S.
DAS INTERESSE AN DER PSYCHOANALYSE
ZW'EITER TEIL.
Ihr Interesse für die nicht psychologischen
1Wissennehn.l'littn.a) Das sprachwissmschaftlitflcß Interesse.
Ich überschreite gewiss die gebräuchliche Wortbedeutung,
wenn ich das Interesse des Sprachforsehers fiir die Psyche-
analyse postuliere. Unter Sprache muss hier nicht bloss der
Ausdruck von Gedanken in Worten, sondern auch die Gebär-
densprache und jede andere Art von Ausdruck seelischer Tä-
tigkeit, wie die Schrift, verstanden werden. Dann aber darf
man geltend machen, dass die Deutungen der Psychoanalyse
zunächst Übersetzungen aus einer uns fremden Ausdrucks—
weise in die unserem Denken vertraute sind. Wenn wir einen
Traum deuten, so übersetzen wir bloss einen gewissen Gedan-
keninhelt (die letenten Treumgedanken) aus der « Sprache
des Traumes » in die unseres Weehlebem. Man lernt dabei die
Eigentümiichkeiten dieser Traumsprache kennen und gewinnt
den Eindruck, dass sie einem in hohem Grade archaieuhen
Ausdruckssystem angehört. So 2. B. wird die Negation in der
Sprache des Treumes niemals besonders bezeichnet. Gegensätze
vertreten einander im Trauminhelt und werden durch dasselbe
Element dargestellt. Oder, wie man auch sagen kann: In der
- Traumsprache sind die Begriffe noch a.:nbivalent, vereinigen
in sich entgegengesetzte Bedeutungen, wie es nach den An—
nahmen der Sprachforscher bei den ältesten Wurzeln der
historischen Sprachen der Fall gewesen ist.1 Ein anderer auf-! Vgl. Ann, Über den Gegensinu der Urworte. Referat im «Jahr!». f. psy-
choannl. u. psychoputhol. Forschg. », Il. Bd.. 1910.S.
370 “ soxnnrm „
fiilliger Charakter unserer Traumsprache ist die überaus häufige
Verwendung der Symbole, die in gewissem Masse eine Über—
setzung des Trauminhaltes unabhängig von den individuel-
len Assoziationen gestatten. Das Wesen dieser Symbole ist
von der Forschung noch nicht klar genug erfasst; es sind Er-
setzungen und Vergleichungen auf Grund von Ähnlichkeiten,
die zum Teil klar zu Tage liegen; bei einem anderen Teile
dieser Symbole ist aber das zu vermutende Tertium compare-
tionis unserer bewussten Kenntnis abhanden gekommen. Ge-
rade diese Symbole dürften aus den ältesten Phasen der Sprach-
entwicklung und Begrifi'sbildnng stammen. Im Trauma sind es
vorwiegend die Sexualorgane und. die sexuellen Verrichtungen,
welche eine symbolische Darstellung, anstatt einer direkten,
erfahren. Ein Sprachforscher, Hans Sperber (Upsala), hat erst
kürzlich den Nachweis versucht, dass Worte, die ursprünglich
sexuelle Tätigkeiten hedeuteten, auf Grund solcher Verglei-
chung‘zu einem ausserordentlich reichen Bedeutungswandel
gelangt sind. ‘Wenn wir daran denken, dass die Darstellungsmittel des
Traumes hauptsächlich visuelle Bilder, nicht Worte, sind, so
wird uns der Vergleich des Traumes mit einem Schriftsystem
noch passender erscheinen als der mit einer Sprache. In der
Tat ist die Deutung eines Traumes durchaus analog der Ent-
zifl‘erung einer alten Bildersehrift, wie der ägyptischen Hie-
roglyphen. Es gibt hier wie dort Elemente, die nicht zur
Deutung, respektive Lesung, bestimmt sind, sondern nur als
Deterrninativa das Verständnis anderer Elemente sichern sol—
len. Die Vieldeutigkeit verschiedener Traumelemente findet
ihr Gegenstück in diesen alten Schriftsystemen ebenso wie
die Auslassung verschiedener Relationen, die hier wie dort
aus dem Zusammenhange ergänzt werden müssen. Wenn eine
solche Aufi'assung der Traumdarstellung noch keine weitere
Ausführung gefunden hat, so geht dies auf den leicht begreif-
lichen Umstand zurück, dass dem Psychoanalytiker durchwegs
jene Gesichtspunkte und Kenntnisse abgeben, mit denen der
Sprachforscher an ein Thema wie das des Traumes herantre—
ten würde.Die 'l‘raumsprache, kann man sagen, ist die Atßtlrucksweisc
der unbewussten Seelentiitigkeit. Aber das Unbewusste spricht‘ “«Ixmo „ Zeitschrift ‚fiir die Anwendung der Psychoanalyse auf die Gei-
sicswissrnschaflnr. Wien, bei H. Heller & C.“, [. Bd., 1912.S.
