[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Diskussion über den kindlichen Ödipuskomplex I. 1914-412/1914.01

Rank, Otto (1914-412/1914.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Diskussion über den kindlichen Ödipuskomplex I.

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    Am 25.II.1914


     

    DISKUSSION über den KINDLICHEN OEDIPUSKOMPLEX.


     

            Prof. Freud bemerkt einleitend, es handle sich um den Nachweis des Oedi-
    puskomplexes beim Kinde, von dem ein Teil der Gegner behauptet, dass er gar
    nicht existiere, während andere ihn nur als eine Ausdrucksweise beim Erwach-
    senen und in der Neurose erklären. Der Wert seiner Beobachtung beim Kinde lie-
    ge darin, dass er hier nur eindeutig sei und auch für die Kinderneurose das-
    selbe bedeute, so dass diese Auffassung auch für die Neurose des Erwachsenen
    bestimmend sei.

            Der Komlex sei zwar universell, aber auch zum guten Teil verdrängt oder
    umgebildet, so dass man sich vielfach mit Andeutungen wird begnügen müssen;
    auch sind gewisse Bestandteile desselben beim Kinde überhaupt nicht nachzu-
    weisen.

            Es stehen uns mehrmehrfache Quellen zur Gebote: 1. die direkte Beobachtung,
    2. auch alte Beobachtungen, die schon bekannt oder publiziert sind, 3. entspre-
    chende Biographien.

            Aufgabe der Diskussion wird es sein, die Beiträge kritisch zu betrachten,
    insbesondere darauf hin, ob man die Tatsachen nach Adler aus dem Machtbestreben
    erklären könne, oder ob sich nach der Züricher Auffassung das nicht mehr sexu-
    elle Verhältnis darin darstelle.

    DISKUSSION :

            Hitschmann findet eine Schwierigkeit für die Annahme dieser Tatsachen
    darin, dass ein grosser Teil der Gegner nicht analysiert; eine weitere Schwie-
    rigkeit ist, dass zunächst nur ein grobes Schema gegeben wurde, das den theore-
    tisch idealen Fall darstelle, der in der Praxis nicht immer voll zu finden
    sei; man man vergisst an den verdrängten Anteil und an die ambivalenten Regungen.
    Die Verschiebung des klaren Bildes hängt auch von der Persönlichkeit der
    Eltern ab (welcher Teil dem Kinde zuerst Zärtlichkeit entgegenbringt und in
    welchem Grade); davon ist z.T. die Entwicklung in homosexueller Richtung ab-
    hängig. Der damit zusammenhängende "umgekehrte Oedipuskomplex" ist bisher nur
    wenig berücksichtigt worden. Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, dass die
    Gegner sich immer einen voll ausgeübten Koitus vorstellen; perverse Regungen
    oder gar zärtliche verstehen sie nicht. - Die Frage ist auch ob und wie weit
    beim Kind, wenn es Vater und Mutter unterscheiden lernt, eine instinktive An-
    ziehung der Geschlechter mitwirkt;

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    Diskussion über das Referat Dr. Weiss.


     

            Hitschmann findet die Beobachtung für unser Thema zu wenig sexuell.
    Manche Dinge liessen sich auch anders auffassen: z.B. das Mamaseinwollen
    des kleinen Mädchens als Wunsch erwachsen zu sein.

            Tausk hält den Beitrag, wenn er an richtiger Stelle eingereiht würde,
    für sehr geeignet.

            Federn meint, dass zum Beweis des Oedipuskomplexes doch auch gröbere
    Sexualität gehöre, die sich bei den Kindern auch neben der Zärtlichkeit
    finde. Der Wunsch, erwachsen zu sein, beherrscht nicht alle Kinder in gleicher
    Weise (es gibt auch solche, die Kinder bleiben wollen) und im einzelnen Falle
    entscheidet die jeweilige Gesamteinstellung des Kindes zu diesem Thema.

            Landauer glaubt, dass der Beitrag nicht beweisend sei; da die Zärtlich-
                                                              (an sich)
    keit der Kinder den Eltern gegenüber werde ja nicht geleugnet.

