Wenn Moses ein Ägypter war... 1939-001/1937.4

Freud, Sigmund (1939-001/1937.4): Wenn Moses ein Ägypter war...

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    Wenn Moses ein Ägypter war...

    Von Sigm. Freud

    Wir geben im folgenden die ersten drei
    Kapitel eines größeren Aufsatzes wieder, der
    in Fortsetzung des in der vorangehenden
    Arbeit aufgenommenen Themas in „Imago“,
    Jahrg. 1937, Heft 4, abgedruckt ist.

    In einem früheren Beitrag zu dieser Zeitschrift 1) habe
    ich die Vermutung, daß der Mann Moses, der Be-
    freier und Gesetzgeber des jüdischen Volkes, kein Jude,
    sondern ein Ägypter war, durch ein neues Argument
    zu bekräftigen versucht. Daß sein Name aus dem ägyp-
    tischen Sprachschatz stammt, war längst bemerkt, wenn
    auch nicht entsprechend gewürdigt worden; ich habe
    hinzugefügt, daß die Deutung des an Moses geknüpf-
    ten Aussetzungsmythos zum Schluß nötige, er sei ein Ägyp-
    ter gewesen, den das Bedürfnis eines Volkes zum Juden
    machen wollte. Am Ende meines Aufsatzes habe ich
    gesagt, daß sich wichtige und weittragen-
    de Folgerun-
    gen aus der Annahme ableiten, daß Moses ein Ägypter ge-
    wesen sei; ich sei aber nicht bereit, öffentlich für diese
    einzutreten, denn sie ruhen nur auf psychologischen
    Wahrschein-
    lichkeiten und entbehren eines objekti-
    ven Beweises. Je bedeutsamer die so gewonnenen Einsich-
    ten sind, desto stärker verspüre man die Warnung, sie nicht
    ohne sichere Begrün-
    dung dem kriti-
    schen Angriff der
    Umwelt aus-
    zuset-
    zen, gleichsam wie ein ehernes Bild
    auf tönernen Füßen. Keine noch so verführerische


    1) Imago, Bd. XXIII, 1937, Heft 1, „Moses ein Ägyp-
    ter“. Vgl. diesen Almanach S. 9.

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    Wahrscheinlichkeit schütze vor Irrtum; selbst wenn
    alle Teile eines Problems sich einzuordnen scheinen
    wie die Stücke eines Zusammenlegespieles, müßte man
    daran denken, daß das Wahrscheinliche nicht notwen-
    dig das Wahre sei und die Wahrheit nicht immer wahr-
    scheinlich. Und endlich sei es nicht verlockend, den
    Scholastikern und Talmudisten angereiht zu werden,
    die es befriedigt, ihren Scharfsinn spielen zu lassen,
    gleichgültig dagegen, wie fremd der Wirklichkeit ihre
    Behauptung sein mag.

    Ungeachtet dieser Bedenken, die heute so schwer
    wiegen wie damals, ist aus dem Widerstreit meiner
    Motive der Entschluß hervorgegangen, auf jene erste
    Mitteilung diese Fortsetzung folgen zu lassen. Aber es
    ist wiederum nicht das Ganze und nicht das wichtig-
    ste Stück des Ganzen.

    I.

    Wenn also Moses ein Ägypter war –, so ist der erste
    Gewinn aus dieser Annahme eine neue, schwer zu beant-
    wortende Rätselfrage. Wenn ein Volk oder ein Stamm 2)
    sich zu einer großen Unternehmung anschickt, so ist
    nichts anderes zu erwarten, als daß einer von den
    Volksgenossen sich zum Führer aufwirft oder zu dieser
    Rolle durch Wahl bestimmt wird. Aber was einen vor-
    nehmen Ägypter – vielleicht Prinz, Priester, hoher
    Beamter – bewegen sollte, sich an die Spitze eines
    Haufens von eingewanderten, kulturell rückständigen
    Fremdlingen zu stellen und mit ihnen das Land zu

    2)Wir haben keine Vorstellung davon, um welche
    Zahlen es sich beim Auszug aus Ägypten handelt.

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    verlassen, das ist nicht leicht zu erraten. Die bekannte
    Verachtung des Ägypters für ein ihm fremdes Volkstum
    macht einen solchen Vorgang besonders unwahrschein-
    lich. Ja ich möchte glauben, gerade darum haben selbst
    Historiker, die den Namen als ägyptisch erkannten und
    dem Mann alle Weisheit Ägyptens zuschrieben, die
    naheliegende Möglichkeit nicht aufnehmen wollen, daß
    Moses ein Ägypter war.

    Zu dieser ersten Schwierigkeit kommt bald eine
    zweite hinzu. Wir dürfen nicht vergessen, daß Moses
    nicht nur der politische Führer der in Ägypten ansässi-
    gen Juden war, er war auch ihr Gesetzgeber, Erzieher,
    und zwang sie in den Dienst einer neuen Religion, die
    noch heute nach ihm die mosaische genannt wird.
    Aber kommt ein einzelner Mensch so leicht dazu, eine
    neue Religion zu schaffen? Und wenn jemand die
    Religion eines anderen beeinflussen will, ist es nicht
    das natürlichste, daß er ihn zu seiner eigenen Religion
    bekehrt? Das Judenvolk in Ägypten war sicherlich nicht
    ohne irgendeine Form von Religion, und wenn Moses,
    der ihm eine neue gegeben, ein Ägypter war, so ist
    die Vermutung nicht abzuweisen, daß die andere, neue
    Religion die ägyptische war.

