[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Rie ›Diskussion über Molls Buch „Das Sexualleben des Kindes”‹ 1908-433/1908.01

Rank, Otto (1908-433/1908.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Rie ›Diskussion über Molls Buch „Das Sexualleben des Kindes”‹

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          Fünfter Vortragsabend
    am 11. Novemb. 1908.



     

    Diskussion über Molls Buch: Das Sexualleben d. Kindes.


     

    Ref. Dr. Rie.         

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    Diskussion:


     

        Sadger betont zunächst, dass Ries Darstellung des Verhältnisses
    Molls zu Freud richtig sein dürfte. Moll, der sich durch Krafft-Ebing
    in die Literatur habe einführen lassen und als Erster sich mit
    Krafft-Ebing mit diesen Dingen beschäftigt habe, empfinde
    es als Eingriff in seine persönliche Domäne, wenn ein anderer
    auf diesem Gebiete auch etwas geleistet habe. So sei z. B. auch sein
    Verhältnis zu Hirschfeld. — Ein zweites Charakteristikum Molls sei seine
    scharfe Dialektik. —
        Detumeszenz u. Kontrektation, die Frage der erworbenen od.
    angeborenen Perversion etc. sei lauter leeres Gerede: für
    mangelndes Wissen neue Namen. Wahrscheinlich sei beides
    in gewissem Sinne richtig wie die Freudschen Analysen zeigen.
    Ganz interessant sei die Bemerkung über die Häufigkeit der
    Hysterie bei Mädchen u. Knaben. Die Hysterie d. Mannes sei erst
    von Freud erobert worden, wie die Hysterie der Kinder. Nach
    seiner Erfahrung sei die Hysterie der Männer häufiger als man
    bisher angenommen habe. Allerdings die kleine Hysterie, während
    die sog. „schreiende“ bei Männern selten sei: Es gibt gewisse Rassen
    (russische u. poln. Juden), bei denen fast jeder Mann hysterisch ist.
    Das indifferenzierte Stadium sei auch ein solches Schlagwort wie
    die früher genannten. Jeder habe doch in der Kindheit ein solches
    Stadium, das der bisexuellen Anlage entspricht.
        Die von Dr. Rie hervorgehobene günstige Wirkung der fleischlosen
    Diät auf sexuelle Erregungszustände könne er bestätigen.
        Hitschmann hat Molls Buch den Eindruck einer Reaktion auf
    die drei Abhandlungen zur Sexualtheorie gemacht und
    zum Teil auch auf Blochs Buch. Es sei eine halbwissenschaftliche
    Arbeit, nicht systematisch, sondern einfach eine Zu-
    sammenstellung, in der nichts Eigenes steht.

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    Auch das Interferenz-Stadium ist nicht neu.
    Bei dem Buch selbst könne man also nur auf Einzelheiten
    eingehen: in Bezug auf Schaden und Nutzen der Onanie steht
    auch Moll nicht auf dem Standpunkt der schärfsten Be-
    kämpfung. Aber man könne noch weiter gehen und der
    Onanie einen gewissen Wert zuerkennen. Die Kindliche Onanie —
    die zweite von 4-7 Jahren nicht die Säuglingsonanie — scheine etwas Notwendi-
    ges zu sein; sie spiele besonders beim Mann eine große Rolle
    insofern er er rechtzeitig diesen Bemächtigungstrieb,
    des Greifens nach dem Gliede, kennenlernt. Später sei es
    dann das Greifen nach dem andern Sexualorgan. Es seien
    ihm zwei Fälle von psych. Imp. verbunden mit Erektions-
    schwäche bekannt, wo Onanie fehlte.
        In der Frage nach den Ursachen der Perversionen und der
    Inversion könne man dem Buch den Vorwurf der unsystem.
    Darstellung nicht machen. — Wir hätten ja diese Fragen auch
    noch nicht gelöst.
        Auf das Sexualleben d. Normalen sei in den 3 Abhandlg. mit
    der Bemerkung hingewiesen, es dürfte nicht anders sein
    als das der untersuchten Kranken. Nun machen wir eben an
    Gesunden keine Analysen! —
        Auffällig sei, dass so wertvolle Begriffe wie: Autoerotismus,
    das Perseverieren d. Infantilen, der Traum etc. nicht erwähnt
    seien. — Dagegen sei das indifferente Stadium in dieser
    Auffassung neu. — Zu rügen sei noch die Einschränkung
    d. Begriffs Sexualität und die Weglassung aller platonischen u.
    erotischen Neigungen.
        Die Frage ob der Pollutionstraum wirklich meist im Vorstadium
    des Koitus die Ejakulation bringe, beruht erledigt Prof. Freud
    mit dem Hinweis, dass der Poll. Tr. eben onanistische
    Phantasien wiederhole. —