            Prof. Freud findet die Art der Diskussion, einen Beitrag zu verwerfen oder
    zu akzeptieren als beweisend oder nicht, kaum entsprechend; eine Beobachtung
    könne nicht alles beweisen, es handle sich eben darum, zu beurteilen, wie weit
    ihre Beweiskraft reicht. Bei dem Wunsch des Mädchens, sich an die Stelle der
    Mutter zu setzen, ist wohl die Neigung zum Vater deutlich, aber das Machtstel-
    lung nicht ganz auszuschliessen. Interessant ist, dass neben der manifesten
    Liebe zur Mutter sich usw Beziehungen zum Vater herausstellen. - Die Beobach-
    tung an dem 4 Jahre jüngeren Knaben ist eindeutiger: er ist zärtlich verliebt
    in die Mutter und eifersüchtig auf den Vater. - Dass die zärtlichen Beziehungen
    nicht geleugnet werden ist, wie Dr. Landauer bemerkte, richtig; es handelt sich
    aber der Psychoanalyse um den Nachweis der feindseligen Regungen.

            Die Frage sei noch, was bei dem Kind an gröberer Erotik beobachtet wor-
    den sei; beim Kind ist Zärtlichkeit und Sexualität innig miteinander verknüpft
    es bezieht die erotischen Neigungen auf die Personen, mit denen es zärtlich
    ist.

            Dr. Weiss findet, dass über den Begriff Sexualität scheinbar keine Einig-
    keit herrsche, sonst könnte man seinem Falle die Beweiskraft nicht versagen.
    Das Streben nach Grösserwerden scheine bei dieser Identifizierung mit der
    Mutter ausgeschlossen, weil das Kind doch gar nichts dergleichen äusserte.

                                                                zu der Zeit
    Die sexuelle Note geht meist aus der Mimik des Kindes deutlich hervor. Von
    deutlicher sexuellen Vorgängen wäre zu erwähnen, dass der Knabe im Alter von
    wenig über einem Jahr versuchte, der Mutter die Bluse aufzuknöpfen.

            Tausk berichtet von demselben Kind, dass es einmal auf seinem Rücken
    ritt und als die Mutter dazukam (Mädchen verlegen sagte), das schickt sich nicht.

            Hitschmann zieht auf Grund dieser Ergänzungen die Einwände zum Teil zu-
    rück. - Es kommt sehr viel darauf an, ob der Vater oder die Mutter zärtlich
    sind, wer von ihnen straft und wie. - Eifersucht zeigt sich auch beim Tier (Hund).

            Prof. Freud mahnt auch, darauf Rücksicht zu nehmen, wie weit der Oedipus-
    komplex Reflex des sexuellen Verhaltens der Eltern ist.

            Friedjung bemerkt zum Aufknöpfen der Bluse, dass man dies als Erinnerung
    an die Säugung auffassen könnte. Es handelt sich dabei um das ganze Ensemble,
    das meist deutlich erotisch sei; auch komme dies seiner Erfahrung nach aus-
    schliesslich bei Knaben vor.

            Prof. Freud bespricht im Anschluss daran das Trauma der Entwöhnung, das
    als Urtypus der Versagung viel Interessantes biete. Der so häufige spätere
    Widerwille vieler Menschen gegen die Milch und besonders die Haut auf dersel-
    ben hänge wahrscheinlich damit zusammen. Man sollte erwarten, dass sich die
    Kinder nach der Entwöhnung eine Zeitlang nicht für die Brust interessieren
    und dass von Weiss und Friedjung erwähnte Interesse als ein Neuaufleben der
    Sexualität und nicht als Erinnern aufzufassen wäre.

            Friedjung berichtet von mannigfachen Eindrücken der Entwöhnung, die von
    der Art derselben abhängen und auch von der Zeit. Von einer Latenzzeit im
    Sinne Freuds habe er nichts gesehen. Noch in der Zeit des Stillens benützt
    dagegen das Kind die Brust auch zum Tätscheln und Spielen.

            Federn kann in einem Falle bestätigen, dass das Kind nach plötzlicher
    Entwöhnung später die Brust nicht mehr wollte, dass es aber einige Zeit spä-
    ter derselben sexuelles Interesse entgegenbrachte. Ein anderes (Bub), das leicht
    und allmählich entwöhnt wurde, hat später weniger intensiv die Entblössung
    der Brust versucht, aber aus deutlich sexuellen Motiven.

            Dr. Weiss ergänzt zu seinem Bericht, dass der Bub nur dann sexuell war,
    in Gegenwart der Mutter und wenn der Vater mit ihr zärtlich wurde.

