Das Interesse an der Psychoanalyse (2. Teil) 1913-011/1913.3

Freud, Sigmund (1913-011/1913.3): Das Interesse an der Psychoanalyse (2. Teil)

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  • S.

    DAS INTERESSE AN DER PSYCHOANALYSE

    ZW'EITER TEIL.

    Ihr Interesse für die nicht psychologischen
    1Wissennehn.l'littn.

    a) Das sprachwissmschaftlitflcß Interesse.

    Ich überschreite gewiss die gebräuchliche Wortbedeutung,
    wenn ich das Interesse des Sprachforsehers fiir die Psyche-
    analyse postuliere. Unter Sprache muss hier nicht bloss der
    Ausdruck von Gedanken in Worten, sondern auch die Gebär-
    densprache und jede andere Art von Ausdruck seelischer Tä-
    tigkeit, wie die Schrift, verstanden werden. Dann aber darf
    man geltend machen, dass die Deutungen der Psychoanalyse
    zunächst Übersetzungen aus einer uns fremden Ausdrucks—
    weise in die unserem Denken vertraute sind. Wenn wir einen
    Traum deuten, so übersetzen wir bloss einen gewissen Gedan-
    keninhelt (die letenten Treumgedanken) aus der « Sprache
    des Traumes » in die unseres Weehlebem. Man lernt dabei die
    Eigentümiichkeiten dieser Traumsprache kennen und gewinnt
    den Eindruck, dass sie einem in hohem Grade archaieuhen
    Ausdruckssystem angehört. So 2. B. wird die Negation in der
    Sprache des Treumes niemals besonders bezeichnet. Gegensätze
    vertreten einander im Trauminhelt und werden durch dasselbe
    Element dargestellt. Oder, wie man auch sagen kann: In der
    - Traumsprache sind die Begriffe noch a.:nbivalent, vereinigen
    in sich entgegengesetzte Bedeutungen, wie es nach den An—
    nahmen der Sprachforscher bei den ältesten Wurzeln der
    historischen Sprachen der Fall gewesen ist.1 Ein anderer auf-

    ! Vgl. Ann, Über den Gegensinu der Urworte. Referat im «Jahr!». f. psy-
    choannl. u. psychoputhol. Forschg. », Il. Bd.. 1910.

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    370 “ soxnnrm „

    fiilliger Charakter unserer Traumsprache ist die überaus häufige
    Verwendung der Symbole, die in gewissem Masse eine Über—
    setzung des Trauminhaltes unabhängig von den individuel-
    len Assoziationen gestatten. Das Wesen dieser Symbole ist
    von der Forschung noch nicht klar genug erfasst; es sind Er-
    setzungen und Vergleichungen auf Grund von Ähnlichkeiten,
    die zum Teil klar zu Tage liegen; bei einem anderen Teile
    dieser Symbole ist aber das zu vermutende Tertium compare-
    tionis unserer bewussten Kenntnis abhanden gekommen. Ge-
    rade diese Symbole dürften aus den ältesten Phasen der Sprach-
    entwicklung und Begrifi'sbildnng stammen. Im Trauma sind es
    vorwiegend die Sexualorgane und. die sexuellen Verrichtungen,
    welche eine symbolische Darstellung, anstatt einer direkten,
    erfahren. Ein Sprachforscher, Hans Sperber (Upsala), hat erst
    kürzlich den Nachweis versucht, dass Worte, die ursprünglich
    sexuelle Tätigkeiten hedeuteten, auf Grund solcher Verglei-
    chung‘zu einem ausserordentlich reichen Bedeutungswandel
    gelangt sind. ‘

    Wenn wir daran denken, dass die Darstellungsmittel des
    Traumes hauptsächlich visuelle Bilder, nicht Worte, sind, so
    wird uns der Vergleich des Traumes mit einem Schriftsystem
    noch passender erscheinen als der mit einer Sprache. In der
    Tat ist die Deutung eines Traumes durchaus analog der Ent-
    zifl‘erung einer alten Bildersehrift, wie der ägyptischen Hie-
    roglyphen. Es gibt hier wie dort Elemente, die nicht zur
    Deutung, respektive Lesung, bestimmt sind, sondern nur als
    Deterrninativa das Verständnis anderer Elemente sichern sol—
    len. Die Vieldeutigkeit verschiedener Traumelemente findet
    ihr Gegenstück in diesen alten Schriftsystemen ebenso wie
    die Auslassung verschiedener Relationen, die hier wie dort
    aus dem Zusammenhange ergänzt werden müssen. Wenn eine
    solche Aufi'assung der Traumdarstellung noch keine weitere
    Ausführung gefunden hat, so geht dies auf den leicht begreif-
    lichen Umstand zurück, dass dem Psychoanalytiker durchwegs
    jene Gesichtspunkte und Kenntnisse abgeben, mit denen der
    Sprachforscher an ein Thema wie das des Traumes herantre—
    ten würde.

    Die 'l‘raumsprache, kann man sagen, ist die Atßtlrucksweisc
    der unbewussten Seelentiitigkeit. Aber das Unbewusste spricht

    ‘ “«Ixmo „ Zeitschrift ‚fiir die Anwendung der Psychoanalyse auf die Gei-
    sicswissrnschaflnr. Wien, bei H. Heller & C.“, [. Bd., 1912.

