Diskussionsbeiträge [Psychologische Mittwoch-Gesellschaft] 1905-412/1905

Stekel, Wilhelm (1905-412/1905): Diskussionsbeiträge [Psychologische Mittwoch-Gesellschaft]

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    Dr. Wilhelm Stekel.

    Das parteiische Gedächtnis.

    (Die Psychologie der Erinnerungen.)

         Meine erste Erinnerung reicht bis in mein zweites Lebensjahr zurück. Dabei
    handelt es sich um keine Erinnerungstäuschung, die durch spätere Erzählungen das
    frühe Bild beeinflusst hat. Nein — ich sehe die ganze Szene deutlich vor Augen.
    Ich war bei Großmutter auf dem Lande und sollte in die Stadt zu meinen
    Eltern zurückfahren. Ich erhielt als Abschiedsgeschenk eine hölzerne Pfeife. Auf
    dieser blies ich nun lustig, während uns der kleine Wagen rasch weiterbrachte.
    Plötzlich — ich weiß nicht wie — entfiel die Pfeife meinen Händen. Ich schlug
    einen fürchterlichen Lärm, der Wagen hielt, alles suchte eifrig im Straßenstaube,
    im Graben. Vergebens — die Pfeife war nicht mehr zu finden. Ich weiß noch
    genau, daß ich stundenlang geweint habe und kaum zu beruhigen war.

         Warum habe ich mir gerade dieses Erlebnis so genau gemerkt? Warum
    knüpfen alle meine Erinnerungen an diese Episode meiner Kindheit? Ich glaube,
    daß damals der Schmerz über den Verlust des Spielzeuges ein so gewaltiger war,
    daß er unauslöschliche Spuren in mein Gehirn gegraben hat. Der erste Schmerz!
    Unsere Erinnerung haftet an den großen Affekten und besonders an den ersten
    Affekten. Von diesem Erlebnis an kann ich mein Leben systematisch aufrollen, und
    unzählige kleine wichtige und unwichtige Szenen haften in meinem Gehirn. Merk-
    würdigerweise sind viele an gewisse sexuelle Erlebnisse oder zum mindesten an andere
    für jene Zeit große Affekte geknüpft.

         Ich erinnere mich besonders deutlich an ein unbedeutendes Erlebnis meiner
    Jugend. Es mag einen Monat nach meiner ersten Erinnerung gewesen sein, da kam
    Großmutter zu uns auf Besuch und sollte wieder nach mehrtätigem Aufenthalte
    nach Hause fahren. Mütterchen gab ihr eine Zitrone auf den Weg, was mir viel
    Kopfzerbrechen verursachte, weil meine Schwester in einer boshaften Laune mich
    dieselbe hatte einmal kosten lassen und ich eine greuliche Empfindung dabei durch-
    gekostet hatte. Wozu braucht Großmutter eine Zitrone? Dieses Problem hat mich
    damals beschäftigt, war vielleicht mein erstes Problem und hat sich so für alle
    Zeiten fixiert.

         Meine dritte Erinnerung bezieht sich auf ein Erlebnis, das meinen Eltern
    großen Kummer bereitet hat. Ich war einem Leierkasten, der auf seinem Gesimse
    mehrere sich drehende Figuren aufwies, nachgelaufen und konnte nicht mehr den
    Weg ins Vaterhaus finden. Erst am Abend wurde ich vor einer Schenke sitzend
    gefunden. Das erste Gefühl der vollkommenen Verlassenheit! Der zweite große
    musikalische Eindruck! (Pfeife und Leierkasten.) Ich bin auch noch heute ein leiden-
    schaftlicher Musikfreund.

         Ich habe diese Beispiele so genau erzählt, weil sie mir ein Beweis dafür
    sind, daß der Behauptung Freuds, alle unsere Erinnerungen wären Erinnerungs-
    täuschungen, zu widersprechen scheint. Diese Erinnerungen sind wahrhaft keine
    Deckerinnerungen, das heißt, hinter ihrem harmlosen Inhalte verbirgt sich keine
    wichtigere Begebenheit.