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    Statt wie Moll zu sagen Angst macht Ejakulation, würden wir
    sagen Angst macht Onanie. – Bei der Wirkung der fleischlosen
    Diät spiele wahrscheinlich auch die Symbolik mit.
    In der Auffassung der frühen Entwicklung des Sexuallebens
    als Belastungssymptom hat Moll vielleicht Recht; besonders da
    die Grenzen des Pathologischen keineswegs scharf gezogen
    sind. Es sei vielleicht darauf hinzuweisen, dass viele von
    den Kindern mit starker Sexualität in gewissen Kreisen
    seltener sind als wir glauben. Es sei auffällig dass bei den
    Juden nicht nur die Rolle der Neurosen, Psychosen, Selbst-
    morde etc. eine viel größere sei, sondern dass sie auch
    viel mehr sexuelle Erlebnisse haben und was besonders
    zu betonen ist, das Sexuelle auch viel schwerer nehmen
    als die andern.
    Auch müsse hier wieder einmal die Frage nach dem sexuellen
    Schuldgefühl aufgeworfen werden. Woher zieht das Kind – ohne
    Verbotstrauma etc. zb. bei der Masturbation das Schuldgefühl?
    Gibt es ein genuines Schuldgefühl oder nicht?
    Das Nägelbeißen sei in Molls Darstellung ein Tic? Aber was
    ist der Tic eigentlich? Steckt nicht doch Sexuelles dahinter,
    und könnte er nicht psychoanalytisch behandelt werden?

    Bass möchte nur versuchen, die Stellung Molls zu Freud
    zu erklären: das Hauptmoment hat der Ref. schon hervorge-
    hoben, das Abreagieren gegen einen Eindringling. Aber es
    spiele wahrscheinlich auch der vollkommen verschiedene
    methodische Standpunkt mit. Moll dürfte der Psycho-
    analyse nicht gewachsen sein und ihren Kern nicht erfasst
    haben: daher die Reaktion.
    Noch ein Wort zur Fleischfrage: er sei ein Anhänger der
    minimalsten Fleischdosen überhaupt. – Mit den sexuellen
    Erregungszuständen der Kinder verhalte es sich so: Kinder,

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    die viel Fleisch bekommen sind meist aus gut situierten Häusern
    und werden auch sonst überernährt; infolge dessen ent-
    wickeln sie sich frühzeitig und können so zur sexuellen
    Frühreife kommen.

