Rank, Otto (1911-414/1911.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sachs ›Über die Anwendbarkeit der Psychoanalyse auf Werke der Dichtkunst‹
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Geschäftliches: Tausk teilt mit,dass er vom Verein der Wiener
Mediziner aufgefordert worden sei,einen Vortrag über die Psychoana-
lyse zu halten und fragt an,ob irgend ein Bedenken dagegen vorlie-
ge.
Auf Antrag Furtmüllers wird eine kurze Pause zwischen dem Vor-
trag und der Diskussion obligatorisch eingeführt.
Schliesslich teilt der Obmann mit,dass Herr Bernhard Dattner
um Aufnahme in die Vereinigung angesucht habe.__________
Der Vortragende bemerkt eingangs,er habe sich zum
Zielegesetzt,
alles was von seinem Thema als sicher und als allgemeine Basis gel-
ten könne,möglichst deutlich festzusetzen.-Er befasst sich zunächst
mit den Einwänden,die gegen eine Anwendung der Psychoanalyse auf
Werke der Dichtkunst erhoben werden können und beseitigt die Beden-
ken,die sich gegen die Zulässigkeit derselben überhaupt,gegen ihre
Anwendung auf so hochstehende Geister und endlich gegen die Möglich
keit der Analyse von Dichterwerken richten,die ja durch Stekels
Analyse von Traum ein Leben erwiesen ist.-Die Frage endlich,ob man
den Dichter wie Grüner in die Nähe des Traumes oder wie Stekel zum
Neurotiker stellen solle,kann vorläufig unentschieden bleiben,da
wir auf alles,was der Pat.uns mitteilt,in gleicher Weise die psycho-
analytische Methode anwenden.
Redner geht nun eine kurze Analyse von Heines Loreley,in wel-
chem Gedicht er eine Erinnerung aus der Kinderzeit sieht,wo die
Mutter in teilweiser Entblössung am Bette des einschlafenden Kin-
des sitzt,sich das Haar kämmt und ihm ein Schlummerleid singt.Wäh-
rend nun die Aesthetik uns die ausserordentlich tiefe Wirkung die-
ses Gedichtes nicht zu erklären vermag,sieht die Psychoanalyse
darin die Phantasie eines Kindes,das zum ersten "als aus der Auto-
erotik heraustritt,sich der Objektliebe zu wendet und die Befrie -
digung an dem ersten idealen Objekt nicht finden kann;wir haben da-
mit ein grosses Stück zum Verständnis der ästhetischen Wirkung des
Kunstwerkes gewonnen.
Es fragt sich nun,wie man das Kunstwerk der psychoanalytischen
Deutung unterwerfen soll?Es wie einen Traum zu deuten,istfalschunsinnig,
denn das ist sinnvoll,wenngleich man sich sagen muss,dass dieser
Sinn nur die Fassadeistund die mächtigen Affekte nicht erklärt.
Da ferner der Traum den Schlafzustand zur Voraussetzung hat,dasS.
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Kunstwerk aber das Wachen,so ist ohneweiters klar,dass das letztere
ganz andere Ausdrucksmittel anwendet als der Traum.-Was die Stellung
des Künstlers zum Neurotiker betreffe,so liegen die Verhältnisse
hier zu verschiedenartig und zu unklar,um eine so weitgehende Iden-
tifizierung,wie sie Stekel annahm,zu rechtfertigen.Redner möchte
sich auf keinen der beiden Standpunkte stellen,sondern das Kunst -
werk in eine innige Beziehung zum Tagtraum bringen,mit dem es schon
an und für sich die grösste Aehnlichkeit habe.Doch sind darüber die
Unterschiede zwischen Tagtraum und Kunstwerk nicht zu übersehen:
Während der Tagtraum egoistisch ist,ist das Kunstwerk sozial.Der
Tagtraum beschäftigt sich nur mit Regungen,die nicht einem Konflikt
unterzogen sind,das Kunstwewk beschäftigt sich im Gegenteil mit ver
drängten Wünschen und gibt dem Künstler und den Leuten die Möglich-
keit,verdrängte Regungen voll ausleben zu lassen,ohne dass sie mit
der Zensur in Konflikt geraten.
Diese Befriedigung unbewusster Regungen mit Hilfe eines Objek-
tes ohne sie bewusst zu machen,fordert die Vergleichung mit der
Suggestion heraus,bei der nach Ferenczi sexuelle Regungen auf den
Hypnotiseur übertragen und befriedigt werden,ohne bewusst zu sein.
