Die Sexualität in der Aetiologie der Neurosen (Fortsetzung) 1898-001/1898.2

Freud, Sigmund (1898-001/1898.2): Die Sexualität in der Aetiologie der Neurosen (Fortsetzung)

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  • S.
    56 Wiener klinische Rundschau 1898. Nr. 4.

     

     


    Die Sexualität in der Aetiologie der Neurosen.

    Von Dr. Sigm. Freud.

    (Fortsetzung.*)

    Der Arzt hat gewöhnlich ein sehr geringes Interesse an
    manchen der Fragen, welche unter den Neuropathologen in
    Betreff der Neurosen discutirt werden, etwa ob man Hysterie
    und Neurasthenie strenge zu sondern berechtigt ist, ob man
    eine Hystero-Neurasthenie daneben unterscheiden darf, ob man
    das Zwangsvorstellen zur Neurasthenie rechnen oder als be-
    sondere Neurose anerkennen soll u. dgl. mehr. Wirklich
    dürfen auch solche Distinctionen dem Arzte gleichgültig sein,
    so lange sich an die getroffene Entscheidung weiter nichts
    knüpft, keine tiefere Einsicht und kein Fingerzeig für die
    Therapie, so lange der Kranke in allen Fällen in die Wasser-
    heilanstalt geschickt wird, oder zu hören bekommt — dass ihm
    nichts fehlt. Anders aber, wenn man unsere Gesichtspunkte
    über die ursächlichen Beziehungen zwischen der Sexualität
    und den Neurosen annimmt. Dann erwacht ein neues Interesse
    für die Symptomatologie der einzelnen neurotischen Fälle, und
    es gelangt zur praktischen Wichtigkeit, dass man das com-
    plicirte Bild richtig in seine Componenten zu zerlegen und
    diese richtig zu benennen verstehe. Die Morphologie der
    Neurosen ist nämlich mit geringer Mühe in Aetiologie zu
    übersetzen, und aus der Erkenntniss dieser leiten sich, wie
    selbstverständlich, neue therapeutische Anweisungen ab.

    Die bedeutsame Entscheidung nun, die jedesmal durch
    sorgfältige Würdigung der Symptome sicher getroffen werden
    kann, geht dahin, ob der Fall die Charaktere einer Neurasthenie
    oder einer Psychoneurose (Hysterie, Zwangsvorstellen) an
    sich trägt. (Es kommen ungemein häufig Mischfälle vor, in
    denen Zeichen der Neurasthenie mit denen einer Psycho-
    neurose vereinigt sind; wir wollen aber deren Würdigung
    für später aufsparen.) Nur bei den Neurasthenien hat das
    Examen der Kranken den Erfolg, die ätiologischen Momente
    aus dem Sexualleben aufzudecken; dieselben sind dem Kranken,
    wie natürlich, bekannt und gehören der Gegenwart, richtiger
    der Lebenszeit seit der Geschlechtsreife an (wenngleich auch
    diese Abgrenzung nicht alle Fälle einzuschliessen gestattet).
    Bei den Psychoneurosen leistet ein solches Examen wenig;
    es verschafft uns etwa die Kenntniss von Momenten, die man
    als Veranlassungen anerkennen muss, und die mit dem Sexual-
    leben zusammenhängen oder auch nicht; im ersteren Falle
    zeigen sie sich dann nicht von anderer Art als die ätiologischen
    Momente der Neurasthenie, lassen also eine specifische Be-
    ziehung zur Verursachung der Psychoneurose durchaus ver-
    missen. Und doch liegt auch die Aetiologie der Psychoneurosen
    in jedem Falle wiederum im Sexuellen. Auf einem merk-
    würdigen Umwege, von dem später die Rede sein wird, kann
    man zur Kenntniss dieser Aetiologie gelangen und begreiflich
    finden, dass der Kranke uns von ihr nichts zu sagen wusste.

    *) Siehe „Wiener klinische Rundschau“ 1898 Nr. 2.

  • S.
    56 Wiener klinische Rundschau 1898. Nr. 4.

    Die Ereignisse und Einwirkungen nämlich, welche jeder
    Psychoneurose zugrunde liegen, gehören nicht der Actualität
    an, sondern einer längst vergangenen, sozusagen prähistorischen,
    Lebensepoche, der frühen Kindheit, und darum sind sie auch
    dem Kranken nicht bekannt. Er hat sie — in einem bestimmten
    Sinne nur — vergessen.

