

    25)l. c. p. 451.

    26)l. c. p. 49.

    27)l. c. p. 72.

  • S.

    404

    In den Erzählungen von den Plagen ist von seinen alten Beziehungen nicht
    mehr die Rede, so leicht sie sich effektvoll hätten verwerten lassen, und der
    Befehl, die israelitischen Knaben zu töten, ist vollkommen vergessen. Bei
    dem Auszug und dem Untergang der Ägypter spielt Mose überhaupt keine
    Rolle, er wird nicht einmal genannt. Der Heldencharakter, den die Kind-
    heitssage voraussetzt, fehlt dem späteren Mose gänzlich; er ist nur noch der
    Gottesmann, ein von Jahve mit übernatürlichen Kräften ausgestatteter
    Wundertäter. . .28)

    Wir können den Eindruck nicht bestreiten, dieser Moses von Qadeš und
    Midian, dem die Tradition selbst die Aufrichtung einer ehernen Schlange
    als Heilgott zuschreiben durfte, ist ein ganz anderer als der von uns er-
    schlossene großherrliche Ägypter, der dem Volk eine Religion eröffnete,
    in der alle Magie und Zauberei aufs strengste verpönt war. Unser ägyptischer
    Moses ist vom midianitischen Moses vielleicht nicht weniger verschieden
    als der universelle Gott Aton von dem auf dem Götterberg hausenden
    Dämon Jahve. Und wenn wir den Ermittlungen der neueren Historiker
    irgend ein Maß von Glauben schenken, müssen wir uns eingestehen, daß der
    Faden, den wir von der Annahme her spinnen wollten, Moses sei ein Ägypter
    gewesen, nun zum zweiten Mal abgerissen ist. Diesmal, wie es scheint, ohne
    Hoffnung auf Wiederanknüpfung.

    V.

    Unerwarteter Weise findet sich auch hier ein Ausweg. Die Bemühungen,
    in Moses eine Gestalt zu erkennen, die über den Priester von Qadeš hinaus-
    reicht, und die Großartigkeit zu bestätigen, welche die Tradition an ihm
    rühmt, sind auch nach Ed. Meyer nicht zur Ruhe gekommen (Grieß-
    mann u. a.). Im Jahre 1922 hat dann Ed. Sellin eine Entdeckung ge-
    macht, die unser Problem entscheidend beeinflußt.29) Er fand beim Propheten
    Hosea (zweite Hälfte des achten Jahrhunderts) die unverkennbaren An-
    zeichen einer Tradition, die zum Inhalt hat, daß der Religionsstifter Moses
    in einem Aufstand seines widerspenstigen und halsstarrigen Volkes ein ge-
    waltsames Ende fand. Gleichzeitig wurde die von ihm eingesetzte Religion
    abgeworfen. Diese Tradition ist aber nicht auf Hosea beschränkt, sie kehrt
    bei den meisten späteren Propheten wieder, ja sie ist nach Sellin die Grund-

    28)l. c. p. 47.

    29)Ed. Sellin, Mose und seine Bedeutung für die israelitisch-jüdische Religions-
    geschichte, 1922.

  • S.

    405

    lage aller späteren messianischen Erwartungen geworden. Am Ausgang des
    babylonischen Exils entwickelte sich im jüdischen Volke die Hoffnung, der
    so schmählich Gemordete werde von den Toten wiederkommen und sein
    reuiges Volk, viel-
    leicht dieses nicht allein, in das Reich einer dauernden
    Seligkeit führen. Die nahe liegenden Beziehungen zum Schick-
    teren Religionsstifters liegen nicht auf unserem Weg.
    Ich bin natürlich wiederum nicht in der Lage, zu entscheiden, ob Sellin
    die prophetischen Stellen richtig gedeutet hat. Aber wenn er Recht hat, so
    darf man der von ihm erkannten Tradition historische Glaubwürdigkeit zu-
    sprechen, denn solche Dinge erdichtet man nicht leicht. Es fehlt an einem
    greifbaren Motiv dafür; haben sie sich aber wirklich ereignet, so versteht
    sich leicht, daß man sie vergessen will. Wir brauchen nicht alle Einzelheiten
    der Tradition anzunehmen. Sellin meint, daß Schittim im Ostjordan-
    land als der Schauplatz der Gewalttat an Moses bezeichnet wird. Wir werden
    bald erkennen, daß eine solche Lokalität für unsere Überlegungen unan-
    nehmbar ist.
    Wir entlehnen von Sellin die Annahme, daß der ägyptische Moses von
    den Juden erschlagen, die von ihm eingeführte Religion aufgegeben wurde.
    Sie gestattet uns, unsere Fäden weiter zu spinnen, ohne glaubwürdigen Er-
    gebnissen der historischen Forschung zu widersprechen. Aber wir wagen
    es, uns sonst unabhängig von den Autoren zu halten, selbständig „einher-
    zutreten auf der eigenen Spur“. Der Auszug aus Ägypten bleibt unser Aus-
    gangspunkt. Es muß eine beträchtliche Anzahl von Personen gewesen sein,
    die mit Moses das Land verließ; ein kleiner Haufe hätte dem ehrgeizigen,
    auf Großes abzielenden Mann nicht der Mühe gelohnt. Wahrscheinlich
    hatten die Einwanderer lange genug im Lande geweilt, um sich zu einer
    ansehnlichen Volkszahl zu entwickeln. Aber wir werden gewiß nicht irren,
    wenn wir mit der Mehrzahl der Autoren annehmen, daß nur ein Bruchteil
    des späteren Judenvolkes die Schicksale in Ägypten erfahren hat. Mit an-
    deren Worten, der aus Ägypten zurückgekehrte Stamm vereinigte sich später
    im Landstrich zwischen Ägypten und Kanaan mit anderen verwandten
    Stämmen, die dort seit längerer Zeit ansässig gewesen waren. Ausdruck
    dieser Vereinigung, aus der das Volk Israel hervorging, war die Annahme
    einer neuen, allen Stämmen gemeinsamen Religion, der des Jahve, welches
    Ereignis sich nach Ed. Meyer unter midianitischem Einfluß in Qadeš
    vollzog. Darauf fühlte sich das Volk stark genug, seinen Einbruch in das
    Land Kanaan zu unternehmen. Mit diesem Hergang verträgt es sich nicht,

  • S.

