[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Federn: ›Die infantilen Bedingungen des Masochismus‹ 1910-418/1910.01

Rank, Otto (1910-418/1910.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Federn: ›Die infantilen Bedingungen des Masochismus‹

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    18. Vortragsabend

    am 9. März 1910.





     

    Die infantilen Bedingungen des Masochismus.

    Dr. Federn.

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    1.

    Diskussion:


     

    Tausk, der auf dem Gebiet des Masochismus als psychischer Erscheinung
        nicht orientiert ist, findet in dem Vortrag zwei neue und beachtens-
        werte Gedanken. 1.) dass der Masochismus jener im Infantilen vorbe-
        reiteter Zustand ist, der sich Wahrnehmung der inneren Spannung
        äussert, welche keine Möglichkeit hat – sei es in Gedanken oder in
        der Realität – sich an ein Objekt zu heften. Von diesen Gedanken
        aus lassen sich die Bilder des Masochismus leicht ableiten.
        2. das Bild vom Tragen und Getragenwerden als Ausdruck eines
        psychischen Masochismus, der in der Kultur-, Philosophie- und
        Religionsgeschichte sich verfolgen lässt (wo es auch in seinen
        aktiven Formen auftritt). Es braucht nur daran erinnert zu wer-
        den, dass das Christentum das Tragen (des Kreuzes, des Leidens, der
        Erbsünde) als Postulat aufgestellt hat. Es sei wahrscheinlich, dass
        die Schuldgefühle, die sich im Tragen äussern sollen, einen
        grossen Zuschuss zum Masochismus liefern.

        Wichtig erscheine ihm auch die Trennung der Begriffe Masochis-
        mus und Algolagnie. – Auch den Ausdruck „lustbetonte Not“ finde
        er sehr treffend zur Bezeichnung dessen, was er sich jetzt als Ma-
        sochismus vorstellen müsse.

    Oppenheim möchte nur den Anregungen des Vorredners auf
        den ihm bekannteren Gebieten folgen. Es wäre eine Unter-
        suchung wert, ob man wirklich solche Züge im Christentum
        mit den Erscheinungen des Masochismus in Zusammenhang
        bringen könne. Das Streben nach Erniedrigung scheine auch
        in der christlichen Namengebung der damaligen Zeit Aus-
        druck gefunden zu haben.

    Furtmüller möchte im Anschluss daran nur versuchen einige
        literarische Züge vorzubringen. Er hatte bisher gemeint, dass
        Masochismus und Algolagnie in sehr enger Beziehung stehen.
        Der Holofernes in Hebbels Judith, gewisse Züge bei Goethe und den

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    2.

    Stürmern und Drängern bei denen die Freude am Schmerz, aber
        auch die Freude an jeder andern Gemütsbewegung, eine grosse Rolle
        spielte.

    Prof. Freud geht davon aus, dass er auch in der 2. Aufl. der Sexualtheorie
        die Frage des Sadismus und Masochismus sehr scheu behandelt
        habe. Die Literatur enthalte ein solches Durcheinander von
        gewiss schätzbaren Gesichtspunkten, aber ohne Anweisung, von
        welchem Ende das Problem aufzurollen ist.

        Infolge der Technik des heutigen Vortrags (vorlesen) sei es kaum
        möglich gewesen überall nachzukommen und er könne daher
        nur auf einzelne Punkte eingehen. In allgemeinen habe er
        gefunden, dass der Vortr. die Schwierigkeiten der Sache vermehrt
        habe und zur Ordnung auf diesem Gebiet nichts beigetragen
        habe. Ein Punkt verdient besondere Hervorhebung: die Bedeut-
        samkeit des Gesichtspunkts der allgemeinen Abhängigkeit
        vom Sexualobjekt infolge der stärkeren Verliebtheit. Daraus
        lässt sich nämlich eine bedeutsame Regel für die Analyse ent-
        wickeln. Während nämlich der Pat. sich an den Arzt hängt unter-
        liegt ja der Arzt einem ähnlichen Prozess, der „Gegenübertra-
        gung“. Diese Gegenübertragung muss vom Arzt vollständig
        überwunden haben; das allein macht ihn psychoanalytisch
        mächtig, das macht ihn zum vollkommen kühlen Objekt,
        um das der andere liebend sich bewerben muss.

    Adler: Aus der Masse des Gebotenen drängt sich der Eindruck
        auf, dass hier ein Weg gegangen ist, den wir kennen. Die
        Elemente, die der Vortr. in dem masochist. Komplex nachzu-
        weisen versuchte sind tatsächlich darin vorhanden, aber
        ihre Reduktion ist nicht restlos gelungen. Doch ist dieses
        Kapitel ein so schwieriges, dass es noch vieler Arbeit bedürfen
        wird, um dieses Ziel zu erreichen.