    Dieser Möglichkeit steht etwas im Wege: die Tatsache
    des schärfsten Gegensatzes zwischen der auf Moses
    zurückgeführten jüdischen Religion und der ägyptischen.
    Die erstere ein großartig starrer Monotheismus; es gibt
    nur einen Gott, er ist einzig, allmächtig, unnahbar;
    man verträgt seinen Anblick nicht, darf sich kein Bild
    von ihm machen, nicht einmal seinen Namen ausspre-
    chen. In der ägyptischen Religion eine kaum überseh-

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    bare Schar von Gottheiten verschiedener Würdigkeit
    und Herkunft, einige Personifikationen von großen Na-
    turmächten, wie Himmel und Erde, Sonne und Mond,
    auch einmal eine Abstraktion wie die Maat (Wahrheit,
    Gerechtigkeit) oder eine Fratze wie der zwerghafte Bes,
    die meisten aber Lokalgötter aus der Zeit, da das Land
    in zahlreiche Gaue zerfallen war, tiergestaltig, als hät-
    ten sie die Entwicklung aus den alten Totemtieren noch
    nicht überwunden, unscharf voneinander unterschieden,
    kaum daß einzelnen besondere Funktionen zugewiesen
    sind. Die Hymnen zu Ehren dieser Götter sagen unge-
    fähr von jedem das nämliche aus, identifizieren sie mit-
    einander ohne Bedenken in einer Weise, die uns hoff-
    nungslos verwirren würde. Götternamen werden mit-
    einander kombiniert, so daß der eine fast zum Beiwort
    des anderen herabsinkt; so heißt in der Blütezeit des
    „Neuen Reiches“ der Hauptgott der Stadt Theben
    Amon-Re, in welcher Zusammensetzung der erste
    Teil den widderköpfigen Stadtgott bedeutet, während
    Re der Name des sperberköpfigen Sonnengottes von
    On ist. Magische und Zeremoniellhandlungen, Zauber-
    sprüche und Amulette beherrschten den Dienst dieser
    Götter wie das tägliche Leben des Ägypters.
    Manche dieser Verschiedenheiten mögen sich leicht
    aus dem prinzipiellen Gegensatz eines strengen Mono-
    theismus zu einem uneingeschränkten Polytheismus ab-
    leiten. Andere sind offenbar Folgen des Unterschieds
    im geistigen Niveau, da die eine Religion primitiven
    Phasen sehr nahe steht, die andere sich zu den Höhen
    sublimer Abstraktion aufgeschwungen hat. Auf diese
    beiden Momente mag es zurückgehen, wenn man ge-

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    legentlich den Eindruck empfängt, der Gegensatz zwi-
    schen der mosaischen und der ägyptischen Religion sei
    ein gewollter und absichtlich verschärfter; z. B. wenn
    die eine jede Art von Magie und Zauberwesen aufs
    strengste verdammt, die doch in der anderen aufs
    üppigste wuchern. Oder wenn der unersättlichen Lust
    der Ägypter, ihre Götter in Ton, Stein und Erz zu ver-
    körpern, der heute unsere Museen so viel verdanken,
    das rauhe Verbot entgegengestellt wird, irgendein leben-
    des oder gedachtes Wesen in einem Bildnis darzustel-
    len. Aber es gibt noch einen anderen Gegensatz zwi-
    schen beiden Religionen, der durch die von uns ver-
    suchten Erklärungen nicht getroffen wird. Kein anderes
    Volk des Altertums hat soviel getan, um den Tod zu
    verleugnen, hat so peinlich vorgesorgt, eine Existenz
    im Jenseits zu ermöglichen, und dem entsprechend
    war der Totengott Osiris, der Beherrscher dieser an-
    deren Welt, der populärste und unbestrittenste aller
    ägyptischen Götter. Die jüdische Religion hingegen hat
    auf die Unsterblichkeit voll verzichtet; der Möglich-
    keit einer Fortsetzung der Existenz nach dem Tode wird
    nirgends und niemals Erwähnung getan. Und dies ist
    umso merkwürdiger, als ja spätere Erfahrungen ge-
    zeigt haben, daß der Glaube an ein jenseitiges Dasein
    mit einer monotheistischen Religion sehr gut verein-
    bart werden kann.

    Wir hatten gehofft, die Annahme, Moses sei ein Ägyp-
    ter gewesen, werde sich nach verschiedenen Richtungen
    als fruchtbar und aufklärend erweisen. Aber unsere
    erste Folgerung aus dieser Annahme, die neue Religion,
    die er den Juden gegeben, sei seine eigene, die ägyp-
    tische

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    tische gewesen, ist an der Einsicht in die Verschieden-
    heit, ja Gegensätzlichkeit der beiden Religionen ge-
    scheitert.

    II.

    Eine merkwürdige Tatsache der ägyptischen Religions-
    geschichte, die erst spät erkannt und gewürdigt worden
    ist, eröffnet uns noch eine Aussicht. Es bleibt möglich,
    daß die Religion, die Moses seinem Judenvolke gab,
    doch seine eigene war, eine ägyptische Religion, wenn
    auch nicht die ägyptische.

