Rank, Otto (1909-513/1909.01): 23. Vortragsabend am 21. April 1909. Allgemeine Darstellung der Freudschen Lehren (Propaganda vor Ärzten). Dr. Hitschmann
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Der Vortragende geht davon aus, der man der Freudschen
Schule heute mit Recht den Vorwurf machen könne, der
für eine kurze Zusammenstellung der Freudschen Lehren
noch nicht genug geschehen sei. Die landläufige Meinung
der meisten Kollegen, die mit der Lektüre der „Studien“ ihre In-
formation erschöpft zu haben glauben, die meinen, das gelte nicht
für alle Fälle, sei im übrigen auch nichts neues, die den
Schülern Freuds Fanatismus vorwerfen etc. etc., lege die Not-
wendigkeit einer solchen Zusammenstellung nahe. Dies möchte
allerdings davon absehen, die große Masse des Publikums über-
zeugen zu wollen, was namentlich mit Rücksicht darauf, dass es
eine Gruppe von Menschen gebe, die wirklich kein Interesse
für sexuelle Dinge aufbringen könne geboten erscheine (im
Gegensatz dazu reagiere eine zweite Gruppe von Menschen fortwäh-
rend lebhaft auf die Sexualkomplexe). Diese Propaganda-Schrift
müsste sich also vorwiegend an das Gros der Ärzte wenden, wo
die von ärztlicher Seite immer wieder verständnislos vor-
gebrachten Einwendungen,zugebotener Anlass wären; so
denn man an der Freudschen Lehren nichts empirisch nachweisen
könne, denn die Einwendung gegen die Analyse, wie denn eine
Frau ihr intimsten Empfindungen dem Arzt darlegen könne etc.
Auch sollte diese Propaganda den Anlass geben, dass in den
Spezialfächern, wo sich ja immer Neurosen finden, die Freud-
schen Gesichtspunkte Beachtung finden; anderseits könne
ja auch die so wünschenswerte Prophylaxe nur vom Gros
der praktischen Ärzte in Angriff genommen werden.
All das und noch vieles andere Naheliegende fordere gerade-
zu heraus – in ähnlicher Weise wie des Ferenczi getan habe,
aus dessen Arbeit man einzelnes direkt herübernehmen könne –,
eine zusammenfassende, etwas schematisierte, nicht historische
Zusammenstellung der Freudschen Lehren zu verfassen, inS.
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gemeinverständlicher Form, an jedem wichtigen Punkt
durch ein schematisches Beispiel erläutert und dort etwas
ausführlicher, wo die banalen Einwendungen gewöhnlich
gemacht werden.
Eine solche Zusammenstellung, die der Vortragende skizziert
hat, müsste mit einer knappen Schilderung des jetzigen
Standes der Neurosenforschung beginnen (wie sie der Vor-
tragende in seinen Ausführungen über „Neurose und Toxikose“
gegeben hat), die darin gipfelt, dass einzig die Sexualneu-
rosen (u. die Unfall-Neurose) übriggeblieben seien. Es
wäre dann auf die ganz neue Aufklärung der Aktual-Neurosen
durch Freud hinzuweisen (das Verständnis der Angstneurose
für den praktischen Arzt ist von kolossaler Bedeutung; es
würde sich die Herstellung von Sep. Abdr. des bezüglichen Ar-
tikels handeln). Von der Angstneurose könnte man über die
Angsthysterie einen Übergang finden zu dem, was man psycho-
gen nennt, ein Punkt, der noch nicht ganz geklärt ist.
Bei den Psychoneurosen ließen die Schwierigkeiten des
Verständnisses im Begriff des Unbewussten u. in der
infantilen Sexualität, die man als reine Erfahrungswissen-
schaft begründen müsste. Über das Unbewusste müsste man
etwas ausholend sich verbreiten und über dasselbe als virulentes
Ubw. einiges ausführen. Dabei könnte man über den Traum, Witz
und Alltag einiges Notwendige beibringen. –
Schließlich wäre auch die Analyse kurz zu erwähnen, welche
die einzige Methode ist, um etwas über das Ubw. zu erfahren.
Über dieses selbst müsste man dann etwas sagen: zunächst wie-
weit es Verdrängtes enthält (Bleuler: Unbew. u. Assoziation) u.
dass man es ohne die Phänomene des Hypnotismus, der Suggestion
u. des Doppelbewusstseins nicht erklären könne. Die Entstehung
der Hysterie u. der Zwangsneurose könnte man darstellen, wieS.
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es Ferenczi in seiner Arbeit getan hat. – Schließlich müsste man
auch den Zusammenhang mit den Psychosen erwähnen; u. end-
lich auch ein paar Worte über die Methodik der Analyse sagen.
