[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische Mitteilungen aller Anwesenden 1909-415/1909.01

Rank, Otto (1909-415/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische Mitteilungen aller Anwesenden

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    Fünfzehnter Vortragsabend

    am

    10. Februar 1909.




     

    Referate u. kasuistische Mittheilungen

    aller Anwesenden.

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    Rank hielt aus den deutschen Sagen der Gebrüder Grimm eine Sage mit, in
    der erzählt wird von einem Knaben, welcher einem Auftrag seines Vaters nicht
    gleich nachging, worauf ihm der erzürnte Mann zugerufen habe, er
    möge an der Stelle, wo er sich befinde, immer stehen bleiben. Alsbald habe
    sich dieser Fluch des Vaters erfüllt u. der Knabe sei, nachdem er einige
    Jahre so gestanden habe, gestorben. Zu bemerken sei dazu, dass in
    diesem Fall von hysterischer Lähmung sehr deutlich die psychische
    Motivation, die Auflehnung des störrischen Knaben gegen den Befehl des
    Vaters, zum Ausdruck komme.

         Stekel bemerkt, es scheine sich da um die symbolische Darstellung
    des Priapismus zu handeln.

         Prof. Freud erwähnt, dass man in den Neurosen sehr häufig das
    Gegenstück dazu finde in dem Phänomen des „nachträglichen
    Gehorsams“, der Erscheinung, dass Personen viele Jahre später
    in der Neurose Gebote u. Verbote halten, die ihnen in der Kindheit
    erfolglos ertheilt wurden. Auf den Ungehorsam folge der Über-
    gehorsam, was die Geschichte ebenfalls, nur in verkürzter Form,
    darstelle. Es sei ja ein häufiger Zug der Sage u. des Märchens
    („die drei Wünsche“), dass ein Wunsch, der sich anfangs nicht
    erfüllt, sich später in belästigender Weise einstellt.

    Wittels möchte zwischen der Auffassung des Herrn Prof., der die Er-
    zählung als Krankengeschichte auffasse, u. der Stekels, der sie
    als symbolischen Mythus auffasse, vermitteln durch die Vermuthung,
    dass die Erzählung möglicherweise beides sei u. dass die Geschichte vielleicht
    dadurch im Volksbewusstsein fixiert worden sei; dass sie sich eine
    Bedeutung geben liess, mittels deren sie eine Resonanz im
    Volksbewusstsein finden konnte etwa bei denen, die am Gegenteil
    von Priapismus litten.

    Federn bemerkt, dass im nachträglichen Gehorsam neben der
    anscheinenden Nachgiebigkeit auch der Trotz zum Ausdruck
    kommt, der sich etwa in dem Gedanken formulieren liesse: da schau
    her, was herauskommt, wenn ich gehorsam bin.

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         Adler meint auch, man müsse den Zustand als Kompromissbildung
    auffassen. Er erinnere an ähnliche durch Suggestion zu erzeu-
    gende Zustände (z. B. jemanden sagen, er werde mit der Hand nicht
    über eine gezogene Linie hinausfahren können, was auch eintrifft).
    Er straft den Vater, dem er ursprünglich ungehorsam sein wollte.

         Prof. Freud erwähnt schliesslich, sei der Typus der passiven Resistenz.

    Rank erwähnt dann noch eine Bemerkung Roseggers (im
    Heimgarten) worin der Dichter zugesteht, dass die Liebe zwischen
    Mutter und Sohn eine erotische sei.

         Ferner einen Artikel aus der „Umschau“ über „Hysterie bei Thieren“,
    wo ausgeführt wird, dass die Beobachtung einer „eingebildeten
    Trächtigkeit“ bei einem Hund u. einer Ziege hysterischer Natur
    seien, was Ref. bezweifeln möchte.

    Stekel verweist nur vorläufig auf eine französische Arbeit über
    Maupassants Krankheit, die auch Analysen verschiedener seiner
    Werke enthält u. über die er gelegentlich ausführlich ref. wird.
    Ferner: das letzte Buch Swobodas: die kritischen Tage des Menschen.

