[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische sowie sonstige kleinere Mitteilungen III. 1910-433/1910.01

Rank, Otto (1910-433/1910.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kasuistische sowie sonstige kleinere Mitteilungen III.

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    am 30. November 10.











     

    Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mitteilungen III.

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              Furtmüller gibt ein Beispiel eines dichterischen Symbols aus
    Björnsons Roman: Synnöve Solbakken, wo das Blumenpflanzen als Lie-
    bessymbol verwendet erscheint.

              Referat eines in Ostwalds Annalen der Naturwissenschaft er-
    schienenen Artikels von Prof. Staudenmaier: Versuch zur Begründung
    einer experimentellen Magie, wo es sich um eine Magie des Bewussten
    und Unbewussten handelt. Der Verfasser versucht darin seine Wahnvor-
    stellungen durch psychologische Darstellung aufzulösen, und sich da-
    durch leistungsfähig zu erhalten.

    Federn fügt hinzu, dass ein solcher Kampf auch bei Kranken
    vorkommt und erinnert an ähnliche Vorgänge bei E. T. A. Hoff-
    mann, der mit seinen Halluzinationen zu streiten anfing;
    auch Dostojewsky hat ähnliches in den Brüdern Karamasow
    dargestellt.
    Hitschmann weist auf eine ähnliche Darstellung in Spitte-
    lers Imago hin.
    Grüner G. findet es vollkommen berechtigt, die Dichtung wie
    einen Traum zu behandeln und meint, dass stellenweise in
    jeder Dichtung das Unbewusste durchbreche. Beispiele aus
    Hamlet.

              Friedjung berichtet, dass sein Vortrag über die Pathologie des
    einzigen Kindes in der Ges. f. Kinderheilkunde allgemeine Zustimmung
    gefunden habe, obgleich /in der Diskusion auf das eigentliche Thema, die psychischen
    Mechanismen, gar nicht eingegangen worden sei. Er sei eingeladen wor-
    den, den Vortrag in Brünn zu wiederholen.

              Zur Diskussion über die Onanie und ihre Folgen, die zu keinem
    abschliessenden Urteil gelangen konnte, sei der Fall eines 3 jhg. Kindes
    lehrreich, das seit seinem 8. Monat intensiv und häufig onaniert. Nun
    berichtet die Grossmutter des Kindes, dass seine Mutter dasselbe ge-
    tan habe und es zeigt sich, dass ihr dies in keiner Weise in ihrem
    Eheleben geschadet habe.

    Steiner fragt, ob sie nicht anästhetisch ist, was Ref. nicht
    zu sagen weiss.
    Adler kennt einen ähnlichen Fall, wo auch die Schenkelona-
    nie eines Mädchens im 7. Jahre begann und bis zur Ehe fort-
    gesetzt wurde. Diese Frau ist nicht anästhetisch, aber aller-
    dings neurotisch geworden.

     /  Prof. Freud teilt einige Abfälle der psychoanalytischen Arbeit
    mit, die sich hauptsächlich auf den Ausdruck unbewusster Komplexe im
    manifesten Trauminhalt beziehen.

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              1) Im Traume eines Pat. kommen lauter sehr grosse Leute vor,
    was sie selbst dahin aufklärt, dass das eine Begebenheit aus ihrer
    Kindheit darstellen müsse, wo ihr alle Leute so gross erschienen sind.

              2) Der Traum eines jungen Mannes, sein Onkel habe ihm im Auto-
    mobil einen Kuss gegeben, erklärt sich als Darstellung des Autoerotik.

              3) Derselbe träumt, er gehe zu einem Bahnhof, wo ein Zug ankommt
    und der Perron werde  an den Zug heranbewegt. Das ist ein dem gan-
    zen Trauminhalt vorangesetztes Signal und bedeutet Umkehrung.

              4) Die ganz fragmentarisch erhaltenen Träume, die in der Regel
    ein Zeichen von grossem Widerstand sind, so dass die Chancen der Deu-
    tung gering sind, enthalten nicht selten in dem einzig erhaltenen
    Stück den Tagesrest, der in die Traumarbeit eingegangen ist, u. zw.
    diesen meist leise verändert.

