Das Interesse an der Psychoanalyse (1. Teil) 1913-011/1913

Freud, Sigmund (1913-011/1913): Das Interesse an der Psychoanalyse (1. Teil)

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  • S.

    DAS INTERESSE AN DER PSYCHOANALYSE

    ERSTER TEIL.

    Das psychologische Interesse.

    Die Psychoanalyse ist ein ärztliches Verfahren, welches
    die Heilung gewisser Formen von Nervosität (Neurosen) mit-
    telst einer psychologischen Technik anstrebt. In einer kleinen,
    1910 veröffentlichen Sahrift habe ich die Entwicklung der
    Psychoanalyse aus dem kcthertiscimz Verfahren von J. Breuer
    und ihre Beziehung zu den Lehren von Charcot und P. Janet
    dargestellt.‘

    Als Beispiele der Krankheitsfarmen, welche der psycho-
    analytischen Therapie zugänglich sind, kann man die hyste-
    rischen Krämpfe und Hemmrmgserscheinnngen sowie die man-
    nigfaltigen Symptome der Zwangsneurose (Zwangsvorstel-
    lungen, Zwangshandlungen) nennen. Es sind durchwegs Zn-
    stände, welche gelegentlich eine spontane Heilung zeigen und
    in launenhai'ter, bisher nicht verstandener Weise dem persön—
    lichen Einfluss des Arztes unterliegen. Bei den schwereren
    Formen der eigentlichen Geistesstömngen leistet die Psyche-
    analyse therapeutisch nichts. Aber sowohl bei Psychosen wie
    bei den Neurosen gestattet sie — zum ersten Male in der Ge-
    schichte der Medizin —— einen Einblick in die Herkunft und
    in den Mechanismus dieser Erkrankungen zu gewinnen.

    Diese ärztliche Bedeutung der Psychoanalyse würde in-

    1 Über Psychoarmiyse, !. Aufl., Wien, 1912. In englischer Sprache veröf-
    fentlicht im . American Journal of Psychology ». April 1910, übersetzt ins Russi-
    sche, Polnische. Ungarische und Holländische.

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    DAS IH‘I'EREBSE AN DER PBYOHO‘ANALYBE 241

    des den Versuch nicht rechtfertigen, sie einem Kreise von
    Gelehrten vorzustellen, die sich fiir die Synthese der Wissen-
    schaften interessieren. Zumal du. dies Untcruclnncn verfriiht
    erscheinen müsste, solange noch ein grosser Teil der Psychia-
    ter und Neurologen sich ablehnend gegen das neue Heilver-
    fahren benimmt und die Voraussetzungen wie die Ergebnisse
    desselben verwirft. Wenn ich diesen Versuch dennoch als legi-
    tin erachte, so berui'e ich mich darauf, dass die Psychoanalyse
    auch bei anderen als Psychiatern Interesse beansprucht, indem
    sie verschiedene andere Wissensgebiete streift und unerwartete
    Beziehungen zwischen diesen und der Pathologie des Seelen-
    lebens herstellt.

    Ich werde also jetzt das ärztliche Interesse an der Psycho-
    analyse bei Seite lassen, und was ich von dieser jungen Wis-
    senschaft behauptet habe, an einer Reihe von Beispielen er-
    läutem.