Die Hauptwirkung und Ursache dafür ist das Eintreten des Hypnoti -
seurs in die Rolle des Vaters,der Mutter,des idealen Sexualobjekts,
wie auch der Dichter durch Rückführung aufs Infantile zu wirkenxxx
sucht.Eines der Mittel dazu ist der Reim,der durch Ersparung an Vor-
stellungsaufwand wirkt.Aelter und allgemeiner ist der Rhythmus (Mu-
sik,Tanz,überhaupt jede Kunst),der aufdieLustgewinnung beim Sauge
an der Mutterbrust zurückgeht.Redner geht nun daran,die Wirkungen
beim Kunstwerk und bei der Suggestion(Hypnose)näher in Parallele
zu ziehen,und erörtert,wieso Seelenströmungen befriedigt werden
können,ohne dass sie einem Konflikt unterliegen.Es ist dies durch
den Mechanismus der fortschreitenden Sublimierung möglich,den Freud
am Oedipusproblem(Hamlet)gezeigt habe.-Beim Kunstwerk handelt es
sich darum,dass möglichst tiefe Konflikte berührt werden,aber es
muss diese Regungen vollständig zu unterjochen und zu sublimieren
imstande sein.S.
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Wenn wir uns schliesslich vom Kunstwerk zum Künstler wenden,so se-
hen wir,dass der Neurotiker immer tiefer in sich hineingetrieben
wird,während der Künstler sich im Gegenteil die Fähigkeit bewahrt
der Aussenwelt seine Gefühle aufzudrängen,um ihre Liebe zu werben.
Wieso sich der Künstler diese Fähigkeit bewahrt und der Neurotiker
es nicht vermag,diese Frage berührt eines der tiefsten Grundproble-
me,dessen Lösung hier gar nicht versucht werden soll.: _______________ :
D I S K U S S I O N
Grüner G. hebt er hervor,dass er mit seinen Worten,die Dichtung
sei wie ein Traum zu deuten,gemeint habe,dass sie nach denselben Me
chanismen aufgebaut ist,die Freud für den Traum nachgewiesen habe.
Und auch Stekel habe,trotz des scheinbar entgegengesetzten Stand -
punktes offenbar auch nichts anderes gemeint.-Wenn Sachs die allge-
meine Schätzung und Wirkung der Loreley,damit begründen wolle,dass
sie diese unbewussten Komplexe enthalte,so sei ihm zu entgegnen,das
diese Komplexe sich überall finden.
Die Fassade des Kunstwerkes ist keineswegs so lückenlos,als es
scheine.Es handelt sich im Kunstwerk immer um einen unbewussten Zu-
sammenhang,der so oft vorgenommen werde,wie die Befriedigung herbei
geführt sei.Und es ist nicht nur so,dass die Personen schliesslich
auf die Dreiheit von Eltern und Kind zusammenschmelzen,sondern auch
diese drei reduzieren sich wieder auf eine Person.Ebenso lassen sic
die verschiedenen Vorgänge eines Kunstwerkes immer weiter zusammen-
legen.
Sadger,der sich schon vor der Psychoanalyse dem Studium der
Dichter von der biographischen Seite genähert habe,meint,dass ge-
gen Bleulers kürzlich geäusserte Ansicht(Jahrbuch II)doch prinzipi-
elle bedenken vorlägen. Wir haben das Recht,das Leben und die Wer-
ke eines jeden grossen Genies genau so zu behandeln,wie bei jedem
andern Sterblichen,unter der Bedingung,dass es 1.unser Verständnis
bereichert und 2.dass es beweisbar ist.-Und es werden tatsächlich
gewisse Dinge,die die Aesthetik nicht verstehen kann,durchsichtig,
wenn wir unsere psychoanalytische Erfahrung heranziehen.Unser aest-S.
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hetisches Fühlen wird viel mehr vom Sexuellen beherrscht als wir
ahnen;das ästhetische Gefühl erwacht in der Pubertät und ist da un-
geheuer stark/-Unter seinem Pat.befinden sich zwei Dichterlinge,die
sehr interessante Einblicke gewähren und gerade die verunglückten
Stellen lassen am tiefsten blicken?-Ein grosser Dichter ist derjeni
ge,der allgemein menschliche Konflikte herauszufinden und allgemein
verständlich zu machen weiss.-Zum Schlusse möchte Redner die Anre-
gung geben,dieses Thema zu einem Hefte der Wiener Diskussionen aus-
zugestalten.Grüner F. meint,es wäre noch darauf zu achten,inwieweit die Auf
deckung von Phantasien bei einem Menschen den Schluss zulässt,dass
der Mensch diese Eigenschaften auch habe.-Zur Loreley Analyse möchte
Ref.noch einiges hinzufügen;so dass lyrische Gedichte fast immerd
das Thema der Genitalsexualität behandeln.-Die Unterschiede zwische
Tagtraum,Traum,Neurose und Kunstwerk,auf die Sachs solchen Wert ge-
legt habe,seien bis jetzt noch gar nicht festgestellt.Tausk findet den Widerstand gegen derartige Deutungen insofern
begründet,als man sich diese Komplexe nicht rauben lassen will,weil
wir sie als Motore des psychischen Lebens brauchen,und vielleichtm
mit Recht fürchten,dass wir sie auf diese Weise ihrer Kräfte berau-
ben könnten.Wichtig ist die Frage,welchen Nutzen man aus solchen
Versuchen ziehen kann.Zunächst ist nur eine Verarmung zu ersehen
und der Verlust unserer unbewussten (ästhetischen) und so wichtigen Veinstellung.