              5) Was die Prüfungsträume betreffe, so habe kürzlich ein junger
    Philosoph aus Strassburg der sich mit diesem Thema beschäftigte, die
    sexuelle Bedeutung dieser Träume auf Grund seiner Erfahrung bestrit-
    ten. Da er meist beim manifesten Inhalt stehengeblieben war, so ist
    wohl diesem Resultat keine besondere Bedeutung beizulegen, aber im-
    merhin darauf aufmerksam zu machen, dass in Deutschland die von Ste-
    kel hervorgehobene Wortbrücke, die über Matura (Reifeprüfung) führt,
    fehlt, da dort diese Prüfung als Abiturium bezeichnet wird. Es ist
    diese Wortbeziehung allerdings kein unbedingtes Erfordernis, denn
    es gibt Fälle genug, wo sich die unbewusste Symbolik über den Sprach-
    gebrauch hinwegsetzt. So bedeutet z. B. die Sonne regelmässig den Va-
    ter, trotzdem sie im Deutschen weiblichen Geschlechtes ist.

              In Sadgers Theorie der erblichen Belastung, die nach ihm durch
    eine Reihe von Eigenschaften, Stigmen, gekennzeichnet ist, die psycho-
    analytisch nicht auflösbar seien, spielt auch der sog. Assoziations-
    widerwillen eine bedeutende Rolle. Bei einem Pat. liess sich nun ein
    solcher Assoziationswiderwille, der sich in ruhelosem Ortswechsel
    zu äussern schien, psychoanalytisch als  jedesmalige Enttäuschung
    seiner hochgespannten homosexuellen Erwartungen auflösen.

              Endlich einen Nachtrag zu den zwei Prinzipien des psychischen
    Geschehens. Ein Hauptcharakter des Unbewussten ist die neurotische

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    Währung, die darin besteht, dass den Denkvorgängen absolut dieselbe
    Realität zugeschrieben wird wie den äusseren Vorgängen, eine Erkennt-
    nis, die man auch bei der Traumdeutung braucht, um sonst unverständli-
    che Träume zu verstehen. So hatte z. B. ein Pat., der unter dem Tod des
    Vaters schwer gelitten hat, nachher lange Zeit folgenden Traum. Der
    Vater war wieder lebendig und spricht mit ihm wie sonst, aber er
    war nicht gestorben und wusste es nicht. Das wird verständlich, wenn
    man zwei Satzteile einschaltet: Er war . . . infolge meiner Wünsche . . .
    gestorben und wusste nicht . . . dass ich es so gewünscht hatte. Die Ein-
    fügung des Wunsches an der Stelle der Realität löst diesen Traum auf.
    Allerdings weiss man zunächst im Traume nie, ob der Wunsch oder die
    Tatsache erinnert wird, denn beides gilt dem neurotischen Unbewuss-
    ten gleich. Dieser Zusammenhang ist so durchsichtig, dass man in einer f
    Theorie die endopsychische Wahrnehmung davon findet, in einer Theorie,
    die sich bei Neurotikern und primitiven Völkern findet. Es ist dies
    die Theorie von der Allmacht der Gedanken und Affekte, die nur die
    theoretische Reaktion ist auf die neurotische Währung. / cont. p. 5

