[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Analyse eines Falles von hysterischer Pseudo-Epilepsie‹ 1908-430/1908.01

Rank, Otto (1908-430/1908.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Analyse eines Falles von hysterischer Pseudo-Epilepsie‹

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            / Dritter Zweiter
            Vortragsabend
            am 21. Oktober 1908.




     

    Analyse eines Falles von hysterischer Pseudo-
    Epilepsie.

    Dr. Sadger.

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        Es handelt sich um einen 18jährigen jungen Mann, der Ref.
    mit der Diagnose: hysterische Pseudoepilepsie und Zwangsonanie
    geschickt wurde. Er klagte über kurze Sinnesverwirrungen, Ohn-
    machten, Bewußtseinsverlust, Zungenbiss u. Impotenz.
    Er gibt auch an früher an Krämpfen gelitten zu haben, was sich aber
    als unrichtig erwies.

        Am zweiten Tag der Analyse trat eine Verworrenheit bei ihm auf; er
    blieb plötzlich in der Rede stecken, dachte an etwas ganz anderes und
    sprach dann nichts mehr. Auf Befragen sagte er: ich war jetzt bei dem
    Mädchen in das ich verliebt bin (er hatte zahlreiche Liebschaften);
    daher rührt die Verworrenheit. Er sagte, er habe dabei ein leeres
    Blatt im Gehirn. – Eine Zeit lang, als er in Behandlung eines Professors
    stand, in den er homosexuell verliebt war, hörten diese Verworrenheiten
    auf. Diesem Prof. gegenüber empfand er, wie er sagte, zugleich Furcht
    mit Liebe; also offenbar eine Übertragung vom Vater her. In den
    Vater war er verliebt gewesen, erblickte in ihm aber auch den
    Nebenbuhler bei der Mutter, den Teufel (seine Teufelsfurcht!)

        Ref. geht nun über zu den großen Anfällen. Diese traten bes.
    im Alter von 10–11 Jahren in kurzen Zwischenräumen auf. Pat.
    beschreibt einen dieser Anfälle, wie er vor der Schule beim Auf-
    suchen eines primitiven Aborts auf demselben eingeschlafen
    sei und erst erwachte als der um seinen Verbleib besorgte Vater
    auf der Suche nach ihm vorüberkam; dieser Anfall soll
    2h gedauert haben. – Den zweiten hatte er zu Hause beim Haus-
    lehrer, der Sadist gewesen zu sein scheint und in den er homo-
    sexuell verliebt war. Er schaut dabei ins Licht, wie bei der
    Hypnose u. wird dann ohnmächtig (eine Art Autohypnose).
    Einen dritten Anfall hatte er in der Schule während des Vortrags.
    Er starrte dabei den Professor gedankenlos fortwährend an, es kam
    ihm vor als ob er ein leeres Blatt im Gehirn hätte (wie bei den kleinen
    Verworrenheiten) u. dann schlief er ein. – Früher schon hatte er den

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    Urindrang unterdrückt, was ihm aber nicht gelungen war; er
    wurde deswegen ausgelacht u. schämte sich sehr. Auch damals
    in der Schule unterdrückte er den Harndrang u. hatte dabei Angst,
    es könnte ihm misslingen. Er unterdrückte den Urindrang weil
    er das von seinen nächtlichen Bedürfnissen gewöhnt war, die
    er aus Furcht, draußen Gespenstern zu begegnen, lieber
    unterdrückte. –

        Später traten an Stelle d. Anfälle 24–30 stündige Blutwallungen,
    Todesangst u. Übelkeiten. Auch ergab sich Pat. mit 10 Jahren, durch
    Verführung angeleitet, der Onanie.

