[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Fortsetzung der Diskussion über den Selbstmord 1910-422/1910.02

Rank, Otto (1910-422/1910.02): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Fortsetzung der Diskussion über den Selbstmord

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    23. Vortragsabend
       am 27. April 1910.





     

    Fortsetzung der
    Diskussion über den Selbstmord.

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    T A G E S O R D N U N G

    der Sitzung am 27. April 1910.




     

    I. Abstimmung über Dr. Hilferding und Dr. Jekels.

    II. Neuanmeldungen:
           1. Dr. Stefan Maday (Abstimmung in der nächsten Sitzung)
           2. Dr. Baron Franz v. Hye (Vorschlag Stekel).

    III. Bericht über die Monatsschrift.

    IV. Besprechung über die Herausgabe einer Flugschrift über den
           Selbstmord.

    V. Bericht des Bibliothekars.

    VI. Bericht des Sekretärs.

    VII. Anträge und Interpellationen.

    VIII. Fortsetzung der Diskussion über den Selbstmord.




     

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    Zu Punkt I stellt Sadger den Antrag, einen Brief von Wittels zur Verlesung zu bringen,
    in dem dieser zum ersten Punkt der Tagesordnung sich schriftlich äußert.

    Adler ist dagegen mit der Motivierung, dass eine nicht geheime Wahl statutenwid-
    rig ist; nach längerer Debatte schlägt er vor, den Brief in inoffizieller
    Sitzung zu verlesen.

       Die Abstimmung ergibt, dass von 15 gültigen Stimmzetteln (Wittels Brief ein-
    gerechnet) für Jekels 13 ja, für D. Hilferding 12 ja, 2 nein (Gutmüller, Hitsch-
    mann). Beide Kandidaten erscheinen gewählt.

    Zu II schlägt Adler vor, die Abstimmung über Maday nächstes Mal vorzunehmen.
    Ferner meldet er die Kandidatur D. Rich. Nepalleck an, Stekel die von Baron
    D. Franz von Hye.

       Prof. Freud empfiehlt Nepalleck in jeder Beziehung.

    IV. Wird auf Adlers Vorschlag ein Komitee bestehend aus den Herren: Adler, Hitsch-
    mann, Sadger und Stekel eingesetzt.

    V. Büchereinlauf.

    VI. wirft Rank die Frage auf, in welcher Weise die Protokollversendung durchge-
    führt werden soll, die infolge der wachsenden Zahl der auswärtigen Mit-
    glieder immer größere Schwierigkeiten bietet.

       Hitschmann stellt den Antrag auf Anschaffung einer Schreibmaschine, die
    von den meisten unterstützt zum Beschluss erhoben wird. Steiner, Stekel und
    Rank werden mit der Anschaffung betraut.

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    Fortsetzung der Diskussion.

    Federn hebt auch hervor, dass man selten einen Neurotiker finde, der nicht zeit-
    weilig an Selbstmordgedanken gelitten habe und es wisse jeder Psychoanalytiker,
    dass die Gefahr beim Neurotiker im Selbstmord liege. Die Frage, warum sie
    sich doch so selten umbringen, möchte er dahin beantworten: weil sie zu
    wenig normal sind. Der Selbstmord ist nämlich seiner Auffassung nach
    eine normale Reaktion auf negative Lebenserfahrungen. Es berührt
    sich dieser Gedanke mit dem, was Prof. Oppenheim an Adler hervorgehoben
    hat, indem er von den zwei Kategorien der Selbstmörder sprach.

       Die Neurotiker denken voll oft an den Selbstmord aber seiner Ausführung stellt
    entgegen 1. der Lebenserhaltungstrieb und 2. die Angst (vor der Tat). Man
    könnte meinen das sei dasselbe und die Angst nur eine Äußerung des Erhaltungs-
    triebs; aber wir wissen auch, dass die neurotische Angst der verdrängten Sexu-
    alität entspringt und dass sich so eben noch der geheilte Neurotiker umbringen
    kann.

