Diskussionsbeiträge [Psychologische Mittwoch-Gesellschaft] 1904-411/1904

Stekel, Wilhelm (1904-411/1904): Diskussionsbeiträge [Psychologische Mittwoch-Gesellschaft]

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    Dr. Wilhelm Stekel.

    Autoerotismus und Gesundheit.

    Motto: Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden
    Bleibt dem Menschen nur die bange Wahl.
    Schiller („Das Ideal und das Leben“).

    In einer kleinen Gesellschaft von Ärzten entspann sich vor einiger Zeit eine
    längere Debatte über den Schaden der Masturbation. Ist die Onanie schädlich?
    Und inwiefern?

    Es zeigte sich, dass jeder einzelne der Redner einen anderen Standpunkt ver-
    trat, so dass ich als letzter mit Recht sagen konnte, es komme wohl bei keiner zweiten
    Frage so viel auf das Individuum selbst an als gerade bei der des Autoerotismus.
    Die Frage wäre nur individuell zu lösen.

    Es entspricht einer nun fast überwundenen groben materialistisch-mechanischen
    Anschauung, wenn beispielsweise Gruber in seinem Buche: „Die Hygiene des
    Geschlechtslebens, dargestellt für Männer“ (Stuttgart, Ernst Heinrich Moritz),
    folgendes summarisch ausführt: „Es ist nicht einzusehen, warum es schädlicher sein
    soll, warum die nervöse Erschütterung grösser sein soll, wenn die mechanische Ein-
    wirkung auf einem anderen Wege vor sich geht als beim natürlichen Koitus. Mässig
    betriebenes Onanieren ist dem Geschlechtsreifen weniger schädlich, als der unter-
    brochene Beischlaf. Die Neigung zur Onanie verliert der gesunde Mann sofort, wenn
    er den normalen Geschlechtsverkehr kennen gelernt hat. Dies ist der Grund dafür,
    dass jungen Männern häufig der Rat erteilt wird, Prostituierte aufzusuchen. Ich
    halte dies für eine verwerfliche Torheit, denn — um von allem anderen zu
    schweigen — das Onanieren ist für den Geschlechtsreifen ein viel
    geringeres Übel als die venerischen Krankheiten, die man sich im Ver-
    kehre mit Prostituierten früher oder später fast mit Sicherheit holt.
    Einen Unreifen aber frühzeitig zum Beischlaf verlocken, hiesse erst
    recht ihn völlig korrumpieren.“

    Es ist merkwürdig, in welchen Extremen sich die Gelehrten hin- und her-
    bewegen. Es ist noch nicht lange her, da wollte man sämtliche Nervenkrankheiten
    als Folgen der Masturbation ansprechen. Führen wir aus der trefflichen Studie von
    Havelock Ellis über den Autoerotismus einige dieser angeblichen Folgen der Mastur-
    bation an: Irrsinn, Epilepsie, zahlreiche Arten von Augenkrankheiten, Supraorbital-
    kopfschmerzen, Occipitalkopfschmerzen (Spigla), seltsame Empfindungen in der
    Scheitelgegend (Savage), verschiedene Arten von Neuralgie (Anstie, Chapman), Em-
    pfindlichkeit der Haut in der unteren Rückengegend (Chapman), Empfindlichkeit der

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    Brüste (Lacassagne), Asthma (Peyer), das Auftreten von Pusteln auf Wunden (Bara-
    duc), Akne und andere Hautausschläge (Autor von Onanie und Eliptson), erweiterte
    Pupillen (Stene, Lewis, Moraglia), nach oben oder seitwärts gerichtete Pupillen
    (Pouillet), dunkle Ringe um die Augen, schmerzhafte Menstruation, (I. Chap-
    man), Uterus- und Vaginalkatarrh (Winckel, Pouillet), Hypertrophie der Geschlechts-
    organe, blasse und missgefärbte Haut (Lewis, Moraglia), Nasenröte (Gruner), Nasen-
    bluten (Joal, J. N. Mackenzie), krankhafte Veränderungen in der Nase (Hieff), krampf-
    hafter Husten in der Pubertät (Gowers), unwillkürlicher Harnfluss bei jungen Mädchen
    (Girandeau), Warzen an den Händen bei Frauen (Dürr, Kriechmar, v. Ohe), Gehör-
    und Geruchhalluzinationen (Griesinger, Lewis), starre Haltung, Indican im Urin
    (Herter), ein unbeschreiblicher Geruch der Haut des Weibes (Skene).“ So diese Ärzte.
    Wie übertrieben und einseitig! Aber ein Körnchen Wahrheit wird wohl
    dabei sein. Gruber jedoch sieht im Grunde genommen keinen Unterschied zwischen
    den verschiedenen Formen des Erotismus, meint aber, die Gelegenheit zur Mastur-
    bation sei viel größer, die Verlockung zur Unmäßigkeit wachse und sie werde auch
    von Geschlechtsunreifen ausgeführt, was selbstverständlich schädlich sei.