        Aus seinem Leben ist hervorzuheben, dass seit seinem 15. Jahre
    die Liebe zu einem Mädchen – Dora – eine grosse Rolle spielt, hinter
    der jedoch seine mit 7 Jahren verstorbene Schwester steckt.
    Außerdem seien in seinem Leben noch zwei Liebesgeschichten
    von Bedeutung gewesen. Mit 5–6 Jahren war er mit einem um
    drei Jahre älteren Mädchen in einem Zimmer beisammen. Er
    urinierte, machte aber neben dem Topf naß u. wurde von dem
    Mädchen geschlagen. Er habe damals im Penis eine Empfindung ge-
    habt wie jetzt beim Koitus. Diese Gefühl erweckt die Kongestionen.
        Mit 12 Jahren machte er dann seine erste Liebeserklärung,
    einem gleichaltrigen Mädchen, die dies jedoch sehr kühl aufnahm.
        Mit 12 Jahren begann er seine eigene, spezielle Art der Onanie
    auszuüben; mit dem Finger in den After und vorn am Glied. Er sagt:
    „Ich komme mir dabei vor wie ein Weib.“ Er stellt offenbar damit
    ein Weib, das onaniert wird u. zugleich einen selbst onanie-renden
    Mann dar.

        Seine Schwester Emilie, die in seiner Krankheit die grösste
    Rolle spielt, kannte er nur ein Jahr lang. Sie kam ihm mehr als
    Kousine vor, wie er sagt u. hing sehr zärtlich an ihm. Er trieb
    verschiedene sexuelle Spiele mit ihr, schaute ihren After an
    (ihre Vagina nicht!) etc. Das liebste war ihm verschiedene Gegen-

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    stände in den After zu stecken und Züchtigung auf die Hinter-
    backen. Nach dem Tode der Schwester machte er sich Vor-
    würfe durch seine sexuellen Spiele vielleicht ihren Tod ver-
    schuldet zu haben. Er glaubt, dass man von jedem Koitus sterbe,
    fürchtet aber nicht nur die Prostituierten. Wenn seine Schwester
    noch lebte, meint er, würde sie ihm aus Liebe den Koitus
    gestatten. –

        Seine Onanie, die ihm einen doppelten autocrotischen Genuss
    und völlige Unabhängigkeit verschafft, benützt er zur Selbst-
    bestrafung; er empfindet nämlich bei der Einführung des Fingers
    in den After Schmerz; auch züchtigte er sich selbst auf das Gesäß. –

        Er erzählt auch von einem Anfall, der wie er selbst sagt, simuliert
    war. – Mit 12–14 Jahren wünschte er epileptische Anfälle zu be-
    kommen, da sie Liebe eintragen. Auch einen Tobsuchtsan-
    fall simulierte er; diesem ging grosse sexuelle Erregung voraus.
    Später glaubte er, dass man von der Onanie gehirn- u. Rücken-
    markleidend werde. Er hatte damals oft Selbstmordgedanken,
    wollte sich mit einem Federmesser ( Symbol d. Penis ) in die Brust
    stechen od. die Pulsadern durchschneiden. Schon als kleines
    Kind sprach er viel vom Tode. Wenn er z. B. fiel, fragte er, ob er
    nicht gestorben sei. Auch drohte er oft mit seinem Tode.

        Mit der Onanie bringt er auch die Anfälle der letzten drei Jahre
    in Beziehung. Vom 14.–17. Jahre hatte er keinen Anfall. –
    Jetzt dichtet er Gedichte u. Dramen, auch Operetten; lauter
    Liebesgeschichten. In den Gedichten nennt er alle geliebte Wesen
    Schwester. Gleichwohl hatte er vergessen, wie die Schwester aussah.
    Er sah sie später auf einer Photographie, die grossen Eindruck auf
    ihn machte, in weißer Kleidung (das weiße (=leere) Blatt seiner
    Anfälle). Beim angestrengteren Studium onanierte er mehr
    u. beschäftigte sich mit der Schwester, die er ins Leben zurück-
    rufen wollte. Nachdem er onaniert hatte, dachte er daran,

