S.
Die Verneinung
und Verleugnung
von
Sigm. FreudDie Art, wie unsere Patienten ihre Einfälle
während der analytischen Arbeit vorbringen,
giebt uns Anlaß zu einigen interessanten
Beobachtungen. „Sie werden jetzt denken,
ich will etwas Beleidigendes sagen, aber ich habe
wirklich nicht diese Absicht.“ Wir verstehen,
das ist die Abweisung eines eben auftauchenden
Einfalles durch Projektion. Oder: „Sie
fragen, wer diese Person im Traume sein
kann. Die Mutter ist es nicht.“ Wir bericht=
igen: Also ist es die Mutter. Wir nehmen
uns die Freiheit, bei der Deutung von
der Verneinung abzusehen undauf
den reinen Inhalt des Einfalls heraus=
zugreifen. Es ist so, als ob der Patient gesagt
hätte: „Mir ist zwar die Mutter zu dieser
Person eingefallen, aber ich habe keine
Lust, diesen Einfall gelten zu lassen.“Gelegentlich kann man sich eine gesuchte
Aufklärung über das unbewußte Ver=
drängte auf eine sehr bequeme Weise
verschaffen. Man fragt: Was halten Sie
wol für das Allerunwahrscheinlichste in
jener Situation? Was, meinen Sie, ist
Ihnen damals am fernsten gelegen? Geht
der Patient in die Falle und nennt das,
woran er am wenigsten glauben kann, so
hat er damit fast immer das Richtige zugestan=
den. Ein hübsches Gegenstück zu diesem Ver=
such stellt sich oft beim Zwangsneurotiker
her, der bereits in das Verständnis seiner
Symptome eingeführt worden ist. „Ich habe
eine neue Zwangsvorstellung bekommen.
Mir ist sofort dazu eingefallen, sie könnte
dies bestimmte bedeuten. Aber nein,
das kann ja nicht wahr sein, sonst hätte
es mir nicht einfallen können.“ Was er
mit dieser der Kur abgelauschten Begründ=
ung verwirft, ist natürlich der richtige
Sinn der neuen Zwangsvorstellung.Ein verdrängter Vorstellungs- oder Gedanken=
inhalt kann also zum Bewußtsein durch=
dringen, unter der Bedingung, daß er sich
verneinen läßt. Die Verneinung ist eine
Art, das Verdrängte zur Kenntnis zu nehmen,
eigentlich schon eine Aufhebung der Verdräng=
ung, aber freilich keine Annahme des Ver=
drängten. Man sieht, wie sich hier die
intellektuelle Funktion vom affektiven
Vorgang scheidet. Mit Hilfe der Vernei=
nung wird nur die eine Folge des Ver=
drängungsvorganges rückgängig gemacht,S.
daß dessen Vorstellungsinhalt nicht zum Bewußtsein
gelangt. Es resultiert daraus eine Art von intel=
lektueller Annahme des Verdrängten bei
Fortbestand des Wesentlichen an der Ver=
drängung.x) Im Verlauf der analytischen Arbeit
schaffen wir oft eine andere, sehr wichtige
und ziemlich befremdende Abänderung der=
selben Situation. Es gelingt uns dann auch
die Verneinung zu besiegen und die volle
intellektuelle Annahme des Verdrängten
durchzusetzen, — der Verdrängungsvorgang
selbst ist damit noch nicht aufgehoben.___________________________
x) Derselbe Vorgang liegt dem bekannten
Phänomen des „Berufens“ zu Grunde. „Wie
schön, daß ich meine Migräne so lange nicht
gehabt habe!“ Das ist aber die erste Ankünd=
igung des Anfalls, dessen Herannahen man
bereits verspürt, aber noch nicht glauben
will.___________________________
Da es die Aufgabe der intellektuellen
Urteilsfunktion ist, Gedankeninhalte zu
bejahen oder zu verneinen, haben uns
die vorstehenden Bemerkungen zum
psychologischen Ursprung dieser Funktion
geführt. Etwas im Urteil verneinen, heißt
im Grunde: das ist etwas, was ich am
liebsten verdrängen möchte. Die Verur=
teilung ist der intellektuelle Ersatz
der Verdrängung, ihr Nein ein Merk=
zeichen derselben, ein Ursprungszertifikat
etwa wie das „made in Germany“. Ver=
mittels des Verneinungssymbols macht sich das Denken
von den Einschränkungen der Verdrängung frei
und bereichert sich um Inhalte, deren es für
seine Leistung nicht entbehren kann.Die Urteilsfunktion hat im wesentlichen
zweierlei Entscheidungen zu treffen. Sie soll
einem Ding eine Eigenschaft zu- oder absprechen,
und sie soll einer Vorstellung die Existenz
in der Realität zugestehen oder bestreiten.
Die Eigenschaft, über die entschieden werden soll,
könnte ursprünglich gut oder schlecht, nützlich
oder schädlich gewesen sein. In der Sprache
der ältesten oralen Triebregungen ausge=
drückt: das will ich essen oder will es aus=
spucken, und in weitergehender Über=
tragung: das will ich in mich einführen
und das aus mir ausschließen. Also: es soll
in mir oder außer mir sein. Das ursprüng=
liche Lust-Ich will, wie ich an anderer Stelle
ausgeführt habe, alles Gute sich introjizieren,
alles Schlechte von sich werfen. Das Schlechte,
das dem Ich fremde, das außen
befindliche ist ihm zunächst identisch. x)S.