    406

    daß die Katastrophe des Moses und seiner Religion im Ostjordanland vor-
    fiel, – sie muß lange vor der Vereinigung geschehen sein.
    Es ist gewiß, daß recht verschiedene Elemente zum Aufbau des jüdischen
    Volkes zusammengetreten sind, aber den größten Unterschied unter diesen
    Stämmen muß es gemacht haben, ob sie den Aufenthalt in Ägypten, und was
    darauf folgte, miterlebt hatten, oder nicht. Mit Rücksicht auf diesen Punkt
    kann man sagen, die Nation sei aus der Vereinigung von zwei Bestandteilen
    hervorgegangen, und dieser Tatsache entsprach es, daß sie auch nach einer
    kurzen Periode politischer Einheit in zwei Stücke, das Reich Israel und
    das Reich Juda, auseinander brach. Die Geschichte liebt solche Wieder-
    herstellungen, in denen spätere Verschmelzungen rückgängig gemacht wer-
    den und frühere Trennungen wieder hervortreten. Das eindrucksvollste Bei-
    spiel dieser Art schuf bekanntlich die Reformation, als sie die Grenzlinie
    zwischen dem einst römisch gewesenen und dem unabhängig gebliebenen
    Germanien nach einem Intervall von mehr als einem Jahrtausend wieder zum
    Vorschein brachte. Für den Fall des jüdischen Volkes könnten wir eine so
    getreue Reproduktion des alten Tatbestands nicht erweisen, unsere Kenntnis
    dieser Zeiten ist zu unsicher, um die Behauptung zu gestatten, im Nordreich
    hätten sich die von jeher Ansässigen, im Südreich die aus Ägypten Zurück-
    gekehrten wieder zusammengefunden, aber der spätere Zerfall kann auch
    hier nicht ohne Zusammenhang mit der früheren Verlötnung gewesen sein.
    Die einstigen Ägypter waren wahrscheinlich in ihrer Volkszahl geringer als
    die anderen, aber sie erwiesen sich als die kulturell Stärkeren; sie übten einen
    mächtigeren Einfluß auf die weitere Entwicklung des Volkes, weil sie eine
    Tradition mitbrachten, die den anderen fehlte.

    Vielleicht noch etwas anderes, was greifbarer war als eine Tradition. Zu
    den größten Rätseln der jüdischen Vorzeit gehört die Herkunft der
    Leviten. Sie werden von einem der zwölf Stämme Israels abgeleitet,
    vom Stamme Levi, aber keine Tradition hat anzugeben gewagt, wo dieser
    Stamm ursprünglich saß oder welches Stück des eroberten Landes Kanaan
    ihm zugewiesen war. Sie besetzen die wichtigsten Priesterposten, aber sie
    werden doch von den Priestern unterschieden, ein Levit ist nicht notwendig
    ein Priester; es ist nicht der Name einer Kaste. Unsere Voraussetzung über
    die Person des Moses legt uns eine Erklärung nahe. Es ist nicht glaubhaft,
    daß ein großer Herr wie der Ägypter Moses sich unbegleitet zu dem ihm
    fremden Volk begab. Er brachte gewiß sein Gefolge mit, seine nächsten
    Anhänger, seine Schreiber, sein Gesinde. Das waren ursprünglich die Leviten.

  • S.

    407

    Die Behauptung der Tradition, Moses war ein Levit, scheint eine durch-
    sichtige Entstellung des Sachverhalts: Die Leviten waren die Leute des Moses.
    Diese Lösung wird durch die bereits in meinem früheren Aufsatz erwähnte
    Tatsache gestützt, daß einzig unter den Leviten später noch ägyptische Namen
    auftauchen.30) Es ist anzunehmen, daß eine gute Anzahl dieser Mosesleute
    der Katastrophe entging, die ihn selbst und seine Religionsstiftung traf. Sie
    vermehrten sich in den nächsten Generationen, verschmolzen mit dem Volke,
    in dem sie lebten, aber sie blieben ihrem Herrn treu, bewahrten das An-
    denken an ihn und pflegten die Tradition seiner Lehren. Zur Zeit der Ver-
    einigung mit den Jahvegläubigen bildeten sie eine einflußreiche, den anderen
    kulturell überlegene Minorität.

    Ich stelle es vorläufig als Annahme hin, daß zwischen dem Untergang des
    Moses und der Religionsstiftung in Qadeš zwei Generationen, vielleicht
    selbst ein Jahrhundert verlief. Ich sehe keinen Weg, um zu entscheiden, ob
    die Neo-Ägypter, wie ich sie hier zur Unterscheidung nennen möchte, die
    Rückkehrer also, mit ihren Stammverwandten zusammentrafen, nachdem
    diese bereits die Jahvereligion angenommen hatten, oder schon vorher. Man
    mag das letztere für wahrscheinlicher halten. Für das Endergebnis macht es
    keinen Unterschied. Was in Qadeš vorging, war ein Kompromiß, an dem
    der Anteil der Mosesstämme unverkennbar ist.

    Wir dürfen uns hier wiederum auf das Zeugnis der Beschneidung berufen,
    die uns wiederholt, als Leitfossil sozusagen, die wichtigsten Dienste geleistet
    hat. Diese Sitte wurde auch in der Jahvereligion Gebot, und da sie unlösbar
    mit Ägypten verknüpft ist, kann ihre Annahme nur eine Konzession an
    die Mosesleute gewesen sein, die – oder die Leviten unter ihnen – auf
    dies Zeichen ihrer Heiligung nicht verzichten wollten. Soviel wollten sie
    von ihrer alten Religion retten, und dafür waren sie bereit, die neue Gottheit
    anzunehmen und was die Midianpriester von ihr erzählten. Es ist möglich,
    daß sie noch andere Konzessionen durchsetzten. Wir haben bereits erwähnt,
    daß das jüdische Ritual gewisse Einschränkungen im Gebrauch des Gottes-
    namens vorschrieb. Anstatt Jahve mußte Adonai gesprochen werden.
    Es liegt nahe, diese Vorschrift in unseren Zusammenhang zu bringen, aber
    es ist eine Vermutung ohne weiteren Anhalt. Das Verbot des Gottesnamens
    ist bekanntlich ein uraltes Tabu. Warum es gerade in der jüdischen Gesetz-

    30)Diese Annahme verträgt sich gut mit den Angaben Yahudas über den ägyp-
    tischen Einfluß auf das frühjüdische Schrifttum. Siehe A. S. Yahuda, Die Sprache des
    Pentateuch in ihren Beziehungen zum Ägyptischen, 1929.

  • S.

