[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Epilog zur Onanie-Debatte 1912-061/1912.06

Rank, Otto (1912-061/1912.06): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Epilog zur Onanie-Debatte

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  • S.

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    P R O T O K O L L
    der
    25.  S  i  t  z  u  n  g
    am 24. April 1912.











     

    Prof. F r e u d :


     

    E P I L O G   Z U R   O N A N I E - D E B A T T E .

  • S.

    -1-

    Prof. Freud gibt zunächst eine leichte Gruppierung der zwölf Beiträge in
    allgemeine und spezielle Darstellungen und eine kurze Charakteristik der
    einzelnen Arbeiten. - Im Ganzen ergebe sich eine erfreuliche Uebereinstim-
    mung in den wesentlichen Punkten ohne schweren Widersprüche und die ver-
    schiedenen Auffassungen haben nebeneinander Platz.

          Zu seinem eigenen Beitrag übergehend bemerkt der Vortragende, dass er
    keine Lösungen zu geben versuche, sondern nur seinen Standpunkt präzisie-
    ren zu den behandelten Themen der: Begriffsbestimmung der Onanie, ihrer
    biologischen Stellung und der Schädlichkeit.

          1. Wäre schärfer zu trennen gewesen die Säuglingsonanie von der Kin-
    der-Onanie und diese wieder von der Pubertätsonanie, welche durch die La-
    tenzzeit von der Kinderonanie getrennt ist oder direkt an diese anschlies
    (Dabei wird auf Reitlers Kritik reflektiert).

          2. Beim Verhältnis der Masturbation (Pollution) zur Neurasthenie ist
    dem Widerspruch Stekels zu begegnen. Redner halte daran fest, dass es Ak-
    tualneurosen gebe, d.h. / solche, an denen ein fein toxischer Anteil zu un-
    terscheiden ist, der auch therapeutisch unreduzierbar bleibt. In Wirklich-
    keit werden diese Störungen, ausser wo es sich um noch jugendliche Individ
    duen handelt, meist mit psychischen Störungen vermengt sein. Das Wesentlich
    nischen Symptome nicht so gebaut sind wie die psychoneurotischen Erschei-
    nungen. Die Symptome entstehen nicht auf psychogenem Wege, sie liegen den
    psychogenen Symptomen zugrunde. Als neu könne  man von Stekel annehmen die
    Rolle des psychischen Konflikts. Aber der Konflikt erzeugt die Symptome
    nicht auf psychogenem, sondern auf toxischem Wege.

          3. Man müsse a priori der Behauptung widerstreben, dass die Onanie un-
    schädlich sein müsse; es muss vielmehr umgekehrt Fälle geben, wo die Onanie
    schädlich ist. Da die Aetiologie der Neurosen gegeben ist durch den Kon-
    flikt der infantilen Sexualität und dem Widerstreben des Ich (Verdrängung),
    so kann die Onanie, die nur eine Exekutive der infantilen Sexualität ist,
    a priori nicht als unschädlich hingestellt werden. Die Frage wann die Onanie
    schadet und wann nicht, lässt sich allgemein nicht beantworten. Drei Faktoren
    zur Pathogeneität ist die Quantität, der 2. das Zusammenwirken mit allen mög-
    lichen anderen Einflüssen, der 3. der konstitutionelle Faktor, der aber erst
    ex post erschlossen werden kann.

  • S.

    -2-

    Neben dem Schaden der Onanie kommt auch ihr Nutzen in Betracht; darüber
    wäre viel zu sagen, doch sei nur ein Punkt hervorgehoben. Ein Teil des
    Nutzens der Onanie liegt in ihrem Schaden, indem sie die kulturell not-
    wendige Herabminderung der Potenz bewirkt. Die schädlichen Folgen lassen
    sich unterscheiden: 1. in organische (vermutlich toxische) Schädigungen,
    deren Begründung in Physiologischen (inadäquate Befriedigung) und toxi -
    schen Momenten zu suchen ist. 2. Die psychische Vorbildlichkeit, insofern
    sich nicht eine Reaktion darauf entwickelt was wieder von Vorteil ist.
    3. gestattet die Onanie als Exekutive der infantilen die Fixierung und
    damit die Disposition zur Neurose? Darin ist wohl die Hauptschädigung ge
    legen.