        Gegen die Grundauffassung, welche den Masochismus ableitet aus

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    3.

    unerledigten Spannungen, müsse man polemisieren. Diese
        Spannungen zu erledigen gelingt doch keinem Kind. Ebensowenig
        stichhaltig ist es anzunehmen, dass der Masochist nicht onaniert
        hätte. Federn hat sich da von der stärkeren Empfindlichkeit
        des Genitales blenden lassen, die nicht die Wurzel sind. – Der
        Masochismus ist vielmehr zurückzuführen auf die als weiblich
        empfundene Abhängigkeit des Kindes. Wie dieses Gefühl ver-
        stärkt wird, habe er in seinem Vortrag über den psychischen Hermaph-
        roditismus gezeigt: durch After- und Mundempfindlichkeit, durch
        Phantasien darüber, durch die Unklarheit über das Sexualleben,
        durch einen geringeren Grad von Aktivität und die Hemmung der-
        selben durch ein früh auftretendes Schuldgefühl (Tausk).

        Die Objektüberschätzung auf die der Masochismus zurückgeführt wird, scheint
        selbst nichts Ursprüngliches zu sein, man findet sie auch später als
        eine tendenziöse, die das Ziel als schwierig hinstellt um sich bei seiner
        Erreichung vollkommen als Mann fühlen zu können.

        In dem Prinzip des Tragens und Leidentragens scheine auch der
        männliche Protest zutage zu treten; auch die ganze Neurose mit
        all ihren unangenehmen Sensationen trägt diesen Zug sich und
        der Umgebung zu zeigen, was man alles ertragen kann. Hier zeigt
        sich auch, dass der masoch. Komplex mit sadistischen Zügen vermischt
        ist, die sich gegen die eigene Person richten.

    Hitschmann hat wenig Erfahrungen auf diesem Gebiete, jedenfalls
        sehe man immer Sadismus und Masochismus beisammen, trennen
        lässt sich das schwer. Der klassische Fall Rousseaus stimmt wirklich
        was das Genitale und die Minderwertigkeit betrifft. Zu unterscheiden
        hätte man wohl zwischen solchen, die sich nur masochistisch be-
        friedigen und solchen, die auch eines Koitus fähig sind. Es wäre
        auch aufzuzeigen, woher dieses Verzichten auf den Akt kommt; ob
        dabei wirklich eine Schwäche des Genitalapparates in Betracht kommt.

    Steiner hätte mehr Übersichtlichkeit und Schematisierung ge-

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    4.

    wünscht. 1.) Masochismus als Perversion, 2. als Phantasie, 3. als Sub-
        limierung. –

        ad 1) Die masoch. Betätigung findet so statt, dass immer das andere
        Geschlecht dabei vorkommt, nie mit dem gleichen Geschlecht
        (Widerspruch). ad 2) Bei der Phantasie scheine es so zu sein, dass der
        Mann sich als Weib sieht, das Weib wiederum als Mann. ad 3)
        gehört alles, was Duldung, Leiden, Schmerz bedeutet; das lässt sich
        nicht in ein System bringen.

    Sadger möchte Federn in Schutz nehmen, der als erster psychoana-
        lytische Gesichtspunkte auf die Psychopathia sexualis angewendet
        habe. Er selbst hatte nur einen Fall wo der Masochismus, neben
        der Inversion, im Vordergrunde stand. Federn habe einiges Beach-
        tenswertes gefunden, wenn er auch in einzelnen Punkten gefehlt
        zu haben scheine. Dass die masoch. Kinder nicht onanieren stimme
        nicht. –

        Einige Punkte, auf die Federn nicht aufmerksam gemacht habe:
        das als Tätscheln bekannte Mittelding zwischen Schlagen und Liebkosung,
        aus dem die Kinder grosse Lust ziehen, spiele bei der Entstehung des
        Masochismus eine grosse Rolle. Ebenso der Alkoholismus der
        Eltern, die oft ihre Kinder masslos schlagen und nachher gewöhnlich
        doppelt zärtlich behandeln, das gibt einen frühzeitigen u. organischen
        Zusammenhang. Dass es sich um eine Minderwertigkeit des
        Genitalapparates im Sinne Adlers dabei handle konnte er nicht
        finden.

    Reitler findet die Arbeit wertvoll und tiefgehend, wenn sie auch
        an manchen Stellen Klarheit vermissen lasse. Federn hat den
        Sadismus, den man sich vom Masochismus nicht getrennt vorstellen
        kann, zu wenig berücksichtigt. Er findet in jedem Falle beide
        Strebungen u. zw. nicht zeitlich nacheinander sondern meist
        im selben Akt verbunden.

        Krafft-Ebing scheine gegen Federn recht darin zu haben, dass

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    5.

    man die Algolagnie mit psychischem Masochismus verbinden müsse.
        Schmerzen zu erdulden kann zugleich eine psychische Demütigung
        sein. Und das kann wohl auf das Tätscheln zurückgehen (Sadger).
        Dass die Masoch. am Genitale nicht autoerotisch seien ist kaum
        aufrechtzuerhalten. – Sehr plausibel scheint dagegen, dass es sich
        in all diesen Fällen um eine Objektüberschätzung handle und
        dass in allen Fällen die Objektliebe ausgesprochen ist. Auch das
        „Kreuztragen“ ist in diesem Sinne nicht rein masochistisch,
        denn das Leiden soll ertragen werden aus Liebe zur Gottheit etc.