    In der glorreichen achtzehnten Dynastie, unter der
    Ägypten zuerst ein Weltreich wurde, kam um das Jahr
    1375 v. Chr. ein junger Pharao auf den Thron, der zu-
    erst Amenhotep (IV) hieß wie sein Vater, später
    aber seinen Namen änderte, und nicht bloß seinen Na-
    men. Dieser König unternahm es, seinen Ägyptern eine
    neue Religion aufzudrängen, die ihren Jahrtausende-
    alten Traditionen und all ihren vertrauten Lebensge-
    wohnheiten zuwiderlief. Es war ein strenger Mono-
    theismus, der erste Versuch dieser Art in der Welt-
    geschichte, soweit unsere Kenntnis reicht, und mit dem
    Glauben an einen einzigen Gott wurde wie unvermeid-
    lich die religiöse Intoleranz geboren, die dem Altertum
    vorher – und noch lange nachher – fremd geblieben.
    Aber die Regierung Amenhoteps dauerte nur sieb-
    zehn Jahre; sehr bald nach seinem 1358 erfolgten
    Tode war die neue Religion hinweggefegt, das Andenken
    des ketzerischen Königs geächtet worden. Aus dem Trüm-
    merfeld der neuen Residenz, die er erbaut und seinem
    Gott geweiht hatte, und aus den Inschriften in den zu

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    ihr gehörigen Felsgräbern rührt das wenige her, was
    wir über ihn wissen. Alles, was wir über diese merk-
    würdige, ja einzigartige Persönlichkeit erfahren kön-
    nen, ist des höchsten Interesses würdig3).

    Alles Neue muß seine Vorbereitungen und Vorbedin-
    gungen in Früherem haben. Die Ursprünge des ägypti-
    schen Monotheismus lassen sich mit einiger Sicherheit
    ein Stück weit zurückverfolgen4). In der Priesterschule
    des Sonnentempels zu On (Heliopolis) waren seit län-
    gerer Zeit Tendenzen tätig, um die Vorstellung eines
    universellen Gottes zu entwickeln und die ethische
    Seite seines Wesens zu betonen. Maat, die Göttin der
    Wahrheit, Ordnung, Gerechtigkeit, war eine Tochter
    des Sonnengottes Re. Schon unter Amenhotep III,
    dem Vater und Vorgänger des Reformators, nahm die
    Verehrung des Sonnengottes einen neuen Aufschwung,
    wahrscheinlich in Gegnerschaft zum übermächtig ge-
    wordenen Amon von Theben. Ein uralter Name
    des Sonnengottes Aton oder Atum wurde neu her-
    vorgeholt und in dieser Atonreligion fand der
    junge König eine Bewegung vor, die er nicht erst zu
    erwecken brauchte, der er sich anschließen konnte.

    Die politischen Verhältnisse Ägyptens hatten um diese
    Zeit begonnen, die ägyptische Religion nachhaltig zu
    beeinflussen. Durch die Waffentaten des großen Erobe-

    3) „The first individual in human history“ nennt ihn
    Breasted.

    4) Das Nachfolgende hauptsächlich nach den Darstel-
    lungen von J. H. Breasted in seiner „History of
    Egypt“, 1906, sowie in „The Dawn of Conscience“, 1934,
    und den entsprechenden Abschnitten in „The Cam-
    bridge Ancient History“, Vol. II.

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    rers Thothmes III war Ägypten eine Weltmacht
    geworden, im Süden war Nubien, im Norden Palästina,
    Syrien und ein Stück von Mesopotamien zum Reich
    hinzugekommen. Dieser Imperialismus spiegelte sich nun
    in der Religion als Universalismus und Monotheismus.
    Da die Fürsorge des Pharao jetzt außer Ägypten auch
    Nubien und Syrien umfaßte, mußte auch die Gottheit
    ihre nationale Beschränkung aufgeben, und wie der
    Pharao der einzige und unumschränkte Herrscher der
    dem Ägypter bekannten Welt war, so mußte wohl auch
    die neue Gottheit der Ägypter werden. Zudem war es
    natürlich, daß mit der Erweiterung der Reichsgrenzen
    Ägypten für ausländische Einflüsse zugänglicher wurde;
    manche der königlichen Frauen5) waren asiatische Prin-
    zessinnen und möglicherweise waren selbst direkte An-
    regungen zum Monotheismus aus Syrien eingedrungen.

    Amenhotep hat seinen Anschluß an den Sonnen-
    kult von On niemals verleugnet. In den zwei Hymnen
    an den Aton, die uns durch die Inschriften in den
    Felsgräbern erhalten geblieben sind und wahrschein-
    lich von ihm selbst gedichtet wurden, preist er die
    Sonne als Schöpfer und Erhalter alles Lebenden in und
    außerhalb Ägyptens mit einer Inbrunst, wie sie erst
    viele Jahrhunderte später in den Psalmen zu Ehren des
    jüdischen Gottes Jahve wiederkehrt. Er begnügte sich
    aber nicht mit dieser erstaunlichen Vorwegnahme der
    wissenschaftlichen Erkenntnis von der Wirkung der
    Sonnenstrahlung. Es ist kein Zweifel, daß er einen
    Schritt weiter ging, daß er die Sonne nicht als mate-

    5)Vielleicht selbst Amenhoteps geliebte Gemah-
    lin Nofertete.

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    rielles Objekt verehrte, sondern als Symbol eines gött-
    lichen Wesens, dessen Energie sich in ihren Strahlen
    kund gab6).