    408

    gebung aufgefrischt wurde, versteht man nicht; es ist nicht ausgeschlossen,
    daß dies unter dem Einfluß eines neuen Motivs geschah. Man braucht nicht
    anzunehmen, daß das Verbot konsequent durchgeführt wurde; für die Bil-
    dung theophorer Personennamen, also für Zusammensetzungen, blieb der
    Name des Gottes Jahve frei (Jochanan, Jehu, Josua). Aber es hatte
    doch mit diesem Namen eine besondere Bewandtnis. Es ist bekannt, daß
    die kritische Bibelforschung zwei Quellenschriften des Hexateuchs annimmt.
    Sie werden als J und als E bezeichnet, weil die eine den Gottesnamen
    Jahve, die andere den Elohim gebraucht. Elohim zwar, nicht Adonai,
    aber man mag der Bemerkung eines unserer Autoren gedenken: „Die ver-
    schiedenen Namen sind das deutliche Kennzeichen ursprünglich verschie-
    dener Götter.“31)

    Wir ließen die Beibehaltung der Beschneidung als Beweis dafür gelten,
    daß bei der Religionsstiftung in Qadeš ein Kompromiß stattgefunden hat.
    Den Inhalt desselben ersehen wir aus den übereinstimmenden Berichten von
    J und E, die also hierin auf eine gemeinsame Quelle (Niederschrift oder
    mündliche Tradition) zurückgehen. Die leitende Tendenz war, Größe und
    Macht des neuen Gottes Jahve zu erweisen. Da die Mosesleute so hohen
    Wert auf ihr Erlebnis des Auszugs aus Ägypten legten, mußte diese Be-
    freiungstat Jahve verdankt werden und dies Ereignis wurde mit Aus-
    schmückungen versehen, die die schreckhafte Großartigkeit des Vulkan-
    gottes bekundeten, wie die Rauchsäule, die sich nachts in eine Feuersäule
    wandelte, der Sturm, der das Meer für eine Weile trocken legte so daß die
    Verfolger von den rückkehrenden Wassermassen ertränkt wurden. Dabei
    wurden der Auszug und die Religionsstiftung nahe aneinandergerückt, das
    lange Intervall zwischen beiden verleugnet; auch die Gesetzgebung vollzog
    sich nicht in Qadeš, sondern am Fuß des Gottesberges unter den Anzeichen
    eines vulkanischen Ausbruches. Aber diese Darstellung beging ein schweres
    Unrecht gegen das Andenken des Mannes Moses; er war es ja, nicht der
    Vulkangott, der das Volk aus Ägypten befreit hatte. Somit war man ihm
    eine Entschädigung schuldig und fand sie darin, daß man Moses hinüber-
    nahm nach Qadeš oder an den Sinai-Horeb und ihn an die Stelle des
    midianitischen Priesters setzte. Daß man durch diese Lösung eine zweite,
    unabweisbar dringende Tendenz befriedigte, werden wir später erörtern. Auf
    solche Weise hatte man gleichsam einen Ausgleich geschaffen; man ließ
    Jahve nach Ägypten übergreifen, der auf einem Berg in Midian hauste,

    31)Greßmann, l. c. S. 54.

  • S.

    409

    und Moses’ Existenz und Tätigkeit dafür nach Qadeš und bis ins Ost-
    jordanland. Er wurde so mit der Person des späteren Religionsstif-
    ters, dem Schwiegersohn des Midianiters Jethro verschmolzen, dem er seinen Namen
    Moses lieh. Aber von diesem anderen Moses wissen wir nichts Persönliches
    auszusagen, – er wird durch den anderen, den ägyptischen Moses so völlig
    verdunkelt. Es sei denn, daß man die Widersprüche in der Charakteristik-
    Moses’ aufgreift, die sich im biblischen Bericht finden. Er wird uns oft
    genug als herrisch, jähzornig, ja gewalttätig geschildert und doch wird auch
    von ihm gesagt, er sei der sanftmütigste und geduldigste aller Menschen ge-
    wesen. Es ist klar, diese letzteren Eigenschaften hätten dem Ägypter Moses,
    der mit seinem Volk so Großes und Schweres vorhatte, wenig getaugt; viel-
    leicht gehörten sie dem anderen, dem Midianiter, an. Ich glaube, man ist
    berechtigt, die beiden Personen wieder von einander zu scheiden und anzu-
    nehmen, daß der ägyptische Moses nie in Qadeš war und den Namen Jahve
    nie gehört hatte und daß der midianitische Moses Ägypten nie betreten
    hatte und von Aton nichts wußte. Zum Zwecke der Verlötung der beiden
    Personen fiel der Tradition oder der Sagenbildung die Aufgabe zu, den
    ägyptischen Moses nach Midian zu bringen, und wir haben gehört, daß
    mehr als eine Erklärung hiefür im Umlauf war.

    VI.

    Wir sind darauf vorbereitet, neuerdings den Tadel zu hören, daß wir
    unsere Rekonstruktion der Urgeschichte des Volkes Israel mit allzugroßer,
    mit unberechtigter Sicherheit vorgetragen haben. Diese Kritik wird uns nicht
    schwer treffen, da sie in unserem eigenen Urteil einen Widerhall findet. Wir
    wissen selbst, unser Aufbau hat seine schwachen Stellen, aber er hat auch
    seine starken Seiten. Im Ganzen überwiegt der Eindruck, daß es der Mühe
    lohnt, das Werk in der eingeschlagenen Richtung fortzusetzen. Der uns vor-
    liegende biblische Bericht enthält wertvolle, ja unschätzbare historische An-
    gaben, die aber durch den Einfluß mächtiger Tendenzen entstellt und mit
    den Produktionen dichterischer Erfindung ausgeschmückt worden sind.
    Während unserer bisherigen Bemühungen haben wir eine dieser entstehen-
    den Tendenzen erraten können. Dieser Fund zeigt uns den weiteren Weg.
    Wir sollen andere solcher Tendenzen aufdecken. Haben wir Anhaltspunkte,
    um die durch sie erzeugten Entstellungen zu erkennen, so werden wir hinter
    ihnen neue Stücke des wahren Sachverhalts zum Vorschein bringen.

  • S.

