Wir und der Tod 1915-002/1915

Freud, Sigmund (1915-002/1915): Wir und der Tod

Zurück zum Werk
  • S.

    41

    Referate, Vorträge etc.

    Wir und der Tod.

    Vortrag, gehalten in der Sitzung der „Wien“ am 16. Februar 1915 von
    Br. Prof. Dr. Sigmund Freud.

    Würdige Präsidenten und liebe Brüder! Ich bitte Sie, nicht
    zu glauben, daß ich meinem Vortrag in einer mutwilligen An-
    wandlung einen so gruseligen Titel gegeben. Ich weiß, daß es
    viele Menschen gibt, die vom Tode nichts hören wollen, also
    vielleicht auch unter Ihnen, und wollte es vermeiden, daß diese
    Brüder in eine für sie peinliche Stunde gelockt würden. Auch
    hätte ich das andere Stück meines Titels abändern können.
    Anstatt: „Wir und der Tod“ könnte es heißen: „Wir Juden
    und der Tod«, denn das Verhältnis zum Tode, das ich vor
    Ihnen behandeln will, zeigen gerade wir Juden am häufigsten
    und extremsten.

    Sie können sich aber leicht denken, wie ich gerade zur
    Wahl dieses Themas geleitet worden bin. Es ist eine Folge des
    schrecklichen Krieges, der in dieser Zeit wütet und uns allen
    die Orientierung im Leben raubt. Ich glaube gemerkt zu haben,
    daß obenan unter den hier wirksamen verwirrenden Momenten
    die Veränderung in unserer Einstellung zum Tode steht.

    Welches ist nun unsere Einstellung zum Tode? Ich meine,
    sie ist sehr merkwürdig. Wir benehmen uns im ganzen so, als
    wollten wir den Tod aus dem Leben eliminieren; wir wollen ihn
    sozusagen totschweigen; wir denken an ihn wie – an den Tod!
    Diese Tendenz kann sich natürlich nicht ungestört durchsetzen.
    Der Tod macht sich uns doch gelegentlich bemerkbar. Dann
    sind wir tief erschüttert und wie durch etwas Ungewöhnliches aus
    unserer Sicherheit gerissen. Wir sagen: „Schrecklich!“, wenn
    ein verwegener Flieger oder Bergsteiger verunglückt, wenn ein
    Gerüsteinsturz drei oder vier Arbeiter begräbt, wenn bei einem
    Fabriksbrand zwanzig Lehrmädchen umkommen oder wenn gar
    ein Schiff mit einigen Hunderten von Passagieren zugrunde
    geht. Am meisten ergriffen sind wir, wenn der Tod einen unserer
    Bekannten betroffen hat; wenn es ein B. B.-Bruder ist, halten
    wir dann sogar eine Trauersitzung ab. Aber niemand könnte
    aus unserem Benehmen schließen, daß wir den Tod als eine
    Notwendigkeit erkennen, daß wir die sichere Überzeugung haben,
    ein jeder von uns sei der Natur seinen Tod schuldig. Im Gegen-
    teil, wir wissen jedesmal eine Erklärung, welche diese Not-
    wendigkeit zur Zufälligkeit herabdrückt. Der eine, der da ge-
    storben ist, hatte sich eine infektiöse Lungenentzündung geholt;
    die war ja doch nicht notwendig; der andere war schon lange
    sehr krank, er wußte es nur nicht; ein dritter war ja sehr alt
    und gebrechlich*). Handelt es sich gar um einen von uns, einen 

    *)Dagegen die Mahnung: „On meurt à tout âge.“

  • S.

    42

    Juden, dann müßte man auf die Idee kommen, daß ein Jude über-
    haupt nie auf natürliche Weise stirbt. Zum mindesten hat ihn ein
    Doktor verdorben; sonst lebte er wohl heute noch. Es wird zwar
    zugegeben, daß man endlich sterben muß, aber wir verstehen es,
    dieses Endlich in unabsehbare Ferne hinauszurücken. Wenn man
    den Juden fragt, wie alt er ist, so antwortet er gerne: Sechzig
    (etwa) bis einhundertzwanzig!

    In der psychoanalytischen Schule, die ich, wie Sie wissen,
    vertrete, ist die Behauptung gewagt worden, daß wir – ein
    jeder von uns – an den eigenen Tod im Grunde nicht glauben.
    Er ist uns ja auch unvorstellbar. Bei allen Versuchen, uns aus-
    zumalen, wie es nach unserem Tode zugehen, wer uns betrauern
    wird u. dgl., können wir merken, daß wir eigentlich doch noch
    als Beobachter dabei sind. Es ist auch wirklich schwierig, dem
    einzelnen diese Überzeugung beizubringen. Sowie er in die Lage
    kommt, die entscheidende Erfahrung zu machen, wird er für
    jeden Beweis unzugänglich.