  • S.

    nhs rnrsnssss AN DER rsronosssnrss 371

    mehr als nur einen Dialekt Unter den veränderten psycho—
    logischen Bedingungen, welche die einzelnen Formen von
    Neurose charakterisieren und von einander scheiden, ergeben
    sich auch konstante Abänderungen des Ausdrucks fiir unbe-
    wusste seelische Regnngen. Während die Gebärdensprache der
    Hysterie im Ganzen mit der Bildersprache des Traumes, der
    Visionen usw. zusemmentrifi't, ergeben sich besondere idioma-
    tische Ausbildungen fiir die Gedankensprache der Zwangsneu-
    rose und der Paraphrenien (Dementie presse und Paranoia),
    die Wir in einer Reihe von Fällen bereits verstehen und auf
    einander beziehen können. Was z. B. eine Hysterika durch ‚Er-
    brechen darstellt, des wird sich beim Zwengskranken durch
    peinliche Selmtzmassregeln gegen Infektion äussern und den
    Parsphreniker zur Klage oder zum Verdacht, dass er cergiflet
    werde, veranlassen. Was hier so verschiedenen Ausdruck fin-
    det, ist der ins Unbewusste verdrängte Wunsch nach Schwerte
    gerang, respektive die Abwehr der erkrankten Person gegen
    denselben.

    b) Das philosophische Interesse.

    Insofern die Philosophie auf Psychologie aufgebaut ist,
    wird sie nicht umhiu können, den psychosnalytischen Beitrit-
    gen zur Psychologie in ausgiebigster Weise Rechnung zu tra-
    gen und auf diese neue Bereicherung unseres Wissens in ähnli-
    cher Art zu reagieren, wie sie es bei allen bedeutenderen Fort-
    schritten der Spezislwissenschaften gezeigt hat. Insbesondere
    die Aufstellung der unbéWnß$tefl Seeloutiitigkeiten muss die
    Philosophie nötigen, Partei zu nehmen und im Falle der Zu—
    stimmung ihre Hypothesen iiber das Verhältnis des Seelischen
    zum leiblichen zu modifizieren, bis sie der neuen Kenntnis
    entsprechen. Die Philosophie hat sich allerdings wiederholt mit
    dem Problem des Unbewnssten beschäftigt, aber ihre Vertreter
    haben dabei —- mit wenigen Ausnahmen — eine von den zwei
    Positionen eingenommen, die nun anzufiihren sind. Entweder
    ihr Unbewusstes war etwas Mystisches, nicht Greifbares und
    nicht Aufzeigbares, dessen Beziehung zum Seelischen im Dun-
    keln blieb, oder sie haben das Seelische mit dem Bewussten
    identifiziert und dann aus dieser Definition abgeleitet, dass
    etwas Unbewusstes nichts Seelisches und kein Gegenstand der
    Psychologie sein könne. Diese Äusserungen fiihren daher,

  • S.

    372 “ screnr1s „

    dass die Philosophen das Unbewusste beurteilt haben, ohne
    die Phänomene der nnbewussten Seelentätigkeit zu kennen,
    also ohne zu ahnen, inwieweit sie den bewussten Phänomenen
    nahe kommen, und worin sie sich von ihnen unterscheiden.
    Will jemand trotz dieser Kenntnisnahme an der Konvention
    festhalten, welche Bewusstes und Psychisches gleichstellt, und
    darum dem Unhewussten den psychischen Charakter abspre-
    chen, so ist dagegen natürlich nichts einznwenclen, ausser dass
    eine solche Scheidung sich als höchst unpraktisch herausstellt.
    Denn das -Unbewusste ist. von seiten seiner Beziehung zum
    Bewussten, mit dem es so vieles gemeinsam hat, leicht zu be-
    schreiben und in seinen Entwicklungen zu. verfolgen; von der
    Seite des physischen Prozesses ihm näher zu kommen, erscheint
    hingegen jetzt noch völlig ausgeschlossen. Es muss also Objekt
    der Psychologie bleiben.

    Noch in anderer Art kann die Philosophie aus der Psy-
    choanalyse Anregtmg gewinnen, nämlich indem sie selbst zum
    Objekt derselben wird. Die philosophischen Lehren und Sy-
    steme sind das Werk einer geringen Anzahl von Personen von
    hervorragender individueller Ausprägung; in keiner anderen
    Wissenschaft fällt auch der Persönlichkeit des wissenschaftli-
    chen Arbeiters eine annähernd so grosse Rolle zu wie gerade bei
    der Philosophie. Nun setzt uns erst die Psychoanalyse in den
    Stand, eine Psychographie der Persönlichkeit zu geben (Vgl.
    unten das soziologische Interesse). Sie lehrt uns die effektiven
    Einheiten — die von Trieben abhängigen Komplexe — kennen,
    welche in jedem Individuum vorauszusetzen sind, und leitet
    uns in das Studium der Umwandlungen und Endergebnisse,
    welche aus diesen Triebkräften hervorgehen. Sie deckt die Be-
    ziehungen auf, welche zwischen konstitutionellen Anlagen und
    Lebenssehicksalcn einer Person und den dank einer besonderen
    Begabung bei ihr möglichen Leistungen bestehen. Die intime
    Persönlichkeit des Künstlers, die sich hinter seinem Werk ver-
    birgt, vermag sie aus diesem Werk mit grösserer oder gerin—
    gerer Trefl’sicherheit zu erraten. So kann die Psychoanalyse
    auch die subjektive und individuelle Motivierung von philo-
    sophischen Lehren aufzeigen, welche vorgeblich unparteiiscber
    logischer Arbeit entsprungen sind, und der Kritik die schwa-
    chen Punkte des Systems anzeigen. Diese Kritik selbst zu be-
    sorgen, ist nicht Sache der Psychoanalyse, denn, wie begreiiiich,
    schliesst die psychologische Determinierung einer Lehre ihre
    wissenschaftliche Korrektheit keineswegs aus.

