S.
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Wenn Moses ein Ägypter war...
Von Sigm. Freud
Wir geben im folgenden die ersten drei
Kapitel eines größeren Aufsatzes wieder, der
in Fortsetzung des in der vorangehenden
Arbeit aufgenommenen Themas in „Imago“,
Jahrg. 1937, Heft 4, abgedruckt ist.In einem früheren Beitrag zu dieser Zeitschrift 1) habe
ich die Vermutung, daß der Mann Moses, der Be-
freier und Gesetzgeber des jüdischen Volkes, kein Jude,
sondern ein Ägypter war, durch ein neues Argument
zu bekräftigen versucht. Daß sein Name aus dem ägyp-
tischen Sprachschatz stammt, war längst bemerkt, wenn
auch nicht entsprechend gewürdigt worden; ich habe
hinzugefügt, daß die Deutung des an Moses geknüpf-
ten Aussetzungsmythos zum Schluß nötige, er sei ein Ägyp-
ter gewesen, den das Bedürfnis eines Volkes zum Juden
machen wollte. Am Ende meines Aufsatzes habe ich
gesagt, daß sich wichtige und weittragen-
de Folgerun-
gen aus der Annahme ableiten, daß Moses ein Ägypter ge-
wesen sei; ich sei aber nicht bereit, öffentlich für diese
einzutreten, denn sie ruhen nur auf psychologischen
Wahrschein-
lichkeiten und entbehren eines objekti-
ven Beweises. Je bedeutsamer die so gewonnenen Einsich-
ten sind, desto stärker verspüre man die Warnung, sie nicht
ohne sichere Begrün-
dung dem kriti-
schen Angriff der
Umwelt aus-
zuset-
zen, gleichsam wie ein ehernes Bild
auf tönernen Füßen. Keine noch so verführerische
1) Imago, Bd. XXIII, 1937, Heft 1, „Moses ein Ägyp-
ter“. Vgl. diesen Almanach S. 9.S.
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Wahrscheinlichkeit schütze vor Irrtum; selbst wenn
alle Teile eines Problems sich einzuordnen scheinen
wie die Stücke eines Zusammenlegespieles, müßte man
daran denken, daß das Wahrscheinliche nicht notwen-
dig das Wahre sei und die Wahrheit nicht immer wahr-
scheinlich. Und endlich sei es nicht verlockend, den
Scholastikern und Talmudisten angereiht zu werden,
die es befriedigt, ihren Scharfsinn spielen zu lassen,
gleichgültig dagegen, wie fremd der Wirklichkeit ihre
Behauptung sein mag.Ungeachtet dieser Bedenken, die heute so schwer
wiegen wie damals, ist aus dem Widerstreit meiner
Motive der Entschluß hervorgegangen, auf jene erste
Mitteilung diese Fortsetzung folgen zu lassen. Aber es
ist wiederum nicht das Ganze und nicht das wichtig-
ste Stück des Ganzen.I.
Wenn also Moses ein Ägypter war –, so ist der erste
Gewinn aus dieser Annahme eine neue, schwer zu beant-
wortende Rätselfrage. Wenn ein Volk oder ein Stamm 2)
sich zu einer großen Unternehmung anschickt, so ist
nichts anderes zu erwarten, als daß einer von den
Volksgenossen sich zum Führer aufwirft oder zu dieser
Rolle durch Wahl bestimmt wird. Aber was einen vor-
nehmen Ägypter – vielleicht Prinz, Priester, hoher
Beamter – bewegen sollte, sich an die Spitze eines
Haufens von eingewanderten, kulturell rückständigen
Fremdlingen zu stellen und mit ihnen das Land zu2)Wir haben keine Vorstellung davon, um welche
Zahlen es sich beim Auszug aus Ägypten handelt.S.
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verlassen, das ist nicht leicht zu erraten. Die bekannte
Verachtung des Ägypters für ein ihm fremdes Volkstum
macht einen solchen Vorgang besonders unwahrschein-
lich. Ja ich möchte glauben, gerade darum haben selbst
Historiker, die den Namen als ägyptisch erkannten und
dem Mann alle Weisheit Ägyptens zuschrieben, die
naheliegende Möglichkeit nicht aufnehmen wollen, daß
Moses ein Ägypter war.Zu dieser ersten Schwierigkeit kommt bald eine
zweite hinzu. Wir dürfen nicht vergessen, daß Moses
nicht nur der politische Führer der in Ägypten ansässi-
gen Juden war, er war auch ihr Gesetzgeber, Erzieher,
und zwang sie in den Dienst einer neuen Religion, die
noch heute nach ihm die mosaische genannt wird.
Aber kommt ein einzelner Mensch so leicht dazu, eine
neue Religion zu schaffen? Und wenn jemand die
Religion eines anderen beeinflussen will, ist es nicht
das natürlichste, daß er ihn zu seiner eigenen Religion
bekehrt? Das Judenvolk in Ägypten war sicherlich nicht
ohne irgendeine Form von Religion, und wenn Moses,
der ihm eine neue gegeben, ein Ägypter war, so ist
die Vermutung nicht abzuweisen, daß die andere, neue
Religion die ägyptische war.Dieser Möglichkeit steht etwas im Wege: die Tatsache
des schärfsten Gegensatzes zwischen der auf Moses
zurückgeführten jüdischen Religion und der ägyptischen.
