Zeitgemässes über Krieg und Tod 1915-002/1915.4

Freud, Sigmund (1915-002/1915.4): Zeitgemässes über Krieg und Tod

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    ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD

    VON SIGMUND FREUD


     

    In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift
    „Imago“ (4. Jahrgang, Heft 1, Verlag von
    Hugo Heller & Cie., Wien) veröffentlicht
    unter diesem Titel Sigmund Freud einen
    Aufsatz, dem ich die folgenden Stellen entnehme:


     

    . . . Völker werden ungefähr durch die Staaten, die sie bilden, re-
    präsentiert; diese Staaten durch die Regierungen, die sie leiten. ——
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    Man wende nicht ein, daß der Staat auf den Gebrauch des Unrechts
    nicht verzichten kann, weil er sich dadurch in Nachteil setzte. Auch
    für den Einzelnen ist die Befolgung der sittlichen Normen, der Verzicht

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    Zeitgemäßes über Krieg und Tod                                                         191



     

    auf brutale Machtbetätigung in der Regel sehr unvorteilhaft, und der
    Staat zeigt sich nur selten dazu fähig, den Einzelnen für das Opfer zu
    entschädigen, das er vom ihm gefordert hat. Man darf sich auch nicht
    verwundern, daß die Lockerung aller sittlichen Beziehungen zwischen
    den Großindividuen der Menschheit eine Rückwirkung auf die Sittlichkeit
    der Einzelnen geäußert hat, denn unser Gewissen ist nicht der unbeug-
    same Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem Ursprunge
    „Soziale Angst“ und nichts anderes. Wo die Gemeinschaft den Vor-
    wurf aufhebt, hört auch die Unterdrückung der bösen Gelüste auf, und
    die Menschen begehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und
    Roheit, deren Möglichkeit man mit ihrem kulturellen Niveau für unver-
    einbar gehalten hätte. . . .
          . . . Wenn das wilde Ringen dieses Krieges eine Entscheidung ge-
    funden hat, wird jeder der siegreichen Kämpfer froh in sein Heim
    zurückkehren, zu seinem Weib und Kindern, unverweilt und ungestört
    durch Gedanken an die Feinde, die er im Nahkampf oder durch die
    fernwirkende Waffe getötet hat. Es ist bemerkenswert, das die primitiven
    Völker, die noch auf der Erde leben und dem Urmenschen gewiß näher
    stehen als wir, in diesem Punkte anders verhalten — oder verhalten
    haben, so lange sie noch nicht den Einfluß unserer Kultur erfahren hatten.
    Der Wilde — Australier, Buschmann, Feuerländer — ist keineswegs ein
    reueloser Mörder; wenn er als Sieger vom Kriegspfade heimkehrt, darf
    er sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht berühren, ehe er seine
    kriegerischen Mordtaten durch oft langwierige und mühselige Bußen
    gesühnt hat. Natürlich liegt die Erklärung aus seinem Aberglauben nahe:
    der Wilde fürchtet noch die Geisterrache der Erschlagenen. Aber die
    Geister der erschlagenen Feinde sind nichts anderes als der Ausdruck
    seines bösen Gewissens ob seiner Blutschuld; hinter diesem Aberglauben
    verbirgt sich ein Stück ethischer Feinfühligkeit, welches uns Kultur-
    menschen verloren gegangen ist. . . .