  • S.

    DAS INTEBESBE AN DER PSYCHOANALYSE 373

    c) Das biologische Interesse.

    Die Psychdanslyse hat nicht wie andere junge Wissen—
    schaften das Schicksal gehabt, von erwartungevoller Teilnahme
    der am Fortschritt der Erkenntnis Interessierten begrüsst zu
    werden. Sie wurde lange Zeit nicht angehört, und als endlich
    Vernachlässigung nicht mehr möglich war, wurde sie aus af-
    fektiven Gründen Gegenstand heftigster Anfeindung von sei—
    ten solcher, die sich nicht die Mühe gegeben hatten, sie ken-
    nen zu lernen. Diese unfreundiiehe Aufnahme verdankt sie
    dem einen Umstand, dass sie an ihren Forschungsobjekten friih-
    zeitig die Entdeckung machen musste, die 11er‘viisen Erkrankun-
    gen seien der Ausdruck von Störung der Serenlfimktion, und
    darum Gründe hatte, sich der Erforschung der allzu lange ver-
    nachlässigten Sexualfunkticn zu widmen. Wer aber en der
    Forderung festhält, dass wissenschaftliches Urteil nicht durch
    aii'ektive Einstellungen beeinflusst werden darf, wird der Psy-
    choanalyse wegen dieser ihrer Forschungsrichtung hohes bio-
    logisches Interesse zugestehen und die “"idcrstiiude gegen sie
    gerade als Beweise für ihre Behauptungen verwerten.

    Die Psychoanalyse ist der menschlichen Sexualfunktion
    gerecht geworden, indem sie die von vielen Dichtern und man-
    chen Philosophen hetonte, von der Wissenschaft niemals ener-
    kannte Bedeutung derselben für das seelische und praktische
    Leben bis in: Einzelne verfolgte. Für diese Absicht musste
    zunächst der ungehiihrlich eingeengfe Begriff der Sexualität
    eine Erweiterung erfahren, welche sich durch die Berufung
    auf die Überschreitungen der Sexualität (die sog. Perversio-
    nen) und auf das Benehmen des Kindes rechtfertigen liess
    Es zeigte sich als unheltbur, noch länger zu behaupten, dass
    die Kindheit aeexuell sei und erst zur Zeit der Pubertät von
    dem plötzlichen Einbruch der sexuellen Regungen überfallen
    werde. Vielmehr konnte die Beobachtung, wenn sie sich nur
    erst der Blendung durch Interesse und Vorurteil entzogen hatte,
    mit Leichtigkeit nachweisen, dass sexuelle Interessen und Be-
    tätigungen beim menschlichen Kinde fast zu jeder Lebenszeit
    und von allem Anfang an bestehen. Diese infsntile Sexualität
    wird in ihrer Bedeutsamkeit nicht dadurch beeinträchtigt, dass
    ihre Grenzen gegen das asexuelle Tun des Kindes nicht an
    allen Stellen mit voller Sicherheit shzustecken sind. Sie ist.

  • S.

    374 . “ sorns*rrn „

    aber etwas anderes als die « normal » genannte Sexualität des
    Erwachsenen. Ihr Umfang schliesst die Keime zu all jenen
    sexuellen Betätigamgen ein, die später als Perversionen dem
    normalen Sexualleben schreit gegenübergestellt werden, dann
    aber auch unbegreiflich und lasterhal‘t erscheinen müssen. Aus
    der infantilen Sexualität geht die normale des Erwachsenen
    hervor durch eine Reihe von Entwickhrngsvmgängen, Zusam-
    mensetzungen, Abspaltungen und Unterdrückungen, welche
    fast niemals in idealer Vollkommenheit erfolgen und. darum die
    Dispositionen zur Rückbildnng der Funktion in Krankheitszu-
    stünden hinterlassen.

    Die infentile Sexualität lässt zwei weitere Eigenschaften
    erkennen, welche fiir die biologische Auffassung bedeutungsvoll
    sind. Sie erweist ihre Zusammensetzung aus einer Reihe von
    Partieltrieben, welche an gewisse Körperregionen —— erogene
    Zonen —- geknüpft erscheinen, und von denen einzelne von
    Anfang an in Gegensatzpearen —— als Trieb mit aktivem und
    passivem Ziel — auftreten. Wie spitterhin in Zuständen des
    sexuellen Begehrens nicht bloss die Geschlechtsorgane der ge-
    liebten Person, sondern deren ganzer Körper zum Sexualobjekt
    wird, so sind von allem Anfang an nicht bloss die Genitalien,
    sondern auch verschiedene andere Körperstellen die Ursprungs-
    stätten sexueller Erregtmg und ergeben bei geeigneter Rei-
    zung sexuelle Lust. Damit in engem Zusammenhange steht
    der zweite Charakter der infsntilen Sexualität, ihre anfäng-
    liche Anlehnung an die der Selbsterhaltung dienenden Funk-
    tionen der_Nabrungsnufhahme und der Ausscheidung, wahr—
    scheinlich auch der Muskelerregrrng und der Sinnestätigkeit.

