[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische Mitteilungen aller Anwesenden 1909-420/1909.01

Rank, Otto (1909-420/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische Mitteilungen aller Anwesenden

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    20. Vortragsabend

    am 24. März 1909.






     

    Referate und Kasuistische Mittheilungen

    aller Anwesenden.

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    Hitschmann referiert kurz eine Arbeit von Kotik über die Emanationen
    der psychophysischen Energie (Ref. f. d. W. Klin. Rundschau).
    Ferner berichtet er über den Fall eines jungen Mannes, dessen Sexual-
    leben darin besteht, daß er Dienstmädchen betastet und sich
    von ihnen abdrücken läßt, worauf er rasch ejakuliert. Seit dem
    15. Jahre macht er das 4-5 mal täglich. Unter anderm auch mit
    dem Dienstmädchen seiner verheirateten Schwester, voraus sich die
    bei solcher Besuchen auftretenden neurotischen Beschwerden er-
    klären. Der Junge ist durch diesen abnormen Verbrauch von Sexual-
    stoffen bei unvollständigem Sexualverkehr in eine Art Erschöpfung
    verfallen, welche sich nun bei der angeordneten Abstinenz lang-
    sam bessert.

    Prof. Freud bemerkt dazu, das sei einfach ein Fall von Neurasthenie
    ohne psychischen Beitrag.

          Stekel meint die Besserung sei nicht so sicher u. seiner Er-
          fahrung nach vor allem nicht dauernd. Überdies glaube er
          nicht an die „Neurasthenie“; da stecken ganz andere Dinge da-
          hinter (hier: Inzestgedanken auf die Schwester).

          Es gebe nur eine Neurose mit ihrer somatischen Vorstufe (der
          Angstneurose) u. einer besondern Varietät (der Zwangsneurose).
          Diese Neurose bestehe in der Störung der Affektivität. Intellekt
          u. Affekte seien im Widerstreit miteinander u. die Störung
          bestehe in der Unterwerfung des Intellekts unter die Affekte.
          Hysterie sei eine Störung der Affektivität entstanden durch
          Verdrängung. Es wären in diesem Sinne für die Störungen
          andere dieser Auffassung entsprechende Namen einzusetzen:
          für die Neurose: Parapathie für die Psychose Paralogie.

    Sadger hebt Stekel gegenüber das Vorkommen der reinen Pollu-
    tions-Neurasthenie hervor, deren Träger schon ein charakteristi-
    sches fahles, blasses Aussehen haben.

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          Stekel hält demgegenüber daran fest, daß bei der Pollution nur
          die Furcht vor den Folgen des großen Samenverlustes schädlich wirke.

    Federn erwähnt zur Frage des Schuldgefühls bei den Pollutionen den
          Traum eines Pat., aus dem deutlich hervorgeht, daß dieses Gefühl eine
          bes. Rolle spiele (die Mutter sieht im Traum zu, worauf d. Träumer den Akt unter-
                                                                                                  bricht).

    Im Anschluß an einen von Hitschmann berichteten Fall eines Mädchens,
          das an Aufregungs- und Verstimmungszuständen litt, die langsam mit
          der Aussprache abklangen, erwähnt Prof. Freud, daß häufig
          nach Abräumung der Hysterie ein Stück paranoider Demenz zum
          Vorschein komme. So erkläre sich, wieso man eine Anzahl von
          hysterischen Fällen mit der Technik nicht bewältigen könne.

    Stekel trägt zu dem letzthin berichteten Fall von Urolagnie einiges
          nach. In einer Traumanalyse stellte sich heraus, daß die Per-
          version des Pat. (das Urinlecken) nur die Absprengung einer weit
          gräßlicheren Perversion sei: nämlich das Fleisch der Vagina zu essen.
          Sein Akt im Anfall ist, daß er das an einer Ermordeten tut. Diese
          Ermordeten sind Mutter und Schwester. Das Urinlecken ist also nur
          ein schwacher Ersatz für Nekrophilie.