       Wenn die Formel aufgestellt würde, der Selbstmord sei die Überwältigung des
    Lebenserhaltungstriebes durch die Libido, so muss hinzugefügt werden, dass
    die Libido auch auf der Seite des Lebenstriebs zu finden ist; je mehr freie Li-
    bido desto mehr Lebensfreude. – Leider die in der Libido Enttäuschten und auch in-
    sofern eine Vers.-Sublimierung finden. In diesem Punkte kommen die
    Schülerselbstmorde in Betracht. Eltern und Lehrer sind libido-feindlich
    und verhindern die Übertragung, so dass die Schülerselbstmorde auch z. T.
    wenigstens in den Lehrern ihre Ursache finden. Allerdings ist das nicht
    die Gesamtursache; dies ist die ganze Lebensantipathie. Das sind jene
    Fälle, wo der Selbstmord nicht eine neurotische Symptomhandlung ist, sondern
    wo die Gesamtsumme der Lebensfreude den Lebensqualen nicht mehr
    stand zu halten vermag und wo ein kleiner Vorfall des täglichen Lebens
    (der Schule) den letzten Anstoß gibt.

       Neben der sublimierten Homosexualität spielt der Sadismus des Lebens
    die Hauptrolle.

    Schließlich erwähnt Ref. noch eine Statistik von Masaryk wonach der Selbstmord
    mit der Abnahme der Religiosität zusammenhängt und verweist darauf, dass
    Freud auf dem Kongress dasselbe für die Neurose behauptet habe.

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    Stekel kann die Erfahrungen Federns nicht bestätigen, dass der Selbstmord die
       Reaktion des Normalen ist. Auch sei die Gefahr des Selbstmords in der Kur
       nicht zu fürchten, so lange die Pat. Hoffnung auf Genesung haben können
       sie mit dem Selbstmord zwar spielen oder gar drohen, sie führen ihn aber
       nicht aus. Er könne aus seinem Material den Satz von Freud bestätigen,
       dass der Selbstmord eine der Ausgangsformen der Neurose sei.

       Ein Umstand sei bisher nicht in Betracht gezogen worden, der eine große
       Rolle spiele: das ist das Prinzip der Talion. Den Selbstmörder peinigt ein
       tiefes Schuldbewusstsein und es bringt sich niemand um, der nicht
       einen andern töten wollte. Alles andere seien nur auslösende Momente.

       Die Statistik zeigt, dass in stark religiösen Prot Ländern weniger Selbst-
       morde zu verzeichnen sind.

       Auch die Beschränkung der Kinderzahl bietet wegen der gesteigerten
       Zärtlichkeit Anlass zum Selbstmord.

    Sadger habe richtig bemerkt, dass die Hoffnungslosigkeit in der Liebe zum Selbst-
       mord treibe; aber [er] hat die sexuelle Seite des Problems damit nicht erschöpft.
       Viele begehen Selbstmord weil sie nicht den Mut zur Sexualbetätigung finden.
       Das ist der erste Punkt. – Der zweite ist der von Freud hervorgehobene, dass
       das Inzestproblem im Vordergrund steht. Ein dritter Moment endlich zeigt
       sich bei allen Selbstmördern darin, dass die Selbstmordideen des Normalen
       auftreten, weil die Onanie aufgegeben wird. Der Selbstmord ist nichts
       als der letzte onanistische Akt. Freud hat aufmerksam gemacht, dass die
       Onanie ihre Bedeutung erst durch die (und es viel sagen) Phantasien erhält. Diese Phantasien
       sind aber in den meisten Fällen Inzestphantasien.

       Diese angeführten Momente waren verdrängte waren in den von ihm analysierten Fällen Ur-
       sachen des Selbstmordversuches. Ref. gibt nun einen kurzen Überblick
       über diese 4 Fälle und schließt mit einem am heutigen Tag analysierten Fall
       eines Studenten, der diese Bedingungen besonders deutlich erkennen
       lassen.

       Man kann also nicht einfach sagen die Schule und die Lehrer sind
       Schuld. Allerdings könnte die Schule den Selbstmord verhüten, wenn sie eine
       Übertragung herbeiführen könnte wie die Psychotherapie.

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    Tausk unterscheidet an dem Problem 2 verschiedene Fragen:
       1. die nach dem Sinn des Selbstmords und
       2. die nach den psychischen Mechanismen des Selbstmords, die vielleicht nur
       zwei verschiedene Betrachtungsweisen darstellen.

       ad 1 knüpft er an Schopenhauers Ausführungen über den Selbstmord an, wo es
       heißt das Leben ist eine Position. Dann ist der Selbstmord für das Individuum
       die unlogische Handlung kat exochen. Ref. versucht nun, den logischen Sinn
       dieser Position biologisch zu fassen, wodurch sie auch einen Sinn für die
       psychologische Betrachtungsweise bekomme.