    Wenn wir die Sexualität mit Hilfe der stchoanalyse
    beim gereil’ten Individuum studieren und das Leben des Kin-
    des im Lichte der so gewonnenen Einsichten betrachten, er—
    scheint uns die'Sexualität nicht als eine bloss der Fortpflanzung
    dienende, der Verdauung, Atmung usw. gleichzmtellende
    Funktion, sondern als etwas weit Selbständigeres, was sich
    vielmehr allen andern Tätigkeiten des Individuums gegenü-
    berstellt und erst durch eine komplizierte, an Einschränkungen
    reiche Entwicklung in den Verband der individuellen Öko-
    nomie gezwungen wird. Der theoretisch sehr wohl denkbare
    Fall, dass die Interessen dieser sexuellen Strebnngen nicht
    mit denen der individuellen Selbsterhaltung msnmmenfallen,
    scheint in der l(renkhcil-sgrnppe der Nenrosen verwirklicht

  • S.

    nes mrnunsss AN uns rsronosusnrss 375

    zu sein, denn die letzte Formel, welche die Psychoanalyse
    über das Wesen der Neurosen ergibt, lautet: Der Urkonflikt,
    aus welchem die Neurosen hervorgehen, ist der zwischen den
    das Ich erhaltenden und den sexuellen 'l‘rieben. Die Neurosen
    entsprechen einer mehr oder wehiger partiellen Überwält‘igung
    des Ich durch die Sexualität, nachdem dem Ich der Versuch
    zur Unterdrückung der Sexualität misslungen ist.

    Wir haben es notwendig gefunden, biologische Gesichte-
    punkte während der psychoanalytischen Arbeit ferne zu halten,
    und solche auch nicht zu heuristischen Zwecken zu verwenden,
    damit wir in der unparteiischen Beurteilung. der uns vorlie-
    genden psychoanalytischen Tatbestände nicht beirrt werden.
    Nach vollzogener psychoanalytischer Arbeit miissen wir aber
    den Anschluss an die Biologie finden und dürfen zufrieden
    sein, wenn er schon jetzt in dem einen oder anderen wesent-
    lichen Punkte gesichert scheint. Der Gegensatz zwischen
    Ichtrieben und Sexualtrieb, auf den wir die Entstehung der
    Neurosen znriickfiihren mussten, setzt sich als Gegensatz
    zwischen Trieben, welche der Erhaltung des Individuums, und
    solchen, die der Fortsetzung der Art dienen, aufs biologische
    Gebiet fort. In der Biologie tritt uns die umfassenden Vor-
    stellung des unsterblichen Keimplasmas entgegen, an welchem
    wie snlrzessitr entwickelte Organe die einzelnen vergänglichen
    Individuen hängen; erst aus dieser können wir die Rolle der
    sexuellen Triebkrätte in der Physiologie und P8ychologie des
    Einzelwesens richtig verstehen.

    Trotz aller Bemühung, biologische Termini und Gesichts-
    punkte nicht zur Herrschaft in der psychoanalytischen Ar-
    beit gelangen zu lassen, können wir es nicht vermeiden, sie
    schon in der Beschreibung der von uns studierten Phänomene
    zu gebrauchen. Wir können dem « Trieb » nicht ausweichen als
    einem Grenzbegrifi' zwischen psychologischer und biologischer-
    Aufi'sssung, und wir sprechen von « männlichen » und « weib-
    lichen » seelischen Eigenschaften und Strebungen, obwohl die
    Geschlechtsverschiedenheiten streng genommen keine beson—
    dere psychische Charakteristik beanspruchen können. Was wir
    im Leben männlich oder weiblich heissen, reduziert sich fiir
    die psychologische Betrachtung auf die Charaktere der Akti-
    vität und der Passivitiit, d. h. auf Eigenschaften, welche nicht
    von den Trieben selbst, sondern von deren Zielen anzugeben
    sind. In der regelmässigen Gemeinschaft solcher « aktiver »

  • S.

    376 “ seien-ru „

    und « passiver » Triebe im Seelenleben spiegelt sich die Bi-
    sexualität der Individuen, welche zu den klinischen Voraus-
    setzungen der Psychoanalyse gehört.

    Ich werde befriedigt sein, wenn diese wenigen Bemer-
    kungen darauf aufmerksam gemacht haben, welch ausgiebige
    Vermittlung zwischen der Biologie und der Psychologie durch
    die Psychoanalyse hergestellt wird.

    (1) Das entwicklungsgcschichtlichs Interesse.

    Nicht jede Analyse psychologischer Phänomene wird den
    Namen einer Psychoanalyse verdienen. Die letztere bedeutet
    mehr als die Zerlegung zusammengesetzter Erscheinungen in
    einfachem; sie besteht in einer Zurückfiihrung einer psychi-
    schen Bildung auf andere, welche ihr zeitlich vorhergegangen
    _ sind, aus denen sie sich entwickelt hat. Das ärztliche psy—
    choanalytische Verfahren konnte kein Leidensymptom besei-
    tigen, wenn es nicht seiner Entstehung und Entwicklung
    nachspiirte: so ist die Psychoanalyse von allem Anfang an
    auf die Verfolgung von Entwicklungsvorgängen gewissen
    werden. Sie hat. zuerst die Genese neurotischer Symptome
    aufgedeckt; im weiteren Fortschritt musste sie andere psychi-
    sche Bildungen in Angrifl' nehmen und die Arbeit einer ge—
    netischen Psychologie an ihnen leisten.

