Rank, Otto (1912-061/1912.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] IV. Diskussion über Onanie
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Friedjung legt ein im Verlaufe der letzten 1 1/2 Jahre gesammaltes
Tatsachenmaterial vor und betont die Schwierigkeiten seiner Gewin-
nung mit besonderer Hervorhebung der Tatsache, dass die Mütter und
intellektuelleren Pflegepersonen über diese Dinge nichts aussagen,
selbst wenn sie von ihnen wissen.-Es handelt sich um 35 Beobachtun-
gen, 18 Knaben und 17 Mädchen; also eine gleichmässige Vertteilung auf
beide Geschlechter.Schon im Alter von 3-4 Monaten, wo die Kinder länger aufgepackt
liegen, sieht man deutlich lustbetonte Berührungen der Genitalien;
bei Knaben in den allermeisten Fällen ohne Erektion, bei Mädchen ohne
auffällige psychische Begleiterscheinungen. Bei manchen führen diese
Manipulationen schon im ersten Lebensjahr zu ausgesprochenem Orgas-
mus (mancher Akt dauert bis zueiner1/4 Stunde). Diese Dinge gesche-
hen bis etwa ins 4. Semester ohne jede Scham. Die Kinder werden offen-
bar durch die Reinigung auf das Genitale als Lustquelle aufmerksam
gemacht.-Bei beiden Geschlechtern wird meist Hand und Finger dazu ver-
wendet; Verwendung des Schenkeldruckes kommt nicht nur beim weiblich-
en Geschlecht vor; auch werden Gegenstände zu Hilfe genommen. Auch kön-
nen die Kinder, gegen Sadgers Annahme, in diesen Methoden wechseln.Der um das zweite Jahr durch die Erziehung veranlasste Ver-
drängungsschub lässt sich in manchen Fällen deutlich ersehen.
In den spätern Lebensjahren führt bei Knaben häufig ein äusserer
Anlass (Balanitis) zur Onanie (zwischen 5 und 12 Jahren). Zum Orgasmus
kommt es in diesem späteren Alter seltener oder nur in versteckter
Form. Das Wiederaufflackern der Onanie in der Zeit nach dem ersten
Verdrängungsschub geht häufig auf Verführung durch ältere Personen
zurück.-Auch extragenitale Onanie ist nicht selten (am Nabel, Lud-
eln: Lindner-Freud).-Die Beobachtungen erstreckten sich auf die Kin-
der verschiedener Bevölkerungsschichten und Rassen, gilt vermutlich
für alle Kinder in den ersten zwei Lebensjahren und wird von ihnen
gut vertragen.Was die Psychischen Begleiterscheinungen in den höheren Leben-
jahren betrifft, so konnten keine Phantasien im Sinne Freuds beob-
achtet werden; bewusste wenigstens nicht und es bestand zumindest
eine gründliche Spaltung der Persönlichkeit, da die Knaben nebenS.
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ihrer spielerischen Onanie eine klaglose Schülerfunktion aufwiesen.
Den Knaben gelingt der Uebergang zum normalen Geschlechtsverkehr
am leichtesten, wenn die bei der Onanie eine sog. normale Phantasie
vom Weib gehabt haben.-Das Moment, das die normale Onanie zur patho-
logischen macht, scheint auf psychischem Gebiet zu liegen.
Diskussion.
