[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Diskussion über Degeneration 1907-426/1907.01

Rank, Otto (1907-426/1907.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Diskussion über Degeneration

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    Diskussion über Degeneration

    1. Mai 07

    eingeleitet von Dr Sadger.

    Sadger möchte zunächst — schon den reinen Wortsinn nach — den
    Begriff der Belastung von dem der Entartung scheiden und
    den letzten für Schwach- und Blödsinn reservieren. — Dagegen
    zeigen sich oft bei den Neurosen gewisse Symptome, die psychoanalytisch
    nicht aufzuklären seien, und die man einer „Belastung“ zuschreiben
    muss (bes. schwere Phobien und Zwangsdeen müssen auf dem Boden
    einer schweren Belastung entstanden sein).
    Die körperlichen Symptome der Belastung findet man in der Lit. gut
    zusammengestellt; weniger aber gar nicht die psychischen; man hat
    diese Symptome oft als Charakterfehler angesehen. Sadger hat daraufhin
    eine Reihe schwerbelasteter Dichter studiert, wobei sich folgende,
    für die Belastung typische Symptome ergaben:
      1.) Eine schwere Verstimmung, die den wirklichen Verhältnissen gar
         nicht angemessen ist; Wechsel von tiefer Melancholie und aus-
         gelassener Heiterkeit; was man mitunter schon beim Kind, am
         häufigsten aber in der Pubertät findet. — Sterbesehnsucht, die
         sich bis zum Selbstmord steigern kann. —
      2.) Assoziationswiderwillen, die Abneigung gegen jedwede
         Dauerverknüpfung mit dem eigenen Ich.
         a) das Herumpendeln von einer Wissenschaft von einem Beruf
            zum andern (Amts- und Berufsscheu). Verschiedne Arbeiten
            ohne Ziel; unbändiger Freiheitsdrang — führt zu
         b) pathologischer Reisedrang (Wandertrieb); geborne Zigeuner,
            Amerikareisende etc. — Bei Schubart path. Wanderdrang.
    Manche Berufe kommen dem Assoziationswiderwillen entgegen: Schauspieler,
    Weltumsegler etc — Mit dem Assoz. wid verbunden: steigende Menschen-
    scheu, rasches Sprechen (stolpern über seine eigenen Worte

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    Unfähigkeit bei einer Leidenschaft zu verharren (die schwer Belasteten
    sind auch oft schlechte Ehemänner; sie können nicht dauernd die-
    selbe Person lieben), mangelnder Ordnungssinn (z.B. in Geldangelegen-
    heiten etc. —
    3.) eine abnorme Maßlosigkeit und Leidenschaftlichkeit; der
    Hereditarier bewegt sich fast immer in Extremen. — Eitelkeit,
    Stolz, Selbstbewußtsein etc. stark ausgeprägt. Überempfindlichkeit.
    4.) eine hochgradige Emotilität u. Impressionabilität; im Körper-
    lichen: Erblassen, Erröten etc. — abnormes Verlangen nach gewissen
    Reizmitteln (Alkohol, Tabak, Kaffee) oder Intoleranz gegen diese. —
    Abnorme Reaktionen des Zentralnervensystems gegen normale
    physiologische Reize.
    Meist geht damit auch eine Belastung der Sexualsphäre Hand in Hand (was
    Freud die sexuelle Konstitution nennt).
    Über die anatomische Grundlage sei zu sagen, daß es sich bei der
    Belastung um eine Erkrankung der Körperfühlsphäre, beim Schwach-
    sinn um eine Erkrankung der Assoziationszentren handle.
    Schließlich möchte Sadger noch die beiden neuen Begriffe: Belastungs-
    neurose und Belastungspsychose vorschlagen. — Vieles was unter
    dem Namen der dem. praec. läuft könnte man besser Belastungs—
    psychose nennen. —
    Reitler sieht — auch im Hinblick auf den Wortsinne im deutschen
    u. französischen (dégénérer) — keine Nötigung, die beiden Begriffe
    zu scheiden. Es sei die Frage, ob das, was Sadger Belastung nenne,
    von den andern nicht auch unter Entartung verstanden werde.
    Nach Möbius dürfe man nicht jeden als entartet bezeichnen, der nicht
    dem Durchschnittstypen der großen Menge gleicht, sondern nur
    den, der gewisse Disharmonien in seinem psychischen Verhalten
    zeigt. Freud habe in der Sexualtheorie zwei Hauptmomente für die
    Degeneration postuliert: eine größere Anzahl schwerer Abweichungen
    von der Norm und Störungen auch im sozialen Leben. —

