S.
ProfessorFreud II
Meine Herren! Sie haben alle mit hoher Befriedigung
das Plaidoyer des Schulmannes angehört, der
die ihm theure Institution nicht unter dem
Drucke einer ungerechtfertigten Anklage
lassen will. Ich weiß aber Sie waren ohnedieß
nicht geneigt die Beschuldigung, daß die Schule
ihre Schüler zum Selbstmord treibe, leichthin
für glaubwürdig zu halten. Lassen wir uns
indes durch die Sympathie für den Theil dem
hier Unrecht geschehen ist nicht zu weit fort-
reißen. Nicht alle Argumente des Herrn Vorredners
erscheinen mir stichhältig. Wenn die Jugend-
selbstmorde nicht blos die Mittelschüler, sondern
auch Lehrlinge u. A. betreffen, so spricht dieser
Umstand an sich die Mittelschule nicht frei; er
erfordert vielleicht die Deutung, daß die
Mittelschule ihren Zöglingen die Traumen er-
setzt, welche andere Adoleszenten in ihren
anderen Lebensbedingungen finden. Die Mittelschule solloftaber mehr leisten, als daß sie die jungen
Leute nicht zum Selbstmord treibt; sie soll
ihnen Lust zum Leben machen, und ihnen Stütze
und Anhalt bieten in einer Lebenszeit, da sie
durch die Bedingungen ihrer Entwicklung
genöthigt werden ihren Zusammenhang mit
dem elterlichen Hause und ihrer Familie zu
lockern. Es scheint mir unbestreitbar, daß
sie dies nicht thut und daß sie in vielen
Punkten hinter ihrer Aufgabe zurückbleibt,
Ersatz für die Familie zu bieten und
Interesse für das Leben draußen in
der Welt zu erwecken. Es ist hier nicht die
Gelegenheit zu einer Kritik der Mittelschule
in ihrer gegenwärtigen Gestaltung. Vielleicht
darf ich aber ein einziges Argument heraus-
heben. Die Schule darf nie vergessen, daß sie
es mit noch unreifen Individuen zu thun
hat denen ein Recht auf Verweilen in
gewissen selbst unerfreulichen Entwicklungs-
stadien nicht abzusprechen ist. Sie darf nicht
die Unerbittlichkeit des Lebens für sich
in Anspruch nehmen, darf nicht mehr sein
wollen als ein Lebensspiel.S.
ProfessorAn anderer Stelle einzuschalten:
FreudMeine Herren, ich habe den Eindruck, daß wir
trotz all des wertvollen Materials,vondas hier
vorgebracht wurde zu einer Entscheidung über
das uns interessierende Problem nicht gelangt
sind. Wir wollten vor allem wissen wie es
möglich wird, den so außerordentlich starken
Lebenstrieb zu überwinden, ob dies nur mit
Hilfe der enttäuschten Libido gelingen kann
oder ob es einen Verzicht des Ichs auf seine
Behauptung aus eigenen Ichmotiven giebt.
DieBeaBeantwortung dieser psychologischen Frage
konnte uns vielleicht darum nicht gelingen,
weil wir keinen guten Zugang zu ihr haben.
Ich meine man kann hier nur von dem klinisch
bekannten Zustand der Melancholie und
vonihremderen Vergleich mit dem Affekt der
Trauer ausgehen. Nun sind uns aber die
Affektvorgänge bei der Melancholie, die
Schicksale der Libido in diesem Zustande
völlig unbekannt und auch der Daueraffekt
des Trauerns ist psychoanalytisch noch nicht
verständlich gemacht worden. Verzögern wir
also unser Urtheil, bis die Erfahrung diese
Aufgabe gelöst hat.S.
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Zur Einleitung der Selbstmorddisskusion
1910-061/1910.01
1910-061/1910.01