[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische Mitteilungen aller Anwesenden 1909-424/1909.01

Rank, Otto (1909-424/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische Mitteilungen aller Anwesenden

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    24. Vortragsabend


     

    am 28. April 1909.





     

    Referate und Kasuistische Mitteilungen


     

    aller Anwesenden.

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    Heller berichtet über die nunmehr gesammelt vorliegenden
       Antworten, die auf das Preisausschreiben des Dürerbundes
       über die beste Lösung des Problems der sexuellen Aufklärung
       der Kinder einliefen. – Das Resultat dieser Veranstaltung habe
       die schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen. Für
       uns sei daran nur das von Interesse, was Bahr   das Interessante 
       an jeder Rundfrage bezeichnet habe: daß man nämlich über
       den in Frage stehenden Gegenstand nichts, dagegen aber über
       die antwortenden Personen mancherlei erfahre. Und in diesem
       Sinne seien die Antworten als Spiegelbild dessen, was von
       den heutigen Wortführern auf diesem Gebiet unter sexueller
       Aufklärung verstanden werde, ganz interessant.

       Unter den Beiträgen selbst ist kein einziger, der eine objektive
       naturwissenschaftliche Betrachtung des Problems versuchte; die
       Beiträge scheinen sich im Gegenteil die Aufgabe zu setzen, die ganze
       Sexualität noch mehr zu verdunkeln. Und so kann das Buch
       nur dazu beitragen, den versumpften Boden zu ebnen. Es
       beweist nur für die auf seinem Standpunkt stehenden
       Leute die Unlösbarkeit der Aufgabe, einem Kinde eine
       rein sachliche sexuelle Aufklärung zu geben.

    Sadger referiert kurz über Birnbaum: Psychopathische Per-
       sönlichkeiten (Ref. siehe Wr. Klin. Rundschau).

       Dann erzählt er aus der Praxis als seltene Komplikation der
       „Übertragung“, den Fall einer bei ihm in Behandlung
       stehenden hysterischen Dame, die ihn lange bevor sie in
       die Behandlung trat schon heimlich liebte u. zum Gegen-
       stand ihrer Phantasien machte.

    Anschließend daran macht Prof. Freud aufmerksam auf ein Pro-
       blem, das einen in manchen Fällen von Hysterie (wie hier) an
       den theoretischen Voraussetzungen einen Moment lang irre
       macht: man fragt sich, wo denn da die Sexualverdrängung

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    ist? Bei genauerer Untersuchung kommt man auch darauf.
       Das geht so zu: man kann eine Reihe von sexuellen Regungen
       haben, die sich nicht in bewussten Aktionen ausdrücken, son-
       dern in Symptomen, ohne dass momentan eine Sexualverdrängung
       vorhanden ist: die Verdrängung hat nämlich früher einmal
       stattgefunden; die Regung kann ein Abkömmling des Unbew.
       sein. Das Infantile zeigt also in diesen Fällen seine besondere
       Macht.

    Rank erwähnt aus Bleulers jüngster Arbeit („Sexuelle Abnormitäten
       der Kinder“ – Archiv?) eine Stelle als bestätigenden Nachtrag
       seiner Auffassung d. Zusammenhangs von Masturbation und
       lügenhaftem Charakter (S. 630 unten). –

       Ferner berichtet er über phänomenale kalendarische Ge-
       dächtnisleistungen eines schwachsinnigen Knaben (Sitzg. d.
       Vereins f. Psychiatrie u. Neurol. in Wien), die wie Bleuler u. Jung
       in anderm Zusammenhang andeuteten (Bleuler: Assoziation
       u. Bewusstsein) nur als Leistungen des Ubw. zu erklären sein
       dürften. Die kolossalen Affekte, die ein solches Interesse liefern
       dürften wahrscheinlich aus sexuellem Gebiet stammen u.
       das spezielle Interesse für Kalender, Tage, Daten etc. wahrschein-
       lich mit der Masturbation u. ihrer Abgewöhnung zusammen-
       hängen (Zwangstermine; vgl. Psychol. d. Lügens). –

       Prof. Freud meint, den Unterschied von Bewusstem u. Ubw.
       könne man auf das Gedächtnis nicht anwenden. Das Merken
       habe mit dem Bewusstsein gar nichts zu tun.