       Ref. erörtert dann eingehend den Begriff des Schuldbewusstseins und setzt
       so die psychologischen Grundlagen jedes weiteren Konflikts, der zum Selbstmord
       führen muss, auseinander. Das Schuldbewusstsein reduziert sich auf die
       Kulturanforderung, die uns verpflichtet Sublimierung zu leisten oder Trieb-
       verdrängung. Als dieser Forderer tritt die Person des Vaters auf, die jene Forderung
       in dem Maße härter stellt als sie selbst zu leisten schuldig geblieben ist. Das Kind
       kommt bald dahinter das unbewusste Kritik; so kommt es zu jenem Grundkon-
       flikt.

       Welche Momente im psychischen Mechanismus die richtunggebenden sind,
       damit diese Negation in der Position gesetzt wird, ist hier nicht näher zu unter-
       suchen. Dass es die sexuellen sind ist bestimmt.

       Ref. erzählt schließlich aus seiner Schulzeit einige Professorenselbst-
       morde; – in vielen Fällen werden die Lehrer die veranlassenden Motive zum
       Selbstmord, da sie nicht sehen dürfen, dass die Kinder mit Sexualität geladen
       sind.

       Bemerkenswert ist, dass die Türken den Selbstmord überhaupt nicht kennen,
       da sie an eine wirkliche Zukunft im Jenseits glauben.

    Reitler unterscheidet drei Kategorien von Selbstmördern.
       1. solche wo es sich bloß um Selbstmordimpulse handelt
       2.   "   "   "   "   um Selbstmordversuche und ein Spielen damit handelt u.
       3.   "   "   "   die wirklich ernste Selbstmorde sind.

    Für uns bietet nur die erste Kategorie bes. Interesse. Federn hat richtig
    hervorgehoben, dass die meisten Neurotiker von Selbstmordimpulsen gequält

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    werden, diese Impulse haben entschieden zwanghaften Charakter.
    Ref. versucht nun im Rahmen seiner Darstellung der Entwicklungsge-
    schichte der Neurose die Entstehung und Ableitung der Prüfungsangst
    zu geben, die sich aus der objektlosen Angst der Aktualneurose (Abstinenz
    von der Onanie) als Phobie konstituiert; über den Weg der Angsthysterie, zu
    der ja psychisches Material genügend vorhanden ist (die Inzestonanie-Phantasien,
    Vater = Lehrer, sexuelle Bedeutung der Prüfung nach Stekel). Aus der Phobie
    bleibt dem Kind nur der Weg entweder die Schule zu schwänzen und so der
    Prüfung auszuweichen, oder die Krankheit zu simulieren oder es wird
    der Zwangsimpuls zum Selbstmord: er muss sich umbringen, um der Prüfung
    zu entgehen.

    Adler betont, die Frage sei so kompliziert, dass alle Beziehungen des
       menschlichen Lebens sowie alle psychologischen Phänomene dabei zur
       Sprache kommen. Einige davon seien so wichtig, dass fast jeder sie
       gestreift habe und er sie wieder berühren müsse.

       Die Statistiken seien, obwohl sie gewiss ihre Mängel haben, nicht zu
       gering einzuschätzen. Was die pathologischen Befunde anlangt (Bartel),
       so scheint tatsächlich bei den Selbstmördern jede Form von Organminder-
       wertigkeit vorzukommen (einschl. der Minderwertigkeit des Sexualorgans).
       In der Vorgeschichte der Selbstmörder finden sich genau die gleichen psychi-
       schen Ursachen wie bei den Neurotikern und es darf uns darum nicht
       wundern, dass wir in den Analysen so häufig Selbstmordabsichten
       und Versuchen begegnen. Es ist vornehmlich das aus dieser organ.
       Minderwertigkeit entsprupsychischengende Gefühl der Minderheit, das bes. deut-
       lich in der Kindheit hervortritt, später mit einer Überkompensa-
       tion beantwortet wird in der sich häufig das Streben nach bes. Aus-
       zeichnung kundtut, die dazu führt, dass diese Individuen sich
       allzu sehr abhängig machen von der Außenwelt. – Die anderen
       Beziehungen finden sich daneben auch. Doch wird man darum nicht
       sagen können: Personen, die so beschaffen sind, müssen zum Selbst-
       mord kommen.