x) Vgl hiezu die Ausführungen in „Triebe und
Triebschicksale“ (Ges. Schriften V.)___________________________
Die andere der Entscheidungen der Urteilsfunk=
tion, die über die reale Existenz eines vorge=
stellten Dinges, ist ein Interesse des endgiltigen
Real-Ichs, das sich aus dem anfänglichen
Lust-Ich entwickelt. (Realitätsprüfung). Nun
handelt es sich nicht mehr darum, ob etwas Wahr=
genommenes (ein Ding) ins Ich aufgenommen
werden soll oder nicht, sondern ob etwas
im Ich als Vorstellung Vorhandenes auch in
der Wahrnehmung (Realität) wiedergefunden
werden kann. Es ist, wie man sieht, wieder
eine Frage des Außen und Innen. Das nicht
Reale, bloß Vorgestellte, Subjektive, ist nur
Innen; das andere, Reale, auch im Draußen
vorhanden. In dieser Entwicklung ist die Rück=
sicht auf das Lustprinzip bei Seite gesetzt
worden. Die Erfahrung hat gelehrt, es ist nicht
nur wichtig, ob ein Ding (Befriedigungsobjekt)
die „gute“ Eigenschaft besitzt, alsoobdie
Aufnahme ins Ich verdient, sondern auch ob es in der
Außenwelt da ist, so daß man sich seiner
nach Bedürfnis bemächtigen kann. Um diesen
Fortschritt zu verstehen, muß man sich daran
erinnern, daß alle Vorstellungen von Wahr=
nehmungen stammen, Wiederholungen der=
selben sind. Ursprünglich ist also schon die
Existenz der Vorstellung eine Bürgschaft
für die Realität des Vorgestellten. Der
Gegensatz zwischen Subjektivem und Objektivem
besteht nicht von Anfang an. Er stellt
sich erst dadurch her, daß das Denken die
Fähigkeit besitzt, etwas einmal Wahrgenom=
menes durch Reproduktion in der Vor=
stellung wieder gegenwärtig zu machen,
während das Objekt draußen nicht mehr
vorhanden zu sein braucht. Der erste und
nächste Zweck der Realitätsprüfung ist also
nicht, ein dem Vorgestellten entsprechendes
Objekt in der realen Wahrnehmung zu
finden, sondern es wiederzufinden,
sich zu überzeugen, daß es noch vorhanden
ist. Ein weiterer Beitrag zur Entfremdung
zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven
rührt von einer anderen Fähigkeit des Denk=
vermögens her. Die Reproduktion der Wahrnehmung
in der Vorstellung ist nicht
immer deren getreue Wiederholung; sie kann
durch Weglassungen modifiziert, durch Verschmelz=
ungen verschiedener Elemente verändert
sein. Die Realitätsprüfung hat dann zu kon=
trollieren, wie weit diese Entstellungen reichen.
Man erkennt aber als Bedingung für
die Einsetzung der Realitätsprüfung,S.
daß Objekte verloren gegangen sind, die einst reale
Befriedigung gebracht hatten.Das Urteilen ist die intellektuelle Aktion, die
über die Wahl der motorischen Aktion ent=
scheidet, dem Denkaufschub ein Ende setzt und
vom Denken zum Handeln überleitet.
Auch über den Denkaufschub habe ich bereits an
anderer Stelle gehandelt. Er ist als eine Probe=
aktion zu betrachten, ein motorisches Tasten
mit geringen Abfuhraufwänden. Besinnen
wir uns: wo hatte das Ich ein solches Tasten
vorher geübt, an welcher Stelle die Technik
erlernt, die es jetzt bei den Denk=
vorgängen anwendet? Dies geschah am sensor=
ischen Ende des seelischen Apparats, bei
den Sinneswahrnehmungen. Nach unserer
Annahme ist ja die Wahrnehmung kein
rein passiver Vorgang, sondern das Ich
schickt periodisch kleine Besetzungsmengen in
das Wahrnehmungssystem, mittels deren es
die äußeren Reize verkostet, um sich nach jedem
solchen tastenden Vorstoß wieder zurückzuziehen.Das Studium des Urteils eröffnet uns
vielleicht zum ersten Mal die Einsicht in
die Entstehung einer intellektuellen Funktion
aus dem Spiel der primären Triebregungen.
Das Urteilen ist die zweckmäßige Fortentwick=
lung der ursprünglich nach dem Lustprinzip
erfolgten Einbeziehung ins Ich oder Aus=
stoßung aus dem Ich. Seine Polarität scheint
der Gegensätzlichkeit der beiden von uns
angenommenen Triebgruppen zu entsprechen.
Die Bejahung — als Ersatz der Vereinigung —
gehört dem Eros an, die Verneinung —
Nachfolge der Ausstoßung — dem Destruktions=
trieb. Die allgemeine Verneinungslust, der
Negativismus, mancher Psychotiker ist wahrschein=
lich als Anzeichen der Triebentmischung durch
Abzug der libidinösen Komponenten zu
verstehen. Die Leistung der Urteilsfunktion
wird aber erst dadurch ermöglicht, daß die
Schöpfung des Verneinungssymbols dem Denken
einen ersten Grad von Unabhängigkeit
von den Erfolgen der Verdrängung und
somit auch vom Zwang des Lustprinzips
gestattet hat.Zu dieser Auffassung der Verneinung stimmt
es sehr gut, daß man in der Analyse kein
„Nein“ aus dem Unbewußten auffindet,
und daß die Anerkennung des Unbewußten
von Seiten des Ichs sich in einer negativen
Formel ausdrückt. Kein stärkerer Beweis
für die gelungene Aufdeckung des Unbe=
wußten, als wenn der Analysierte mit dem
Satze: Das habe ich nicht gedacht, oder: Daran
habe ich nicht (nie) gedacht, darauf
reagiert.
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Die Verneinung und Verleugnung
1925-003/1925.01
1925-003/1925.01