    410

    Lassen wir uns zunächst von der kritischen Bibelforschung erzählen, was
    sie über die Entstehungsgeschichte des Hexateuchs (der fünf Bücher Moses’
    und des Buches Josua, die uns hier allein interessieren) zu sagen weiß.32 Als
    älteste Quellenschrift gilt J, der Jahvist, den man in neuester Zeit als den
    Priester Ebjatar, einen Zeitgenossen des Königs David erkennen will.33
    Etwas später, man weiß nicht, um wie viel, setzt man den sogenannten
    Elohisten an, der dem Nordreich angehört.34 Nach dem Untergang des
    Nordreiches 722 hat ein jüdischer Priester Stücke von J und E miteinander
    vereinigt und eigene Beiträge dazugetan. Seine Kompilation wird als JE
    bezeichnet. Im siebenten Jahrhundert kommt das Deuteronomium, das fünfte
    Buch, hinzu, angeblich als Ganzes im Tempel neu gefunden. In die Zeit nach
    der Zerstörung des Tempels (586), während des Exils und nach der Rück-
    kehr wird die Umarbeitung versetzt, die man den „Priesterkodex“ nennt;
    im fünften Jahrhundert erfährt das Werk seine endgültige Redaktion und
    ist seither nicht wesentlich verändert worden.35

    Die Geschichte des Königs David und seiner Zeit ist höchst wahrschein-
    lich das Werk eines Zeitgenossen. Es ist richtige Geschichtsschreibung, fünf-
    hundert Jahre vor Herodot, dem „Vater der Geschichte“. Man nähert sich
    dem Verständnis dieser Leistung, wenn man im Sinne unserer Annahme an
    ägyptischen Einfluß denkt.36 Es ist selbst die Vermutung aufgetaucht, daß
    die Israeliten jener Urzeit, also die Schreiber des Moses, nicht unbeteiligt an
    der Erfindung des ersten Alphabets gewesen sind.37 Inwieweit die Berichte
    über frühere Zeiten auf frühe Aufzeichnungen oder auf mündliche Tradi-
    tionen zurückgehen und welche Zeitintervalle in den einzelnen Fällen zwi-

    32) Encyclopedia Britannica, XI. Auflage, 1910. Artikel: Bible.

    33) Siehe Auerbach, Wüste und Gelobtes Land, 1932.

    34) Jahvist und Elohist wurden zuerst 1753 von Astruc unterschieden.

    35) Es ist historisch gesichert, daß die endgültige Fixierung des jüdischen Typus der
    Reform von Esra und Nehemia im fünften Jahrhundert vor Christi Ge-
    burt war, also nachexilisch, unter der den Juden wohlwollenden Perserherrschaft. Nach
    unserer Rechnung waren damals etwa 900 Jahre seit dem Auftreten Moses’ vergangen. In
    dieser Reform wurde mit den Bestimmungen Ernst gemacht, welche die Heiligung des
    gesamten Volkes bezweckten, wurde die Absonderung von den Umlebenden durch das
    Verbot der Mischehen durchgesetzt, der Pentateuch, das eigentliche Gesetzbuch, in seine
    definitive Form gebracht, jene Umarbeitung abgeschlossen, die als Priesterkodex bekannt
    ist. Es scheint aber gesichert, daß die Reform keine neuen Tendenzen einführte, sondern
    frühere Anregungen aufnahm und befestigte.

    36) Vgl. Yahuda l. c.

    37) Wenn sie unter dem Druck des Bilderverhots standen, hatten sie sogar ein Motiv,
    die hieroglyphische Bilderschrift zu verlassen, während sie ihre Schriftzeichen für
    den Ausdruck einer neuen Sprache zurichteten. – Vgl. Auerbach, l. c. p. 142.

  • S.

    411

    schen Ereignis und Fixierung liegen, entzieht sich natürlich unserer Kenntnis.
    Der Text aber, wie er uns heute vorliegt, erzählt uns genug auch über seine
    eigenen Schicksale. Zwei einander entgegengesetzte Behandlungen haben ihre
    Spuren an ihm zurückgelassen. Einerseits haben sich Bearbeitungen seiner
    bemächtigt, die ihn im Sinne ihrer geheimen Absichten verfälscht, ver-
    stümmelt und erweitert, bis in sein Gegenteil verkehrt haben, anderseits hat
    eine schonungsvolle Pietät über ihm gewaltet, die alles erhalten wollte, wie
    sie es vorfand, gleichgültig, ob es zusammenstimmte oder sich selbst aufhob.
    So sind fast in allen Teilen auffällige Lücken, störende Wiederholungen,
    greifbare Widersprüche zustandegekommen, Anzeichen, die uns Dinge ver-
    raten, deren Mitteilung nicht beabsichtigt war. Es ist bei der Entstellung
    eines Textes ähnlich wie bei einem Mord. Die Schwierigkeit liegt nicht in
    der Ausführung der Tat, sondern in der Beseitigung ihrer Spuren. Man
    möchte dem Worte „Entstellung“ den Doppelsinn verleihen, auf den
    es Anspruch hat, obwohl es heute keinen Gebrauch davon macht. Es sollte
    nicht nur bedeuten: in seiner Erscheinung verändern, sondern auch: an eine
    andere Stelle bringen, anderswohin verschieben. Somit dürfen wir in vielen
    Fällen von Textentstellung darauf rechnen, das Unterdrückte und Ver-
    leugnete doch irgendwo versteckt zu finden, wenn auch abgeändert und aus
    dem Zusammenhang gerissen. Es wird nur nicht immer leicht sein, es zu
    erkennen.
    Die entstellenden Tendenzen, deren wir habhaft werden wollen, müssen
    schon auf die Traditionen vor allen Niederschriften eingewirkt haben. Die
    eine derselben, vielleicht die stärkste von allen, haben wir bereits entdeckt.
    Wir sagten, mit der Einsetzung des neuen Gottes Jahve in Qadeš ergab
    sich die Nötigung, etwas für seine Verherrlichung zu tun. Es ist richtiger
    zu sagen: man mußte ihn installieren, Raum für ihn schaffen, die Spuren
    früherer Religionen verwischen. Das scheint für die Religion der ansässigen
    Stämme restlos gelungen zu sein, wir hören nichts mehr von ihr. Mit den
    Rückkehrern hatte man es nicht so leicht, sie ließen sich den Auszug aus
    Ägypten, den Mann Moses und die Beschneidung nicht rauben. Sie waren
    also in Ägypten gewesen, aber sie hatten es wieder verlassen, und von nun
    an sollte jede Spur des ägyptischen Einflusses verleugnet werden. Den Mann
    Moses erledigte man, indem man ihn nach Midian und Qadeš versetzte
    und ihn mit dem Jahvepriester der Religionsstiftung verschmelzen ließ. Die
    Beschneidung, das gravierendste Anzeichen der Abhängigkeit von Ägypten,
    mußte man beibehalten, aber man versäumte die Versuche nicht, diese Sitte

  • S.

    412

    aller Evidenz zum Trotz von Ägypten abzulösen. Nur als absichtlichen
    Widerspruch gegen den verräterischen Sachverhalt kann man die rätselhafte,
    unverständlich stilisierte Stelle in Exodus auffassen, daß Jahve einst dem
    Moses gezürnt, weil er die Beschneidung vernachlässigt hatte und daß sein
    midianitisches Weib durch schleunige Ausführung der Operation sein Leben
    gerettet! Wir werden alsbald von einer anderen Erfindung hören, um das
    unbequeme Beweisstück unschädlich zu machen.