Die erstere ein großartig starrer Monotheismus; es gibt
nur einen Gott, er ist einzig, allmächtig, unnahbar;
man verträgt seinen Anblick nicht, darf sich kein Bild
von ihm machen, nicht einmal seinen Namen ausspre-
chen. In der ägyptischen Religion eine kaum überseh-S.
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bare Schar von Gottheiten verschiedener Würdigkeit
und Herkunft, einige Personifikationen von großen Na-
turmächten, wie Himmel und Erde, Sonne und Mond,
auch einmal eine Abstraktion wie die Maat (Wahrheit,
Gerechtigkeit) oder eine Fratze wie der zwerghafte Bes,
die meisten aber Lokalgötter aus der Zeit, da das Land
in zahlreiche Gaue zerfallen war, tiergestaltig, als hät-
ten sie die Entwicklung aus den alten Totemtieren noch
nicht überwunden, unscharf voneinander unterschieden,
kaum daß einzelnen besondere Funktionen zugewiesen
sind. Die Hymnen zu Ehren dieser Götter sagen unge-
fähr von jedem das nämliche aus, identifizieren sie mit-
einander ohne Bedenken in einer Weise, die uns hoff-
nungslos verwirren würde. Götternamen werden mit-
einander kombiniert, so daß der eine fast zum Beiwort
des anderen herabsinkt; so heißt in der Blütezeit des
„Neuen Reiches“ der Hauptgott der Stadt Theben
Amon-Re, in welcher Zusammensetzung der erste
Teil den widderköpfigen Stadtgott bedeutet, während
Re der Name des sperberköpfigen Sonnengottes von
On ist. Magische und Zeremoniellhandlungen, Zauber-
sprüche und Amulette beherrschten den Dienst dieser
Götter wie das tägliche Leben des Ägypters.
Manche dieser Verschiedenheiten mögen sich leicht
aus dem prinzipiellen Gegensatz eines strengen Mono-
theismus zu einem uneingeschränkten Polytheismus ab-
leiten. Andere sind offenbar Folgen des Unterschieds
im geistigen Niveau, da die eine Religion primitiven
Phasen sehr nahe steht, die andere sich zu den Höhen
sublimer Abstraktion aufgeschwungen hat. Auf diese
beiden Momente mag es zurückgehen, wenn man ge-S.
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legentlich den Eindruck empfängt, der Gegensatz zwi-
schen der mosaischen und der ägyptischen Religion sei
ein gewollter und absichtlich verschärfter; z. B. wenn
die eine jede Art von Magie und Zauberwesen aufs
strengste verdammt, die doch in der anderen aufs
üppigste wuchern. Oder wenn der unersättlichen Lust
der Ägypter, ihre Götter in Ton, Stein und Erz zu ver-
körpern, der heute unsere Museen so viel verdanken,
das rauhe Verbot entgegengestellt wird, irgendein leben-
des oder gedachtes Wesen in einem Bildnis darzustel-
len. Aber es gibt noch einen anderen Gegensatz zwi-
schen beiden Religionen, der durch die von uns ver-
suchten Erklärungen nicht getroffen wird. Kein anderes
Volk des Altertums hat soviel getan, um den Tod zu
verleugnen, hat so peinlich vorgesorgt, eine Existenz
im Jenseits zu ermöglichen, und dem entsprechend
war der Totengott Osiris, der Beherrscher dieser an-
deren Welt, der populärste und unbestrittenste aller
ägyptischen Götter. Die jüdische Religion hingegen hat
auf die Unsterblichkeit voll verzichtet; der Möglich-
keit einer Fortsetzung der Existenz nach dem Tode wird
nirgends und niemals Erwähnung getan. Und dies ist
umso merkwürdiger, als ja spätere Erfahrungen ge-
zeigt haben, daß der Glaube an ein jenseitiges Dasein
mit einer monotheistischen Religion sehr gut verein-
bart werden kann.Wir hatten gehofft, die Annahme, Moses sei ein Ägyp-
ter gewesen, werde sich nach verschiedenen Richtungen
als fruchtbar und aufklärend erweisen. Aber unsere
erste Folgerung aus dieser Annahme, die neue Religion,
die er den Juden gegeben, sei seine eigene, die ägyp-
tischeS.
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tische gewesen, ist an der Einsicht in die Verschieden-
heit, ja Gegensätzlichkeit der beiden Religionen ge-
scheitert.II.
Eine merkwürdige Tatsache der ägyptischen Religions-
geschichte, die erst spät erkannt und gewürdigt worden
ist, eröffnet uns noch eine Aussicht. Es bleibt möglich,
daß die Religion, die Moses seinem Judenvolke gab,
doch seine eigene war, eine ägyptische Religion, wenn
auch nicht die ägyptische.In der glorreichen achtzehnten Dynastie, unter der
Ägypten zuerst ein Weltreich wurde, kam um das Jahr
1375 v. Chr. ein junger Pharao auf den Thron, der zu-
erst Amenhotep (IV) hieß wie sein Vater, später
aber seinen Namen änderte, und nicht bloß seinen Na-
men. Dieser König unternahm es, seinen Ägyptern eine
neue Religion aufzudrängen, die ihren Jahrtausende-
alten Traditionen und all ihren vertrauten Lebensge-
wohnheiten zuwiderlief. Es war ein strenger Mono-
theismus, der erste Versuch dieser Art in der Welt-
geschichte, soweit unsere Kenntnis reicht, und mit dem
Glauben an einen einzigen Gott wurde wie unvermeid-
lich die religiöse Intoleranz geboren, die dem Altertum
vorher – und noch lange nachher – fremd geblieben.