nhs rnrsnssss AN DER rsronosssnrss 371
mehr als nur einen Dialekt Unter den veränderten psycho—
logischen Bedingungen, welche die einzelnen Formen von
Neurose charakterisieren und von einander scheiden, ergeben
sich auch konstante Abänderungen des Ausdrucks fiir unbe-
wusste seelische Regnngen. Während die Gebärdensprache der
Hysterie im Ganzen mit der Bildersprache des Traumes, der
Visionen usw. zusemmentrifi't, ergeben sich besondere idioma-
tische Ausbildungen fiir die Gedankensprache der Zwangsneu-
rose und der Paraphrenien (Dementie presse und Paranoia),
die Wir in einer Reihe von Fällen bereits verstehen und auf
einander beziehen können. Was z. B. eine Hysterika durch ‚Er-
brechen darstellt, des wird sich beim Zwengskranken durch
peinliche Selmtzmassregeln gegen Infektion äussern und den
Parsphreniker zur Klage oder zum Verdacht, dass er cergiflet
werde, veranlassen. Was hier so verschiedenen Ausdruck fin-
det, ist der ins Unbewusste verdrängte Wunsch nach Schwerte
gerang, respektive die Abwehr der erkrankten Person gegen
denselben.b) Das philosophische Interesse.
Insofern die Philosophie auf Psychologie aufgebaut ist,
wird sie nicht umhiu können, den psychosnalytischen Beitrit-
gen zur Psychologie in ausgiebigster Weise Rechnung zu tra-
gen und auf diese neue Bereicherung unseres Wissens in ähnli-
cher Art zu reagieren, wie sie es bei allen bedeutenderen Fort-
schritten der Spezislwissenschaften gezeigt hat. Insbesondere
die Aufstellung der unbéWnß$tefl Seeloutiitigkeiten muss die
Philosophie nötigen, Partei zu nehmen und im Falle der Zu—
stimmung ihre Hypothesen iiber das Verhältnis des Seelischen
zum leiblichen zu modifizieren, bis sie der neuen Kenntnis
entsprechen. Die Philosophie hat sich allerdings wiederholt mit
dem Problem des Unbewnssten beschäftigt, aber ihre Vertreter
haben dabei —- mit wenigen Ausnahmen — eine von den zwei
Positionen eingenommen, die nun anzufiihren sind. Entweder
ihr Unbewusstes war etwas Mystisches, nicht Greifbares und
nicht Aufzeigbares, dessen Beziehung zum Seelischen im Dun-
keln blieb, oder sie haben das Seelische mit dem Bewussten
identifiziert und dann aus dieser Definition abgeleitet, dass
etwas Unbewusstes nichts Seelisches und kein Gegenstand der
Psychologie sein könne. Diese Äusserungen fiihren daher,S.
372 “ screnr1s „
dass die Philosophen das Unbewusste beurteilt haben, ohne
die Phänomene der nnbewussten Seelentätigkeit zu kennen,
also ohne zu ahnen, inwieweit sie den bewussten Phänomenen
nahe kommen, und worin sie sich von ihnen unterscheiden.
Will jemand trotz dieser Kenntnisnahme an der Konvention
festhalten, welche Bewusstes und Psychisches gleichstellt, und
darum dem Unhewussten den psychischen Charakter abspre-
chen, so ist dagegen natürlich nichts einznwenclen, ausser dass
eine solche Scheidung sich als höchst unpraktisch herausstellt.
Denn das -Unbewusste ist. von seiten seiner Beziehung zum
Bewussten, mit dem es so vieles gemeinsam hat, leicht zu be-
schreiben und in seinen Entwicklungen zu. verfolgen; von der
Seite des physischen Prozesses ihm näher zu kommen, erscheint
hingegen jetzt noch völlig ausgeschlossen. Es muss also Objekt
der Psychologie bleiben.Noch in anderer Art kann die Philosophie aus der Psy-
choanalyse Anregtmg gewinnen, nämlich indem sie selbst zum
Objekt derselben wird. Die philosophischen Lehren und Sy-
steme sind das Werk einer geringen Anzahl von Personen von
hervorragender individueller Ausprägung; in keiner anderen
Wissenschaft fällt auch der Persönlichkeit des wissenschaftli-
chen Arbeiters eine annähernd so grosse Rolle zu wie gerade bei
der Philosophie. Nun setzt uns erst die Psychoanalyse in den
Stand, eine Psychographie der Persönlichkeit zu geben (Vgl.
unten das soziologische Interesse). Sie lehrt uns die effektiven
Einheiten — die von Trieben abhängigen Komplexe — kennen,
welche in jedem Individuum vorauszusetzen sind, und leitet
uns in das Studium der Umwandlungen und Endergebnisse,
welche aus diesen Triebkräften hervorgehen. Sie deckt die Be-
ziehungen auf, welche zwischen konstitutionellen Anlagen und
Lebenssehicksalcn einer Person und den dank einer besonderen
Begabung bei ihr möglichen Leistungen bestehen. Die intime
Persönlichkeit des Künstlers, die sich hinter seinem Werk ver-
birgt, vermag sie aus diesem Werk mit grösserer oder gerin—
gerer Trefl’sicherheit zu erraten. So kann die Psychoanalyse
auch die subjektive und individuelle Motivierung von philo-
sophischen Lehren aufzeigen, welche vorgeblich unparteiiscber
logischer Arbeit entsprungen sind, und der Kritik die schwa-
chen Punkte des Systems anzeigen. Diese Kritik selbst zu be-
sorgen, ist nicht Sache der Psychoanalyse, denn, wie begreiiiich,
schliesst die psychologische Determinierung einer Lehre ihre
wissenschaftliche Korrektheit keineswegs aus.S.