    Man kann es kaum als das Auftreten einer neuen Tendenz bezeichnen, es
    ist vielmehr nur die Fortführung der früheren, wenn sich Bemühungen zeigen,
    die direkt in Abrede stellen, daß Jahve ein neuer, für die Juden fremder
    Gott gewesen sei. In dieser Absicht werden die Sagen von den Urvätern
    des Volkes, Abraham, Isaak und Jakob, herangezogen. Jahve versichert, daß
    er schon der Gott dieser Väter gewesen sei; freilich, muß er selbst zuge-
    stehen, hätten sie ihn nicht unter diesem seinem Namen verehrt.38)

    Er fügt nicht hinzu, unter welchem anderen. Und hier findet sich der
    Anlaß zu einem entscheidenden Streich gegen die ägyptische Herkunft der
    Beschneidungssitte. Jahve hat sie bereits von Abraham verlangt, hat sie
    als Zeichen des Bundes zwischen sich und Abrahams Nachkommen einge-
    setzt. Aber das war eine besonders ungeschickte Erfindung. Als Abzeichen,
    das einen von anderen absondern und vor anderen bevorzugen soll, wählt
    man etwas, was bei den anderen nicht vorzufinden ist, und nicht etwas, was
    Millionen anderer in gleicher Weise aufzeigen können. Ein Israelit, nach
    Ägypten versetzt, hätte ja alle Ägypter als Bundesbrüder, als Brüder in
    Jahve anerkennen müssen. Die Tatsache, daß die Beschneidung in Ägypten
    heimisch war, konnte den Israeliten, die den Text der Bibel schufen, unmög-
    lich unbekannt sein. Die bei Ed. Meyer erwähnte Stelle aus Josua gibt es
    selbst unbedenklich zu, aber sie sollte eben um jeden Preis verleugnet werden.

    An religiöse Mythenbildungen wird man nicht den Anspruch stellen
    dürfen, daß sie auf logischen Zusammenhalt große Rücksicht nehmen. Sonst
    hätte das Volksempfinden berechtigten Anstoß an dem Verhalten einer Gott-
    heit finden können, die mit den Ahnherren einen Vertrag mit gegenseitigen
    Verpflichtungen schließt, sich dann Jahrhunderte lang um die menschlichen
    Partner nicht kümmert, bis es ihr plötzlich einfällt, sich den Nachkommen
    von neuem zu offenbaren. Noch mehr befremdend wirkt die Vorstellung,
    daß ein Gott sich mit einem Male ein Volk „auswählt“, es zu seinem Volk

    38)Die Einschränkungen im Gebrauch dieses neuen Namens werden dadurch nicht
    verständlicher, wohl aber suspekter.

  • S.

    413

    und sich zu seinem Gott erklärt. Ich glaube, es ist der einzige solche Fall in
    der Geschichte der menschlichen Religionen. Sonst gehören Gott und Volk
    untrennbar zusammen, sie sind von allem Anfang an Eines; man hört wohl
    manchmal davon, daß ein Volk einen anderen Gott annimmt, aber nie, daß
    ein Gott sich ein anderes Volk aussucht. Vielleicht nähern wir uns dem
    Verständnis dieses einmaligen Vorgangs, wenn wir der Beziehungen zwi-
    schen Moses und dem Judenvolke gedenken. Moses hatte sich zu den Juden
    herabgelassen, sie zu seinem Volke gemacht; sie waren sein „auserwähltes
    Volk“.39)

    Die Einbeziehung der Urväter diente auch noch einer anderen Absicht.
    Sie hatten in Kanaan gelebt, ihr Andenken war an bestimmte Örtlichkeiten
    des Landes geknüpft. Möglicherweise waren sie selbst ursprünglich kanaa-
    näische Heroen oder lokale Göttergestalten, die dann von den eingewanderten
    Israelitern für ihre Vorgeschichte mit Beschlag belegt wurden. Wenn man
    sich auf sie berief, behauptete man gleichsam seine Bodenständigkeit und
    verwahrte sich gegen das Odium, das an dem landfremden Eroberer haftete.
    Es war eine geschickte Wendung, daß der Gott Jahve ihnen nur wiedergab,
    was ihre Vorfahren einmal besessen hatten.

    In den späteren Beiträgen zum biblischen Text setzte sich die Absicht
    durch, die Erwähnung von Qadeš zu vermeiden. Die Stätte der Religions-
     

    39)Jahve war unzweifelhaft ein Vulkangott. Für Einwohner Ägyptens bestand kein
    Anlaß, ihn zu verehren. Ich bin gewiß nicht der erste, der von dem Gleichklang des
    Namens Jahve mit der Wurzel des anderen Götternamens Jupiter (Jovis) betroffen
    wird. Der mit der Abkürzung des hebräischen Jahve zusammenge-
    setzte Name Jochanan (etwa: Gotthold, punisches Äquivalent: Hannibal) ist in den Formen Johann,
    John, Jean, Juan, der beliebteste Vorname der europäischen Christenheit geworden. Wenn
    die Italiener ihn als Giovanni wiedergeben und dann einen Tag der Woche Giovedi
    heißen, so bringen sie eine Ähnlichkeit wieder ans Licht, die möglicherweise
    leicht sehr viel bedeutet. Es eröffnen sich hier weitreichende, aber auch unsichere
    Perspektiven. Es scheint, daß die Länder um das östliche Becken des Mittelmeers in jenen
    kaum eröffneten Jahrhunderten der Schauplatz häufiger und heftiger vulkanischer Ausbrüche
    waren, die den Umwohnern den stärksten Eindruck machen mußten. Evans nimmt an, daß auch die
    endgültige Zerstörung des Minos-
    palastes in Knossos die Folge eines Erdbebens war. Auf Kreta wurde damals, wie
    wahrscheinlich allgemein in der ägäischen Welt, die große Muttergottheit verehrt. Die
    Wahrnehmung, daß sie nicht im Stande war, ihr Haus gegen die Angriffe einer stärkeren
    Macht zu schützen, mag dazu beigetragen haben, daß sie einer männlichen Gottheit den
    ersten Anreiz darauf, sie zu er-
    setzen. Zeus ist in immer noch der „Ederschütterer“ Es ist wenig zweifelhaft, daß sich
    in jenen dunklen Zeiten die Ablösung der Muttergottheiten durch männliche Götter (die
    vielleicht ursprünglich Söhne waren?) vollzog. Besonders eindrucksvoll ist das Schicksal
    der Pallas Athene, die gewiß die lokale Form der Muttergottheit war, durch den
    religiösen Umsturz zur Tochter herabgesetzt, ihrer eigenen Mutter beraubt und durch die
    ihr auferlegte Jungfräulichkeit dauernd von der Mutterschaft ausgeschlossen wurde.