    Wittels möchte heute über die Perversionen nichts sagen, da
    er das nächstemal darüber zu sprechen gedenkt. In der Ein-
    leitung seines Buches: Die sexuelle Not, habe er auf Freud als
    den Entdecker des Sexuallebens des Kindes hingewiesen, was vielleicht
    ein ganz gutes Gegengewicht gegen den Mollschen Standpunkt gebe.
    Hitschmanns Meinung, ob bloß die jüdischen Kinder ein
    Sexualleben hätten, sei durch nichts begründet.
    In der Frage der sexuellen Aufklärung sei er vielleicht anderer
    Meinung als die meisten der Anwesenden. Es sei noch die
    Frage, ob die Gefahren nicht zur keine Entwicklung der
    Persönlichkeit notwendig seien. Es sei ja auch schon auf die
    Vorteile der Onanie hingewiesen worden. Die sexuelle Auf-
    klärung sei sozusagen etwas Unorganisches, etwas, was in der
    Natur nicht vorgesehen sei. –
    Fleisch sollen die Kinder natürlich so wenig wie möglich be-
    kommen aber bei den Erwachsenen ist – auch wenn die
    Sache mit den Erregungszuständen stimme – die Fleisch-
    ration keineswegs einzuschränken – eher zu erhöhen.

    Federn verweist im Anschluss an die „Judenfrage“ gleich auf
    einige „christliche“ Psychoanalysen. Die Neurosen seien
    bei den Juden häufiger weil es die Bedingungen seien.
    Die schwersten Fälle von männlicher Hysterie seien aus Fleischesser-
    Familien gewesen. Er verweist auf einen Art. in d. Münchener Mediz.
    Wochenschr., wo berichtet ist, dass schwer neurasthenische Kinder
    durch Weglassung der Fleischkost kuriert worden seien. –
    Im allgemeinen müsse man festhalten, dass es gewisse Menschen
    gäbe, die gewisse Gifte schlechter vertragen.

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    Er glaube nicht, dass die von Hitschmann ins Treffen geführte
    zweite Onanieperiode normal oder gar notwendig sei: Zur Frage,
    ob starke sexuelle Regungen in der ersten Kindheit normal oder
    pathologisch seien, sei zu bemerken, dass manche normale
    Menschen in ihrer Kindheit voll-nichts dergleichen hatten, dass
    aber in derselben Familie schwere Neurosen vorkamen. –
    Moll behauptet die Regungen des Kindes wären nicht sexuell, wenn
    sich auch später diese Regungen daran schließen. Vom Freudschen
    Standpunkt aber muss man annehmen, dass die Kindersex., da
    sie später die Sex. des Erwachsenen so sehr beeinflusst, mit
    dieser zusammenhängt u. eben ihre ersten Regungen dar-
    stellt. Die Analerotik sei dafür der beste Beweis. Er führt einen
    Fall von Sudeln eines 5 monatigen Buben an, bei dem sich beim
    Sudeln der Penis nach oben bewegt.
    Die Detumeszenz des Kindes finde Moll so selten, weil er die Enuresis
    nicht zu kennen scheine. [Er kenne einen] Fall wo im 3. Jahr Genitalsekretionen
    aufgetreten sind.
    Molls Buch sei für praktische Benutzung geschrieben und wie
    alle diese Arbeiten wissenschaftlich wertlos. –

    Joachim: Wenn ein Autor im Zusammenhang mit naturwissen-
    schaftlichen Problemen von ethischen Gesichtspunkten spricht,
    sollte man sich überhaupt nicht weiter mit ihm beschäftigen.
    Gerade die ethische Auffassung bringt auch Moll dazu, Dinge
    zu leugnen, die jeder naive Beobachter sehen muss.
    Sonst wäre es nicht möglich zu behaupten, dass Zärtlichkeit
    nichts Sexuelles sei; man könne sich ja Zärtlichkeit ohne
    Sexualität überhaupt nicht vorstellen.
    Infolge persönlicher Auffassung der Dinge möchte er glauben,
    dass den Pollutionen der Kinder in Angstzuständen zum
    Teil eine masochistische Komponente zugrunde liege.
    Er habe eine kindliche Erinnerung aus seiner frühesten Zeit (4. Jahr),

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    wo er von seinem Vater eine Prügelstrafe zu gewärtigen hatte. Als der
    Vater auf ihn zugetreten sei, habe er eine Lustempfindung und
    Harnabgang gehabt. Er sei damals nicht geschlagen worden, u. hatte die
    Empfindung als ob eine Spannung nicht zur Entladung gekommen
    wäre. Dieses Erlebnis hat sich dann in Phantasien und Träumen
    wiederholt und er litt später an Pollutionen bei Prüfungen u.
    schweren Arbeiten, die er nicht lösen konnte. Noch jetzt habe
    er oft Träume mit Angst er werde verfolgt und die Lösung dieser
    Angst erfolge mit einer Pollution.