    Prof. Freud trägt nach, dass eine Quelle unserer [mangelhaften Er-
        klärung] für die Ableitung des Sadismus und Masochismus unsere
        Unkenntnis von der Natur des Schmerzes überhaupt sei, mit seiner halb psychischen,
        halb physiologischen Bedingtheit, dessen deren Rätselhaftigkeit
        zeige sich sehr deutlich bei Kindern, die oft nicht recht zu wissen
        scheinen, ob sie etwas als Schmerz auffassen sollen und bei denen
        man andererseits organische berechtigte Schmerzen zu seinem Er-
        staunen durch Suggestion beseitigen kann.

        Hervorzuheben ist, dass der Masochismus in unserer Kultur-
        gesellschaft ausserordentlich zunimmt. – Wenn man sich um die
        kindlichen Eindrücke kümmert, die dem zugrunde liegen,
        so findet man, dass das meist Kinder sind, die zu wenig oder gar nicht
        geschlagen worden sind.

    Stekel fühlt sich von dem Vortrag enttäuscht, der das Thema, welches er
        sich vorgestellt hatte, auch nicht annähernd gestreift hat.
        Wenn wir uns fragen wieso es kommt, dass Schmerz als Lust gewertet
        sind, müssen wir berücksichtigen, dass es Menschen gibt, die
        jede Lustempfindung als Schmerz werten. Das Problem ist einfach
        zu lösen, es handelt sich um Reize und die Reizschwelle ist für
        jeden verschieden. Kompliziert wird die Sache allerdings noch
        durch den psychischen Überbau. Die Zunahme des Masochismus
        erklärt sich aus dem zunehmenden tiefen Schuldbewusst-

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    6.

    sein der Menschen. Es ist eine Strafe, die die Menschen an sich selbst
        vollziehen. Daraus erklärt sich auch, warum die in der Kindheit
        nicht Geschlagenen eher zum Masoch. neigen: sie holen damit
        die Strafe nach, die ihnen die Eltern nicht gegeben haben. Der Um-
        weg erklärt sich so: alles was Strafe sein soll wird erotisch und
        wenn es erotisch ist, dann ist es Lust. In diesem Sinne ist die
        ganze Neurose nur ein Ausdruck des Masochismus: er straft
        sich für seine Schuld durch die Neurose und so ist es kein Wunder,
        dass er dann an der Krankheit hängt. – Auch darf man dabei
        die Bipolarität der Symptome nicht vergessen: das Schwanken
        zwischen Größen- und Kleinheitswahn.

        Von grosser Wichtigkeit ist Freuds Bemerkung über die Gegen-
        übertragung, die er vollkommen bestätigen könne.

    Friedjung hat wenig zu sagen und möchte nur bemerken, dass Federn
        den Einfluss der Erziehung auf Sadismus und Masoch. viel zu wenig
        gewürdigt habe. Er habe den Anschein als ob einzige Kinder eher
        zum Sadismus neigen würden. – Der Begriff der Gegenüber-
        tragung lässt sich auf ärztliche Wirken überhaupt ausdehnen,
        und so erklären sich vielleicht die Erfolge der „groben“ Ärzte.

    Federn vermisst eine genügende Deutlichkeit in der Kritik,
        die ihm zeigte, was er sachlich verfehlt habe und was nicht
        verstanden wurde. Freuds Vorwurf, den er das Thema habe zer-
        flattern lassen, möchte er zurückweisen. Er verweist dem-
        gegenüber nochmals auf die einheitliche Grundidee seiner
        Ausführungen, dass die unreife kindliche Psyche auf diese
        Spannungen mit solchen Phantasien reagiert und dass
        sich unter diesen Hauptgesichtspunkt prakt. alle Erscheinungen
        des Masochismus, von der normalen Komponente bis zu den
        abstrusesten Auswüchsen, einreihen lassen. Diesen irratio-
        nalen Masoch. habe er ausführlich beschrieben und nur von
        ihm behauptet, dass ihm starke Spannungen ohne Genital-

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    7.

    akt (Onanie) zugrunde liegen. Er habe auch erwähnt, dass
        die Onanie dazukommen kann und dass beim rationellen Maso-
        chismus auch die Sexualspannung notwendig ist, dass aber
        dabei verschiedene äussere Eindrücke bestimmend mitwir-
        ken können. Er habe auch betont, dass man nur beim irra-
        tionalen Masochismus die autochthone Entstehung des Masochis-
        mus aus dem Verhältnis der primären Psyche zur Sexualität er-
        klären könne. – Er habe nur beabsichtigt eine psychoana-
        lytische Erklärung des am schärfsten ausgeprägten Masochis-
        mus zu geben.

        Das Schuldbewusstsein mit zur Verursachung des Masoch.
        gehöre (Stekel) scheine plausibel, doch gebe es Fälle, wo das fehlt.
        Er hoffe, dass sich seine Auffassung an einem grösseren
        Material bewähren werde.



     

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