       Rie meint, das müsse keine Gedächtnis-, könne auch
       eine Intelligenzleistung sein; so kenne er einen Kretin, der
       ein Schachmeister sei. –

       Hitschmann bemerkt dagegen, dass durch Anfragen des Pat.
       erwiesen wurde, es sei lediglich eine Gedächtnisarbeit.

       Prof. Freud kann sich ganz gut denken, dass der Betreffende

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    durch fortwährende Beschäftigung mit Kalenderrechnungen
       es zu dieser Fertigkeit gebracht habe. Er möchte überhaupt war-
       nen mit der Annahme der sexuellen Triebfedern so kate-
       gorisch zu sein. Sein Beitrag zu der Frage beschränke sich auf
       einen Fall, wo Gedächtnis u. Interesse allerdings nicht so
       ausserordentlich konzentriert waren, der aber doch etwas ähn-
       liches bot. Es handelte sich um einen jungen Homosexuellen,
       den in der Kindheit starke heterosexuelle Komplexe bestimmten.
       Er hatte Kalendervorliebe u. Kalendergedächtnis. Bei diesem
       dürfte allerdings die Vermutung von Rank zugetroffen haben.
       Er hatte sich die roten Tage angestrichen und für sie, sowie alles
       was mit ihnen zusammenhing ein ganz bes. Interesse. Die
       periodische Wiederkehr der Rotwerdens hatte seine Aufmerksam-
       keit gefesselt u. es war nicht schwer zu erraten, worauf das
       ursprünglich sich bezogen hatte.

       Steiner hatte immer die Idee, dass eine Beziehung zwischen
       Sexualität, Gedächtnis u. Mathematik bestehe. Auffallend
       sei das gute Gedächtnis aller Kinder; ebenso das Unverständnis
       das stark sexuelle Frauen für Mathematik besitzen. Bekannt
       sei auch das Abnehmen d. Gedächtnisses in der Pubertät.
       Auch die Zwangsideen der Leute stehen vielfach mit Zahlen
       im Zusammenhang.

       Die angeführte kalendarische Leistung sei übrigens kein
       besonderes Kunststück, sondern mit Hilfe einer für ein
       gutes Gedächtnis leicht zu merkenden Formel, jedem möglich.
       (Demgegenüber wird mehrfach hervorgehoben, dass festge-
       stellt sei, der Knabe habe sich keiner solchen Formel be-
       dient).

       Prof. Freud meint, dass vielleicht unser normales
       Vergessen der Tummelplatz unserer unbefriedigten
       Verdrängungen sei; so dass also das Kind mit wenig Ver-

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    wenig Verdrängung über ein gutes Gedächtnis verfügte. –
       Das Merken ist kein Rätsel sondern das Vergessen ist das Problem.
       Und ein Schwachsinniger kann da merkwürdige Leistungen
       zustande bringen.

       Rie meint2 das sei vielleicht der Schlüssel zu dem erstau-
       nlichen Gedächtnis Hysterischer für fremde Sprachen. Ver-
       drängung war ihnen zu der Zeit vielleicht in anderer Weise in
       Anspruch genommen.

       Prof. Freud meint ferner, der Gegensatz von Sexualität und
       Mathematik sei wohl berechtigt aber ganz ungeklärt.

       Joachim berichtet über sein phänomenales Gedächtnis
       in der Jugend. –

       Sadger meint, das gelte wohl nur für die, die nicht
       masturbieren (FREUD: in der Latenzperiode).

    Steiner berichtet zwei Kleinigkeiten aus der Praxis.

       Die Arbeitsunfähigkeit eines Pat. stellte sich als eine Form nach-
       träglichen Gehorsams’ auf das von Vater wiederholt geäußerten
       Ausspruch: aus Dir wird nichts werden, dar.

       Ein anderer Pat. hatte bei sexueller Erregung u. beim Urinieren
       Schmerz im linken Knie. Das Gleichsetzen des Urinierens mit dem
       einem sexuellen Akt geht auf die Kindheit zurück. für den Knie-
       schmerz liess sich nur eruieren, dass Pat. im 8 Jahr seiner
       jüngeren Schwester nachgelaufen war, um ihre Röcke zu
       heben wobei er sich am Knie verletzte.

       Hitschmann bemerkt dazu, dass Knieschmerz bei sexueller Er-
       regung bei Varikokele vorkomme.