    Bezüglich der Fleischfrage verweist er auf die Kur, der sich Haut-
    kranke unterziehen, bei denen durch die allgemeine Unter-
    ernährung auch die Hautausschläge zurückgehen. Bei Fleischent-
    ziehung trete eine Abnahme aller organischen u. psychischen Energien
    auf. Prof. Freud bemerkt darauf dass man einen Menschen, wenn
    man ihn zur Unterernährung bringt, ihn dadurch zum Fleisch-
    fresser mache; denn er sei dann gezwungen, sich von seinem
    eigenen Fleisch zu nähren.

    Prof. Freud betont zunächst, er hätte von dem Buch einiges erwartet,
    müsse es aber nach dem Gehörten als ein unzulängliches, minder-
    wertiges u. vor allem als ein unredliches Buch bezeichnen. Für die
    Unredlichkeit seien zwei Beweise vorhanden. Einen habe Dr. Rie bereits
    hervorgehoben. Die normale Kindersexualität sei tatsächlich, so
    komisch das auch klingen mag, von ihm – Freud – entdeckt worden.
    In der Literatur finde sich vorher keine Spur davon. Das beste
    Zeugnis für diesen Stand der Dinge seien die Unters. üb. die Libido
    sex. von Bloch. (Moll?) Dort sei mit keinem Wort auf die große Bedeutung
    der Kindersexualität hingewiesen, die sie nun in diesem Buch
    Molls auf einmal hat. Moll hat aus den 3 Abhandlgn. die Wichtig-
    keit des kindlichen Sexuallebens ersehen u. dann danach sein Buch
    geschrieben. Darum durchziehe der Gedanke, Freuds Einfluss zu leugnen,
    das ganze Buch. – Das zweite Zeugnis bezieht sich auf die Frage,

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    ob Moll Freuds Sexualtheorie gelesen habe und wie er sie etwa gelesen
    habe. Er hat sie mit einer Auswahl gelesen, die zur Folge hatte,
    dass er die wichtigsten Partien nicht aufgenommen hat. Der Kern
    der drei Abhandlungen sei nämlich in der Unifizierung gelegen,
    die hergestellt werde zwischen dem normalen Sexualleben, der Per-
    version und der Neurose, also in der Annahme einer poly-
    morph-perversen indifferenten Anlage, aus welcher sich
    dann durch die Lebensereignisse die verschiedenen Gestaltungen
    des Sexuallebens entwickeln. – Aber die intimen Beziehungen
    der Perversionen zum normalen Sexualleben und die Frage, was die
    eigentliche und was die uneigentliche Sexualität sei, kann ohne
    Beachtung dieser Zusammenhänge nicht erkannt werden. Denn
    wenn man nur die Sexualität, die sich an den Genitalien abspielt,
    in Betracht zieht, dann fallen die andern Stellen eben aus dem
    Zusammenhang. Die Berechtigung aber den Begriff der
    Sexualität so auszudehnen ergibt sich eben aus der Betrachtung
    der Perversionen. Bei den Perversionen sei aber der Name Freud nicht
    genannt. Auch sei ihr Zusammenhang mit der Neurose u. mit dem
    kindlichen Sexualleben nicht erwähnt. Das kann nur Absicht
    sein. – Molls Charakter sei ja bekannt. Hirschfeld hat sich schon
    bitter über ihn beklagt. Er ist ein kleinlicher, gehässiger,
    beschränkter Charakter. Er gibt nicht eine entschiedene Meinung
    von sich, was den Leuten als Vorsicht imponieren soll. Das
    Wesentliche in der Wissenschaft ist nicht Exaktheit sondern die
    Entscheidung. Auch sich nicht entscheiden zu wollen ist eine
    Entscheidung. Moll aber bleibt immer schwankend u. gänzlich
    unentschieden. – Eines Vorteils aber hat sich Moll bedient.
    Der Unfähigkeit des Publikums zu denken, dass man ein paar
    Gedanken auch auf wenigen Seiten darstellen kann.
    Was er nun von dem Buch erwartet hätte sei folgendes.
    Der schwache Punkt unserer Auffassung ist darin gelegen, dass

