[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] I. Diskussion über Onanie 1912-061/1911.01

Rank, Otto (1912-061/1911.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] I. Diskussion über Onanie

Zurück zum Werk
  • S.

    28/151




     

    P R O T O K O L L

    der

    5. S i t z u n g

    am 22.November 1911.











     

    D I S K U S S I O N  U E B E R  O N A N I E .

  • S.

    )L)

          I.Sadger geht von der ungeheueren Verbreitung der Onanie aus,die er
    auf drei Hauptgründe zurückführt:1.die Allgemeinheit und Intensität der
    Geschlechtsempfindung überhaupt;2.ihre besondere Eignung als allzeit
    parates Ausdrucksmittel für jegliche Art von Sexualgenüssen und 3.ihre
    Wirkung als Trost-und Beruhigungsmittel.

          Nach Freud erhalte die Masturbation ihre wahre Bedeutung nicht
    durch das periphere Tun,sondern durch die begleitenden Phantasien,die
    im Grunde Inzestphantasien im weitesten Sinne sind und aus deren Unre-
    alisierbarkeit sich die schweren Depressionszustände erklären;Die letz-
    ten Bedingungen der SäuglingspflegeMasturbation wurzeln  in den notwendigen Reizun-
    gen bei der Säuglingspflege,weshalb das Technische den Leuten immer
    schon bekannt vorkommt.-Ob man dem Kind die Masturbation abgewöhnen kann
    hängt von konstitutionellen Faktoren ab sowie von der Fähigkeit der El-
    tern,die Erziehungsarbeit durch Liebe leiten zu lassen;denn das Kind
    gibt die Masturbation nur jemand zuliebe auf.Wo dies nicht eintritt ist
    eine therapeutische Wirkung nur durch Auflösung der Phantasien möglich;
    denn jede habituelle Masturbation hat zwangsartigen Charakter.

          Von den noch wenig erforschten für die Masturbation pathogno-
    mischen Symptomen werden angeführt:Gesellschaftsscheu,Hang zur Einsam-
    keit,übertriebenes Misstrauen,das überall unedle Motive wittert,aber in
    der Ueberkompensation oft ein scheinbar sehr altruistisches Vorgehen er-
    zeugt.In den Flegeljahren zeigt sich ein krankhaftes Streben nach Wahr-
    haftigkeit;ferner ist charakteristische das Streben nach wahrer und ech-
    ter Freundschaft,die gegenseitige Aufrichtigkeit und  keinerlei Verber-
    gen fordert.Damit hängt zusammen das Versteckenspielen und die überflüs-
    sige Geheimniskrämerei(anonym od.pseudonym schreiben,Geheimbünde).-
    Hierher gehört auch das Verlieren der Unbefangenheit,das Goethe so schön
    beschrieben hat,und das sich von aller Welt angeschaut glauben,das den
    paranoischen Wahnvorstellungen ähnelt.-In der Reaktion kann die Masturba-
    tion auch zu gewissen löblichen Zügen führen,wie zum Streben nach Tugend
    und besonderer moralischer Vollkommenheit;sie ist oft auch richtunggebend
    für die Berufswahl der"reinen"Wissenschaften.Pathognostisch ist auch die
    Sauberkeit im Reden und die Scheu gegen jeden Zynismus.Weiters kann sich
    die Terminsetzung zu einem typischen Symptom der Masturbation ausbilden
    dann die Furcht vor Impotenz,die zu einer Ueberschätzung der Familien-

  • S.

    -2-

    gründung führt.Bei Mädchen entspricht der Furcht vor Impotenz die Vor-
    stellung,dass sie ihre Virginität verloren hätten oder keine Kinder be-
    kommen könnten.Charakteristisch ist ferner die Unfähigkeiten des Mastur-
    banten,mit seinen Händen auszukommen,die bes.bei Schauspielern auffällt,
    sowie die Sucht,sich für irgend etwas aufopfern zu wollen.Endlich können
    diese Leute entweder Erzegoisten bleiben oder in der Verdrängung und Ue-
    berkompensation hyperaltruistisch werden(Tanten).

          Bei Zurückverfolgung der Masturbationsphantasien auf die letzte Wur-
    zel,kann man die spezifische Anlage Note in der sexuellen Anlage jedes
    Menschen erkennen,die in konstitutionellen Besonderheiten ihren Ursprung
    hat,auf Grund deren nicht einmal die Ausübung des peripheren Reizaktes
    geändert werden kann.Bei diesem Anteil an der Sexualkonstitution han-
    delt es sich:1.Um die erhöhte Reizbarkeit der Klitoris resp.des Membrums
    2.um die Anlage zur Urethral-resp.Analerotik,3.zur Haut- Schleimhaut-
    und Muskelerotik und 4.um die Anlage zur Homosexualität.-Andre konstitu-
    tionelle Faktoren bedingen die Masturbation an anderen Stellen;so in der
    Nase,im äusseren Gehörsgang,an den Augenlidern/ad anum et mamillas;über-
    haupt durch Reibung an jeder erogenen Zone mit allen körperlichen und
    psychischen Folgen.

