[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische Mitteilungen aller Anwesenden 1910-415/1910.01

Rank, Otto (1910-415/1910.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische Mitteilungen aller Anwesenden

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    14. Vortragsabend
    am 9. Febr. 1910.





     

    Referate und kasuistische Mitteilungen

    aller Anwesenden.    

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    Stekel berichtet kurz über eine Analyse von Maeder mit einem schönen
         Erfolg (Gauppsches Zentralblatt).
         Aus der Praxis einige Kleinigkeiten: Wenn Pat. mit der Klage kommen:
         Ich kann nicht (... das und das tun etc.) so bezieht sich das immer
         auf die sexuelle Unfähigkeit.
         Zur Traumdeutung: Die verschiedenen Vehikel haben bekanntlich
         immer sexuelle Bedeutung („Schlitten“ ist ein Frauenzimmer);
         aber die Eisenbahn erweist sich in manchen Fällen noch anders de-
         terminiert. Bei einem Pat. war der wichtigste Teil der „Zug“, das Ziehen.
         Für einen andern — hatte die Lokomotive bisexuelle Bedeutung (ein
         Maschinentier, das sich selbst befriedigt) resp. bei der Onaniephantasie
         der Neurotiker eine Rolle spielt, die sich häufig als Mann und Weib
         zugleich befriedigen.

              Wittels weiß von einem Pat. eine ähnliche Deutung zu berichten:
              Eisenbahnzug bedeutet bei ihm den onanistischen Komplex. Es sei
              die Frage, ob man das verallgemeinern dürfe. — Zu dieser Deutung
              gehört der Tunnel enge dazu. Auch der Wunsch aller Knaben,
              Kondukteur zu werden entspricht vielleicht dem ganzen
              autoerotischen Komplex des Kindes.
              Bei einem Pat. hatte die Schule, vermittels der Wortbrücke Schul-
              zwang — Stuhlzwang, anale Bedeutung.
              Federn meint zur Lokomotivdeutung, daß jeder Neurotiker
              hermaphroditische Träume habe; sie beziehen sich aber aufs
              Sexualziel und nicht auf die Onanie.

    Hitschmann berichtet über ein interessantes Traumreferat (Frankf.
         Zeitg. v. 30. I. 1910) von Buchner.
         Dann wirft er die Frage auf, ob bei jeder Aktualneurose
         wie neuesten (bes. von Stekel) behauptet wird, immer auch
         ein psychischer Konflikt dabei sein muß? In vielen Fällen
         scheine er doch zu fehlen und auch wo er sich findet, darf man
         nicht vergessen, das oft durch Behandlung der aktuellen
         Schädlichkeiten die ganze Neurose schwinde.

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    Stekel hält seine Auffassung aufrecht, daß in allen Aktual-
    neurosen ein psychischer Konflikt mitspiele. — Das Vorgehen
    des Arztes in solchen Fällen sei die Besprechung wert. Man
    dürfe nicht, wie manche Ärzte sich das vorstellen, der unbe-
    friedigten Frau empfehlen, sich einen leistungsfähigen
    Liebhaber zu nehmen. Wir haben nicht das Recht in dieser
    Weise in eine Ehe einzugreifen.

         Tausk möchte diesbezüglich radikal vorgehen.
         Federn meint, man finde häufig Aktualneurosen ohne psych.
         Konflikt; wo er doch vorhanden sei, da war die Neurose eben
         früher da.

         Wittels rät in einem solchen Falle einer unbefriedigten
         Frau, vorsichtig zuzuwarten bis die Pat. selbst auf die Ur-
         sache ihres Leidens gekommen ist; dann kann man mit ihr
         mit der Klarstellung aller Faktoren sehr nützen.

         Friedjung meint, es ließen sich diesbezüglich alle Regeln
         nicht aufstellen. Die Art des Vorgehens ergibt der einzelne Fall.
         Prof. Freud hätte Stekel widersprochen, wenn Friedjung und
         Wittels ihm nicht zuvorgekommen wären. Es sei inkonsequent
         zu sagen: das oder jenes darf ich ihr nicht mitteilen. Das
         läßt sich nicht so allgemein sagen. Es sei selbstverständlich
         daß man die Technik ausüben könne mit Verständnis
         und Takt und umgekehrt.