    Es gibt eine grosse Anzahl von mimischen und sprach-
    lichen Äussenmgen sowie von Gedankenbildungen —- bei nor-
    malen wie bei kranken Menschen —, welche bisher nicht Ge—
    genstand der Psychologie gewesen sind, weil man in ihnen
    nichts anderes erblickte als Erfolge von organischer Störung
    oder abnormem Ausfall an Funktion des seelischen Apps-rates.
    Ich meine die Fehlleistnngen (Versprechen, Ver-schreiben, Ver-
    gessen usw.), die thalhhandlrmgen und die Träume bei nor-
    malen, die Krampfanfiille‚ Deliritm, Visionen, Zwangsideen
    und Zwangshandhmgen bei neurotischen Menschen. Man wies
    diese Phänomene — soweit sie nicht wie die Fehlleistungen
    überhaupt unbeachtet blieben — der Pathologie zu und be-
    strebte sich physiologische Erklärungen für sie zu geben, die
    nun in keinem Falle befriedigend geworden sind. Dagegen
    gelang es der Psychoanalyse zu erweisen, dass all diese Dinge
    durch Annahmen rein psychologischer Natur verständlich ge-
    macht und in den Zusammenhang des uns bekannten psychi-
    schen Geschehens eingereiht werden können. So hat die Psy-
    choanalyse einerseits die physiologische Denkweise einge-
    schränkt und anderseits ein grosses Stück der Pathologie fiir
    die Psychologie erobert. Die stärkere Beweiskraft kommt hier
    den normalen Phänomenen zu. Man kann der Psychoanalyse
    nicht vorweri‘en, dass sie am pathologischen Material gewon-

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    242 “ sornnru „

    neue Einsichten auf das normale überträgt. Sie fiihrt die Be-
    weise hier und dort unabhängig von einander und zeigt so,
    dass normale, wie sogenannte pathologische Vorgänge densel-
    ben Regeln folgen.

    Von den normalen Phänomenen, die hier in Betracht kom-
    men, (1. h. von den am normalen Mensehen zu beobachtenden,
    werde ich zweierlei ausführlicher behandeln, die Fehlleistun-
    gen und die Träume.

    Die Fehlleistungen, also das Vergessen von sonst ver-
    trauten Worten und Namen, von Vorsätzen, das Versprechen,
    Vorlesen, Ver-schreiben; das Verlegen von Dingen, so dass sie
    unauiiindbar werden, das Verlieren, gewisse Irrtümer gegen
    besseres Wissen, manche gewohnheitsmässige Gesten und Be-
    wegungen — all dies, was ich als Fehlleistungen des gesun-
    den und normalen Menschen zusammenfasse, — ist von der
    Psychologie im Ganzen wenig gewürdigt werden, wurde als
    « Zerstreutheit » klassifiziert, und von Ermiidung, Ablenkung
    der Aufmerksamkeit, von der Nebenwirkung gewisser leichter
    Krankheitszustiinde abgeleitet. Die analytische Untersuchung
    zeigt aber mit einer allen Ansprüchen genügenden Sicherheit,
    dass diese letztgenannten Momente bloss den Wert von Begüm
    stigungen haben, die auch wegfallen können. Die Fehlleistun-
    gen sind vollgiiltige psychische Phänomene und haben jedesmal
    Sinn und Tendenz. Sie dienen bestimmten Absichten, die sich
    infolge der jeweiligen psychologischen Situation nicht anders
    zum Ausdruck bringen können. Diese Situationen sind in der
    Regel die eines psychischen K0nflikts, durch welchen die un-
    terliegende Tendenz vom direkten Ausdruck abgedrä.ngt und
    auf indirekte Wege gewiesen wird. Das Individuum, welches
    die Fehlleistung begeht, kann sie bemerken oder übersehen;
    die ihr zu Grunde liegende unterdrückte Tendenz kann ihm
    wohl bekannt sein, aber es weiss fiir gewöhnlich nicht ohne
    Analyse, dass die betreffende Feldhandlung das Werk dieser
    Tendenz ist. Die Analysen der Felilhandlungen sind oft sehr
    leicht und rasch auzustellen. Wenn man auf den Missgrifl'
    aufmerksam geworden ist, bringt der nächste Einfall dessen
    Erklärung. '

    Fehlleistungen sind das bequemste Material für jeden,
    der sich von der Glaubwürdigkeit der analytischen Aufi'es-
    sungen überzeugen lassen will. In einem kleinen, zuerst 1904
    veröii‘entlichten Buche habe ich eine grosse Anzahl solcher Bei-

