[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Oppenheim ›Über Baers Schrift „Der Selbstmord im kindlichen Lebensalter“‹ 1910-422/1910.01

Rank, Otto (1910-422/1910.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Oppenheim ›Über Baers Schrift „Der Selbstmord im kindlichen Lebensalter“‹

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    / 22. Vortragsabend
    am 20. April 1910.




     

    Referat über DDr Baers Schrift: Der Selbstmord im kindlichen Lebens-
                              (Leipzig 1901)
                    alter und daran schliessende Diskussion über den Selbst-
                    mord überhaupt.


     

                              Referat: Prof. Oppenheim.

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    20. IV. 1910.



     

    T A G E S O R D N U N G .
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    I. Bericht über das Lokal; Beschluss darüber.

    II. Beschluss wegen der Bibliothek.

    III. Anmeldung neuer Aufnahmswerber:                        H. Hoferding
          1. Oberleutnant Dr. Stefan Máday (Adler),
          2. Dr. Ludwig Jekels, Bistrai (Rank).

    IV. Mitteilungen des Obmannes.

    V. Antrag auf Ankündigung der Vorträge durch die medizinischen
       Blätter (Stekel).

    VI. Bericht des Sekretärs.

    VII. Anträge und Interpellationen.

    VIII. Prof. Oppenheim: Referat über v. Baer, Selbstmord im jugend-
                lichen Alter mit daran schliessender Diskussion über
                das Thema des Selbstmords überhaupt.



     

    *  * V  *  *  *  *  *  *

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    Punkt I.

       Adler teilt mit, dass für das Lokal K 12.- pro Abend zu entrichten sind.
       Stekel macht Bedenken geltend gegen diese neue materielle Belastung.
       Steiner findet das Lokal und die Miete ganz angemessen und stellt den
       Antrag auf Einleitung einer Subskription, 2. auf eine Erhöhung
       des Mitgliedsbeitrages resp. Schaffung von 2 Kategorien von Mitgliedern.
       Für die Praktiker der Psychoanalyse soll der jährliche Gesamtbeitrag
       (incl. internationalen Beitrag sowie Bibliotheks- u. andere Spesen)
       K 60.- für die Nichtärzte K 30.- betragen.

          Zur Eröffnung der Subskription macht der Kassier die Mitteilung,
       dass ihm bereits eine anonyme Spende von K 200.- zugegangen sei.
       Adler bringt die Anträge Steiners, die allen aus der Seele gesprochen seien,
       zur Abstimmung; beide werden angenommen.

       Federn hebt noch hervor, dass die Kleidung natürlich keine streng
       obligatorische sein könne und darüber event. weitere Ermässigungen
       ja der Vorstand noch entscheiden könne.

    Punkt II wird der Bibliothekar zur Anschaffung eines Kastens und z.
       Transport der Bibliothek ermächtigt.

    ad IV macht Adler den Vorschlag über Dr. Hilferding und Jekels schrift-
       lich abzustimmen. Die Stimmen werden nächstes Mal ohne Namens-
       nennung abgegeben; die abwesenden Mitglieder, die pünktlich verstän-
       digt werden, können schriftlich stimmen.

          Oberleutnant Dr. Stefan Máday ist zur Aufnahme vorgeschlagen;
          event. Mitteilungen über ihn sind an den Vorstand zu richten.

    ad V. Antrag Stekel.

          Sadger glaubt, das werde Schwierigkeiten machen.
          Furtmüller meint, dass damit die Anmeldung zahlreicher Gäste
          verbunden wäre, deren event. Zuführung man doch lieber den
          persönlichen Beziehungen überlassen sollte.
          Adler beantragt diesen Punkt vorläufig von der Tagesordnung
          abzusetzen und auf ein andermal zu verschieben.

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    Diskussion über den Selbstmord.

    Der Vorsitzende (Adler) weist darauf hin, daß der Herr Vortragende durch
    Hervorhebung der wichtigen Punkte den Weg zur Diskussion geebnet
    habe, in der ja die persönlichen Erfahrungen der einzelnen Herren
    über dieses interessante Thema zur Sprache kommen werden.

        Zusammenfassend möchte er folgende Punkte als besonders wichtig
    hervorheben:    1. über die Disposition zu sprechen;
                            2. Wird die Psychologie des Selbstmörders zu beleuchten sein;
                            3. Ist von großer Bedeutung die Frage nach den Motiven
                            4. Die Frage des Einflusses der Suggestion (Presse, Schule etc.)

