Rank, Otto (1912-413/1912.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Federn ›Über die Flugsensation im Traume‹
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Der Vortr. wendet sich zunächst gegen die von Tausk aufgestell-
te Behauptung von der Identität derwahlafendenund wachen Psyche
und möchte den Satz höchstens in seiner negativen Form gelten lassen.
Die wache Psyche enthält kein Vorstellungselement, das nicht auch im
Traum vorkommen könnte, aber der Traum enthält Elemente, welche der
gesunden wachen Psyche vollkommen fremd sind und die wir nur in ab-
normen psychischen Phänomenen wiederfinden. Eine solche, dem wachen
Leben unbekannte Sensation ist das Fliegen. Freud hat darauf hinge-
wiesen, dass diese Träume regelmässig einen sexuellen Inhalt repro-
duzieren und hat sich auch mit den bisherigen Organtheorien ausein-
andergesetzt. Diese Organ theorien, von denen der Vortr. 6 verschiede-
ne kurz skizziert und bespricht, bestehen gleichfalls zu recht. Doch
erklären sie immer nur besonders Arten von Flugträumen oder einzel-
ne Elemente in ihnen, wie z.B. die traumhafte Wahrnehmung der Atmung
(Thorax Sensation) nur die rhythmischen Bewegungen erklären könnte.
Andere Fluträume sind durch andere körperliche Elemente mitbestimmt
unter denen der Vortr. die Herabsetzung der Hautsensibilität imSch
Schlafe für die Empfindung des sich in die Höhe hebens besonders
in Anschlag bringt. Vortr. stützt sich dabei auf eigene hypnagogische
Beobachtungen und weist auch auf die Hexenflüge mit ihren sexuellen
momenten hin. Vortr. möchte auch bei einfachen Traumsensation zwis-
schen manifestem Inhalt und Traumquelle unterscheiden: unterschei-
den also mit welchem Sinnesoragn empfunden wird und von welchem
der Reiz ausgeht. Wollen wir wissen, mit welchem Sinnesorgan das
den Flugträumen gemeinsame Element empfunden wird, so mussen wir
uns fragen: wann haben wir sonst noch die Empfindung, dass wir uns
bewegen ohne doch bewegt zu werden? Das ist der Fall beim Schwindel.
Auch das Uebergehen mancher Flugträume in Fallträume wird aus der
Schindelsensation verständlich. Freud hat auf den Zusammenhang der
kindlichen Hetzereien von Fliegen- und Fallenlassen mit dem Schwindel
del hingewiesen und der Wunsch nach dem Wegfall der Hilfe Erwach-
über
sener ist eine der Wurzeln für den StolzdesFliegen, das im Trau-
me immer eine persönliche Kunst ist. Das Organ, mit welchem der Träu-
mer die Sensation aufnimmt ist das statische Organ und die Flug-S.
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sesation erfolgt durch Regression auf dasselbe. Mit dieser Feststel-
lung ist natürlich weder über das psychische noch über das ander-
weitige Organmaterial nichts gesagt. - Eine weitere Quelle ist die
Erektion/die dem Menschen als Aufhebung der Schwerkraft imponiert.
Dabei ist die Darstellung des erigierten Penis von der des Vorganges
der Erektion zu unterscheiden. Es gibt natürlich verschiedene Bear-
beitungen dieses sexuellen Vorgangs im Traume; oft ist das Thema der
Erektion bestimmend für die ganze Dimensionierung des Traumes (das
gilt auch für die weibliche Klitoris Erektion). Im Hinblick auf die
Vogel
durchgehende Auffassung des männlichen Gliedes alsPhallusbei fast
allen Völkern und die geflügelten Phalloi der Antike lässt sich
sagen: Der Träumer fliegt, weil er den Flug des Phallos darstellt.