    Wir werden dem König aber nicht gerecht, wenn wir
    ihn nur als den Anhänger und Förderer einer schon
    vor ihm bestehenden Atonreligion betrachten. Seine
    Tätigkeit war weit eingreifender. Er brachte etwas
    Neues hinzu, wodurch die Lehre vom universellen
    Gott erst zum Monotheismus wurde, das Moment der
    Ausschließlichkeit. In einer seiner Hymnen wird es
    direkt ausgesagt: „Oh, Du einziger Gott, neben dem
    kein anderer ist.“7) Und wir wollen nicht vergessen,
    daß für die Würdigung der neuen Lehre die Kenntnis
    ihres positiven Inhalts allein nicht genügt; beinahe
    ebenso wichtig ist ihre negative Seite, die Kenntnis
    dessen, was sie verwirft. Es wäre auch irrtümlich,
    anzunehmen, daß die neue Religion mit einem Schlage
    fertig und voll gerüstet ins Leben gerufen wurde wie
    Athene aus dem Haupte des Zeus. Vielmehr spricht
    alles dafür, daß sie während der Regierung Amenho-
    teps allmählich erstarkte zu immer größerer Klarheit,

    6)Breasted, History of Egypt, p. 360: „But how-
    ever evident the Heliopolitan origin of the new state
    religion might be, it was not merely sun-worship; the
    word Aton was employed in the place of the old word
    for ‚god‘ (nuter) and the god is clearly distinguished
    from the material sun.“ „It is evident that what the
    king was deifying was the force, by which the Sun
    made itself felt on earth“ (Dawn of Conscience, p. 279)
    – ähnlich das Urteil über eine Formel zu Ehren des
    Gottes bei A. Erman (Die Ägyptische Religion, 1905):
    „es sind... Worte, die möglichst abstrakt ausdrücken
    sollen, daß man nicht das Gestirn selbst verehrt, son-
    dern das Wesen, das sich in ihm offenbart.“

    7)l. c. History of Egypt, p. 374.

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    Konsequenz, Schroffheit und Unduldsamkeit. Wahr
    scheinlich vollzog sich diese Entwicklung unter dem
    Einfluß der heftigen Gegnerschaft, die sich unter den
    Priestern des Amon gegen die Reform des Königs er-
    hob. Im sechsten Jahre der Regierung Amenhoteps war
    die Verfeindung soweit gediehen, daß der König seinen
    Namen änderte, von dem der nun verpönte Gottesname
    Amon ein Teil war. Er nannte sich anstatt Amen-
    hotep jetzt Ikhnaton8). Aber nicht nur aus sei-
    nem Namen tilgte er den des verhaßten Gottes aus,
    sondern aus allen Inschriften und selbst dort, wo er
    sich im Namen seines Vaters Amenhotep III fand.
    Bald nach der Namensänderung verließ Ikhnaton das
    von Amon beherrschte Theben und erbaute sich strom-
    abwärts eine neue Residenz, die er Akhetaton
    (Horizont des Aton) nannte. Ihre Trümmerstätte heißt
    heute Tell-el-Amarna9).

    Die Verfolgung des Königs traf Amon am härtesten,
    aber nicht ihn allein. Überall im Reiche wurden die
    Tempel geschlossen, der Gottesdienst untersagt, die Tem-
    pelgüter beschlagnahmt. Ja der Eifer des Königs ging so
    weit, daß er die alten Denkmäler untersuchen ließ,
    um das Wort „Gott“ in ihnen auszumerzen, wenn es
    in der Mehrzahl gebraucht war10). Es ist nicht zu
    verwundern, daß diese Maßnahmen Ikhnatons eine

    8)Ich folge bei diesen Namen der englischen Schreib-
    art. Der neue Name des Königs bedeutet ungefähr das-
    selbe wie sein früherer: Der Gott ist zufrieden. Vergl.
    unser Gotthold, Gottfried.

    9)Dort wurde 1887 die für die Geschichtskenntnis so
    wichtige Korrespondenz der ägyptischen Könige mit
    den Freunden und Vasallen in Asien gefunden.

    10)l. c. History of Egypt, p. 363.

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    Stimmung fanatischer Rachsucht bei der unterdrückten
    Priesterschaft und beim unbefriedigten Volk hervor-
    riefen, die sich nach des Königs Tode frei betätigen
    konnte. Die Atonreligion war nicht populär geworden,
    war wahrscheinlich auf einen kleinen Kreis um seine
    Person beschränkt geblieben. Der Ausgang Ikhna
    tons bleibt für uns in Dunkel gehüllt. Wir hören von
    einigen kurzlebigen, schattenhaften Nachfolgern aus sei-
    ner Familie. Schon sein Schwiegersohn Tutankh
    aton wurde genötigt, nach Theben zurückzukehren und
    in seinem Namen den Gott Aton durch Amon zu
    ersetzen. Dann folgte eine Zeit der Anarchie, bis es dem
    Feldherrn Haremhab 1350 gelang, die Ordnung wie-
    derherzustellen. Die glorreiche achtzehnte Dynastie war
    erloschen, gleichzeitig deren Eroberungen in Nubien und
    Asien verloren gegangen. In dieser trüben Zwischenzeit
    waren die alten Religionen Ägyptens wieder eingesetzt
    worden. Die Atonreligion war abgetan, die Residenz
    Ikhnatons zerstört und geplündert, sein Andenken
    als das eines Verbrechers geächtet.

