Brief an Dr. F. van Eeden, 1914 1914-071/1914.02

Freud, Sigmund (1914-071/1914.02): Brief an Dr. F. van Eeden, 1914

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S.

Wien, 28.Dezember 1914.

Herrn Dr Fr van Eeden

Verehrter Kollege,

Unter dem Einfluß dieses Krieges wage ich es‚Sie an zwei Behauptungen zu
erinnern,welche die Psychoanalyse aufgestellt hat‚und die gewiß dazu bei-
getragen haben,sie beim Publikum unbeliebt zu machen.

Sie – die Psychoanalyse – hat aus den Träumen und Fehlhandlungen des
Gesunden wie aus den Symptomen des Nervösen geschlossen,daß die primiti-
ven‚wilden und bösen Impulse der Menschheit bei keinem Einzelnen ver-
schwunden sind,sondern noch fortbestehen,wenngleich verdrängt‚im Unbewuß-
ten,wie wir in unserer Kunstsprache sagen,und auf die Anlässe warten,um
sich wieder zu betätigen.

Sie hat uns ferner gelehrt‚daß unser Intellekt ein schwächliches und
abhängiges Ding ist‚ein Spielball und Werkzeug unserer Triebneigungen
und Affekte,daß wir uns alle scharfsinnig oder schwachsinnig gebärden müs-
sen‚je nachdem unsere Einstellungen und inneren Widerstände es gebieten.

Und nun blicken Sie auf die Vorgänge dieser Kriegszeit‚auf die Grau-
samkeiten und Rechtsverletzungen‚deren sich die zivilisiertesten Nationen
schuldig machen,auf die verschiedene Art‚wie sie die eigenen Lügen,das
eigene Unrecht,und das der Feinde beurteilen,auf die allgemeine Einsichtslosigkeit
allerseits,und gestehen Sie mir zu‚daß die Psychoanalyse mit beiden Behaup-
tungen Recht gehabt hat.

Sie war darin vielleicht nicht durchaus originell.Viele Denker und Men-
schenkenner haben ähnliches gesagt,aber unsere Wissenschaft hat beide
Sätze im Detail durchgeführt und zur Aufklärung vieler psychologischer
Rätsel verwendet.

Ich wünsche Sie in schöneren Zeiten
wiederzusehen.

Ihr herzlich ergebener
Freud