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    uns mrr-msssr. an man rsrenonrumss 243

    spiele nebst ihrer Deutung mitgeteilt und habe diese Samm-
    lung seither durch zahlreiche Beiträge anderer Beobachter
    bereichern können.‘

    Als das häufigste Motiv zur Unterdrückung einer Absicht,
    welche dann genötigt ist, sich mit der Darstellung durch eine
    Fehlleistung zu begnügen, stellt sich die Vermeidung von
    Unlust heraus. So vergisst man hartnäckig Eigennamen, wenn
    man gegen die Träger derselben einen geheimen Groll hegt„
    man vergisst Vorsiitze auszuführen, wenn man sie im Grunde
    genommen nur ungern ausgeführt hätte, z. B. nur um einer
    konventionellen Nötigung zu folgen. Men verliert Gegen-
    stände, wenn man sich mit demjenigen verfeindet hat, an wel-
    chen dieser Gegenstand mahnt, von dem er z. B. geschenkt
    werden ist. Man irrt sich beim Einsteigen in einen Eisenbahn-
    zug, wenn man diese Fahrt ungerne macht und lieber an-
    derswo geblieben wäre. Am deutlichsten zeigt sich das Motiv
    der Vermeidung von Unlust heim Vergessen von Eindrücken
    und Erlebnissen, wie es bereits von mehreren Autoren vor
    der Zeit der Psychoanalyse bemerkt werden ist. Das Gedächt-
    nis ist parteiisch und gerne bereit, alle jene Eindrücke von der
    Reproduktion auszuschhessen, an denen ein peinlicher Afi‘ekt
    haftet, wenngleich diese Tendenz nicht in allen Fällen zur
    Verwirklichung gelangen kann.

    Andere Male ist die Analyse einer Fehlleistung minder
    einfach und fiihrt zu weniger durchsichtigen Auflösungen in—
    folge der Einmengung eines Vorganges, den wir als Verschie-
    bung bezeichnen., Msn vergisst z. B. auch den Namen einer
    Person, gegen die man nichts einzuwenden hat; aber die Ana-
    lyse weist nach, dass dieser Name assoziativ die Erinnerung
    an eine andere Person mit gleichem oder ähnlich klingendem
    Namen geweckt hat, welche auf unsere Abneigung berechtig-
    ten Anspruch macht. Infolge dieses Zusemmenhanges ist der
    Name der harmlosen Person vergessen worden; die Absicht
    zu vergessen hat sich gleichsam längs einer gewissen Assozia-
    tionsbahn verschoben.

    Auch ist die Absicht, Unlust zu vermeiden, nicht die ein-
    zige, die sich durch Fehlleistungen verwirklicht. Die Analyse
    deckt in vielen Fällen andere Tendenzen auf“, die in der her

    ' Zur Psychomthologie des Alltagsleben, -l-. Aufl., Berlin 1912. Dazu Ar—
    beiten von Header, A. A. Brill, E. Jones, 0. Bank u. u..

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    244 “ somnru „

    trefi’euden Situation unterdrückt werden sind und sich gleich-
    sam aus dem Hintergrunde als Störungen äussern müssen. 80
    dient das Versprechen häufig dem Verrat von Meinungen, die
    vor dem Partner geheim gehalten werden sollen. Die grossen
    Dichter haben Versprechungen in diesem Sinne verstanden
    und in ihren Werken gebraucht. Das Verlieren wertvoller Ge-
    genstände erweist sich oft als Opferhandlung, um ein erwar-
    tetes Unheil ubzuwenden, 1md manch anderer Aberglaube setzt
    sich bei den Gebildeten noch als Fehlleistrmg durch. Das Ver-
    legen von Gegenständen ist gewöhnlich nichts anderes als eine
    Beseitigung derselben; Sachbeschäkiigrmgen werden anschei-
    nend unahsichtlich vorgenommen, um zum Ersatz durch Bes-
    seres zu nötigen usw.