Sadger findet sein analytisches Ergebnis, dass die Masturbation von
der bei der Pflege durch die Eltern verursachten Reizung herrührt,
durch die Beobachtungen des Ref. bestätigt. Mit dem Eingreifen wieder-
holen die Kinder nur die bei der Pflege gemachten Erfahrung. Das Pres-
sen der Schenkel scheint dagegen auf das beim Einschnüren hervorge-
rufene Lustgefühl zurückzugehen. Ueber die Masturbationsphantasien
der Kinderzeit könnte man nur durch psychoanalytisch geschulte El-
tern etwas erfahren.Federn erwähnt, dass Freud in der Drei Sexualtheorie bereits auf den Zusam-
menhang der Säuglingsmasturbation mit der Körperpflege hingewiesen
habe mit dem Zusatz, dass auch die Vernachlässigung der Pflege für
das frühzeitige Bekanntwerden des Kindes mit dieser erogenen Zone
sorge.-Er habe Beobachtungen von Säuglingen gemacht, die in den ersten
4 Wochen bereits Erektionen hatten.-Die Frage sei, ob mit jeder Ona-
nie eine sexuelle Phantasie verknüpft sei. Kinder bekommen ja auch
bei Vorgängen, die mit der Sexualität nichts zu tun haben, sexuelle
Entladungen und solche Individuen können ja auch bei der Onanie ähn-
liche Phantasien haben.-Anderseits haben Kinder unzweifelhaft auch
eine Reihe sexueller Phantasien und ob diese im Moment des Aktes be-
wusst erregt wird oder nur unbewusst gespeist macht keinen prinzi-
piellen Unterschied.Stekel schätzt den Wert der Ausführungen sehr hoch, möchte aber doch
einige Abweichungen vorbringen. In seinem Artikel über den Koitus
im Kindesalter habe er erwähnt, dass Henoch die Säuglingsonanie kenn-
te. Die Onanie beginne nicht erst im vierten Monat, sondern schon in
der ersten Lebenszeit, werde allerdings nicht immer am Penis vorge-
nommen, sondern ebenso häufig am After.-Die Knaben bekommen meist
Balanitis weil sie onanieren und ebenso ist der Fluor meist schon
eine Folge der Onanie. Der Orgasmus ist beim Kind ein star-S.
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kes Kitzelgefühl, das in seltenen Fällen mit Absonderung von Urin
schliesst; Ejaculation tritt kaum vor dem 12. Lebensjahr ein. Der
Uebergang zum Weibe stelle sich etwas komplizierter dar. Es sei zwei-
fellos, dass der Säugling keine Phantasien habe; diesetretenerst
später als geistiger Ueberbau auf und mit ihnen kommt auch schon das
Schuldgefühl.Tausk betont gleichfalls den Wert der empirischen Beobachtungen als
Ergänzung des analytisch erschlossenen Materials.-Es seien 2 Arten
von Phantasien zu unterscheiden: 1. solche, welche immanent sind und
2. solche, welche parallele sind. Die ersten sind die eigentlich unbe-
wussten und können nicht zugleich in Vorstellungen umgesetzt werden.
Das Kind benimmt sich so als ob:-Der onanistische Akt entspricht
einer Phantasie; später wird die Vorstellung mit hinein getragen und
dann kann die Phantasie pathogen werden.Prof. Freud wirft gegen Stekel ein, dass es
sichnicht darum gehan-
delt habe, ob die Säuglinge mit oder ohne Phantasien onanieren, son-
dern um das spätere Kindesalter.Frau Dr. Rosenthal teilt aus der Analyse einer 35 jährigen Frau mit
die Erscheinung der psychischen Onanie mit, die in der Vorstellung
des Aktes mit einem Mann (einem Romanhelden) bestand. In der Analyse
erwies sich, dass im Alter von 3 Jahren physische Onanie bestanden
hatte, die von der Mutter verboten worden war, und infolge dessen
sich im 5/6 Jahre die psychische Onanie einstellte, deren Held (ein
Märchenprinz) sich bereits als eine Verschiebung von einem zärtli-
chen Onkel darstellte.Hitschmann findet auch, dass die Afteronanie quantitativ nicht ge-
nug betont wurde; sie sei überaus verbreitet, entgehe aber ebenso
häufig der Beobachtung, weil sie nicht als Onanie aufgefasst werde
(Fall eines ausgesprochen analerotischen Mädchens; Wetzen).Rosenstein bemerkt, die Frage nach den Phantasien hänge zusammen
mit der Frage des Autoerotismus; beziehen sich die Phantasien auf
eine zweite Person, so ist die Masturbation nicht mehr rein auto-
erotisch.-Bei seiner Auffassung der unbewussten Phantasien nehme
Federn das Unbewusste nicht bloss als das Verdrängte, sondern als
den angeborenen Bestandteil der Psyche.-Dass Säuglingserinnerungen
durch die Psychoanalyse eruierbar seien, halte er für unmöglich.S.