         Die Frage des Konflikts bei den Aktualneurosen wäre
         wohl einer eingehenden Untersuchung wert. Er selbst
         habe seit 15 Jahren keine genügende Anzahl von Fällen genau
         untersucht. — Wenn man wissen will, ob ein Konflikt
         zur Aktualneurose gehört, halte man sich am besten an
         die Männer, wo man die reinsten Aktualneurosen ohne
         jeden Konflikt beobachten kann. Bei der Frau kommt
         natürlich leicht der Konflikt dazu. — Allen Fällen wird

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         man Rechnung getragen haben, wenn man sagt, der
         psychische Konflikt kann bei der Aktualneurose sowohl
         dabei sein als auch fehlen. Aber ein Beweis, den er immer
         dabei ist, liegt nicht vor. —
         Die Ätiologie Definition der Aktualneurosen bezieht sich
         auf ihre Symptome, die nicht durch diese psychische Störung
         determiniert sind, wie bei den Psychoneurosen. Die Ab-
         lenkung kann eine psychische und eine rein technische, körperliche Ursache
         Ursache haben; so dass die Angst mitunter doch entsteht
         ohne sexuelle Ätiologie. Man muß hier unterscheiden
         zwischen sexueller Ätiologie und sexuellem Mechanismus.
         Was gestört wird und die Symptome von sich gibt ist der sexuelle
         Mechanismus. |

         Stekel hat unter seinen zahlreichen Fällen keine reine
         Aktualneurose gesehen. Auch die Männer kämpfen mit
         der Versuchung (Konflikt) sich einen normalen Koitus
         zu leisten und sobald ihnen der Erf. durch eine Gravidität
         der Frau gestattet ist, entfällt auch die Versuchung (der
         Konflikt). Nach seinen Erfahrungen kommt auch bei
         banaler Ätiologie (Übermüdung etc.) der psychische Konflikt
         immer dazu. Was primär ist lässt sich schwer entscheiden.

    Hitschmann berichtet schließlich von einem jungen 19 jähr. Manne, der wegen
         eines lästigen Ringfetischismus in Behandlung steht. Er hat
         auch ein auf des Vaters Tod bezügliches Zwangsgebot und leidet an
         Zwangsurinieren. Nachdem was bis jetzt zu durchschauen ist, han-
         delte es sich zuerst um einen Lorgnonfetischismus (2 Ringe), der
         auf die infantile Vorstellung der Frau (Mutter) mit dem Penis zu-
         rückzugehen scheint. Der Ring mit dem Finger hat eine
         ähnliche Bedeutung. Pat. ist auch ein bißchen homosexuell
         (Übertragungstraum!).

    Tausk berichtet von der analytischen Auflösung eines doppelt determi-

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    minierten Eßkonflikts bei einem jungen Manne, der an einem merk-
    würdig vollen Gefühl im Munde litt, das sich darauf zurückführen ließ,
    daß er — der seinen Penis zur Ausfüllung der Vagina für zu klein
    hielt — beim Cunnilingus dachte, das Weib werde doch wenigstens
    den Mund voll haben. Dieser volle Mund ließ sich später — als dem Pat.
    das Essen fast schon unmöglich geworden war — auch auf Analerotik
    beziehen. Pat. hat schon als Knabe von 7/8 Jahren, um die Lust beim
    Exkrementieren zu erhöhen, recht viel gegessen, einen vollen Mund
    genommen.

         Zur Symbolik der Wagenfahrt ein bosnisches Sprichwort: „Paß auf
    Kleine, der Wagen kommt“ (Symbolik: Deichsel = Penis, Räder die
    beiden Räder).

         Zur bisexuellen Onanie eines jungen Mann, der beim Onanieren
    die Beine auseinanderspreizte und meinte, er koitiere jetzt wie
    Mann und Weib.