Aber die Regierung Amenhoteps dauerte nur sieb-
zehn Jahre; sehr bald nach seinem 1358 erfolgten
Tode war die neue Religion hinweggefegt, das Andenken
des ketzerischen Königs geächtet worden. Aus dem Trüm-
merfeld der neuen Residenz, die er erbaut und seinem
Gott geweiht hatte, und aus den Inschriften in den zuS.
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ihr gehörigen Felsgräbern rührt das wenige her, was
wir über ihn wissen. Alles, was wir über diese merk-
würdige, ja einzigartige Persönlichkeit erfahren kön-
nen, ist des höchsten Interesses würdig3).Alles Neue muß seine Vorbereitungen und Vorbedin-
gungen in Früherem haben. Die Ursprünge des ägypti-
schen Monotheismus lassen sich mit einiger Sicherheit
ein Stück weit zurückverfolgen4). In der Priesterschule
des Sonnentempels zu On (Heliopolis) waren seit län-
gerer Zeit Tendenzen tätig, um die Vorstellung eines
universellen Gottes zu entwickeln und die ethische
Seite seines Wesens zu betonen. Maat, die Göttin der
Wahrheit, Ordnung, Gerechtigkeit, war eine Tochter
des Sonnengottes Re. Schon unter Amenhotep III,
dem Vater und Vorgänger des Reformators, nahm die
Verehrung des Sonnengottes einen neuen Aufschwung,
wahrscheinlich in Gegnerschaft zum übermächtig ge-
wordenen Amon von Theben. Ein uralter Name
des Sonnengottes Aton oder Atum wurde neu her-
vorgeholt und in dieser Atonreligion fand der
junge König eine Bewegung vor, die er nicht erst zu
erwecken brauchte, der er sich anschließen konnte.Die politischen Verhältnisse Ägyptens hatten um diese
Zeit begonnen, die ägyptische Religion nachhaltig zu
beeinflussen. Durch die Waffentaten des großen Erobe-3) „The first individual in human history“ nennt ihn
Breasted.4) Das Nachfolgende hauptsächlich nach den Darstel-
lungen von J. H. Breasted in seiner „History of
Egypt“, 1906, sowie in „The Dawn of Conscience“, 1934,
und den entsprechenden Abschnitten in „The Cam-
bridge Ancient History“, Vol. II.S.
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rers Thothmes III war Ägypten eine Weltmacht
geworden, im Süden war Nubien, im Norden Palästina,
Syrien und ein Stück von Mesopotamien zum Reich
hinzugekommen. Dieser Imperialismus spiegelte sich nun
in der Religion als Universalismus und Monotheismus.
Da die Fürsorge des Pharao jetzt außer Ägypten auch
Nubien und Syrien umfaßte, mußte auch die Gottheit
ihre nationale Beschränkung aufgeben, und wie der
Pharao der einzige und unumschränkte Herrscher der
dem Ägypter bekannten Welt war, so mußte wohl auch
die neue Gottheit der Ägypter werden. Zudem war es
natürlich, daß mit der Erweiterung der Reichsgrenzen
Ägypten für ausländische Einflüsse zugänglicher wurde;
manche der königlichen Frauen5) waren asiatische Prin-
zessinnen und möglicherweise waren selbst direkte An-
regungen zum Monotheismus aus Syrien eingedrungen.Amenhotep hat seinen Anschluß an den Sonnen-
kult von On niemals verleugnet. In den zwei Hymnen
an den Aton, die uns durch die Inschriften in den
Felsgräbern erhalten geblieben sind und wahrschein-
lich von ihm selbst gedichtet wurden, preist er die
Sonne als Schöpfer und Erhalter alles Lebenden in und
außerhalb Ägyptens mit einer Inbrunst, wie sie erst
viele Jahrhunderte später in den Psalmen zu Ehren des
jüdischen Gottes Jahve wiederkehrt. Er begnügte sich
aber nicht mit dieser erstaunlichen Vorwegnahme der
wissenschaftlichen Erkenntnis von der Wirkung der
Sonnenstrahlung. Es ist kein Zweifel, daß er einen
Schritt weiter ging, daß er die Sonne nicht als mate-5)Vielleicht selbst Amenhoteps geliebte Gemah-
lin Nofertete.S.