DAS INTEBESBE AN DER PSYCHOANALYSE 373
c) Das biologische Interesse.
Die Psychdanslyse hat nicht wie andere junge Wissen—
schaften das Schicksal gehabt, von erwartungevoller Teilnahme
der am Fortschritt der Erkenntnis Interessierten begrüsst zu
werden. Sie wurde lange Zeit nicht angehört, und als endlich
Vernachlässigung nicht mehr möglich war, wurde sie aus af-
fektiven Gründen Gegenstand heftigster Anfeindung von sei—
ten solcher, die sich nicht die Mühe gegeben hatten, sie ken-
nen zu lernen. Diese unfreundiiehe Aufnahme verdankt sie
dem einen Umstand, dass sie an ihren Forschungsobjekten friih-
zeitig die Entdeckung machen musste, die 11er‘viisen Erkrankun-
gen seien der Ausdruck von Störung der Serenlfimktion, und
darum Gründe hatte, sich der Erforschung der allzu lange ver-
nachlässigten Sexualfunkticn zu widmen. Wer aber en der
Forderung festhält, dass wissenschaftliches Urteil nicht durch
aii'ektive Einstellungen beeinflusst werden darf, wird der Psy-
choanalyse wegen dieser ihrer Forschungsrichtung hohes bio-
logisches Interesse zugestehen und die “"idcrstiiude gegen sie
gerade als Beweise für ihre Behauptungen verwerten.Die Psychoanalyse ist der menschlichen Sexualfunktion
gerecht geworden, indem sie die von vielen Dichtern und man-
chen Philosophen hetonte, von der Wissenschaft niemals ener-
kannte Bedeutung derselben für das seelische und praktische
Leben bis in: Einzelne verfolgte. Für diese Absicht musste
zunächst der ungehiihrlich eingeengfe Begriff der Sexualität
eine Erweiterung erfahren, welche sich durch die Berufung
auf die Überschreitungen der Sexualität (die sog. Perversio-
nen) und auf das Benehmen des Kindes rechtfertigen liess
Es zeigte sich als unheltbur, noch länger zu behaupten, dass
die Kindheit aeexuell sei und erst zur Zeit der Pubertät von
dem plötzlichen Einbruch der sexuellen Regungen überfallen
werde. Vielmehr konnte die Beobachtung, wenn sie sich nur
erst der Blendung durch Interesse und Vorurteil entzogen hatte,
mit Leichtigkeit nachweisen, dass sexuelle Interessen und Be-
tätigungen beim menschlichen Kinde fast zu jeder Lebenszeit
und von allem Anfang an bestehen. Diese infsntile Sexualität
wird in ihrer Bedeutsamkeit nicht dadurch beeinträchtigt, dass
ihre Grenzen gegen das asexuelle Tun des Kindes nicht an
allen Stellen mit voller Sicherheit shzustecken sind. Sie ist.S.
374 . “ sorns*rrn „
aber etwas anderes als die « normal » genannte Sexualität des
Erwachsenen. Ihr Umfang schliesst die Keime zu all jenen
sexuellen Betätigamgen ein, die später als Perversionen dem
normalen Sexualleben schreit gegenübergestellt werden, dann
aber auch unbegreiflich und lasterhal‘t erscheinen müssen. Aus
der infantilen Sexualität geht die normale des Erwachsenen
hervor durch eine Reihe von Entwickhrngsvmgängen, Zusam-
mensetzungen, Abspaltungen und Unterdrückungen, welche
fast niemals in idealer Vollkommenheit erfolgen und. darum die
Dispositionen zur Rückbildnng der Funktion in Krankheitszu-
stünden hinterlassen.Die infentile Sexualität lässt zwei weitere Eigenschaften
erkennen, welche fiir die biologische Auffassung bedeutungsvoll
sind. Sie erweist ihre Zusammensetzung aus einer Reihe von
Partieltrieben, welche an gewisse Körperregionen —— erogene
Zonen —- geknüpft erscheinen, und von denen einzelne von
Anfang an in Gegensatzpearen —— als Trieb mit aktivem und
passivem Ziel — auftreten. Wie spitterhin in Zuständen des
sexuellen Begehrens nicht bloss die Geschlechtsorgane der ge-
liebten Person, sondern deren ganzer Körper zum Sexualobjekt
wird, so sind von allem Anfang an nicht bloss die Genitalien,
sondern auch verschiedene andere Körperstellen die Ursprungs-
stätten sexueller Erregtmg und ergeben bei geeigneter Rei-
zung sexuelle Lust. Damit in engem Zusammenhange steht
der zweite Charakter der infsntilen Sexualität, ihre anfäng-
liche Anlehnung an die der Selbsterhaltung dienenden Funk-
tionen der_Nabrungsnufhahme und der Ausscheidung, wahr—
scheinlich auch der Muskelerregrrng und der Sinnestätigkeit.Wenn wir die Sexualität mit Hilfe der stchoanalyse
beim gereil’ten Individuum studieren und das Leben des Kin-
des im Lichte der so gewonnenen Einsichten betrachten, er—
scheint uns die'Sexualität nicht als eine bloss der Fortpflanzung
dienende, der Verdauung, Atmung usw. gleichzmtellende
Funktion, sondern als etwas weit Selbständigeres, was sich
vielmehr allen andern Tätigkeiten des Individuums gegenü-
berstellt und erst durch eine komplizierte, an Einschränkungen
reiche Entwicklung in den Verband der individuellen Öko-
nomie gezwungen wird. Der theoretisch sehr wohl denkbare
Fall, dass die Interessen dieser sexuellen Strebnngen nicht
mit denen der individuellen Selbsterhaltung msnmmenfallen,
scheint in der l(renkhcil-sgrnppe der Nenrosen verwirklichtS.