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    die Schwester zu koitieren. Die Vermutung, ob er nicht die Schwester
    bei seiner Onanie u. sie auf die Weise in seiner Art koitiere, ließ er
    gelten. Er benützt also die Zwangs-Onanie um den durch den Tod
    der Schwester unmöglichen Koitus an und für sich ohne
    fremde Hilfe ausüben zu können. – Die Sinnesverwirrung ist
    nur das Suchen d. Schwester: das weiße Blatt scheint der Luftgeist
    zu sein, als den er die Schwester sieht. – Das „weiß“ leitet auf
    Nachthemd u. das bei den Juden gebräuchliche Totenhemd. –
    Pat. wird nun darüber aufgeklärt, dass auch seine „Epilepsie“ nur
    daher rühre, dass er den Wunsch hat, seine Schwester immer
    um sich zu haben zum Koitus. –

        Als Ergänzung ein Anfall, den er in dem Kurort hatte, wo die
    letzte Freundin seiner Schwester starb; von da an beginnen die
    epilep. Anfälle stärker zu werden. – Am 23. Tag der Psychoanalyse
    hat er einen kleinen epil. Anfall. In der Nacht vorher träumte er,
    sein Vater sei gestorben ( er hatte gerade damals die Ermordung des Königs
    von Portugal erfahren ; König = Vater). Dasselbe träumt er dann
    noch einmal. Auch dass ihn seine Mutter auf das nackte Gesäß
    geschlagen habe. Beim Erwachen denkt er an seine Operette, mit deren
    Abfassung er gerade beschäftigt ist, und freut sich sehr darüber. Dann
    wird ihm übel. Die Freude über die Dichtung ist eine Verschiebung
    der Freude über den Tod des Vaters; in der Operette spielt er den
    Liebhaber gegen seine Mutter, Schwester u. Dora; gleichzeitig träumt
    er vom größten Lustgefühl, das er kennt, von dem d. Züchtigung.

        Am 13. Tage hat er einen großen „epileptischen“ Anfall. Er erwacht am
    Morgen durch ein Klopfen an der Türe, glaubt es seien Gespenster, die
    tote Schwester wolle die Türe öffnen u. zu ihm kommen. Dann
    schläft er wieder ein, träumt einen gewöhnlichen onanistischen
    Akt; beim Erwachen fühlt er Schmerz in Brust u. Zunge und sieht
    eine Verletzung an der Zunge. – Am Abend vorher sprach
    man über Theater (Krastel war gestorben); er wollte Liebhaber-

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    rollen spielen mit einem Mädchen, das den gleichen Vornamen
    hatte wie seine Schwester. Dabei macht er fortwährend Beinbewegungen.
    Es fällt ihm ein: Radiergummi beißen; Gummi Symbol für Schamlippen
    u. Nabel. Als Kind von 5–6 Jahren hat er die Mutter gebissen; später
    biß er sich selbst in Arm u. Handwurzel. Es fällt ihm eine Tante ein,
    die die Gewohnheit hatte, kleine Kinder in den Bauch zu beißen.
    Der Schmerz in der Brust sei der Ersatz für den Wunsch, Emilie in die
    Brust zu beißen, wie die Mutter. Diese nahm ihn bis zum 9ten
    Jahre ins Bett u. damals zwickte er sie in die Brust. Fingernägel
    stellt er sich als Symbol der Zunge vor. Er lutscht auch heute noch.
    Ein Kollege erzählte ihm von Minette; er hatte den Wunsch, das auch,
    z. B. bei der Dora zu tun. Wahrscheinlich wollte er das auch bei
    Mutter u. Schwester machen.