Der Vortragende glaubt, dass die Publikation einer solchen
Arbeit zur Gewinnung von Leuten, die sich dafür interessieren,
von großem Erfolg wäre. Die paar Bemerkungen sollten
nur zur Diskussion führen, und die Stellung der Herren
zu dieser Frage markieren.Diskussion:
Federn meint, es wäre
eineeine wirklich notwendige und verdienstvolle
Arbeit gegen die vielen überflüssigen Angriffe der Un-
wissenden. Den Umfang denke er sich etwa wie den eines
Heftes der W. oder Berliner Klinik.
Man müsste auch die sexuelle Impotenz (totale Impotenz resp.
Anästhesie) als Gegenstück zu der in allen Fällen von Neurose
vorkommenden partiellen Verdrängung anführen.
Man dürfte auch nur die sichern Sachen hineinnehmen u. da-
durch würde die Arbeit auch insofern von historischer
Bedeutung als sie den gegenwärtigen Stand der Freudschen
Neurosenlehre erkennen ließe. – Man wird mit einer
solchen Arbeit natürlich nur auf die gesunden Men-
schen mit klaren Augen einwirken können, nicht
auf solche, die ihr ganzes Leben auf die Sexualverdrängung
gestellt haben.
Professor Freud bemerkt, wenn Hitschmann das Unternehmen
ausführen wolle, so könne er ihm einiges zur Verfügung
stellen. Vor allem die Sicherheit, dass eine solche Schrift
schon vor Jahren gefordert würde (von Bleuler); ferner einen
Verleger, dem Deuticke sei schon wiederholt mit einer
solchen Aufforderung an ihn herangetreten.S.
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Die Sache selbst sei nicht nur ausführbar sondern verdienst-
voll. Sie müsste aber von einer Person ausgehen u. er sei
nicht nur bereit, dieser mit Erfahrungen u. Ratschlägen
an die Hand zu gehen, sondern auch seine Autorisation dazu
zu geben. – Es müssten aber dabei gewisse Bedingungen
eingehalten werden. Man müsste z. B. der Versuchung aus dem
Wege gehen, ein System zu machen u. z. B. offen einzugestehen,
daß die Stellung der Hypochondrie noch im Dunkeln schwebe.
Auch müsste man direkt aufmerksam machen, wo die Grenzen
liegen (Verdrängung liege z. T. auch noch im Dunkeln). Dann
erfordere die Arbeit den Verzicht auf alle eigenen Einfälle.
Ein kleines Kapitel müsste von den Differenzen unserer
Anschauungen von den landläufigen handeln. Auch dürften
ein paar Bemerkungen über die Missgriffe, Missverständnisse
u. Widerlegungen der gebräuchlichsten Einwendungen nicht
fehlen. – Er glaube, dass Hitschmann, da er die Idee hatte, auch
der Berufenste zu dieser Arbeit wäre. — /Sadger findet die Idee auch vortrefflich hat aber Bedenken gegen
die Popularisierungsmöglichkeit. Er habe in der Zeitschrift
für Psychiatrie u. Neurologie einen kleinen Auszug aus der Freud-
schen Lehre zu geben versucht, haben aber keinen bes. Anklang
damit gefunden. Am meisten haben noch die Beispiele
interessiert u. er könne nicht nachdrücklich genug
auf den überzeugenden Wert des Beispiels gegenüber theo-
retischen Darlegungen verweisen. Er halte es für uner-
lässlich dieser Propagandaschrift eine kurzgefasste, steno-
graphisch aufgenommene Analyse beizugeben, um zu zeigen,
wie der Pat. selbst auf die Einfälle kommt.
Er ist der Überzeugung, daß die Revolution auf diesem
Gebiet von der großen Masse der praktischen Ärzte kommen
müsse.S.
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Dr. Karpas führt an, dass die Freudschen Lehren in Amerika
nur wenig u. dann meist nur aus oberflächlichen Refe-
raten bekannt seien. Dass auch dort also eine solche Schrift
sehr erwünscht wäre.Steiner möchte sich der Meinung Sadgers anschließen, sowohl
darin, dass eine Propaganda not tue als auch bezüglich seiner
Skepsis in deren Erfolg. Wer sich für die Dinge interessiert,
der wird die Standard Werke lesen; gewisse Dinge kann man
den Laien eben nicht bequem machen. Was kurz gesagt
werden soll, wird dadurch verfälscht. –Bass bemerkt, der Vortragende habe eine Wunscherfüllung für ihn
ausgesprochen. Er sei auch nicht der Meinung der Vorredner,
dass die Sache durch die Kürze leiden würde. Die Kürze soll
den Appetit nach mehr erwecken. Auch sei zu berücksichtigen,
dass die Laien mehr Interesse dafür zu haben scheinen als
die Zünftler. – Beispiele dürften natürlich nicht fehlen,
und rasch müsste das Ganze ins Werk gesetzt werden.Adler meint, die Frage sei ja schon damit erledigt, dass einer
sich finde, der die Arbeit mache u. die andern, insbes. der
Herr Professor seine Zustimmung dazu gebe. Persönlich hielte
er es für wünschenswert, wenn gerade Hitschmann damit
in die Öffentlichkeit träte.Heller meint auch, dass ein Bedürfnis nach einer solchen
Schrift (etwa: Wie sage ich’s meinem Hausarzt) vorhanden
sei, meint aber sogleich, dass die wohltätigen Wirkungen,
die davon erwartet werden, ausbleiben dürften. Die Ärzte
sind zunächst Menschen, von denen die meisten ihr ganzes Leben
auf einem großen Stück Sexualverdrängung aufgebaut
haben. Die Schrift dürfte nicht mehr dazu beitragen, die Vor-
urteile zu zerstreuen oder das Verständnis zu erleichtern als
die vorliegenden Werke. Über den Wert des Beispiels gerade wasS.