    Mit dem Tode eines andern rechnet, an ihn denkt nur
    ein harter oder böser Mensch. Weichere und bessere Menschen,
    wie wir alle, sträuben sich gegen solche Gedanken, besonders
    dann, wenn uns aus dem Tode des andern ein Vorteil an Frei-
    heit, Stellung, Vermögen erwachsen könnte. Hat sich der Zufall
    aber doch ereignet, daß der andere gestorben ist, so bewundern
    wir ihn fast wie einen Helden, der etwas Außerordentliches zu-
    stande gebracht. Waren wir ihm feindlich, so versöhnen wir uns
    mit ihm; wir stellen unsere Kritik gegen ihn ab: De mortuis
    nil nisi bene, lassen es gerne zu, daß unglaubwürdige Lob-
    preisungen auf seinen Grabstein geschrieben werden. Völlig
    wehrlos sind wir aber, wenn der Tod eine der uns teuren Per-
    sonen, einen Eltern- oder Gattenteil, ein Geschwister, ein Kind
    oder einen Freund geholt hat. Wir begraben mit ihm unsere
    Hoffnungen, Ansprüche, Genüsse, lassen uns nicht trösten und
    weigern uns, den Verlorenen zu ersetzen. Wir benehmen uns
    dann wie eine Art von Asra, welche mitsterben, wenn
    die sterben, die sie lieben.

    Dies unser Verhältnis zum Tode hat aber eine starke
    Wirkung auf unser Leben. Das Leben verarmt, es verliert an
    Interesse. Unsere Gefühlsbindungen, die unerträgliche Intensität
    unseres Schmerzes machen uns feige, geneigt, Gefahren zu ver-
    meiden für uns und die unserigen. Wir getrauen uns nicht, eine
    Anzahl von Unternehmungen in Betracht zu ziehen, die eigentlich
    unerläßlich sind, wie Flugversuche, Entdeckungsreisen in ferne
    Länder, Experimente mit explodierbaren Substanzen. Uns lähmt
    dabei das Bedenken, wer der Mutter den Sohn, der Gattin den
    Mann, den Kindern den Vater ersetzen soll, wenn ein Unglück
    geschieht, und doch sind alle diese Unternehmungen notwendig.
    Sie kennen den Wahlspruch der Hansa: Navigare necesse
    est, vivere non necesse (Seefahren muß man, leben 

  • S.

    43

    muß man nicht). Nehmen Sie dagegen, was eine unserer so
    charakteristischen jüdischen Anekdoten erzählt, wie der Sohn
    von einer Leiter herabfällt, bewußtlos liegen bleibt, und die
    Mutter zum Rabbiner läuft um Rat und Hilfe. Sagen Sie mir,
    fragt der Rabbi, wie kommt ein jüdisch Kind auf eine Leiter?
    Ich sage, das Leben verliert an Gehalt und Interesse, wenn
    der höchste Einsatz, eben das Leben selbst, in seinen Kämpfen
    ausgeschlossen ist. Es wird so leer und schal wie ein ameri-
    kanischer Flirt, bei dem es von vorneherein feststeht, daß nichts
    vorfallen darf, zum Unterschied von einer kontinentalen Liebes-
    beziehung, bei welcher beide Partner der stets lauernden Gefahr
    eingedenk bleiben müssen. Wir sind genötigt, uns für diese Ver-
    armung des Lebens zu entschädigen, und wenden uns hiefür an
    die Welt der Fiktion, die Literatur, das Theater. Auf der Bühne
    finden wir Menschen, die noch zu sterben verstehen, ja auch
    noch andere töten können. Hier befriedigen wir unseren Wunsch,
    daß das Leben selbst als ernsthafter Einsatz dem Leben erhalten
    bleibe, und außerdem noch einen anderen. Wir hätten nämlich
    gar nichts gegen den Tod, wenn er nicht dem Leben ein Ende
    machen würde, das wir nur in der Einzahl besitzen. Es ist doch
    gar zu arg, daß es im Leben so zugehen kann wie im Schach-
    spiel, wo ein einziger falscher Zug uns nötigen kann, die Partie
    aufzugeben, mit dem Unterschied aber, daß wir keine zweite,
    keine Revanchepartie beginnen können. Auf dem Gebiet der
    Fiktion finden wir jene Mehrzahl von Leben, deren wir bedürfen.
    Wir sterben mit dem einen Helden, überleben ihn aber doch
    und sterben eventuell ebenso ungeschädigt mit einem zweiten
    Helden ein anderes Mal.