          Auf Grund der Phantasien scheint der masturbatorische Akt eine sym-
    bolische Handlung darzustellen.Jeder Masturbant stellt eigentlich zwei
    Personen dar,die erste Pflegerin(Mutter)und sich selbst,was man als Auto-
    symbolismus bezeichnen kann,eine Erscheinung,die weit über die Masturba-
    tion hinausgeht und das normale wie das pathologische Liebesleben zu be-
    herrschen scheint.

          Stekel führt als Gegenbeweis des Ursprungs der Onanie aus der Säug-
    lingspflege die Onanie der Tiere an.Beim Beginn der Onanie spielt
    oft der Zufall eine grosse Rolle,indem die Leute durch eine zufälli-
    ge daraufkommen,dass man autoerotisch Lust erzeugen kann.-Die Charak-
    terschilderung ist deswegen unzutreffend,weil man nicht von einem
    bestimmten Typus sprechen kann.Die Terminsetzung ist kein typisches
    Onaniesymptom;diese Leute erwarten oft den Tod einer nahen Person.
    Bei der Therapie müsse man bedenken,dass die Onanie für viele Men-
    schen(bes.Perverse und Homosexuelle)die einzig mögliche Sexualbefrie-
    digung sei.
    Tausk bemerkt,dass bereits Stekel den prinzipiellen Fehler der Aus-
    führungen Sadgers angedeutet habe.Die Sache beginne nämlich schon
    früher als die Kinderpflege u.zw.mit dem Triebleben,das auf Lustge-
    winn ausgeht.Dass diese Lust eine sexuelle ist,hängt von den betref-
    fenden Organen der Befriedigung ab,dass sie später solche Schicksa-
    le erfährt,ist eben das charakteristische für die Onanie;gewisse Lust-
    betätigungen erscheinen äusserlich als onannistische Akte.Der onanis-
    tische Charakter ist nur ein spezieller Fall.Der primäre Charakter
    entsteht aus den Trieben und der sekundäre aus den Schicksalen dieser
    Triebe,wobei die Onanie natürlich eine Rolle spielt.-In den sich op-
    fernden Frauen(Tanten),die Ehen stiften,scheint sich die Kupplerna-
    tur des Weibes auszusprechen.Die Zurückführung der Afteronanie auf
    die Klystiere verkennt den erotischen Charakter der Analzone vollkom-

  • S.

    -3-

    Friedjung belegt an dem Fall eines 2 1/2 jährigen Mädchens,das auf
    verschiedene Arten onanierte,dass die Art der peripheren Reizung
    konstitutionell einseitig nicht festgelegt worden sein könne.

    Doz.Zappert bemerkt,dass sich nach der Auffassung Sadgers der Typus
    des Onanisten mit dem Typus Mensch decke,was ja in seinem Sinne in-
    sofern stimmen würde,als auch alle Kinder gepflegt werden und er von
    der Voraussetzung ausgehe,dass auch alle Menschen onanieren.

          Nun dürfte die Onanie als solche beim Kind lange Zeit hindurch
    nicht die geringste Schädlichkeit bewirken.Damit aus deisem Kind
    ein Onanist werde muss ein wichtiges psychisches Moment hinzukommen.
    Zum Teil dürfte daran Schuld sein die falsche Methode der Abgewöh-
    nung durch Angsteinjagung.

    Rosenstein sieht in den angeführten Charaktereigenschaften nicht so
    sehr Züge aller Menschen als Reaktionsbildungen überhaupt gegen ir-
    gend etwas Verdrängtes(z.B.Opfermut gegen Sadismus).-Die Möglich-
    keit,dass sich Säuglingseindrücke in irgend einer Form überhaupt
    pathogen äussern können müsse er so lange bestreiten,als es nicht
    am Material erwiesen werde.

    Reik bemerkt zur Charakterologie,dass sich in der späteren Phanse
    meist zwei Eigenschaften vereinigen;z.B.Wahrheitssucht mit der Abs-
    traktionssucht(Kant);oder die Vereinigung sowohl der egoistischen
    als auch der sublimierten Regungen(Grillparzer.Auffällig sei auch,
    dass fats alle Onanisten normative Ethiker und neuestens auch Freud-
    gegner seien.