    Es dient einer bestimmten Absicht, wenn wir nur
    einige Punkte aus der negativen Charakteristik der
    Atonreligion herausheben. Zunächst, daß alles Mythi-
    sche, Magische und Zauberische von ihr ausgeschlos-
    sen ist11).

    Sodann die Art der Darstellung des Sonnengottes,

    11)Weigall (The life and times of Ikhnaton, 1923,
    p. 121) sagt, Ikhnaton wollte nichts von einer Hölle
    wissen, gegen deren Schrecken man sich durch unge-
    zählte Zauberformeln schützen sollte. „Akhnaton flung
    all these formulae into the fire. Djins, bogies, spirits,
    monsters, demigods and Osiris himself with all his
    court, were swept into the blaze and reduced to ashes.“

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    nicht mehr wie in früherer Zeit durch eine kleine
    Pyramide und einen Falken, sondern, was beinahe
    nüchtern zu nennen ist, durch eine runde Scheibe, von
    der Strahlen ausgehen, die in menschlichen Händen
    endigen. Trotz aller Kunstfreudigkeit der Amarnaperi-
    ode ist eine andere Darstellung des Sonnengottes, ein
    persönliches Bild des Aton, nicht gefunden worden
    und man darf es zuversichtlich sagen, es wird nicht
    gefunden werden 12).

    Endlich das völlige Schweigen über den Totengott
    Osiris und das Totenreich. Weder die Hymnen noch
    die Grabinschriften wissen etwas von dem, was dem
    Herzen des Ägypters vielleicht am nächsten lag. Der
    Gegensatz zur Volksreligion kann nicht deutlicher ver-
    anschaulicht werden 13).

    III.

    Wir möchten jetzt den Schluß wagen: wenn Moses
    ein Ägypter war und wenn er den Juden seine eigene
    Religion übermittelte, so war es die des Ikhnaton,
    die Atonreligion.

    Wir haben vorhin die jüdische Religion mit der
    ägyptischen Volksreligion verglichen und die Gegensätz-
    lichkeit zwischen beiden festgestellt. Nun sollen wir
    einen Vergleich der jüdischen mit der Atonreligion

    12)A. Weigall (l. c.). „Akhnaton did not permit
    any graven image to be made of the Aton. The true
    God, said the King, had no form; and he held to this
    opinion throughout his life.“ (p. 103.)

    13)Erman l. c. p. 70: „Vom Osiris und seinem
    Reich sollte man nichts mehr hören.“ – Breasted,
    D. of C. p. 291: „Osiris is completely ignored. He is
    never mentioned in any record of Ikhnaton or in any
    of the tombs at Amarna.“

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    anstellen, in der Erwartung, die ursprüngliche Iden-
    tität der beiden zu erweisen. Wir wissen, daß uns keine
    leichte Aufgabe gestellt ist. Von der Atonreligion wis-
    sen wir dank der Rachsucht der Amonpriester vielleicht
    zu wenig. Die mosaische Religion kennen wir nur in
    einer Endgestaltung, wie sie etwa 800 Jahre später in
    nachexilischer Zeit von der jüdischen Priesterschaft
    fixiert wurde. Sollten wir trotz dieser Ungunst des
    Materials einzelne Anzeichen finden, die unserer An-
    nahme günstig sind, so werden wir sie hoch einschätzen
    dürfen.

    Es gäbe einen kurzen Weg zum Erweis unserer These,
    daß die mosaische Religion nichts anderes ist als die
    des Aton, nämlich über ein Geständnis, eine Prok la-
    mation. Aber ich fürchte, man wird uns sagen, daß
    dieser Weg nicht gangbar ist. Das jüdische Glaubens-
    bekenntnis lautet bekanntlich: Schema Jisroel Adonai
    Elohenu Adonai Echod. Wenn der Name des ägypti-
    schen Aton (oder Atum) nicht nur zufällig an das
    hebräische Wort Adonai und den syrischen Gottes-
    namen Adonis anklingt, sondern infolge urzeitlicher
    Sprach- und Sinngemeinschaft, so könnte man jene
    jüdische Formel übersetzen: Höre Israel, unser Gott
    Aton (Adonai) ist ein einziger Gott. Ich bin leider völlig
    inkompetent, um diese Frage zu beantworten, konnte
    auch nur wenig darüber in der Literatur finden 14), aber

    14)Nur einige Stellen bei Weigall (l. c.): „Der Gott
    Atum, der Re als die untergehende Sonne bezeichnete,
    war vielleicht gleichen Ursprungs wie der in Nordsyrien
    allgemein verehrte Aton und eine ausländische Köni-
    gin sowie ihr Gefolge mag sich darum eher zu Helio-
    polis hingezogen gefühlt haben als zu Theben“ (p. 12
    und p. 19).

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    wahrscheinlich darf man es sich nicht so leicht machen.
    Übrigens werden wir auf die Probleme des Gottes-
    namens noch einmal zurückkommen müssen.