    Gesetzt den Fall, es bestünden keine physischen Unterschiede zwischen einseitigem
    Erotismus und dem Beischlafe, gesetzt den Fall, es handle sich nicht um Vereinigung
    verschiedenartiger elektrischer Ströme oder anderer dunkler Kräfte, so lassen sich
    noch eine Reihe psychischer Momente anführen, die den Unterschied zwischen diesen
    beiden Formen der Sexualität verständlicher machen. Bei allen sexuellen Akten
    handelt es sich nach den Ausführungen Moll’s, die wir des Schemas halber bei-
    behalten, um zweierlei Komponenten des Sexualtriebes, um den Kontrektations- und
    um den Detumescenztrieb (Berührungs- und Entladungstrieb). Nun ist es klar, dass
    dem Detumescenztrieb auch durch Autoerotismus Genüge geleistet werden kann,
    während der Kontrektationstrieb nur durch mutuellen Erotismus befriedigt wird, weil
    er ein reales Objekt voraussetzt. Diese Einteilung bringt uns aber der Lösung
    unserer Frage nicht näher. Wir mögen den Trieb in die verschiedensten Komponenten
    zerlegen, die Erklärung, weshalb die Befriedigung der einen Komponente schädlicher
    wäre als die aller Komponenten zusammen, würde noch immer ausstehen.

    Ganz anders erscheint dieses Problem, wenn wir es vom Standpunkt des
    Aufwandes der psychischen Energie betrachten. Wieviel psychische Energie wird ver-
    schwendet, wenn der Autoerotismus zur Befriedigung führen soll? Eine Reihe von
    Hemmungen (Keuschheitsgefühl, Verwerflichkeit der Onanie, Angst vor Schwächung
    des Körpers u. s. w.) sind zu überwinden. Ferner muss in vielen Fällen mit Auf-
    gebot von Phantasie ein geistiges Sexualideal geschaffen werden. Die Unlustgefühle
    nach dem autoerotischen Akte sind viel lebhafter als nach dem normalen Akte. Das
    Niederringen der uralten Instinkte, die uns zum Weibe drängen, der durch Millionen
    Jahre durch die ganze Schöpfung gehende Drang zur Fortpflanzung, der sich dagegen
    sträubt, eine zwecklose Handlung zu begehen, erfordert ebenfalls einen großen Aufwand
    an psychischer Energie. Dieser Energieverbrauch ist es, der die onanierenden Kinder
    träumerisch, zerstreut und für die Zwecke der Schule unbrauchbar macht. Andererseits
    fehlt es nicht an Beispielen, dass hie und da Kinder in der Pubertätszeit gerade nach
    Beginn der Onanie sehr aufgeweckt werden und viel besser studieren als vorher. In
    solchen Fällen ist sicherlich der Mangel psychischer Hemmungen, das befriedigte Ent-
    ladungsbedürfnis der angehäuften Reize, ein gewisses Selbständigkeitsgefühl, das jedes
    Geheimnis verleiht, mit in Rechnung zu ziehen. Auch hier spielen individuelle
    Momente eine große Rolle.