    Prof.Freud mahnt den Diskussionsredner den Unterschied zwischen der
    allgemeinen Säuglingsonanie und der späteren Pubertätsonanie nicht
    zu vernachlässigen.

    Federn bemängelt den weiten Gebrauch des Terminus Onanie,dessen ver-
    schiedene Bedeutungen man erst scharf abgrenzen müsste.Die periphe-
    re Onanie von der psychischen und beide von der Sexualität ohne re-
    ales Objekt.Auch wäre scharf zu scheiden wo die Onanie Ursache und
    wie weit sie Symptom ist.-Ungenügend begründett erscheinen die Aus-
    führungen über die Berufswahl sowie über die konstitutionelle Fest-
    legung der Methode.-Die Onanie ist,wie bereits Tausk ausgeführt hat
    zunächst keine symbolische Handlung.Für richtig halte er die Termin-
    setzung,die Ungeschicklichkeit der Hände,die Furcht vor Jungfrauen-
    schaft und Gebärfähigkeit,die Wahrheitssucht,die übrigens im Zusam-
    menhang von Onanie und Lüge Rank schon früher einmal betont habe.

    Reitler findet den Ausdruck autosymbolisch sehr unglücklich und meint
    dass es ein der Traumverdichtung analoger Vorgang sei.-Die Heilung
    der Masturbation erfolge wohl zumeist jemandem zuliebe,aber sie kön-
    nen wohl auch spontan aufhören.Auch ist es mit dem Abbau der Phan-
    tasien allein nicht getan,sondern es muss die Einleitung auf den nor-
    malen Geschlechtsverkehr damit verbunden werden,was bei Mädchen nicht
    möglich sei.

    Sadger stellt fest,dass er keinen Typus des Onanisten aufstellen
    wollte,sondern zeigen,dass gewisse Symptome eine langjährige Onanie
    beweisen.

    Rank betont zur Richtigstellung des Hinweises von Federn,dass er in
    seinem seinerzeitigen Vortrage versucht habe,eine Reihe scharf aus-
    geprägter Charakterzüge(darunter auch die Terminsetzung und Heimlich-
    keitskrämerei)als Folgeerscheinungen des Verdrängungsprozesses bei
    der Masturbation zu erklären.Aber nicht die Lüge überhaupt,nicht
    einmal die pathologische Lügenhaftigkeit,sondern nur eine ganz be-
    stimmte Form derselben.Als Reaktion auf diese habe er den Wahrheits-
    fanatismus aufgefasst.-Sadger habe die Onanie als rein pathologi-
    sches Phänomen dargestellt,während wir doch gewohnt sind,sie bis
    zu einem gewissen Ausmasse als normalen Ausdruck des Autoerotismus
    anzusehen.Bei Abwehrkampf gegen die Masturbation werden die äusse-
    ren Einflüsse sehr überschätzt,während in vielen Fällen das spon-
    tan auftretende Schuldgefühl das entscheidende ist.

    Silberer erhebt gegen die Verwendung des von ihm in anderem Zusam-
    menhang und Sinne bereits gebrauchten Begriffes Autosymbolismus
    Einspruch.

    Wagner möchte unter Festhaltung der Tatsache,dass es pathologische
    und normale Onanisten gibt,darauf hinweisen,dass ihm die retrospek-
    tive Analyse von den pathologischen Fällen her die fruchtbarste
    scheine.Die pathologische Onanisten sind meist Autodidakten.

    F.S.Krauss meint mit Rücksicht auf einen ihm bekannten Fall,dass
    Leute,welche dieser Lustbetätigung in exzessiver Weise ergeben sind

  • S.

    -4-

    pathologisch sein müssen.- Eine ähnliche Erscheinung schildert Dr.
    Bräseke in den Dermatologischen Studien,Bd.20/.-In einer Umfrage von
    Amrein über Onanie als Heilung(Anthrop.)ist auf eine onanieähnli-
    che manipulationManipulation,das Reibesitzbad in dem populären Buche von Platen)
    hingewiesen.