    Sexuelle Aetiologie also in allen Fällen von Neurose;
    aber bei den Neurasthenien solche von actueller Art, bei den
    Psychoneurosen Momente infantiler Natur; dies ist der erste
    grosse Gegensatz in der Aetiologie der Neurosen. Ein zweiter
    ergibt sich, wenn man einem Unterschiede in der Symptomatik
    der Neurasthenie selbst Rechnung trägt. Hier finden sich
    einerseits Fälle, in denen sich gewisse für die Neu-
    rasthenie charakteristische Beschwerden in den Vordergrund
    drängen: Der Kopfdruck, die Ermüdbarkeit, die Dyspepsie,
    die Stuhlverstopfung, die Spinalirritation u. s. f. In anderen
    Fällen treten diese Zeichen zurück, und das Krankheitsbild
    setzt sich aus anderen Symptomen zusammen, die sämmtlich
    eine Beziehung zum Kernsymptom, der „Angst“, erkennen
    lassen (freie Aengstlichkeit, Unruhe, Erwartungsangst, com-
    plete, rudimentäre und supplementäre Angstanfälle, loco-
    motorischer Schwindel, Agoraphobie, Schlaflosigkeit, Schmerz-
    steigerung, u. s. w.) Ich habe dem ersten Typus von Neu-
    rasthenie seinen Namen belassen, den zweiten aber als
    „Angstneurose“ ausgezeichnet, und diese Scheidung an anderem
    Orte begründet, woselbst auch der Thatsache des in der
    Regel gemeinsamen Vorkommens beider Neurosen Rechnung
    getragen wird. Für unsere Zwecke genügt die Hervorhebung,
    dass der symptomatischen Verschiedenheit beider Formen ein
    Unterschied der Aetiologie parallel geht. Die Neurasthenie
    lässt sich jedesmal auf einen Zustand des Nervensystems
    zurückführen, wie er durch excessive Masturbation erworben
    wird oder durch gehäufte Pollutionen spontan entsteht; bei
    der Angstneurose findet man regelmässig sexuelle Einflüsse,
    denen das Moment der Zurückhaltung oder der unvoll-
    kommenen Befriedigung gemeinsam ist, wie: Coitus inter-
    ruptus, Abstinenz bei lebhafter Libido, sogenannte frustrane
    Erregung u. dgl. In dem kleinen Aufsatze, welcher die Angst-
    neurose einzuführen bemüht war, habe ich die Formel aus-
    gesprochen, die Angst sei überhaupt eine von ihrer Ver-
    wendung abgelenkte Libido.

    Wo in einem Falle Symptome der Neurasthenie und der
    Angstneurose vereinigt sind, also ein Mischfall vorliegt, da
    hält man sich an den empirisch gefundenen Satz, dass einer
    Vermengung von Neurosen ein Zusammenwirken von mehreren
    ätiologischen Momenten entspricht, und wird seine Erwartung
    jedesmal bestätigt finden. Wie oft diese ätiologischen Momente
    durch den Zusammenhang der sexuellen Vorgänge organisch
    miteinander verknüpft sind, z. B. Coitus interruptus oder un-
    genügende Potenz des Mannes mit der Masturbation, dies
    wäre einer Ausführung im Einzelnen wohl würdig.

    Wenn man den vorliegenden Fall von neurasthenischer
    Neurose sicher diagnosticirt und dessen Symptome richtig
    gruppiert hat, so darf man sich die Symptomatik in Aetiologie
    übersetzen und dann von den Kranken dreist die Be-
    kräftigung seiner Vermuthungen verlangen. Anfänglicher
    Widerspruch darf einen nicht irre machen; man besteht fest
    auf dem, was man erschlossen hat, und besiegt endlich jeden
    Widerstand dadurch, dass man die Unerschütterlichkeit
    seiner Ueberzeugung betont. Man erfährt dabei allerlei aus
    dem Sexualleben der Menschen, womit sich ein nützliches
    und lehrreiches Buch füllen liesse, lernt es auch nach jeder
    Richtung hin bedauern, dass die Sexualwissenschaft heutzutage
    noch als unehrlich gilt. Da kleinere Abweichungen von
    einer normalen vita sexualis viel zu häufig sind, als dass man
    ihrer Auffindung Werth beilegen dürfte, wird man bei seinen
    neurotischen Kranken nur schwere und lange Zeit fortgesetzte
    Abnormität des Sexuallebens als Aufklärung gelten lassen;
    dass man aber durch sein Drängen einen Kranken, der
    psychisch normal ist, veranlassen könnte, sich selbst fälsch-

    lich sexueller Vergehen zu bezichtigen, das darf man getrost
    als eine imaginäre Gefahr vernachlässigen.