  • S.

    414

    stiftung wurde endgültig der Gottesberg Sinai-
    Horeb. Das Motiv hiefür ist
    nicht klar ersichtlich; vielleicht wollte man nicht an den Einfluß von Midian
    gemahnt werden. Aber alle späteren Entstellungen, insbesondere der Zeit
    des sogenannten Priesterkodex, dienen einer anderen Absicht. Man brauchte
    nicht mehr Berichte über Begebenheiten im gewünschten Sinne abzuändern,
    denn dies war längst geschehen. Sondern man bemühte sich, Gebote und
    Institutionen der Gegenwart in frühe Zeiten zurückzuversetzen, in der Regel
    sie auf mosaische Gesetzgebung zu begründen, um daher ihren Anspruch
    auf Heiligkeit und Verbindlichkeit abzuleiten. So sehr man auf solche Weise
    das Bild der Vergangenheit verfälschen mochte, dies Verfahren entbehrt nicht
    einer bestimmten psychologischen Berechtigung. Es spiegelte die Tatsache
    wider, daß im Laufe der langen Zeiten – vom Auszug aus Ägypten bis zur
    Fixierung des Bibeltextes unter Ezra und Nehemia verflossen etwa
    900 Jahre – die Jahrereligion sich zurückgebildet hatte zur Über-
    einstimmung, vielleicht bis zur Identität mit der ursprünglichen Religion des
    Moses.

    Und dies ist das wesentliche Ergebnis, der schicksalsschwere Inhalt der
    jüdischen Religionsgeschichte.

    VII.

    Unter all den Begebenheiten der Vorzeit, die die späteren Dichter, Priester
    und Geschichtsschreiber zu bearbeiten unternahmen, hob sich eine heraus,
    deren Unterdrückung durch die nächstliegenden und besten menschlichen
    Motive geboten war. Es war die Ermordung des großen Führers und Be-
    freiers Moses, die Sellin aus Andeutungen bei den Propheten erraten hat.
    Man kann die Aufstellung Sellins nicht phantastisch heißen, sie ist wahr-
    scheinlich genug. Moses, aus der Schule Ikhnatons stammend, bediente sich
    auch keiner anderen Methoden, als der König, er befahl, drängte dem Volke
    seinen Glauben auf.40) Vielleicht war die Lehre des Moses noch schroffer
    als die seines Meisters, er brauchte die Anlehnung an den Sonnengott nicht
    festzuhalten, die Schule von On hatte für sein Fremdvolk keine Bedeutung.
    Moses wie Ikhnaton fanden dasselbe Schicksal, das aller aufgeklärten
    Despoten wartet. Das Judenvolk des Moses war ebensowenig im Stande,
    eine so hoch vergeistigte Religion zu ertragen, in ihren Darbietungen eine
    Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu finden, wie die Ägypter der 18ten Dyna-
    stie. In beiden Fällen geschah dasselbe, die Bevormundeten und Verkürzten
    erhoben sich und warfen die Last der ihnen auferlegten Religion ab. Aber

    40)In jenen Zeiten war eine andere Art der Beeinflussung auch kaum möglich.

  • S.

    415

    während die zahmen Ägypter damit warteten, bis das Schicksal die geheiligte
    Person des Pharao beseitigt hatte, nahmen die wilden Semiten das Schicksal
    in ihre Hand und räumten den Tyrannen aus dem Wege.41)

    Auch kann man nicht behaupten, daß der erhaltene Bibeltext uns nicht
    auf einen solchen Ausgang Moses’ vorbereitet. Der Bericht über die
    „Wüstenwanderung“ – die für die Zeit der Herrschaft Moses’ stehen mag
    – schildert eine Kette von ernsthaften Empörungen gegen seine Autorität,
    die auch – nach Jahves Gebot – durch blutige Züchtigung unterdrückt
    werden. Man kann sich leicht vorstellen, daß einmal ein solcher Aufstand
    ein anderes Ende nahm, als der Text es haben will. Auch der Abfall des
    Volkes von der neuen Religion wird im Text erzählt, als Episode freilich.
    Es ist die Geschichte vom goldenen Kalb, in der mit geschickter Wendung
    das symbolisch zu verstehende Zerbrechen der Gesetzestafeln („er hat das
    Gesetz gebrochen“) Moses selbst zugeschoben und durch seine zornige Ent-
    rüstung motiviert wird.

    Es kam eine Zeit, da man den Mord an Moses bedauerte und zu verz-
    gessen suchte. Sicherlich war es so zur Zeit des Zusammentreffens in Qades.
    Aber wenn man den Auszug näher heranrückte an die Religionsstiftung in
    der Oase und Moses an Stelle des anderen an ihr mitwirken ließ, so hatte
    man nicht nur den Anspruch der Mosesleute befriedigt, sondern auch die
    peinliche Tatsache seiner gewaltsamen Beseitigung erfolgreich verleugnet. In
    Wirklichkeit ist es sehr unwahrscheinlich, daß Moses an den Vorgängen in
    Qades hätte teilnehmen können, auch wenn sein Leben nicht verkürzt
    worden wäre.

    Wir müssen hier den Versuch machen, die zeitlichen Verhältnisse dieser
    Begebenheiten aufzuklären. Wir haben den Auszug aus Ägypten in die Zeit
    nach dem Verlöschen der 18ten Dynastie versetzt (1350). Er mag damals oder
    eine Weile später erfolgt sein, denn die ägyptischen Chronisten haben die
    darauffolgenden Jahre der Anarchie in der Regierungszeit Haremhabs, der
    ihr ein Ende machte und bis 1315 herrschte, eingerechnet. Der nächste, aber
    auch der einzige Anhalt für die Chronologie ist durch die Stele Merne-
    ptahs gegeben (1225–1215), die sich des Sieges über Isiraal (Israel) und
    der Verwüstung ihrer Saaten (?) rühmt. Die Verwertung dieser Inschrift

    41)Es ist wirklich bemerkenswert, wie wenig man in der Jahrtausende langen ägyp-
    tischen Geschichte von gewaltsamer Beseitigung oder Ermordung eines Pharao hört. Ein
    Vergleich, z. B. mit der assyrischen Geschichte, muß diese Verwunderung steigern. Natür-
    lich kann dies daher kommen, daß die Geschichtsschreibung bei den Ägyptern ausschließ-
    lich offiziellen Absichten diente.