nes mrnunsss AN uns rsronosusnrss 375
zu sein, denn die letzte Formel, welche die Psychoanalyse
über das Wesen der Neurosen ergibt, lautet: Der Urkonflikt,
aus welchem die Neurosen hervorgehen, ist der zwischen den
das Ich erhaltenden und den sexuellen 'l‘rieben. Die Neurosen
entsprechen einer mehr oder wehiger partiellen Überwält‘igung
des Ich durch die Sexualität, nachdem dem Ich der Versuch
zur Unterdrückung der Sexualität misslungen ist.Wir haben es notwendig gefunden, biologische Gesichte-
punkte während der psychoanalytischen Arbeit ferne zu halten,
und solche auch nicht zu heuristischen Zwecken zu verwenden,
damit wir in der unparteiischen Beurteilung. der uns vorlie-
genden psychoanalytischen Tatbestände nicht beirrt werden.
Nach vollzogener psychoanalytischer Arbeit miissen wir aber
den Anschluss an die Biologie finden und dürfen zufrieden
sein, wenn er schon jetzt in dem einen oder anderen wesent-
lichen Punkte gesichert scheint. Der Gegensatz zwischen
Ichtrieben und Sexualtrieb, auf den wir die Entstehung der
Neurosen znriickfiihren mussten, setzt sich als Gegensatz
zwischen Trieben, welche der Erhaltung des Individuums, und
solchen, die der Fortsetzung der Art dienen, aufs biologische
Gebiet fort. In der Biologie tritt uns die umfassenden Vor-
stellung des unsterblichen Keimplasmas entgegen, an welchem
wie snlrzessitr entwickelte Organe die einzelnen vergänglichen
Individuen hängen; erst aus dieser können wir die Rolle der
sexuellen Triebkrätte in der Physiologie und P8ychologie des
Einzelwesens richtig verstehen.Trotz aller Bemühung, biologische Termini und Gesichts-
punkte nicht zur Herrschaft in der psychoanalytischen Ar-
beit gelangen zu lassen, können wir es nicht vermeiden, sie
schon in der Beschreibung der von uns studierten Phänomene
zu gebrauchen. Wir können dem « Trieb » nicht ausweichen als
einem Grenzbegrifi' zwischen psychologischer und biologischer-
Aufi'sssung, und wir sprechen von « männlichen » und « weib-
lichen » seelischen Eigenschaften und Strebungen, obwohl die
Geschlechtsverschiedenheiten streng genommen keine beson—
dere psychische Charakteristik beanspruchen können. Was wir
im Leben männlich oder weiblich heissen, reduziert sich fiir
die psychologische Betrachtung auf die Charaktere der Akti-
vität und der Passivitiit, d. h. auf Eigenschaften, welche nicht
von den Trieben selbst, sondern von deren Zielen anzugeben
sind. In der regelmässigen Gemeinschaft solcher « aktiver »S.
376 “ seien-ru „
und « passiver » Triebe im Seelenleben spiegelt sich die Bi-
sexualität der Individuen, welche zu den klinischen Voraus-
setzungen der Psychoanalyse gehört.Ich werde befriedigt sein, wenn diese wenigen Bemer-
kungen darauf aufmerksam gemacht haben, welch ausgiebige
Vermittlung zwischen der Biologie und der Psychologie durch
die Psychoanalyse hergestellt wird.(1) Das entwicklungsgcschichtlichs Interesse.
Nicht jede Analyse psychologischer Phänomene wird den
Namen einer Psychoanalyse verdienen. Die letztere bedeutet
mehr als die Zerlegung zusammengesetzter Erscheinungen in
einfachem; sie besteht in einer Zurückfiihrung einer psychi-
schen Bildung auf andere, welche ihr zeitlich vorhergegangen
_ sind, aus denen sie sich entwickelt hat. Das ärztliche psy—
choanalytische Verfahren konnte kein Leidensymptom besei-
tigen, wenn es nicht seiner Entstehung und Entwicklung
nachspiirte: so ist die Psychoanalyse von allem Anfang an
auf die Verfolgung von Entwicklungsvorgängen gewissen
werden. Sie hat. zuerst die Genese neurotischer Symptome
aufgedeckt; im weiteren Fortschritt musste sie andere psychi-
sche Bildungen in Angrifl' nehmen und die Arbeit einer ge—
netischen Psychologie an ihnen leisten.Die Psychoanalyse ist genötigt werden, das Seelenleben
des Erwachsenen aus dem des Kindes abzuleiten, Ernst zu
machen mit dem Satze: das Kind ist der Vater des Mannes.