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Prof. Freud betont den Wert dieser selbständigen Beobachtungen und
versichert Herrn Rosenstein, dass die Analyse bis ins 1. und 2. Lebens-
jahr zurückreiche. Oft handelt es sich jedoch im Verlaufe der Analyse
nur um einen Indizienbeweis, den der Pat.amEnde der Kur meist
durch seine Erinnerung bestätigen kann.-Den von Friedjung betonten
negativen Wert der Auskünfte Erwachsener kann man auch in der Analy-
se ersehen und soll darum nie deren Ergebnisse durch solche Auskünf-
te zu erhärten suchen.-Es wäre sehr dankenswert, wenn Referent uns
auch darüber Beobachtungen mitteilen könnte, wie häufig die Kastrations
drohung (oder eine ihr analoge: etwa sterben),unter diesendie in den
Analysen eine ungeheure Rolle spiele, unter diesen Umständen in der
Kindheit tatsächlich vorgebracht werde. Wir würden dann eher imstan-
de sein zu erkennen, ob die Wirkung dieser Drohung sich auf rein in-
dividuelle Erfahrung stützt, oder ob wir zu ihrem vollen Verständnis
auf die uralten Menschheitsüberlieferungen zurückgreifen müssten.Da die Kinderonanie eine so allgemeine Tatsache ist und so schlecht
erinnert wird, so muss es dafür ein Aequivalent im psychischen Leben
geben. Dieses findet sich tatsächlich in der bei den meisten Patien-
tinen anzutreffenden Phantasie, der Vater habe sie in der Kindheit
verführt; Das ist die spätere Umarbeitung, welche die Erinnerung an
die infantile Sexualität verdecken soll und eine Entschuldigung und
Beschönigung derselben darstellt. Der Kern von Wahrheit, den sie ent-
hält, ist darin gelegen, dass der Vater tatsächlich durch seine harm*
losen Zärtlichkeiten in der allerersten Kinderzeit die Sexualität des
kleinen Mädchens geweckt hat (für den Knaben und seine Mutter gilt
das gleiche). Dieselben zärtlichen Väter sind es dann auch, welche
sich bemühen, dem Kinde die Masturbation, deren unschuldige Ursache
sie geworden waren, abzugewöhnen. Und so mischen sich die Motive in
der glücklichsten Weise zur Bildung dieser Phantasie, die oft das
ganze Leben des Weibes beherrscht (Verführungsphantasie): ein Stück
Wahrheit, ein Stück Liebesbefriedigung und ein Stück Rache.Erwiderung an Rosenstein, dass wir als Autoerotik in der Regel nur
die Ersten zwei Lebensjahre bezeichnen; die Onanie der späteren
Zeit mit den Phantasien auf andere Personen sei nicht mehr rein auto-
erotisch, sondern eine Mittelstufe zwischen Autoerotik und Objekt-
liebe. Die Rolle der Phantasien bei diesem Uebergang ist noch zu
genau festzustellen
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Stekel vertritt in der Auffassung der Kastrationsphantasie einen ab-
weichenden Standpunkt, indem er diese ursprünglich aus Neid auf den
Vater gerichtet auffasst, die dann später bei der Verdrängung zur Reue
auf die eigene Person übertragen wird, was in der Genese mancher Im-
potenz eine grosse Rolle spiele. Die zweite Wurzel ist die weibliche
Seite seines Wesens auszugestalten. Bei den Skopzen sieht man, wie die-
ser Vaterkomplex mit dem religiösen Komplex verschmilzt: sie bringen
den Phallus zum Opfer aus Schuldgefühl wegen des Neides gegen den
Vater.-Die von Freud hervorgehobene Verführungsphantasie zeigen auch
sehr viele Männer, die durchaus vom Weib verführt werden sollen: sie
suchen damit, ebenso wie die weibliche Verführungsphantasie Lust ohne
Schuld.