          Prof. Freud bemerkt dazu, er habe schon versucht, sich Fälle dieser
          Art theoretisch zurecht zu legen u. eine Kategorie für sie zu
          schaffen. Das Wesentliche daran sei, daß die Perversion nicht
          direkt als Sexualbetätigung zum Vorschein komme sondern als
          Symptom; man könne sie Zwangsperversion nennen.

          Hervorzuheben sei, daß der Trieb, den wir als Nekrophilie etc. kennen,
          als unbewußte Perversion sehr häufig ist. So z. B. habe er jetzt einen
          37 jährg. impotenten Mann in Behandlung, der eigentlich ein unbe-
          wußter Frauenschlächter sei: Bis zu seiner vor 4 Jahren erfolgten
          Heirat bestand seine Sexualbetätigung in Masturbation, deren
          Hauptmoment aber in der begleitenden Phantasie liegt. Diese
          bestand darin, daß er geschlachtet wurde, enthielt also seinen
          Wunsch zu schlachten ins Masochistische verkehrt. Er war sehr
          verliebt in die Mutter u. hatte große Furcht vor dem Vater.

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          Die passiven Bestandteile seiner Phantasie sind: zu unterst der
          Kastrationskomplex, dann die Beschneidungsphantasie;
          großen Eindruck machte ihm die Opferung Isaaks u. die
          Esther-Episode.

    Federn wirft die Frage auf, ob diese nekrophilen Gelüste Reste
          von Kannibalismus seien oder ob sie auf die Lust des Kindes beim
          Essen zurückzuführen seien? —

    Stekel berichtet von einem 5jährg. Knaben, dessen Gouvernante
          alles mögliche mit ihm macht. Er onaniert u. sie droht ihm
          mit abschneiden; da legt sich der Knabe eine Buße auf, die
          darin besteht, daß er sich am Bauch aufs Bett streckt. Er
          hat dabei die lustvolle Berührung des Genitales mit der Unterlage
          und zugleich eine Schutzstellung gegen das Abschneiden.

          Dann berichtet Stekel etwas zur Genese einer Melancholie. Es handelt
          sich um eine 61jährige Frau, die schwere Verstimmungszustände
          bekommt als sie erfährt, daß sich ein Bewerber ihrer Tochter
          wegen der Aussichtslosigkeit seiner Liebe erschossen habe.
          Sie macht sich schwere Vorwürfe, obwohl sie den Mann eigentlich
          gar nicht abgewiesen hatte, wohl aber einen andern Freier.
          Sie hat ihre Tochter so lieb, daß sie sie keinem andern
          gönnt. Es ist jetzt die homosexuelle Neigung in ihr erwacht.
          Sie wird vor das fait accompli der Hochzeit ihrer Tochter ge–
          stellt, worauf sich ihr Zustand bessert.

          Prof. Freud bemerkt dazu, daß alle Neurosen u. Psychosen die–
          selbe Ätiologie haben und sich auf analoge Störungen der
          gleichen Triebe zurückführen lassen werden. Die verschiedenen
          Formen kommen durch Inanspruchnahme verschiedener
          Mechanismen zustande. — So ist auch die Manie nichts
          als ein Verdrängungsmechanismus, wie schon Otto Gross
          darlegte.

    Stekel meint, jede Depression sei Trauer über den Verzicht
          auf sexuelle Lust.

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          Prof. Freud meint, das könne nur so weit gelten, als Trauer nichts an–
          deres sei als eine natürliche Melancholie, womit aber nichts er–
          klärt sei.

    Hollerung berichtet über den Inhalt von Ebstein: Luthers Krankheiten
          (Ref. d. W. Klin. Rundschau).