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         Trotzdem gibt es viele Menschen, deren Erinnerungen den Typus der Deck-
    erinnerungen aufweisen. In einer kleinen psychologischen Gesellschaft erzählten wir
    alle unsere Erinnerungen. Herr Dr. D. B. schilderte als deutlichste Erinnerung
    eine landschaftliche Szenerie, einen Weiher, Schwäne, ein Häuschen u. s. w.
    Seine Mutter, die er befragte, bestätigte ihm, daß er eine solche Szenerie in der
    Jugend auch wirklich gesehen habe. In demselben Weiher wäre einmal sein älterer
    Bruder fast ertrunken. Diese Erinnerung zeigt den reinsten Typus einer Deck-
    erinnerung. Diesen älteren Bruder hat er in der Jugend seiner Vorrechte halber
    gehaßt, und wiederholt mag ihn unbewußt der Gedanke beherrscht haben: „o wäre
    der Bruder damals ertrunken, dann wäre ich jetzt der Älteste (mit allen seinen
    Rechten)“. Diese Erinnerung war es, die ihm unzähligemal in Träumen und
    auch im wachen Zustande mit der alten Leidenschaft unbewußt wiedergekehrt war.
    Hinter dem idyllischen Landschaftsbilde verbirgt sich eine kleine Tragödie, die vom
    wachen Bewußtsein vollkommen verdrängt wurde.

         Überdenkt man die Unsumme unserer Eindrücke, unserer Vorstellungen jeg-
    licher Art, die in unserem Gehirn aufgespeichert sind, so steht man fassungslos
    vor dieser Riesenarbeit. Alle diese Vorstellungen sollen in einem kleinen Organe
    liegen? Alle im Gehirne, eigentlich nur in der Gehirnrinde? Wie ist das möglich?

         Man bedenke, daß ein Kubikmillimeter Blut vier Millionen rote Blut-
    körperchen aufweist. Ein Kubikmillimeter Gehirn hat vielleicht zehn Millionen
    Gehirnzellen, deren jede für einen Eindruck bestimmt ist. Ein Kubikzentimeter
    Gehirnmasse hat schon Raum für zehntausend Millionen Eindrücke. Jetzt ziehe
    man in Betracht, daß eine Zelle zahlreiche gleichartige Eindrücke aufnehmen und
    wiedergeben kann; so mögen sämtliche musikalische, sämtliche mathematische,
    philosophische, sexuelle — kurz alle gleichartigen Eindrücke ihre eigene Zellen-
    gruppe haben. Zwischen diesen Zellen laufen die Fäden, die sie kombinieren und
    die Zahl zehntausend Millionen allein ins Unermeßliche steigern.

         Sehr interessant sind die Assoziationen, die sich bei den Erinnerungen bilden.
    Einmal will ich meinem Sohne sagen: „Du schaust aus wie ein afrika-
    nischer Jäger“ und sage statt dessen „afrikanischer Neger“. Bei den meisten Fällen
    von Versprechen können wir bei genauer Analyse sehen, daß die kleinen Sprachfehler,
    die Entgleisungen des Alltags psychisch motiviert sind. Dieser jedoch hat bei
    genauer Analyse gar keine psychische Motivierung ergeben. Zwischen Afrika und
    Neger laufen alte ausgefahrene Assoziationsbahnen. Ich wollte Jäger sagen:
    die Gehirnzelle Neger, die am Wege getroffen wurde und die vielleicht wegen der
    gleichen Bildung eger mit Jäger in einem Zentrum ruht, trat mit meinem
    motorischen Sprachzentrum in Assoziation. Der Weg Afrika-Neger ist ausgefahrener
    als die Straße Afrika-Jäger. So geht es auch bei unseren Erinnerungen zu.
    Gleiche Eindrücke aus denselben Zellengruppen melden sich, führen über alte aus-
    gefahrene Assoziationsbahnen.