        Mit 14–15 Jahren noch ging er oft nachts zu seiner Mutter;
    angeblich aus Furcht vor Gespenstern u. Einbrechern. Vielleicht tat
    er es aber um den Koitus der Eltern zu stören. Auch pflegte die Mutter
    mit ihm das Bett zu tauschen, was ihm grosses Vergnügen bereitete. – Zum
    Vater sagte er einmal: „gib mir ein Weib oder ich erschieße dich!“ – Seine
    Angstgefühle bei den Anfällen werden ihm nun begreiflich:
    sie entstammten inzestuösen Quellen. Er fürchtete wegen der
    Gedanken auf die Mutter vom Vater, der Notar ist, Vertreter u. Hüter
    d. Gesetz, zur Verantwortung gezogen zu und zum Tode verurteilt zu
    werden. –

        Seit er nicht mal bei der Mutter schlief, konnte er nur noch bei
    Licht schlafen. Mit 4 od. 5 Jahren litt er an Migränen wobei die
    Mutter Licht machte, um ihm Umschläge aufzulegen. Auch bei der
    Hypnose starrt er glänzende Gegenstände ( Licht! ) an.

        Einen epileptischen Anfall hat er, wo die Schwester kommt und einen
    wo die Mutter kommt: also immer eine von den beiden geliebten
    Personen. Er gibt die Möglichkeit zu, dass hinter Dora u. der Mutter
    die Schwester steckt. –

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        Interessant ist, dass seine Vorstellungen von Hypnose Wunsch-
    erfüllungen sind; er stellt sich vor, dass ihm Vergewaltigungen
    etc. aufgetragen würden für die er dann nicht verantwortlich sei.

        Seine Ohnmachten sind Selbsthypnosen, aus denen er sich selbst er-
    weckt. Bei seinen epilept. Anfällen ist er nicht vollständig
    bewusstlos, sondern er denkt dabei auch an sexuelle Dinge.

        Die homosexuellen Wurzeln, die zu jedem hysterischen Symptom
    gehören, offenbart ein Anfall mit homosexueller Begründung,
    wo es sich um seinen Bruder handelt, den er in der Phantasie an
    sich drückte u. küßte. Dabei hat er Kongestionen zum Kopf u.
    d. i. von unten nach oben verschobene Erektion. Vor dem
    Einschlafen habe er an die Ahnfrau gedacht; besonders an Jaromir,
    der die Schwester liebt u. ihr Gift gibt, damit sie sich selbst u. den
    Vater töte. Er selbst will also Bruder u. Vater vergiften. Diesen
    Bruder, den er auch schon früher einmal, als Kind, töten wollte,
    liebt er jetzt sehr.

        Ref. ist sich klar, nicht alles aufgeklärt zu haben. So gleich den
    ersten Anfall auf dem Klosett, der mit seinen Beziehungen zum
    Kot sicher in die allererste Kindheit zurückgehe. Auch die
    Migräne sei ungelöst geblieben. – Aus der Analyse zeige
    doch ersichtlich, dass dieser Fall, den man als typischen epilept.
    angesehen habe, in Wirklichkeit keiner sei: das lehre deutlich
    die Auflösung der einzelnen Anfälle. Man müsse also in solchen
    Fällen, wo die Diagnose noch so schwankend sei, sehr achtgeben. –
    Mit der psychoanalytischen Methode könne man doch vielleicht einige
    von diesen Unglücklichen als das entlarven, was sie sind in der Regel
    sind, nämlich Hysteriker u. sie auf diese Weise der Heilung zu führen.

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    Diskussion:

    Joachim meint es sei überhaupt nicht möglich aus den
         Berichten des Pat. zu unterscheiden, um was für einen
         Anfall es sich handelt. Ein Kennzeichen wäre vielleicht
         in den postepileptischen Verworrenheits-Zuständen zu finden,
         die nach hysterischen Anfällen nicht auftreten.

    Hollerung bemerkt, es habe auch einige solcher „Epilepsie“-Fälle
         gehabt, die sich später als hysterisch enthüllten.