    Ferner muss ich nach meinen Erfahrungen den Autoerotismus vor und nach
    der Pubertät strenge auseinanderhalten. In der Vorpubertätsperiode mag die Onanie,
    was die physische Entwicklung anbelangt, völlig unschädlich sein. Vollkommen ver-
    fehlt wäre es, jedes Kind als erblich belastet oder als „dégénéré“ zu betrachten, das
    schon im frühen Alter zu onanieren beginnt. Die Gefahren des Autoerotismus im
    Kindesalter liegen auf ganz anderen Gebieten, als dem physischen — auf dem psy-
    chischen. Die Kinder leisten trotz allem Talent in der Schule sehr wenig, da sie
    ihre Lebenskräfte aufbrauchen. Wie steht es aber mit der Schädlichkeit der Mastur-
    bation nach der Pubertät? Abgesehen von dem effektiven Eiweißverluste sind hier
    die psychischen Hemmungen bedeutend größer, der Aufwand an psychischer Energie ein
    viel bedeutenderer. Aus Hauptsensation ist Tiefsensation geworden. In diesem Alter
    setzen die sogenannten abschreckenden Bücher ein, die dem Jüngling ein vollkommen
    falsches Schreck- und Zerrbild seiner Zukunft vormalen. Wunsch und Angst, Ver-
    zweiflung und Verlangen, Reue und Impuls kämpfen miteinander und dieser Seelen-
    kampf ist es, der so großen Schaden bringt, den Jüngling und das Mädchen mürbe
    macht. Beim Mädchen und bei der Frau, für die ja größere Schädlichkeit der

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    Masturbation anerkannt wird, kommt noch die große psychische Energie in Betracht,
    die notwendig ist, um die für die Weiblichkeit aufgebauten Barrieren des Geschlechts-
    triebes (Scham, Keuschheit, Reinheit u. s. w.) zu überwinden. Im Gegensatz zum
    Koitus, bei dem die Gedankenarbeit vollkommen ruht, weil er unter der Herr-
    schaft eines Impulses vollzogen wird, wo außerdem eine Reihe sekundärer Geschlechts-
    momente wie das Triumphgefühl des Siegers, Mitleid, Freude des Gebens und
    Empfangens u. s. w. mit in Frage kommen, wird auch von vielen Masturbanten
    große geistige Arbeit geleistet. Wir sehen also, daß die Behauptungen Grubers von
    der Unschädlichkeit der Onanie, was das Physische betrifft, sicherlich
    für die meisten Fälle richtig, was das Psychische anbelangt, jedoch
    entschieden falsch sind.

    Jetzt kommen noch zwei wichtige Momente hinzu, die die Gefahrlosigkeit der
    Onanie sehr bedeutend in Frage stellen. Es ist zweifellos, daß Männer, die lange
    onanieren, den Weg zum Weibe viel schwerer oder gar nicht mehr finden können. Es
    ist dies eben so richtig, als die Behauptung Grubers falsch ist, daß die Onanie aufhört,
    sobald der normale Geschlechtsverkehr beginnt. Mir sind eine Reihe von Fällen bekannt,
    wo die Onanie fortgesetzt wurde, ja, wo sie später sogar wieder die Neigung zum anderen
    Geschlecht verdrängte und die alleinige Form der Geschlechtstätigung blieb. Die
    Keuschheitsbewegung empfiehlt dem Jüngling den Autoerotismus, indem sie ihm den
    natürlichen Weg zum Weibe mit einer Reihe von Hemmungen umgibt, welche Hem-
    mungen zu überwinden für ihn dann viel schwieriger ist, als man es glaubt. Ist
    ein gewisses Alter vorbei, so läßt sich eine solche Hemmung nicht so ohneweiters
    beseitigen, und manches Menschenleben ist schon daran gescheitert, daß es den Weg vom
    Autoerotismus zum anderen Geschlechte nicht finden konnte. Es findet eine dauernde
    Verschiebung des Sexualobjektes und der erogenen Zonen statt. Besonders bei Frauen
    können sich bedeutsame Änderungen einstellen. Die eigentliche Sexualregion wird
    anästhetisch und bleibt es auch später in der Ehe, während das ganze Sexualgefühl
    sich außen lokalisiert. Ebenso können psychische Änderungen eintreten, die eine sonst
    kaum angedeutete Komponente unserer Bisexualität, die Monosexualität entwickeln.
    Von der Monosexualität bis zum Homosexuellen fehlt dann nur ein kleiner Schritt.

    — Eine andere Gefahr des Autoerotismus hat Freud sehr treffend klargelegt; er
    meint, der Autoerotismus schwäche gewissermaßen die Widerstandskraft des Menschen
    gegen die Impulse der Sexualität, da die Reizhöhe, die zur Befriedigung dränge,
    eine viel geringere wäre. Unter dem Einfluß der Masturbation gestalte sich das
    Geschlechtsleben später entschieden in für das Individuum unvorteilhafter Weise.