    Was hat nun der Krieg an diesem unseren Verhältnis zum
    Tod geändert? Sehr viel. Unsere Todeskonventionen, wie ich
    sagen möchte, sind nun nicht mehr festzuhalten. Der Tod läßt
    sich nicht mehr übersehen, man muß an ihn glauben. Man stirbt
    jetzt wirklich, auch nicht mehr einzelne, sondern viele, oft
    Zehntausende an einem Tag. Er ist auch kein Zufall mehr. Es
    scheint freilich noch zufällig, ob diese Kugel den einen trifft
    oder einen andern, aber die Häufung macht bald dem Eindruck
    des Zufälligen ein Ende. Das Leben wird so freilich wieder
    interessant, es hat seinen vollen Inhalt wiederbekommen.

    Man müßte hier eine Scheidung in zwei Gruppen vor-
    nehmen, diejenigen, die selbst im Kriege stehen und ihr eigenes
    Leben wagen, von den anderen trennen, die zuhause geblieben
    sind und nur zu erwarten haben, die ihrigen an den Tod durch
    Verletzung, Infektion und Krankheit zu verlieren. Es wäre gewiß
    äußerst interessant, wenn man studieren könnte, welche seelischen
    Veränderungen das Preisgeben des eigenen Lebens bei den
    Kämpfenden mit sich bringt. Aber ich weiß nichts darüber; ich
    gehöre wie Sie alle zur zweiten Gruppe, zu denen, die zuhause
    geblieben sind und um ihre Teueren zittern dürfen. An mir wie an

  • S.

    44

    anderen in der gleichen Lage habe ich den Eindruck gewonnen,
    daß die Betäubung, die uns befallen hat, die Lähmung unserer
    Leistungsfähigkeit wesentlich durch einen Umstand bestimmt
    wird, daß wir unser bisheriges Verhältnis zum Tode nicht mehr
    aufrechthalten können und eine neue Einstellung zu ihm noch
    nicht gefunden haben. Vielleicht trägt es nun zu unserer Neu-
    orientierung bei, wenn wir miteinander zwei andere Beziehungen
    zum Tode untersuchen, jene, die wir dem Urmenschen, dem
    Menschen der Vorzeit zuschreiben dürfen, und jene andere, die
    in jedem von uns noch erhalten ist, aber unsichtbar unserem
    Bewußtsein sich in tieferen Schichten unseres Seelenlebens
    verbirgt.

    Ich habe Ihnen bisher nichts gesagt, liebe Brüder, was Sie
    nicht ebenso gut wissen und fühlen können wie ich. Ich werde
    jetzt in die Lage kommen, Ihnen manches zu sagen, was Sie
    vielleicht nicht wissen, und manches andere, was Sie mir gewiß
    nicht glauben werden. Ich muß es mir gefallen lassen.

    Also wie verhielt sich der Mensch der Urzeit zum Tode?
    Er hat sich gegen den Tod in sehr merkwürdiger Weise ein-
    gestellt; gar nicht einheitlich, vielmehr recht widerspruchsvoll.
    Aber wir werden den Grund dieses Widerspruches bald verstehen.
    Er hat einerseits den Tod ernst genommen, ihn als Vernichtung
    des Lebens gelten lassen und sich seiner in diesem Sinne bedient,
    anderseits ihn geleugnet, zu nichts herabgesetzt. Wie ist das
    möglich? Es kommt daher, daß er zum Tod des anderen,
    des Fremden, des Feindes eine radikal andere Stellung einnahm als
    zu seinem eigenen. Der Tod des anderen war ihm recht, er
    erfaßte ihn als Vernichtung und brannte darauf, ihn herbei-
    zuführen. Der Urmensch war ein leidenschaftliches Wesen,
    grausamer und bösartiger als die anderen Tiere. Er wurde von
    keinem Instinkt davor zurückgehalten, Wesen seiner eigenen
    Art zu töten und zu verzehren, wie man es von den meisten
    reißenden Tieren behauptet. Er mordete gerne und wie selbst-
    verständlich.