         Wenden wir uns einem weit komplizierteren interessanten Beispiele zu: Ich
    denke einmal an zwei italienische Patienten, deren Namen mir nicht einfallen
    wollen. Sie heißen Askoli und Delorme, was mir absolut nicht zu Bewußtsein
    kommen wollte. Ich grüble angestrengt; die Namen wollen nicht auftauchen; statt
    dessen melden sich zwei Ersatznamen: Albori und Cantani. Bei Albori fällt
    mir ein, daß das der Name einer großen Künstlerin ist; aber gleich korrigiere
    ich mich und sage mir, nein! — die heißt ja Alboni. Aber die Töchter dieses
    meines Herrn A., der mir nicht einfällt, sind Künstlerinnen. Daher die Verknüpfung.
    Ich erinnere mich, daß Albori der Name eines Feldmarschalls ist, was mich auf
    Exzellenz Dl. führt, den ich ebenfalls, und zwar mit geringem Erfolge behandelt
    habe. Ich merke schon, daß ich den Namen A. vergessen habe, weil es mir peinlich
    ist, daß er mir gleich Dl. nicht ein treuer Patient geblieben ist. Ich komme auf
    diesem Pfade nicht weiter und wende mich zu Cantani. Was weiß ich von Cantani?
    Ich habe von ihm nur eine strenge Diät in Erinnerung, die manchmal Schaden
    stiften kann. Er ist Professor, aber bei D., der mir nicht einfällt, habe ich eben-

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    falls eine strenge Diät ausgeführt und einen Mißerfolg gehabt, nach der falschen
    Ansicht des Patienten sogar Schaden gestiftet. Ein Sohn von A. ist ebenfalls
    Professor. Weiters fällt mir bei der Analyse Kants' (Cant—ani) „Macht des
    Gemütes“ ein. Richtig! Ich habe ja durch die Macht des Gemütes auf D. wirken
    wollen und davon zu seiner Schwester gesprochen. Wie heißt sie nur? Marion,
    — ja, Mari—on; wie schön das klingt und doch nur Marie und ein on. Der
    Name ist eigentlich französisch und mari heißt ja Mann! Jetzt fällt mir der
    Schwiegersohn des Herrn A. ein, dessen Frau auch eine Künstlerin ist. Er heißt
    Reißmann. Ich habe Herrn D. eine große Rechnung geschickt, ich war dort auch
    der Reißmann, ohne ihm geholfen zu haben. Diesen Gedanken wollte ich
    vergessen, wollte ihn verdrängen.
         Nun da das ganze Geheimnis enthüllt ist, fallen mir die Namen ein. Sie
    heißen: Askoli und Delorme.

         Man beachte die Assoziationen.

    Albori
    Alboni
    Exzellenz Dl.
    Reißmann
    Askoli

    }
       Generäle

    (Künstlerinnen)
    Professor   
    Professoren   {




     
    Cantani (Diät)
    Kant (Gemüt)
    Mari - on

    Delorme

         Von Hieronymus Lorm (de Lorme) kenne ich ein herrliches Gedicht
    auswendig:

    „Was soll mir Freudelosen
    Der Zauber im Gemüt?“

         Zwischen Delorme und Gemüt spinnen sich also doppelte Fäden: Kant und
    Lorm. Die Brücke von Delorme zu Cantani führt über die Erinnerungen an
    das Lormsche Gedicht. Das erklärt, wieso mir ein so scheinbar grundverschiedener
    Name wie Cantani einfallen konnte.
         Man betrachte das interessante Schema.

    Patienten Gleiche Vorstellungen    
    As-     koli
    Künstler
    De-     lorme
    Gemüt
    Al-     boni
    Lorm
    Al-     bori
    Kant
    Exzellenz D.
    Generäle
    Cant    ani

    Mari — on
     

    Reiß-    mann

         Man stelle sich nun vor, jedes Kästchen entspreche einer Gehirnzelle und hat
    ungefähr ein Bild der komplizierten Denkarbeit im Gehirne.
         Es ließen sich noch andere Beziehungen finden. Die drei Silben koli —
    boni — bori sind nur scheinbar bedeutungslos. Koli = Gewichte, boni = die
    Guten. Es handelt sich um lauter schwere (Koli), gute (boni) Patienten, die ich
    verloren.

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         Merkwürdig ist weiterhin Folgendes:

    A s k o l i
    A l b o r i
    A l b o n i

         Die Vokale A, o, i, sind in allen drei Worten dieselben. Die Konsonanten

    s k l
    l b r
    l b n

    ergeben die Worte sekol, leber, leben, die nicht ohne Beziehung zum ganzen psy-
    chischen Vorgange scheinen. Ich will nicht bestreiten, daß es ein Zufall sein kann,
    aber man kommt ungeheuer häufig auf solche sonderbare Zufälle.
         Ich kann es mir nicht versagen, ein diesbezügliches prachtvolles Beispiel von
    Freud anzuführen.*)
         Einmal bemühte er sich vergebens, den Namen Signorelli aus dem Ge-
    dächtnisse zu heben, als er an die großartigen Fresken im Dome von Orvieto
    dachte. Statt des gesuchten Namens drängten sich ihm zwei andere Namen
    bekannter Maler auf — Botticelli und Boltraffio. Das ereignete sich auf einer
    Fahrt mit einem fremden Reisegenossen von Ragusa nach einer Station in der
    Herzegowina. Kurz vorher hatte sich das Gespräch um die Sitten in Bos-
    nien und der Herzegowina gedreht. In diesem Gespräche kam die Ansprache
    der dortigen Türken „Herr“ (Signor) wiederholt vor. Dieses verborgene Signor
    hatte den Gedankengang auf die Fresken von Orvieto gelenkt. Während dieses
    Gespräches dachte aber Freud an die Verzweiflung, in die die Türken bei sexuellen
    Störungen verfallen und die seltsam gegen ihre bekannte Resignation bei Todes-
    gefahr absticht. Er selbst stand damals unter dem unangenehmen Eindrucke einer
    Nachricht, die er vor einigen Wochen in Trafoi erhalten hatte. Ein Patient, den
    er behandelte, hatte wegen unheilbarer sexueller Störungen seinem Leben ein Ende
    gemacht. In bewußte Erinnerung ist dieser Vorfall auf der ganzen Reise nicht
    gekommen. Die Gedankenreihen des Unbewußten scheinen sich damit beschäftigt
    zu haben. Die Übereinstimmung von Trafoi und Boltraffio kennzeichnet deutlich
    den Weg der Assoziationsreihen. „Ich kann“, führt der Forscher aus, „das Ver-
    gessen des Namens Signorelli nicht mehr als ein zufälliges Ereignis auffassen.
    Ich muß den Einfluß eines Motives bei diesem Vorgange anerkennen. Es waren
    Motive, die mich veranlassen, mich in der Mitteilung meiner Gedanken zu unter-
    brechen, und die mich ferner beeinflußten, die daran sich knüpfenden Gedanken
    (Trafoi) am Bewußtwerden anzuschließen. Ich wollte also etwas vergessen, ich
    hatte etwas verdrängt. Ich wollte allerdings etwas anderes vergessen als den
    Namen des Meisters von Orvieto; aber dieses andere brachte es zustande, sich
    mit diesem Namen in assoziative Verbindung zu setzen, so daß mein Willensakt
    das Ziel verfehlte und ich das eine wider Willen vergaß, während ich das andere
    mit Absicht vergessen wollte. Die Abneigung, mich zu erinnern, richtete sich gegen
    den einen Inhalt; die Unfähigkeit, mich zu erinnern, trat an einem anderen hervor.
    Es wäre offenbar ein einfacherer Fall, wenn Abneigung und Unfähigkeit, sich zu
    erinnern, denselben Inhalt beträfen. Die Ersatznamen erscheinen mir auch nicht
    mehr so völlig unberechtigt wie vor der Aufklärung; sie mahnen mich (nach Art
    eines Kompromisses) ebenso sehr an das, was ich vergessen, wie an das, dessen
    ich mich erinnern wollte, und zeigen mir, daß meine Absicht, etwas zu vergessen,
    nicht ganz gelungen ist.“
         Sehr auffällig ist die Verknüpfung der Silben, die ein anschauliches Bild
    gibt, wie die Fäden des unbewußten Gedankens von gleichlautenden zu ähnlichen

         *) Aus dem anregenden Werkchen meines Lehrers: Zur Psychopathologie des Alltagslebens.
    (Vergessen, Versprechen, Vergreifen). Berlin 1904, S. Karger. Eine Fundgrube der Selbst-
    erkenntnis!

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    Silben gesponnen sind. Beifolgendes Schema stellt diese Gedankenverknüpfung
    anschaulich dar:

    Signor

         elli

    Bo

    - tti - c     elli

    Bo

    ltraffio

    Her

    zegowina     und

    Bo

    snien

     
    Herr
    (Ansprache der Türken)

    (Thema von Tod und Sexualität)

    (Verdrängte Gedanken) Trafoi.