    Prof. Freud bezeichnet den Vortrag in verschiedenen Richtungen
         als anerkennenswert. Dieser wesentlichen Anerkennung sollen
         einige kleine kritische Bemerkungen keinen Eintrag tun.
         Ein kleiner Vorwurf sei dem Ref. daraus zu machen, dass er über-
         raschende Mitteilungen — wie es der Zeitungsstil liebt — mit
         „bekanntlich“ einleitet (z. B. sei der in der Speiseröhre stecken
         gebliebene Apfelteil bekanntlich der Penis; was doch gar nicht
         immer evident sei).

         Im allgemeinen wird Ref. gebeten, ein Stück seiner Technik
         aufzugeben: nämlich alles was der Pat. sagt wörtlich zu notieren.
         So komme es, dass er, um ein Gleichnis zu gebrauchen, die
         Pechblende statt des daraus gewonnenen Radiums bringt.
         Viele Einfälle seien falsche Verbindungen, sekundäre Bear-
         beitungen u. diese so zu behandeln wie die wertvollen macht
         leicht den Eindruck der Kritiklosigkeit.

         Abgesehen davon erledigen sich die anderen Einwendungen
         durch die Bemerkung des Ref., dass er nur ein Bruchstück
         gegeben habe.

         Zur Sache selbst sei zu bemerken, dass abgesehen von
         den im Beginn jeder Analyse sich findenden Erinnerungs-
         fälschungen und Phantasien vieles gut verstanden und richtig
         aufgefasst sei: Besonders in der Frage der Differential-
         Diagnose von Hysterie und Epilepsie sei vieles sehr richtig;

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    so besonders, dass wir tatsächlich kein Unterscheidungsmerkmal
    besitzen, um die Anfälle anamnestisch zu trennen. Auch Harn-
    abgang und Zungenbiss könne man in den unzweifel-
    haftesten Hysterien finden. Stuhlabgang finde man seltener
    bei Hysterien. Die alte Streitfrage dürfte ganz im Sinne Sadgers
    so zu lösen sein, dass es Hysterien gibt u. dass es Epilepsien gibt,
    dass sie sich manchmal vermengen können, dass aber alles,
    was man Hysteroepilepsie heißt einfach Hysterie ist.

         Theoretisch interessant an diesem Fall wäre die Frage, wie der
    Pat., den Ref. selbst ein „Schwein“ genannt habe, zu einer Hysterie
    komme. Er sollte ja eigentlich konsequent sein u. Schwein bleiben.
    Wie kommt es zu einer Verdrängung? Darauf wird Adler gewiss
    antworten können, u. zwar in einer Weise, die von seinem Stand-
    punkt aus sehr gerechtfertigt u. einfach ist.

         Die für die Hysterie charakteristischen Erlebnisse fallen in
    ein sehr frühes Alter; wahrscheinlich in das 2. oder 3. Lebensjahr;
    das vollendete 4. dürfte vielleicht schon zu spät sein. — Ein Hinweis
    darauf sei auch in diesem Falle zu finden u. mit dem Rätsel muss
    auch die Verdrängung hier zusammenhängen: es zeigen sich
    frühzeitig starke Grausamkeitsantriebe, die sich fast später
    nicht mehr in dem Maß erhalten haben. In sexueller Be-
    ziehung ist er ein Schwein geblieben, aber in kultureller doch
    kein Wilder. Vielleicht seien die grausamen Triebe der Kultur-
    unterdrückung zum Opfer gefallen u. von da aus sei er vielleicht
    hysterisch geworden. — Merkwürdig sei auch, dass dieses Kind
    schon mit 2 bis 3 Jahren immer vom Tod spreche. Der
    Komplex des Todes muss schon damals in seinen Gesichtskreis
    getreten sein. Zufällig sei dann auch überdies noch sein Sexual-
    objekt gestorben. — Wahrscheinlich erkrankte er dann an dem
    infantilen Komplex, der die Ursache jeder Neurose ist.

