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190 Sigmund Freud
ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD
VON SIGMUND FREUD
In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift
„Imago“ (4. Jahrgang, Heft 1, Verlag von
Hugo Heller & Cie., Wien) veröffentlicht
unter diesem Titel Sigmund Freud einen
Aufsatz, dem ich die folgenden Stellen entnehme:
. . . Völker werden ungefähr durch die Staaten, die sie bilden, re-
präsentiert; diese Staaten durch die Regierungen, die sie leiten. ——
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Man wende nicht ein, daß der Staat auf den Gebrauch des Unrechts
nicht verzichten kann, weil er sich dadurch in Nachteil setzte. Auch
für den Einzelnen ist die Befolgung der sittlichen Normen, der VerzichtS.
Zeitgemäßes über Krieg und Tod 191
auf brutale Machtbetätigung in der Regel sehr unvorteilhaft, und der
Staat zeigt sich nur selten dazu fähig, den Einzelnen für das Opfer zu
entschädigen, das er vom ihm gefordert hat. Man darf sich auch nicht
verwundern, daß die Lockerung aller sittlichen Beziehungen zwischen
den Großindividuen der Menschheit eine Rückwirkung auf die Sittlichkeit
der Einzelnen geäußert hat, denn unser Gewissen ist nicht der unbeug-
same Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem Ursprunge
„Soziale Angst“ und nichts anderes. Wo die Gemeinschaft den Vor-
wurf aufhebt, hört auch die Unterdrückung der bösen Gelüste auf, und
die Menschen begehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und
Roheit, deren Möglichkeit man mit ihrem kulturellen Niveau für unver-
einbar gehalten hätte. . . .
. . . Wenn das wilde Ringen dieses Krieges eine Entscheidung ge-
funden hat, wird jeder der siegreichen Kämpfer froh in sein Heim
zurückkehren, zu seinem Weib und Kindern, unverweilt und ungestört
durch Gedanken an die Feinde, die er im Nahkampf oder durch die
fernwirkende Waffe getötet hat. Es ist bemerkenswert, das die primitiven
Völker, die noch auf der Erde leben und dem Urmenschen gewiß näher
stehen als wir, in diesem Punkte anders verhalten — oder verhalten
haben, so lange sie noch nicht den Einfluß unserer Kultur erfahren hatten.
Der Wilde — Australier, Buschmann, Feuerländer — ist keineswegs ein
reueloser Mörder; wenn er als Sieger vom Kriegspfade heimkehrt, darf
er sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht berühren, ehe er seine
kriegerischen Mordtaten durch oft langwierige und mühselige Bußen
gesühnt hat. Natürlich liegt die Erklärung aus seinem Aberglauben nahe:
der Wilde fürchtet noch die Geisterrache der Erschlagenen. Aber die
Geister der erschlagenen Feinde sind nichts anderes als der Ausdruck
seines bösen Gewissens ob seiner Blutschuld; hinter diesem Aberglauben
verbirgt sich ein Stück ethischer Feinfühligkeit, welches uns Kultur-
menschen verloren gegangen ist. . . .
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Zeitgemässes über Krieg und Tod
1915-002/1915.4
1915-002/1915.4