    Die psychoanalytische Aufklärung der Fehlleistungen
    bringt immerhin einige leise Abändemngen des Weltbildes
    mit sich, so geringfügig die betrachteten Erscheinungen auch
    sein mögen. Wir finden auch den normalen Menschen weit
    häufiger von gegensätzlichen Tendenzen bewegt, als wir
    erwarten konnten. Die Anzahl der Ereignisse , die wir
    « zufällige » geheissen haben, erfährt eine erhebliche Ein-
    schränkung. Es ist fast ein Trost, dass das Verlieren von
    Gegenständen zumeist aus den Zufälligkeiten des Lebens aus-
    scheidet; unsere Ungcschicklichkeit wird oft genug zum
    Deckmantel unserer geheimen Absichten. Bedeutungsvoller
    ist aber, dass viele schwere Unglücksfiille, die wir sonst ganz
    dem Zufall zugeschrieben hatten, in der Analyse den Anteil
    des eigenen, wenn auch nicht klar eingestandenen Willens
    enthüllen. Die in der Praxis oft so schwierige Unterscheidung '
    der zufälligen Verungliiclrung vom absichtlich gesuchten Tod
    wird durch die analytische Betrachtung noch mehr zweifelhaft.

    Verdankt die Aufklärung der Fehlleistungen ihren theo—
    retischen Wert der Leichtigkeit der Lös1mg und der Häufig-
    keit des Vorkommenr dieser Phänomene beim normalen Men-
    schen, so steht dieser Erfolg der Psychoanalyse doch an Be-
    deutung weit hinter einem nächsten zurück, welcher an einem
    anderen Phänomen des Seelenlebens Gesunder gewonnen
    wurde. Ich meine"die Deutung der Träume, mit welcher erst
    das Schicksal der Psychoanalyse, sich in einen Gegensatz zur
    offiziellen Wissenschafl- zu stellen, seinen Anfang nimmt. Die
    medizinische Forschung erklärt den Traum für ein rein soma
    tisches Phänomen ohne Sinn und Bedeutung, sieht in ihm

  • S.

    nss mrsassss AN nen rsrcnosnanrris 245

    die Äusser1mg des in den Sehlsfzustand. versunkenen See-
    lenorgans auf körperliche Reize, die ein partielles Erwachen
    erzwingen. Die Psychoanalyse erhebt den Traum zu einem
    psychischen Akt, der Sinn, Absicht und eine Stelle im See-
    lenleben des Individuums hat, und setzt sich dabei über die
    Fremdartigkeit, die Inkohürenz und die Absurdität des Trau-
    mes hinaus. Die körperlichen Reize spielen dabei nur die Rolle
    von Materialien, welche bei der Traumbildung verarbeitet wer-
    den. Zwischen diesen beiden Aufl'assungen des Traumes gibt
    es keine Vermittlung. Gegen die physiologische Aufiassung
    spricht ihre Unfruchtbarkeit, für die psychoanalytische kann
    man geltend machen, dass sie mehrere Tausende von Träumen
    sinnvoll übersetzt und für die Kenntnis des intimen mensch-
    lichen Seelenlebens verwertet hat.

    Ich habe das bedeutsame Thema der « Traumdeutung »
    in einem 1900 veröffentlichten Werke behandelt und die Be
    friedigung gehabt, dass fast alle Mitarbeiter an der Psycho-
    analyse die darin vertretenen Lehren durch ihre Beiträge be-
    stätigt und. gefördert haben.1 In allgemeiner Übereinstimmung
    wird behauptet, dass die Traumdeutung der Grundstein der
    psychoanalytischen Arbeit ist, und dass ihre Ergebnisse den
    wichtigsten Beitrag der Psychoanalyse zur Psychologie der-
    stellen.