       Ein Motiv aus der Diskussion hat etwas Zwingendes; dass es sich

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    meist um Personen handelt, bei denen schon in der Kindheit das
    Bestreben sich bemerkbar machte, die Eltern zu strafen durch Krankheit u. dgl.
       Interessant wäre es in den Fällen des versuchten Selbstmords zu wissen,
    warum sich die Person nicht umgebracht hat. In einem Fall gab der
    Pat. an, er habe kein Vorbild dafür gehabt. Es war aber auch viel zu weib-
    lich, um sich umzubringen. Damit ergibt sich ein wichtiger
    Punkt aus der Psychopathologie des Selbstmords: der Selbstmord ist nämlich
    noch der letzte Versuch einer männlichen Tat. Der Selbstmörder hat
    auch eine starke Ausprägung seiner Homosexualität, was ja auch für
    den Neurotiker zutrifft. Bei männlichen Selbstmördern findet man
    regelmäßig die Auflehnung gegen den Vater (was insofern mit der
    Prüfung wieder zusammenhängt, als Personen oft zu einem bestimmten
    Studium gedrängt werden).
       Ref. geht schließlich daran, einige von den Selbstmordversuchen, die
    er analysieren konnte, vorzubringen.

       Bei einem Mädchen hingen die Selbstmordversuche direkt mit
    der Onanie zusammen, von der sie nicht loskommen konnte. Es ließ
    sich zeigen, dass ihre Selbstmordversuche regelmäßig in einen
    onanistischen Akt ausklangen. Es handelt sich also um einen Kampf
    gegen die Onanie, durch die sie sich entwürdigt fühlte (Gefühl der
    Herabsetzung, der Minderheit). Diesem Gefühl entspricht im Grunde
    jeder Selbstmord wenn man das Material ausgestattet mit den „neuroti-
    schen Gleichungen“ (Stekel) prüft. Auch die Selbstmorde vieler weibl.
    Individuen zur Zeit der Periode (ebenso wie Frühjahr und an Sonn- und
    Feiertagen, wo die Zahl erheblich steigt) liegt dieses Gefühl der Herab-
    setzung zugrunde, das für das Weib darin liegt ein Weib zu sein.

       Die Frage was Schule und Lehrer bei den Schülerselbstmorden zu
    tun haben, ist dahin zu beantworten, dass in diesen Fällen der
    Selbstmörder sich sein Material aus der Schule holt, das er sonst anders-
    wo gefunden hätte. Er tötet sich auch nicht eines missliebigen
    Professors wegen sondern die Sache liegt viel komplizierter, fast
    umgekehrt, wie der letzte Schülerselbstmord ergeben habe, den Ref.

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    zu beobachten Gelegenheit hatte. Der Junge brachte sich um weil er
    glaubte seine Kräfte seien den Anforderungen nicht gewachsen.
    In manchen Schülerselbstmorden handelt es sich tatsächlich um die
    Reproduktion des Verhältnisses zum Vater, aber nicht in der Weise, dass
    sie sich auf reale Zurücksetzungen berufen könnten, sondern dass sie
    aus der neurotischen Situation heraus den Lehrer wirklich bestrafen
    wollen.

       Ref. berichtet dann noch über 3 Selbstmordversuche, die er zu analysieren
    konnte und hebt zusammenfassend hervor: der Selbstmord ist der Versuch
    einer männlichen Protesetst, natürlich bei Personen, deren Weiblichkeit
    außer Frage steht. Es handelt sich um Leute, die aus ihrer Kindheit ein
    tiefes Gefühl der Minderwertigkeit mitbringen und einem daraus ent-
    springenden maßlosen Ehrgeiz, von dem sie oft selbst nichts
    wissen, den man aber in der Analyse sehr gut verstehen kann.

    Prof. Freud liegt es ferne ein abschließendes Urteil zu fällen; er könne
       aber doch den Eindruck nicht verschweigen, dass bei alledem Wert
       des Vorgebrachten und der Summe der Anregungen eine eigent-
       liche Lösung des Problems in innerem Sinne nicht geglückt
       zu sein scheint. – Es darf nicht vergessen werden, dass der
       Selbstmord nichts anderes ist als ein Ausgang, eine Aktion, ein
       Ende von psychischen Konflikten und dass es viel darum handelt
       den Tatcharakter und die Überwindung der Widerstände zu er-
       klären.