          Wenig oder gar nicht behandelt wurden folgende Punkte:
    Die unbewusste Onanie (im Schlafe); Fälle wo das Individuum sich ins Unbe
    wusstsein versetzt um onanieren zu können. Der hysterische Anfall setzt
    oft die Onanie wieder ein, ebenso gewisse Zwangsbewegungen.
    Die Onanie der Frau hätte gesondert und ausführlicher behandelt werden
    sollen
    Die therapeutische Wiederkehr der Onanie; dass Menschen, die am Aufgeben de
    Onanie erkrankten als Zeichen der Besserung wieder zu onanieren beginnen
    Die Rolle der Onanie als Exekutive der Phantasie. Die Phantasie ist als
    Zwischenreich zwischen der Lust und der Realität ein schädlicher Kompro-
    miss, der nur einen vernünftigen Ausweg / in die Kunst / hat. Sie bietet die
    Möglichkeit, nach dem Lustprinzip zu handeln und dabei alle Fortschritte
    mitzumachen, die man sonst nur in der Realität machen kann; das wäre ohne
    die Onanie nicht möglich.

          Einig seien die Redner gewesen: in der grossen Bedeutung der
    Phantasie, im Faktor der Verschuldung, in der Unangebbarkeit der Bedingung
    gen, unter denen die Onanie schädlich ist.
          Uneinig in der Frage der Ubiquität der Kinderonanie, in der Leug
    nung jeder Schädlichkeit, in der Hervorhebung des Schuldgefühls. Woher das
    dass das Schuldbewusstsein stammt, hat sich nicht klar ergeben. Hervorgehoben wurde,
    2. dass die Verdrängung hier vom sozialen Faktor ausgeht und 3. ob der ona-
    nistische Akt befriedigend ist oder nicht.

          Der toxische Mechanismus ist uns z.Z. ganz unbekannt, aber es verdient
    die Bedeutung dieser Vorgänge hervorgehoben zu werden durch eine Analogie
    auf dem Gebiete der Angst. Ein Mensch, der an chronischer Furcht und Sorge
    leidet, verliert an Gewicht und geht einer Degeneration entgegen, während
    die aus Libido hervorgegangene neurotische Angst trophisch unschädlich ist

  • S.

    -3-

    D I S K U S S I O N

    Stekel will an seinen Fällen beobachtet haben wie scheinbar toxische
    Symptome psychogen zustandekommen, ebenso wie der Konflikt rein psychogen
    ist. - Die Auffassung der Onanie als Exekutive der infantilen Sexualität
    sei für die Schädlichkeit a priori nicht beweisend; auch im sozialen Leben
    dürfen wir für eine Schädlichkeit nur das schlechte Gesetz und nicht die
    unschuldigen Exekutivorgane beschuldigen. Ob einer erkrankt oder nicht
    hängt davon ab, ob er sich mit Schuld zur infantilen Sexualität stellt
    oder nicht. Beim Einfluss der Onanie auf die Potenz müssen wir die schein-
    bare Impotenz (bei Homosexuellen/Perversen etc) und die relative (bei Damen)
    berücksichtigen.

    Tausk wirft zum Gesichtspunkt der Herabminderung der Potenz die Frage auf
    was für Konsequenzen sich denn daraus für die Frauen ergeben, die doch daru
    ter sehr leiden.

    Federn stellt fest, dass er von einem Nutzen der Onanie nur bei verbreche-
    rischen und sadistischen Charakteren gedacht habe. - Die Frauen leiden natür
    lich unter der verringerten Potenz. Der Unterschied in der Wirkung der neu
    rotischen und normalen Angst erklärt sich vielleicht daraus, dass im Angst
    anfall eine Art Kompensation dieser Gifte stattfindet.

    Reinhold verweist zum Thema der Angstwirkung auf die Melancholie und De-
    pression, die sich in körperlichen Zuständen äussern. - Stekel Beweis von
    der psychogenen Natur des neurasthenischen Kopfschmerzes sei nicht stich-
    haltig, weil nur gezeigt wurde, dass er durch intensive geistige Arbeit (Ver-
    drängungsleistung) hervorgerufen sei, aber nicht eine symbolische Bedeutung
    habe, wie etwa der Magenschmerz ("das liegt mir im Magen" Stekel).

    Rosenstein weist zum Thema der Angstwirkung darauf hin, dass sich nach ei-
    ner Bemerkung Freuds im Laufe einer Platzangst Oedeme entwickeln.

    Freud : Diese Oedeme sind nicht einer dauernden Störung gleichzusetzen, der
    Pat. bekommt einfach die vasomotorische und sekretorische Reizung statt ins
    Genitale in die Beine.

    Dr. Weiss betont, dass es sich in den von Stekel als Beweis für den psycho-
    genen Ursprung der neurasthenischen Symptome angeführten Fällen nicht um
    Neurasthenie gehandelt habe, weil keine Aktualneurose vorlag (die Patientio-
    nierten nicht mehr.)

    Freud kann Stekels Fälle auch nicht als Gegenbeweis ansehen. Das Bild der
    Neurasthenie in diesen Fällen erkläre sich daraus, dass solche Personen,
    wenn sie einmal den Mechanismus erworben haben, auf die Schädlichkeit dann
    in gleicher Weise weiter reagieren

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