    Hitschmann möchte sich für das von Sadger entworfene Charakterbild
    des Onanisten einigermassen einsetzen,das natürlich nur für den kx
    krankhaften Onanisten gelte.Nur wäre diese Charakterbildung in ähn-
    lichem Sinne wie beim Analcharakter als Folge der Ueberwindung auf-
    zufassen,also für Personen,welche eine Anzahl dauernder Charakter-
    züge durch die Unterdrückung der Masturbation davongetragen haben.
    An die Errötung,welche mit Scham und Scheu einhergeht,schliessen
    sich eine Reihe anderer Symptome an.Ob das krankhafte Onanieren Be-
    ziehungen zum Philosophieren habe,wäre einer Untersuchung wert.Das
    auf sich selbst zurückziehen und sich selbst befriedigen,was im Ver-
    zicht der Philosoph bleibenden Menschen auf das Leben und im Nach-
    denken über dasselbe liegt,würde immerhin dafür sprechen.Onanie
    ohne Phantasien scheint es zu geben bei jenen Personen,welche sich
    jeden Abend den Schlaf durch Onanie erzeugen müssen.-Die Beziehun-
    gen der Onanie zur Neurasthenie dürfen nicht vernachlässigt werden.
    Rank erwähnt noch nachträglich,dass er die von Hitschmann geforder-
    te Auffassung der Masturbationscharaktere im Sinne der Analcharak-
    tere seinerzeit vertreten habe.

    Tausk stellt fest,dass mit dem Worte "rein",das durch Kant in die
    Philosophie gekommen sei,die ausschliessliche Betrachtung der Funk-
    tion und nicht ihr Inhalt gemeint sei.-Im Uebrigen beginne die Phi-
    losophie früher als die Onanie,dort wo man nicht wisse,woher die
    Lust,das Verbot,die Hemmung komme.Der erste Forschungstrieb ist
    auch der erste philosophische Trieb;dass aber dann die Philosophie
    sich abspaltet und ein gewisses Thema wählt,ist Sache der Begabung
    möglicherweise sogar eine Reaktionsbildung überhaupt darauf,dass man
    nicht zulänglich ist.

          Das Thema müsste in drei Gruppen gebracht werden:
    1.die Ursachen der Onanie:a)die Veranlassungen,b)die Ursachen,die
    in den Trieben liegen.2.Der Zweck der Onanie:a)ein Zweck wird mit
    einer Art von Ursache zusammenfallen,nämlich der Gewinnung von Lust
    b)ein anderer Zweck wird mit einer anderen Ursache zusammenfallen,
    nämlich von einer bestimmten Verablassung dann auch einen bestimm-
    ten Zweck abzuleiten.3.Wirkungen der Onanie:a)somatische,b)psychi-
    sche.Die Wirkungen sind nach verschiedenen Richtungen verschieden:
    Was bedeutet die Onanie überhaupt in der menschlichen Gesellschaft,
    in der Kultur,in der Medizin.

    Sadger stellt fest,dass Hitschmann ihn mit dem Charakterbild der
    exzessiven Onanie missverstanden habe.Er meinte,diese Charaktere be-
    weisen,wo sie vorkommen,eine noch bestehende Masturbation und nicht
    eine verdrängte.-Die Zurückführung der Errötungsangst auf die Onanie
    wie sie Stekel in seinem Angstbuche durchführe,sei ganz oberflächl.
    Diejenigen,die von sich mit vollem Recht behaupten können,sie haben
    nicht masturbiert,die haben an Stelle dessen eine schwere Zwangsneu-
    rose und es ist oft der erste Weg zur Heilung,wenn sie zu masturbie-
    ren beginnen.

    Zappert hebt nochmals seinen Standpunkt hervor,dass die Masturbation
    zwischen der Kindheit und der Pubertät eine Krankheit werde,während
    sie vordem nur eine harmlose Gewohnheit war.Es fragt sich nach den
    Gründen;ist eine sehr frühzeitige oder eine sehr reiche Masturbation
    im Kindesalter von grossem Schaden?Möglicherweise kann in beiden Fäl-
    len ein Schaden fürs Individuum daraus erwachsen.Er selbst halte je-
    de Therapie der Masturbation im Kindesalter für aussichtslos.

    Prof.Freud empfiehlt die gesonderte Betrachtung der männlichen und
    weiblichen Onanie von der Zeit der Differenzierung der Geschlechter.
    Dass allgemein die Art der Ausführung der Onanie konstitutionell be-
    stimmt sei,dem widerspreche die Erfahrung,dass in Fällen des Ver-
    botes eine andere Art der Onanie gewählt werden könne(partieller
    Gehorsam)/Schwierig ist die Beantwortung der Frage,ob es Onanie oh-
    ne Phantasien gebe(natürlich nicht in der Säuglingszeit/aber schon
    im Alter von 3-5 Jahren).Doch ist die Frage dahin zu präzisieren,
    ob es Onanie ohne bewusste Phantasien gebe,was nicht ohne weiters
    zu entscheiden wäre.

    Stekel konstatiert seine Uebereinstimmung mit der Zappertschen Prob-
    lemstellung,die er in seinen Ausführungen beantworten werde.In der
    Erythrophobie spielen die kriminellen Instinkte grosse Rolle.