    Sadger kann die Bedeutung der grossen Leute im Traume an
    dem Traum eines Pat. bestätigen, bei dem ein ungeheures Haus
    von 4 Stockwerken sich auf die Mutter reduzieren liess, wie
    sie dem kleinen Kinde erschienen war.
    Den Wandertrieb konnte er auch bei einem jungen Manne ana-
    lytisch auflösen als Trotz gegen den Vater und Identifi-
    zierung mit der Mutter. Trotzdem müsse er am Begriff des
    Assoziationswiderwillens festhalten. Es findet eben das
    organisch Begründete in speziellen Erlebnissen eine hys-
    terische Fixierung.
    Rank weist auf ein Beispiel infantil-sexueller Begründung
    der Wandersucht in den Bekenntnissen Stendhals hin, der ge-
    steht, dass der Drang, seine Vaterstadt zu verlassen, im
    Hass gegen seinen Vater begründet war, der weiss, dass er
    Paris, wo er seine ersten Liebesabenteuer erlebte, nur als
    mütterliche Reaktion auf seine Vaterstadt liebte und der
    endlich nach einem unsteten Wanderleben, das ihn mehrmals
    durch ganz Europa führte, Mailand zu seinem Lieblingsauf-
    enthalt machte, weil seine Mutter eine Italienerin war.
    Tausk bemerkt zu den Traummitteilungen, dass nach seiner Be-
    obachtung reine Wortträume Angstaffekte auslösen. Es schei-
    ne auch nicht ausgeschlossen, dass wir vielleicht einen
    grossen Teil der Nacht hindurch nur Wortträume bilden und
    dass der Traum nur an besonderen Stellen visuell wird.
    Möglich wäre es, dass die grosse Ermüdung der neurotiker
    am Morgen auf die Massenhaftigkeit der Träume zurückgeht?
    Zum Ortswechsel zwei Fälle, in denen es sich beidemale um
    den Inzestkomplex (Vater und Fixierung an die Schwester)
    handelt.
    Zur neurotischen Währung ein Beispiel aus dem Leben, wo ein
    Mann durch seinen Wunsch den Tod des Bruders verschuldet
    zu haben glaubt.
    Adler möchte zu den Traumbemerkungen Freuds seine Befunde
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    daneben stellen. Wo der Pat. sich im Traume klein sieht,
    steckt nicht so sehr eine Erinnerung aus der Kindheit da-
    hinter, sondern ein Gefühl der Minderheit; er kommt sich
    seiner Umgebung gegenüber wirklich klein vor. Gewiss ist
    das wieder ein aus der Kindheit stammendes Gefühl.
    Solche Träume von Umkehrung zeigen tatsächlich, dass der
    Pat. etwas umgekehrt will. Diese Umkehrung kann im einzel-
    nen Falle verschieden interpretiert werden. Man hat den
    Eindruck, es handle sich um Menschen, die den Liebesbeweis
    in der Form suchen, dass die Frau zu ihnen kommt, ein Lie-
    besideal, das bei Neurotikern oft zu finden ist. Die infan-
    tile Grundlage für diese Beziehung ist, dass er gegen seine
    Mutter nicht aggressiv werden kann, sondern das Verlangen
    hat, dass die Mutter zu ihm kommt.
    Die Traumfragmente lassen doch immer einen Zugang zum Un-
    bewussten finden, wenn sie auch von grossem Widerstand be-
    gleitet sind (Beispiel). Der Tagesrest ist in ihnen aller-
    dings sehr auffallend.
    Beim Assoziationswiderwillen ist wenig gesagt, wenn man ihn
    wie Sadger auf organische Grundlage zurückführt, denn das
    wird bei jeder Erscheinung der Neurose in irgend einer
    Form gelingen. Die Auflösung des Assoziationswiderwillens
    muss genau so wie bei jedem andern Symptom gelingen, da ja
    nur eine psychische Spiegelung des organisch fundierten
    Verhältnisse vorliegt.
              Bei der neurotischen Währung verweist Redner auf ei-
    ne Lesefrucht aus Strindberg und auf das Moment der Fahr-
    lässigkeit in der Jurisprudenz. Ein Autor, Stübell habe di-
    rekt gesagt, es sei Fahrlässigkeit ebenso zu bestrafen
    wie ein beabsichtigtes Verbrechen. Jedenfalls spricht sich
    in solchen fahrlässigen Handlungen eine geringe Wertung
    der Sicherheit und Gesundheit der Umgebung aus. Es sind das
    Menschen, die eine neurotische Wertung zu haben scheinen,
    eine Wertung, die die andern nicht begreifen. Auffallend ist,
    dass es sich dabei immer um Gedanken handelt, die den andern
    schaden. Solche Pat. pflegen sich gewöhnlich auch eine ge-
    wisse Gottähnlichkeit beizumessen.
    Hitschmann erwähnt, diese kurzen Träume bilden den Ueber-
    gang vom gar nicht Träumen zu den wirklichen Träumen.
    Steiner erwähnt eine Bemerkung Freuds, wonach die Umkehrung
    träume homosexuelle Bedeutung haben.
    Federn hebt hervor, dass nicht wie Adler meinte nur feind-
    selige Impulse bei den Allmachtgedanken eine Rolle spie-
    len, sondern dass die Neurotiker auch oft genug von solchen
    Wünschen erzählen; auch das Gebet habe ja diesen Sinn.
    Die Anschauungen über Fahrlässigkeit wollte ja Prof. Löff-
    ler auf Grund der Freudschen Erkenntnisse revidieren.
    Zur Auflösung des Assoziationswiderwillens drei Fälle, von
    denen zwei ein unbefriedigtes Verlangen, der Wunsch nach
    einem alten Liebesobjekt, unstet gemacht hat, dem 3. treibt
    eine Furcht von Ort zu Ort.
    Grüner erwähnt zum Traum von den grossen Leuten, das häufi-
    ge Märchenmotiv der Riesen und Zwerge, was einer Gegenüber-
    stellung der Erwachsenen und der Kinder entspricht. Es kann
    aber auch das Verhältnis des Menschen zu seinen Genita-
    lien bedeuten (in Deutschland heisst der Penis Männchen).
    Redner weist in Chamissos Riesenspielzeug auf das Verbot
    der Onanie hin (der Bauer ist kein Spielzeug). Auch in Goe-
    thes Lied (Faust) der Floh des Königs dessen Penis.
    Klemperer berichtet ein Erlebnis, wo der Glaube an die All-
    macht der Gedanken eine Rolle spielt, wo sich aber hinter
    dem Wunsch, der sich scheinbar auf die Gesundung einer Per-
    son bezieht, der gegenteilige Wunsch verrät. Aehnlich die
    Anekdote vom Wunderrabbi, der einem Sünder flucht, das Haus
    möge über ihn zusammenstürzen, dann aber den vorschnellen
    Wunsch zurückzieht, und dekretiert, das Haus möge stehen
    bleiben – und dieser Wunsch geht tatsächlich in Erfüllung.
    Rank weist nach einer Bemerkung von Seligmann (Der böse