    Verfährt man in dieser Weise mit seinen Kranken, so
    erwirbt man sich auch die Ueberzeugung, dass es für die
    Lehre von der sexuellen Aetiologie der Neurasthenie negative
    Fälle nicht gibt. Bei mir wenigstens ist diese Ueberzeugung
    so sicher geworden, dass ich auch den negativen Ausfall des
    Examens diagnostisch verwerthet habe, nämlich um mir zu
    sagen, dass solche Fälle keine Neurasthenie sein können. So
    kam ich mehrmals dazu, eine progressive Paralyse anstatt einer
    Neurasthenie anzunehmen, weil es mir nicht gelungen war,
    die nach meiner Lehre erforderliche, ausgiebige Masturbation
    nachzuweisen, und der Verlauf dieser Fälle gab mir nachträglich
    Recht. Ein andermal, wo der Kranke, bei Abwesenheit
    deutlicher organischer Veränderungen, über Kopfdruck, Kopf-
    schmerzen und Dyspepsie klagte und meinen sexuellen Ver-
    dächtigungen mit Aufrichtigkeit und überlegener Sicherheit
    begegnete, fiel es mir ein, eine latente Eiterung in einer der
    Nebenhöhlen der Nase zu vermuthen, und ein specialistisch
    geschulter College bestätigte dieses aus dem sexuell negativen
    Examen gezogenen Schluss, indem er den Kranken durch Ent-
    leerung von foetidem Eiter aus einer Highmorshöhle von seinen
    Beschwerden befreite.

    Der Anschein, ob es dennoch „negative Fälle“ gäbe,
    kann auch auf andere Weise entstehen. Das Examen weist
    mitunter ein normales Sexualleben bei Personen nach, deren
    Neurose einer Neurasthenie oder einer Angstneurose für ober-
    flächliche Beobachtung wirklich genug ähnlich sieht. Tiefer
    eindringende Untersuchung deckt aber dann regelmässig den
    wahren Sachverhalt auf. Hinter solchen Fällen, die man für
    Neurasthenie gehalten hat, steckt eine Psychoneurose, eine
    Hysterie oder Zwangsneurose. Die Hysterie insbesondere, die
    so viele organische Affectionen nachahmt, kann mit Leichtigkeit
    eine der actuellen Neurosen vortäuschen, indem sie deren
    Symptome zu hysterischen erhebt. Solche Hysterien in der
    Form der Neurasthenie sind nicht einmal sehr selten. Es ist
    aber keine wohlfeile Auskunft, wenn man für die Neurast-
    henien mit sexuell negativer Auskunft auf die Psychoneurosen
    recurrirt; man kann den Nachweis hiefür führen auf jenem
    Wege, der allein eine Hysterie untrüglich entlarvt, auf dem
    Wege der später zu erwähnenden Psychoanalyse.

    Vielleicht wird nun Mancher, der gerne bereit ist, der
    sexuellen Aetiologie bei seinen neurasthenischen Kranken
    Rechnung zu tragen, es doch als eine Einseitigkeit rügen,
    wenn er nicht aufgefordert wird, auch den anderen Momenten,
    die als Ursachen der Neurasthenie bei den Autoren allgemein
    erwähnt sind, seine Aufmerksamkeit zu schenken. Es fällt
    mir nun nicht ein, die sexuelle Aetiologie bei den Neurosen
    jeder anderen zu substituiren, so dass ich deren Wirksamkeit
    für aufgehoben erklären würde. Das wäre ein Missverständniss.
    Ich mein vielmehr, zu allen bekannten und wahrscheinlich
    mit Recht anerkannten, ätiologischen Momenten der Autoren
    für die Entstehung der Neurasthenie, kommen die sexuellen,
    die bisher nicht hinreichend gewürdigt worden sind, noch
    hinzu. Diese verdienen aber, nach einer Schätzung, dass man
    ihnen in der ätiologischen Reihe eine besondere Stellung an-
    weise. Denn sie allein werden in keinem Falle von Neurast-
    henie vermisst, sie allein vermögen es die Neurose ohne
    weitere Beihilfe zu erzeugen, so dass diese anderen Momente
    zur Rolle einer Hilfs- und Supplementärätiologie herabgedrückt
    scheinen; sie allein gestatten dem Arzte, sichere Beziehungen
    zwischen ihrer Mannigfaltigkeit und der Vielheit der Krank-
    heitsbilder zu erkennen. Wenn ich dagegen die Fälle zu-
    sammenstelle, die angeblich durch Ueberarbeitung, Gemüths-
    aufregung, nach einem Typhus u. dgl. neurasthenisch ge-
    worden sind, so zeigen sie mir in den Symptomen nichts
    Gemeinsames, ich wüsste aus der Art der Aetiologie keine
    Erwartung in Betreff der Symptome zu bilden, wie umgekehrt
    aus dem Krankheitsbilde nicht auf die einwirkende Aetiologie
    zu schliessen.