    Hitschmann erwähnt als besonders krassen Gegensatz zu unserer Be-
        trachtungsweise die kürzlich publizierte Arbeit eines pathologischen
        Anatomen (                        ), der bei Selbstmördern be-
        stimmte anatomische Befunde festgestellt hat, um zu zeigen,
        daß auch auf so paradoxe Weise Beziehungen herzustellen sind
        zwischen angeborenen Eigenschaften und der Tatsache des Selbst-
        mordes.

        Außer der individuellen Motivierung spielt zweifellos die Erblich-
    keit beim Selbstmord eine große Rolle; es ist bekannt, daß in eini-
    gen Familien der Selbstmord erblich ist. Ref. berichtet einen be-
    sonders krassen Fall dieser Art.

        Das Thema Tod und Sexualität in ihren engen Beziehungen zu einan-
    der wurde schon oft berührt. Auch ist zu erwähnen, daß ein
    Zwangsimpuls tatsächlich zu einem Selbstmord führen kann. Au-
    ßerdem ist ferner auf die Depressionszustände, von denen oft auch
    die Angehörigen nichts wissen. – Zurücksetzung (Stiefkinder)
    wird gewiß oft dazu beitragen, den Entschluß zum Selbstmord herbei zu-
    führen.

        Auch von gewissen Träumen her, die ja häufig einen Sturz, einen
    Fall, einen Selbstmord darstellen, ließe sich der Psychologie des Problems
    näher kommen.

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        Beim Selbstmord von Kindern spielt oft Rachsucht gegen die Eltern mit,
        denen dadurch etwas angetan werden soll.

        In der kleineren Anzahl von Fällen dürfte es sich um eine länger dau-
        ernde Ursache handeln; meist handelt es sich um einen impulsiven Ent-
        schluß, der wenn es möglich wäre, gerne wieder rückgängig gemacht würde.

        Der Referent berichtet schließlich über den Selbstmord einer Lehrerin,
        einer „alten Jungfer“, in deren Motive er teilweisen Einblick gewinnen konnte;
        es zeigte sich auch hier, den komplexe Ursachen bestimmend waren. Sie
        hatte seit 15 Jahren eine platonische Beziehung zu einem Lehrer unter-
        halten, der sich damals verlobte und kurze Zeit nachher verübte sie den
        Selbstmord durch Erhängen. Nicht lange vorher war auch ihre Mutter gestorben,
        sie hätte die Wirtschaft übernehmen sollen, wozu sie keine Neigung hatte.
        Außerdem spielten Eitelkeits- und Gesundheitsmotive mit.

    Sadger sieht an dem Vortrag zwei Teile: einen allgemeineren und einen
        mehr persönlichen.

        Was zunächst den ersten betreffe, so habe der Vortragende sehr richtig er-
        kannt, daß die Darlegungen Baers sehr oberflächlich und zu allgemein
        gehalten seien.

        Die wichtigste Ursache, bei Kindern wie Erwachsenen, ist die
        Sexualität. Es gibt keiner der Leben auf, der nicht die Hoffnung auf
        Liebe aufgegeben hat. Das Moment der Belastung sei gewiß nicht in
        Abrede zu stellen, aber der auslösende Moment sei Mangel an Liebe
        in jedem Falle.

        Die Selbstmordpsychose katexochen ist die Melancholie; das ist aber eine
        Krankheit vornehmlich der älteren Leute, die ja einerseits eine Ver-
        minderung ihrer natürlichen Liebesfähigkeit wahrnehmen, anderseits
        wenig Liebe mehr von andern zu erwarten haben (Hitschmanns Fall).
        Was die Selbstmordmanie in einzelnen Familien betrifft, so spielt
        vielleicht die Belastung dabei mit, aber der wesentliche Faktor ist
        die Identifizierung mit den andern Familienmitgliedern.

        Was speziell die Schülerselbstmorde angehe, so fallen sie zunächst in die

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    Pubertätszeit, die durch einen enormen Zuwachs an Liebesbedürfnis
    ausgezeichnet ist. In dieser Zeit pflegt aber auch gerade die Entfrem-
    dung den Eltern gegenüber einzutreten. – Es gibt regelmäßig eine
    Periode, wo sich das Kind den Eltern, wenn auch nicht in direkter Weise,
    eröffnet. Die meisten Eltern verstehen aber dieses Benehmen des Kin-
    des nicht, das Kind wendet sich enttäuscht ab und sucht das Verständnis
    und die Liebe anderswo. Sein Glück, wenn es sie auch findet.