    Die Urgeschichte der Menschheit ist denn auch vom Morde
    erfüllt. Noch heute ist ja das, was unsere Kinder als Welt-
    geschichte in der Schule lernen, im wesentlichen eine Reihenfolge
    von Völkermorden. Das dumpfe Schuldgefühl, unter dem die
    Menschheit seit Anbeginn steht, das sich in manchen Religionen
    zur Annahme einer Urschuld, einer Erbsünde, verdichtet
    hat, ist sehr wahrscheinlich der Ausdruck einer Blutschuld,
    welche die Menschen der Urzeit auf sich geladen haben. Wir
    können noch aus der christlichen Lehre erraten, worin diese
    Blutschuld bestand. Wenn Gottes Sohn sein Leben opfern
    mußte, um die Menschheit von der Erbsünde zu erlösen, so war
    nach der Regel der Talion, der Vergeltung durch Gleiches,
    diese Sünde eine Tötung, ein Mord. Nur dies konnte zu seiner
    Sühne das Opfer eines Lebens erfordern. Und wenn die Erb-

  • S.

    45

    sünde ein Verschulden gegen Gott-Vater war, so muß das älteste 
    Verbrechen der Menschheit ein Vatermord gewesen sein, die
    Tötung des Urvaters der primitiven Menschenhorde, dessen
    Erinnerungsbild später zur Gottheit verklärt wurde. In meinem
    Buche »Totem und Tabu« (1913) habe ich mich bemüht,
    die Beweise für diese Auffassung der Urschuld zu sammeln.
    Lassen Sie mich übrigens bemerken, daß die Lehre von
    der Erbsünde keine christliche Neuerung, sondern ein Stück des
    Urzeitglaubens ist, das sich die längste Zeit in unterirdischen
    religiösen Strömungen fortgesetzt hatte. Das Judentum hat diese
    dunkeln Erinnerungen der Menschheit sorgfältig zur Seite ge-
    schoben und sich vielleicht gerade darum zur Weltreligion dis-
    qualifiziert.

    Lassen Sie uns zum Urmenschen und zu seinem Ver-
    hältnis zum Tode zurückkehren. Wir haben gehört, wie er
    sich zum Tode des Fremden stellte. Sein eigener Tod war ihm
    gewiß ebenso unvorstellbar und unwirklich wie heute noch jedem
    von uns. Es ergab sich aber für ihn ein Fall, in dem die beiden
    gegensätzlichen Einstellungen zum Tode zusammenstießen und
    in Konflikt miteinander gerieten, und dieser Fall wurde sehr
    bedeutsam und reich an fernwirkenden Folgen. Er ereignete
    sich, wenn der Urmensch einen seiner Angehörigen sterben sah,
    sein Weib, sein Kind, seinen Freund, die er gewiß ähnlich
    liebte wie wir die unseren, denn die Liebe ist sicherlich nicht
    jünger als die Mordlust. Da machte er an sich die Erfahrung,
    daß man sterben könne, denn jeder dieser Lieben war doch
    ein Stück seines eigenen Ichs, aber andererseits war in jeder
    dieser geliebten Personen doch auch ein Stück Fremdheit. Nach
    psychologischen Gesetzen, die heute noch gelten und in Urzeiten
    weit uneingeschränkter geherrscht haben, waren diese Geliebten
    doch auch gleichzeitig Fremde und Feinde, die einen Anteil
    von feindseligen Gefühlen bei ihm hervorgerufen hatten.

    Die Philosophen haben behauptet, das intellektuelle Rätsel,
    welches das Bild des Todes dem Urmenschen aufgab, habe
    sein Nachdenken erzwungen und sei der Ausgang jeder Speku-
    lation geworden. Ich möchte diesen Satz korrigieren und ein-
    schränken. Nicht das intellektuelle Rätsel und nicht jeder Todes-
    fall, sondern der Gefühlskonflikt beim Tode geliebter und dabei
    doch auch fremder und gehaßter Personen hat die Forschung
    des Menschen entbunden. Aus diesem Gefühlskonflikt wurde
    zunächst die Psychologie geboren. Der Urmensch konnte den
    Tod nicht mehr leugnen, er hatte ihn doch in seinem Schmerz
    partiell an sich erfahren, aber er mochte ihn doch nicht zu-
    gestehen, weil er sich selbst nicht tot denken konnte. So ließ
    er sich auf Kompromisse ein, er gab den Tod zu, aber bestritt,
    daß er die Lebensvernichtung sei, die er doch seinen Feinden
    zugedacht hatte. An der Leiche der geliebten Person erfand er
    die Geister, ersann er die Zerlegung des Individuums in einen

  • S.