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rielles Objekt verehrte, sondern als Symbol eines gött-
lichen Wesens, dessen Energie sich in ihren Strahlen
kund gab6).Wir werden dem König aber nicht gerecht, wenn wir
ihn nur als den Anhänger und Förderer einer schon
vor ihm bestehenden Atonreligion betrachten. Seine
Tätigkeit war weit eingreifender. Er brachte etwas
Neues hinzu, wodurch die Lehre vom universellen
Gott erst zum Monotheismus wurde, das Moment der
Ausschließlichkeit. In einer seiner Hymnen wird es
direkt ausgesagt: „Oh, Du einziger Gott, neben dem
kein anderer ist.“7) Und wir wollen nicht vergessen,
daß für die Würdigung der neuen Lehre die Kenntnis
ihres positiven Inhalts allein nicht genügt; beinahe
ebenso wichtig ist ihre negative Seite, die Kenntnis
dessen, was sie verwirft. Es wäre auch irrtümlich,
anzunehmen, daß die neue Religion mit einem Schlage
fertig und voll gerüstet ins Leben gerufen wurde wie
Athene aus dem Haupte des Zeus. Vielmehr spricht
alles dafür, daß sie während der Regierung Amenho-
teps allmählich erstarkte zu immer größerer Klarheit,6)Breasted, History of Egypt, p. 360: „But how-
ever evident the Heliopolitan origin of the new state
religion might be, it was not merely sun-worship; the
word Aton was employed in the place of the old word
for ‚god‘ (nuter) and the god is clearly distinguished
from the material sun.“ „It is evident that what the
king was deifying was the force, by which the Sun
made itself felt on earth“ (Dawn of Conscience, p. 279)
– ähnlich das Urteil über eine Formel zu Ehren des
Gottes bei A. Erman (Die Ägyptische Religion, 1905):
„es sind... Worte, die möglichst abstrakt ausdrücken
sollen, daß man nicht das Gestirn selbst verehrt, son-
dern das Wesen, das sich in ihm offenbart.“7)l. c. History of Egypt, p. 374.
S.
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Konsequenz, Schroffheit und Unduldsamkeit. Wahr
scheinlich vollzog sich diese Entwicklung unter dem
Einfluß der heftigen Gegnerschaft, die sich unter den
Priestern des Amon gegen die Reform des Königs er-
hob. Im sechsten Jahre der Regierung Amenhoteps war
die Verfeindung soweit gediehen, daß der König seinen
Namen änderte, von dem der nun verpönte Gottesname
Amon ein Teil war. Er nannte sich anstatt Amen-
hotep jetzt Ikhnaton8). Aber nicht nur aus sei-
nem Namen tilgte er den des verhaßten Gottes aus,
sondern aus allen Inschriften und selbst dort, wo er
sich im Namen seines Vaters Amenhotep III fand.
Bald nach der Namensänderung verließ Ikhnaton das
von Amon beherrschte Theben und erbaute sich strom-
abwärts eine neue Residenz, die er Akhetaton
(Horizont des Aton) nannte. Ihre Trümmerstätte heißt
heute Tell-el-Amarna9).Die Verfolgung des Königs traf Amon am härtesten,
aber nicht ihn allein. Überall im Reiche wurden die
Tempel geschlossen, der Gottesdienst untersagt, die Tem-
pelgüter beschlagnahmt. Ja der Eifer des Königs ging so
weit, daß er die alten Denkmäler untersuchen ließ,
um das Wort „Gott“ in ihnen auszumerzen, wenn es
in der Mehrzahl gebraucht war10). Es ist nicht zu
verwundern, daß diese Maßnahmen Ikhnatons eine8)Ich folge bei diesen Namen der englischen Schreib-
art. Der neue Name des Königs bedeutet ungefähr das-
selbe wie sein früherer: Der Gott ist zufrieden. Vergl.
unser Gotthold, Gottfried.9)Dort wurde 1887 die für die Geschichtskenntnis so
wichtige Korrespondenz der ägyptischen Könige mit
den Freunden und Vasallen in Asien gefunden.10)l. c. History of Egypt, p. 363.
S.
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Stimmung fanatischer Rachsucht bei der unterdrückten
Priesterschaft und beim unbefriedigten Volk hervor-
riefen, die sich nach des Königs Tode frei betätigen
konnte. Die Atonreligion war nicht populär geworden,
war wahrscheinlich auf einen kleinen Kreis um seine
Person beschränkt geblieben. Der Ausgang Ikhna
tons bleibt für uns in Dunkel gehüllt. Wir hören von
einigen kurzlebigen, schattenhaften Nachfolgern aus sei-
ner Familie. Schon sein Schwiegersohn Tutankh
aton wurde genötigt, nach Theben zurückzukehren und
in seinem Namen den Gott Aton durch Amon zu
ersetzen. Dann folgte eine Zeit der Anarchie, bis es dem
Feldherrn Haremhab 1350 gelang, die Ordnung wie-
derherzustellen. Die glorreiche achtzehnte Dynastie war
erloschen, gleichzeitig deren Eroberungen in Nubien und
Asien verloren gegangen. In dieser trüben Zwischenzeit
waren die alten Religionen Ägyptens wieder eingesetzt
worden. Die Atonreligion war abgetan, die Residenz
Ikhnatons zerstört und geplündert, sein Andenken
als das eines Verbrechers geächtet.Es dient einer bestimmten Absicht, wenn wir nur
einige Punkte aus der negativen Charakteristik der
Atonreligion herausheben. Zunächst, daß alles Mythi-
sche, Magische und Zauberische von ihr ausgeschlos-
sen ist11).Sodann die Art der Darstellung des Sonnengottes,
11)Weigall (The life and times of Ikhnaton, 1923,
p. 121) sagt, Ikhnaton wollte nichts von einer Hölle
wissen, gegen deren Schrecken man sich durch unge-
zählte Zauberformeln schützen sollte. „Akhnaton flung
all these formulae into the fire. Djins, bogies, spirits,
monsters, demigods and Osiris himself with all his
court, were swept into the blaze and reduced to ashes.“S.