            Prof. Freud betont gleichfalls den Einfluss von An- und Abwesenheit der
    Eltern auf das Verhalten des Kindes. Ein Knabe von 4-5 Jahren ist mit dem
    Vater sehr gut, wenn die Mutter nicht da ist.

            Landauer kann aus einer Analyse die Milchidiosynkrasie auf das Entwöh-

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    nungstrauma zurückführen; das plötzlich entwöhnte Kind hatte zwei Tage lang
    jede Nahrungsaufnahme verweigert. Von Einfluss dürfte auch sein, ob die Mut-
    ter gestillt hat oder eine fremde Amme. Bei der Amme kann das Gefühl der
    Eifersucht wegfallen (wie in dem erwähnten Falle), weil man Alleinbesitzer
    des Liebesobjektes ist.

            Federn betont auch noch, wie weit das Entgegenkommen der Eltern für
    den Oedipuskomplex von Bedeutung ist. Es ist ein direkter Weg zur Homosexua-
    lität, wenn eine grosse Differenz zwischen der Liebeswärme von Vater und
    Mutter besteht. Eventuell kann dies auch den Komplex in sein Gegenteil ver-
    kehren. Was die Eifersucht der von Hitschmann erwähnten Tiere betreffe, so
    sei zu bemerken, dass sich das Haustier nach dem Oedipuskomplex einstelle,
    der ja nur die animalische Einstellung nach dem unreifen Geschlechtstrieb
    repräsentiere. - Die An- oder Abwesenheit eines Elternteils verändere das Ver-
    halten kontinuierlich und in auffälliger Weise. Unter solchen Umständen kön-
    von einem Machtkomplex nicht die Rede sein.

            E. Weiss berichtet zum Verhalten der Eltern den Fall eines dreijährigen
    Knaben, der mit dem Vater zärtlich war, weil dieser sich ebenso verhielt.

            Friedjung erhebt dem Greifen nach der Brust gegenüber die Frage, ob es
    sexuelle Bedeutung habe oder als Aeusserung des Nahrungstriebes aufzufassen
    sei und möchte auf Grund seiner Beobachtungen an Kindern für das erste
    eintreten. Ref. verweist ferner auf die oft enormen Schwierigkeiten, die sich
    einer Relaktation entgegenstellen; die Erinnerung an die lustvoll betonte
    Nahrungsaufnahme scheint also rasch zu schwinden.

            Jekels meint, dass die Einstellung der Eltern doch nicht von solcher
    Wichtigkeit sei; das liesse sich auch schwer vereinigen mit dem animalischen
    Instinkt.

            Hitschmann möchte zur Verifizierung des Zusammenhanges von Milchabnei-
    gung und Entwöhnung die Kinder beobachtet sehen, die nur aus der Flasche ge-
    nährt wurden. - Die Eifersucht des Kindes könnte sich gegen alle Personen
    in gleicher Weise richten, die dem Kind die Mutter streitig machen wollen.
    Aehnlich wie das von Tausk ihm gegenüber geäusserte Schamgefühl des klei-
    nen Mädchens auch dafür sprechen könnte, dass sie jedem Manne gegenüber
    (nicht nur dem Vater) sexuell empfindet.

            Prof. Freud macht darauf aufmerksam, dass der von Hitschmann supponierte
    Sachverhalt erst recht für das Erworbene des Oedipuskomplexes sprechen
    würde.

            Sadger erwähnt aus seinen Forschungen über Homosexualität, dass diese
    Männer in einer Frühperiode vom Vater mehr verwöhnt wurden als von der Mut-
    ter.

            Nepalleck berichtet den Fall einer Dame, die erst mit zwei Jahren ent-
    wöhnt wurde und die im Glas gereichte Milch ausspuckte; sie hat bis heute,
    wo sie etwa 30 Jahre zählt, die Milchverweigerung beibehalten. Ihre Brust hat
    sie immer sorgsam und mit viel Geschick zu verbergen gewusst und hat auch
    bei ihrer Mutter streng darauf gesehen, dass dies der Fall ist.

            Dr. Weiss macht gegen Hitschmanns Einwand geltend, dass der Bub der
    Schwester gegenüber gar nicht eifersüchtig sei, im Gegenteil sich mit ihr
    und der Mutter gegen den Vater verbunden fühle. - Im Verhältnis der Eltern
    zum Kind sei zu beachten, dass die Zärtlichkeiten der Eltern auch nicht immer
    etwas nützen; das Gefühl sei primär da.