        In der Pubertät wächst auch das Bedürfnis nach homosexueller
    Liebe (zum Vater), die sich bekanntlich vom Vater auf den Lehrer
    (Professor) überträgt. Kann der überall in seiner Liebeshoffnung
    getäuschte Junge auch die Liebe des Professors nicht erringen, so
    gibt das oft den letzten Ausschlag zum völligen Verzweifeln an jeder Liebe
    aussicht und damit zum Selbstmord.

        Zusammenfassend hebt Ref. hervor: Wenn auch der Vorwurf der
    Presse von der direkten Schuld der Professoren an den Schülerselbst-
    morden unbegründet sind, ein Körnchen Wahrheit ist doch da-
    rin. Die Schule sollte mehr Rücksicht nehmen darauf, daß die Kinder
    in einer Periode großer Liebesbedürftigkeit sind und daß ihnen ein
    gewisses freundliches Entgegenkommen wenigstens äußerlich ge-
    zeigt wird. Auf diese Weise könnte mancher Schülerselbstmord
    verhindert werden. Es wäre ungerecht, den Professoren darin etwa
    eine Böswilligkeit zuzuschreiben; sie tun es nichtunterlassen dies aus Unkenntnis,
    und es wäre die Aufklärung der Eltern und Professoren die beste
    Prophylaxe gegen die Schülerselbstmorde.

    Prof. Freud spricht seine Anerkennung des Vortrags aus und kann
    sich der Kritik, die der Vortragende an dem Buch von Baer übte, nur
    anschließen. Besonders darin, daß aus der landläufigen Statistik
    kein Urteil über die Sache zu gewinnen sei und daß die sorgfältige
    Untersuchung einzelner Fälle mehr zur Kenntnis dieses schwie-
    rigen Problems beitragen werde. Dabei sind es natürlich vor allem
    die Selbstmordversuche, die das geeignete Material für eine solche
    Untersuchung abgeben müssen, wenn auch ein Teil der Versuche

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    von Anfang an nicht dazu bestimmt war zur Tat zu werden.

        Es ist schwer zu sagen, welchen Anteil die Schule an den Selbstmord-
    versuchen der Schüler hat; wir besitzen zu einer solchen Entscheidung
    noch nicht genügend Untersuchungen.

        Es ließen sich nur vereinzelte Bemerkungen dazu geben.
        Vor allem ein paar seltenere Fälle von Selbstmordversuchen.
    Der psychologisch bedeutsamste ist der bereits von Sadger hervorgeho-
    bene Fall der Identifizierung mit geliebten Personen (Nachahmung
    auf Grund des gleichen ätiologischen Anspruchs).

        Zwei andere seltenere Bedingungen sind folgende:

        1.) bekommt man den Eindruck, daß es in vielen Fällen direkt die
    Inzestangst ist, die zum Selbstmord treibt. So in einem Fall, wo sich das
    Kind gegen die Züchtigungen zu Hause entsetzlich gewehrt hat. Es war
    ein Masochist, dem die Züchtigung das volle Äquivalent für die
    sexuelle Vereinigung bot. Die Vorstellung von der Mutter auf die
    Vater gezüchtigt zu werden wirkte so, als hätte sie ihm eine Verführung
    in Aussicht gestellt.

        2.) Ein anderer Fall zeigt, wie schwer die Untersuchung der Ätiologie
    solcher Fälle sein kann. Es handelt sich um einen jungen Mittel-
    schüler, der einen Selbstmordversuch durch Erschießen unternahm
    und sich dabei schwer verletzte. Der geistig normale und hochintelligente
    Junge wußte die Frage, warum er es getan habe, nicht zu beant-
    worten; Er wisse es nicht. – Als er später einmal seine Familien-
    geschichte erzählte stellte sich heraus, daß die Schwester nachdem
    sie geheiratet hatte und gravid geworden war, einen Besuch im
    Elternhaus gemacht hatte und den er sich unmittelbar nach
    ihrer Abreise erschossen hatte. Er hatte also Selbstmord begangen,
    weil er den Anblick der graviden Schwester nicht ertragen hatte,
    hatte aber keine Ahnung von diesem Motiv gehabt. – Später ergab
    sich eine merkwürdige Bestätigung für die Richtigkeit dieser Auflösung.
    Der junge Student, der sich nunspäter für die Psychoanalyse zu interessieren be-
    gann, fand an den unerwartetsten Stellen in Dichterwerken unbe-
    wußte Mutterleibsphantasien für deren Aufspürung er eine besondere
    Begabung hat.