    Steiner referiert über die Literatur zur inneren Sekretion der
    Prostata u. die Beziehung der Blutdrüsen zu den Genitalien,
    wobei er einen Überblick über die gesamte Theorie der inneren
    Sekretion gibt.

         Prof. Freud erhebt die Frage, was von den vor 20 Jahren festge-
    stellten Wirkungen der Sperma u. Hodensekrete stehen geblieben ist?

         Hitschmann tadelt das Referat als unkritisch.

         Steiner bemerkt, man könne über dieses riesige u. ihm eigentlich
    nicht so ganz naheliegende Gebiet, keine Kritik von ihm verlangen.
    Er sei jedoch überzeugt, dass von der Organotherapie sicherlei
    viel zu erwarten sei.

         Adler bemerkt, die wichtigste Frage in bez. Ther. werde immer
    deutlicher u. liege in der Korrelation, welche die cit. Arbeiten ver-
    missen lassen. Er sei kein Kenner dieses Gebiets, glaube aber
    doch sagen können, dass bis in die letzten 2 Jahre keine Arbeit
    über die Korrelation existiere. In seiner Arbeit über Organminder-

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    wertigkeit habe er auf den Zusammenhang mit den Geschlechts-
    drüsen hingewiesen, der seitdem auch in der Lit. eine Rolle spiele.
    Seine Hypothese sei: dass eine Korrelation zwischen allen Organen
    bestehe u. auch eine K. aller Organe mit dem Sexualorgan. Zur Grund-
    lage dieser Hypothese habe er die Heredität gemacht, die ihren Weg ja
    über die Sexualorgane nehmen müsse, die sich aber auch schon beim
    Träger selbst schon in allerlei Anomalien äussern könne.

    Hitschmann erwähnt aus der Literatur:

         Berl. Klin. Wochenschr. No 6 2 Analysen von Jul. Bürger, der Freud u. Stekel cit.
         Gauppsches Zentrl. Bl. Bleuler üb. eine Arbeit von Birnbaum: Psychosen
              mit Wahnbildung bei Degenerierten.

         Eine in Archive de psychol. bespr. Arbeit: les idéals d'enfants, worin
         durch Umfrage an Schulkinder festgestellt wird, dass sie dem Vater
         u. der Mutter ähnlich werden wollen (bis zum 7ten Jahr) die sich später
         durch die Helden ersetzen.

         Von Staatsanwalt Wulffen: Die Psychologie des Verbrechers.

         W. Klin. Woch. Waguški, der das Psychische zu trennen vorschlägt von
              den vasomotorischen Symptomen.

         Aus der Klinik Kraepelin stehe eine Arbeit bevor, wonach bei der
              Epilepsie ein toxischer Vorgang im Blut den Anfall auslöse.

         Er berichtet dann einen Fall einer Frau mit Blinddarmangst, die
         sich bei der Operation als gänzlich unbegründet herausstellt.

              Der als Gast anwesende Herr Dr. Muthmann aus Bad Nassau erzählt,
              dass sich derselbe Fall bei einem Mann ereignet habe.

              Stekel fand in der Analyse eines solchen Falles deutlich den
              Wunsch, ein Weib zu sein. – Auch berücksichtige man bei
              Frauen viel zu wenig die sexuelle Auffassung einer solchen
              Operation (sie liegt nackt vor Männern, deren Messer [Penis] in
              ihren Leib fährt etj). – Diese Phantasien erklären auch die
              häufigen leichten Geistesstörungen nach derartigen Operationen,
              die man gewöhnlich auf die Aufregung, Narkose etj. zurückführe.

         Muthmann kennt eine grosse Anzahl solcher Fälle, zb. einer

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         Frau, die der Vater als Kind in der Gallenblasengegend zärtlich
         berührte, so später auch eine Berührung durch den Geliebten erfolgte,
         so dass diese Stelle zur erogenen Zone wurde.