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nicht mehr wie in früherer Zeit durch eine kleine
Pyramide und einen Falken, sondern, was beinahe
nüchtern zu nennen ist, durch eine runde Scheibe, von
der Strahlen ausgehen, die in menschlichen Händen
endigen. Trotz aller Kunstfreudigkeit der Amarnaperi-
ode ist eine andere Darstellung des Sonnengottes, ein
persönliches Bild des Aton, nicht gefunden worden
und man darf es zuversichtlich sagen, es wird nicht
gefunden werden 12).Endlich das völlige Schweigen über den Totengott
Osiris und das Totenreich. Weder die Hymnen noch
die Grabinschriften wissen etwas von dem, was dem
Herzen des Ägypters vielleicht am nächsten lag. Der
Gegensatz zur Volksreligion kann nicht deutlicher ver-
anschaulicht werden 13).III.
Wir möchten jetzt den Schluß wagen: wenn Moses
ein Ägypter war und wenn er den Juden seine eigene
Religion übermittelte, so war es die des Ikhnaton,
die Atonreligion.Wir haben vorhin die jüdische Religion mit der
ägyptischen Volksreligion verglichen und die Gegensätz-
lichkeit zwischen beiden festgestellt. Nun sollen wir
einen Vergleich der jüdischen mit der Atonreligion12)A. Weigall (l. c.). „Akhnaton did not permit
any graven image to be made of the Aton. The true
God, said the King, had no form; and he held to this
opinion throughout his life.“ (p. 103.)13)Erman l. c. p. 70: „Vom Osiris und seinem
Reich sollte man nichts mehr hören.“ – Breasted,
D. of C. p. 291: „Osiris is completely ignored. He is
never mentioned in any record of Ikhnaton or in any
of the tombs at Amarna.“S.
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anstellen, in der Erwartung, die ursprüngliche Iden-
tität der beiden zu erweisen. Wir wissen, daß uns keine
leichte Aufgabe gestellt ist. Von der Atonreligion wis-
sen wir dank der Rachsucht der Amonpriester vielleicht
zu wenig. Die mosaische Religion kennen wir nur in
einer Endgestaltung, wie sie etwa 800 Jahre später in
nachexilischer Zeit von der jüdischen Priesterschaft
fixiert wurde. Sollten wir trotz dieser Ungunst des
Materials einzelne Anzeichen finden, die unserer An-
nahme günstig sind, so werden wir sie hoch einschätzen
dürfen.Es gäbe einen kurzen Weg zum Erweis unserer These,
daß die mosaische Religion nichts anderes ist als die
des Aton, nämlich über ein Geständnis, eine Prok la-
mation. Aber ich fürchte, man wird uns sagen, daß
dieser Weg nicht gangbar ist. Das jüdische Glaubens-
bekenntnis lautet bekanntlich: Schema Jisroel Adonai
Elohenu Adonai Echod. Wenn der Name des ägypti-
schen Aton (oder Atum) nicht nur zufällig an das
hebräische Wort Adonai und den syrischen Gottes-
namen Adonis anklingt, sondern infolge urzeitlicher
Sprach- und Sinngemeinschaft, so könnte man jene
jüdische Formel übersetzen: Höre Israel, unser Gott
Aton (Adonai) ist ein einziger Gott. Ich bin leider völlig
inkompetent, um diese Frage zu beantworten, konnte
auch nur wenig darüber in der Literatur finden 14), aber14)Nur einige Stellen bei Weigall (l. c.): „Der Gott
Atum, der Re als die untergehende Sonne bezeichnete,
war vielleicht gleichen Ursprungs wie der in Nordsyrien
allgemein verehrte Aton und eine ausländische Köni-
gin sowie ihr Gefolge mag sich darum eher zu Helio-
polis hingezogen gefühlt haben als zu Theben“ (p. 12
und p. 19).S.
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wahrscheinlich darf man es sich nicht so leicht machen.