    Ich gestehe also ganz offen, daß ich aus all diesen erwähnten Gründen einige
    Jahre nach dem Einsetzen der Pubertät eine mäßige Befriedigung des Geschlechts-
    triebes in normaler Weise den verschiedenen Formen des Autoerotismus vorziehe.
    Freilich wirft sich eine zweite Frage auf, die aber die erste gar nicht berührt, die
    Frage der Geschlechtskrankheiten. Gruber hat den Fehler gemacht, diese „soziale
    Frage“ vom Individuum aus lösen zu wollen.

    Es ist zweifellos, daß die Geschlechtskrankheiten eine große Gefahr für die
    gesamte Menschheit involvieren, daß deren Ausrottung im Interesse einer gesunden
    Nachkommenschaft eine berechtigte Forderung aller Freunde der Menschheit ist.

    Diese Besserung der Verhältnisse auf dem Wege der vollkom-
    menen Abstinenz vor der Ehe erzielen zu wollen, hieße die Menschheit
    auf der einen Seite um soviel schädigen, als man ihr auf der anderen
    Seite nützen würde. Ich glaube, das Problem ist von einer ganz falschen Seite
    angepackt. Durch entsprechende Aufklärung sowohl der männlichen als der weiblichen
    Jugend, durch strenge Bestrafung jener Menschen, die gewissenlos genug sind, wissentlich
    einen Mitmenschen zu infizieren, würde man gewiß eine bedeutende Verminderung
    dieser Krankheiten erzielen können. Ist es nicht unglaublich, daß man für einen Schlag
    aufs Ohr, für den Diebstahl einer geringfügigen Summe eventuell mit Kerker in
    der Dauer von mehreren Monaten bestraft werden kann, während solche Verbrecher,
    die die Gesundheit eines anderen Individuums untergraben und sein Lebensglück ver-
    nichten, straflos ausgehen und sich sogar dieser Tat brüsten können? Auch ist ohne-
    weiters einzusehen, daß bei unseren jetzigen sozialen Verhältnissen, wo der Mann
    kaum vor 30 Jahren in die Ehe treten kann, die Abschaffung der Prostitution ein
    Ding der Unmöglichkeit ist. Aber selbst in der Ehe gestattet Gruber dem Manne eine
    so geringe Betätigung des Geschlechtstriebes, daß eine Ausführung der Gruber’schen
    Prinzipien in der Praxis der meisten Menschen unmöglich wäre. Zur Zeit der
    Gravidität fordert er Schonung der Gattin. Dabei propagiert er gewissermaßen das
    Prinzip von Zolas Fécondité. Mit dem 50. Lebensjahr ungefähr hört der Trieb auf.
    Man mache die Rechnung, wieviel nach Gruber’schen Prinzipien einem erwachsenen

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    Manne an Geschlechtsthätigkeit übrig bleibt, wenn wir die physiologische periodische Erkran-
    kung der Gattin mit in Rechnung ziehen. Wenn er auch einsieht, daß allzuviel Kinder-
    segen das soziale Elend vermehren könne, unterläßt er es doch nicht, folgende Warnung
    auszusprechen: „Der Leser sei vor künstlichen Behinderungen der Befruchtung gewarnt.
    Es darf auch ihr schlechtester Einfluß auf das sittliche Verhältnis zwischen Mann und
    Frau nicht übersehen werden u. s. w.“

    Nun wäre die Ausführung dieser Prinzipien dem gesunden Manne wohl schwer
    anders möglich als auf dem Wege der Polygamie. Tatsächlich sehen wir bei Natur-
    völkern die Schonung der graviden Frau eingeführt, allerdings nur aus dem Grunde,
    weil dem Gatten inzwischen eine andere zur Verfügung steht.