  • S.

    416

    ist leider zweifelhaft, man läßt sie als Beweis dafür gelten, daß israelitische
    Stämme damals schon in Kanaan ansässig waren.42) Ed. Meyer schließt
    aus dieser Stele mit Recht, daß Merneptah nicht der Pharao des Aus-
    zugs gewesen sein kann, wie vorher gern angenommen wurde. Der Auszug
    muß einer früheren Zeit angehören. Die Frage nach dem Pharao des Aus-
    zugs erscheint uns überhaupt müßig. Es gab keinen Pharao des Auszugs,
    da dieser in ein Interregnum fiel. Aber auf das mögliche Datum der Ver-
    einigung und Religionsannahme in Qadeš fällt auch durch die Entdeckung
    der Merneptah-Stele kein Licht. Irgendwann zwischen 1350 und 1215, ist
    alles, was wir mit Sicherheit sagen können. Innerhalb dieses Jahrhunderts,
    vermuten wir, kommt der Auszug dem Eingangsdatum sehr nahe, ist der
    Vorgang in Qadeš vom Enddatum nicht zu weit entfernt. Den größeren
    Teil des Zeitraumes möchten wir für das Intervall zwischen beiden Ereig-
    nissen in Anspruch nehmen. Wir brauchen nämlich eine längere Zeit, bis
    sich nach der Ermordung Moses’ die Leidenschaften bei den Rückkehrern
    beruhigt haben und der Einfluß der Mosesleute, der Leviten, so groß ge-
    worden ist, wie das Kompromiß in Qadeš es voraussetzt. Zwei Genera-
    tionen, 60 Jahre, würden hiefür etwa ausreichen, aber es geht nur knapp zu-
    sammen. Die Folgerung aus der Merneptah-Stele kommt uns zu früh, und
    da wir erkennen, daß in unserem Aufbau hier eine Annahme nur auf einer
    anderen begründet ist, gestehen wir zu, daß diese Diskussion eine schwache
    Seite unserer Konstruktion aufdeckt. Leider ist alles, was mit der Nieder-
    lassung des jüdischen Volkes in Kanaan zusammenhängt, so ungeklärt und
    verworren. Es bleibt uns etwa die Auskunft, daß der Name auf der Israel-
    stele sich nicht auf die Stämme bezieht, deren Schicksale wir zu verfolgen
    bemüht sind und die zum späteren Volk Israel zusammengetreten sind. Ist
    doch auch der Name der Habiru = Hebräer aus der Amarnazeit auf
    dies Volk übergegangen.

    Wann immer die Vereinigung der Stämme zur Nation durch die An-
    nahme einer gemeinsamen Religion vor sich ging, es hätte leicht ein für die
    Weltgeschichte recht gleichgültiger Akt werden können. Die neue Religion
    wäre vom Strom der Ereignisse weggeschwemmt worden, Jahve hätte seinen
    Platz einnehmen dürfen in der Prozession gewesener Götter, die der Dichter
    Flaubert gesehen hat, und von seinem Volk wären alle zwölf Stämme
    „verloren“ gegangen, nicht nur die zehn, die von den Angelsachsen so lange
    gesucht worden sind. Der Gott Jahve, dem der midianitische Moses damals

    42)Ed. Meyer, l. c. p. 222.

  • S.

    417

    ein neues Volk zuführte, war wahrscheinlich in keiner Hinsicht ein hervor-
    ragendes Wesen. Ein roher, engherziger Lokalgott, gewalttätig und blut-
    dürstig; er hatte seinen Anhängern versprochen, ihnen das Land zu geben,
    in dem „Milch und Honig fließt“, und forderte sie auf, dessen gegenwärtige
    Einwohner auszurotten „mit der Schärfe des Schwertes“. Man darf sich ver-
    wundern, daß trotz aller Umarbeitungen in den biblischen Berichten so viel
    stehen gelassen wurde, um sein ursprüngliches Wesen zu erkennen. Es ist
    nicht einmal sicher, daß seine Religion ein wirklicher Monotheismus war,
    daß sie den Gottheiten anderer Völker die Gottesnatur bestritt. Es reichte
    wahrscheinlich hin, daß der eigene Gott mächtiger war als alle fremden
    Götter. Wenn dann in der Folge alles anders verlief, als solche Ansätze
    erwarten ließen, so können wir die Ursache hiefür nur in einer einzigen Tat-
    sache finden. Einem Teil des Volkes hatte der ägyptische Moses eine andere,
    höher vergeistigte Gottesvorstellung gegeben, die Idee einer einzigen, die
    ganze Welt umfassenden Gottheit, die nicht minder alliebend war als all-
    mächtig, die, allem Zeremoniell und Zauber abhold, den Menschen ein
    Leben in Wahrheit und Gerechtigkeit zum höchsten Ziel setzte. Denn so
    unvollkommen unsere Berichte über die ethische Seite der Atonreligion
    sein mögen, es kann nicht bedeutungslos sein, daß Ikhnaton sich in
    seinen Inschriften regelmäßig bezeichnete als „lebend in Maat“ (Wahrheit,
    Gerechtigkeit).43) Auf die Dauer machte es nichts aus, daß das Volk wahr-
    scheinlich nach kurzer Zeit, die Lehre des Moses verwarf und ihn selbst be-
    seitigte. Es blieb die Tradition davon und ihr Einfluß erreichte, aller-
    dings erst allmählich im Laufe der Jahrhunderte, was Moses selbst versagt
    geblieben war. Gott Jahve war zu unverdienten Ehren gekommen, als man
    von Qades an die Befreiungstat des Moses auf seine Rechnung schrieb,
    aber er hatte für diese Usurpation schwer zu büßen. Der Schatten des Gottes,
    dessen Stelle er eingenommen, wurde stärker als er; am Ende der Entwick-
    lung war hinter seinem Wesen das des vergessenen mosaischen Gottes zum
    Vorschein gekommen. Niemand zweifelt daran, daß nur die Idee dieses
    anderen Gottes das Volk Israel alle Schicksalsschläge überstehen ließ und
    es bis in unsere Zeiten am Leben erhielt.

    Beim Endsieg des mosaischen Gottes über Jahve kann man den Anteil
    der Leviten nicht mehr feststellen. Diese hatten sich seinerzeit für Moses

    43) Seine Hymnen betonen nicht nur die Universalität und Einzigkeit Gottes, sondern
    auch dessen liebevolle Fürsorge für alle Geschöpfe, fordern zur Freude an der Natur und
    zum Genuß ihrer Schönheit auf. Vgl. Breasted, The Dawn of Conscience.
    Imago XXIII/4 27

  • S.