Sie hat die Kontinuität der infantilen Psyche mit der des Er-
wachsenen verfolgt, aber auch die Umwandlungen und Umord-
nungen gemerkt, welche auf diesem Wege vor sich gehen. Die
meisten von uns haben eine Gedächtnisliicke für ihre ersten
Kinderjahre, aus welcher sich nur einzelne Brocken Erinne—
rung heraushehen. Man darf behaupten, dass die Psychoana—
lyse diese Lücke ausgefüllt, diese Kindheitsamnesie der Men-
schen beseitigt hat (vgl. das pädagogische Interesse).Während der Vertiefung in das infantiie Seelenleben
haben sich einige bemerkenswerte Funde ergehen. So liess
sich bestätigen, was man oftmals vorher geahnt hatte, von
welch ausserordentlicher Bedeuan fiir die ganze spätere
Richtung eines Menschen die Eindrücke seiner Kindheit, ganz
besonders aber seiner ersten liindheitsjahre, sind. Man istS.
uns nem-messe AN man rsrononxnnrss 37"?
dabei auf“ ein psychologisches Pnradoxon gestessen, welches nur
fiir die psychonnalytische Auflassung keines ist, dass gerade
diese allerbedentsemsten Eindrücke im Gedächtnis der spli-
teren Jahre nicht enthalten sind. Die Psychoanalyse hat diese
Vorbildlichkeit und Unverlöschbarkeit frühester Erlebnisse
gerade für das Sexuallebeh am deutlichsten feststellen können.
« On revient toujours ä ses premiöres amours » ist eine nüch-
terne Wahrheit. Die vielen Rätsel des Liebeslebens Erwach-
sener lösen sich erst durch die Hervorhebung der infsntilen
Momente in der Liebe. Fiir die Theorie dieser Wirkungen
kommt in Betracht, dass die ersten Kindererlebnisse dem In-
dividuum nicht nur als Zni'iilligkeiteu widerfnhren, sondern
auch den ersten Bctii.tigungen der von ihm konstitutionell
mitgebraehten Triebänlngen entsprechen.Eine andere, weit überraschenden Aufdeckung hat zum
Inhalt, dass von den infentilen seelischen Formationen trotz
aller späteren Entwicklung beim Erwachsenen nichts unter-
geht. Alle_Wiinsehe, Triebregungen, Reaktionsweisen, Einstel-
lungen des Kindes sind beim gereiften Menschen nachweisbar
noch vorhanden und können unter geeigneten Konstellationen
wieder zum Vorschein kommen. Sie sind nicht zerstört, son-
dern bloss iiber-lagert, wie die psychoenalytische Psychologie
in ihrer räumlichen Darstellungsweise sagen muss. Es wird
so zum Charakter der seelischen Vergangenheit, dass sie nicht,
Wie die historische, von ihren Abkömmlingen aufgezehrt wird;
sie besteht Weiter neben dem, was aus ihr geworden ist, ent-
weder bloss virtuell oder in realer Gleichzeitigkeit. Beweis
dieser Behauptung ist es, dass der Traum des normalen Men-
schen nllniichtlich dessen Kindercharekter wiederbelebt und
sein ganzes Seelenleben auf eine infsntile Stufe zurückführt.
Dieselbe Rückkehr zum psychischen Infantilism us (Regression)
stellt sich bei den Neurosen und Psychosen here-us, deren
Eigentümlichkeiten zum grossen Teil als psychische Arche
ismen zu beschreiben sind. In der Stärke, welche den infa.ntilen
Resten im Seelenleben verblieben ist, sehen wir das Mass
der Krenkheitsdisposition, so dass uns diese zum Ausdruck
einer Entwicklungsbenunung wird. Das infnntil Gebliebene,
als unbrauchbar Verdrängte im psychischen Material eines
Menschen bildet nun den Kern seines Unbe1vusste'n, und wir
glauben in den Lebensgesehiehtcn unserer Kranken verfolgen
zu können, wie dieses von den verthüngenden Kräften zurück-V01. XIV 41
S.
378 “ scrsrrru „
gehaltene Unbewusste auf Betätigung lauert und die Gele-
genheiten nusniitzt, 1wenn es den späteren und höheren psy-
chischen Bildungen nicht gelingt, der Schwierigkeiten der
realen Welt Herr zu werden.In den allerletzten Jahren hat sich die psychoanslytische
Arbeit darauf besonnen, dass der Satz: die Ontogenie sei eine
Wiederholung der Phylogenie', auch auf das Seelenleben an-
wendbar sein müsse,1 und daraus ist eine neue Erweiterung
des psychoanalytischen Interesses hervorgegangen.e) Das kulturhistorische Interesse.
Die Vergleichung der Kindheit des einzelnen Menschen
mit der Frühgeschichte der Völker hat sich bereits nach meh—
reren Richtungen als furchtbar erwiesen, trotzdem diese Ar—
beit kaum mehr als begonnen werden konnte. Die psycho-
anslytische Denkweise benimmt sich dabei wie ein neues Instru-
ment der Forschung. Die Anwendung ihrer Voraussetzungen
auf die Völkerpsychologie gestattet ebenso neue Probleme
aufzuwerfen wie die bereits bearbeiteten in neuem Lichte zu
sehen und zu deren Lösung beizutragen.Zunächst erscheint es durchaus möglich, die am Traum ge-
wonnene psychosnalytische Auflassung auf Produkte der
Völkerphantasie wie Mythos und Märchen zu übertragen. '
Die Aufgabe einer Deutung dieser Gebilde liegt seit langem
vor; man ahnt einen « geheimen Sinn » derselben, man ist
a.qubä.ndemngen und auf Umwandlungen vorbereitet, welche
diesen Sinn verdecken. Die Psychoanalyse bringt von ihren
Arbeiten an Traum und Neurose die Schulung mit, welche
die technischen Wege dieser Entstellungen ernsten kann. Sie
kann aber auch in einer Reihe von Fällen die verborgenen
Motive auf'decken, welche diese Wandlungen des Mythus von
seinem ursprünglichen Sinn verursacht haben. Den ersten
Anstoss zur Mythenbildu.ng kann sie nicht in einem theore-
tischen Bedürfnis na.ch Erklärung der Naturerscheinungen und.