Das exhibitionistische Moment ist in jedem Flugtraum vertreten. Das
Aufhören der Erektion bewirkt den oft plötzlichen Uebergang des Flug-
traumes in einen Falltraum und die Angstempfindung, die nach den Or-
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gantheorien von der scheren Atmung herrühren soll/erklärt sich hier
als unbefriedigte Libido. Das Abwärtsfliegen ist schon ein gehemmter
Sexualtraum und entspricht einer misslungenen Erektion. Kurz wird
noch auf andere Quellen desFlugtraumeshingewiesen; auf ein sich ü
Hinwegsetzen wollen, auf den Zusammenhang mit Flatulenz und Reisen, -
auf den Jones hingewiesen hat, auf die Verwendung als Symbol des
Sterbens (Freud, Stekel). Alle diese Quellen widersprechen einander
nicht, entsprechen vielmehr der vielseitigen Determinirtheit. Das
Wesentliche scheint die Erektion zu sein. ↳ Schliesslich bemerkt der
Vortr. noch, dass die Regression von der Sensation auf den Denkappa-
rat nicht parallel geht mit der historischen Regression aufdiein-
fantilen Erinnerungen und dass wir daher immer mehr zu einer allge-
meinen Symbolik kommen, bei deren Analyse das Kindheitsmaterial ver
sagt. - Zum Schluss erläutert der Vortr. an einem Fall von Neurose die
Wesensgleichheit des Flugtraums und des Schindelsymptoms und wirft
v
vom Verständnis der körperlichen Sensationen im Traume ein Licht
auf die Konversion. Den Flugträumen liegt eine gemeinsame Sensation
und darum auch eine gemeinsame Phantasie zugrunde, die sich andere
Male in der hysterischen Konversion äussert. Diese ist ein Spezial-
vorgang, wobei ein somatisches Phänomen von einer solchen PhantasieS.
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zum umgekehrten Ablauf seiner somatischen Entstehung aus dem Körper-
reiz anregt. Das Schwindelgefühl ist aber doch nicht gleich dem Flug-
gefühl, so dass also die Identität der schlafenden und der wachenden
Psyche nicht zu Recht besteht.D I S K U S S I O N .
Krauss erzählt
einen Berichtdes Ethnologen Steinen, der auf seiner
südamerikanischen Reise von gehäuften Flugträumen im Zusammenhang
mit Tage sGedanken an seine fern weilende Braut berichtete.Reinhold möchte die Behauptung Tausks verteidigen mit dem Hinweis
darauf/dass wir im Traume Flugvorstellungen und nicht Sensationen
haben. Prinzipiell müsste gezeigt werden, wie wir Vestibularsensatio-
nen im Traume überhaupt bekommen; bei den Neurotikern ist vielleicht
irgend ein organischer Defekt im Spiele.) - Die Richtung nach der Ro-
tationsempfindung kann mannichtbeliebig ändern. Redner selbst
hat bei sich Fallträume beobachtet, wenn er auf der linken Seitelei
liegt.Tausk identifiziert sich völlig mit den vom Vorredner vorgebrachten
Korrekturen und Einwendungen und fügt hinzu, dass die Flugvorstellung
vom Träumer auch im Wachen gedacht worden sein kann. Die Regression
geht ontogenetisch auf individuelle Erlebnisse im Sinne Freuds zu-
rück. - Das Abwärtsfliegen als gehemmte Erektion? Eine gehemmte Erek-
tion ist ja keine. Schliesslich wird ein Traum angeführt/der in das
von Federn aufgestellte Schema nicht passt: er beginnt mit der Angst
und der Träumer fühlt sich dabei zu schwer.Federn reflektiert kurz auf die Einwendungen: Ist Schwindelgefühl
und Flugsensation nicht identisch, so besteht seine Behauptung zu
recht. Das Fliegen ist eine Sensation, dem Bewusstsein erscheint sie
natürlich als Vorstellung. Wieso die Vestibularsensationen eintreten
habe er ausgeführt: wir haben Vorstellungen vom Vestibularis und auf
durch Regression wird der Vestibularapparat zentrifugal wider er-
regt. Leute die von ihrer Impotenz wissen können sehr wol als Aus-
druck der unvollkommenen Erektion nach abwärts fallen.Spielrein verweist auf eine besondere Art von Flugträumen, die ihr
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Vorbild in den kindlichen Spielen (Fliegen-rotieren lassen kopfüber-
werfen etc. haben.Rank teilt Flugden Traum eines gesunden Mannes mit, der das exhibitio-
nistische und das anale Moment im Zusammenhang mit dem sexuellen
(Potenz) aufs deutlichste erkennen lässt.Frau Dr. Rosenthal bespricht die Beziehungen zur Konversion und meint
dass das körperliche Entgegenkommen nur im Moment der Entstehung
wirksam sei, dass aber die Konversion als solche etwas Stabilisiertes
ist. Wir sehen immer das das motorische Symptom der Konversion auf
Grund der Vorstellung entsteht und können die sensible Erklärung
vollständig entbehren.Sachs bemerkt zu dem von Rank mitgeteilten Traum, dass die vielen
Zuschauersindwahrscheinlich die Gegensatzdarstellung der einen
geheimen Zuschauerin seien, die dann später angedeutet sei. Der Stolz
ist dann der/mit dem der Knabe vor dieser Person (der Schwester) mit
dem Penis exhibiert, den sie nicht besitzt.Silberer findet vieles in dem Vortrag zutreffend und bes. die hypna-
gogischen Erscheinungen hübsch beobachtet, wobei er auf die bedeuten-
den individuellen Verschiedenheiten hinweist. Es wird dann auf die
auch vom Vortr. angedeutete Beziehung der Fliegeträume zu den Stiegen
träumen besprochen und darauf zurückgeführt, dass beide eben exquisit
sexuellen Inhalt haben. Schliesslich wird ein eigener Flugtraum der
letzten Nacht erzählt, der fast alle vom Vortr. hervorgehobenen Bedin-
gungen und Charaktere erkennen lässt.Federn erwähnt dass auch die von Stekel in den Ammenträumen nachge-
wiesene Empfindung des Getragenwerdens aus der Kindheit ein Material
für die Flugträume abgeben mag. In der Konversionsfrage bestehe ein
Missverständnis von Dr. Rosenthal; das körperliche Entgegenkommen ist
ein dauernder Zustand und hat nichts mit dem Mechanismus der Konver-
sion zu tun.Rosenstein stellt fest, dass es sich dem Vortr. nicht um die Deutung
dieser Träume gehandelt habe, sondern um die Feststellung und Erklä-
rung gewisser Elemente derselben aus Sensationen. Im Konflikt Tausk
Federn stehe er auf Federns Seite. Auch sei es a priori nicht unbe-
dingt nötig, dass jedes Traumelement auf einen Kindheitswunsch zurück-S.