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    Bei der psychischen Abnormität müsse man doch vielleicht eine Ver-
    erbbarkeit annehmen. — Die Dichter seien kein zuverlässiges
    Material, weil man über ihre vita sexualis nichts erfahren könne. —
    Viele der „Belastungssymptome“ ließen sich wahrscheinlich psycho-
    analytisch aufklären (Flucht, Wohnungswechsel sei vielleicht die Suche
    nach einem passenden Liebesobjekt etc).
     Freud präzisiert, ehe er auf Sadgers Ausführungen eingeht, seinen
       eigenen Standpunkt. Er scheidet die Degeneration oder die Entartung nicht
       von der Belastung.
    Für die Auffassung des Begriffs der Degeneration seien in der Beobachtung
    3 Quellen nachzuweisen:
      1.) die Krankhaftigkeit der Eltern zeigt sich auch an den Kindern;
         hereditäre Degeneration.
      2.) Die sich bei den meisten Menschen findenden Abweichungen von
         dem was als normal gilt. —
      3.) gewisse schädliche Abweichungen, die man bei manchen Menschen
         findet. —
    Ad 1. Gegen die Einschränkung des Begriffs d. Degeneration auf eine Familie
      sei nichts einzuwenden; aber die Erweiterungen und Verallgemeinerung
    ad 2. u. 3. sei unglücklich u. schädlich und raube dem Begriff seinen Wert.
    Ganz abzuweisen aber sei der Begriff in Hinblick auf den historischen
    Sinn, den er enthalte: nämlich darin, daß einst einmal ein voll-
    kommeneres Geschlecht tatsächlich existiert habe, dessen Nachkommen
    allmählich entartet seien. Das sei aber falsch; solche Menschen habe
    es nie gegeben und wir seien nicht degenerierter als unsere Vor-
    fahren vor etwa 100 oder 1000 Jahren es gewesen seien.
    Die Kennzeichen der Deg. seien nicht Symptome sondern Charakter-
    störungen, und wir hätten keine Berechtigung sie unter ein Krank-
    heitsbild zu subsummieren. Von der Bildung eines Charakters
    hätten wir überhaupt keine Ahnung. Die Symptome entstünden
    durch das Verdrängte, den Charakter aber gebe das Verdrängende. —

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    Wir kennen das psychische Material nicht, das bei der Frage nach der
    Bedeutung der Degeneration in Betracht kommt. —
    Sadgers geistreichem und selbständigem Standpunkt müsse man im
    allgemeinen Anerkennung zollen, wenn sich auch einzelne Bedenken
    erhoben. — Besonders die Hervorhebung der Verstimmung und des
    Assoziationswiderwillens sei sehr glücklich; während das andere (starke
    Reizmittel etc. etc) wohl eine besondre Hervorhebung nicht verdient habe.
    Die Absonderlichkeiten der „Belasteten“ seien vielleicht nicht durch
    einzelne Erlebnisse, aber immerhin aus der psychosexuellen Konstitution
    abzuleiten. — Was den schwerbelasteten Boden betreffe, den Sadger für
    die Zwangsneurosen, Phobien etc. fordert, so könne man nur sagen,
    daß die Neigung zu diesen Erscheinungen den Degenerierten aberalter-
    siere. — Beachtenswert sei übrigens, daß die Zwangsneurotiker in
    vielen Punkten ein gegensätzliches Verhalten wie die Degenerierten zeigen.
    Wehren müsse man sich gegen Sadgers Versuch die anatomische Grund-
    lage in einer Erkrankung der Körperfühlsphäre resp. der Assoz.-
    sphäre zu suchen; das sei überflüssig und habe keinen erkenntnis-
    theoretischen Wert. — Ebenso seien die neuen Begriffe der Belastungs-
    neurose u. Psychose abzulehnen. — |
    Stekel findet, dass S. Ursache und Wirkung verwechselt habe; es
    handle sich um Neurosen, zu denen dann der Begriff der Belastung
    als Ursache dazukonstruiert würde. — Einzig und allein die von Freud
    behauptete Belastung durch das Milieu könne man als gelten lassen.
    (Zwei Fälle, wo die ähnlichen Symptome zweier Brüder und zweier Schwestern
    auf gleiche sexuelle Trauma zurückgehen. —) Der Assoziationswider-
    willen bestehe nur gegen Dauerassoziation; denn der Betreffende suche
    ja immer neue Assoziationen. — Die Verstimmung finde man häufig
    bei Onanisten (Vorwürfe etc), die Flucht vor dem Ich entspreche
    der Suche nach einem Sexualideal. — Eine Psychoanalyse aus den
    Biographien der Dichter sei nicht denkbar; dagegen aus den
    Werken sehr fruchtbar. —

