Bemerkungen zu Otto Rank „Der Künstler / Verlorene Tendenzen in der Kunst. 1907-111/1907

Freud, Sigmund (1907-111/1907): Bemerkungen zu Otto Rank „Der Künstler / Verlorene Tendenzen in der Kunst.

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  • S.

    Bemerkungen zu Otto Rank „Der Künstler.

    p1. Zusamenfallen Begierde-Befriedigg?Ist das möglich?
          steigert Zustand? der Begierde.

    p2. Die Libido ist allsexuell – ist das nicht Erschleichg
         Vorlust – Endlust – nicht verständlich
         Libido zur Einführg d. Triebe verwendet Was heißt das?
         Möchte etwas Allgem über Triebe u Befriedigg vorausschicken, wobei
         ich mich anlehne etc an das über das Verhalten d. Triebes
         erin̄erte.

    3    Selbststeuerg d Libido unverständlich
          selbstgeschaffenen W. ist glaube ich Irrtum – andere Mächte
          welche Verdrängg schaffen

    4.   Triebe zum Weibe wurden – Mysticismus

    5.   Daß die conträrsten Triebe den Kern des ψ ¿erde bilden, ist eine
          tiefsinnige Idee v. Fliess, die ich noch nicht bestätigen kann.
         Man muß sagen, was etwas ist, Forschgsresultat, Dichtung,
         Construction, Ergänzg u dgl.
         Weininger! Schlafen lassen. Mystik.

    6.  Daß Coitus alle Nebentriebe befriedigt, sehr richtig. 

    8.  Nicht zu vergeßen an Thiere!

    10. Sehr schön

    13  Ubw. – Gott. ausgezeichnet.

    19. Nietsche, aber sehr schön.

    II    Mystik im „Weib" – Kunstgenuß sehr gut.
          Fortschreit Sexualverdrängg erfordert das Bwwerden
          des Ubw.

    [Editorische Anmerkung

    Rank, Otto(1907): Der Künstler. Ansätze zu einer Sexual-Psychologie.
    Wien: Hugo Heller, 1907;
    erweiterte 2. Auflage, 
    3. Auflage 1918

    Transkription: C. Diercks, Ernst Falzeder]

  • S.

    Verlorene Tendenzen in der Kunst.

    Tendenzlos, heute weil hübsch ist, Genuß ¿¿¿¿¿ bildende
    Kunst, oder weil es sich schikt, ziert. Künstler, prahl. Absichten
    abgesehen, außerdem weil es ihm Vergnügen macht, weil er nicht
    anders kann. Motivenrose von Lichtenberg.1

    (In früherer Zeit anders Kunst stand im Dienste anderer Mächte.
    Nur auf Lustgewinn außer banalen Motive, fremdartigen.

    ähnlich wie in Renaissance im Dienst der Kirche, B¿¿¿¿¿¿artung
    des Altertums im Dienst socialer u religiöser Tendenzen: Gemälde
    Statuen: Ehrenzeichen für Sieger, Kultbilder, Weihungen an Gottheit
    um beständige Gegenwart zu genießen, Weihgeschenke um sich zu
    rühmen u zu bedanken. Musik selbst¿¿¿¿¿¿¿ von patriot. oder
    Preisgesänge zu Ehren d. Sieger d.  Ahnen. analog bei Dichtung. Ja selbst
    Wissenschaft: Geschichtsschreibg erst sehr allmälig freigemacht u. Tendenz
    analog d. Jugendschriftenliteratur z. Erweckg patriot. Gefühle.

    Gewiß ¿¿¿¿¿ Künstler auch subjektiv über Schnur gehauen, aber seltener.
    ¿¿¿¿¿¿, sein Können zu zeigen. Diese Tendenzen eigentl erhalten, nur
    dort ¿¿¿drücklicher. Kunst d. Kunst wegen selten. Kunst im Dienst der
    Herrscher – kurz der Macht.

    Kleinkunst, Schmuck, Handwerk. Beispiel Statuette: Spiegelträger,
    Gefäßhandel, alles beziehungsreicher, zum Leben gehörig – ¿¿¿¿¿¿¿

    Weihgeschenke v. Thieren, Nachbildung‚ Gliedmaßen. (Silberberger)
    Was heute Figur, damals Weihgeschenk, ¿¿¿, Amulet, Stück eines
    Gerätes.

    Verzierung an Thongefäß: Weihung an Gottheit z. Schutz gegen Zerbrechen.
    Eigentums- u Stammeszeichen.

    Ebenbild Bemächtiggstrieb bei Mensch u Thier, Bildzauber.
    Mit Abnahme d. mythol. Weltansch. Abnahme d. Tendenzen.

    Schrift u Wort alter Zauber. Agypter wissen, Überwindg d. Gefahren in
    Unterwelt – Dichtung alter Zauber – Schrift sakraler Charakter.
    Die alles beherrschende Angst d. Alte. Unsicherheit, Aberglauben
    mit Abnahme d. Angst erst freie Kunst.

    Verzierg d. Werkzeuges Schutz gegen Gefahrdung desselben
    Reminiscenz.

    Liebe zur Erin̄erung, Festhalten des Alten, Früheren in der Form.

    Nichts undeterminirt in Kunst oder Leben, alles durch Vergangenheit
    Sinnlosigkeit neuer Formen, dieser Zusam̄enhang verloren.

    Kunst verloren gegangen. jeder sie aus seinem In̄eren ersetzen.

    Eine sinn- u angstvolle Vergangenheit.

    Nicht das Schönste, sondern das Beste, Würdigste zu leisten.

     

    1 Die Vielfalt unserer Motive veranschaulichte der Physiker und aphoristische Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg (t 1799) mit der »Motivenrose« : »Die Bewegungsgründe, woraus man etwas tut, könnten so wie die 32 Winde geordnet und ihre Namen auf eine ähnliche Weise formiert werden, z. B. Brot Brot Ruhm oder Ruhm Ruhm Brot.«

    [Transkription und Anmerkungen EF, überarbeitet CD