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    man nicht genau abgrenzen kann, was Sexualität zu heißen hat
    u. was nicht. In den 3 Abhandlungen hätte er sich eine weitläufige
    Diskussion darüber erspart, weil die Berechtigung den Begriff
    des Sexuellen so weit auszudehnen, aus dem Inhalt folge.
    Er hätte nun erwartet, dass eine Kritik diesen Punkt heraus-
    greifen würde und das, was eigentliche Sexualität heißt von dem
    andern abzutrennen. Dagegen wäre die Hervorhebung der
    wichtigen Zusammenhänge, die sich aus unserer Auffassung
    ergibt, die Verteidigung gewesen. – Moll versteht unter Sexualität
    eigentlich die „Genitalität“.
    Nun zu einzelnen Punkten: über die Anästhesie des Weibes scheine Moll
    einiges nicht zu wissen. Wahrscheinlich handle es sich in vielen
    Fällen um eine lokale, nur relative, topische Anästh. –
    Die Statistik der männlichen u. weiblichen Hysterie sei – wie die aller-
    meisten wissenschaftlichen Statistiken etwas Unmögliches, weil ihr
    die Grundlagen fehlen: nämlich die Sicherheit der Hysterie-
    Diagnose. –
    Das größte Unglück sei, wenn ein ideenarmer Mensch wie Moll
    einmal doch eine Idee habe, wie es bei Moll mit der Detumeszenz u.
    Kontrektation der Fall sei, einem ganz unmöglichen und artifiziellen
    Begriff, der hier immer aufgeklebt erscheint und mit dem ihm
    da folgendes passiert: die Detumeszenz kann man beim Kind
    nicht anwenden (sie ist nämlich zu einer Zeit aufgestellt, wo
    ihm das Sexualleben des Kindes noch fern lag); er unter-
    scheidet nun davon 3 Stadien. Das erste, eben das für das Kind
    reservierte, wäre dann Kontrektation ohne Objekt. Die Kon-
    trektation ist aber in ihrem Wesen Beziehung zu einem Objekt,
    so dass der Begriff hier in sich zusammenfällt.
    Das Kastrationsexperiment, das Moll anführt, sei ja gerade eine
    Mahnung, die Rolle der Genitalien nicht zu überschätzen.
    Die Frage: angeboren od. erworben sei ja, wie Sadger bemerkte, längst