         Schließlich verweist er noch auf Fließ’ Buch: Vom Leben und vom Tode, das
    große Perspektiven biete bei Ausdehnung seines Gedankens vom
    organischen aufs Psychische (Begrenzung der individuell gegebenen
    psychischen Energie).

         Stekel findet die anale Lösung zu weit hergeholt u. meint Tausk
         habe durch zu rasche Mitteilung der Fellatio-Bedeutung dem Pat.
         Ekel vor dieser Betätigung erregt.

         Prof. Freud meint dagegen man könne derartige Verlegungen
         von unten nach oben (Anus — Mund) ohne Schwierigkeit be-
         stätigen.

         Friedjung verweist darauf, dass den Kindern der Zusammenhang
         von viel Essen und viel Stuhl absetzen erst sehr spät klar
         wird.

    Rank berichtet von einem sonst normalen Mädchen, das anscheinend
         Gesichts- und Gehörshalluzinationen habe, die ihrer Schönheit gal-
         ten und diesbezügliche Komplimente betreffen, die ihr Herren
         zuflüsterten oder mit Blicken zuwerfen. Es sei dies ein Grad

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    von Eitelkeit, der schon paranoischen Charakter habe. Diese weibliche
    Eitelkeit sei gleichsam der noch normal zu heißende Grad von
    Paranoia (Prof. Freuds Beispiel von dem kleinen Mädchen, das zum ersten
    Mal ihr neues Kleid anhat und glaubt aller Augen seien darauf gerichtet);
    resp. in der Paranoia sei diese Eitelkeit ins Krankhafte umgeschlagen.
    Dazu stimmt auch der Inhalt der Halluzinationen: das Mädchen hört
    auf ihre Schönheit und Tugend bezügliche Schmeichelworte, die
    Paranoia (z. B. Freuds publ. Fall) diesbezügliche Schmähworte.

         Dasselbe Mädchen zeigt einen scharf ausgeprägten Analcharakter,
    in welchem die Trotzkomponente, wie Freud meinte, tatsächlich nur
    vom unverdrängt gebliebenen Sadismus getragen wird (Trieb-
    verschränkung Adlers).

         Dasselbe Mädchen bestätigt deutlich die theoretischen Darlegungen
    im „Künstler“, wonach durch Entziehung libidinöser Energien in
    der Pubertätszeit aus dem Sadismus (den aktiven Trieben) die gegen-
    teilige Triebreihe sich entwickelt (Mitleid etc.).

         Schließlich noch der Hinweis, das das Wundern im Traume
    („ich habe mich gewundert, daß...“) neben der jeweiligen speziellen
    Bedeutung immer eine typische allgemeingültige Bedeutung
    zu haben scheine.

    Friedjung teilt von seinem 4 jährigen Buben eine sich seit kurzer
         Zeit deutlich äußernde Verliebtheit in das Kindermädchen
         mit, die sich fortsteigert.

    Sadger berichtet über zwei zum Referate übernommene Bücher:
         Bumke: die körperlichen Begleiterscheinungen psych. Vorgänge u.
         Lange: über dem. Thema, — von denen das zweite — in der
    Lit. der ersten übrigens vernachlässigte — bei weitem das bedeutendere
    ist, die aber doch beide zeigen, das man in der Psychologie mit
    Exaktheit nicht weit kommt.

         Aus der Kasuistik berichtet er über zwei Fälle, die zeigen, das
    man bei Kindern ungewöhnlich frühe (bis z. 2. Jahr) und außerordentl.
    Leistungen der Erotik beobachten kann. — Man sieht da

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    auch, wie gewisse psychotische Zustände beim Kinde direkt vorge-
    bildet sind.

         Hitschmann erwähnt, daß Erektionen im ersten, ja selbst im ersten
    Halbjahr nicht Seltenes seien.