         Wir ersehen aus allen diesen Beispielen, wie parteiisch unser Gedächtnis ist.
    Welches Beispiel vom Vergessen wir auch immer analysieren, wir werden immer
    finden, daß psychische Motive sich dahinter verbergen.
         Nur scheinbar unmotiviert ist folgendes Beispiel:
         Ich sehe in einer Wohnung zwei schlechte Kopien der bekannten herrlichen
    Köpfe Balthasar Denners, des großen Meisters. (Wiener k. k. kunsthistorisches
    Museum.) Der Name will nicht aufsteigen. Statt dessen fällt mir die Schau-
    spielerin Tini Senders ein. Von hier komme ich über einen für mich pein-
    lichen Namen „Deiner“ zu Denner.
         Man überblicke: Balthasar Denner,
                                Tini Senders.

    Senders
    }
    Denner s

         Dieselben Buchstaben — nur in anderer Weise gruppiert.
         Ein anderes Beispiel!
         Ich sitze einmal an einem schönen Nachmittage zu Hause. „Hast du nichts
    zu tun?“ fragt meine Frau. „Sieh doch einmal in deinem Vormerkbüchlein nach.“
         „Gar nichts. Ich brauche nicht erst nachzusehen.“
         „Absolut nichts?“
         „Absolut nichts! Ich habe auch gar keine Lust, am Schreibtisch zu bleiben.
    Gehen wir ein wenig spazieren.“
         Gesagt, getan. Wir gehen spazieren, vertrödeln unsere Zeit in angenehmem
    Müßiggange. Abends fällt’s mir plötzlich ein, in mein Vormerkbuch zu sehen,
    und ich bemerke mit Erstaunen, daß dort mit großen Lettern geschrieben stand:
    „Um 4 Uhr nachmittags Ausschußsitzung . . .“ Freilich war ich schon das letzte
    Mal ungern in den Verein gegangen, weil mich die ewigen Reibereien zwischen
    dem Vorstande und einigen Mitgliedern anödeten. Meine Pflicht gebot mir, doch
    hinzugehen. Mein Gedächtnis war meinem Wunsche zu Hilfe gekommen. Ich hatte
    total daran vergessen.
         Von diesem Gesichtspunkte aus versteht man die verschiedenen Formen der
    Gedächtnisstärke und Gedächtnisschwäche am besten. Im Grunde genommen, haben
    alle Menschen ein gleich gutes Gedächtnis. Nur verbraucht der eine alle seine
    Erinnerungskraft, um Melodien, der andere um Zahlen, der dritte um Gedichte,
    der vierte um Farben, der fünfte um plastische Eindrücke u. s. w. zu merken.
         Ich kenne einen Herrn, der ein schlechtes Physiognomiengedächtnis hat, aber
    nur für die Physiognomien der Frauen. Männergesichter merkt er sich vorzüglich
    und hat nach zehn Jahren Gesichter erkannt, die er einmal gesehen hat.
         Die psychologische Analyse ergibt, daß er an den Frauen die Gestalt liebt.
    Das Gesicht als solches scheint ihm Nebensache zu sein. Er hat ein glänzendes
    Formengedächtnis und erkennt die meisten Damen von rückwärts an ihrer Form.

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    Sein schwaches Physiognomiengedächtnis ist also psychisch vollkommen motiviert.
    Was einem teuer ist, das merkt man sich sehr gut. Seine Denkkraft wird für die
    ihm wertvollere Form aufgebraucht, so daß sich das Gesicht mit einem Minimum
    von Gedächtnis begnügen muß.

         Ein anderer Herr verblüfft mich durch sein stupendes Zahlengedächtnis. Er
    kennt Hunderte Telephonnummern, weiß alle Adressen seiner Freunde mit Stock-
    zahl und Türnummer, kennt alle Summen seiner Einnahmen und Ausgaben auf
    das Genaueste. Er hat von Jugend auf Liebe zur Mathematik gezeigt, ist ein
    Geldmensch im edlen Sinne des Wortes; dagegen verläßt ihn sein Gedächtnis,
    wenn er etwas aus einem bekannten Dichterwerke zitieren will. Seine Denkkraft
    wird von den Zahlen fast vollkommen absorbiert.

         Ein mir bekannter Bildhauer interessiert sich für das Auge, jedoch nicht
    für den Mund. Sein künstlerisches Gedächtnis und plastisches Vermögen für
    Augen ist enorm; den Mund kann er selten richtig sehen und selten fehlerfrei
    wiedergeben.