Übrigens werden wir auf die Probleme des Gottes-
namens noch einmal zurückkommen müssen.Die Ähnlichkeiten wie die Verschiedenheiten der bei-
den Religionen sind leicht ersichtlich, ohne uns viel
Aufklärung zu bringen. Beide sind Formen eines stren-
gen Monotheismus und man wird von vornherein ge-
neigt sein, was an ihnen Übereinstimmung ist, auf
diesen Grundcharakter zurückzuführen. Der jüdische
Monotheismus benimmt sich in manchen Punkten noch
schroffer als der ägyptische, z. B. wenn er bildliche
Darstellungen überhaupt verbietet. Der wesentlichste
Unterschied zeigt sich – vom Gottesnamen abgesehen
– darin, daß die jüdische Religion völlig von der
Sonnenverehrung abgeht, an die sich die ägyptische
noch angelehnt hatte. Beim Vergleich mit der ägypti-
schen Volksreligion hatten wir den Eindruck empfan-
gen, daß außer dem prinzipiellen Gegensatz ein Mo-
ment von absichtlichem Widerspruch an der Verschie-
denheit der beiden Religionen beteiligt wäre. Dieser
Eindruck erscheint nun als berechtigt, wenn wir im
Vergleich die jüdische durch die Atonreligion er-
setzen, die Ikhnaton, wie wir wissen, in absicht-
licher Feindseligkeit gegen die Volksreligion entwik-
kelt hat. Wir hatten uns mit Recht darüber verwun-
dert, daß die jüdische Religion vom Jenseits und vom
Leben nach dem Tode nichts wissen will, denn eine
solche Lehre wäre mit dem strengsten Monotheismus
vereinbar. Diese Verwunderung schwindet, wenn wir
von der jüdischen auf die Atonreligion zurückgehen
und annehmen, daß diese Ablehnung von dort herS.
37
übernommen worden ist, denn für Ikhnaton war
sie eine Notwendigkeit bei der Bekämpfung der Volks-
religion, in der der Totengott Osiris eine vielleicht
größere Rolle spielte als irgendein Gott der Oberwelt.
Die Übereinstimmung der jüdischen mit der Aton-
religion in diesem wichtigen Punkte ist das erste starke
Argument zugunsten unserer These. Wir werden hören,
daß es nicht das einzige ist.Moses hat den Juden nicht nur eine neue Religion
gegeben; man kann auch mit gleicher Bestimmtheit
behaupten, daß er die Sitte der Beschneidung bei ihnen
eingeführt hat. Diese Tatsache hat eine entscheidende
Bedeutung für unser Problem und ist kaum je gewür-
digt worden. Der biblische Bericht widerspricht ihr
zwar mehrfach, er führt einerseits die Beschneidung
in die Urväterzeit zurück als Zeichen des Bundes zwi-
schen Gott und Abraham, anderseits erzählt er in einer
ganz besonders dunkeln Stelle, daß Gott Moses zürnte,
weil er den geheiligten Gebrauch vernachlässigt hatte,
daß er ihn darum töten wollte, und daß Moses’ Ehe-
frau, eine Midianiterin, den bedrohten Mann durch
rasche Ausführung der Operation vor Gottes Zorn ret-
tete. Aber dies sind Entstellungen, die uns nicht irre
machen dürfen, wir werden später Einsicht in ihre
Motive gewinnen. Es bleibt bestehen, daß es auf die
Frage, woher die Sitte der Beschneidung zu den Juden
kam, nur eine Antwort gibt: aus Ägypten. Herodot,
der „Vater der Geschichte“ teilt uns mit, daß die Sitte
der Beschneidung in Ägypten seit langen Zeiten hei-
misch war, und seine Angaben sind durch die Befunde
an Mumien, ja durch Darstellungen an den WändenS.
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von Gräbern bestätigt worden. Kein anderes Volk des
östlichen Mittelmeeres hat, soviel wir wissen, diese
Sitte geübt; von den Semiten, Babyloniern, Sumerern
ist es sicher anzunehmen, daß sie unbeschnitten waren.
Von den Einwohnern Kanaans sagt es die biblische
Geschichte selbst; es ist die Voraussetzung für den Aus-
gang des Abenteuers der Tochter Jakobs mit dem Prin-
zen von Sichem15). Die Möglichkeit, daß die in Ägypten
weilenden Juden die Sitte der Beschneidung auf ande-
rem Wege angenommen haben als im Zusammenhange
mit der Religionsstiftung Moses’, dürfen wir als völlig
haltlos abweisen. Nun halten wir fest, daß die Be-
schneidung als allgemeine Volkssitte in Ägypten geübt
wurde, und nehmen für einen Augenblick die gebräuch-
liche Annahme hinzu, daß Moses ein Jude war, der seine
Volksgenossen vom ägyptischen Frondienst befreien,
sie zur Entwicklung einer selbständigen und selbstbe-
wußten nationalen Existenz außer Landes führen wollte
– wie es ja wirklich geschah –, welchen Sinn konnte
es haben, daß er ihnen zur gleichen Zeit eine beschwer-
15)Wenn wir mit der biblischen Tradition so selbst-
herrlich und willkürlich verfahren, sie zur Bestätigung
heranziehen, wo sie uns taugt, und sie unbedenklich
verwerfen, wo sie sie uns widerspricht, so wissen wir sehr
wohl, daß wir uns dadurch ernster methodischer Kritik
aussetzen und die Beweiskraft unserer Ausführungen
abschwächen. Aber es ist die einzige Art, wie man ein
Material behandeln kann, von dem man mit Bestimmt-
heit weiß, daß seine Zuverlässigkeit durch den Einfluß
entstellender Tendenzen schwer geschädigt worden ist.
Eine gewisse Rechtfertigung hofft man später zu er-
werben, wenn man jenen geheimen Motiven auf die
Spur kommt. Sicherheit ist ja überhaupt nicht zu er-
reichen, und übrigens dürfen wir sagen, daß alle ande-
ren Autoren ebenso verfahren sind.S.