    46

    Leib und in eine ursprünglich in mehrere Seelen. In der
    Erinnerung an den Verstorbenen schuf er sich die Vorstellung
    anderer Existenzformen, für die der Tod erst der Anfang ist,
    die Idee eines Fortlebens nach dem anscheinenden Tode. Diese
    späteren Existenzen waren anfänglich nur Anhängsel an die
    durch den Tod abgeschlossene, schattenhaft, inhaltsleer und
    geringgeschätzt, sie trugen noch den Charakter kümmerlicher
    Auskünfte an sich. Lassen Sie mich Ihnen die Worte vorsagen,
    in denen unser großer Dichter Heinrich Heine – übrigens
    in voller Übereinstimmung mit dem alten Homer – den toten
    Achilleus seine Geringschätzung der Totenexistenz aus-
    drücken läßt:

    »Der kleinste lebendige Philister
    Zu Stuckert am Neckar
    Viel glücklicher ist er
    Als ich, der Pelide, der tote Held,
    Der Schattenfürst in der Unterwelt.«

    Später erst brachten es die Religionen zustande, diese
    Nachexistenz zur wertvolleren, vollgültigen zu machen und das
    durch den Tod abgeschlossene Leben zu einer bloßen Vor-
    bereitung herabzudrücken. Es war dann bloß konsequent, wenn
    man das Leben auch in die Vergangenheit hinein verlängerte,
    die früheren Existenzen, die Wiedergeburt und Seelenwanderung
    ersann, alles in der Absicht, dem Tod seine Bedeutung als
    Aufhebung des Lebens zu rauben. Es ist sehr merkwürdig, daß
    unsere heiligen Schriften diesem Bedürfnis des Menschen nach
    einer Garantie seiner Fortexistenz keine Rechnung getragen
    haben. Es heißt im Gegenteile einmal: »Nur die Lebenden
    loben Gott.« Ich nehme an, und Sie wissen sicherlich mehr
    darüber, daß die jüdische Volksreligion und die an die heiligen
    Schriften anschließende Literatur sich anders zur Unsterb-
    lichkeitslehre gestellt haben. Aber ich möchte auch diesen Punkt
    unter die Momente aufnehmen, welche es der jüdischen Religion
    unmöglich machten, die anderen antiken Religionen nach deren
    Verfall zu ersetzen.

    An der Leiche der geliebten Person entstanden nicht nur
    die Seelenlehre und der Unsterblichkeitsglaube, sondern auch
    das Schuldbewußtsein, die Todesfurcht und die ersten ethischen
    Gebote. Das Schuldbewußtsein ging aus dem zwiespältigen
    Gefühl gegen den Verstorbenen hervor, die Todesfurcht aus der
    Identifizierung mit ihm. Diese letztere war, logisch betrachtet,
    eine Inkonsequenz, da der Unglaube an den eigenen Tod doch
    nicht beseitigt wurde. In der Auflösung des Widerspruches sind
    auch wir modernen Menschen nicht weiter gekommen. Das
    älteste noch heute bedeutsamste Gebot der Ethik, das sich
    damals erhob, lautete: »Du sollst nicht töten.« Es war
    am geliebten Toten gewonnen worden, wurde allmählich auch 

  • S.

    47

    auf den Ungeliebten, Fremden und endlich auch auf den Feind
    ausgedehnt.

    Ich möchte Ihnen an dieser Stelle von einer sonderbaren
    Tatsache erzählen. Der Urmensch ist ja in gewissem Sinne
    noch erhalten, er wird uns durch den primitiven Wilden
    repräsentiert, der ihm wenigstens am nächsten steht. Sie werden
    nun geneigt sein anzunehmen, daß dieser Primitive, der wilde
    Australier, Feuerländer, Buschmann usw., ein reueloser Mörder
    ist. Aber Sie irren, der Wilde ist in dieser Hinsicht sensitiver
    als der Zivilisierte, wenigstens solange er noch nicht dem Ein-
    fluß der Zivilisation unterlegen ist. Nach glücklicher Beendigung
    des jetzt tobenden Weltkrieges werden die siegreichen deutschen
    Soldaten jeden in sein Heim, zu seinem Weib und seinen Kindern
    eilen, unverweilt und ungestört durch Gedanken an die Feinde,
    die sie getötet haben im Nahkampf oder durch fernwirkende
    Waffen. Aber der wilde Sieger, der vom Kriegspfad heimkehrt,
    darf sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht sehen, ehe
    er seine kriegerischen Mordtaten durch oft langwierige und
    mühselige Bußen gesühnt hat. Sie werden sagen: »Ja, der Wilde
    ist noch abergläubisch, er fürchtet die Geisterrache der Er-
    schlagenen.« Aber die Geister der erschlagenen Feinde sind
    nichts anderes als der Ausdruck seines bösen Gewissens ob
    seiner Blutschuld.