    Ich kann hier weder die Technik, durch welche man die
    Deutung des Traumes gewinnt, darlegen, noch die Resultate
    begründen, zu welchen die psychoanalytische Bearbeitung des
    Traumes geführt hat. Ich muss mich auf die Aufstellung eini—
    ger neuer Begriffe, die Mitteilung der Ergebnisse und die
    Hervorhebung ihrer Bedeutung für die Normulpsychologie be-
    schränken.

    Die Psychoanalyse lehrt also: Jeder Traum ist sinnvoll,
    seine Fremdartigkeit rührt von Entstellungen her, die an dem"
    Ausdruck seines Sinnes vorgenommen worden sind, seine Ab-
    surdität ist absichtlich und drückt Hohn, Spott und Wider—
    spruch aus, seine Inkohärenz ist fiir die Deutung gleichgültig.
    Der Traum, wie wir ihn nach dem Erwachen erinnern, soll
    manifester Trauminhclt genannt werden. Durch die Deutunge-
    arbeit an diesem wird man zu den latenten Traumgedcnkm

    ‘ Die Traumdeutung, 3. Aufl. 1911. Dazu die kleinere Schrift Über den
    Tram», !. Aufl. 1911. Andere Publikationen von O. Rank, W. Stekel, E. Jones.
    H. Silberer‚ A. A. Brill, A. Mseder, K. Abraham. S. Ferenczi u. &.

    Vol. XIV 6!

  • S.

    246 “ scrnnru „

    geführt, welche sich hinter dem manifesten Inhalt verbergen
    und durch ihn vertreten lassen. Diese latenten Traumgedan-
    ken sind nicht mehr fremdartig‚ inkohärent oder absurd, es
    sind vollwertige Bestandteile unseres Wachdenlrens. Den Pro-
    zess, welcher die latenten Traumgedanken in den menifesten
    Treuminhelt verwandelt hat, heissen wir die Trasmarbcit; er
    bringt die Entstelhmg zu stande, in deren Folge wir die
    Trainmgedanken im Trauun'nhelt nicht mehr erkennen.

    Die Trsumarbeit ist ein psychologischer Prozess, dessen
    gleichen in der Psychologie _bisher nicht bekannt war. Sie
    nimmt unser Interesse nach zwei Heuptriehtungen in An-
    spruch. Erstens, indem sie neuartige Vorgänge wie die Ver-
    dichtung (von Vorstellungen) oder die Verschiebung (des psy-
    chischen Akzents von einer Vorstellung zur anderen) aufweist,
    die wir im Wachdenken iiberhaupt nicht oder nur als Grund-
    lage sogenannter Denkfehler aufgefunden haben. Zweitens,
    indem sie uns gestattet, ein Kräftespiel im Seelenleben zu
    erreten, dessen Wirksamkeit unserer bewussten Wahrneh-
    mung verborgen war. Wir erfahren, dass es eine Zensur, eine
    prüfende Instanz in uns gibt, welche darüber entscheidet, ob
    eine auftauchende Vorstellung zum Bewusstsein gelangen
    darf, und unerbittlich ausschliesst, soweit ihre Macht reicht,
    was Unlust erzeugen oder wiedererwecken könnte. Wir erin-
    nern uns hier, dass wir sowohl von dieser Tendenz, Unlust
    bei der Erinnerung zu vermeiden, als auch von den Kon-
    flikten zwischen den Tendenzen des Seelenlebens Andeutungen
    bei der Analyse der Fehlleistungen gewonnen haben.

    Das Studium der Traumarbeit drängt uns als unabweisbar
    eine Aufl'assung des Seelenlebens auf, welche die bestrittensten
    Fragen der Psychologie zu entscheiden scheint. Die Traum-
    arbeit zwingt uns, eine unbemwstc psychische Tätigkeit anzu-
    nehmen, welche umfassender und bedentsamer ist als die uns
    bekannte mit Bewusstsein verbundene (Darüber einige Worte
    mehr bei der Erörterung des philosophischen Interesses an
    der Psychoanalyse). 8ie gestattet uns, eine Gliedeng des psy-
    chischen Apparates in verschiedene Instanzen oder Systeme
    vorzunehmen, und zeigt, dass in dem System der unbewussten
    Seelentätigkeit Prozesse von ganz anderer Art ablaufen als
    im Berrusstsein wahrgenommen werden.