Und wenn man auch so und so viele primitive Phantasien so und so oft
aufgedeckt haben wird,bleibt immer noch die Frage des Talents zu
erledigen.-Die Fassade vermag vielleicht nicht immer den Leser zu
treffen.Es gibt Leser ,welche beim Lesen unbewusst bleiben,es gibt
aber auch solche,die den Genuss des Lesens nur darin finden,dass
sie beim Lesen die Komplexe bewusst machen können.
Zu dem Detail;die Wellen verschlingen,führt Redner die ähnli-
che Phantasie eines Masochisten an,dass das Genitale der Frau sof
gross sei,dass er als ganzer hineinkriechen könnte,welches Gefühl
ihm die Uebermacht des Weibes repräsentierte.-Dass der Tagtraum nur
nicht konfliktuose Wünsche erfülle,sei nicht richtig.-Beim Rhythmus
müsse man wohl noch etwas weiter zurückgehen;er sei nichts anderes
als eine Art funktionalen Phänomens des organischen Rhythmos(Blut,S.
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Herz),der sich im Kosmos wiederfinde.
Hilferding stellt den hervorgehobenen Unterschied zwischen
Kunstwerk und Tagtraum die Tatsache gegenüber,dass das Kunstwerk
häufig aus dem Tagtraum hervorgehe.In einem Roman von Disraeli wer-
de geschildert,wie Tagträume häufig in Dichterwerke umgesetzt werden
Auch die Unterscheidung von egoistisch und sozial könne nicht immer
stimmen;gerade die modernen Kunstwerke seien nicht durchaus sozial
Wenn endlich das Kunstwerk eine Werbung sein soll,so ist doch si -
cher,dass auch der Neurotiker durch seine Krankheit wirbt.-
Das blosse Auftreten infantiler Komplexe kann für ein Kunstwerk
nicht massgebend sein(Grüner);es gehört dazu noch etwas anderes,was
in der Form beruht und was rein ästhetisch sein dürfte,also mit den
Komplexen nichts zu tun hat.-Der Rhythmus sei schon vor Jahren von
Lieben auf die Blutpulsation zurückgeführt worden(Stekel:Schon von
Billroth in seinem Buch über den Rhythmus)./Die Loreley Deutung sei
nicht in jeder Beziehung einwandfrei erscheinen;wir tragen oft auch
unsere eigenen Komplexe in die Dichtungen hinein.Doch ist diese Art
der Forschung trotzdem eine Fruchtbare und die Biographik kann dazu
dienen,uns in einzelnen Punkten sicher zu machen.Furtmüller hält,trotzdem die Frage der Zulässigkeit der psy -
choanalytischen Betrachtungsweise von Dichterwerken ausser Diskus-
sion in diesem Kreise stehe,dennoch besondere Vorsicht für geboten,
weil ja die Deutung immerhin vom Standpunkt des Dichters aus nicht
gelungen sein könne.Bei der Loreley wäre in mehreren Umständen ein
Beweis für die Richtigkeit zu sehen;vor allem deshalb,weil die Deu-
tung vom manifesten Inhalt des Gedichtes nicht weit weg führt.Für
so weitgehende Folgerungen aber,wie sie Sachs zog,könne ein einzel-
ner Fall nicht genügen.Auch sei uns mit dieser Deutung die beson-
dere ästhetische Wirkung der Loreley erst recht nicht erklärt,denn
diese Komplexe finden sich ja auch in schlechten Werken.In der Aest
hetik selbst herrschen zwei Strömungen,von denen die eine alles aus
dem Inhalt,die andere alles aus der Form ableiten will;offenbar
kommt es aber auf ein besonderes Zusammenwirken beider an.Rosenstein schliesst sich im grossen und ganzen den Ausführun-
gen des Vorredners an.Er möchte nur ausdrücklich hervorheben,dassS.