    Lassen Sie mich noch einen Moment bei diesem ältesten
    Gebot der Ethik: »Du sollst nicht töten« verweilen. Seine Früh-
    zeitigkeit wie seine Eindringlichkeit gestatten uns, einen wichtigen
    Schluß zu ziehen. Man hat die Behauptung aufgestellt, daß ein
    instinktiver Abscheu vor dem Blutvergießen uns tief eingepflanzt
    sei. Fromme Seelen glauben es gerne. Nun, wir können leicht
    die Probe auf diese Behauptung machen. Wir haben ja gute
    Fälle von solchem instinktiven, vererbten Abscheu zu unserer
    Verfügung.

    Lassen Sie sich von mir in einen unserer schönen Kurorte
    im Süden führen. Dort gibt es Weinberge mit herrlichen Trauben.
    In diesen Weinbergen kommen auch Schlangen vor, dicke
    schwarze Schlangen, übrigens völlig harmlose Tiere, Äskulap-
    schlangen genannt. Es gibt in diesen Weinbergen auch Verbot-
    tafeln. Wir lesen eine solche und finden auf ihr geschrieben:
    »Es ist den Kurgästen strengstens verboten, Kopf oder Schwanz-
    ende einer Äskulapschlange in den Mund zu stecken.« Nicht
    wahr, Sie werden sagen: »Ein höchst unsinniges und über-
    flüssiges Verbot. Das fällt ja ohnedies niemandem ein.« Sie
    haben Recht. Wir lesen auch andere Verbottafeln, auf denen
    davor gewarnt wird, Trauben abzupflücken. Dieses Verbot
    werden wir besser gerechtfertigt finden. — Nein, lassen wir uns
    nicht irre machen. Es gibt bei uns keinen instinktiven Abscheu
    vor dem Blutvergießen. Wir sind die Nachkommen einer
    unendlich langen Generationsreihe von Mördern. Die Mordlust

  • S.

    48

    steckt uns im Blute und vielleicht werden wir sie bald noch an 
    anderer Stelle aufgespürt haben.

    Wir verlassen nun den Urmenschen und wenden uns dem
    eigenen Seelenleben zu. Sie wissen vielleicht, wir sind im Be-
    sitze eines Untersuchungsverfahrens, mit dem wir eruieren können,
    was in den tiefen Schichten der Seele, versteckt vor dem Be-
    wußtsein, vor sich geht, also einer Art von Untersee-
    psychologie. Wir fragen also: Wie verhält sich unser
    Unbewußtes zum Problem des Todes? Und nun wird das kommen,
    was Sie mir nicht glauben werden, obwohl es nicht mehr neu
    für Sie ist, weil ich es Ihnen eben vorhin geschildert habe. Unser
    Unbewußtes nimmt zum Tode genau die nämliche Stellung ein
    wie der Mensch der Vorzeit. In dieser wie in vielen anderen
    Hinsichten lebt der Urmensch ungeändert in uns fort. Also das
    Unbewußte in uns glaubt nicht an den eigenen Tod. Es ist
    gezwungen, sich wie unsterblich zu gebärden. Vielleicht ist dies
    sogar das Geheimnis des Heldentums. Die rationelle Begründung
    des Heldentums ruht freilich auf dem Urteil, daß das eigene
    Leben nicht so wertvoll sein kann wie gewisse andere allgemeine
    und abstrakte Güter. Aber ich meine, häufiger wird das impul-
    sive oder instinktive Heldentum sein, welches sich so benimmt,
    als läge eine Garantie in dem bekannten Ausruf des Steinklopfer-
    hans: »Es kann dir nix g’scheh’n«, welches also darin besteht, sich
    einfach dem Unsterblichkeitsglauben des Unbewußten zu über-
    lassen. Die Todesangst, an der wir viel häufiger leiden, als wir
    wissen, ist ein unlogischer Gegensatz zu dieser Sicherheit. Sie
    ist übrigens lange nicht so ursprünglich und meist aus Schuld-
    bewußtsein hervorgegangen.

    Andererseits anerkennen wir den Tod für Fremde und
    Feinde und verwenden ihn gegen sie wie der Urmensch. Der
    Unterschied ist nur, wir führen den Tod nicht wirklich herbei, wir
    denken und wünschen ihn bloß. Aber wenn Sie diese sogenannte
    psychische Realität gelten lassen, so können Sie sagen: In
    unserem Unbewußten sind wir alle noch heute eine Rotte von
    Mördern. Wir beseitigen in unseren stillen Gedanken alle, die
    uns im Wege stehen, die uns beleidigt oder geschädigt haben,
    täglich und stündlich. Das: »Hol’ ihn der Teufel«, das sich als
    schwachliche Interjektion so häufig über unsere Lippen drängt
    und das ja eigentlich bedeutet: »Hol’ ihn der Tod«, ist für
    unser Unbewußtes kraftvoller Ernst. Ja unser Unbewußtes mordet
    selbst für Kleinigkeiten; wie die alte athenische Gesetzgebung
    des Drakon kennt es für Verbrechen keine andere Strafe
    als den Tod, und dies mit einer gewissen Konsequenz, denn
    jede Schädigung unseres allmächtigen und selbstherrlichen Ichs
    ist ja im Grunde ein crimen laesae majestatis. Ein wahres Glück,
    daß alle diese bösen Wünsche keine Macht besitzen. Das
    Menschengeschlecht wäre sonst längst ausgestorben, nicht die
    besten und weisesten unter den Männern, nicht die schönsten 