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    Bezüglich einer psychologischen Formulierung der Selbstmordbedingung
    stehen wir erst am Anfang. Vorläufig könne man ohne weiters den
    Satz des Herrn Vortragenden akzeptieren, daß es sich beim Selbst-
    mord um eine überwältigung des Lebenstriebes durch die Libido
    handle. – Was dies keine leere Formulierung ist, zeigt unsere
    allgemeinste psychologische Formel der Neurose, die wir als einen
    Konflikt zwischen dem Ichtrieb und den Sexualtrieben ansehen.
    Die Frage ist unter welchen Bedingungen diese Überwälti-
    gung möglich ist und wann es geschieht, daß sie statt zur Neu-
    rose zum Selbstmord führt. Nach dieser Auffassung wäre
    der Selbstmord also nicht so sehr eine Folge als ein Ersatz für
    einen Psychose; obwohl sich natürlich beide Formen in beliebigen
    Grade untereinander verbinden können.

        Diese Formulierungen, so voll sie Voraussetzungen des Selbstmords,
    tragen der Doppelseele im Menschen keine Rechnung, als
    wenn die Sexualität selbst zugrunde liegt und sagt die eine sei
    das Männliche, die andere das Weibliche.

    Was den zweiten Punkt, die Schülerselbstmorde, betreffe, so hat
    Sadger schon vieles dazu vorgebracht. Es wäre interessant festzu-
    stellen, ob tatsächlich jedesmal das Verzweifeln an der Liebes-
    möglichkeit die Bedingung des Selbstmords ist; die Formel hat
    etwas Bestechendes.

        Der Vortr. hat die Schule in Schutz genommen, weil sie
    ein Abbild des Lebens mit seinen Härten und Kämpfen sein soll.
    Dem wäre zu entgegnen, daß die Schule das nicht sein soll; sie
    darf nicht vergessen, daß sie kein fertiges Individuum
    vor sich hat; sie soll nur den Übergang vom Elternhaus ins Leben
    darstellen. Die Lehrer nehmen die Sache aber bitter ernst,
    während sie besser täten eine gewisse wohlwollende Über-
    legenheit dem Schüler gegenüber immer zu bewahren.

        Was Sadger erwähnte sei voll zu unterschreiben und vielleicht

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    noch einiges hinzufügen. Die Lehrer beschäftigen sich zu wenig
    mit dem Thema der Sexualität des Kindes. Ihre Aufgabe darf
    nicht darin erschöpfen, das Kind nicht zum Selbstmord zu treiben,
    sie hat mehr zu tun: sie soll lebenserhaltend wirken. Sie soll
    dem Kind zur Zeit der Ablösung von den Eltern einen neuen
    Halt in einem größeren Zusammenhang geben. Der Grund, warum
    so wenige Lehrer heutzutage dazu geeignet sind und der sie in
    die oben gezeigten Fehler verfallen lässt (tragisch nehmen und über-
    sehen des sexuellen Moments) hängt zusammen mit der zunehmenden
    Ächtung der Homosexualität in unserer Zeit. Mit der Betätigung
    der Homosexualität hat man die für unsere Gesellschaft so not-
    wendige homosexuelle Gefühlsrichtung des Menschen einfach mit
    unterdrückt. Die besten Lehrer sind nun die wirklich Homo-
    sexuellen, die ihren Zöglingen wirklich mit jener wohlwollen-
    den Überlegenheit gegenüberstehen. Tritt diese Forderung aber
    an einen solchen Lehrer mit unterdrückter Homosexualität
    heran, so werden sie den Bubem gegenüber sadistisch; sie
    hassen und verfolgen sie, weil sie diese „sexuellen“ Ansprüche
    stellen und dadurch irritierend auf die Sexualität des Lehrers
    wirken. Wie die Homosexuellen die besten Lehrer sind, so sind
    die verdrängten Homosexuellen die schlechtesten und streng-
    sten. –