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liche Sitte aufdrängte, die sie gewissermaßen selbst
zu Ägyptern machte, die ihre Erinnerung an Ägypten
immer wach halten mußte, während sein Streben doch
nur aufs Gegenteil gerichtet sein konnte, daß sein Volk
sich dem Lande der Knechtschaft entfremden und
die Sehnsucht nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“ über
winden sollte? Nein, die Tatsache, von der wir aus
gingen, und die Annahme, die wir an sie anfügten,
sind so unvereinbar miteinander, daß man den Mut zu
einer Schlußfolge findet: Wenn Moses den Juden nicht
nur eine neue Religion, sondern auch des Gebot der
Beschneidung gab, so war er kein Jude, sondern ein
Ägypter, und dann war die mosaische Religion wahr
scheinlich eine ägyptische, und zwar wegen des Gegen-
satzes zur Volksreligion die Religion des Aton, mit der
die spätere jüdische Religion auch in einigen bemer-
kenswerten Punkten übereinstimmt.Wir haben bemerkt, daß unsere Annahme, Moses sei
kein Jude, sondern ein Ägypter, ein neues Rätsel schafft.
Die Handlungsweise, die beim Juden leicht verständlich
schien, wird beim Ägypter unbegreiflich. Wenn wir
aber Moses in die Zeit des Ikhnaton versetzen und
in Beziehung zu diesem Pharao bringen, dann schwin-
det dieses Rätsel und es enthüllt sich die Möglichkeit
einer Motivierung, die alle unsere Fragen beantwortet.
Gehen wir von der Voraussetzung aus, daß Moses ein
vornehmer und hochstehender Mann war, vielleicht
wirklich ein Mitglied des königlichen Hauses, wie
die Sage von ihm behauptet. Er war gewiß seiner
großen Fähigkeiten bewußt, ehrgeizig und tatkräftig;
vielleicht schwebte ihm selbst das Ziel vor, eines Ta-S.
40
ges das Volk zu leiten, das Reich zu beherrschen. Dem
Pharao nahe, war er ein überzeugter Anhänger der
neuen Religion, deren Grundgedanken er sich zu eigen
gemacht hatte. Mit dem Tod des Königs und dem Ein-
setzen der Reaktion sah er all seine Hoffnungen und
Aussichten zerstört; wenn er seine ihm teuren Über-
zeugungen nicht abschwören wollte, hatte ihm Ägypten
nichts mehr zu bieten, er hatte sein Vaterland verloren.
In dieser Notlage fand er einen ungewöhnlichen Aus-
weg. Der Träumer Ikhnaton hatte sich seinem Volke
entfremdet und hatte sein Weltreich zerbröckeln las-
sen. Moses’ energischer Natur entsprach der Plan, ein
neues Reich zu gründen, ein neues Volk zu finden, dem
er die von Ägypten verschmähte Religion zur Verehrung
schenken wollte. Es war, wie man erkennt, ein helden-
hafter Versuch, das Schicksal zu bestreiten, sich nach
zwei Richtungen zu entschädigen für die Verluste, die
ihm die Katastrophe Ikhnatons gebracht hatte. Viel-
leicht war er zur Zeit Statthalter jener Grenzprovinz
(Gosen), in der sich (noch zur Zeit der Hyksos?)
gewisse semitische Stämme niedergelassen hatten. Diese
wählte er aus, daß sie sein neues Volk sein sollten.
Eine weltgeschichtliche Entscheidung! 16)Wenn Moses ein hoher Beamter war, so erleich-
tert dies unser Verständnis für die Führerrolle, die er
bei den Juden übernahm; wenn ein Priester, dann lag
es ihm nahe, als Religionsstifter aufzutreten. In beiden
Fällen wäre es die Fortsetzung seines bisherigen Berufs
gewesen. Ein Prinz des königlichen Hauses konnte
leicht beides sein, Statthalter und Priester. In der Er-
zählung des Flavius Josephus (Antiqu. jud.), der
die Aussetzungssage annimmt, aber andere Traditionen
als die biblische zu kennen scheint, hat Moses als ägyp-
tischer Feldherr einen siegreichen Feldzug in Äthiopien
durchgeführt.S.