    Die Ähnlichkeiten wie die Verschiedenheiten der bei-
    den Religionen sind leicht ersichtlich, ohne uns viel
    Aufklärung zu bringen. Beide sind Formen eines stren-
    gen Monotheismus und man wird von vornherein ge-
    neigt sein, was an ihnen Übereinstimmung ist, auf
    diesen Grundcharakter zurückzuführen. Der jüdische
    Monotheismus benimmt sich in manchen Punkten noch
    schroffer als der ägyptische, z. B. wenn er bildliche
    Darstellungen überhaupt verbietet. Der wesentlichste
    Unterschied zeigt sich – vom Gottesnamen abgesehen
    – darin, daß die jüdische Religion völlig von der
    Sonnenverehrung abgeht, an die sich die ägyptische
    noch angelehnt hatte. Beim Vergleich mit der ägypti-
    schen Volksreligion hatten wir den Eindruck empfan-
    gen, daß außer dem prinzipiellen Gegensatz ein Mo-
    ment von absichtlichem Widerspruch an der Verschie-
    denheit der beiden Religionen beteiligt wäre. Dieser
    Eindruck erscheint nun als berechtigt, wenn wir im
    Vergleich die jüdische durch die Atonreligion er-
    setzen, die Ikhnaton, wie wir wissen, in absicht-
    licher Feindseligkeit gegen die Volksreligion entwik-
    kelt hat. Wir hatten uns mit Recht darüber verwun-
    dert, daß die jüdische Religion vom Jenseits und vom
    Leben nach dem Tode nichts wissen will, denn eine
    solche Lehre wäre mit dem strengsten Monotheismus
    vereinbar. Diese Verwunderung schwindet, wenn wir
    von der jüdischen auf die Atonreligion zurückgehen
    und annehmen, daß diese Ablehnung von dort her

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    37

    übernommen worden ist, denn für Ikhnaton war
    sie eine Notwendigkeit bei der Bekämpfung der Volks-
    religion, in der der Totengott Osiris eine vielleicht
    größere Rolle spielte als irgendein Gott der Oberwelt.
    Die Übereinstimmung der jüdischen mit der Aton-
    religion in diesem wichtigen Punkte ist das erste starke
    Argument zugunsten unserer These. Wir werden hören,
    daß es nicht das einzige ist.

    Moses hat den Juden nicht nur eine neue Religion
    gegeben; man kann auch mit gleicher Bestimmtheit
    behaupten, daß er die Sitte der Beschneidung bei ihnen
    eingeführt hat. Diese Tatsache hat eine entscheidende
    Bedeutung für unser Problem und ist kaum je gewür-
    digt worden. Der biblische Bericht widerspricht ihr
    zwar mehrfach, er führt einerseits die Beschneidung
    in die Urväterzeit zurück als Zeichen des Bundes zwi-
    schen Gott und Abraham, anderseits erzählt er in einer
    ganz besonders dunkeln Stelle, daß Gott Moses zürnte,
    weil er den geheiligten Gebrauch vernachlässigt hatte,
    daß er ihn darum töten wollte, und daß Moses’ Ehe-
    frau, eine Midianiterin, den bedrohten Mann durch
    rasche Ausführung der Operation vor Gottes Zorn ret-
    tete. Aber dies sind Entstellungen, die uns nicht irre
    machen dürfen, wir werden später Einsicht in ihre
    Motive gewinnen. Es bleibt bestehen, daß es auf die
    Frage, woher die Sitte der Beschneidung zu den Juden
    kam, nur eine Antwort gibt: aus Ägypten. Herodot,
    der „Vater der Geschichte“ teilt uns mit, daß die Sitte
    der Beschneidung in Ägypten seit langen Zeiten hei-
    misch war, und seine Angaben sind durch die Befunde
    an Mumien, ja durch Darstellungen an den Wänden

  • S.

    38

    von Gräbern bestätigt worden. Kein anderes Volk des
    östlichen Mittelmeeres hat, soviel wir wissen, diese
    Sitte geübt; von den Semiten, Babyloniern, Sumerern
    ist es sicher anzunehmen, daß sie unbeschnitten waren.
    Von den Einwohnern Kanaans sagt es die biblische
    Geschichte selbst; es ist die Voraussetzung für den Aus-
    gang des Abenteuers der Tochter Jakobs mit dem Prin-
    zen von Sichem15). Die Möglichkeit, daß die in Ägypten
    weilenden Juden die Sitte der Beschneidung auf ande-
    rem Wege angenommen haben als im Zusammenhange
    mit der Religionsstiftung Moses’, dürfen wir als völlig
    haltlos abweisen. Nun halten wir fest, daß die Be-
    schneidung als allgemeine Volkssitte in Ägypten geübt
    wurde, und nehmen für einen Augenblick die gebräuch-
    liche Annahme hinzu, daß Moses ein Jude war, der seine
    Volksgenossen vom ägyptischen Frondienst befreien,
    sie zur Entwicklung einer selbständigen und selbstbe-
    wußten nationalen Existenz außer Landes führen wollte
    – wie es ja wirklich geschah –, welchen Sinn konnte
    es haben, daß er ihnen zur gleichen Zeit eine beschwer-


    15)Wenn wir mit der biblischen Tradition so selbst-
    herrlich und willkürlich verfahren, sie zur Bestätigung
    heranziehen, wo sie uns taugt, und sie unbedenklich
    verwerfen, wo sie sie uns widerspricht, so wissen wir sehr
    wohl, daß wir uns dadurch ernster methodischer Kritik
    aussetzen und die Beweiskraft unserer Ausführungen
    abschwächen. Aber es ist die einzige Art, wie man ein
    Material behandeln kann, von dem man mit Bestimmt-
    heit weiß, daß seine Zuverlässigkeit durch den Einfluß
    entstellender Tendenzen schwer geschädigt worden ist.
    Eine gewisse Rechtfertigung hofft man später zu er-
    werben, wenn man jenen geheimen Motiven auf die
    Spur kommt. Sicherheit ist ja überhaupt nicht zu er-
    reichen, und übrigens dürfen wir sagen, daß alle ande-
    ren Autoren ebenso verfahren sind.

