2. Sitzung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 1. November 1922. Herbert Silberer: Beobachtungen an Träumen 1922-517/1922.2

Bernfeld, Siegfried (1922-517/1922.2): 2. Sitzung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 1. November 1922. Herbert Silberer: Beobachtungen an Träumen

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    Sitzungen:
     

    1. November 1922.
     

    Vortrag Herbert Silberer: Beobachtungen an Träumen.
     

    Es sollen Beobachtungen, die die praktische Beschäftigung mit Träumen
    mit sich gebracht hat, anspruchslos mitgeteilt werden. In einer gewissen
    Richtung dürfe der Stoff etwas Neues bieten. Es handelt sich hauptsächlich
    um die in Träumen auftretenden Zeichen des Verhältnisses des Patienten oder
    Analysierten zu der Analyse und dem Analytiker. Ich habe vor ungefähr
    14 Jahren in der Symbolbildung eine funktionale Klasse von der materialen
    geschieden. Zu allererst habe ich die Symbolbildung beider Art an jenen
    primitiven autosymbolischen Phänomenen beschrieben, die zwischen Wachen
    und Schlaf auftreten. Es handelt sich jedoch darum, daß als Grundlage für das
    funktionale Phänomen alles in Betracht kommt, was zum psychischen Status
    oder zu dem psychischen Kräftespiel (Funktion) gehört. Immer bestimmter
    fällt mir auf, daß die funktionale Symbolik mit großer Regelmäßigkeit auftritt.
     

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    Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 537
     

    Ich bin geneigt zu glauben, nicht die funktionale Symbolik, sondern ihr Fehlen.
    sei die Ausnahme; und es fragt sich dort, wo man sie nicht bemerkt, ob sie
    denn wirklich fehle; und ob es nicht aus prinzipiellen Gründen richtiger wäre,
    sie auch dort zu vermuten.
     

    Ich habe es für praktisch befunden, alle jene verbildlichenden Phänomene,
    natürlich auch jene Träume, welche den Zweck einer Selbstdarstellung oder
    Selbstbespiegelung zu verfolgen scheinen, gleichviel wie man die materialen
    und die funktionalen Anteile in ihrem Kontext aneinander abmessen mag,
    durch den Ausdruck enoptrisch“ zu kennzeichnen. Enoptrische Träume oder
    wenigstens Träume mit stark enoptrischem Einschlag sind recht häufig
    anzutreffen. Daß im enoptrischen Einschlag der funktionalen Symbolik eine
    wichtige Rolle zukommt, versteht sich von selbst.
     

    Ich mußte diese Erörterung von „funktional" und .enoptrisch" voraus-
    schicken, nicht weil vielleicht das folgende sich speziell damit befaßt, sondern
    weil jene Begriffe darin öfters zur Anwendung kommen werden.
     

    An vielen kürzeren uud längeren Beispielen zeigt der Vortragende Fälle
    von Darstellung des Widerstandes und Übertragungsverhältnisses im Traume.
    Er erwähnt, daß sich zur Auffindung der geschilderten Beziehungen im Traum
    kaum bestimmte Regeln geben lassen. Immerhin seien jedoch für den durch
    die Analyse geschaffenen seelischen Zustand oder Prozeß sowie für den Vor-
    gang der Analyse einige typische Bilder anzutreffen, und zwar das Haus im
    Bau ein Hin- und Herwerfen oder dergleichen; Waschen, Kampf; speziell für
    ablehnende Erscheinungen (Widerstand): Verschluß, Mauern; Flucht. Für
    Teilungen der psychischen Schauplätze: Bühnen. (Gekürztes Autoreferat.)
     

    Aus der Diskussion: Dr. Otto Rank hatte den Eindruck, daß der Vor-
    tragende die Darstellungen des Verhältnisses zur Analyse im Traum als
    funktional" auffassen möchte, wozu nicht der geringste Anlaß vorliege, da es
    sich in allen von Silberer mitgeteilten Beispielen um reine Inhaltsdarstellungen,
    wenngleich von Gedanken- und Gefühlsinhalten handelt. Man könne doch
    nicht jede im Traum geäußerte Einstellung des Unbewußten zur Analyse
    deshalb, weil sie unbewußt sei, funktional" nennen. Noch weniger gehe es
    an, das auf die Analyse Bezügliche, als anagogisch" aufzufassen, was der
    Vortragende zwar nicht expressis verbis getan, aber in gewundener Umschreibung
    als möglich angedeutet hatte. Der Vortragende hätte seinen eigenen Begriff
    des funktionalen Phänomens verwässert und entwertet. Da aber der Vortragende
    auf die gleiche Einwendung des Vorredners (Dr. Bernfeld) richtiggestellt habe,
    daß er diese Darstellungen des Verhältnisses zur Analyse keineswegs im
    Sinne des funktionalen Phänomens auffasse, so würde sich eigentlich jede
    Diskussion erübrigen, da wir den Deutungen des analytischen Verhältnisses
    in den Träumen der Patienten täglich begegnen und sie uns daher völlig
    geläufig seien. Den einzigen Wert der Arbeit könnte man nach ihrer Richtig-
    stellung durch den Vortragenden darin erblicken, daß er versuche, eine Reihe
    typischer Darstellungen der analytischen Situation zusammenzustellen. Aber
    auch dies sei gerade bei den rein individuell determinierten Übertragungs-
    und Widerstandsphänomenen am wenigsten fruchtbar, weil ihre Zahl ja im
    Gegensatz zu den wenigen typischen (echten) Symbolen unendlich sei.
     

    In einer größeren Diskussionsbemerkung stellt Rank fest, daß er dem
    Vortragenden zunächst die meisten der in bezug auf seine Deutungstechnik
    erhobenen Vorwürfe gar nicht machen würde, sondern daß es sich nur um
    das rein theoretische Problem handle, ob die mitgeteilten Beispiele den Satz
     

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    Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
     

    beweisen, den der Vortragende seinem Material vorausgeschickt hatte: Daß
    nämlich die funktionale Symbolik sich in jedem Traume finde. Redner könne
    nur wiederholen: nach seinem Eindruck sei dies nicht in einem einzigen
    Beispiel der Fall gewesen. Da der Vortragende aber nachträglich richtigstellte,
    daß er mit seinem Material diesen Satz gar nicht beweisen wollte, so müsse
    man konstatieren, daß der Vortrag unter falscher Flagge segelte. (Autoreferat).