    Hitschmann berichtet über einen schönen Erfolg des Assoziations-
       experiments in der Kriminalpsychologie (in d. Monatsschr. f.
       Krim. Psychol. von Aschaffenburg) nach einer von Bezzola (Revue
       de psychiatrie) publizierten Assoz. Methode, nach der bis zum
       Eintritt einer Art hypnoiden Zustands assoziiert wird. In einem
       solchen Zustand legte auch der Mörder, um den es sich

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    hier handelt, ein indirektes Geständnis ab. Schön sei die Ähn-
       lichkeit dieses hypn. Zustands mit dem Traum. –

       In der Ziehenschen Monatsschr. eine Arbeit von Risch über
       die Ähnlichkeit psychogener Symptomenkomplexe der frischen
       Haft mit Katatonie.

       H. referiert dann kurz ein Buch von Dreyfus: über nervöse Dys-
       pepsie, das dies Problem ohne Beziehung zur Sexualität u. zu
       den Arbeiten des Freudschen Kreises behandle, wenn sich auch
       wiederholt Andeutungen finden, die verraten, dass Verf. etwas von
       unsern Dingen wisse.

       Prof. Freud bemerkt hiezu: wer von unsern Ergebnissen das
       Psychogene annehme ohne sich aber auf die Sexualität einzu-
       lassen, der muss ganz bestimmt stecken bleiben.

       Rie erinnert an die Dyspepsie der Brautleute, die wahr-
       scheinlich ein grob chemischer Vorgang der frustranen Erregung
       sei.

       Hitschmann erwähnt den Zusammenhang zwischen Angst
       u. Brechen bei Kindern (FREUD: Brechen ist eine Form d. Angst).

    Prof. Freud bespricht schließlich einige Traumprobleme.

       So stolz er bei der 2. Aufl. gewesen sei, wenig hinzuzufügen
       zu können, so weise doch das Buch in einer bestimmten
       Richtung eine Unvollständigkeit auf: die Rolle des Sexuellen
       verdiene eine Erweiterung in der Darstellung des Traum-
       problems. Je besser man die Träume versteht, desto mehr
       muss man dem sexuellen Material eine massgebende
       Rolle zuschreiben. Die Formel müsste dahin erweitert werden,
       dass der Traum verhüllte sexuelle Wünsche als erfüllt dar-
       stelle.

       Eine zweite Erweiterung wäre deshalb nötig, weil die, das auf die fixierte
       Traumsymbolik viel zu wenig Wert gelegt sei. Die Mög-
       lichkeit eines symbolischen Traumbuches werde in der
       Tat immer näher gerückt u. es beginne schon Material

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    für ein solches Buch zu sammeln u. herauszubringen, was die wieder-
       kehrenden Elemente bedeuten, unter der Voraussetzung, dass wo
       man nichts herausbringe, man etwas Sexuelles anzunehmen habe.

       Nach diesen vorausgeschickten Bemerkungen richtet nun
       Prof. Freud an den Kreis eine Frage, die an eine Mitteilung von Jung
       anknüpft. Nämlich was eine Treppe im Traum bedeute?

       (Es handelt sich um den Traum eines Mannes, der im Traum über eine
       Treppe geht, an deren Ende ein Abgrund ist.).

       Sadger meint nach seiner Erfahrung bei einem Pat., es bedeute
       Klettern auf die Mutter u. Hineinfallen in ihre Vagina.

       Steiner erwähnt den jüngst schon hervorgehobenen Klettertraum
       des „kleinen Hans“, der eine grosse Frau hat. –

       Hitschmann könnte sich denken, dass es die Versetzung von
       unten nach oben bedeutet.

    Prof. Freud meint, man hätte den Träumer, dessen Familien-
       verhältnisse Jung gut bekannt seien, gewiss in arge
       Verlegenheit gebracht, wenn man ihn nach der Mitteilung
       des Traumes gefragt hätte, ob ihm seine Frau den Koitus nicht
       längere Zeit versagt habe. Der Treppentraum sei nämlich
       ein Koitustraum, die Treppe ein in Stein gehauener
       Koitus (das stossweise Steigen der Stufen sei die Rhythmik d.
       Koitus, am Ende komme man da wie dort mit einer Dispnoe
       an etc. – oben der Abgrund sei die Angstverwandlung der
       Empfindung, da oben die Seligkeit sei). Für diese typische
       Deutung des Treppentraumes wären Bestätigungen sehr
       erwünscht.

    Andere typische Symbole: Geographische Träume seien mit uner-
       hörter Regelmäßigkeit Genitallandschaften etc. –



     

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