    Die Funktion der Traunmrbeit ist immer nur die, den
    Schlaf zu erhalten. « Der Traum ist der Hüter des Schlafes ».

  • S.

    nns mrsnnssn AN DER rsronosnn.rss 247

    Die Traumgedanken selbst mögen im Dienste der versehieden-
    sten seelischen Funktionen stehen. Die Traumarbeit erfith
    ihre Aufgabe, indem sie einen aus den Traumgedanken sich
    erhebenden Wunsch auf halluzinatorischem Wege als erfüllt
    darstellt.

    Man darf es wohl aussprechen, dass das psychoanalyti-
    sche Studium der Träume den ersten Einblick in eine bisher
    nicht geahnte Tiefenpsyehologs'e eröffnet. hat.‘ Es werden grund-
    stiirzende Abänderungen der Normalpsychologie erforderlich
    sein, um sie in Einklang mit diesen neuen Einsichten zu
    bringen.

    Es ist ganz unmöglich, im Rahmen dieser Darstellung des
    psychologische Interesse an der Traumdeutung zu erschöpfen.
    Vergessen wir nicht, dass wir nur hervorzuheben beabsich-
    tigten, der Traum sei sinnvoll und sei ein Objekt der Psychologie,
    und setzen wir mit den Neuerwerbungen für die Psychologie
    auf pathologischem Gebiete fort.

    Die aus Traum und Fehlleistungen ersehlossenen psycho-
    logischen Neuheiten miissen noch zur Aufklärung anderer
    Phänomene brauchbar werden, wenn wir an ihren Wert, ja
    auch nur an ihre Existenz glauben sollen. Und nun hat die
    Psychoanalyse wirklich gezeigt, dass die Annahmen der un-
    hewussten Seelentätigkeit, der Zensur und der Verdrängung, _
    der But-stellung und Ersatzbildung, welche wir durch die Ana-
    lyse jener normalen I'hänomene gewonnen haben, uns auch
    das erste Verständnis einer Reihe von pathologischen Phänome-
    nen ermöglichen, uns sozusagen die Schlüssel zu allen Rätseln
    der Neurosenpsychologie in die. Hände spielen. Der Traum
    wird so zum Normalvorbild aller psychopatholog'ischen Bil-
    dungen. Wer den Traum versteht, kann auch den psychischen
    Mechanismus der Neurosen und Psychosen durchschauen.

    Die Psychoanalyse ist durch ihre vom Traum ausgehende
    Untersuchungen in den Stand gesetzt werden, eine Neurosen-
    psychologie aufzubauen, zu welcher in stetig fortgesetzter Ar—
    beit Stiick um Stück hinzugefügt wird. Doch erfordert das
    psychologische Interesse, welchem wir hier folgen, nicht mehr,
    als dass wir zwei Bestandteile dieses grossen Zusammenhan—
    ges ausführlicher behandeln: Den Nachweis, dass viele Phä-

    ' Eine Beziehung dieser psychischen Topik auf anatomische Lagerung oder
    histologische Schichtung wird von der Psychoanalyse derzeit zurückgewiesen.

  • S.

    248 “ sorsnru „

    nomcne der Pathologie, die man glaubte physiologisch erklii
    ren zu müssen, psychische Akte sind, und dass die Prozesse,
    welche die abnormen Ergebnisse liefern, auf psychische Trieb-
    kriifte zurückgeführt werden können.