         Prof Freud: wo der Penis ist, da ist die Vagina. –

    Hitschmann ref. ferner über 2 Bücher (f. d. W. klin. Rundsch.): Joire,
    Handbuch d. Hypnotismus u. Waldstein: Das Unterbewusste.
    Im letzeren findet sich eine (wie Prof. Freud dann hinzufügt) patho-
    logische Erklärung des déjà vu, die Prof. Freud mit dem Hin-
    weis auf seine in der Psychopath. d. Allet. gegebenen Erklärung
    dieses Phänomens abweist; es handle sich dabei immer um die
    Erinnerung einer unbewussten Phantasie.

    Prof. Freud berichtet über die eben erschienene erste Nummer
    der Mollschen Zeitschrift f. Psychotherapie, die nicht das zu halten
    scheine, was sie versprochen habe.

         Ferner über eine in verschiedener Richtung interessante
    Arbeit über: „Psychoanalytische Seelsorge u. experimentelle
    Moralpädagogik“ von Pastor Dr. Pfister in Zürich (Protest.
    Monatshefte 13 Jg. H 1).

         Prof. Freud gibt kein ausführliches Ref. der in unserem Archiv be-
    findlichen Arbeit, sondern nur einen Überblick über die Methode
    u. den Standpunkt des Verfassers. Dieser sei sich über einen
    Punkt nicht ganz klar geworden: er betone nicht genug,
    dass diese Erfolge zunächst immer nur Wirkung der Über-
    tragung seien. Das komme vielleicht daher, weil Pfister es
    leicht habe, mit dieser Übertragung fertig zu werden. Die Religion
    sei die bequemste Art der Sublimierung, die leicht von vielen zu-
    stande gebracht werde. Der Pastor wendet die ihm zugewandte Liebe
    auf Gott u. dieser Weg ist ja längst gebahnt. Beim Arzt dagegen
    versagt der Pat. oft bei der Ablösung der Übertragung, da ihm
    der Arzt keinen Ersatz dafür bieten kann. In diesem
    Zusammenhang scheine es plausibel, dass die Zunahme der
    Neurosen mit der Abnahme der Religiosität im Zusammenhang

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    stehe. – Von der Technik Pfisters sei zu bemerken, dass er sich vorzugs-
    weise der Jungschen Assoziationstechnik bediene. Das zeige
    aber in der Regel die mangelhafte Beherrschung der analytischen
    Techniken. Wertvoll könne sie nur bei widerstrebenden Personen
    werden u. natürlich sei sie bei Demenz etj. unentbehrlich.

         Hervorzuheben sei die prinzipielle Differenz in der Kritik des
    Stekelschen Buches, die allerdings durch den verschiedenen Stand-
    punkt bedingt sei: der Vorwurf den Pfister dagegen erhebt ist nicht
    ganz gerechtfertigt; die Sexualbetätigung sei eben keine Sünde.
    Richtig daran sei wohl, dass es zwei verschiedene Wege gebe: die
    normale Abfuhr in Befriedigung u. anderseits durch Sublimierung.
    Wir müssen oft den ersten Weg gehen, der Pastor wird natürlich
    den andern vorziehen. Ein anderer Vorteil des psychoanalyt. Seelsorgers
    sei der, dass er die Arbeit ohne Bezahlung machen könne, sie
    also rein ethisch ausübe. Dagegen habe sich gezeigt, dass der
    Arzt, wenn er die Kur unentgeltlich vornehme, dadurch thera-
    peutisch nichts gewinne. Auch hätten wir die hindernde
    Bedeutung des Geldes überschätzt. Es kommt gegen die andern
    hier wirksamen Mächte (wie Liebe) nicht in Betracht.