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    Frey hebt als Gegenstück hervor, dass ihm Furcht vor dem Ortswechsel
    oft vorgekommen sei. Den positiven Wert von Sadgers Arbeit
    möchte er so ausdrücken: aus der Negation der Eigenschaften der
    psychophysischen Konstitution, die Sadger dem Belasteten zuschreibt,
    lässt sich der Philister herauskonstruieren.
       Der normale Mensch existiere nur im Ideal (Rousseaus Naturmensch).
    Wittels nennt, vom künstlerischen Standpunkt aus, die Begriffe
    Entartung und Belastung kunst- und lebensfeindlich. Es sei
    kein Zufall, dass es Freud vorbehalten war auch die angebliche Wahrheit
    der Degeneration zu vernichten. —
    Adler vermisst eine genaue Präzisierung des Begriffs der Belastung
    und findet, Sadger habe nur die Symptomatologie der Leute zusammen-
    gestellt, die man als verrückt bezeichnet. Abgesehen von der etwas
    willkürlichen Zusammenstellung habe er lauter gut bekannte
    „Symptome“ gefunden. So sei die Verstimmung eines der gewöhnlichsten
    S. bei allen möglichen Psychosen und Neurosen. Das einzig originelle
    sei der Begriff des Assoziationswiderwillens; der Assoz. sei aber von
    vornherein der Psychoanalyse zugänglich und erweise sich als mehr-
    deutig determiniert.
       Die degenerativen Erscheinungen haften nicht am Gesamtindividuum,
    sondern an den einzelnen Organen und scheinen, wie auch Sadger
    annimmt mit einer Erkrankung der Körperfühlsphäre zusammenzu-
    hängen.
    Heller kann aus eigener persönlicher Erfahrung mitteilen, dass man
    die von mehreren Seiten hervorgehobenen gegensätzlichen Erscheinungen
    (zB. Entschlossenheit u Furcht davor zu andern Zeiten) oft bei einem
    Individuum beisammen findet. —
    Rank vermutet, dass man die von Sadger sezierten Künstlern vielleicht
    mit der Diagnose: Degeneration oder Belastung Unrecht tue, und
    dass viele andre Menschen, von denen man eben keine „Symptome und Sympto-
                                                                         und als
    malhandlungen“ besitzt oder kennt, wahrscheinlich ebenso belastet seien.
    bei näherer Untersuchung herausstellen würden.

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    ||Federn hebt die Wichtigkeit der ganzen Frage hervor und findet
    es trotz unserer mangelhaften Kenntnisse auf dem Gebiet — im
    Gegensatz zu Freud — sehr notwendig sich schon jetzt intensiv mit
    der Frage zu beschäftigen.
    Es erhebe sich die Frage, welche Krankheiten schon im Keim angelegt
    seien und welche erst in der Entwicklung des Keimes gegeben seien.
    Adler habe als erster da eine Lösung versucht. —
    Die kleinen Degenerationszeichen seien vielleicht eher auf dem Gebiet
    der Körperlichkeit zu finden; bei der Deg. muss man auf den
    Atavismus zurückgehen, denn die Mehrzahl der körperlichen
    Symptome seien atavistisch. Beim Psychischen allerdings lasse
    uns dieser Gesichtspunkt im Stich. Diese Minderwertigkeit charakterisiere
    sich vielleicht am besten durch die Formel: zu schwache Hemmungen
    gegen starke (normale) Regungen.
       Dem Begriff der Belastungsneurose möchte er beistimmen. — |
    Sadger hat mehr Widerspruch erwartet. Die von ihm zuletzt genannten
    und einigen so wohl bekannten Erscheinungen hat er aus der allg.
    Psychiatrie herübergenommen. Die Dichter habe er deshalb ge-
    wählt, weil es extreme Fälle seien, an denen schon der Laie das
    Pathologische erkenne. —
       Es gebe Belastung ohne Entartung, aber keine Entartung ohne Belastung.
    Die psychosexuelle Erklärung der Belastungssymptome bezweifelt S.
    Man finde bei den schwer Belasteten fast keine Symptome bes. keine Dauersympt.
    Andre Eindrücke greifen nämlich bei den schwer Bel. nicht ein u.
    allenfalls entstehende neurotische Störungen schlagen in die Be-
    lastungsneurose hinein (Lenau z.B., der trotz fortgesetzter frustraner Erregung
    keine Angstneurose bekommt).
       Die Familien schwer Bel. sterben längstens in der 3. od. 4. Generation aus; es
    scheint, dass die jene nur den Kulturfortschritt zu bewirken hätten, während
    sich die Gattung aus der großen Menge regeneriert. —
    Es handle sich nicht bloß um Charaktereigentümlichkeiten, sondern um
    eine hochgradige Abweichung von einem als normal od. halbnormal zu bezeichnen-
    den Typus.
    Die Werke der Dichter seien psychologisch nicht zu verwerten, weil der Grad
    und die Art der Idealisierung (Entstellung) unbekannt sei.