    Ich will die erste Behauptung durch einige Beispiele er-
    läutern: Die hysterischen Anfälle sind längst als Zeichen
    gesteigerter emotiver Erregung erkannt und den Affekta-ns-
    briichen gleichgestellt werden. Cha-rent versuchte die Hennig—
    faltigkeit ihrer Erscheinungsformen in deskriptive Formeln
    zu bannen; P. Janet erkannte die unbewusste Vorstellung,
    die hinter diesen Anfällen wirkt; die Psychoanalyse hat der-
    getan, dass sie mimische Darstellungen von erlebten und ge-
    dichteten Szenen sind, welche die Phantasie der Kranken be-
    schäftigen, ohne ihnen bewusst zu werden. Durch Verdich-
    tungen und Entstellungen der dargestellten Aktionen werden
    diese Pantomimen für den Zuschauer undurchsichtig gemacht
    Unter dieselben Gesichtspunkte fallen aber auch alle anderen
    sog. Dauersymptorne der hysterischen Kranken. Es sind durch-
    wegs mimische oder halluzinatorische Darstellungen von Phan-
    tasien, welche deren Gefühlsleben unbewusst beherrschen und
    eine Erfüllung ihrer geheimen verdrängten Wünsche bedeuten.
    Der qualvolle Charakter dieser Symptome rührt von dem in-
    neren Konflikt her, in welchen das Seelenleben dieser Kranken
    durch die Notwendigkeit der Bekämpfung solcher unbewusster
    Wunschregungen versetzt wird.

    Bei einer anderen neurotischen Afi‘ektion, der Zwangs
    neurose, verfallen die Kranken einem peinlich gehandhabten,
    anscheinend sinnlosen Zeremoniell, das sich in der Wiederho-
    lung und Rhythmierung der gleichgültigsten Handlungen wie
    Waschen, Ankleiden, oder in der Ausführung unsinniger Vor-
    schriften, in der Einhaltung rätselhafter Verbote äussert. Es
    war geradezu ein Triumph der psychoanalytischen Arbeit, als
    es ihr gelang nachzuweisen, wie sinnvoll all diese Zwangs-
    handlungen sind, selbst die unscheinbarsten und geringfügig-
    sten unter ihnen, wie sie die Konflikte des Lebens, den Kampf
    zwischen Ver-suchungen und moralischen Hemmungen, den
    verfehmten Wunsch selbst und die Strafen und Bussen dafür
    am indifl‘erenten Material widerspiegeln. Bei einer andern
    Form derselben Krankheit leiden die Betroffenen an peinigen-
    den Vorstellungen — Zwangsideen —‚ deren Inhalt sich ihnen
    gehieterisch aufdriingt, von Alfekten begleitet, die in Art und

  • S.

    DAB mrsnzssr: an DER rsronosnnnrsz 249

    Intensität durch den Wortlaut der Zwangsideen selbst oft nur
    sehr wenig erklärt werden. Die analytische Untersuchung hat
    hier gezeigt, dass die Atl‘ekte voll berechtigt sind, indem sie
    Vorwürfen entsprechen, denen wenigstens eine psychische Rea-
    lität zu Grunde liegt. Die an diese Affekte gehängten Vor-
    stellungen sind aber nicht mehr die ursprünglichen, sondern
    durch Verschiebung (Ersetzung, Substitution) von etwas Ver-
    drängtem in dieese Verknüpfung geraten. Die Reduktion (das
    Büekgängigmachen) dieser Verschiebungen bahnt den Weg
    zur Erkenntnis der verdrängten Ideen und lässt die Verknüp—
    fung von Afi‘ekt und Vorstellung als durchaus angemessen
    erscheinen.

    Bei einer andern neurotischen Afl'ektien, der eigentlich
    unheilbaren Demth praecox (Paraphrenie, Schizophrenie),
    welche in ihren schlimmsten Ausgängen die Kranken völlig
    teilnamlos erscheinen lässt, erübrigen oft als einzige Aktio-
    nen gewisse gleichförmig wiederholte Bewegungen und. Ge-
    sten, die als Stereotypien bezeichnet werden sind. Die analy-
    tische Untersuchnng solcher Reste (durch C. G. Jung) hat sie
    als Überbleibsel von sinnvollen mimischen Akten erkennen
    herzen, in denen sich einst die das Individuum beherrschenden
    Wunschreguugeu Ausdruck verschaflten. Die tollsten Reden
    und sonderharsten Stellungen und Haltungcn dieser Kranken
    haben ein Verständnis und die Einreihung in den Zusam-
    menhang des Seelenlebens gestattet, seitdem man mit psycho-
    analytischen Voraussetzungen an sie herangetreten ist.