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rückgehe. Die scharfe Trennung von Bewegungsempfindung und Vorstellung
sei nicht berechtigt. Sensorische und motorische Vorgänge fliessen
in einander über./ Prof. Freud ist mit den Ausführungen des Vortr. in vielem einverstan-
den und kannanderesnicht bestreiten. Der Vortr. habe eine der Sonde-
rungen verwischt, die wir mühsam hergestellt haben, indem er zwei Un-
tersuchungen mit einander verknüpfte, die nichts mit einander zu tun
haben. Es sind zwei völlig verschiedene Fragen: Wasmanvorstellt und
etwas
aus welchem Material es gemacht ist. Welches die Traumreize sind, die
den Flugtraum machen, wird für uns erst interessant, wo gezeigt wird,
dass es sich um einen Erektionsreiz handelt, der psychisch verarbeitet
wird und dann zur Darstellung im Flugtraum kommt. Die Beziehung der
KonversionzumFlugtraum ist der interessanteste Teil des Vortrags.
Man kann in der Regel nur das regressiv darstellen, was visuell als
Kindheitserinnerung vorhanden ist. Formale und zeitliche Regression
fallen in Regel zusammen. - Durch Umarbeitung des Erektionsreizes
zum Flug wird die Empfindung asexualisiert und das Zurückversetzen
in die Kindheit dient eben dem Zweck des Harmlosmachens.Das somatische Entgegenkommen ist eine Grenzstelle des psychi-
schen und Organischen; das Wesentlich ist die erogene Beschaffenheit
des Organs. Bei der Konversion werden wohl Reizzustände eine Rolle
spielen. An dem physiologischen Moment der Lähmung lässt sich der
Anteil des psychischen Faktors ziemlich weit verfolgen. Die hysteri-
schen Lähmungen kommen dadurch zustande, dass ein bestimmtes Organ
zunächst in ausgiebige Verbindung mit unbewussten Komplexen tritt,
welche bereits Innervationsänderungen zur Folge haben und die Sen-
sibilitätsverhältnisse verändert. In diesem physiologischen Faktor
liegt dann das somatische Entgegenkommen; vom Unbewussten gibt es
Wege ins Körperliche. Die Halbseitigkeit können wir aus psychologi-
schen Momenten nie ableiten. -Was die vom Vortr. erwähnten Spontanheilungen betrifft, so ist die
Uebertragung nicht der einzige Weg dazu. Sie kommen ebenso oft durch
den Wegfall des Krankheitsgewinns zustande. - Der eigentümliche Stolz
erinnert an die Phantasien von Künsten bei den Kranken; diese Künste
beziehen sich im infantilen Sinne immer aufs Sexuelle aufs KoitierenS.
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können. Das öffentliche Verrichten der Notdurft in dem von Rank mit-
geteilten Träumen stellt Geheimnis dar. /Tausk erwähnt dazu, dass man
daskleine Kind lehrt auf seinen Stuhl-
gang stolz zu sein und meint, dass vielleicht auch die Erleichterung
bei der Defäkation eine der Quellen für den Flugtraum sei.Federn wendet sich in seinem Schlusswort dagegen, dass er eine Gren-
ze verwischt habe. Er wollte nur durch den Zusammenhang mit früheren
Autoren an dieser Stelle zeigen, wie die alten Dinge im Lichte der
Psa. neuen Sinn und neues Verständnis gewinnen.
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