  • S.

    49

    und holdesten Frauen würden mehr existieren. Nein, lassen wir
    uns auch hierin nicht irre machen, wir sind immer noch die
    Mörder, die unsere Vorfahren in Urzeiten waren.
    Ich kann Ihnen das alles ruhig sagen, weil ich weiß, daß
    Sie es ja doch nicht glauben. Sie glauben mehr Ihrem Bewußt-
    sein, das solche Möglichkeiten als Verleumdungen zurückweist.
    Aber ich kann nicht darauf verzichten, Ihnen vorzuhalten, daß
    es Dichter und Denker gegeben hat, die nichts von unserer
    Psychoanalyse wußten und doch Ähnliches behauptet haben.
    Nur ein Beispiel! J. J. Rousseau unterbricht sich an einer
    Stelle seiner Werke — ich konnte nicht mehr ausfindig machen
    wo — in einer Erörterung, um eine merkwürdige Frage an seine
    Leser zu richten: »Nehmen Sie an,« sagt er, »in Peking befinde
    sich ein Mandarin,« — Peking war damals noch viel weiter von
    Paris als heute — »dessen Ableben Ihnen große Vorteile bringen
    könnte, und Sie könnten ihn töten, ohne Paris zu verlassen,
    natürlich ohne Möglichkeit eines Nachweises Ihrer Tat, durch
    einen bloßen Willensakt. Sind Sie sicher, daß Sie es nicht tun
    würden?« Nun, ich zweifle nicht, daß unter den lieben Brüdern
    viele das Recht hätten zu versichern, sie würden es nicht tun.
    Aber im ganzen möchte ich doch der Mandarin nicht sein,
    ich glaube, den nimmt keine Lebensversicherungsgesellschaft.

    Ich kann Ihnen dieselbe unliebsame Wahrheit auch in einer
    Form vortragen, in der Sie Ihnen sogar Vergnügen bereiten
    kann. Ich weiß, Sie hören alle gerne Witze erzählen, und hoffe,
    Sie haben sich nicht allzuviel mit dem Problem beschäftigt,
    woher das Wohlgefallen an solchen Witzen rührt. Es gibt eine
    Gattung von Witzen, die man zynische heißt; sie sind nicht
    die schlechtesten oder kraftlosesten. Ich kann Ihnen verraten,
    daß es zum Geheimnis dieser Witze gehört, eine versteckte oder
    verleugnete Wahrheit, die an und für sich beleidigend wirkte,
    so einzukleiden, daß man sich an ihr sogar erfreuen kann.
    Durch gewisse formale Veranstaltungen werden Sie zum Lachen
    gezwungen, wird Ihr Urteil entwaffnet, und dadurch wird die
    Wahrheit, die Sie sonst verfolgt hätten, vor Ihnen eingeschmuggelt.
    Sie kennen z. B. die Geschichte von dem Manne, dem in Ge-
    sellschaft ein Partezettel überbracht wird, den er ungelesen in
    die Tasche steckt. Wollen Sie nicht lieber nachsehen, wer da
    gestorben ist? fragt man ihn. Ach was, ist seine Antwort, mir
    ist ein jeder recht. Oder die von dem Ehemann, der mit Bezug
    auf seine Frau sagt: Wenn einer von uns stirbt, übersiedle ich
    nach Paris. Das sind zynische Witze, und sie wären nicht
    möglich, wenn sie nicht eine verleugnete Wahrheit mitzuteilen
    hätten. Im Scherz darf man bekanntlich sogar die Wahrheit
    sagen.

    Meine lieben Brüder! Noch eine volle Übereinstimmung
    zwischen dem Urmenschen und unserem Unbewußten. Gerade
    wie dort gibt es auch für unser Unbewußtes den Fall, daß die 

  • S.