    Ganz ähnliches gilt fiir die Delirien und Halluzinatio-
    nen und fiir die Wahnsysteme verschiedener Geisteskranker.
    Überall, wo bisher nur die bizarrste Laune zu walten schien,
    hat die psychoanalytische Arbeit Gesetz, Ordnung und Zu-
    sammenhäng aufgezeigt oder wenigstens ahnen lassen, inso—
    ferne diese Arbeit noch unvollendet ist. Die verschiedenen-ti-
    gen psychischen Erkrankungsformen erkennt man aber als
    Ausgänge von Prozessen, welche im Grunde identisch sind,
    und die sich mit psychologischen Begriffen erfassen und be-
    schreiben lassen. Überall sind der schon bei der Traumbil-
    dung eufgedeckte psych-isßhe Konflikt im Spiele, die Verdrän-
    gung gewisser Triebregnngen, die von anderen Seelenkriiften
    ins Unbewusst-e zurückgewiesen werden, die Reaktionsb-iidua-
    gen der verdrängenden Kräfte und die Ersatzbüciungen der ver-
    drängten, aber ihrer Energie nicht völlig beraubten Triebe.

  • S.

    250 “ sernrrru „

    Überall äussern sich bei diesen Vorgängen die vom Traum
    her bekannten Prozesse der Verdichtung und Verschiebung. Die
    Mannigfaltigkeit der in der psychiatrischen Klinik beobach-
    teten Krankheitsformen hängt von zwei anderen Mannigfal-
    tigkeiten ab: van der Vielheit der psychischen Mechanismen,
    welche der Verdrängumgsarbeit zu Gebote stehen, und von
    der Vielheit der entwickhmgsgeschichtlichen Dispositionen,
    welche den verdrängten Regnngen «den Durchbruch zu Ersatz-
    bildungen ermöglichen.

    Die gute Hälfte der psychiatrischen Aufgabe wird von
    der Psychoanalyse zur Erledigung an die Psychologie gewic-
    sen. Doch wäre es ein arger Irrtum, wollte man annehmen,
    dass die Analyse eine rein psychologische Auflassung der See-
    lenstörungen anstrebt oder befürwortet. Sie kann nicht ver-
    kennen, dass die andere Hälfte der psychiatrischen Arbeit
    den Einfluss organischer Faktoren (mechanischer, toxischen
    infektiöser) auf den seelischen Apparat zum Inhalt hat. In
    der Ätiologie der Seelenstörnngen nimmt sie nicht einmal
    für die mildesten derselben, fiir die Neurosen, einen rein psy-
    chogenen Ursprung in Anspruch, sondern sucht deren Ver-
    ursachnng in der Beeinfln8sung des Seelenlebens durch ein
    später zu erwähnendes, unzweifelhaft. organisches Moment.

    Die detaillierten Ergebnisse der Psychoanalyse, Welche
    für die allgemeine Psychologie bedeutsam werden müssen,
    sind allzu zahlreich, als dass ich sie hier anfiihren könnte.
    Ich Will nur noch zwei Punkte mit einer Erwähnung streifen:
    Die unzweideutige Art, wie die Psychoanalyse das Primat im
    Seelenleben fiir die Afl'ektvorgänge in Anspruch nimmt, und
    den Nachweis eines ungeahnten Ausmasses von aflbktiver
    Störung und Verblendnng des Intellekts bei den normalen
    nicht anders als bei kranken Menschen.

    Wien. Universität.
    SIGM. Essen