    Die Psychoanalyse ist genötigt werden, das Seelenleben
    des Erwachsenen aus dem des Kindes abzuleiten, Ernst zu
    machen mit dem Satze: das Kind ist der Vater des Mannes.
    Sie hat die Kontinuität der infantilen Psyche mit der des Er-
    wachsenen verfolgt, aber auch die Umwandlungen und Umord-
    nungen gemerkt, welche auf diesem Wege vor sich gehen. Die
    meisten von uns haben eine Gedächtnisliicke für ihre ersten
    Kinderjahre, aus welcher sich nur einzelne Brocken Erinne—
    rung heraushehen. Man darf behaupten, dass die Psychoana—
    lyse diese Lücke ausgefüllt, diese Kindheitsamnesie der Men-
    schen beseitigt hat (vgl. das pädagogische Interesse).

    Während der Vertiefung in das infantiie Seelenleben
    haben sich einige bemerkenswerte Funde ergehen. So liess
    sich bestätigen, was man oftmals vorher geahnt hatte, von
    welch ausserordentlicher Bedeuan fiir die ganze spätere
    Richtung eines Menschen die Eindrücke seiner Kindheit, ganz
    besonders aber seiner ersten liindheitsjahre, sind. Man ist

  • S.

    uns nem-messe AN man rsrononxnnrss 37"?

    dabei auf“ ein psychologisches Pnradoxon gestessen, welches nur
    fiir die psychonnalytische Auflassung keines ist, dass gerade
    diese allerbedentsemsten Eindrücke im Gedächtnis der spli-
    teren Jahre nicht enthalten sind. Die Psychoanalyse hat diese
    Vorbildlichkeit und Unverlöschbarkeit frühester Erlebnisse
    gerade für das Sexuallebeh am deutlichsten feststellen können.
    « On revient toujours ä ses premiöres amours » ist eine nüch-
    terne Wahrheit. Die vielen Rätsel des Liebeslebens Erwach-
    sener lösen sich erst durch die Hervorhebung der infsntilen
    Momente in der Liebe. Fiir die Theorie dieser Wirkungen
    kommt in Betracht, dass die ersten Kindererlebnisse dem In-
    dividuum nicht nur als Zni'iilligkeiteu widerfnhren, sondern
    auch den ersten Bctii.tigungen der von ihm konstitutionell
    mitgebraehten Triebänlngen entsprechen.

    Eine andere, weit überraschenden Aufdeckung hat zum
    Inhalt, dass von den infentilen seelischen Formationen trotz
    aller späteren Entwicklung beim Erwachsenen nichts unter-
    geht. Alle_Wiinsehe, Triebregungen, Reaktionsweisen, Einstel-
    lungen des Kindes sind beim gereiften Menschen nachweisbar
    noch vorhanden und können unter geeigneten Konstellationen
    wieder zum Vorschein kommen. Sie sind nicht zerstört, son-
    dern bloss iiber-lagert, wie die psychoenalytische Psychologie
    in ihrer räumlichen Darstellungsweise sagen muss. Es wird
    so zum Charakter der seelischen Vergangenheit, dass sie nicht,
    Wie die historische, von ihren Abkömmlingen aufgezehrt wird;
    sie besteht Weiter neben dem, was aus ihr geworden ist, ent-
    weder bloss virtuell oder in realer Gleichzeitigkeit. Beweis
    dieser Behauptung ist es, dass der Traum des normalen Men-
    schen nllniichtlich dessen Kindercharekter wiederbelebt und
    sein ganzes Seelenleben auf eine infsntile Stufe zurückführt.
    Dieselbe Rückkehr zum psychischen Infantilism us (Regression)
    stellt sich bei den Neurosen und Psychosen here-us, deren
    Eigentümlichkeiten zum grossen Teil als psychische Arche
    ismen zu beschreiben sind. In der Stärke, welche den infa.ntilen
    Resten im Seelenleben verblieben ist, sehen wir das Mass
    der Krenkheitsdisposition, so dass uns diese zum Ausdruck
    einer Entwicklungsbenunung wird. Das infnntil Gebliebene,
    als unbrauchbar Verdrängte im psychischen Material eines
    Menschen bildet nun den Kern seines Unbe1vusste'n, und wir
    glauben in den Lebensgesehiehtcn unserer Kranken verfolgen
    zu können, wie dieses von den verthüngenden Kräften zurück-

    V01. XIV 41

  • S.

    378 “ scrsrrru „

    gehaltene Unbewusste auf Betätigung lauert und die Gele-
    genheiten nusniitzt, 1wenn es den späteren und höheren psy-
    chischen Bildungen nicht gelingt, der Schwierigkeiten der
    realen Welt Herr zu werden.

    In den allerletzten Jahren hat sich die psychoanslytische
    Arbeit darauf besonnen, dass der Satz: die Ontogenie sei eine
    Wiederholung der Phylogenie', auch auf das Seelenleben an-
    wendbar sein müsse,1 und daraus ist eine neue Erweiterung
    des psychoanalytischen Interesses hervorgegangen.

    e) Das kulturhistorische Interesse.

    Die Vergleichung der Kindheit des einzelnen Menschen
    mit der Frühgeschichte der Völker hat sich bereits nach meh—
    reren Richtungen als furchtbar erwiesen, trotzdem diese Ar—
    beit kaum mehr als begonnen werden konnte. Die psycho-
    anslytische Denkweise benimmt sich dabei wie ein neues Instru-
    ment der Forschung. Die Anwendung ihrer Voraussetzungen
    auf die Völkerpsychologie gestattet ebenso neue Probleme
    aufzuwerfen wie die bereits bearbeiteten in neuem Lichte zu
    sehen und zu deren Lösung beizutragen.