  • S.

    39

    liche Sitte aufdrängte, die sie gewissermaßen selbst
    zu Ägyptern machte, die ihre Erinnerung an Ägypten
    immer wach halten mußte, während sein Streben doch
    nur aufs Gegenteil gerichtet sein konnte, daß sein Volk
    sich dem Lande der Knechtschaft entfremden und
    die Sehnsucht nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“ über
    winden sollte? Nein, die Tatsache, von der wir aus
    gingen, und die Annahme, die wir an sie anfügten,
    sind so unvereinbar miteinander, daß man den Mut zu
    einer Schlußfolge findet: Wenn Moses den Juden nicht
    nur eine neue Religion, sondern auch des Gebot der
    Beschneidung gab, so war er kein Jude, sondern ein
    Ägypter, und dann war die mosaische Religion wahr
    scheinlich eine ägyptische, und zwar wegen des Gegen-
    satzes zur Volksreligion die Religion des Aton, mit der
    die spätere jüdische Religion auch in einigen bemer-
    kenswerten Punkten übereinstimmt.

    Wir haben bemerkt, daß unsere Annahme, Moses sei
    kein Jude, sondern ein Ägypter, ein neues Rätsel schafft.
    Die Handlungsweise, die beim Juden leicht verständlich
    schien, wird beim Ägypter unbegreiflich. Wenn wir
    aber Moses in die Zeit des Ikhnaton versetzen und
    in Beziehung zu diesem Pharao bringen, dann schwin-
    det dieses Rätsel und es enthüllt sich die Möglichkeit
    einer Motivierung, die alle unsere Fragen beantwortet.
    Gehen wir von der Voraussetzung aus, daß Moses ein
    vornehmer und hochstehender Mann war, vielleicht
    wirklich ein Mitglied des königlichen Hauses, wie
    die Sage von ihm behauptet. Er war gewiß seiner
    großen Fähigkeiten bewußt, ehrgeizig und tatkräftig;
    vielleicht schwebte ihm selbst das Ziel vor, eines Ta-

  • S.

    40

    ges das Volk zu leiten, das Reich zu beherrschen. Dem
    Pharao nahe, war er ein überzeugter Anhänger der
    neuen Religion, deren Grundgedanken er sich zu eigen
    gemacht hatte. Mit dem Tod des Königs und dem Ein-
    setzen der Reaktion sah er all seine Hoffnungen und
    Aussichten zerstört; wenn er seine ihm teuren Über-
    zeugungen nicht abschwören wollte, hatte ihm Ägypten
    nichts mehr zu bieten, er hatte sein Vaterland verloren.
    In dieser Notlage fand er einen ungewöhnlichen Aus-
    weg. Der Träumer Ikhnaton hatte sich seinem Volke
    entfremdet und hatte sein Weltreich zerbröckeln las-
    sen. Moses’ energischer Natur entsprach der Plan, ein
    neues Reich zu gründen, ein neues Volk zu finden, dem
    er die von Ägypten verschmähte Religion zur Verehrung
    schenken wollte. Es war, wie man erkennt, ein helden-
    hafter Versuch, das Schicksal zu bestreiten, sich nach
    zwei Richtungen zu entschädigen für die Verluste, die
    ihm die Katastrophe Ikhnatons gebracht hatte. Viel-
    leicht war er zur Zeit Statthalter jener Grenzprovinz
    (Gosen), in der sich (noch zur Zeit der Hyksos?)
    gewisse semitische Stämme niedergelassen hatten. Diese
    wählte er aus, daß sie sein neues Volk sein sollten.
    Eine weltgeschichtliche Entscheidung! 16)

    Wenn Moses ein hoher Beamter war, so erleich-
    tert dies unser Verständnis für die Führerrolle, die er
    bei den Juden übernahm; wenn ein Priester, dann lag
    es ihm nahe, als Religionsstifter aufzutreten. In beiden
    Fällen wäre es die Fortsetzung seines bisherigen Berufs
    gewesen. Ein Prinz des königlichen Hauses konnte
    leicht beides sein, Statthalter und Priester. In der Er-
    zählung des Flavius Josephus (Antiqu. jud.), der
    die Aussetzungssage annimmt, aber andere Traditionen
    als die biblische zu kennen scheint, hat Moses als ägyp-
    tischer Feldherr einen siegreichen Feldzug in Äthiopien
    durchgeführt.

  • S.

    41

    Er setzte sich mit ihnen ins Einvernehmen, stellte
    sich an ihre Spitze, besorgte ihre Abwanderung „mit
    starker Hand“. In vollem Gegensatz zur biblischen Tra-
    dition sollte man annehmen, daß sich dieser Auszug
    friedlich und ohne Verfolgung vollzog. Die Autorität
    Moses’ ermöglichte ihn, und eine Zentralgewalt, die
    ihn hätte verhindern wollen, war damals nicht vor-
    handen.