        Die Lehrer haben aber eine noch schwierigere Aufgabe. Die
    Analyse lehrt, daß die Übertragung des Mannes keineswegs ein-
    deutig ist sondern neben den zärtlichen Regungen auch die
    feindseligen aufweist. Der Lehrer muss auch das eine und das
    verstehen; er muss die Kunst zustande bringen, seine Autori-
    tät dabei nicht zu verlieren, wenn er sich als Objekt des Hasses und
    Hohnes seiner Schüler weiß. Am besten wird sich seine Aufgabe
    wohl von dem bewältigen lassen, der auch der ersten pädagogischen
    Anforderung gewachsen ist. – /

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    Friedjung betont ebenfalls, daß die Statistik und Kasuistik über
        diesen Gegenstand nach allen Richtungen unzulänglich
        sei. Die Dinge liegen niemals so einfach wie es nach
        einem solchen Bericht scheinen könnte. Zum Beweise
        berichtet er den Fall einer jungen Frau, die voll aus einer
        stark belasteten Familie stammt, bei der aber die von
        Freud und Sadger hervorgehobenen Bedingungen zutreffen.
        Besonders die Rücksichtslosigkeit auf Liebe demonstriert
        diesen Fall sehr deutlich.

        Für den Selbstmord der Melancholiker werden sich si-
    cherlich ähnliche Bedingungen finden lassen.

        Aus seiner Gymnasialzeit erinnert er sich an einen
    erquise homosexuellen Professor, bei dem alle gerne und gut
    lernten.

    Furtmüller meint bei dem Problem des Selbstmords müsse
        man zunächst die Frage aufwerfen, ob nicht in der Zahl der
        Selbstmorde eine große Anzahl auszuschließen wäre, wo man
        von einer solchen Überwältigung des Lebenstriebes nicht
        sprechen könne; es sind nämlich auch unglückte Selbst-
        mordversuche nicht selten.

        Für Psychologie des Selbstmords ist im Auge zu behalten, daß
    sich die psychologische Verfassung des Menschen unmöglich
    das Gegenteil des Lebens vorstellen könne.

        Die Schülerselbstmorde seien nicht nur rein psycho-
    logisch sondern auch unter sozialen Gesichtspunkten zu
    behandeln. Es Die Schule ist nicht so sehr durch ihre
    einzelnen Lehrer als vielmehr als ganze Institution
    schuldbildend.

        Den Vergleich der Schule mit dem Leben und seiner
    Anfechtung durch Prof. Freud möchte Ref. die Verantwortung
    entgegenstellen: Die Schule ist nicht nur so wie das

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    Leben, sie ist härter. Keiner von uns würde es ruhig ertragen,
    denn man halbjährig über seine Tätigkeit und Gesammtleistung
    zu Gericht sitzt etc. –

        Die Hauptsache bleibt also, die ganze Institution der Schule
    umzugestalten; das will man aber nicht, weil man auf die durch
    die Schule erworbenen Berechtigungen das größte Gewicht legt.
    So lange das aber der Fall ist, wird man mit der psychologischen
    Ausbildung der Lehrer wenig Erfolge erzielen.   Dabei kommt
    noch in Betracht, daß jede moderne Schule eine Massen-
    institution ist und nicht auf geborene Pädagogen rechnen
    darf.

    Adler macht den Vorschlag, die Diskussion angesichts der vorgerückten
        Stunde auf nächstes Mal zu vertagen und heute nur noch dem
        Vortragenden das Wort zu überlassen. Auch möchte er die
        Frage aufwerfen, ob die wertvollen Anregungen und Ergebnisse
        dieser Diskussion nicht unter Leitung eines Komitees als
        Flugschrift herausgegeben werden sollten.

    Stekel macht sich erbötig zur Einleitung der nächsten Dis-
        kussion ein Korreferat zu geben.

    Die Anträge Adlers werden angenommen.

    Prof. Oppenheim möchte nach einigen kurzen Berichtigungen
        auf die Fortsetzung der Diskussion insofern Einfluß nehmen,
        als er, auf eine frühere Bemerkung zurückgreifend, zwei
        Kategorien von Selbstmördern aufstellen möchte. Solche, bei
        denen das zutage tretende Motiv völlig ausreichend scheint (he-
        roische Selbstmorde, von denen die Geschichte der Dichtung voll ist
        und solche bei denen dies nicht der Fall ist und bei denen
        eine tiefere psychologische Forschung einzusetzen hätte.
        Sind in dieser Weise zwei Kategorien zu unterscheiden?

     
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