    Zunächst erscheint es durchaus möglich, die am Traum ge-
    wonnene psychosnalytische Auflassung auf Produkte der
    Völkerphantasie wie Mythos und Märchen zu übertragen. '
    Die Aufgabe einer Deutung dieser Gebilde liegt seit langem
    vor; man ahnt einen « geheimen Sinn » derselben, man ist
    a.qubä.ndemngen und auf Umwandlungen vorbereitet, welche
    diesen Sinn verdecken. Die Psychoanalyse bringt von ihren
    Arbeiten an Traum und Neurose die Schulung mit, welche
    die technischen Wege dieser Entstellungen ernsten kann. Sie
    kann aber auch in einer Reihe von Fällen die verborgenen
    Motive auf'decken, welche diese Wandlungen des Mythus von
    seinem ursprünglichen Sinn verursacht haben. Den ersten
    Anstoss zur Mythenbildu.ng kann sie nicht in einem theore-
    tischen Bedürfnis na.ch Erklärung der Naturerscheinungen und.
    nach Rechenschaft fiir unverständlich gewordene Kultvor-
    schriften und Gebrii.uche erblicken, sondern sucht ihn in den
    nii1nlichen psychischen « limnplexen », in denselben uftbktiven

    " Abraham, Spielmin‚ Jung.
    ’ Abraham, Rank. Jung.

  • S.

    DAS INTERESSE AN DER PSYCHOANAIJYSE 379

    Strebungen, welche sie zu Grunde der Träume und der Symp-
    tomhildungen nachgewiesen hat.

    Durch die gleiche Übertragung ihrer Gesichtspunkte, Vor-
    aussetzrmgen und Erkenntnisse wird die Psychoanalyse be—
    fähigt, Licht auf die Ursprünge unserer grossen kulturellen
    Institutionen, der Religion, der Sittlichkeit, des Rechts, der
    Philosophie zu werfen. ‘ Indem sie den primitiven psycholo-
    gischen Situationen nachspiirt, aus denen sich die Antriebe
    zu solchen Schöpfungen ergeben konnten, kommt sie in die
    Lage, manchen Erklämngsversuch zurückzuweisen, der auf eine
    psychologische Voriäufigkeit gegründet war, und ihn durch
    tiefer reichende Einsichten zu ersetzen.

    Die Psychoanalyse stellt eine innige Beziehung her zwi-
    schen all diesen psychischen Leistungen der Einzelnen und
    der Gemeinschaften, indem sie dieselbe dynamische Quelle
    für beide postuliert. Sie knüpft an die Grundverstellung an,
    dass es die Hauptfunktion des seelischen Mechanismus ist,
    das Geschöpf Von den Spannungen zu entlasten, die durch
    Bedürfnisse in ihm erzeugt werden. Ein Teil dieser Aufgabe
    wird lösbar durch Befriedigung, welche man von der Aussen—
    welt erzwingt; zu diesem Zwecke wird die Beherrschung der
    realen Welt Erfordernis. Einem anderen Teil dieser Bedürf-
    nisse, darunter wesentlich gewissen effektiven Strebnngen,
    versagt die Realität regelmässig die Befriedigung. Daraus
    geht ein zweites Stück der Aufgabe hervor, den unhefriedigten
    Strehungen eine andersnrtige Erledigung zu verschaffen. Alle
    Kulturgeschichte zeigt nur, welche Wege die Menschen zur
    Bindung ihrer unbefriedigten Wünsche einschlngen unter den
    wechselnden und durch technischen Fortschritt veränderten
    Bedingungen der Gewährung und Verengung von Seiten der
    Realität.

    Die Untersuchung der primitiven Völker zeigt die Men-
    schen zunächst im kindlichen Allrnachtsglsuben befengen '
    und lässt eine Menge von seelischen Bildnngen als Bemühun—
    gen verstehen, die Störungen dieser Allmacht abzuleugnen und
    so die Realität von ihrer Wirkung aufs Afi'ektleben fern zu

    ' Ansätze Menu bei June, Wundhmgcn und Symbole der Libido. 1912.
    und FRIUD. Übereinstimmnngcn im Scelcnleben der Wilden und der Neure-
    tikcr. “lrnagc„ . I und 1.1.

    ' Pearson, Entwicklungsslufcndes Wirklicl'rkeilssinnsc, «Intern. Zeitsch.
    f. iin”th Psychoanalyse—, I, !, 1913. —— Fauna, .-1nimismns, Magie und Alhnacht
    dcr f_icdmrkcn‚ “Imagc‚„ H, i, 1913. .

  • S.

    380 “ sornnrm „

    halten, solange man dieselbe nicht besser beherrschen und zur
    Befriedigung ausnützen kann. Das Prinzip der Unlustvermei-
    dung beherrscht das menschliche Tun so lange, bis es durch
    das bessere der Anpassung an die Aussenwelt abgelöst wird.
    Parallel zur fortschreitenden Weltbeherrschung des Menschen
    geht eine Entwicklung seiner ”Weltanschauung, welche sich
    immer mehr von dem ursprünglichen Allmachtsglauben ab—
    wendet, und von der animistischen Phase durch die religiöse
    zur wissenschaftlichen ansteigt. In diesen Zusammenhang fügen
    sich Mythus, Religion und Sittliclüreit als Versuche, sich fiir
    die mangelnde Wunschbefriedigung Entschädigung zu schaffen.