         So können wir für alle Fälle besonders Qualitäten des Gedächtnisses
    psychische Motivierungen finden. Wer Schauspieler wird, hat gewöhnlich ein gutes
    Gedächtnis für das gesprochene Wort. Eben dieses Gedächtnis ist ein Beweis
    seiner rednerischen Anlage. Das schließt ja nicht aus, daß es Ausnahmen gibt,
    die ein schwaches Gedächtnis haben, zum Beispiel unser unvergleichliche Bau-
    meister, der selten eine Rolle beherrscht, dafür jedoch das meisterhafte Mienen-
    spiel und unvergleichliche Gemütstöne bietet. Er horcht mehr auf die Empfindungen
    der Menschen als auf die Worte. Der eine Maler erinnert sich lebhaft an die
    Farben, der andere an gewisse Stimmungen, an gewisse Konturen, und all das
    bestimmt die Eigenart des betreffenden Künstlers.

         Nun läßt sich nicht leugnen, daß da eine große Übung bedeutend beistehen
    kann. Freilich herrschen noch falsche Begriffe von der Gymnastik des Geistes.
    Manche Juden glauben zum Beispiel in dem Talmudstudium eine glänzende Vor-
    bereitung zu späterer Geistesarbeit zu erblicken. Das halte ich für eine falsche
    Ansicht und derartige Studien möchte ich immer als „Ballast des Geistes“
    bezeichnen.

         Die Übung des Gedächtnisses besteht darin, daß man die Worte an Vor-
    stellungen knüpfen lernt, die einem teurer und geläufiger sind, die mit mehr
    Affekt verbunden sind als die zu lernenden. Darauf beruht ja das Wesen jeder
    Mnemotechnik.

         Machen wir eine Probe bei unserer Lektüre. Sinnen wir nach, welche Bücher
    wir uns am besten gemerkt haben. Wir haben im Leben, sagen wir schätzungs-
    weise in 20 Jahren, 1000 Bücher gelesen, keine zu hoch gegriffene Ziffer, weil
    da 50 Bücher auf ein Jahr und ein Buch auf eine Woche kommt. An wie
    viele erinnern wir uns so genau, daß wir den ganzen Inhalt erzählen können?
    Ich glaube keiner wird — die Klassiker abgerechnet — mehr als 100 Bücher
    nennen können, die er einmal gelesen hat und deren Inhalt er genau erzählen
    kann. Vom großen Turgenjeff, den ich mit Vergnügen gelesen habe, kenne ich
    z. B. nur eine Fabel in groben Umrissen. (Väter und Söhne.) Von den zahl-
    reichen großen Romanen Spielhagens, die ich in der Jugend gelesen habe, eine
    dunkle Reminiszenz aus „Problematische Naturen“; von den anderen Büchern
    habe ich bloß den Stimmungsgehalt behalten, den Duft, der mir in der Erinnerung
    ungenau vorschwebt und den ich nicht präziser fassen kann. Forsche ich einmal
    darüber nach, welche Bücher ich mir gemerkt habe, so tauchen lebhafte Affekt-
    erinnerungen auf, die ich beim Lesen empfunden hatte. Arne Gaborgs „Aus der
    Männerwelt“ ist mir ein unvergeßlicher Eindruck. Warum? Weil es gleich-
    gestimmte Saiten zum Tönen brachte, weil es jene Eindrücke hervorrief, die ich liebe
    und für die ich mein Gedächtnis bereit halte, weil es bis auf meine infantilen
    Gefühle zurückging.

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         Die Resonanz des Infantilen ist gleich den sexuellen Affekten das sicherste
    Mittel, etwas nicht zu vergessen; in zweiter Linie kommen alle anderen Affekte.
    Was wir affektlos lesen, wird leicht vergessen. Jede Erinnerung weckt ein Stück
    alten Affektes zu neuem Leben. Darauf beruhen ja, wie erwähnt, die verschiedenen
    mnemotechnischen Kunststücke. Diejenige Jahreszahl, die ich aus der Geschichte der
    Alten noch immer kenne, ist 202, die Schlacht bei Zama. „Zama, o Zama!“ so soll
    der unglückliche Feldherr ausgerufen haben. Z a Z = 202.

         Weil diese Zahl mit dem Affekte des Mitleids verbunden war, weil sich
    eine lebhafte plastische Vorstellung des Händeringens der Verzweiflung an sie
    knüpfte, kann ich sie mir merken.