    Prof. Freud bemerkt mit Bezug auf zwei ihm von einem Pat.
          zugegangene Bemerkungen aus einem französischen Witzblättern,
          daß die Menschen dieselben Symbole in der Form des Witzes, der
          Redensart, des Couplets immer wieder gebrauchen und verstehen,
          während sie sie in unsern Deutungen als willkürlich
          zurückweisen. Der eine Witz setzt ein Stück Mächendeutung,
          um das wir uns bemüht haben, als bekannt voraus: nämlich
          den Däumling als Penis (wobei die Riesen mit dem Messer den Kastra–
          tionskomplex vertreten), der zweite Witz illustriert treffend die
          erst kürzlich als homosexuell gedeuteten Träume vom Herab–
          klettern an einer glatten Wand, indem er den Busen des Weibes
          als Balkon bezeichnet (der weibliche Körper hat zum Unterschied
          vom glatten m männlichen Vorsprünge). —

          Wie die Symbolik selbst bis in den Tod geht, zeigt der Unterschied
          in den Arten des Selbstmords, der sich bei den verschiedenen Ge–
          schlechtern bemerkbar macht. In der Wahl der Mittel offenbart
          sich die simpelste Sexualsymbolik, die wir längst kennen.
                Der Mann erschießt sich mit dem Revolver d. h. spielt mit d. Penis,od.
                er erhängt sich, d. h. wird im ganzen etwas Herabhängendes, ein
                Penis (pendere). —

          Die Frau kennt 3 Todesarten: den Sturz vom Fenster,
                                                          den Sprung ins Wasser u.
                                                          die Vergiftung.

    Das erste bedeutet Wiederkonmmen, ins Wasser gehen heißt
    gebären (da aus dem Wasser kommen geboren werden heißt; siehe
    der Mythes von der Geburt des Helden), das Vergiften heißt Schwa–
    ngerchaft; 1. weil dem Kind die von Übelkeiten befallene Mutter

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    wie vergiftet vorkommt 2. weil das Kind glaubt, das man Kinder
    bekommt, durch den Genuß besonderer Speisen (vergiftete
    Speisen). — Die Frau erfüllt also ihre Sexualfunktion noch im
    Sterben. Man wird an die Verse Buschs erinnert, mit denen er
    den Erhängungstod der Hühner begleitet: „Jedes legt noch schnell
    ein Ei und dann kommt der Tod herbei“ —

    Heller berichtet, dass soeben die Publikation der eingelaufenen
          Antworten auf die vom „Kunstwart“ gestellte Preisausschreibung
          über die beste Lösung der Frage der sexuellen Aufklärung der
          Kinder erfolgt sei. —

    Federn berichtet über den Inhalt des letzten Heftes der von Morton
          Prince in Boston herausgegeg. Zeitschrift (Journal of abnormal
          psychology) im allgemeinen; dass die scheinbare Anhänger–
          schaft an die Freudschen Lehren eigentlich eine verkappte
          Gegnerschaft sei; denn die Autoren erklären dort alles mit
          den nüchternsten Mitteln, was offenbar so viel besagen soll,
          als dass die ganze Freudsche Lehre überflüssig sei. —

          Dann berichtet er über den Fall einer Dame, die anästhetisch
          ist, an Herzklopfen u. vor allem an starkem Jucken der Haut
          leidet. — Dieses Hautjucken kenne er schon aus seiner eigenen
          Erfahrung als Folge sexueller Erregung bei Abstinenz. Interessant
          sei nur an diesem Fall, den Pat. ja keine sexuelle Empfindung
          habe, dass also der ganze Vorgang unbewußt bleibe. —

          Stekel wirft ein, dass die ganze Haut ihre erogene Zone
          sei.

    Sadger erwähnt noch im Anschluß an den Fall von Handschuhfe–
          tischismus (Salzburger Vortrag), dass der Betr. ein „Riecher“ sei,
          der gerne zu den Zehen gerochen habe. Er habe auch eine Andeutung
          von Fußfetischismus. Sein Handschuhfetischismus habe zunächst Beziehung
          zum Kot (nur glatte, glänzende, braune od. gelbe Handschuhe reizen).
          Graue Handschuhe haben bei ihm Bezug auf Nasenschleim, wegen einer
          erfolgten Drohung, man werde ihm wegen Nasenbohrens Handschuhe
          geben.