    Die Kenntnis der neurotischen Erkrankungen einzelnen
    Menschen hat für das Verständnis der grossen sozialen In-
    stitutionen gute Dienste geleistet, denn die Neurosen selbst
    enthüllt—en sich als Versuche, die Probleme der Wunschkom-
    pensation individuell zu lösen, welche durch die Institutionen
    sozial gelöst werden sollen. Das Zurücktreten des sozialen
    Faktors und das Überwiegen des sexuellen macht diese neu-
    rotischen Lösungen der psychologischen Aufgabe zu Zen-bil-
    dern, unbrauchbar fiir anderes als für unsere Autklärung über
    diese bedeutsamen Probleme.

    f) Das kumtw-issmchqftliche Interesse.

    Über einige der Probleme, welche sich an Kunst und
    Künstler knüpfen, gibt die psychoanalytische Betrachtung be-
    friedigenden Aufschluss; andere entgehen ihr völlig. Sie er-
    kennt auch in der Übung der Kunst eine Tätigkeit, welche
    die Beschwichtigung 1merledigter Wünsche beabsichtigt, und
    zwar zunächst beim schafi'endeu Künstler selbst, in weiterer
    Folge beim Zuhörer'oder Zuschauer. Die Triebkräfte der
    Kunst sind dieselben Konflikte, welche andere Individuen in
    die Neurose drängen, die Gesellschaft zum Aufbau ihrer In-
    stitutionen bewegen haben. Woher dem Künstler die Fähig-
    keit zum Schaffen kommt, ist keine Frage der Psychologie.
    Der Künstler sucht zunächst Selbstbefreiung und führt die—
    selbe durch Mitteilung seines Werkes den anderen zu, die
    an den gleichen verhaltenen Wünschen leiden. ' Er stellt zwar
    seine persönlichsten \Vunschphuntasien als erfüllt dar, aber

    ' Vgl. D. Rasa, Der Künstler, 1Wien 190i'.

  • S.

    nes rnrnnssss an man. rsrenonsnrsn 381

    diese werden zum Kunstwerk erst durch eine Umformung
    welche das Anstössige dieser Wünsche mildert, den persönli-
    chen Ursprung derselben verhiillt, und durch die Einhaltung
    von Schönheitsregeln den anderen bestechende Lustprämien
    bietet. Es füllt der Psychoanalyse nicht schwer, neben dem
    manifesten Anteil des künstlerischen Genusses einen latenten,
    wiewohl weit wirksameren, aus den versteckten Quellen der
    Triebbefreiung nachzuweisen. Der Zusammenhang zwischen
    den Kindheitseimlrücken und Lebensschicksalen des Künstlers
    und seinen Werken als Reaktionen auf diese Anregungen
    gehört zu den anziehendsten Objekten“ der analytischen Be-
    trachtung. ‘

    Im Übrigen harten noch die meisten Fragen des Kunst-
    schafi'ens und Kunstgeniessens einer Bearbeitung, welche das
    Licht analytischer Erkenntnis auf sie fallen lässt und. ihnen
    ihre Stelle in dem komplizierten Aufbau der menschlichen
    Wunschkornpensatiouen nnweist. Als kontrentionell angesteu-
    clene Realität, in welcher Dank der künstlerischen Illusion
    Symbole und Ersatzbilclungen wirkliche Afi'ekte hervorrufen
    dürfen, bildet die Kunst ein Zwischenmich zwischen der
    wunschversagenrlen Realität und der mmseherfiillenden Phan-
    tasiewelt, ein Gebiet, auf dem die Allmachtbestrebnngen der
    primitiven Menschheit gleichsam in Kraft verblieben sind.

    3) Das 802i0109-£36h6 Interesse.

    Die Psychoanalyse hat zwar die individuelle Psyche zum
    Objekt genommen, aber bei tler Erforschung derselben konn-
    ten ihr die effektiven Grundlagen fiir das Verhältnis des Ein—
    zelnen zur Gesellschaft nicht entgehen. Sie hat gefunden, dass
    die sozialen Gefühle regelmässig einen Beitrag 1von seiten
    der Erotik führen, dessen Überbetonung und nachfolgende
    Verdrängung zur Charakteristik einer bestimmten Gruppe
    von Seelenstörungen wird. Sie hat den asozialen Charakter
    der Neurosen iiberhaupt erkannt, welche ganz allgemein dahin
    streben, das Individuum aus der Gesellschaft zu drängen und
    ihm das Klosterasyl früherer Zeiten durch die Krankheitsiso—
    lier1mg zu ersetzen. Das intensive Verschuldungsgefiihl, wel-

    ' Siehe 0. Bus, Das Inzestmotiv in Dichtung und Saga. Vivien 1912. —

    Auch für die Anwendung auf ästhetische Probleme. Fnenn, Der Witz und
    seine Beziehung zum: Ünbemarsfen, 1905.

  • S.

    382 “ sorsnrm „

    ches so viele Neurosen beherrscht, erwies sich ihr als die so-
    ziale Modifikation der neurotischen Angst.