nach Rechenschaft fiir unverständlich gewordene Kultvor-
schriften und Gebrii.uche erblicken, sondern sucht ihn in den
nii1nlichen psychischen « limnplexen », in denselben uftbktiven" Abraham, Spielmin‚ Jung.
’ Abraham, Rank. Jung.S.
DAS INTERESSE AN DER PSYCHOANAIJYSE 379
Strebungen, welche sie zu Grunde der Träume und der Symp-
tomhildungen nachgewiesen hat.Durch die gleiche Übertragung ihrer Gesichtspunkte, Vor-
aussetzrmgen und Erkenntnisse wird die Psychoanalyse be—
fähigt, Licht auf die Ursprünge unserer grossen kulturellen
Institutionen, der Religion, der Sittlichkeit, des Rechts, der
Philosophie zu werfen. ‘ Indem sie den primitiven psycholo-
gischen Situationen nachspiirt, aus denen sich die Antriebe
zu solchen Schöpfungen ergeben konnten, kommt sie in die
Lage, manchen Erklämngsversuch zurückzuweisen, der auf eine
psychologische Voriäufigkeit gegründet war, und ihn durch
tiefer reichende Einsichten zu ersetzen.Die Psychoanalyse stellt eine innige Beziehung her zwi-
schen all diesen psychischen Leistungen der Einzelnen und
der Gemeinschaften, indem sie dieselbe dynamische Quelle
für beide postuliert. Sie knüpft an die Grundverstellung an,
dass es die Hauptfunktion des seelischen Mechanismus ist,
das Geschöpf Von den Spannungen zu entlasten, die durch
Bedürfnisse in ihm erzeugt werden. Ein Teil dieser Aufgabe
wird lösbar durch Befriedigung, welche man von der Aussen—
welt erzwingt; zu diesem Zwecke wird die Beherrschung der
realen Welt Erfordernis. Einem anderen Teil dieser Bedürf-
nisse, darunter wesentlich gewissen effektiven Strebnngen,
versagt die Realität regelmässig die Befriedigung. Daraus
geht ein zweites Stück der Aufgabe hervor, den unhefriedigten
Strehungen eine andersnrtige Erledigung zu verschaffen. Alle
Kulturgeschichte zeigt nur, welche Wege die Menschen zur
Bindung ihrer unbefriedigten Wünsche einschlngen unter den
wechselnden und durch technischen Fortschritt veränderten
Bedingungen der Gewährung und Verengung von Seiten der
Realität.Die Untersuchung der primitiven Völker zeigt die Men-
schen zunächst im kindlichen Allrnachtsglsuben befengen '
und lässt eine Menge von seelischen Bildnngen als Bemühun—
gen verstehen, die Störungen dieser Allmacht abzuleugnen und
so die Realität von ihrer Wirkung aufs Afi'ektleben fern zu' Ansätze Menu bei June, Wundhmgcn und Symbole der Libido. 1912.
und FRIUD. Übereinstimmnngcn im Scelcnleben der Wilden und der Neure-
tikcr. “lrnagc„ . I und 1.1.' Pearson, Entwicklungsslufcndes Wirklicl'rkeilssinnsc, «Intern. Zeitsch.
f. iin”th Psychoanalyse—, I, !, 1913. —— Fauna, .-1nimismns, Magie und Alhnacht
dcr f_icdmrkcn‚ “Imagc‚„ H, i, 1913. .S.
380 “ sornnrm „
halten, solange man dieselbe nicht besser beherrschen und zur
Befriedigung ausnützen kann. Das Prinzip der Unlustvermei-
dung beherrscht das menschliche Tun so lange, bis es durch
das bessere der Anpassung an die Aussenwelt abgelöst wird.
Parallel zur fortschreitenden Weltbeherrschung des Menschen
geht eine Entwicklung seiner ”Weltanschauung, welche sich
immer mehr von dem ursprünglichen Allmachtsglauben ab—
wendet, und von der animistischen Phase durch die religiöse
zur wissenschaftlichen ansteigt. In diesen Zusammenhang fügen
sich Mythus, Religion und Sittliclüreit als Versuche, sich fiir
die mangelnde Wunschbefriedigung Entschädigung zu schaffen.Die Kenntnis der neurotischen Erkrankungen einzelnen
Menschen hat für das Verständnis der grossen sozialen In-
stitutionen gute Dienste geleistet, denn die Neurosen selbst
enthüllt—en sich als Versuche, die Probleme der Wunschkom-
pensation individuell zu lösen, welche durch die Institutionen
sozial gelöst werden sollen. Das Zurücktreten des sozialen
Faktors und das Überwiegen des sexuellen macht diese neu-
rotischen Lösungen der psychologischen Aufgabe zu Zen-bil-
dern, unbrauchbar fiir anderes als für unsere Autklärung über
diese bedeutsamen Probleme.f) Das kumtw-issmchqftliche Interesse.