         So können Schauspieler durch Übung ein glänzendes Gedächtnis erlangen,
    weil sie aus der ihnen unnahbaren Welt der Worte in andere Vorstellungskreise
    flüchten. Der eine sieht die Seiten seiner Rolle vor sich, der andere merkt sich
    einen spielenden Rivalen, der diese Rolle gespielt hat, der dritte zieht sein musi-
    kalisches Gedächtnis zu Hilfe und dergleichen mehr.

         Stellen wir also das eine fest, daß unser Gedächtnis parteiisch ist und allen
    möglichen Erinnerungstäuschungen ausgesetzt ist. Freud hat — wie bereits
    erwähnt — manche dieser falschen Jugenderinnerungen treffend Deckerinnerungen
    genannt. Sie stammen aus späterer Zeit und sind in eine frühere Periode zurück-
    gelegt. Sie sind scheinbar harmlos, vertreten aber wichtige Erinnerungen, deren
    offene Wiedergabe ein geheimer Widerstand des Unbewußten verhindert. Auch die
    Erinnerung an unmittelbar erlebte Vorgänge ist parteiisch, und fast jede Erinnerung
    ist in gewissem Sinne eine Erinnerungstäuschung. Durch diese Tatsache werden
    einem die oft geradezu unglaublichsten Widersprüche in Zeugenaussagen begreiflich.
    Ja, bei Kindern und Erwachsenen vorgenommene Proben haben in dieser Hinsicht
    verblüffende Resultate ergeben. Ich habe häufig bei kleinen Meinungsdifferenzen mit
    meiner Frau bemerkt, wie die Erinnerung an gewisse Vorgänge von uns beiden
    verschieden gehoben wurde. Darauf beruht ja die Erscheinung, daß beide Teile
    Recht haben wollen, daß beide mit ihrer Aussage Recht zu haben scheinen. Fast
    jeder Zwist ist von lebhaften Erinnerungstäuschungen begleitet. Je größer der
    Affekt, desto größer die Täuschung des Gedächtnisses.

         Wer hat nicht einmal die Empfindung gehabt bei irgend einer Szene oder
    einem Erlebnis: das habe ich schon einmal erlebt. Das erstemal; ich war ein
    sechsjähriger Knabe, war mir diese Empfindung direkt unheimlich. Später habe ich
    sie seltener — aber dennoch hie und da gefühlt. Lichtenberg soll sie häufig gehabt
    haben. Wollen doch manche Menschen dies als einen Beweis für die Existenz
    einer Seelenwanderung annehmen. Doch ist diese Erscheinung nur eine Erinne-
    rungstäuschung. Der Eindruck mag sich in einzelnen Details mit aufgespeicherten
    Eindrücken decken und so diese Täuschung hervorrufen. Besonders Liebende wollen
    einander schon längst gesehen haben und legen ihre erste Begegnung gerne zurück;
    der Anblick des geliebten Wesens ist ihnen so vertraut, daß sie schwören können,
    sich schon einmal gesehen zu haben. „So schwebte mir dein Bild im Traume
    vor.“ —

         Im Grunde genommen lieben wir in den anderen Menschen nur uns selber;
    egoistisch ist jede unserer Neigungen: zu Frauen, Büchern, Gegenden. Immer
    lieben wir das, was wir aus uns heraus bei anderen gefunden haben. Daher
    diese Stimmung des schon lange Bekanntseins. Weil all das, was uns gefällt,
    uns schon lange als unser erworbenes Eigentum gefallen hat. Weshalb sind Ehepaare
    ähnlich? Weil jeder in seiner Liebe sich gesucht und gefunden hat. Nur nebenbei
    sei an dieser Stelle bemerkt, daß dies die Wurzel der Geschwister- und Ver-
    wandtenliebe ist. Die „bräutliche Schwester“ Wagners hat eine tiefe, psychologische
    Berechtigung.

         Weitere Erinnerungstäuschungen können durch die Ermüdung hervorgerufen
    werden. Ein müder Mensch kann seinen Eindruck nicht entsprechend kräftig auf-
    nehmen und dann auch nicht richtig wiedergeben. Mosso bemerkt, daß ein Professor

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    der Botanik beim Besteigen eines Berges die Namen verschiedener Pflanzen
    vergaß und beim Abstieg sich an sie wieder erinnerte. Das mag nicht allein mit
    der Ermüdung zusammenhängen. Im Steigen dachte er unbewußt: „Ach was,
    — jetzt brauch’ ich euch nicht mehr! Fort mit dem Ballast!“ — und die Namen
    waren vergessen. Im Abstieg ging er wieder zur Welt, zu seinem Berufe zurück.
    Jetzt mußte er sie als Professor der Botanik wissen.