    50

    beiden Strömungen, die eine, die den Tod als Vernichtung an
    erkennt, und die andere, die ihn als unwirklich verleugnet,
    zusammenstoßen und in Konflikt geraten. Und dieser Fall ist
    der nämliche wie in der Urzeit, der Tod oder die Todesgefahr
    eines unserer Lieben, eines Eltern-
    oder Gattenteiles, eines Ge-
    schwistern, Kindes oder teuren Freundes. Diese Lieben sind uns
    einerseits ein innerer Besitz, Bestandstücke unseres eigenen Ichs,
    anderseits aber auch teilweise Fremde, ja Feinde. Den zärt-
    lichsten und innigsten unserer Beziehungen hängt mit Ausnahme
    ganz weniger Situationen ein Stückchen Feindseligkeit an,
    welches den unbewußten Todeswunsch anregt. Aus dem Konflikt
    der beiden Strömungen geht aber nicht mehr die Seelenlehre
    und die Ethik hervor, sondern die Neurose, die uns tiefe
    Einblicke auch in das normale Seelenleben gestattet. Die Häufigkeit
    von überzärtlicher Sorge unter Angehörigen und von völlig
    grundlosen Selbstvorwürfen nach Todesfällen in der Familie hat
    uns über die Verbreitung und Bedeutung tief versteckten
    Todeswünsche die Augen geöffnet.

    Ich will Ihnen diese Seite des Bildes nicht weiter ausmalen.
    Sie würden sich wahrscheinlich grausen und zwar mit Unrecht.
    Die Natur hat es hier wieder einmal geschickter gemacht, als
    wir es zustande brächten. Wir wären gewiß nicht darauf ge-
    kommen, daß es einen Vorteil hat, Liebe und Haß in solcher
    Weise miteinander zu verkoppeln. Aber indem die Natur mit diesem
    Gegensatzpaar arbeitet, nötigt sie uns, die Liebe immer wach zu
    erhalten und zu erneuern, um sie so vor dem hinter ihr lauernden
    Haß zu sichern. Man darf sagen, die schönsten Entfaltungen
    des Liebeslebens verdanken wir der Reaktion gegen den
    Stachel der Mordlust, den wir in unserer Brust verspüren.

    Resümieren wir nun: Unser Unbewußtes ist gegen die
    Vorstellung des eigenen Todes ebenso unzugänglich, gegen den
    Fremden ebenso mordlustig, gegen die geliebte Person ebenso
    zwiespältig (ambivalent) wie der Mensch der Urzeit. Wie weit
    haben wir uns aber mit unserer kulturellen Einstellung gegen
    den Tod von diesem Urzustand entfernt!

    Und nun lassen Sie uns nochmals zusehen, was der Krieg
    mit uns macht. Er streift uns die späteren Kulturauflagerungen
    ab und läßt den Urmenschen in uns wieder zum Vorschein
    kommen. Er zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den
    eigenen Tod nicht glauben wollen, er bezeichnet uns die Fremden
    als Feinde, deren Tod man herbeiführen oder herbeiwünschen
    soll, er rät uns, uns über den Tod geliebter Personen hinweg-
    zusetzen. So macht er alle unsere kulturellen Todeskonventionen
    unhaltbar. Der Krieg ist aber nicht wegzuschaffen. So lange die
    Verschiedenheiten in den Existenzbedingungen der Völker und
    die Abstoßungen unter ihnen so große sind, so lange wird es
    Kriege geben müssen. Da erhebt sich dann die Frage: Sollen
    wir nicht diejenigen sein, die nachgeben und uns ihm anpassen? 
     

  • S.

    51

    Sollen wir nicht zugestehen, daß wir mit unserer kulturellen 
    Einstellung zum Tode psychologisch über unseren Stand gelebt
    haben, und vielmehr umkehren und die Wahrheit fatieren?
    Wäre es nicht besser, dem Tod seinen Platz in der Wirklichkeit
    und in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebührt, und
    ein wenig mehr unsere unbewußte Einstellung zum Tode hervor-
    zukehren, die wir bisher so sorgfältig unterdrückt haben? Ich
    kann Sie dazu nicht auffordern wie zu einer Höherleistung,
    denn es ist ja eher ein Rückschritt, eine Regression. Aber es
    wird sicher dazu beitragen, uns das Leben wieder erträglicher
    zu machen, und das Leben zu ertragen, ist ja die erste Pflicht
    alles Lebenden. Wir haben in der Schule einen politischen
    Spruch der alten Lateiner gehört, der lautete: »Si vis pacem,
    para bellum.« Wenn du den Frieden erhalten willst, so
    rüste zum Krieg. Wir könnten ihn für unsere gegenwärtigen
    Bedürfnisse abändern:

    »Si vis vitam, para mortem.«

    Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den
    Tod ein.