            Prof. Freud kann die Bemerkung von Tausk, dass sich die sexuellesexuelle
    Einstellung des Kindes zu den Eltern einem ausserhalb der Familie Stehenden
    gegenüber ungehemmter und darum deutlicher verraten, an einem Falle bestätigen
    wo ein 3jähriger Knabe die deutlich seinem Vater geltende Eifersucht einem
    fremden Besucher fühlen liess; der Knabe war auch intensiv in seine Mutter
    verliebt. Ein solcher Besuch lasse sich direkt als Reagens auf diese Verhält-
    nisse verwenden.

            Friedjung berichtet in diesem Zusammenhang von einem kleinen Buben, der
    immer spöttische Bemerkungen über männliche Besucher, aber niemals über
    weibliche macht; gelegentlich getraut er sich solcher Bemerkungen auch gegen
    den eigenen Vater.

            Prof. Freud konstatiert, dass dies deutlich erotisch sei und nichts mit
    anderen Motiven zu tun habe. - Je mehr man sich in diese Verhältnisse vertie-
    fe, desto deutlicher zeigt sich das Verhältnis von Mann und Weib als Abkömm-
    ling der Vater- und Mutterreihe.

            Tausk erzählt von zwei Buben, die in dasselbe Mädchen verliebt waren
    das zuerst den älteren der beiden, dann aber den Vater der beiden begünstig-
    te. Die Feindschaft des jüngeren gegen den Bruder richtete sich gegen das
    Mädchen (und nicht gegen den Vater), das ihn der Liebe des Vaters nun raubteganz
    zu berauben drohte.

            Dr. Weiss meint, dass in diesem Falle das homosexuelle Moment ei

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    sondere Rolle spiele.

            Hitschmann führt die Abneigung des Knaben gegen männliche Besucher im
    allgemeinen auf Eifersucht gegen die Mutter zurück. Wichtig sei es, den Über-
    gang des Knaben aus dem Oedipuskomplex zur Vaterliebe zu studieren.

    Diskussion über das I. Referat von Hitschmann.


     

            Federn: In der Kindheit stärker sexuelle Menschen haben deutlichere
    Erinnerungen an die frühen sexuellen Einstellungen und den Oedipuskomplex.

    II. Referat von Hitschmann.


     

            Prof. Freud findet das Detail der Blendung beweisend.

            Tausk hat den Eindruck, der Fall gehöre nicht zum Oedipuskomplex son-
    dern zur frühzeitigen Sexualität des Kindes überhaupt.

            Federn schildert einen analogen Fall eines Kindes, das anfangs zwischen
    den Eltern geschlafen hat, dann bei der Mutter, wobei es dieselbe konstant
    mit sexueller Erregung umklammert hielt (Später psychische Impotenz); er achte-
    te darauf, dass die Mutter die Erektion nicht spüre. Die Häufigkeit, mit der
    im Volk der Knabe bei der Mutter schläft, ist immens.

    III. Referat von Hitschmann.


     

            Prof. Freud meint, dass Ref. I und II an bestimmten Stellen stehen müssten
    um zu wirken.

            Sachs berichtet von einem Knaben, der im Alter von etwa 7-8 Jahren eine
    in jeder Beziehung hervorragende Stiefmutter bekam, die er niemals zu küssen
    wagte, obwohl er schwärmerisch in sie verliebt war. Einmal als sie in ihrer
    Krankheit ein Freund besuchte und beim Abschied küsste, erwachte die sexuelle
    Neigung im Pflegesohn übermächtig und er küsste dann (wurde die Frau lei-
    denschaftlich ab.


     

    Diskussion über das Referat von Baron Winterstein.


     

            Dr. Landauer berichtet zu dem Faktum, dass die Kindheitserinnerungen in
    diesem Falle den Vater ausschalteten, eine Erinnerung aus dem 7. Lebensjahre,
    wo der Vater 4 Monate abwesend war und der Sohn vor dem Zusammentreffen mit
    ihm seine Photographie verlangte, da er glaubte, er würde den Vater nicht
    wiedererkennen. Auf eine Bemerkung von Tausk, dass dieses Nichterkennen ein
    bekanntes Phänomen sei, betont Ref., dass es sich hier um die Angst vor dieser
    Möglichkeit handelte.


     

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