         Furtmüller hält es für gefährlich auf ein Kleines mit energischen
         Zwangsmitteln einzuwirken. Vielleicht wird durch so gewaltsame
         Verdrängungsmaßregeln mehr Schaden gestiftet als wenn man die
         Kinderfehler sich langsam ausgleichen und abklingen läßt.

         Tausk verweist darauf, dass die Enuresis in Verbindung mit der
         Sexualität eine große Rolle spiele.

         Hitschmann verweist auf die Bedeutung des Blasenhalses als
    erogene Zone.

    Heller möchte auf einen Passus des Bumkeschen Buches zurückkom-
         men, worin ausgeführt wird, dass es möglich sei aus den unbewussten
         (unwillkürlichen) Bewegungen der Lippen beim Denken den Inhalt
         des Gedankens abzulesen; das werfe auf manche Art der Wahr-
         sagerei und der Wunderdressur (der kluge Hans) ein Licht.

         Hinweis auf ein interessantes Buch von Frederik van Eeden: Wie
    Stürme segnen (Original: Van den kühlen Wassern des Todes). Der Autor,
    ein Neurologe von Beruf, zeigt einen merkwürdigen Entwicklungs-
    gang. Nach einem ersten feinen Buch: Der kleine Johannes, trat
    eine Periode der Weltflucht bei ihm ein; dann wurde er Religion-
    stifter, Sektengründer, Sozialistischer Kommunist und endete
    nun in seiner Art Tolstojismus — das vorliegende Buch fällt in
    die Zeit seiner Religionsstifter-Manie und schildert ziemlich ge-
    treu und ausgeschmückt mit realistischen Details die Krank-
    geschichte einer Hysterika. Er kennt Freuds Arbeiten, die er ab-
    lehnt, deren Inhalt er aber wider Willen und Bewußtsein in
    seinem Roman bestätigt.

    Federn berichtet zur Deutung des Traumes im Traume eine Ausnahme,
         wo der Traum im T. nur den Widerstand in der Kur gegen die Therapie zeigt.

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         Zu Ferenczis Introjektion: Die Hypnotisierbarkeit hängt vielleicht auch
         davon ab, ob man als Kind von einer geliebten Person leicht einge-
         schläfert wurde.

    Furtmüller referiert über eine Broschüre der Löwenfeldschen Sammlung
         „Kant und Swedenborg“, die an Kants Träume eines Geistersehers anknüpft
         und zu zeigen versucht, dass Kant S. ungerecht beurteilt hat. —
         Die Broschüre selbst ist unwissenschaftlich; der Autor nimmt alles,
         was berichtet wird, einfach als wahr hin. Er kommt zur Überzeugung,
         dass S. telepathische Fähigkeiten besessen habe. V. Interesse ist der
         Hinweis auf den Mann und sein Leben sowie auf sein Tagebuch, worin
         er alle seine (meist sexuellen) Träume aufgezeichnet haben soll.

         Hitschmann möchte darauf verweisen, dass wirklich die Psycho-
         analyse geeignet scheint, die okkulten Phänomene zum Teil auf-
         zulösen. Auch bezüglich der Graphologie wäre die Analyse ge-
         eignet zu zeigen, wie viel und was daran etwa berechtigt wäre.
         Prof. Freud hat immer noch falsche graphologische Urteile gesehen.
         Ein Stück Mimik sei aber zweifellos darin.

         Stekel erinnert an seine wiederholte Behauptung, dass ein
         Stück Sexualsymbolik in jeder Schrift ziemlich unverhüllt
         zum Vorschein komme.

    | Es entspinnt sich dann eine längere freie Diskussion über die Phänomene
    des Spiritismus, Okkultismus, Hellsehen etc., in deren Verlauf Stekel den
    Vorschlag macht eine diesbezüglich günstig veranlagte Pat. als Medium
    vorzuführen.

         Prof. Freud ist mit diesem Vorschlag einverstanden und meint, wenn
    solche Dinge überhaupt existieren, so seien sie physiologisch
    nicht psychologisch. Außerdem scheint, es müsse subjektiv das
    Moment des Schwindels immer dabei sein. |


     

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