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    57 Wiener klinische Rundschau 1898. Nr. 4.

    Die sexuellen Ursachen sind auch jene, welche dem
    Arzte am ehesten einen Anhalt für sein therapeutisches
    Wirken bieten. Die Heredität ist unzweifelhaft ein bedeut-
    samer Factor, wo sie sich findet; sie gestattet, dass ein
    grosser Krankheitseffect zustande kommt, wo sich sonst
    nur ein sehr geringer ergeben hätte. Allein die Heredität ist
    der Beeinflussung des Arztes unzugänglich; ein Jeder bringt
    seine hereditären Krankheitsneigungen mit sich; wir können
    nichts mehr daran ändern. Auch dürfen wir nicht vergessen,
    dass wir gerade in der Aetiologie der Neurasthenien der
    Heredität den ersten Rang nothwendig versagen müssen.
    Die Neurasthenie (in beiden Formen) gehört zu den Affec-
    tionen, die jeder erblich Unbelastete bequem erwerben kann.
    Wäre es anders, so wäre ja die riesige Zunahme der Neu-
    rasthenie undenkbar, über welche alle Autoren klagen. Was
    die Civilisation betrifft, zu deren Sündenregister man oft die
    Verursachung der Neurasthenie zu schreiben pflegt, so mögen
    auch hierin die Autoren Recht haben (wiewohl wahrscheinlich
    auf ganz anderen Wegen, als sie vermeinen); aber der Zu-
    stand unserer Civilisation ist gleichfalls für den Einzelnen
    etwas Unabänderliches; übrigens erklärt dieses Moment bei
    seiner Allgemeingiltigkeit für die Mitglieder derselben Ge-
    sellschaft niemals die Thatsache der Auswahl bei der Er-
    krankung. Der nicht neurasthenische Arzt steht ja unter
    demselben Einflusse der angeblich unheilvollen Civilisation
    wie der neurasthenische Kranke, den er behandeln soll. — Die
    Bedeutung erschöpfender Einflüsse bleibt mit der oben ge-
    gebenen Einschränkung bestehen. Aber mit dem Momente
    der „Ueberarbeitung“ das die Aerzte so gerne ihren Patienten
    als Ursache ihrer Neurose gelten lassen, wird übermässig viel
    Missbrauch getrieben. Es ist ganz richtig, dass Jeder, der
    sich durch sexuelle Schädlichkeiten zur Neurasthenie dis-
    ponirt hat, die intellectuelle Arbeit und die psychischen
    Mühen des Lebens schlecht verträgt, aber niemals wird
    Jemand durch Arbeit oder durch Aufregung allein neurotisch.
    Geistige Arbeit ist eher ein Schutzmittel gegen neu-
    rasthenische Erkrankung, gerade die ausdauerndsten intelec-
    tuellen Arbeiter bleiben von der Neurasthenie verschont, und
    was die Neurastheniker als „krankmachende Ueberarbeitung“
    anklagen, das verdient in der Regel weder der Qualität noch
    dem Ausmaasse nach als „geistige Arbeit“ anerkannt zu
    werden. Die Aerzte werden sich wohl gewöhnen müssen, dem
    Beamten, der sich in seinem Bureau „überanstrengt“, oder
    der Hausfrau, der ihr Hauswesen zu schwer geworden ist, die
    Aufklärung zu geben, dass sie nicht erkrankt sind, weil sie ver-
    sucht haben, ihre für ein civilisirtes Gehirn eigentlich leichten
    Pflichten zu erfüllen, sondern weil sie während dessen ihr Sexual-
    leben gröblich vernachlässigt und verdorben haben.

    (Fortsetzung folgt.)