         Wir neigen ja immer mehr dazu, dass der Mensch immer

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    nur an einem Komplex erkranke, der immer im Bereich Vater —
    Mutter liege. Jede Neurose könne man bis auf diesen Komplex zurück-
    führen. So vereinfachen sich auch hier die Dinge, die anfänglich
    kompliziert aussehen, wie überall, allmählich sehr. Aber das Problem
    der Neurosenwahl sei dadurch noch fraglicher geworden. Wenn alle Neurosen
    auf ähnliche Komplexe zurückgehen, woher kommen dann doch die
    verschiedenen Formen der Neurose, deren Bedingungen doch
    wieder besondere sein müssen? — Eine gewisse Gewaltsamkeit des
    motorischen Apparates spiele dabei gewiss eine grosse Rolle. — Die motorischen
    Komponenten, die sich sonst im Koitus austoben, betreiben den
    Anfall, der das reinste Koitusäquivalent sei. So bewahrheitete sich
    das alte Wort von Galenus: dass der Koitus ein kleiner epileptischer
    Anfall sei, in gewissem Sinne, wir würden nur umgekehrt sagen.

         In der Deutung der Gespensterangst müsse man dem Ref.
    vollkommen recht geben (ebenso was die Furcht vor Einbrechern
    betreffe): das sind die nächtlichen Besucher des Kindes in
    weissen Gewändern. — Der Einbrecher ist immer der Vater, wie
    sich auch in den Träumen Erwachsener zeige, wo manchmal
    diese Figur sich deutlich erkennbar zeige.

         Dr. Joachim sei zu erwidern, dass die postepileptischen Zustände
    auch nicht sicher als Kriterium gelten können. — der Pat.

    Hitschmann betont, es gäbe nach gewöhnlichen klinischen
         Begriffen keinen grösseren Fehler, als einen Epileptiker
         über sich selbst zu befragen, auch einen eventuellen. Er ver-
         misse hier die Auskünfte seiner Umgebung, besonders der
         nächsten Verwandten. — Nach dem Gehörten liesse er sich
         übrigens nicht dazu bewegen zu schwören, dass der Mann
         keine Epilepsie habe, besonders da doch die Heilung noch
         mit gar nichts begründet ist. Aufgefallen sei ihm, wie viel
         der Pat. bewusst erzählt habe. Die Deutung des Federmessers,
         mit dem sich Pat. die Pulsadern durchschneiden wollte, als

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    Penis erscheine sehr gezwungen. Auch sei aus der Photographie
    der Schwester, die er später gesehen habe, zurückgedeutet worden.
    Abgesehen von diesen Kleinigkeiten war es ganz hübsch.

    Rie möchte anschliessend an den Vortrag nur eine Frage stellen,
         die der Vortragende selbst schon aufgeworfen habe: nämlich die
         Beziehung der Migräne zur ganzen Geschichte. Der Kranke
         selbst hat die Migräne in Analogie mit den Anfällen gebracht;
         es sei also die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass beide
         hysterisch waren. —

         Bezüglich der Differential-Diagnose von Hysterie u. Epilepsie
    verweist Rie auf den Fall einer Dame, deren wie Hysterie an-
    mutendes Leiden sich schliesslich als Epilepsie enthüllte, woran
    sie auch starb. —

         Prof. Freud bemerkt dazu, dass auch Todesfälle in der Hysterie vor-
    kämen. Auch die Intelligenzabnahme beweise nichts; denn
    sie rühre bei Hysterischen von der Mächtigkeit der unbewussten
    Komplexe her. Das „petit mal“ sei ganz analog dem kurzen
    Bewusstseinverlust auf der Höhe der sexuellen Befriedigung
    (unser: „bis zur Bewusstlosigkeit“).

    Stekel findet alles Vorgebrachte einwandfrei und ist in der
         Frage d. Hysterie mit Sadger u. dem Herrn Prof. vollkommen
         einverstanden. Die Frage, warum dieser Pat. erkrankt sei, sei
         mit der Bemerkung Freuds vielleicht noch nicht erledigtmitte. Vielleicht
         hat der Mann einen schweren Konflikt durchgefochten, vielleicht
         glaubte er vor der Welt ein Verbrechen mit sich herum zu
         tragen. — Die Freude an der Flagellation, der Masochismus
         habe oft eine merkwürdige Wurzel. Es sei ursprünglich
         die Strafe für den Inzestgedanken.