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    Blick) auf den ursprünglich feindseligen Wunsch hin, der
    sich hinter unserem höflichen "Zur Gesundheit" beim Niesen
    verbirgt und der auch noch in unserem scherzhaft gebrau-
    chten "Zerspring" weiterlebt.
    Furtmüller wendet sich gegen die Deutungen Grüners, die
    das Verständnis der Dichter in keiner Weise fördern. Es
    ist doch zu unterscheiden zwischen der Symbolik, die in
    einem Gedicht drin liegt und der, die einem Leser dabei
    einfällt.
    Hitschmann findet auch, dass solche Debatten über Symbolik
    wertlos seien, man könne entweder sprechen von einer ge-
    setzmässigen Symbolik oder der Symbolik in einem einzelnen
    vorliegenden Falle.
    Dass unter den Wünschen gerade die aggressiven eine so
    grosse Rolle im Unbewussten spielen erklärt sich daraus,
    dass sie eben die verdrängten sind. Darum handelt es sich
    bei telepathischen Erscheinungen auch immer um böse Wün-
    sche.
    Stekel greift auf den Ausgangspunkt der Diskussion, die
    Traumprobleme Freuds zurück, von denen er einige in seinem
    vorbereiteten Buche behandelt habe. In Heft 3 des Zentral-
    blattes habe er einen Riesentraum publiziert, wo Pat. die
    alte Proportion der Kindheit (Mutterleibsphantasie) wieder
    herstellt. Diese Situationen werden aber nicht als minder-
    wertig sondern als selig empfunden. Trotz dieses psychi-
    schen Infantilismus haben die Pat. die Empfindung oben zu
    sein. Dieser Widerspruch erklärt sich aus der Bipolarität
    der Symptome; wie z. B. im Traume eines Pat. der hoch oben
    auf einem Haus stand, sich neben der Phantasie des Trium-
    phes, der höchsten Stufe, sich auch seine hilfloseste Situ-
    ation ausspricht, wo ihn die Amme auf dem Arm getragen hat.
    Alle Träume, die von Automaten handeln, lassen sich auf Ona-
    nie zurückführen.
    Bei den Prüfungsträumen spielt das Wort Matura keine we-
    sentliche Rolle. Es handelt sich um ein Examen, das zer-
    legt wird in ex und samen, eine Prüfung, bei der der Samen
    herauskommt.
    Der von Freud mitgeteilte Traum vom Tode des Vaters, kommt
    bei solchen Menschen vor, die mit ihrem Vater noch nicht
    fertig sind. Obwohl der Vater tot ist, lebt er doch für ihn.
    Bezüglich der Allmachtswünsche müsse er Adler recht ge-
    ben; auch der Glaube vom bösen Blick deutet auf das Böse
    solcher Wünsche.
    Von den Traumfragmenten gelangt man oft dazu einen grossen
    Traum künstlich zu rekonstruieren. Einen traumlosen Schlaf
    gibt es überhaupt nicht.
    In dem Symbolikstreit möchte er für Grüner Partei nehmen;
    denn die Bausteine nimmt der Dichter doch aus seinen Kom-
    plexen.
    /  Prof. Freud erwidert auf einzelne Bemerkungen zu seinen
    Traummitteilungen. In den Träumen von den grossen Menschen
    wurde das Ich nicht weiter beschrieben. – Beim Präfix "um-
    kehren" handelte es sich tatsächlich um einen homosexuel-
    len Traum. – Auffallend ist, wie häufig sich gerade die Witze
    mit der Aufdeckung des neurotischen Denkens beschäftigen.
    Sadgers Widerspruch, es handle sich beim pathologischen
    Ortswechsel nicht immer um Liebeskomplexe, berücksichtigt
    nicht, dass es auch eine Dingliebe gibt (Abraham). Zolas
    Lokomotivführer etc.

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