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seiner Ansicht nach die Psychoanalyse in all diesen Dingen insuffi-
zient sei und gerade an diesen Problemen ihre natürliche Grenze fin
de.Die künstlerische Wirkung könne man auf keinen Fall damit er-
klären,wenn man auch schon den Künstler selbst damit zu verstehen
vermöchte.Das Kunstwerk ist wohl aus Komplexen hervorgegangen,aber
es ist von ihnen ziemlich unabhängig.-Die Wirkung des Kunstwerkes
scheine vielmehr auf dem Zusammenhang mit dem Weltganzen zu beruhenFriedjung hat den Ausführungen Furtmüllers nicht viel hinzuzu-
fügen.Man könne die Psychoanalyse an allen möglichen Geistesproduk-
ten versuchen,aber es scheine bei dem Unternehmen,von dem heutea
eine Probe geliefert wurde,nicht viel herauszukommen.Es ist weder
der Aesthetik noch der Psychoanalyse mit diesen Versuchen gedient,
so lange unerklärt bleibt,warum der eine mit denselben Komplexen
ein Kunstwerk zustande bringt,wo der andere nichts zu leisten ver-
mag oder in der Neurose scheitert.Prof.Freud geht davon aus,das Gefühl des Widerstandes,das
sich bei jeder derartigen Deutung geltend macht,psychoanalytisch
aufzulösen.Dabei ergibt sich,dass es zusammengesetzt ist aus einer
Entrüstung und einer intellektuellen Unbefriedigung.Entrüstung kommt
dann zustande,wenn wir eine Erniedrigung verspüren,wenn jemand sich
über etwas Hohes hinwegsetzt.Beim Kunstwerk ist nun eins Erhöhung
vorhergegangen,um deren Resultate wir durch diese Deutungen gebrach
werden.Die intellektuelle Unbefriedigung hat insoferne Recht,als
beim Kunstwerk,wo es sich ja um etwas bewusst wertvolles handelt,
die unbewusste Einseitigkeit besonders schmerzvoll ist;man erwar-
tet eine vollständige Analyse und bekommt statt dessen eine solche
Elementaranalyse .Darum seien diese Analysen nicht wertlos oder ver
werflich,aber der Widerstand liege in der Form,wobei anerkannt wer-
den müsse,das sich der Vortragende von gewissen Uebertreibungen
in taktvoller Weise ferngehalten habe.Das Wesentliche an der Arbeit
von Dr.Sachs war,dass er als charakteristisch hervorhob,wie man um
zum Verständnis der Bedeutung einer solchen Elementaranalyse zu
kommen,darauf achten müsse,auf welchem Wege aus den Komplexen das
Kunstwerk geworden ist,und dass dieser Vorgang analog der Traumar-
beit ist.Dazu wurden einige wertvolle Beiträge gebracht.Die sozialeS.
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Natur des Kunstwerkes ist verantwortlich für dessen Unterschied
von anderen psychischen Produkten.Damit aus einem Tagtraum ein
Kunstwerk wird ist notwendig:1.die Entäusserung des Persönlichen,
2.die Distanzierung vom Unbewussten,3.handelt es sich darum,dass
man dem Intellekt etwas bietet,was ihn nötigt,in den Zusammenhang
einzugehen;ähnlich wie beim Witz.Das Vergnügen,das man dem Hörer
bereitet,hat mit der Sache eigentlich wenig zu tun.Die Lustquel-
len werden von der Form gegeben;wir nehmen das nur für die ganze
Lust und übersehen dabei,dass es nur die unbewusst bedingte Endlust
auslöst.In diesen drei Momenten ist die Technik des Kunstwerks ent-
halten;damit wird die Psychoanalyse gerechtfertigt sein.Wenn je-
mand dann noch die ästhetische Analyse würdigt,dann wird man sagen
können,man habe die Analyse eines Kunstwerks.Die Elementaranalyse
wird doch auch nicht entbehrlich sein. /Klemperer möchte darauf hinweisen,dass hier nicht nur Elementa
taranalyse getrieben werde,sondern die Beziehungen zum Tagtraum ,
zur Neurose streifen die Dynamik des Kunstwerks ein bischen.Sachs kann sich ein ausführliches Schlusswort ersparen,da
viele Redner einander in der Diskussion widerlegt haben.Am Schlusse soll über den Antrag Sadger,den Vortrag zu einem
Hefte der Wiener Diskussionen zu machen,abgestimmt werden,doch zieht
Sadger seinen Antrag zurück.
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