    418

    eingesetzt, als das Kompromiß in Qadeš geschlossen wurde, in noch leben-
    diger Erinnerung an den Herrn, dessen Gefolge und Landsgenossen sie
    waren. In den Jahrhunderten seither waren sie mit dem Volk verschmolzen
    oder mit der Priesterschaft, und es war die Hauptleistung der Priester ge-
    worden, das Ritual zu entwickeln und zu überwachen, überdies die heiligen
    Niederschriften zu behüten und nach ihren Absichten zu bearbeiten. Aber
    war nicht aller Opferdienst und alles Zeremoniell im Grunde nur Magie und
    Zauberwesen, wie es die alte Lehre Moses’ bedingungslos verworfen hatte?
    Da erhoben sich aus der Mitte des Volkes in einer nicht mehr abreißenden
    Reihe Männer, nicht durch ihre Herkunft mit Moses verbunden, aber von
    der großen und mächtigen Tradition erfaßt, die allmählich im Dunkeln ange-
    wachsen war, und diese Männer, die Propheten, waren es, die unermüdlich
    die alte mosaische Lehre verkündeten, die Gottheit verschmähe Opfer und
    Zeremoniell, sie fordere nur Glauben und ein Leben in Wahrheit und Ge-
    rechtigkeit („Maat“). Die Bemühungen der Propheten hatten dauernden
    Erfolg; die Lehren, mit denen sie den alten Glauben wiederherstellten, wur-
    den zum bleibenden Inhalt der jüdischen Religion. Es ist Ehre genug für
    das jüdische Volk, daß es eine solche Tradition erhalten und Männer her-
    vorbringen konnte, die ihr eine Stimme liehen, auch wenn die Anregung
    dazu von außen, von einem großen fremden Mann, gekommen war.
    Ich würde mich mit dieser Darstellung nicht sicher fühlen, wenn ich mich
    nicht auf das Urteil anderer, sachkundiger, Forscher berufen könnte, die die
    -
    Bedeutung Moses’ für die jüdische Religionsgeschichte im nämlichen Lichte
    sehen, auch wenn sie seine ägyptische Herkunft nicht anerkennen. So sagt z. B.
    Sellin:44) „Mithin haben wir uns die eigentliche Religion des Mose, den
    Glauben an den einen sittlichen Gott, den er verkündet, seitdem von vorn-
    herein als das Besitztum eines kleinen Kreises im Volke vorzustellen. Von
    vornherein dürfen wir nicht erwarten, jenen in dem offiziellen Kulte, in der
    Religion der Priester, in dem Glauben des Volkes anzutreffen. Wir können
    von vornherein nur damit rechnen, daß bald hie bald da einmal ein Funke
    wieder auftaucht von dem Geistesbrand, den er einst entzündet hat, daß
    seine Ideen nicht ausgestorben sind, sondern hie und da in aller Stille auf
    Glaube und Sitte eingewirkt haben, bis sie etwa früher oder später unter der
    Einwirkung besonderer Erlebnisse oder von seinem Geist besonders erfaßter
    Persönlichkeiten einmal wieder stärker hervorbrachen und Einfluß gewannen
    auf breitere Volksmassen. Unter diesem Gesichtswinkel ist von vornherein

    44)l. c. p. 52.

  • S.

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    die altisraelitische Religionsgeschichte zu betrachten. Wer nach der Religion,
    wie sie uns nach den Geschichtsurkunden im Volksleben der ersten fünf
    Jahrhunderte in Kanaan entgegentritt, etwa die mosaische Religion kon-
    struieren wollte, der würde den schwersten methodischen Fehler begehen.“
    Und deutlicher noch Volz45) Er meint, „daß Moses’ himmelhohes Werk
    zunächst nur ganz schwach und spärlich verstanden und durchgeführt wurde,
    bis es im Lauf der Jahrhunderte mehr und mehr eindrang und endlich in
    den großen Propheten gleichgeartete Geister fand, die das Werk des Ein-
    samen fortsetzten.“

    Hiemit wäre ich zum Abschluß meiner Arbeit gelangt, die ja nur der
    einzigen Absicht dienen sollte, die Gestalt eines ägyptischen Moses in den
    Zusammenhang der jüdischen Geschichte einzufügen. Um unser Ergebnis
    in der kürzesten Formel auszudrücken: Zu den bekannten Zweiheiten dieser
    Geschichte – z w e i Volksmassen, die zur Bildung der Nation zusammen-
    treten, z w e i Reiche, in die diese Nation zerfällt, z w e i Gottesnamen in
    den Quellenschriften der Bibel – fügen wir zwei neue hinzu: Z w e i Reli-
    gionsstiftungen, die erste durch die andere verdrängt und später doch sieg-
    reich hinter ihr zum Vorschein gekommen, z w e i Religionsstifter, die beide
    mit dem gleichen Namen Moses benannt werden und deren Persönlichkeiten
    wir von einander zu sondern haben. Und alle diese Zweiheiten sind not-
    wendige Folgen der ersten, der Tatsache, daß der eine Bestandteil des Volkes
    ein traumatisch zu wertendes Erlebnis gehabt hatte, das dem anderen fern
    geblieben war. Darüber hinaus gäbe es noch sehr viel zu erörtern, zu er-
    klären und zu behaupten. Erst dann ließe sich eigentlich das Interesse an
    unserer rein historischen Studie rechtfertigen. Worin die eigentliche Natur
    einer Tradition besteht und worauf ihre besondere Macht beruht, wie unmög-
    lich es ist, den persönlichen Einfluß einzelner großer Männer auf die Welt-
    geschichte zu leugnen, welchen Frevel an der großartigen Mannigfaltigkeit
    des Menschenlebens man begeht, wenn man nur Motive aus materiellen
    Bedürfnissen anerkennen will, aus welchen Quellen manche, besonders die
    religiösen, Ideen die Kraft schöpfen, mit der sie Menschen wie Völker unter-
    jochen – all dies am Spezialfall der jüdischen Geschichte zu studieren, wäre
    eine verlockende Aufgabe. Eine solche Fortsetzung meiner Arbeit würde
    den Anschluß finden an Ausführungen, die ich vor 25 Jahren in „Totem
    und Tabu“ niedergelegt habe. Aber ich traue mir nicht mehr die Kraft zu,
    dies zu leisten.


    45)Paul Volz, Mose, Tübingen 1907 (p. 64).