         Was die Methode, die Analyse stenographisch aufzunehmen
    betrifft, so sei Eulenburgs Kritik über Sadgers Analyse
    eines Homosexuellen (im Jahrbuch von Hirschfeld) vollkommen

  • S.

    11

        berechtigt; es sei richtig, dass sie ermüde.

    Reitler hat der allgemeinen Anerkennung nichts beizufügen.
    Die Phantasie zur Erweckung der Schwester ihr Grab zu begiessen,
    habe er auch bei einem Sadisten gefunden, wo sie einen
    Koitus („nass machen“) mit Leichenschändung (Sadist:
    Wehrlosigkeit des Objekts) bedeutete.

    Adler will sich nur kurz u. allgemein fassen. Die Unterscheidung
    zwischen Hysterie u. Epilepsie mache in der Tat grosse Schwierig-
    keiten. In seiner Praxis habe er selten eine echte Epilepsie; fast
    regelmässig handle es sich um Epilepsie Hysterie. Auch sei
    richtig, dass die gebräuchlichen Unterscheidungsmerkmale
    alle nicht gelten. — Man könne jedoch aus der Charakterschilderung
    des Pat., oft auch ohne ihn gesehen zu haben, mit ziemlicher
    Sicherheit die Diagnose stellen. Die Hysterie biete ungefähr
    das Bild dar, das Prof. Freud vom Analcharakter entworfen
    habe. Dieser sei sehr verbreitet u. spiele eine grosse Rolle. —

        In diesen Anfällen spiele die „Wut“ eine grosse Rolle, die er mit
    dem Aggressionstrieb in Zusammenhang gebracht habe. —

        Das Wichtigste sei dabei bei diesen Anfällen sie mit dem
    rezenten Anlass in Übereinstimmung zu bringen. Aus
    dem Verständnis des Anfalls allein sei ein Verständnis in
    das Wesen der Krankheit zu gewinnen.

        In diesen Fällen spiele auch die Migräne fast regel-
    mässig eine grosse Rolle, die er in seinem Salzburger
    Vortrag als Wutanfall charakterisiert habe.

        Eine Deutung lassen auch die Kongestionen zu, die sich auf
    ein Würgegefühl zurückführen lassen. Dazu könne er
    auch einen Beitrag bringen, der den Zusammenhang dieser
    Erscheinungen deutlich macht. Viele Fälle zeichnen
    sich nämlich dadurch aus, dass sie im 2ten Lebensjahr
    ungefähr einen Stimmritzenkrampf durchgemacht haben.

  • S.

    12

    Diese jedoch schliessen sich, wie er aus persönlicher Erfahrung
    wisse, immer nur an Wutanfälle an. Es sind ganz besondere
    Stimmritzenkrämpfe, die mit Keuchen beginnen, dann
    tritt Dispnoe ein u. fast regelmässig Bewusstseinsverlust.
    Für diese Fälle lässt sich mit Deutlichkeit erweisen, dass sie
    die typischen Vertreter des Analcharakters, mit dem
    regelmässigen Einschlag von Aggression sind.

        Prof. Freud bemerkt, dass sich diese Anschauung im wesentlichen
    mit der seinigen decke (u. Adlers), wonach im hysterischen Anfall zwei
    Komponenten regelmässig auftreten: die Aggression u.
    die von Adler nicht direkt hervorgehobene zärtliche.

    Sadger bemerkt in seinem Schlusswort, dass er im grossen
    u. ganzen mit dem Erfolg des heutigen Abends zufrieden
    sein könne. Einige Ergänzungen trägt er nach: die Mutter
    gilt als Muster von Reinheit in dem kleinen Ort. Sie ist
    eine Kusine ihres Mannes. —