         Wie dankbar müssen wir jener geheimnisvollen Kraft des Unbewußten sein,
    die unter allen Eindrücken eine so fachgemäße Auslese trifft. Wir müssen nicht
    erst in die Unterwelt hinabsteigen, um Lethe zu trinken. Wir vergessen auch auf
    der Erde so leicht alle Schmerzen, alle Qualen, alles Ungemach. Und welches Glück
    ist das für uns arme Erdenpilger! Wie würden wir stöhnend unter der Last unserer
    Erinnerungen zusammenbrechen, wenn uns nicht eine gütige Göttin aus unbewußten
    Reichen davon allmählich befreit hätte. Ja, durch diesen seltsamen Vorgang der
    Erinnerungstäuschungen verlieren die Schmerzen ihren unerträglichen Charakter.
    Die Erinnerung verklärt das Leid, sagen die Dichter. Nur so ist es möglich, daß
    wir uns immer aufs neue die Dornenkrone aufs Haupt legen. Wie qualvoll eine
    nicht unterdrückte Erinnerung werden kann, sehen wir an den armen Neurotikern,
    die an Zwangsvorstellungen leiden. Das Merkwürdige dabei ist, daß sie einen
    unangenehmen Gedanken nicht vergessen können, weil sie einen anderen Ge-
    danken aus dem Bewußtsein gedrängt haben. So ein unterdrückter Gedanke
    gleicht einer Spiralfeder, die ihre latente Kraft immer geltend macht. Ver-
    gessen wird durch Nichtvergessen bestraft. Der Seelenarzt öffnet diese geheime
    Quelle, die Feder springt noch einmal empor, ein gewaltiger Affekt entlädt sich
    — und die Zwangsvorstellung ist verschwunden.

         In gewissem Sinne haben wir alle unsere Spiralfedern; gewaltige Gewichte
    lasten darauf: Erziehung, Angst, Moral, Gesetz, Gewohnheit, Eitelkeit und noch
    eine Unmasse Tugend. Entferne einige oder nur eines dieser Gewichte und die
    Federn springen in die Höhe!

         Wehe, wenn die Hemmungen des Gesetzes und der Moral frei werden; dann
    schnellen die Urinstinkte urmächtig empor. Denn unser Gedächtnis reicht nicht
    über ein Menschenleben; es geht über die ganze Menschheit. Wenn Lichtenberg
    glaubte, daß er schon einmal gelebt habe, ist das die Wahrheit. Er hat in seinem
    Vater gelebt, wie sein Vater und alle seine Ahnen in ihm lebten. Das ist die
    Wurzel unserer instinktiven Empfindungen.

         Das historische Gedächtnis des Unbewußten nenne ich Instinkt.


    Marco Polo.

    Aus meinem chinesischen Skizzenbuche.

         Es waren kaum einige Tage verflossen, seit ich in Ping Yang angekommen
    war, als schon der Ruf von einem besonders gelehrten und gerechten Literaten
    an mein Ohr drang. Sein Name war Tsin Lun. Und dieser Name sollte
    in der Folgezeit mehr als je die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich
    vernahm, daß der Weise in stiller Zurückgezogenheit und Einfachheit lebe und
    sich ganz dem Studium der „Klassiker“, der „Vier Bücher“ und der „Fünf
    Bücher“ widme. Nur wenn es sich darum handelte, den Staatsgöttern die
    Verehrung zu bezeigen, erschien Tsin Lun in der Öffentlichkeit. Aber der Alte
    genoß ob seiner Weisheit und Gerechtigkeit nicht nur große Verehrung und
    Bewunderung, sondern ob eben jener Tugenden lenkte er auch den Neid vieler
    auf sich. Und diese hätten ihm gerne etwas angetan. Sie hätten ihn gerne
    vor den Tao Tai oder gar den Nie Tai gebracht und ihm zur hölzernen Hals-
    binde, dem Kang, verholfen.