    Anderseits deckt die Psychoanalyse den Anteil, welchen
    soziale Verhältnisse _und Anforderungen an der Verursachung
    der Neurose haben, im weitesten Ausmasse auf. Die Kräfte,
    welche die Triebeinschränkung und Triebverdrä.ngung von sei-
    ten des Ich herbcit‘iihren, entspringen wesentlich der Gefügig-
    keit gegen die sozialen Kulturfordernngen. Dieselbe Konsti-
    tution und. dieselben Kindheitserlebnisse, welche sonst zur
    Neurose fiihren müssten, werden diese Wirkung nicht hervor-
    rufen, wenn solche Gefügigkeit nicht vorhanden ist, oder solche
    Anforderungen von dem sozialen Kreis, für welchen das In-
    dividuum lebt, nicht gestellt werden. Die alte Behauptung,
    dass die fortschreitende Nervosität ein Produkt der Kultur
    sei, deckt wenigstens die Hälfte des wahren Sachverhalte Er-
    ziehung und Beispiel bringen die Kulturfordemng an das
    jugendliche Individuum heran; wo sich bei diesem die Trieb-
    verdrängung unabhängig von den beiden einstellt, liegt die
    Annahme nahe, dass urvorzeitliche Anforderung endlich zum
    organisierten erblichen Besitz der Menschen geworden ist.
    Das Kind, welches spontan Triebverdrängungen produziert,
    wiirde auch damit nur ein Stück der Kulturgeschichte wie-
    derholen. Was heute eine innere Abhaltung ist, war einmal
    nur eine äussere, vielleicht durch die Not der Zeiten gebotene,
    und so kann auch einmal zur internen Verdrängongssnlage
    werden, was heute noch als äussere Kulturforderung an jedes
    heranwachsende Individuum herantritt.

    h) Das pädagogische Interesse.

    Das gewichtige Interesse der Erziehungslehre an der Psy-
    choanalyse stützt sich auf einen zur Evidenz gebrachten Satz.
    Ein Erzieher kann nur sein, wer sich in daskindliche Seelen-
    leben einfühlen kann, und wir Erwachsenen verstehen die
    Kinder nicht, weil wir unsere eigene Kindheit nicht mehr
    verstehen. Unsere Kindheitsamnesie ist ein Beweis dafür, wie
    sehr wir ihr entfremdet sind. Die Psychoanalyse hat die Wün-
    sche, Gedankenbildungen, Entwicklungsvorgänge der Kindheit
    aufgedeckt; alle friiheren Bemühungen waren in ärgster Weise
    unvollständig und irreleitend, weil sie den unschätzbar wich-
    tigen Faktor der Sexualität in ihren körperlichen und seeli-

  • S.

    ms rnrsnssss AN nun rsrcuoausnrss 383

    schen Äusserungen ganz beiseite gelassen hatten. Das ungläu-
    bige Erstaunen, mit welchem die gesicheflst-en Ermittlungen
    der Psychoanalyse über die Kindheit aufgenommen werden
    — über den Ödipuskomplex, die Selbstverliebtheit {Namismus),
    die perversen Anlagen, die Analerotik, die sexuelle Wisshe-
    gierde — misst die Distanz, welche unser Seelenleben, unsere
    Wertungen, ja unsere Gedankenprozesse von denen auch des
    normalen Kindes trennt.

    Wenn sich die Erzieher mit den Resultaten der Psyche-
    analyse vertraut gemacht haben, werden sie es leichter finden,
    sich mit gewissen Phasen der kindlichen Entwicklung zu ver-
    söhnen, und werden unter anderem nicht in Gefahr sein, beim
    Kind auftretende sozial 1mbrauchbare oder perverse Triebre-
    gungen zu übersehiitzen. Sie werden sich eher von dem Ver-
    such einer gewaltsamen Unterdrückung dieser Regungen zu-
    rückhalten, wenn sie erfahren, das: solche Beeinflussungen
    oft nicht minder unerwünscht-e Erfolge liefern, als das von
    der Erziehung gefürchtete Gewährenlassen kindlicher Schlech-
    tigkeit. Gewalttiitige Unterdrückung starker Triebe von aus-
    sen bringt bei Kindern niemals das Erlöschen oder die Beherr-
    schung derselben zu Stande, sondern erzielt eine Verdrängung,
    welche die Neigung zu späterer neurotischer Erkrankung
    setzt. Die Psychoanalyse hat oft Gelegenheit zu erfahren,
    welchen Anteil die unzweckmässige einzichtslose Strenge der
    Erziehung an der Erzeugung von nervöser Krankheit hat, oder
    mit welchen Verlusten an Lcistungsiähigkeit und Genussfähig-
    keit die geforderte Normalität erkauft wird. Sie kann aber
    auch lehren, welch wertvolle Beiträge zur Charakterbildung
    diese asozialen und perversen Triebe des Kindes ergeben, wenn
    sie nicht der Verdrängung unterliegen, sondern durch den
    Prozess der sogenannten Sablimierung von ihren ursprüngli-
    chen Zielen weg zu wertvolleren gelenkt werden. Unsere besten
    Tugenden sind als Reaktionsbildnngen und Sublimierungen
    auf dem Boden der bösesten Anlagen erwachsen. Die Erzie-
    hung sollte sich vorsorglich hiiten, diese kostbaren Kraftquel-
    len zu verschiitten und sich darauf beschränken, die Prozesse
    zu befördern, durch welche diese Energien auf gute Wege
    geleitet werden. In der Hand einer psychoana-lytiseh aufge-
    klärten Erziehung ruht, was wir von einer individuellen Pro-
    phylaxe der Neurosen erwarten können.1

    1 Vgl. die Arbeiten des Züricher Pastors Dr. Oscar Pfister.

  • S.

    384 “ sommm „

    Ich konnte mir in diesem Aufsatze nicht die IAnfgabe
    stellen, Umfang und Inhalt der Psychoanalyse, die Voraus-
    ßetznngen, Probleme und Ergebnisse derselben einem wissen-
    schaftlich interessierten Publikum vorzufiihren. Meine Absicht
    ist erfüllt, wenn deutlich geworden ist, für wie viele Wissens-
    gebiete sie interessant ist, und wie reiche Verknüpfungen sie
    zwischen denselben herzustellen beginnt.

    Wien, Universität.

    SIGM. FREUD