Über einige der Probleme, welche sich an Kunst und
Künstler knüpfen, gibt die psychoanalytische Betrachtung be-
friedigenden Aufschluss; andere entgehen ihr völlig. Sie er-
kennt auch in der Übung der Kunst eine Tätigkeit, welche
die Beschwichtigung 1merledigter Wünsche beabsichtigt, und
zwar zunächst beim schafi'endeu Künstler selbst, in weiterer
Folge beim Zuhörer'oder Zuschauer. Die Triebkräfte der
Kunst sind dieselben Konflikte, welche andere Individuen in
die Neurose drängen, die Gesellschaft zum Aufbau ihrer In-
stitutionen bewegen haben. Woher dem Künstler die Fähig-
keit zum Schaffen kommt, ist keine Frage der Psychologie.
Der Künstler sucht zunächst Selbstbefreiung und führt die—
selbe durch Mitteilung seines Werkes den anderen zu, die
an den gleichen verhaltenen Wünschen leiden. ' Er stellt zwar
seine persönlichsten \Vunschphuntasien als erfüllt dar, aber' Vgl. D. Rasa, Der Künstler, 1Wien 190i'.
S.
nes rnrnnssss an man. rsrenonsnrsn 381
diese werden zum Kunstwerk erst durch eine Umformung
welche das Anstössige dieser Wünsche mildert, den persönli-
chen Ursprung derselben verhiillt, und durch die Einhaltung
von Schönheitsregeln den anderen bestechende Lustprämien
bietet. Es füllt der Psychoanalyse nicht schwer, neben dem
manifesten Anteil des künstlerischen Genusses einen latenten,
wiewohl weit wirksameren, aus den versteckten Quellen der
Triebbefreiung nachzuweisen. Der Zusammenhang zwischen
den Kindheitseimlrücken und Lebensschicksalen des Künstlers
und seinen Werken als Reaktionen auf diese Anregungen
gehört zu den anziehendsten Objekten“ der analytischen Be-
trachtung. ‘Im Übrigen harten noch die meisten Fragen des Kunst-
schafi'ens und Kunstgeniessens einer Bearbeitung, welche das
Licht analytischer Erkenntnis auf sie fallen lässt und. ihnen
ihre Stelle in dem komplizierten Aufbau der menschlichen
Wunschkornpensatiouen nnweist. Als kontrentionell angesteu-
clene Realität, in welcher Dank der künstlerischen Illusion
Symbole und Ersatzbilclungen wirkliche Afi'ekte hervorrufen
dürfen, bildet die Kunst ein Zwischenmich zwischen der
wunschversagenrlen Realität und der mmseherfiillenden Phan-
tasiewelt, ein Gebiet, auf dem die Allmachtbestrebnngen der
primitiven Menschheit gleichsam in Kraft verblieben sind.3) Das 802i0109-£36h6 Interesse.
Die Psychoanalyse hat zwar die individuelle Psyche zum
Objekt genommen, aber bei tler Erforschung derselben konn-
ten ihr die effektiven Grundlagen fiir das Verhältnis des Ein—
zelnen zur Gesellschaft nicht entgehen. Sie hat gefunden, dass
die sozialen Gefühle regelmässig einen Beitrag 1von seiten
der Erotik führen, dessen Überbetonung und nachfolgende
Verdrängung zur Charakteristik einer bestimmten Gruppe
von Seelenstörungen wird. Sie hat den asozialen Charakter
der Neurosen iiberhaupt erkannt, welche ganz allgemein dahin
streben, das Individuum aus der Gesellschaft zu drängen und
ihm das Klosterasyl früherer Zeiten durch die Krankheitsiso—
lier1mg zu ersetzen. Das intensive Verschuldungsgefiihl, wel-' Siehe 0. Bus, Das Inzestmotiv in Dichtung und Saga. Vivien 1912. —
Auch für die Anwendung auf ästhetische Probleme. Fnenn, Der Witz und
seine Beziehung zum: Ünbemarsfen, 1905.S.
382 “ sorsnrm „
ches so viele Neurosen beherrscht, erwies sich ihr als die so-
ziale Modifikation der neurotischen Angst.Anderseits deckt die Psychoanalyse den Anteil, welchen
soziale Verhältnisse _und Anforderungen an der Verursachung
der Neurose haben, im weitesten Ausmasse auf. Die Kräfte,
welche die Triebeinschränkung und Triebverdrä.ngung von sei-
ten des Ich herbcit‘iihren, entspringen wesentlich der Gefügig-
keit gegen die sozialen Kulturfordernngen. Dieselbe Konsti-
tution und. dieselben Kindheitserlebnisse, welche sonst zur
Neurose fiihren müssten, werden diese Wirkung nicht hervor-
rufen, wenn solche Gefügigkeit nicht vorhanden ist, oder solche
Anforderungen von dem sozialen Kreis, für welchen das In-
dividuum lebt, nicht gestellt werden. Die alte Behauptung,
dass die fortschreitende Nervosität ein Produkt der Kultur
sei, deckt wenigstens die Hälfte des wahren Sachverhalte Er-
ziehung und Beispiel bringen die Kulturfordemng an das
jugendliche Individuum heran; wo sich bei diesem die Trieb-
verdrängung unabhängig von den beiden einstellt, liegt die
Annahme nahe, dass urvorzeitliche Anforderung endlich zum
organisierten erblichen Besitz der Menschen geworden ist.