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die Freudschen Lehren betreffe, habe er die gegenteiligen Erfah-
rungen gemacht wie Sadger. Die Überzeugung des Beispiels
gilt hier nur so weit als jemand wirklich innerlich ge-
zwungen ist sich für diese Lehre zu öffnen.Stekel ist auch bezügl. des Erfolges skeptisch. Er erinnert,
daß er zuerst eine große Propaganda angelegt habe u. fand
das Verständnis dafür sehr groß u. die Sache selbst nicht so
schwer. Seine Arbeiten haben in Ärzte- u. Laienkreisen der
Sache viele Anhänger geworben. Die Propaganda ist aber nur
durchführbar, wenn es gelingt, die Sachen künstlerisch dar-
zustellen. Deswegen müsse er auch gegen die stenographischen
Protokolle Veto einlegen. Es sei ihm unmöglich gewesen die
Sadgersche Analyse eines Homosexuellen in Hirschfelds
Jahrbuch zu lesen, eine Unfähigkeit, die er mit vielen teile,
während die künstlerisch bearbeitete Dora einen großen
Eindruck mache.
Es sei zweifelhaft, ob das Buch ein Nutzen sein werde; soll
es das sein, das muss es ein großes Werk werden. Dazu aber
müsste es aus einer großen Erfahrung herausgeschrieben
sein.
Sadger legt zur näheren Präzisierung seines Vorschlags (Analyse-
beispiel) dar, dass er natürlich nur an einen solchen Fall ge-
dacht habe, wo die ersten paar Wochen der Pat. fast ohne
Widerstand alles allein entwickelt, Fälle die auch gar nicht
uninteressant seien.Federn meint, die Frage der Publikation von Krankengeschichten
sei von Hitschmanns Vorschlag ganz zu trennen. Bei letzterem
handle es sich um die kurze klinische Darstellung dieser
Krankheitsarten mit seinem (H.) jetzigen Verständnis von
ihnen.Stekel kündigt seine Absicht an, eine Art populärer Traum-
deutung zu schreiben.S.
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Prof. Freud meint, die Einwendungen Steiners u. Sadgers seien
nicht zu unterschätzen. Es gibt keinen sehr bequemen Weg,
keine via regia, in dieses neue u. sehr schwierige Gebiet.
Eine solche Schrift brauchte aber nicht überzeugend zu wir-
ken; überzeugt wird man nur durch eigene Erfahrungen.
Durch diese Schrift soll vor allem verhindert werden, dass die
Leute über etwas reden, was nicht das Richtige ist.
Krankengeschichten können niemals – wie Sadger meint – als
Einführung wirken. Auch sei Stekel darin völlig recht zu geben,
daß unverstümmelt mitgeteilte Krankengeschichten
völlig ungenießbar seien. Es bleibt als einzige Möglichkeit
eine gewissenhafte aber „künstlerische“ Darstellung wie in
der Dora. Die Anwendung von Beispielen in dieser Arbeit
wird überhaupt spärlich sein.
An einigen Punkten habe er selbst den Versuch gemacht, sich
einem solchen Kompendium zu nähern, so beim „hysterischen
Anfall“ wie beim hyst. Symptom.Hitschmann bemerkt, das Buch würde nie prätendieren eigene
Gedanken zu bringen; er brauche eigentlich nichts zu tun
als abzuschreiben. Die Schrift hätte den Zweck, die Ärzte zu veran-
lassen, sich mit der Ätiologie u. Pathogenese dieser
Krankheiten zu beschäftigen. – Das Verständnis für die
Bedeutung dieser Probleme im ganzen Umkreis der Medizin,
würde dadurch ungeheuer gewinnen. Man könne die Be-
deutung der Neurosen im Leben, in der Familie u. in der
Medizin nicht hoch genug anschlagen.
Vielleicht gelinge es ihm im Sommer die Arbeit zu machen.
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