    Die Lösung dieser brennenden Frage liegt auf zwei Gebieten, auf dem schon
    betonten sozialen und auf dem wissenschaftlichen. Schon ist es zum Teil durch die
    Fortschritte der Medizin möglich, durch gewisse Präventivmaßregeln die Infektions-
    möglichkeit zu vermindern. (Ich verweise auf die Berichte deutscher Schiffsärzte, die
    durch eine entsprechende Schulung ihrer Mannschaft die Zahl der Infektionen auf ein
    sehr geringes Maß herunterdrücken konnten.) Ich verkenne nicht das Mißliche der
    Prostitution, ihre Gefahren für den Jüngling in ethischer Hinsicht. Ich will nicht
    in Rechnung ziehen, daß die Jugend auch ohne Prostitution Erotik betreiben kann.
    Es sind dies heikle Fragen, die nicht plaudernd erledigt werden können. — — Anderer-
    seits ist eine Regelung der Prostitution in dem Sinne anzustreben, daß nicht nur die
    Prostituierten, sondern auch die sie besuchenden Männer ärztlich untersucht werden.
    Nur auf diese Weise wird es möglich sein, die Gefahren, die die sexuelle Aktivität heute
    noch bietet, auf ein geringeres Maß herabzusetzen. Vergessen wir nicht, daß alles in
    der Natur zwei Seiten hat, daß Lust und Gefahr überall eng verbunden sind, daß
    ohne hohen Einsatz nichts zu erreichen ist. Ich will hiemit nicht behaupten, daß völlige
    Abstinenz bis zur Ehe mit dem geliebten Wesen — denn jede andere Ehe ist ja nur
    ein mildere Form der Prostitution — unmöglich ist; sie ist das Ideal aller Menschen
    — aber wie alle Ideale schwer zu erringen. Es kommt ja auf das Individuum an.
    Einzelne werden es sicherlich vertragen, andere mit hoch entwickelter Sexualität
    (nach Ellen Key gerade die Übermenschen, die Besten, die Talentiertesten) aber könnten
    daran zu Grunde gehen. Für solche Menschen mit ungestümem Sexualdrang wäre
    eine bis ins 30. Lebensjahr fortgesetzte Masturbation meiner Ansicht nach psychisch
    ebenso gefährlich als eine physische Infektion.

    Ich betone noch einmal, daß die Frage des Autoerotismus sich nur von Fall
    zu Fall lösen läßt. Aus einer persönlichen Erfahrung kann nur auf eine Person
    geschlossen werden. Allgemein gültige Regeln und Prinzipien lassen sich hier nicht
    aufstellen.

    Zweifelsohne ist das Los unserer Jugend kein beneidenswertes: auf der einen
    Seite die Gefahr der Infektionen, das fürchterliche Schreckgespenst
    der Syphilis, die man noch immer nicht überschätzt, und der Gonorrhöe,
    deren Bedeutung für die Ehe man noch immer unterschätzt, auf der
    anderen Seite die psychischen Gefahren des Autoerotismus, der eben-
    falls imstande ist, das ganze Leben des Menschen in seinem Sinne
    umzugestalten.

    Zum Glücke für die Menschheit spielen trotz aller gelehrten Bücher der Instinkt
    und der Selbsterhaltungstrieb eine gewaltige Rolle. Mag der eine oder der andere unter
    dem Einflusse der Lektüre gesund bleiben oder krank werden, die Mehrzahl läßt sich
    von keinem noch so gelehrten und gutgemeinten Buche in ihrem Menschenrechte
    betrügen, und eines der höchsten Menschenrechte ist das Recht auf Lebensfreude in
    jeglicher Form.

    Viel größeren Schaden als die Masturbation stiftet jene verderbliche Form der
    ehelichen Geschlechtsliebe, die als „unterbrochener Beischlaf“ ein Mittel des Malthusia-
    nismus, der Kinderzahlbeschränkung wurde. Hier ist der Verbrauch an psychischer
    Energie ein ungeheurer, die Willensanstrengung, die erforderlich ist, den Detume-
    scenztrieb zu unterbrechen, ist entschieden adäquat der großen Schädlichkeit, die sie
    erzeugt. Wir müssen Freud dankbar sein, daß er uns die interrupte Detumescenz als
    Hauptursache jener peinigenden Krankheit gezeigt hat, die als Angstneurose so viele
    Menschen quält. Sagt doch Gruber mit Recht, (ich freue mich, dem hochverdienten
    Forscher, der von den edelsten Absichten geleitet wird, in diesem Punkte Recht geben zu
    können:) Die Natur läßt sich nicht straflos betrügen. Allerdings hat er damit
    das Urteil über die von ihm eingeleitete Abstinenzbewegung gesprochen.