Das Kind, welches spontan Triebverdrängungen produziert,
wiirde auch damit nur ein Stück der Kulturgeschichte wie-
derholen. Was heute eine innere Abhaltung ist, war einmal
nur eine äussere, vielleicht durch die Not der Zeiten gebotene,
und so kann auch einmal zur internen Verdrängongssnlage
werden, was heute noch als äussere Kulturforderung an jedes
heranwachsende Individuum herantritt.h) Das pädagogische Interesse.
Das gewichtige Interesse der Erziehungslehre an der Psy-
choanalyse stützt sich auf einen zur Evidenz gebrachten Satz.
Ein Erzieher kann nur sein, wer sich in daskindliche Seelen-
leben einfühlen kann, und wir Erwachsenen verstehen die
Kinder nicht, weil wir unsere eigene Kindheit nicht mehr
verstehen. Unsere Kindheitsamnesie ist ein Beweis dafür, wie
sehr wir ihr entfremdet sind. Die Psychoanalyse hat die Wün-
sche, Gedankenbildungen, Entwicklungsvorgänge der Kindheit
aufgedeckt; alle friiheren Bemühungen waren in ärgster Weise
unvollständig und irreleitend, weil sie den unschätzbar wich-
tigen Faktor der Sexualität in ihren körperlichen und seeli-S.
ms rnrsnssss AN nun rsrcuoausnrss 383
schen Äusserungen ganz beiseite gelassen hatten. Das ungläu-
bige Erstaunen, mit welchem die gesicheflst-en Ermittlungen
der Psychoanalyse über die Kindheit aufgenommen werden
— über den Ödipuskomplex, die Selbstverliebtheit {Namismus),
die perversen Anlagen, die Analerotik, die sexuelle Wisshe-
gierde — misst die Distanz, welche unser Seelenleben, unsere
Wertungen, ja unsere Gedankenprozesse von denen auch des
normalen Kindes trennt.Wenn sich die Erzieher mit den Resultaten der Psyche-
analyse vertraut gemacht haben, werden sie es leichter finden,
sich mit gewissen Phasen der kindlichen Entwicklung zu ver-
söhnen, und werden unter anderem nicht in Gefahr sein, beim
Kind auftretende sozial 1mbrauchbare oder perverse Triebre-
gungen zu übersehiitzen. Sie werden sich eher von dem Ver-
such einer gewaltsamen Unterdrückung dieser Regungen zu-
rückhalten, wenn sie erfahren, das: solche Beeinflussungen
oft nicht minder unerwünscht-e Erfolge liefern, als das von
der Erziehung gefürchtete Gewährenlassen kindlicher Schlech-
tigkeit. Gewalttiitige Unterdrückung starker Triebe von aus-
sen bringt bei Kindern niemals das Erlöschen oder die Beherr-
schung derselben zu Stande, sondern erzielt eine Verdrängung,
welche die Neigung zu späterer neurotischer Erkrankung
setzt. Die Psychoanalyse hat oft Gelegenheit zu erfahren,
welchen Anteil die unzweckmässige einzichtslose Strenge der
Erziehung an der Erzeugung von nervöser Krankheit hat, oder
mit welchen Verlusten an Lcistungsiähigkeit und Genussfähig-
keit die geforderte Normalität erkauft wird. Sie kann aber
auch lehren, welch wertvolle Beiträge zur Charakterbildung
diese asozialen und perversen Triebe des Kindes ergeben, wenn
sie nicht der Verdrängung unterliegen, sondern durch den
Prozess der sogenannten Sablimierung von ihren ursprüngli-
chen Zielen weg zu wertvolleren gelenkt werden. Unsere besten
Tugenden sind als Reaktionsbildnngen und Sublimierungen
auf dem Boden der bösesten Anlagen erwachsen. Die Erzie-
hung sollte sich vorsorglich hiiten, diese kostbaren Kraftquel-
len zu verschiitten und sich darauf beschränken, die Prozesse
zu befördern, durch welche diese Energien auf gute Wege
geleitet werden. In der Hand einer psychoana-lytiseh aufge-
klärten Erziehung ruht, was wir von einer individuellen Pro-
phylaxe der Neurosen erwarten können.11 Vgl. die Arbeiten des Züricher Pastors Dr. Oscar Pfister.
S.
384 “ sommm „
Ich konnte mir in diesem Aufsatze nicht die IAnfgabe
stellen, Umfang und Inhalt der Psychoanalyse, die Voraus-
ßetznngen, Probleme und Ergebnisse derselben einem wissen-
schaftlich interessierten Publikum vorzufiihren. Meine Absicht
ist erfüllt, wenn deutlich geworden ist, für wie viele Wissens-
gebiete sie interessant ist, und wie reiche Verknüpfungen sie
zwischen denselben herzustellen beginnt.Wien, Universität.
SIGM. FREUD
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Das Interesse an der Psychoanalyse (2. Teil)
1913-011/1913.3
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