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    überholt durch die polymorphe kindliche Sexualität; das sei eine
    Fragestellung, die den Tatsachen nicht passe. Zwischen dem
    Angeborenen u. dem Erworbenen schieben sich die Erfahrungen
    u. Folgen der Säuglingszeit ein. –
    Bei der Stellung gegen die Psychoanalyse die Symbolik anzugreifen,
    zeuge nur von der allgemein menschlichen Ignoranz. Wir haben ja
    die Symbolik nicht erfunden, sondern sie ist eine ganz all-
    gemeine, uralte Betätigung der menschlichen Phantasie. –
    Die Erfahrungen mit der Milchdiät seien wohl richtig, aber
    nicht zu überschätzen. Man dürfe nicht vergessen, wie viel dabei
    durch den Kontrast bewirkt wird; die Veränderung mache mehr
    aus als der Sinn der Veränderung. – Bei großen Menschenmassen
    aber schlage das fehl. Die Proletarier essen gewiss bei uns wenig
    Fleisch, zeigen aber doch sexuelle Frühreife u. volle Betätigung des
    Sex. Triebs. Auch die Engländer seien nicht nervöser als andere
    Nationen u. das englische Kind schon gar nicht. Es gibt Völker, die keinen
    Alkohol u. keine Fleischnahrung genießen und doch frühzeitig reifen
    u. sinnlich viel leisten (zb. die brahm. Indier). –
    Die Frage nach der Quelle des Schuldgefühls lässt sich nicht rasch
    abtun. Es wirken da unstreitig viele Faktoren mit. Gewiss sei, dass das
    Schuldgefühl durch das Zugrundegehen sexueller Regungen zustande
    kommt.
    Mit Wittels sei er nicht einig in der Frage der sexuellen Aufklärung.
    Wittels sei gegen die Aufklärung aus sexual-ästhetischen Gründen. –
    Auch das sei eine unrichtige Problemstellung. Man lässt die Kinder
    in sexueller Ignoranz aufwachsen; ob man sie dann weiterhin sich
    selbst überlässt oder aufklärt ist ganz gleich schädlich. Man muss
    sie von Anfang an sukzessive aufklären. Das Sexualleben muss
    von Beginn an vor den Kindern ohne Heimlichkeit behandelt werden.
    Es scheint, dass das Verbotene daran das Wesentliche ist. Dieses Ver-
    botene tun dann gerade die Kinder mittels des Hauptwunsches, es den
    Großen gleichzutun. –

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    Graf meint, ob nicht der Schlaf bei Kindern auch zum Teil als
    sexuelle Betätigung zu betrachten wäre (das selige Gesicht eines schla-
    fenden Kindes).

    Prof. FREUD erwidert, daß die allgemeinen Betätigungen und die
    sexuellen nicht scharf geschieden werden könnten. Das Sexualleben sei
    — wie es in der Sexualtheorie heiße — so eingerichtet, daß es von allen
    wichtigen Vorgängen im Organismus einen Anteil bekomme. Über den
    Zusammenhang von Angst und Pollutionen könne man im einzelnen
    Fall (z. B. Joachim) nichts sagen, bevor man nicht weiß, wie lange die
    Onanie betrieben wurde. — Die Onanie dient als Trost; das Kind flüch-
    tet zur Onanie. Später tritt auch die Pollution so auf. Bei der Hysterie
    sehe man das deutlich. Wenn eine Hysterika geärgert wird, kriegt sie
    den Anfall. Er ist Ersatz der Onanie, überhaupt der Sexualbetätigung.
    Unter denselben Umständen, unter denen sie onanierte, bekommt sie
    jetzt den Anfall.

    Hitschmann bemerkt, daß auch der Koitus in der Regel in Ver-
    stimmung — also auch als Trost — gewünscht wird. — (Der Koitus das
    Nachtmahl der Armen!) Auch beim Trinken sei — wie Abraham ja
    erst kürzlich zeigte — dasselbe, fügt Prof. FREUD hinzu.

    RIE möchte vor dem Schlußwort noch eine kleine Unterlassung gut-
    machen, die besonders Adler interessieren würde, daß nämlich Moll für
    gewisse Perversionen eine Schwäche der Anlage annimmt.

    Bezüglich der Fleischkost müsse er nochmals betonen, daß ihre Ent-
    ziehung günstig auf die Onanie wirke. Freuds Ansicht könne er sich
    hierin nicht anschließen.

    Wittels sei einzuwenden, daß die Natur auch gewünscht habe, daß
    das Kind z. B. die Menstruation der Mutter sehe etc.

    Eine ähnliche Geschichte wie Joachim von seinem Vater erzählt
    Rosegger in seinen Kindheitserinnerungen vom geliebten Vater, auf
    dessen erzürntes Gesicht er immer gewartet habe.