    Adler berichtet von einem Schauspieler, der kurze Zeit bei ihm in
    Behandlung war (Angst, Lebensüberdruss, Ekel; allg. neurasthen.
    Sympt.) Aus dessen Analyse sei ein detail der Hervorhebung wert.
    Er bekam während der Vorstellung seinen typischen Anfall: er
    wird auf der einen Seite kalt bei gleichzeitiger Angst. Dennoch
    behielt er seine Leistungsfähigkeit u. spielte seine Rolle zu Ende. Die
    Deutung des Anfalles, der auf einen aktuellen Anlass vor der Vorstellung
    zurückging, sei übergangen. Nach zwei Tagen bittet Pat. den Arzt zu
    sich, da er nicht ausgehen könne infolge eines neuerlichen An-
    falls. Dieser war aber diesmals ausnahmsweise auf der linken
    Seite u. nicht „kalt“ sondern „heiss“, also verkehrt. Die Auf-
    deckung ergab, dass er alle Tage in einem bestimmten Stücke
    auftrete u. erwartete, dass der Arzt die Vorstellung des Vortages be-

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    suchen würde um ihn zu sehen. Daran knüpft sich der Gedanke,
    dass niemand zu ihm kommen wolle, was sich auf die Person des
    Arztes beziehe. Ferner: etwas soll umgekehrt sein; nicht er soll
    zum Arzt kommen, sondern der Arzt zu ihm, was er auch erreicht.
    Aber auch seine Braut musste an diesem Tage, da er sich un-
    fähig fühlte auszugehen, ausnahmsweise zu ihm kommen.
    Auch steckt noch ein Rivale dahinter, der ihn in dieser Rolle sehen
    wollte; statt dessen ging Pat. in das andere Theater um sich den
    Rivalen anzusehen u. auch damals ärgerte er sich, den es um-
    gekehrt sei. – Hinter dem ganzen stehe wohl der Wunsch atta-
    ckiert zu werden.

         Prof. Freud bemerkt, die Umkehrung der Symptome erfolge
    stets aus homosexuellen Motiven; es heisse grob gesprochen: ver-
    kehrt (verkehrte Liebe) von hinten.

    Adler hebt dann noch hervor, dass es Träume gebe, bei denen der
    Träumer Dinge tue, die ein anderer getan habe. Die Analyse
    solcher Träume ergebe einheitlich, dass es sich um den Wunsch
    handle, an der Stelle der andern Person zu sein. Diese Vertau-
    schung der Rollen habe eine grosse Bedeutung

    Graf berichtet über die Autoanalyse sogenannter „freisteigender
    Melodien“ bei denen er regelmäßig fand, dass sie assoziativ
    mit dem Text zusammenhängen; wozu Prof. Freud bemerkt,
    dass vielleicht eine Unterscheidung zu machen wäre ob die
    Assoziation an den Wortlaut des Textes anknüpfe, oder an den Inhalt
    oder an die Situation.

    Federn berichtet u. a. von einem Traum, in dem ein Stück des Inhalts
    (das Auswischen des Anus in der Kinderzeit) zu einem Urteil über
    den Traum verwendet wird („der Traum ist verwischt“).

         Ein ähnliches Beispiel berichtet Prof. Freud: ein Mann träumt,
    er irre sich im Hotelzimmer u. trete in einen fremden Raum,
    wo sich eben drei Damen zu Bett gehen; dann erzählt er weiter: „hier
    sind Lücken, es fehlt etwas.“ Dieses Urteil über den Traum

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    ergebt als Inhalt genommen einen guten Sinn: die Lücken, die
    da sind, sind die Genitalien der Damen, die er nicht sieht. Das was fehlt ist der
    Penis, den er in infantiler Vorstellungsweise bei jedem menschl.
    Wesen voraussetzt.

    Sadger berichtet über ein Buch: Maupassants Krankheit von Vorberg
    (Löwenfeldsche Sammlg.) die Arbeit sei ein Muster, wie eine Patho-
    graphie nicht gemacht werden solle. So geht der Verf. am Ver-
    hältnis des Dichters zu seiner schwer hysterischen Mutter ganz
    vorüber. – Interessant sei, dass sein Bruder W. auch an Para-
    lyse erkrankte.




     

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    Beilage: Dr. Ferenczis Ref. über Bieganski: Mediz. Logik.