Der Kastrationsphantasie auf dem Vater entspricht bei Mädchen der
Unfruchtbarkeitswunsch gegen die Mutter (Freud: Die kleinen Mädchen
stellen sich das Weibwerden auch durch Kastration vor).Spielrein bemerkt zur psychischen Onanie, dass die Frau in ihrer
Liebe sich in den Geliebten versetze und so in Erregung gerate; der
Uebergang von dieser psychischen zur körperlichen Onanie sei gege-
ben dadurch, dass die Frauen das dann nachmachen. Besondere Form der
weiblichen Onanie: das Saugen an den eigenen Brüsten, wobei sie sich
als Mutter und Kind vorstellt.Friedjung hat die Afteronanie in dem ersten Lebensjahren selten ge-
sehen. Der Beginn der Onanie sei gewiss individuell verschieden, doch
gehöre die 4. Woche (Federn, Stekel) entschieden zu den Ausnahmen. Der
Fluor ist in den allerseltensten Fällen Folge der Onanie; in 99% fin-
det man Gonokokken.Stekel hält das für einen strittigen Punkt, da die Infektiosität die-
Gonokokken nicht nachgewiesen sei auch zeigen diese Kinder keiner-
lei schwere und allgemeine Erscheinungen wie die Gonorrhoe.Steiner erwähnt, ohne sich mit Stekels Auffassung zu identifizieren,
dass es zweifellos nicht gonrhoeische Urethritis bei beiden Geschle-
chtern gebe; ebenso häufig findet sich nicht gonorrhoeischer Fluor (der
sog. anämische).Hitschmann glaubt mit Friedjung, dass der grobe Fluor immer gonor-
rhoisch ist, meint aber ob es nicht einen leichten durch Onanie her-
vorgerufenen Fluor auch gebe.Federn meint, dass auf Grund der Friedjungschen Behauptung der In-
dizienbeweis der infantilen Onanie sehr eingeschränkt sei; es scheine
dass Onanie Fluor macht, dass aber auch Fluor zur Onanie reizt.S.
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Nachdem Ferenczi einen Teil der durch die Onanie verursachten
psychischen Störungen als sekundär und der (infantilen Kastrations-
sowie der juvenilen Inzest-) Angst entstammend ausgeschaltet hat, ver-
weist er nachdrücklich und mit Eingehen in verschiedene Details des
Themas darauf, dass die Onanie auch unmittelbar gewisse nervöse und
psychische Störungen hervorzurufen imstande ist. Er fand in vielen
Fällen neben den psychosexuellen Traumen und Verdrängungen, die die
weitaus bedeutendere Rolle spielen, in vielen Fällen eine "Eintags-
neurasthenie", die sich dann zur echten sexuellen Neurasthenie im
Freudschen Sinne summieren könne.-Nachdem der Referent noch die Be-
deutung des psychischen Momentes bei der Ejakulatio praecox gewürdigt
hat, weist er darauf hin, dass die Genese der Zahnreiss-Symbolik, die
im Traum zumeist die Onanie bedeute vermutlich in dem Zusammenhang
mit der Kastration (der Strafe für die Onanie) zu stehen sei.
Diskussion.
Tausk konstatiert die Aehnlichkeit mit seinen Ausführungen, in de-
nen der Schaden der Onanie auch darauf zurückgeführt wurde, dass
die Perversionen nicht ins Vorspiel gelangen.Hitschmann begrüsst es, dass auch jemand in der Diskussion die phy-
siologischen Schäden der Onanie betont habe.-Den Zusammenhang zwi-
schen Ejaculatio praecox und Masturbation habe er in den frustranen
Erregungen (der sog. psychischen Onanie) gefunden.Reitler bemerkt, dass nach seiner Erfahrung die Schäden in gleicher
Weise auch bei der mutuell zwischen Mann und Frau geübten Onanie
auftreten, bei der alles wie beim Koitus geboten ist, welche Erfahrung
gegen Ferenczi und Tausk spräche.Stekel hält den grössten Teil der Ausführungen (Eintagsneurasthenie
Vormittagslibido) für verfehlt und falsch, worauf er in seinem Referat
noch zurückkommen werde; auch die Zahnneurose habe mit der Onanie
nichts zu tun, es werde einfach der Mund als erogene Zone mit dem
Genitale identifiziert.Steiner hält den grössten Teil der Ausführungen für vollkommen rich-
tig und zutreffend, worauf er in seinem Referat noch zurückkommen wird.Prof. Freud erwähnt eine Paralle zur Zahnreiss-Kastrationsphantasie
aus den Pubertätsgebräuchen der australischen Wilden./