    Zufolge dieser unserer Konstruktion würde der Aus-
    zug aus Ägypten in die Zeit zwischen 1358 und 1350
    fallen, d. h. nach dem Tode Ikhnatons und vor
    der Herstellung der staatlichen Autorität durch Ha-
    remhab17). Das Ziel der Wanderung konnte nur das
    Land Kanaan sein. Dort waren nach dem Zusammen-
    bruch der ägyptischen Herrschaft Scharen von kriege-
    rischen Aramäern eingebrochen, erobernd und plün-
    dernd, und hatten so gezeigt, wo ein tüchtiges Volk
    sich neuen Landbesitz holen konnte. Wir kennen diese
    Krieger aus den Briefen, die 1887 im Archiv der Ruinen-
    stadt Amarna gefunden wurden. Sie werden dort
    Habiru genannt und der Name ist, man weiß nicht
    wie, auf die später kommenden jüdischen Eindring-
    linge – Hebräer – übergegangen, die in den Amar-
    nabriefen nicht gemeint sein können. Südlich von Palä-
    stina – in Kanaan – wohnten auch jene Stämme,
    die die nächsten Verwandten der jetzt aus Ägypten
    ausziehenden Juden waren.

    17)Das wäre etwa ein Jahrhundert früher, als die
    meisten Historiker annehmen, die ihn in die 19te Dy-
    nastie unter Merneptah verlegen. Vielleicht etwas
    später, denn die offizielle Geschichtsschreibung scheint
    das Interregnum in die Regierungszeit Haremhabs
    eingerechnet zu haben.

  • S.

    42

    Die Motivierung, die wir für das Ganze des Auszugs
    erraten haben, deckt auch die Einsetzung der Be-
    schneidung. Man weiß, in welcher Weise sich die Men-
    schen, Völker wie Einzelne, zu diesem uralten, kaum
    mehr verstandenen Gebrauch verhalten. Denjenigen, die
    ihn nicht üben, erscheint er sehr befremdlich und sie
    grausen sich ein wenig davor – die anderen aber, die
    die Beschneidung angenommen haben, sind stolz dar-
    auf. Sie fühlen sich durch sie erhöht, wie geadelt,
    und schauen verächtlich auf die anderen herab, die
    ihnen als unrein gelten. Noch heute beschimpft der
    Türke den Christen als „unbeschnittenen Hund“. Es
    ist glaublich, daß Moses, der als Ägypter selbst beschnit-
    ten war, diese Schätzung teilte. Die Juden, mit denen
    er das Vaterland verließ, sollten ihm ein besserer Er-
    satz für die Ägypter sein, die er im Lande zurückließ.
    Auf keinen Fall durften sie hinter diesen zurückstehen.
    Ein „geheiligtes Volk“ wollte er aus ihnen machen,
    wie noch ausdrücklich im biblischen Text gesagt wird,
    und als Zeichen solcher Weihe führte er auch bei ihnen
    die Sitte ein, die sie den Ägyptern mindestens gleich-
    stellte. Auch konnte es ihm nur willkommen sein,
    wenn sie durch ein solches Zeichen isoliert und von
    der Vermischung mit den Fremdvölkern abgehalten
    wurden, zu denen ihre Wanderung sie führen sollte,
    ähnlich wie die Ägypter selbst sich von allen Fremden
    abgesondert hatten 18).

    18)Herodot, der Ägypter um 450 v. Chr. besuchte,
    gibt in seinem Reisebericht eine Charakteristik des
    ägyptischen Volkes, die eine erstaunliche Ähnlichkeit
    mit bekannten Zügen des späteren Judentums aufzeigt:
    „Sie sind überhaupt in allen Punkten frömmer als die

  • S.

    Die jüdische Tradition aber benahm sich später, als
    wäre sie durch die Schlußfolge bedrückt, die wir vor-
    hin entwickelt haben. Wenn man zugestand, daß die
    Beschneidung eine ägyptische Sitte war, die Moses ein-
    geführt hatte, so war das beinahe so viel wie eine An-
    erkennung, daß die Religion, die Moses ihnen über-
    liefert, auch eine ägyptische gewesen war. Aber man
    hatte gute Gründe, diese Tatsache zu verleugnen; folg-
    lich mußte man auch dem Sachverhalt in betreff der
    Beschneidung widersprechen.

    übrigen Menschen, von denen sie sich auch schon
    durch manche ihrer Sitten trennen. So durch die Be-
    schneidung, die sie zuerst, und zwar aus Reinlichkeits-
    gründen, eingeführt haben; des weiteren durch ihren
    Abscheu vor den Schweinen, der gewiß damit zusam-
    menhängt, daß Set als ein schwarzes Schwein den
    Horus verwundet hatte, und endlich und am meisten
    durch ihre Ehrfurcht vor den Kühen, die sie nie essen
    oder opfern würden, weil sie damit die kuhhörnige Isis
    beleidigen würden. Deshalb würde kein Ägypter und
    keine Ägypterin je einen Griechen küssen oder sein
    Messer, seinen Bratspieß oder seinen Kessel gebrauchen
    oder von dem Fleisch eines (sonst) reinen Ochsen essen,
    das mit einem griechischen Messer geschnitten wäre…
    sie sahen in hochmütiger Beschränktheit auf die ande-
    ren Völker herab, die unrein waren und den Göttern
    nicht so nahe standen wie sie.“ (Nach Erman, Die
    Ägyptische Religion, p. 181 u. ff.)

    Wir wollen natürlich Parallelen hiezu aus dem Leben
    des indischen Volkes nicht vergessen. Wer hat es üb-
    rigens dem jüdischen Dichter H. Heine im 19. Jahr-
    hundert n. Chr. eingegeben, seine Religion zu beklagen
    als „die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage, der alt-
    ägyptisch ungesunde Glauben“?