       Unter den Lücken sei eine hervorzuheben, die eine notwen-
       dige zu sein scheint. Prof. Oppenheim hat ein Problem zur Lösung
       aufgestellt: ob der Selbstmord in allen Fällen als Reaktion des
       Ich gegen die Übermacht der Libido aufzufassen sei oder ob da-
       neben ein Selbstmord, der rein aus dem Ich hervorgeht anzunehmen
       sei. Wir haben recht getan auf diese Frage keine Antwort zu
       geben, denn diese Dinge sind der Forschung noch nicht zugänglich
       geworden. Der Zugang zum Selbstmordkomplex vom Studium

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    der Kranken liegt in der Melancholie über deren Wesen derzeit nichts
    bekannt ist; besonders ist deren Mechanismus noch gar nicht studiert.

       Federn meint, der Normale reagiere auf misslungene Libido mit
    Verstimmung. Der höchste Grad von Verstimmung ist die Melancholie.
    In zwei Fällen von Melancholie ließe sich excessive onanie libido u.
    ins höchste Alter fortgesetzte Onanie nachweisen. Es wäre nicht
    unmöglich, dass Leute, die auf die Onanie mit Verstimmung reagieren,
    im Klimakterium melancholisch werden.

       Stekel erwähnt zwei Analysen von Melancholiken, die zeigen, dass das
    Schuldbewusstsein begründet ist.

       Prof. Freud: Schuldbewusstsein findet man auch bei anderen Neurosen,
    in allen Fällen; es handelt sich um den speziellen Mechanismus d. M.

    Prof. Oppenheim kann es nicht als seine Aufgabe ansehen eine
       so reichhaltige Diskussion wirklich innerlich abzuschließen,
       u. all die verschiedenen Anregungen unter einheitlichen Ge-
       sichtspunkten zusammenzufassen und die positiven Ergebnisse
       festzustellen. Er könne nur auf ganz vereinzeltes eingehen.

       Hervorzuheben ist zunächst, dass die Grundfrage ungeklärt ge-
       blieben ist ob der Selbstmörder zu den Neurotikern zu rechnen ist. In
       den Ausführungen Federns liege ein gewisser Widerspruch. – Auch sei
       die Behauptung, die Sadisten neigen zum Selbstmord, wohl schwer
       zu erweisen. – Interessant sei Stekels Gedanke von der Talion, der
       seine kulturhistorische Bestätigung finde in den erzwungenen
       Selbstmorden (Orient, Athen, röm. Kaiserzeit). Ein Aufsatz: Geschichte
       des Selbstmords in der Antike (                            ) erörtert das aus-
       führlich, dass deren Tötungsform auf dem Prinzip der Talion beruhe:
       die Strafe soll das Verbrechen decken und es dadurch quasi ungeschehen
       machen.

       In der Frage des Verhältnisses des Selbstmords zur Religion bietet
       die Geschichte viele Aufklärungen. Die Religionen stellen sich mit
       scharfen Verboten dem Selbstmord entgegen. Lichtenberg macht die
       Bemerkung, der Selbstmord sei in protestantischen Ländern häufiger.

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    die katholischen und bringt das mit der Beichte in Zusammenhang.
          Der Selbstmord ist vielleicht kein Problem, das sich durch Betrachtung
    des Einzelnen lösen läßt; er ist eine Massenerscheinung und man
    muß dabei auch (wie eine Arbeit von Hirzel zeigt) auf lokale und zeitliche
    Verhältnisse Rücksicht nehmen (Wetterfieber, Suggestion). Die Wirksam-
    keit der Suggestion war übrigens der Antike voll bekannt (Portia ahnte
    bei ihrem Selbstmord ihren Vater Cato nach u.s.w.) — Eine merkwürdige
    Unterscheidung der Antike sei die zwischen Selbstmord und Selbstaufopfe-
    rung (eine solche steht ja im Mittelpunkt des Christentums). Auch hier also
    ergeben sich neue Teilprobleme, welche vielleicht doch versprechen zum
    Kernproblem zu führen.
    Der Vorsitzende (Stekel) dankt dem Vortragenden und allen Diskussionsrednern
    und bittet um Einsendung des Vorgetragenen für die Flugschrift.

                                  

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