41
Er setzte sich mit ihnen ins Einvernehmen, stellte
sich an ihre Spitze, besorgte ihre Abwanderung „mit
starker Hand“. In vollem Gegensatz zur biblischen Tra-
dition sollte man annehmen, daß sich dieser Auszug
friedlich und ohne Verfolgung vollzog. Die Autorität
Moses’ ermöglichte ihn, und eine Zentralgewalt, die
ihn hätte verhindern wollen, war damals nicht vor-
handen.Zufolge dieser unserer Konstruktion würde der Aus-
zug aus Ägypten in die Zeit zwischen 1358 und 1350
fallen, d. h. nach dem Tode Ikhnatons und vor
der Herstellung der staatlichen Autorität durch Ha-
remhab17). Das Ziel der Wanderung konnte nur das
Land Kanaan sein. Dort waren nach dem Zusammen-
bruch der ägyptischen Herrschaft Scharen von kriege-
rischen Aramäern eingebrochen, erobernd und plün-
dernd, und hatten so gezeigt, wo ein tüchtiges Volk
sich neuen Landbesitz holen konnte. Wir kennen diese
Krieger aus den Briefen, die 1887 im Archiv der Ruinen-
stadt Amarna gefunden wurden. Sie werden dort
Habiru genannt und der Name ist, man weiß nicht
wie, auf die später kommenden jüdischen Eindring-
linge – Hebräer – übergegangen, die in den Amar-
nabriefen nicht gemeint sein können. Südlich von Palä-
stina – in Kanaan – wohnten auch jene Stämme,
die die nächsten Verwandten der jetzt aus Ägypten
ausziehenden Juden waren.17)Das wäre etwa ein Jahrhundert früher, als die
meisten Historiker annehmen, die ihn in die 19te Dy-
nastie unter Merneptah verlegen. Vielleicht etwas
später, denn die offizielle Geschichtsschreibung scheint
das Interregnum in die Regierungszeit Haremhabs
eingerechnet zu haben.S.
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Die Motivierung, die wir für das Ganze des Auszugs
erraten haben, deckt auch die Einsetzung der Be-
schneidung. Man weiß, in welcher Weise sich die Men-
schen, Völker wie Einzelne, zu diesem uralten, kaum
mehr verstandenen Gebrauch verhalten. Denjenigen, die
ihn nicht üben, erscheint er sehr befremdlich und sie
grausen sich ein wenig davor – die anderen aber, die
die Beschneidung angenommen haben, sind stolz dar-
auf. Sie fühlen sich durch sie erhöht, wie geadelt,
und schauen verächtlich auf die anderen herab, die
ihnen als unrein gelten. Noch heute beschimpft der
Türke den Christen als „unbeschnittenen Hund“. Es
ist glaublich, daß Moses, der als Ägypter selbst beschnit-
ten war, diese Schätzung teilte. Die Juden, mit denen
er das Vaterland verließ, sollten ihm ein besserer Er-
satz für die Ägypter sein, die er im Lande zurückließ.
Auf keinen Fall durften sie hinter diesen zurückstehen.
Ein „geheiligtes Volk“ wollte er aus ihnen machen,
wie noch ausdrücklich im biblischen Text gesagt wird,
und als Zeichen solcher Weihe führte er auch bei ihnen
die Sitte ein, die sie den Ägyptern mindestens gleich-
stellte. Auch konnte es ihm nur willkommen sein,
wenn sie durch ein solches Zeichen isoliert und von
der Vermischung mit den Fremdvölkern abgehalten
wurden, zu denen ihre Wanderung sie führen sollte,
ähnlich wie die Ägypter selbst sich von allen Fremden
abgesondert hatten 18).18)Herodot, der Ägypter um 450 v. Chr. besuchte,
gibt in seinem Reisebericht eine Charakteristik des
ägyptischen Volkes, die eine erstaunliche Ähnlichkeit
mit bekannten Zügen des späteren Judentums aufzeigt:
„Sie sind überhaupt in allen Punkten frömmer als dieS.
Die jüdische Tradition aber benahm sich später, als
wäre sie durch die Schlußfolge bedrückt, die wir vor-
hin entwickelt haben. Wenn man zugestand, daß die
Beschneidung eine ägyptische Sitte war, die Moses ein-
geführt hatte, so war das beinahe so viel wie eine An-
erkennung, daß die Religion, die Moses ihnen über-
liefert, auch eine ägyptische gewesen war. Aber man
hatte gute Gründe, diese Tatsache zu verleugnen; folg-
lich mußte man auch dem Sachverhalt in betreff der
Beschneidung widersprechen.übrigen Menschen, von denen sie sich auch schon
durch manche ihrer Sitten trennen. So durch die Be-
schneidung, die sie zuerst, und zwar aus Reinlichkeits-
gründen, eingeführt haben; des weiteren durch ihren
Abscheu vor den Schweinen, der gewiß damit zusam-
menhängt, daß Set als ein schwarzes Schwein den
Horus verwundet hatte, und endlich und am meisten
durch ihre Ehrfurcht vor den Kühen, die sie nie essen
oder opfern würden, weil sie damit die kuhhörnige Isis
beleidigen würden. Deshalb würde kein Ägypter und
keine Ägypterin je einen Griechen küssen oder sein
Messer, seinen Bratspieß oder seinen Kessel gebrauchen
oder von dem Fleisch eines (sonst) reinen Ochsen essen,
das mit einem griechischen Messer geschnitten wäre…
sie sahen in hochmütiger Beschränktheit auf die ande-
ren Völker herab, die unrein waren und den Göttern
nicht so nahe standen wie sie.“ (Nach Erman, Die
Ägyptische Religion, p. 181 u. ff.)Wir wollen natürlich Parallelen hiezu aus dem Leben
des indischen Volkes nicht vergessen. Wer hat es üb-
rigens dem jüdischen Dichter H. Heine im 19. Jahr-
hundert n. Chr. eingegeben, seine Religion zu beklagen
als „die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage, der alt-
ägyptisch ungesunde Glauben“?
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Wenn Moses ein Ägypter war...
1939-001/1937.4
1939-001/1937.4